Weg mit dem Schmu!

Der Tag fängt ganz gut an. Ich kann etwas später aufstehen, was ja auch mal schön ist. Heute muss ich nicht rein zur Arbeit, sondern arbeite von Zuhause aus. Das ist zwar immer noch nicht meine Lieblingsart zu arbeiten, doch ich bin ja diese Woche 75 Prozent meiner Arbeitszeit vor Ort. Da darf ich wohl mal nicht meckern.

Und das fällt mir gerade schwer. Mein Chef wollte mir eine ganze Methode (die sehr umfangreich ist) in gerade mal einer Stunde erklären. Diese Stunde gibt es nicht etwa physischer Art, sondern lediglich per Skype – ohne Video. Ich muss nicht erwähnen, dass die Mitarbeiter-Gespräche immer noch nicht eingeladen sind, oder? Das habt Ihr auch, ohne ihn zu kennen, selbst schon erkannt, oder? Um fünf vor acht ruft der Gute dann an, ob ich im Hause sei? Wir müssen ja nur jede Woche eine Liste befüllen, wann wir in der nächsten Woche vor Ort sein werden. Keine Ahnung, warum ich viele solcher kleinen Listen mit den unterschiedlichsten Dingen befüllen muss, wenn sich diese dann keine Sau anschaut? Und wir schulen zum Thema Verschwendung. Ich liebe Ironie ja wie verrückt, aber in der Regel nur dann, wenn sie jemand bewusst anführt. Das setzt nämlich ein gewisses Maß an Intelligenz voraus. Ist hier aber leider nicht zu finden. Echt nicht. Auch mit zwei zugedrückten Augen und unendlich viel Wohlwollen nicht.

Nu juut, jetzt hab ich ihn also am Telefon und erinnere ihn an unser Gespräch, dass er eine Skype-Besprechung wollte. „Jo, jetz bin i oba spontaan in d’r Oarbeit.“ „Jo, oba i net, gä?“ Er lacht ob meines Bayrisch. „Jo, dann ruf i di glei o.“ „Nee, Du wählst Dich einfach ein.“ „Ääääh, moan i jo.“ Dann soag’s halt a. Sag ich natürlich nicht. Für das Einwählen braucht er wohl zehn Minuten, denn erst um fünf nach acht wählt er sich ein. Und dann berichtet er mir zunächst, dass mein Chef-Chef jetzt Bescheid wisse, dass ich diesen Part in der Ausbildung übernehme, was der gut fänd. Und nicht nur das! Er sehe kein Problem darin, dass ich mich da ratzifatzi einarbeite, ohne das Thema vorher zu kennen. Hätte ich ja schon mehrfach bewiesen, dass ich so was hinkriege. Klar, sie brauchen ’nen Depp, sie haben mich wieder mal gefunden. Ich muss doch mal mit Sport anfangen. Dann laufe ich auch mal schneller weg.

Nicht falsch verstehen. Es gibt prestigeträchtige Projekte. Die bekomme ich nicht. Letztes Jahr wurde mir die Lernwerkstatt versprochen, die dann eine andere bekommen hat. Hatten wir ja so nie besprochen. Komisch, dass das ja viele andere auch mitbekommen hatten. Die scheele Minka, die es bekommen hat, hat es nicht umsetzen können. Das Projekt ist gestorben. Meiner lieben Kollegin ist versprochen worden, dass sie eine Ausbildung zu einer Methode erhält, für die sie sich interessiert. Verkündet wurde im Dezember, es bekäme ausschließlich die scheele Minka. Da die jetzt aber so häufig krank war (extrem, extrem häufig und wochenlang), wurde das immer und immer wieder geschoben. Aber sie bekommt es trotzdem noch… als einzige, wohlgemerkt.

Jetzt ist es auf einmal also wieder richtig toll für meinen Chef und Chef-Chef, dass ich Feuerwehr spielen kann. Denn meine Stärke sei ja, dass ich nie nein sagen könne. Immer noch seine Aussage, nicht meine. Auf meiner Liste läuft sie unter fettem Bug. Da springt also eigenartigerweise jetzt kein Stolz in mir an – auch die Ehre rührt sich nicht und pennt einfach weiter.

Nach 60 Minuten bin ich dann aufgegleist (nicht wirklich). Jetzt darf ich mir Schulungsunterlagen anschauen (höchst rudimentär) und mir morgen ein Buch in der Firma zu dem Thema abholen. Ich gedenke so was von gar nicht, das in meiner Freizeit zu lesen. Aber: „Des schaffst locka.“ Wie gut, dass „loca“ gleich klingt und auf Spanisch diese völlig andere Bedeutung hat, die hier einwandfrei passt. Es wird also verrückt.

Dafür ruft dann jemand aus einem anderen Center an, in dessen Austauschrunde ich wöchentlich sitze. Es sei ja sooooo toll gewesen, dass ich nicht locker gelassen hätte, als es um die Qualifizierung der Coaches gegangen sei, die ja alle noch nicht einmal in ihrem Leben ein Gesprächstraining mitgemacht hätten. Und das sei ja soooo was von mein Thema! Nebenbei bemerkt, ist der Punkt meiner Hartnäckigkeit der, der ihn für gewöhnlich am meisten triggert und den er immer abzubügeln versucht. Und dann kommen wir auch zum eigentlichen Kern. Er müsse am Donnerstag zu einer Führungsrunde. Da könnte ich doch den Termin leiten, da ich das doch am besten könne.

Warum muss immer dieser Schmu vorher sein? Warum kann ich nicht die Karten auf den Tisch legen? Einfache Fragen: „Wir haben niemanden für die Ausbildung. Kannst Du das übernehmen? Ist nicht trivial, aber Du bekommst eine Schulung.“ So was. Oder: „Ich brauche Deine Hilfe. Da ich Donnerstag zu einer Führungsrunde muss, müsste ich den Austausch absagen, was mein Chef nicht will. Kannst Du übernehmen, denn sonst will es keiner machen?“ Das wäre die Wahrheit, mit der ich einfach besser kann. Ich halte das mit den Studis auch so. Ich sage ihnen, wo ich ihre Kreativität brauche. Und genauso, wenn es sich um scheißlangweilige Arbeit, wie die Erstellung eines Fotoprotokolls, handelt. Andere wollen denen das als herausfordernde Arbeit verkaufen, die sie wirklich fordern wird. Was glaubt Ihr, wie geil die das finden – denn dumm sind die in der Regel nicht. Wenn ich es ihnen erkläre, dass es zwar dazugehöre, trotzdem stumpfsinnig sei, sagen sie normalerweise: „Ist doch klar. So was gehört eben auch dazu.“ Richtig. Ist ja kein Ponyschlecken.

Meine Welt wäre noch schöner, wenn die Leute etwas ehrlicher wären und den Schmu irgendwem anders überlassen würden. Aber… es scheint immer noch in Mode zu sein, was auch die Firmenpolitik im Ganzen widerspiegelt. Es wird keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Bei wem klingelt es, wenn er den Satz hört: „Niemand hat vor, eine Mauer zu bauen.“? Genauso empfinden es die meisten in meiner Arbeit auch…

Paralleles Reden für Fortgeschrittene

Obwohl Montag, stehe ich heute ganz gerne auf. Heute steht nämlich ein Workshop an, der Fensterbauer soll ab 16 Uhr vorbeikommen, und unsere ehemalige, süße Studentin kommt spontan mit der lieben Kollegin zu Besuch. Es wird also voll, aber eben auch voll toll.

