Erkenntnisse anderer Welten

Die Fortbildung ist schlichtweg die beste Belohnung für mich. Ich mag die Unterschiedlichkeit der Leute, die dann aber gleichzeitig so wertschätzend miteinander umgehen. Gestern ging es bereits um Ego States. Schon spannend, wie Menschen so ticken. Vor allem sind es Leute, die sich schon länger mit sich selbst beschäftigen und sich selbst auch reflektieren – zum Glück auch mit dem nötigen Augenzwinkern. Die Tage sind zwar lang, aber eben auch bereichernd. 

Letzte Woche war ich mit einer Freundin/ Kollegin und einem Praktikanten Sushi essen. Die beiden sind schon auch sehr liebe, tolle Menschen. Zwischendurch fühle ich mich dennoch wie ein Alien. Erst dort erahne ich, aus welch wohlsituiertem Elternhaus der Praktikant kommt. Meine Freundin hat beides erlebt – zwischenzeitliche Insolvenz des Vaters und ziemlichen Reichtum (nach meinen Maßstäben). Ihr Vater würde nie unter einem 5-Sterne-Hotel einchecken. So was kenne ich nicht. Sie plaudern über Marken, die mir so gar nichts sagen. Ich mag die beiden sehr gern, nur erschließt sich mir diese Welt so gar nicht. Ich hab mit meiner Mom häufiger abends eine Arztpraxis geputzt für ganze 10 Mark die Stunde. Es hat mir keineswegs geschadet. Es hat mir nur nie diese andere Welt gezeigt, die mich schnell in die Haltung bringt, die Landpomeranze nicht abstreifen zu können. Anders als früher oute ich mich und meine Befürchtungen und ernte was? Große Augen und Beschwichtigungen. Das sei alles nicht wichtig. Sie haben es nur einfach gern schön. Der Steinbock in mir zuckt mit den Schultern. Welchen Nutzen hat das? Ich finde es schon auch toll, wenn ich Frauen sehe, die passend zu ihrem Kleid exakt die richtigen Schuhe, Tasche, Schmuck, Schal und alles haben. Und dann schau ich doch wieder, was funktionell für mich ist, weil ich auf High Heels keine Tagesschulung geben kann. Meine Bude ist bequem – nicht High Fashion aus dem Katalog, was ich hübsch anzusehen finde, nur eben überteuert, unbequem und unwichtig. Dennoch denke ich über mich: Bauernmädchen, das in der großen Welt mitspielen will. Was denke ich mir eigentlich dabei?!

Interessanterweise sage ich sogar zum potenziellen neuen Arbeitgeber: „Wenn Ihr ein Mäuschen in Kostümchen mit ständigem Lächeln wollt, bin ich die Falsche.“ Wollen sie nicht. Sie wollen authentisch, klar, zugewandt, kommunikativ und verbindlich. Das kann ich zum Glück. Meine Freundin bringt allerdings noch einen anderen Aspekt ein: Sie gebe Kohle für hübsche Sachen im Außen aus – ich gebe sie für Fortbildungen und meine innere Entwicklung aus. Und da fühle sie sich manchmal klein daneben. So hab ich das noch nie betrachtet.

Der Süden ist schon reicher als NRW, wo ich herkomme. Hier sieht man etliche Schönheits-OPs auf zwei Beinen, Botox im Gesicht und richtig teure Fummel am Leib. Ob das wirklich wichtig ist, entscheidet wohl jeder am besten für sich selbst. Nicht zuletzt schätze ich wohl solche Fortbildungen, bei denen Marken nicht im Fokus stehen. Und wieder mal die Erkenntnis: Jeder Jeck ist anders. Witzigerweise habe ich heute eine bei den Übungen als Gegenüber, die genau diese Thematik anspricht und feststellt: „Ich brauche keine weiteren Fummel im Kleiderschrank, sondern ein paar Klienten weniger, damit ich weiterhin gute Arbeit leisten und mit mir zufrieden sein kann.“ Ach, Erkenntnisse sind schon was Schönes, oder? Und die dürfen bei jedem anders sein. In diesem Sinne: Schönen Abend mit all Euren wertvollen Erkenntnissen. 