Der Workshop…äääh, nun ja, er läuft etwas zäh an. Ich ziehe und zerre an den Hirnen da vor mir, aber es kommt wenig Reaktion. Gut, ok, dann schalte ich eben auf den totalen Rheinisch-Modus. Ich bringe Vergleiche von ihrem Zuhause und spreche von einem als „Ömmes“. Also quasi: „Juut, jetzt kommste heute Abend nach Haus. Und watt machste so als Erstes?“ Er schaut mich ratlos an. Die Frage war ja jetzt nicht so schwer. Also schau ich in die Runde und sage: „Na, die arme Else Zuhause. Die kann es vermutlich nicht erwarten, dass der Ömmes endlich heimkommt und dann wieder ohne Ende labern will.“ Sie lachen – auch der Ömmes. Nur einer hört erstmal nicht mehr auf. Das Problem: Er kannte den Begriff Ömmes nicht. Tja, die Bildungslücke kann ich schließen. Ich berichte ihnen auch von meinen Einparkkünsten. Auf so was stehen die Herren immer (weil es sie sich männlich-kompetent fühlen lässt) – und ich kann mich auch sehr gut zum Affen machen. Auf dem Heimweg läuft mir der Ömmes dann übern Weg und erklärt mir großzügig, dass seine Tochter beim Einparken auch bisweilen Probleme habe. Das sei nicht weiter schlimm. Ich packe tiiiiiief in die alte Witzekiste und frage: „Du weißt aber schon, warum wir Frauen so schlecht einparken können, oder?“ Er schüttelt den Kopf. Dann halte ich Daumen und Zeigefinger in fünf Zentimeter Abstand auseinander: „Na, weil Ihr Kerle uns immer weismachen wollt, dass das 20 Zentimeter wären.“ Er schmeißt sich weg vor Lachen. Ich sehe schon: Hier braucht es echt noch gaaaanz viel Entwicklungshilfe. Zum Glück bin ich ja jetzt da.

Der Workshop verläuft unterm Strich ganz gut, aber heute hab ich mir mein Geld echt hart verdient. Puh! Ganz schön anstrengend. Der Chef kommentiert: „Und jetz stell Dia vor, Du woarst a ganz a Stille! Do tät jo nix kimme! Och woas – no weniga ols nix.“ Jo, und dabei mache ich gerade hier seinen Job. Das sieht er schon ein und versichert mir seine Dankbarkeit. Mal schauen, wo ich mir die aufstellen kann.

Ich hetze wieder zur letzten Sekunde raus und habe keine Zeit. Ursprünglich wollte ich die Studentin in der Firma treffen. Da ich die Arbeitszeit sonst überschreiten würde, haben wir es dann nach außerhalb verschoben. Da mich mein Vermieter dann aber informiert hat, dass der Fensterbauer heute ab 16 Uhr käme, biete ich an, dass wir es entweder verschieben oder sie zu mir kommen könnte. Sie entscheidet sich, zu mir zu kommen. Mein schlechtes Gewissen rät mir, dann meine liebe Kollegin auch besser zu fragen, die auch noch spontan Zeit und Lust dazu hat. Noch mal zur Info: Es war die Rede von einem Kaffee. Finales Treffen gestern am frühen Abend besprochen.

Und dann sitze ich da auf meiner Couch und denke: Och, nur so’n blöder Kaffee ist ja auch nix. Wie sieht das denn aus? Nee, da kann ich ja noch was zaubern. Also bereite ich einen Möhrendip und mediterrane Butter zu. Direkt nach der Arbeit sause ich dann schnell zum Einkauf, denn Baguette backe ich nicht mehr selbst. Mein erster Schwachpunkt: Ich kann mich nicht entscheiden, welches Baguette ich nehmen soll, daher entscheide ich mich für vier unterschiedliche. Ja, richtig, die Personalanzahl liegt nach wie vor bei drei. Ich kaufe noch ein paar Zutaten, aber in der Tat fertige Käsewürfel, Schinkenröllchen mit Frischkäse- und Frischkäse-Feigenfüllung und Oliven. Zuhause angekommen, ist es 15:30 Uhr. Um 16 Uhr kommt der Fensterbauer. Die Mädels dann so ab 16:15 Uhr. Also mache ich von zwei Baconpaketen Datteln im Speckmantel, dazu noch eine Frischkäse-Dattel-Creme, bringe den Müll raus und stelle Teller auf den Tisch. Ich wusel herum und komme noch gar nicht runter, als dann die Studentin schon da ist. Kurz danach trudelt die Kollegin ein. Wer durch Abwesenheit glänzt, ist der Fensterbauer. Vermutlich wurde er vom Türklingler mit den Blumen vollgeheult, weil ich dem ja vorgestern nicht die Tür geöffnet habe. Die Wege des Herrn und so… und unergründlich… und überhaupt.

Die Mädels schaffen es zu zweit, die Datteln mit den zwei Baconpaketen allein zu futtern. Überhaupt freuen sie sich, dass der Fensterbauer vorbeikommen wollte, da sie so zu diesem „Kaffee“ kommen. Und dann schnattern wir auch schon alle durcheinander. Die Eine darüber, dass sie immer sofort alle Wasserflecken wegwischen muss, die andere, dass sie ihren Freund zu selten sieht. Ah, das! Na, sie sieht ihren oft, aber er hat so selten Lust auf Sex. Die andere seufzt auch: Bei ihr ist es manchmal auch nur einmal pro Tag, wenn sie sich sehen. Ich verweise auf mich: Halloooooooo? Single?!?! Naja, ich hätte ja vorgestern die Tür öffnen können. Äääääh…nö.

Und so geht das in einer Tour, parallel, kreuz und quer. Wobei wir dann auch alles voneinander verstehen. Da hat sich zuletzt der Schwiegervater meiner Schwester drüber ausgelassen, dass so was doch nicht funktionieren kann? Doch, kann es. Ich hab ja schließlich auch zwei Ohren, oder? Eben. Also quasseln wir, als gäbe es kein Morgen. Einzig, der Tuppes vom Fensterbau geht noch ab… und zwar den ganzen Abend. Na, alles geht wohl nicht. Aber immerhin: Das war doch schon ’ne ganze Menge.

Nach knapp sechs Stunden (wohlgemerkt, ein Kaffee sollte es werden!!!!), vollgefressen und mit einem Kaffeelikör versüßt, verabschieden sich die Hühner dann doch noch. Zwar laufen sie vor lauter Jeckigkeit bis in den Keller, statt ins Erdgeschoss, doch lassen sie wenigstens dabei noch alle im Haus fahren teilhaben, weil sie so laut gackern. Und ich? Krabbel jetzt ins Bettchen, denn mein Pulver ist für heute verschossen. In diesem Sinne: Pfiat Eich!

Wenn es zweimal klingelt…

Wie endet mein Abend? Richtig, mit einem ausgiebigen Telefonat. Eine Bekannte ruft noch an. Ihre Kiefer-OP ist überstanden, aber die Auswertung dauert noch. Alles konnte nicht entfernt werden. Voraussichtlich ist es ein gutartiger Tumor. Doch auch dieser wuchert und wächst rasant, so dass eine weitere OP nahezu unumgänglich ist. Und trotzdem witzelt sie noch: „Aber immerhin – ein Kilo ist runter.“ Ja, auch das sind wir Frauen. Das ständig leidige Kilo-Thema.

Heute ist die Verbindung deutlich besser, weshalb wir die Schulung dann auch durchziehen. Doch das Thema Sucht fangen wir gar nicht erst an, sondern verschieben es auf Mitte August. Depression ist eben so ein großes Feld, dass man da schon sehr lange und ausführlich drüber reden kann und muss. Nicht so lustig.  Wir kommen dann auch darauf zu sprechen, dass Hausärzte gerne hier aktiv werden. Sinnvoll ist es schon, dass bei schwerer Depression Medikamente verordnet werden, aber begleitend sollte es dann doch auch eine Verhaltenstherapie geben. Ist die Depression nicht schwer, reicht häufig eine Therapie ohne Medikamente auch aus. Aber nein, da wird munter verschrieben. Leider dann auch alte Präparate, weil die damals ganz gut waren. Die neueren, die weniger Nebenwirkungen aufweisen, kennen viele ältere Ärzte leider nicht. Ihr könnt Euch vorstellen, wie prächtig sich so ein Patient entwickelt. Aber hey, Ärzte haben nun mal weit mehr Rechte als Normalsterbliche. Und Ihr oberstes Recht ist immer noch, dass sie immer Recht haben und alles besser wissen. Hinzukommt das Kompetenzgerangel. Bei einem Bruch verweist man an einen Orthopäden, bei einem Herzinfarkt an einen Internisten. Aber bei psychischer Erkrankung? Da kann das der Allgemeinmediziner hübsch selbst. Ich kapier´s nicht.

Ansonsten…jo, wundere ich mich über bestimmte Menschen immer wieder. Es gab einen Kerl, nicht Weltbewegendes, nichts Nachhaltiges, nichts ans-Herz-Gehendes. Wenn sich ein erwachsener Mann von knapp zwei Metern Länge wie ein Giftzwerg aufführt, finde ich das in etwa so sexy wie Fußpilz…oder eine Hämorrhoide. Ich weiß auch nicht, wie deutlich ich ihm noch sagen muss, dass er sich nicht mehr melden soll – und ich habe es deutlich gesagt, mehrfach. Gestern ging dann plötzlich meine Türklingel. Da er vorher versucht hat, mich anzurufen, habe ich mal auf ihn getippt, wobei er noch nie unangekündigt bei mir war und wir uns seit einem Jahr nicht mehr gesehen haben. Frauen und ihr sechster Sinn. Ich ignoriere also die Türklingel. Auch beim zweiten Mal. Und dann ruft er noch mal an und teilt mir mit, dass er mir Blumen vorbeibringen wollte, weil er mir das doch versprochen hätte, aber ich sei ja leider nicht da. Ääääääääääääh? Darüber haben wir vor zwei Jahren mal gesprochen. Er hat nichts versprochen. Eher gemoppert, dass er sich nicht sagen ließe, was er zu tun hätte. Wenn ich sage, dass ich Blumen mag, ist das kein Befehl für mein Gegenüber. Aber gut. Scheint ein klares Sender-Empfänger-Problem zu sein.

Was geht in so einem Hirn vor? Die meiste Zeit lache ich darüber, aber vielleicht gibt es ja einen Mann unter den Lesern, der mir so ein Verhalten mal erklären kann? Heute hat er dann nur ein paar Mal versucht, mich anzurufen. Meine Türklingel blieb verschont. Und nein, ich muss ihn nicht bei der Polizei melden. Ich fühle mich nicht bedroht. Ehrlich. Aber ich finde es respektlos, sich jedes Mal (ja, ist schon häufiger passiert) über meine Aufforderung, mich in Ruhe zu lassen, hinwegzusetzen. Ich bin sogar soweit gegangen, ihn bei What´s App zu blockieren und ihn für Handyanrufe und SMS zu sperren. So was finde ich eigentlich kindisch. Aber es scheint nicht anders zu gehen. Leider kann ich ihn auf Festnetz nicht blockieren…wobei: Vielleicht ist das auch besser so, denn sonst hätte ich gestern doch auf die Türklingel reagiert.

Wieso kommen manche Menschen erst in Aktion, wenn alles verloren ist? Ist nicht so, dass dieses Phänomen von Euch keiner kennt, oder? Ich kenne da mehrere Geschichten dieser Art. Häufig kenne ich sie über Männer. Das mag daran liegen, dass ich natürlich mit mehr Frauen über solche Themen spreche, also bitte: Nicht angegriffen fühlen, liebe Jungs! Ich fand Blumen immer schon schön, mochte immer schon Kerzen. Mein Ex, der seit 19 Jahren diese Bezeichnung verdient, hat damals immer die Kerzendochte so kurz abgeschnitten, dass ich sie nicht mehr entzünden konnte. Angeblich rußten sie ihm zu sehr. Und Blumen? Nee, so ein Typ sei er nicht. Als ich gehen wollte, war an einem der letzten Abende unsere Wohnung ein regelrechtes Blumen- und Kerzenmeer. Und zu allem Übel, stand auf meinem Silberrahmen mit Edding (!!!AAAAAH!!!!) über unser Paarfoto geschrieben: „Ich liebe Dich“. Damals schoss mir nur durch den Kopf: „Hoffentlich bekomme ich den Dreck wieder ab.“ Das mag herzlos klingen, aber in sieben Jahren Beziehung durfte ich mir immer anhören, dass er das nicht sagen oder schreiben könne. Und dann auf einmal geht es. Aber erst, wenn alles verloren ist. Wenn Mann (oder Frau) in so einer Situation auf einmal etwas tut, worum Frau (oder Mann) ihn so oft gebeten hat, dann ist das leider nicht romantisch, sondern ein Schlag ins Gesicht. Es heißt, dass er (oder sie) sich vorher des Partners zu sicher war und/oder sie/er es ihm/ihr nicht wert war. Vermutlich mag das verdrehte Frauenlogik sein. Aber ehrlich: Ich kenne bislang keine Frau, die das wirklich anders sieht.

Sei es drum: Der Türklingler fällt nicht mal in die Kategorie, mich enttäuschen zu können. Er ist mir wurscht. Trotzdem wünschte ich, dass er mit der Kontaktaufnahme aufhören würde. Was ist so schwer an den Worten: „KEIN INTERESSE“ zu verstehen? Vielleicht muss ich es mal in seinem fränkischen Dialekt versuchen? Oder mich einfach weiter darüber amüsieren und es ignorieren. Verstehen kann ich es in jedem Fall nicht.

In diesem Sinne hoffe ich, dass an Eure Tür nur die richtigen Menschen klingeln, Ihr ein tolles Wochenende hattet und Euch die neue Woche tolle Abenteuer präsentieren.

Bell sei Dank!

Wisst Ihr, was nur Frauen können? Dreieinhalb Stunden telefonieren, ohne sich zu langweilen, ohne dass das Gespräch ins Stocken gerät und ohne zu denken, dass jetzt alles gesagt sei. Klar, mit einem Mann kann man auch länger telefonieren, aber das dient meist nur in der Anfangszeit zum Ich-streng-mich-mal-an-und-zeige-mich-von-meiner-besten-Seite-Modus der Herren. Ich kenne keinen Mann, der aus Überzeugung sagt: „Ach, ich telefoniere saugern!“ Oder: „Gestern habe ich stundenlang mit meinem Kumpel telefoniert.“ Gibt´s nicht. Entweder gemischtes Doppel mit Vorsatz im Hinterkopf oder eben Freundinnen unter sich – ohne irgendeine Absicht, sondern mit purer Freude daran, sich auszutauschen. Ich weiß, das ist der Graus für viele Männer. Als ich früher in einer Hotline gearbeitet habe (NEIN, nicht soooo eine, sondern technischer Support für SonyEricsson Mobiltelefone…und ja, da war die Technik noch so lächerlich gering, dass sogar ich Support leisten konnte…krass…), habe ich entsprechend acht Stunden tagsüber telefoniert. Das hat mich nicht davon abgehalten, auch abends noch drei bis vier Stunden zu telefonieren. Ja, ich habe einfach ein verdammt großes Wörterbuch. Und irgendwie erschöpft sich das nie. Manchmal sogar nicht einmal im Schlaf.

Und so habe ich dann gestern noch fast eine Stunde mit einer Frau telefoniert, die ich bislang nur von Erzählungen kannte. Sie ist Trainerin, und wir haben uns verxingt. Gestern haben wir dann erstmalig telefoniert. Es kann sogar sein, dass ich mich bei ihrem Institut melde, um dort stundenweise zu arbeiten. Denn Training macht mir ja riesigen Spaß. Nur, dass ich mittlerweile immer genauer weiß, was ich will und was nicht. Ich kann Verkaufs- und Produktschulungen. Ich kann prozessoptimierende Workshops und Trainings abhalten. Allein: Ich mag sie nicht sonderlich. Mein Fokus wird mehr auf Führungskräfte-Training im Soft Skills Bereich liegen. Und da hat mir die Trainerin dann Mut gemacht, dass sie genau in diesem Bereich arbeiten und zukünftig auch ausbauen wollen. Ich bin davon überzeugt, dass dies immer mehr an Bedeutung gewinnen wird. Denn, sind wir mal ehrlich: Wer sagt von seiner heutigen Führungskraft, dass sie wirklich „führen“ kann? Ich kenne da wenige. Wir haben einfach zu viele Manager und zu wenige echte Führungskräfte.

Dem nicht genug, habe ich dann am Abend noch dreieinhalb Stunden mit meiner „Schwester im Geiste“ telefoniert. Wie heißt es so schön: „Wir sind Freundinnen, weil uns keine Mutter der Welt als Schwestern ertragen hätte.“ Ist was dran. Und nach solchen Telefonaten fühle ich mich immer ein wenig leichter ums Herz, habe ein Lächeln im Gesicht und wieder was dazugelernt. Ist das nicht toll? Und nein, wir reden nicht über Nagellack. Wir gehen schon ans Eingemachte. Es tut gut zu wissen, dass ich die besten Freundinnen der Welt habe. Also noch einmal: Ein Hoch auf uns Mädels! Und ja, wir haben Euch Jungs schon auch gerne. Immerhin brauchen wir ja auch irgendwas, worüber wir uns aufregen können, das als Lästerobjekt herhält und gegebenenfalls den Müll rausbringt. 🙂 (ACHTUNG: Ich sehe durchaus auch noch mehr Nutzen bei den Männern, möchte aber nicht zu Höhenflügen anregen…könnte sonst beim Absturz so wehtun.)