überwältigt

Erstens kommt es anders… zweitens als man denkt. Da ist was dran. Ich bin überrascht, überfordert, euphorisch und überhaupt. Mein Assessment war gut. Ich sah mich einem Tribunal von fünf Leuten gegenüber, was mich dann aber erst recht beflügelt. Während meiner Präsentation wurde ich schon mit Fragen konfrontiert, was allerdings ebenfalls gut für mich war. Wenn Fragen gestellt werden, wird es ja erst interessant. Besonders eine Frage gefiel mir richtig gut: „Nix für ungut, aber Du bist Trainerin. Wie kommst Du darauf, Führungskräfte coachen zu können?!“ Er hatte meinen Lebenslauf wohl nicht bekommen. Ich hab ihn angestrahlt und ganz ruhig meine Qualifikationen aufgezählt mit dem Abschluss: „Das ist alles nett, aber vor allem bin ich mir sicher aufgrund langjähriger Berufserfahrung. Das war die letzten Jahre quasi mein täglich Brot neben den Trainings.“ Man, fühlt sich das selbstbewusst an. Das Gefühl mag ich ja mal. 

Ich werde fachlich und menschlich befragt. Dann soll ich noch einen Fragebogen beantworten, während ein Personaler noch fragt: „Brauchen wir das echt noch? Sie hat doch schon das meiste davon beantwortet.“ Aber der Chef will es hören. Von mir aus. Ich schau mir die Fragen an, für die ich 20 Minuten Zeit hätte. Er kommentiert: „Du brauchst maximal die Hälfte der Zeit. Ich will es trotzdem hören.“ Und so erkläre ich die Dinge einfach heruntergebrochen. Schon entspinnt sich ein Beratungsgespräch, bei dem sie wirklich nach echten Tipps fragen, was ich voll cool finde, bis der Chef es irgendwann beendet. Wir besprechen noch ein paar Details im kleineren Kreis. Ich will weiterhin nur 35 Stunden arbeiten und freitags frei haben. Kein Ding. Ich möchte weiterhin den Freifahrtschein haben, extern auf eigene Rechnung Schulungen zu geben oder zu therapieren. Kein Problem. Hääää? Ich bekäme einen 100 prozentigen Home Office Vertrag. Jede Fahrt zu einer Zweigstelle würde Reise- und somit Arbeitszeit sein. Sie hätten in den letzten Jahren gelernt, wie wichtig gute Mitarbeiter*innen seien und wie schwierig diese zu finden wären. Oooookayyyyy. Ich suche den Haken, aber bislang klingt es gut. Allerdings ist der Sales Bereich nicht gerade mein Träumchen. Und daher frage ich auch, welche Entwicklungsmöglichkeiten ich innerhalb der Firma hätte? Schulungen in deutscher Sprache fänd ich zwar super, aber ich bliebe auf Dauer nicht gerne nur in meiner Komfortzone. Da ernte ich nur ein breites Strahlen, dass sie das sehr begrüßen und ich mich in jede Richtung entwickeln könnte. 

Als ich meine Gehaltsforderung nenne, begehe ich allerdings einen Fehler. Ich nenne mein derzeitiges Gehalt. Normalerweise legt man 10 bis 15 Prozent drauf, aber da ist dieses Putzfrauen-Hausmeister-Kind in mir, das mich davon abhält. Sie zucken nicht mal, was mich noch mehr darin bestärkt, nicht clever gehandelt zu haben. Egal. Geld ist nicht alles. Sie zeigen mir noch Workshopräume und berichten von Schreibtischen für jedermann. Man setzt sich, wohin man will – jeden Tag aufs Neue. Selbst der Chef macht mit. Dabei sind für alle Schreibtische vorhanden. 

Etwas überdreht und später als gedacht (und prognostiziert) fahre ich heim. Mein eventuell neuer Chef schwirrt mir durch den Kopf. Er suche keine gleichen Leute, sondern unterschiedliche Puzzleteile. Es darf auch gerne mal gestritten werden, denn Glattgebügeltes bräuchten sie nicht. Sie benötigen Veränderung. Puh, genau das gefällt mir. Ich darf ein paar Tage nachdenken, dann melden sie sich. 

Zurück häufen sich die kritischen Stimmen, ich habe viel zu wenig gefordert. Nicht mal die Lohnsteigerung der IG Metall von 8,5 Prozent hätte ich einkalkuliert. Am nächsten Tag stelle ich mich der Ernüchterung, dass ich für einen Trainerjob im Sales-Bereich eigentlich auch nicht wechseln möchte. Ich werde wohl mal mit meiner Chefin reden müssen, um da was zu ändern. Und da ereilt mich auch schon eine Mail von der anderen Firma, in der sie mir für das Gespräch danken und sehr zeitnah ein weiteres Gespräch mit mir wünschen. Oh je. Ich finde sie richtig gut… aber der Job? Und dazu dann perspektivisch weniger Kohle? 