So „gestärkt“, schlafe ich angenehm durch. Trotz offenem Fenster bekomme ich nicht wirklich etwas von draußen mit – dabei muss es ganz schön geregnet haben. Manche Keller sind gar vollgelaufen. Nicht wirklich lustig.

Und da sind wir auch schon beim Thema: Nicht lustig ist auch mein heutiges Webinar-Thema. Wir haben heute die Depression als Inhalt. Und diese Dozentin macht das richtig gut. Ich erfahre ganz nebenbei auch, was wohl zukünftig eine Nische sein könnte: Die Gerontopsychologie. Während des Berufslebens hat man viel mehr Angebote, auf Hilfe zurückzugreifen. In der Kinderförderung ist das Bewusstsein auch schon sehr gestiegen. Ich weiß, dass da überall noch Bedarf ist, aber es gibt immerhin bereits einiges. Anders sieht es bei den älteren Menschen aus. Aus dem Berufsleben ausgeschieden, fehlen ihnen nicht nur Aufgaben, sondern auch soziale Kontakte. Die eigenen Kinder wohnen nicht mehr in der Nähe (so, wie ich ja auch), so dass viele Menschen vereinsamen. Ein Wohlstandsproblem in Teilen, keine Frage. Aber es macht viele Menschen psychisch krank. Wenn der Leidensdruck zu groß wird, folgen körperliche Beschwerden usw. Also ist das ein Feld, auf dem viel zu tun sein wird. Mal schauen, ob das etwas für mich sein könnte? Prinzipiell kann ich es mit älteren Menschen gut. Wir werden also sehen.

Leider ist die Internetverbindung so grottig, dass wir kurzerhand ab Mittag abbrechen müssen. Wenn ein Webinar mal so spannend und anregend ist, ist das schon doof. Die Dozentin ist entsprechend sehr gefrustet, was mir leid tut. Irgendwann werden wir das Ganze also noch mal nachholen müssen. Morgen versuchen wir es erneut, aber dann starten wir bereits mit dem Thema Sucht. Na, das wird ja auch wieder ein positiver Klopper werden, schätze ich. Ob ich gleich zu Beginn mal ein paar Likörflaschen vor mir drapieren soll? Und dann mache ich die Webcam an? Das kann ich mir ja noch überlegen.

Nur: Was mache ich jetzt mit meinem plötzlich frei gewordenen Nachmittag? Richtig, ich telefoniere. Gleich drei Telefonate führe ich – keines davon weniger als 30 Minuten. Ich danke dem lieben Alexander Graham Bell für seine Erfindung. Was wohl damals seine Intention war? Ob er wohl eine Frau hatte, die ihm ein Ohr abgequasselt hat, so dass er dachte, wie er das Problem ohne Blutvergießen lösen könne? Wie könnte er also das Gequassel seiner Frau auf andere umleiten? Jo, hört sich logisch für mich an. Ich hätte gerne mal eine Statistik, wie viel der Durchschnittsbürger in Deutschland telefoniert…und um wieviel länger die Frauentelefonate dauern als die der Männer. Und dazu dann den Vergleich, um wieviel ich das Ganze noch prozentual übertreffe. Jo. Wäre schon mal interessant zu wissen.

Ich habe als Kind und Jugendliche eben schon nur zu gerne telefoniert. Und bei der Telefonrechnung hat es jeden Monat Ärger gegeben. Nur gut, dass ich damals auch wusste, wie häufig und ausführlich meine Mutter vormittags mit einer Tante telefoniert hat. Eine Rufnummernauflistung kam Gottseidank erst nach meinem Auszug. Ich glaube, da hätten meine Mutter und ich auch jedes Mal zum Monatsende gleichermaßen gezittert.

Ach, ich liebe auf jeden Fall das ausführliche Telefonieren. Ich mag es auch sehr, meine Freunde real zu treffen, aber wenn es a) nicht geht, weil wir zu weit auseinanderleben und ich dann b) in Schlabberklamotten ohne BH dabei rumlaufen kann, dann kann ich c) Herrn Bell nur immer und immer wieder danken, dass er so geistesgegenwärtig war, diese Technik zu erfinden. Ein Hoch also nicht nur auf uns Frauen, sondern auf die tollen Männer, die geniale Techniken, wie Telefone, erfinden. Macht ruhig mehr davon! Aber dabei bitte nicht vergessen, den Müll rauszubringen. Danköööööö!

Zahnbürschtl-Beziehung

Gestern Abend schickt mir mein erster richtiger Jugendschwarm ein Foto von sich und seiner ältesten Tochter von Juist. Da weilt er gerade mit seiner Familie und erkennt – laut eigener Aussage – nichts mehr von unserer Klassenfahrt, an der wir mit 14 Jahren teilgenommen haben. Und er fragt mich, ob es damals auch schon so kalt gewesen sei? „Na klar! Deswegen haben wir auch immer so eng beieinander im Strandkorb gehockt. Deswegen UND weil wir Mädels scharf auf Dich waren.“ 😂 Ach, wir waren so jung. War das schön! Dort habe ich mir die erste und einzige Bravo in meinem Leben gekauft. Die Zeitschrift stand bei uns Zuhause vollkommen unter Strafe. Muss man sich mal vorstellen! So was gab es. Schon lustig. Damals nicht so, aber heute schon. Darüber wurde doch die meiste Aufklärung betrieben.

Relativ kurz entschlossen, geht es heute zum Frühstück zu einer Freundin. Es ist schon jetzt recht warm. Puh! Ich hoffe, es dauert nicht zu lang, bis das Gewitter losgeht und ich endlich wieder meinen Besen packen und losfliegen kann. Oooooh, ich kann es echt kaum erwarten!

Es gibt ein großes Hallo, als wir drei Ladies aufeinandertreffen. Es ist was dran an der Aussage: „Mach mehr von dem, was Dich glücklich macht.“ Und das hier macht mich definitiv glücklich. Einfach göttlich, wenn Frauen plaudern – da gibbet nix! Wenn das dann noch mit Dialekt gespickt ist, ist es umso lustiger. Die beiden Schnecken waren gestern schon auf Tour, waren zur Walhalla und am Kloster Weltenburg. Und da rutscht mir ein fetter Fehler von den Lippen: „Ja, wir Bayern haben schon nette Sehenswürdigkeiten – dem verrückten Ludwig sei Dank!“ Anita starrt mich entsetzt an: „WIR Bayern?! Du bist net von doa!“ Nö, aber ich bin ja eingebürgert. Nee, nee, nee, Bayer wird man allenfalls durch Geburtsrecht. Und außerdem könne ich den Rheinländer in mir ja so kein bisschen verstecken – was sie durchaus gut findet. Gnadenlos zeige ich auf die Dritte im Bunde: „Dann ist dieser Schluchtenscheißer aber auch kein Bayer!“ Zustimmendes Nicken. Und die Ergänzung, dass doch jeder stolz sein dürfe, woher er/ sie denn käme. Im Grunde ist es ja wurscht, aber in Teilen stimmt es schon: Ich bestehe auch darauf, Rheinländer zu sein. Wir haben eben et Sönnsche innet Hätz.

Wir plaudern über die Männer, was alle Frauen gerne tun. Aber das tun wir schon anders als Männer. Anita hat nämlich gestern eine Truppe 60-70- Jährige auf dem Schiff gehört. Überhören konnte man sie wohl nicht. Zu laut, zu ungehobelt seien sie gewesen. Das ist ja so eine Faszination, wie bei einem Unfall: Ekelig, aber man muss trotzdem hinschauen. Empört schaut sie uns an: „Jo kennan denn die net über woas and’res red’n als ständig übas Fegeln? In dearna Oida?“ Ich schmeiß mich weg. „Du nennst das fegeln??? Ich kenne ja schon viel: pimpern, knöpern, vergenusswurzeln, schnackseln, vögeln usw., aber fegeln? Köstlich!“ Österreich eilt mir zu Hilfe: „Fegeln is die Übasetzung von Vögeln.“ Göttlich! Und wieder als Saupreiss geoutet. Dabei fand ich „fegeln“ so scheeeee.

Und so schnacken wir eben weiter – eine verheiratet, eine verwitwet und eine Single (ich). Die Verheiratete sagt nur trocken, dass sie ja nicht Single sei, aber sollte sie es noch mal werden, wolle sie keinen festen Partner mehr. „Jo bin i denn deppert? 30 Joar long hob i scho hinta mia, wo i oan Mann und die Kinda bedien, wasch, putz und koch. Na, des bräucht i donn nimma!“ Österreich setzt nach: „Des g’langt mia a. A Zahnbürschtl-Beziehung.“ Ich lach mich wieder kringelig. Was soll das denn sein? Die Aufklärung folgt: „Er konn sei Zahnbürschtl mitbringa un a do loass’n. Oaba er kimmt nua zua B’such und fahrt hernoch hoam.“ Geilo. Ich stelle mir dabei den Mann vor: Die beiden machen einen Ausflug, fahren zurück zu ihr, landen im Bett. Er – völlig entrückt nach dem Nümmerchen – grinst noch debil vor sich hin, während sie ihm die Decke wegzieht und „un jetz schleich di“ zu ihm rüberhaucht. Ein Bild für die Götter! Davon hätte ich gern einen Abzug.

Die beiden haben ja aber auch bereits 30 Jahre Ehe hinter sich und wissen, was sie daran haben/ hatten, aber auch, was sie heute nicht mehr wollen (würden). Pure Frauenpower. Aber so ausgedrückt, hört sich so eine „Zahnbürschtl-Beziehung“ doch viel besser an. Ähnlich Spaß haben die beiden, wenn ich meine plattdeutschen Begriffe raushaue. Bayern bringen vieles ähnlich knackig auf den Punkt wie Holländer – nur dass es bei Letzteren niedlicher klingt. Ein Hoch auf Dialekte und unterschiedliche Sprachen.

So langsam zieht sich der Himmel zu, und der Wind frischt auf. Die Blätter auf den Bäumen rauschen schon verheißungsvoll. Das ist die beste Musik in meinen Ohren – zusammen mit Rock und Metal. Alles eben zu seiner Zeit.

Ich will Pillen – je bunter, desto besser

Oh man, was für ein Tag. Ich schwanke zwischen Betroffenheit und ich-steh-im-Wald. Kennt Ihr das, wenn Ihr nicht wisst, ob Ihr lachen oder weinen sollt? So, genau da befinde ich mich gerade. Aber gut, das scheint derzeit Mode zu sein. Ich befinde mich also in bester Gesellschaft.

Aber von vorne: Ich habe heute den Folgeworkshop mit dem Team von letzter Woche. Es ist um die Hälfte geschrumpft. Nein, nicht mir geschuldet. Der Teamleiter hat sich entschieden, nur einen kleinen Kreis von Auserwählten um sich zu scharen. Dabei ist er selbst nicht mal mit von der Partie. Im Grunde geht das gar nicht und ich müsste den Termin canceln, aber ich bin (leider?) kein Hardliner. Dazu dann der O-Ton der Teilnehmer: „So delegiert eine heutige Führungskraft. Und sind wir mal ehrlich: Ohne ihn haben wir die Chance, überhaupt was zu erreichen.“ Einstimmiges Grinsen und Nicken. Auch nicht schlecht.

Ich schaue in die Runde und stelle die Frage: „Mehr kommen jetzt echt nicht mehr?“ Nö, alle anderen seien eh auf Kurzarbeit Zuhause – außer Yuri. Der ist ganz weg. Bitte was??? Das ist der, dessen Schwester sich mit Brustkrebs in Kroatien rumschlägt. Ich bin perplex: „Ääääh, wieso war er dann letzte Woche überhaupt noch dabei?“ Tja, da habe der Gute es noch nicht einmal gewusst. Was zur Hölle?!?! Am Montag war noch alles ok. Der Dienstag war der letzte Tag seiner Probezeit. Da hat er dann erfahren, dass er am Mittwoch dann nicht mehr zu erscheinen brauche. Ich bin fassungslos… Und denke einmal mehr an das Sprichwort: „Der Teufel scheißt immer auf den gleichen Fleck.“ Es tut mir unendlich leid für ihn, zumal er echt genügend andere Sorgen hat.

Getreu dem Motto von Ruth Cohn „Störungen haben Vorrang“, frage ich die anderen, wie es ihnen damit gehe? Zunächst kommt nur zögerliches Schulterzucken. Ich sage ihnen, dass mich das völlig umhaue und ich es als unverhältnismäßig unfair empfinde, bis zum letzten Tag mit so was zu warten. Sie bestätigen, er sei ein guter Kollege gewesen, aber… und dann kommen wir der Wahrheit nahe: „Es klingt hart, aber besser er als ich. Ist nicht schön, aber so sehe ich es letztendlich. Und keiner von uns ist sicher in diesen Zeiten, oder?“ Puh, ja, ich denke, da ist was dran. Wenn es auch schlimm ist, aber am Ende ist sich jeder selbst der Nächste. Ehrlich, aber doch auch sehr ernüchternd.

Wir schaffen es, den Workshop durchzuziehen, finden auch gute Lösungen, aber irgendwie schmeckt das Ganze schal für mich. Naja, so sieht derzeit der Alltag aus, nur muss er mir ja deswegen noch lange nicht gefallen. Ich muss mit meinem Chef was klären, was die Ausbildung im Hause betrifft, die ich für unsere Abteilung federführend übernehmen soll. Und da kommen wir dann auch auf das leidige Thema zu reden, da der Vorstand ja klar von 15 % Stellenabbau gesprochen hat. Jooooo, aber soooo schwarz müsse man da nicht sehen. Ääääh, hallo?! Einige Führungskräfte gehen durchaus von noch größerem Abbau aus, aber mein Chef ist gechillt – wobei er schon darauf hinweist, dass die 15 % Abbau auf jedes Team runtergebrochen werden müssen. Das kommentiere ich damit, dass er ja bereits 60 sei, ein anderer Kollege sogar 62, womit wir unsere Quote (durch Vorruhestandsregelung) ja erfüllt hätten. „Naaaa, des konnst so net seng. Des muss koana anneam.“ Und ich bin sicher, beide werden auch widersprechen und unbedingt weiterarbeiten wollen – ohne es effektiv wirklich zu tun.

Aber es soll schließlich niemand gezwungen werden zu gehen. Hä? Vielleicht bin ich ja allein damit, hier keine Logik zu erkennen? Ich erkenne sie jedenfalls nicht. Ich muss Stellen abbauen, aber ich setze ausschließlich auf Freiwilligkeit und will/muss mindestens 15 % damit erreichen? Und er ist sicher, das funktioniert? Ich will was von seinen Drogen abhaben. Und zwar ganz viele. Je bunter sie sind, desto mehr Bock habe ich auf sie, glaube ich. Einen Versuch wäre es in jedem Fall wert.

Der Kracher: Ich versuche, ihm den Ernst der Lage zu erklären und ziehe dafür das Beispiel von Yuri heran. Aber dann erfahre ich, dass dies so nicht sein könne. Ihm sei nicht wegen des Personalabbaus gekündigt worden. Das müsse andere Gründe gehabt haben. Ich kläre ihn auf: „Doch. Sie waren zufrieden mit seiner Arbeit. Aber sie müssen abbauen. Und bei der Probezeit bewegen sie sich in arbeitsrechtlich sicherem Raum.“ „Na, des konn net sei.“ Ist logisch, oder? Er kennt den Kerl nicht, weiß nichts von diesem Vorgang, kann es aber besser bewerten als alle anderen, die daran beteiligt sind. Da pack‘ ich mir einmal mehr an den Kopf und frage mich, ob er sich doch einer Lobotomie unterzogen hat?

Ich denke an Yuri, den ich nicht gut kannte und frage mich, wie es ihm wohl gerade geht? Wird er in Deutschland bleiben? So viele Firmen, die gerade Personal reduzieren – da wird es kein Leichtes sein, auf die Schnelle etwas Neues zu finden. Die Wenigsten von uns können wohl derzeit abschätzen, wie weit die Folgen dieser Krise noch reichen werden. Hoffen wir, dass die Verrückten, die gerade mal wieder über Maskenpflicht oder besser -abschaffung diskutieren wollen, weniger werden, ein besseres Bewusstsein für die Allgemeinheit entsteht und wir weiterhin mit einem blauen Auge davonkommen.

Keine Blumen beim Amt

Ich fahre um Arzt und muss mal wieder am Food-Truck zum Fiebermessen anhalten. Heute gibt es aber kein Bändchen. Ich fühle mich wie bei Heidi Klum: „Ich habe heute leider kein Foto für Dich.“ Stattdessen bekomme ich einen grünen Klebepunkt. Bei so richtig warmem Wetter garantiert eine perfekte Lösung. So was schwitzt sich ja nicht in Nullkommanix weg. Nö. Das hält. Bin mal gespannt, mit welchen starken Lösungsmitteln ich das jemals wieder entfernen kann. Aber gut, ich bin ja auch nur kurz hier. So lange dürfte es schon halten. Nach 30 Minuten Wartezeit kommt der nette Arzt von gestern, sagt mir, dass alle Werte in Ordnung seien (was meine demente, süße Omi damals mehrfach pro Tag von sich gab), er den Wisch für mich hätte und mir alles Gute wünsche. Das ging ja verhältnismäßig fix.

Auf dem anschließenden Weg Richtung Landratsamt halte ich dann an einer Ampel hinter einem fetten Pick-Up. Seine Rückseite ziert ein Aufkleber mit der Aufschrift: „Mein anderes Spielzeug hat Titten“. Echt jetzt? Ich mag ja so fette Autos, auch wenn sie totale Umweltverpester sind. Aber der Spruch? Da wünsche ich mir nur fünf Minuten mit dem Herrn allein – und ich habe zwei Klinkersteine in meinen Händen. Nein, Gewalt ist immer noch keine Lösung. Aber so dermaßen sexistische Sprüche mit völlig asozialer Haltung auch nicht.

Vor dem Landratsamt ist wieder alles zugeparkt, aber es ist ja wieder schönes Wetter. Dieses Mal ist da kein Securitydienst. Rein komme ich trotzdem erstmal nicht. Über eine Gegensprechanlage werde ich gefragt, ob ich einen Termin habe und was mein Anliegen sei? Ob die wohl Spaß verstehen, wenn ich mal antworte: „Die Zerstörung der Welt“? Ich probiere es lieber nicht aus. Sicher ist sicher. Der Herr am Empfang lässt mich mal ausnahmsweise rein, weil die entsprechende Dame telefoniere. Ich höre den Summer und trete ein. Er versucht es erneut, entschuldigt sich, aber sie telefoniere noch immer. Aber ich hätte wirklich, also ganz bestimmt einen Termin? Ja, habe ich. Indianer-Ehrenwort! Die sind doch echt plem plem, denn ich darf auch ohne Termin dort hin. Aber was soll ich hier Aufklärungsarbeit betreiben?

Blumen gibt es leider keine für mich, obwohl ich mir ja welche gewünscht hatte. Keine Blumen, keine Bändchen… irgendwas läuft gerade echt schief. Die Amtsfrau telefoniert immer noch, als ich anklopfe. Dort sitzen drei Kollegen auf recht engem Raum zusammen – ohne Maske. Ich versteh das alles nicht so richtig, aber warte gerne draußen. Dummerweise kann ich von draußen hören, wie die Dame auflegt und sie danach erstmal privat plaudern. Es geht um Alpakas. Nein, das ist leider kein Scherz. Eine Dame findet die ja soooooo süß und überlegt, sich welche zuzulegen. Viel süßer als Lamas. Und die Frisuren erst! Der männliche Kollege im Raum ist zuständig für Waffenrecht. Irgendwie passend gerade, schießt (man beachte den Wortwitz) es mir durch den Kopf. Aber dann geht doch noch die Tür auf. Als die Dame meiner gewahr wird, dreht sie sich hektisch um und zieht doch noch eine Maske über. Die anderen beiden nicht. Ich schütze sie ja. Sie selbst können ja nix haben. Is klar, oder?

Mein Vorgang wird hervorgekramt, die nötigen Kopien gemacht und die Akte komplettiert. Ach, ich sei doch die Dame, die man nicht reingelassen hätte? Jo, aber heute war ja keine vom Securitydienst an der Tür, berichte ich brav. Klar, heute sei ja auch das Ausländeramt geschlossen. Wie bitte? Ja, die seien nur an den Tagen da, wenn das Ausländeramt geöffnet sei. Ääääh, so viel zum Thema Rassismus. Schon krass. Und das Beste: Die Sicherheitsfrau hat selbst einen Migrationshintergrund und Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache (nicht meine Formulierung, sondern die der Dame vom Amt). Sie hätte versucht, ihr die Regeln zu erklären, aber sie sei außerstande gewesen, diese zu verstehen. Sie hätte ihr regelrecht leid getan, weil sie wohl immer wieder beteuert haben muss: „Ich nix falsch gemacht.“ Wenn das mal nicht skurril ist! Ich winke ab, es sei doch alles gut. Ich wäre doch jetzt hier. Und ich habe auch keine Beschwerde eingereicht. Trotzdem. Ich hätte das Recht gehabt, vorgelassen zu werden. Aber der Sicherheitsdame könne man dies nicht begreiflich machen. Ich frage mich, ob die hier eigentlich selber zuhören, wenn sie so was sagen? Das alles ist einfach nur absurd! Aber ich will es gar nicht verändern. Ich will nur raus und diese Lächerlichkeit hinter mir lassen. Sie schiebt aber noch hinterher, dass die Sicherheitsfrau sehr höflich und freundlich gewesen sei. Kein Wunder, oder? Ich breche innerlich ab.

Auf den Fluren Richtung Ausgang kommen mir mehrere Mitarbeiter des Hauses entgegen – allesamt ohne Maske. Die Maskenpflicht erstreckt sich nur auf alle Verseuchten außerhalb der Verwaltung. Gott, ich hoffe, ich stecke mich hier nicht an! Nein, nicht mit Covid19, sondern mit Dummheit. Und ja, ich kenne tolle Beamte, die ganz anders sind. Nur leider ist das hier gerade auch Realität.

Bei der Massage merke ich dann mal gleich, wie verspannt ich doch bin. Zwischendurch könnte ich laut aua schreien, aber im Nachgang wird es sich dann ja besser anfühlen. Zuhause gönne ich mir noch einen Eiskaffee, bevor ich dann Gott ’nen lieben, guten Mann sein lasse.

Es läuft…

Am Abend höre ich noch, dass ich keineswegs allein bin mit meinem Abschiedsschmerz. Einer Freundin geht es immer exakt genauso. Aber eigentlich auch logisch, oder? Wer mag schon so was? Ich vertreibe mir den Abend mit Diane Keaton, Don Johnson, Jane Fonda und Co. Nein, hier handelt es sich kein bisschen um anspruchsvolle Unterhaltung. Dafür kann ich lachen, was mich echt freut. Und so gehe ich etwas beschwingter und besser gelaunt ins Bett.

Heute Morgen steht der übliche Rotz im Home Office an. Allerdings muss ich mir nach dem Duschen die Haare fönen und mich schminken, denn mittags kommt ja mein Vermieter zu mir. In Schlabberlook, wie ich ihn gerne an Home Office Tagen trage, will ich ihn dann nicht wirklich in Empfang nehmen. Und als er erscheint, ist er wirklich eine Überraschung. Sofort zieht er die Schuhe aus (was bei mir so überhaupt nicht nötig ist), bevor er die Wohnung betritt. Er ist höflich, schaut sich die Tür an und sieht selbst ein, dass er nichts ausrichten kann. Und sofort räumt er ein, dass die Balkontüren und -fenster ja seit Beginn, also 1991, verbaut seien. Da könne durchaus auch mal was verschleißen. Er würde jemanden suchen. Ob er demjenigen denn meine Nummer geben dürfe, um einen Termin zu vereinbaren? Und ob denn sonst alles in Ordnung sei? Ääääääh… oooookay. Scheint so, als sei er nur beim Schreiben unhöflich und rotzig. Umso besser, oder? Mich erleichtert dieser Umstand sehr.

Dafür fällt mein Frauenarzt aus. Er lässt mir ausrichten, dass er so einen Wisch ja nicht einfach so ausfüllen könne. Da müsste ich schon einen Hautarzt aufsuchen. War ja auch nicht meine Idee, sondern der Hinweis der Frau vom Amt. Ich hatte mich auch gewundert, denn da wird auch nach beispielsweise Sucht gefragt. Wie will mein Frauenarzt das beurteilen können? Puh! Ich habe aber an meinem Zustand (kein Hausarzt) seit gestern nichts geändert. Und so sitze ich nun in einer Art Gesundheitszentrum, wo ganz viele junge Ärzte praktizieren. Auch ok. Ich sehe aber erstmal so einen Pommesbudenwagen links neben der Eingangstür stehen. Und dann verstehe ich diesen erst. Hier wird ein Fiebertest durchgeführt und gefragt, ob man denn Corona-Symptome hätte? Äh, ich hoffe, dass ich im Nachhinein genauso wenig Symptome haben werde wie jetzt gerade. Ich bekomme ein Bändchen ums Handgelenk und fühle mich kurzfristig versucht, zu fragen, ob ich nun ein Freigetränk bekomme? Aber ich widerstehe dem Impuls. Nach langer Wartezeit an der Anmeldung und dann kurzer im Wartezimmer, darf ich zum Arzt, der echt sehr nett ist, aber nicht genau weiß, was er jetzt machen soll. Normalerweise ist er als Internist tätig und kennt sich nicht so in diesen Hausarzt typischen Belangen aus. Na, mir ist ja wurscht, was er sonst so macht. Ich brauche einfach diesen doofen Wisch. Er befragt zur Sicherheit mal seine Kollegen, ob er nun ein Drogenscreening per Urinprobe machen soll. Doof, wie ich bin, frage ich ihn, ob man Alkoholismus darüber auch prüfen würde? Denn das sei ja schließlich auch eine Sucht? Er verneint und beruhigt mich, dass hin und wieder ein Glas Rotwein voll ok sei. Aber das mag ich nicht. Ok, dann ein Bier. Mag ich auch nicht. Oooh… na, dann sei doch alles prima. Zurück von den Kollegen klärt er mich auf: Sie machen nur einen Check-Up. Das heißt ein Blutbild und eine kurze Urinprobe (was auch immer „kurz“ in dem Zusammenhang bedeutet). Es sei kein Drogenscreening. Nur ein einfacher Test… Ich hätte doch hoffentlich nicht meine Tage? Und da wird er nervös. Ich breche fast ab, weil ich zu gerne lachen würde. Er ist echt putzig. Aber dann begeht er einen schlimmen Fehler: Er sieht es als sehr positiv an, dass ich keinerlei Medikamente nehme. Das sei nicht bei allen 47-Jährigen so. HALLOOOOOO?! Ich bin 43! Oh je, jetzt ist er völlig aus dem Tritt gekommen und entschuldigt sich peinlich berührt. Ich nehme es mit Humor. Der Großteil meines Gesichts ist unter der Maske ja eh nicht erkennbar, also kann er nicht meine Falten damit gemeint haben.

Bei der Anmeldung muss ich wieder warten, da ich mich dort fürs Labor melden muss. Dann heißt es: Abmarsch zum Pipi-in-einen-Becher-Pullern. Für solche Momente lebe ich ja. Zur Einstellung ins Unternehmen musste ich ja auch eine Urinprobe beim Arzt auf Drogen abgeben – allerdings mit Pullern im Beisein einer Ärztin. Das war echt der Horror!

Zur Blutabnahme werde ich wieder abgeholt. Die Arzthelferin ist nett. Ich erkläre ihr noch, dass es mir nichts ausmache, wenn sie mir das Blut am Handrücken abzapfen würde, weil sich manch einer in der Armbeuge schwertäte. Aber sie ist nicht zögerlich und erledigt das total souverän. Nach dem zweiten Röhrchen frage ich sie dann, ob so ein Job wirklich Spaß mache, also Leute mit Nadeln zu quälen? Jo, total. Sie könne sich nicht vorstellen, nur am Schreibtisch im Büro zu sitzen. Da würde sie abdrehen. Tu ich ja auch nicht als Trainerin und Coach, füge ich dann erklärend hinzu. Da grinst sie und sagt: „Och, ich nehme auch nicht den ganzen Tag Blut ab, sondern assistiere auch bei Magen- und Darmspiegelungen.“ Ich verziehe das Gesicht: „Und noch mal: Das kann doch echt keinen Spaß machen?!“ Sie: „Klar! Das ist total spannend!“ „Bäh… Da gibt’s doch bestimmt voll fiese Patienten?!“ Sie grinst noch breiter: „Bei den Teilnehmern doch garantiert auch.“ Stimmt. Sie hat echt Recht. Ich wünsche ihr nette Patienten, sie mir nette Teilnehmer – wobei die weniger ein Problem darstellen, als manch anderer Kollege von mir.

Morgen früh darf ich mir schon den Wisch abholen. Und dann versuche ich mein Glück beim Landratsamt. Gerade habe ich ja einen Lauf. Vielleicht werde ich da morgen mit Blumen begrüßt? Wenn nicht, ist auch ok. Hauptsache, ich kann den ganzen Kram abgeben, bevor ich mich mittags dann bei der Thaimassage ordentlich durchwalken lasse. Eigentlich ist doch alles ok – mehr oder weniger. Das Leben eben, hm?

Kaffee kriegt nicht jeder bei mir

Puh, ist noch einer heute Morgen so müde wie ich? Das Bett ist noch so bequem, als der doofe Wecker klingelt. So macht das einfach keinen Spaß. Aber klar, es ist ja auch erst Montag. Ich fahre also zeitig (und wenig motiviert) zur Arbeit. Irgendwie eigenartig, dass so niemand im Büro ist – keiner meiner direkten drei Kollegen und auch kein Studi. Ich bin echt gespannt, wann wieder so was wie Normalität eintreten wird? Und: Müssen wir uns dann zunächst wieder an regelmäßigen Menschenkontakt gewöhnen? Wer weiß, wer weiß…

Nachdem ich insgesamt nur fünf Mal versuche, meinen Chef telefonisch zu erreichen, klappt es dann doch noch. Und hier ist wohl ein Wunder geschehen. Er ist seit Corona das allererste Mal in der Firma. Hammer. Ich brech‘ ab. Dass er den Weg überhaupt gefunden hat, wundert mich ja schon. Wir sprechen ein paar Dinge ab. So zum Beispiel, dass er nicht mehr für die Ausbildungsabteilung zur Verfügung stehe. Das könne ich jetzt gerne ganz allein machen. Hä? Das war immer sein Baby. Ich hab zwar allerhand konzipiert und durchgeführt, aber alles musste ich ihm zeigen… und er musste immer dabei sein. Seine Erklärung für den Sinneswandel? Er sei schließlich Führungskraft! Er müsse auch mal was delegieren. Ich kommentiere es nicht. Es bringt ja nichts. Würde er es nur mal richtig machen.

Und dann ruft plötzlich die Tante vom Amt an. Joooooo, meine Anmeldung sei eingegangen. Ich sei auch die Erste auf der Liste. Es könne trotzdem sein, dass ich nicht im März nächsten Jahres geprüft werde. Im Moment werde eben geschoben, aber keine Kapa raufgefahren. Frühestens im Januar erfahre ich, wie entschieden wird. Auch toll, oder? Die Prüfungsvorbereitung beginnt allerdings immer schon ein halbes Jahr vor der Prüfung. Hoch lebe der Vorgang. Aber die Dame ist sehr nett. Ich muss gar kein Geld für beglaubigte Zeugnisse hinblättern. Ich solle einfach mit den Zeugnisse vorbeikommen. Dann sehe sie ja die Originale. Ich darf nun Mittwochmorgen zu ihr kommen. „Wenn ich denn eingelassen werde.“ Da ist sie verdutzt. Ich kläre sie über den Ablauf letzte Woche Freitag auf. Das sei so überhaupt nicht zulässig gewesen! Wenn ich am Mittwoch erneut Probleme bekäme, solle ich sie direkt anrufen. Sie käme dann sofort zu mir, denn es sei wieder ganz normaler Bürgerverkehr zulässig. Ich überlege kurz, mit welchem Bürger ich wohl Verkehr haben wollen würde? Aber Spaß beiseite: Ich bin schon etwas erstaunt, wie freundlich und hilfsbereit die Dame vom Amt sich so zeigt.

Einziges Dokument, das mir dann noch fehlt, ist das ärztliche Attest. Da ich aber keinen festen Hausarzt habe (wozu auch?), weiß ich noch nicht, wie ich den Schrieb nun bekommen kann. Auch da hilft die Dame mir weiter: Der Frauenarzt könne so was auch ausfüllen. Ich frage mich, wie der das beurteilen kann? Und überhaupt: Der attestiert mir höchstens, dass ich einen an der Murmel habe. Wir haben da so unsere Historie nach einem Eingriff im letzten Jahr. Trotz Narkose und Bauchspiegelung, habe ich an den zwei Tagen danach an einer Fortbildung teilgenommen. Das hat ihm zwar imponiert, aber normal findet er mich nicht. Ich habe dennoch den Versuch gestartet und warte nun auf seine Antwort. Hoffentlich überwiegt sein Humor. Denn lustig findet er mich definitiv.

Bleibt nur noch ein Problem. Ich hatte da große Hoffnung in meinen großen Neffen gesteckt. Meine Balkontür geht nämlich nicht mehr auf. Richtig ätzend. Nur leider konnte der Große nichts ausrichten. Es handelt sich allerdings auch um „Poppekroam“ bei diesem Schließsystem. Da habe ich schon oft gedacht, dass ich irgenwann die ganze Tür in der Hand habe. Nun bleibt mir nur noch das, was ich unbedingt vermeiden wollte: Ich muss meinen kleinen, verwöhnten Schnulli-Vermieter informieren. Schweren Herzens schreibe ich ihm. Natürlich denkt er, er könne das selbst beheben, was er gerne versuchen darf. Und da er frei hat, kommt er spontan morgen Mittag zu mir. Wie sagte meine Sis so herrlich ironisch: „Da kriegt er erstmal ’ne schöne Tasse Kaffee bei Dir.“ Sicherlich nicht. Ich hoffe, es wird ein kurzes Gastspiel. Wobei…vielleicht überrascht er mich ja genauso, wie die Tante vom Amt? Hoffen darf man ja, oder? Eben.

Abschied ist ’ne doofe Wurst

Was lerne ich in dieser Nacht? Platz ist in der kleinsten Hütte. Und diese Beschreibung passt zu meiner Butze. Wir teilen uns auf – meine Sis und Schwager bekommen das Doppelbett, der Große schläft auf dem Schiff (so nennen wir das stark schwankende und Schieflage habende Aufblasbett), der Kleine und ich teilen uns das ausziehbare Sofa. Mannomann, da ist nicht wirklich viel Platz. Auf der Innenseite ist es auch noch ok, aber ich liege außen. Da ist die Unterlage ein hartes Brett. Ich entscheide mich um und schlafe im Wechsel mit dem Oberkörper weicher liegend und die Unterschenkel auf der Couchrücklehne und dann wieder im rechten Winkel abgeknickt auf der Seite. Irgendwie geht’s. Ich weiß nur nicht, wie? Und morgens tut es auch weh. Trotzdem genieße ich es. Das ist Familie.

Zuerst aber mal geht gar nix, weil der Kleine meckert. Es sei Vollmond, da könne er schon mal gar nicht schlafen. Außerdem scheine das dämliche Ding ihm genau ins Gesicht. Ich habe im Wohnzimmer keinen Vorhang. Der Große lacht aus dem Off und warnt noch, der Kleine solle sich keinen Sonnenbrand holen. Ich lache. Es ist einfach immer schön mit den Rotzigen. Kurzerhand stehe ich im Dunkeln auf und öffne den Sonnenschirm auf dem Balkon. Was die Sonne abhält, wirkt auch gegen den Mond. Und es klappt tatsächlich.

Der Kleine mault dann noch, es könne dauern, bis er seine richtige Schlafposition gefunden habe. Wie Sid aus Ice Age. Und dann geht es 3 – 2 – 1, und weg isser. Das ist immer der Hammer. Der Sausack dreht sich um und schläft prompt ein. Ich brauche immer eine Weile, der Große auch – obwohl der ein Stück weiter weg liegt und ich es dieses Mal nicht so genau mitbekomme. Aber bei ihm ist es normalerweise immer so, dass es dauert. Nur der Kleine schläft immer schnell den Schlaf der Gerechten.

Irgendwann nachts, ich drehe mich gerade von der Stufenlagerung in den rechten Winkel, da umarmt er mich ganz fest. Ääääääh… er kann sich am Morgen an nichts erinnern. Ich genieße es trotzdem. Seine Mutter kann sich leider eher beschweren, was Zuneigungsbekundungen betreffen. Bei mir geht es besser. Aber ich bin ja auch seltener da. Als Tante gibt es eben auch Vorteile. Es läuft auch gesittet, als wir aufstehen. Kein Stau im Bad, kein Gemecker. Herrlich. So könnte echt jeder Morgen aussehen.

Worüber wir beim Frühstück reden, will hier keiner wissen – das steht mal fest. Es ist einfach immer perfekt ausgelassen, ein bisschen drüber und gerade deswegen wohl so leicht. Ich würde das zu gern in kleine Dosen packen und immer dann eine öffnen, wenn ich Blues habe. Nur geht das leider nicht.

Nach einiger Zeit machen wir uns dann auf zum Schloss Schleißheim. Es ist schon beeindruckend, was die Bayern so alles ermöglichen. Es kostet keinen Eintritt und der Parkplatz mal gerade einen Euro pro Tag. Es muss ein Vermögen kosten, das hier instandzuhalten. Meiner Sis kommt die Idee: Sie will Herrn Söder anschreiben, dass es durchaus Platz für Flüchtlinge in Bayern gibt. Ich vermute, sie wird dieses Vorhaben nicht in die Tat umsetzen. Es brächte wohl auch nichts. Verglichen mit NRW und der dichten Bebauung dort, ist Bayern tatsächlich noch recht weitläufig. Aber – das ist Politik. Darüber will ich nicht auch noch graue Haare bekommen.

Nach Schnitzel Wiener Art mit bayerischem Kartoffelsalat (in gemeinsamer Herstellung… lecker!), werden sie dann doch etwas unruhig. Es wird überlegt, wenn sie nun früher als geplant fahren, könnten sie noch ca. drei Stunden ohne LKW schaffen. Ich kenne das: Wenn die Strecke über 650 km bewältigt werden soll, ist das richtige Timing entscheidend. Und doch würde ich sie gerne noch etwas um mich haben. Ich kann allerdings verstehen, dass die Jungs zu ihren Kumpels und der Große zu seiner Perle will.

Und so schaue ich zu, wie sie zusammenpacken und abdüsen. Wieso ist es so viel schwerer, wenn sie fahren, als wenn ich bei ihnen aufbreche? Ich mag Abschiede nicht. Und ich bin Meisterin im sich-Sorgen-Machen. Hoffentlich läuft alles. Wenn ich allein auf der Straße bin, mache ich mir den Kopf nicht. Aber so bin ich unruhig, bis ich die erlösende Nachricht erhalte, dass sie angekommen sind – wohlbehalten und zufrieden.

Allgemein mag ich lieber auf der Macher-Seite stehen. Ich will gehen können, wann ich will und bleiben, wenn mir danach ist. Ganz schön egoistisch, hm? Aber ich bleibe auch allein zurück – im Gegensatz zu meiner Familie. Vor neun Jahren, als ich das erste Mal gen Bayern entschwunden bin, hatte Sorge, die Jungs würden mich vergessen. Haben sie zum Glück nie. Aber ich bin weit weg – mit allen Vor- und Nachteilen. Ach man, aber gerade habe ich trotzdem Blues. Morgen ist es wieder gut. Und auch wenn ich dann diese Nacht nicht umarmt werde, schlafe ich zumindest einfach besser. Na, immerhin etwas.