Ich wähle mich also am nächsten Tag bei Teams mit Magengrummeln ein. Zwei Gesichter strahlen mich an, während ich rumdruckse. Naja, ich hätte zu wenig Kohle gefordert und sei kein Pokerspieler… aber Geld liegenlassen, würde ich auch nicht wollen. Ich könnte verstehen, wenn die neue Forderung jegliches weitere Gespräch nun überflüssig mache. Die Personalerin dankt mir für die Offenheit und schaut ihren Kollegen an: „Wir machen weiter, richtig?“ Er nickt: „Klar.“ Sie wieder: „Du kannst die Stelle haben. Aaaaber… wir haben an eine andere gedacht, die wir gerade schaffen wollten und die noch nicht ausgeschrieben ist.“ Er übernimmt: „Weil Du was mitbringst, was wir nicht haben, aber dringend brauchen. In den Methoden sind wir schon ganz gut unterwegs. Was wir dringender brauchen, ist jemand, der die Führungskräfte im Verhalten schult und coacht. Wir brauchen eine Persönlichkeit mit Charakter. Die haben wir gesehen. Was meinst Du?“ Ich meine: Äääääääääh?! Das will ich schon lange machen. Wie cool sind die denn drauf, das in zweieinhalb Stunden zu checken? Sie wissen, was ihnen fehlt und kombinieren so schnell? Was ich noch bräuchte? „Eine Stellenbeschreibung?“ Es gibt bislang nur einen Entwurf. Ich könnte das komplett mitgestalten. Hallooooooo?! 

Da ich nun drei Tage am Stück zu einer Fortbildung (die letzte – für dieses Jahr) bin,  melden sie sich nächste Woche bei mir. Ich flippe aus. Und das Schönste: So liebe Menschen freuen sich für mich. Ich bin etwas überwältigt. Und klar, ich warte erst den Vertrag ab, denn immerhin gilt immer noch: Das Schwarze ist die Schrift. Aber wenn das was wird, dann… brauche ich Konfetti, einen Mojito zum Anstoßen und freue mich riesig auf 2023.

Strecken, nicht bücken

Es geht gen Jahresende. Da überhole ich mich ja zu gern selbst – links und rechts. Meine letzte Arbeitswoche war letzte Woche. Natürlich musste sie pickepackevoll sein. Ein riesiger Workshop über neun Stunden musste sein. Auch als einer nach dem anderen umfiel – physisch als auch psychisch. Er musste dennoch stattfinden. Auf drei andere direkte Kollegen können wir verzichten, nur auf mich nicht. Zuletzt saßen wir nur noch zu zweit im Raum, ein Kollege war partiell online zugeschaltet. Ich hab dann doch sagen müssen: „Sei mir nicht bös, aber ich kompensiere nun dreieinhalb Kollegen?! Das ist schon ein wenig lächerlich. Mit Blick auf die Gehaltsstruktur dann sogar noch ein bisschen mehr als nur ein bisschen.“ Meine Chefin versteht mich. Auch meine Bedenken. Ich mag sie bislang. Ihre Ideen sind gut, ihre Vision cool – nur zweifel ich an dem restlichen Haufen, was ich ihr auch mitteile. Sie weiß nun auch, dass ich eine Einladung zu einem Gespräch bei einer anderen Firma angenommen hab. Ob das clever von mir ist? Vermutlich nicht. Es geht mir dabei allerdings auch nicht um Cleverness, sondern um ehrlichen, offenen Umgang.

Wie es ausgeht, weiß ich nicht. Die Firma hat mich kontaktiert – nicht ich sie. Daher ist meine Ausgangssituation gut. Das erste Gespräch war online. Heute darf ich zum Assessment. Und das findet in Liechtenstein statt. Da war ich noch nie. Ich muss nicht dorthin ziehen, sondern würde verschiedene Länder betreuen. Und da setzt dann wieder das Imposter-Syndrom ein. Was, wenn sie entdecken, dass ich gar nichts kann? Ein Freund und Kollege meinte erst gestern zu mir: „Schau Dir Deine Kollegen an. Du hast doch mehr auf der Rille als diese Typen!“ Ja, hab ich. Aber kennt Ihr das: Sie sind einfach kein Maßstab für mich. Ich strecke mich lieber, als dass ich mich bücke.

Das war am Wochenende ein ganz anderes Erlebnis. Ich hatte ein EMDR-Modul und war mal wieder restlos begeistert. Die Leute dort sind zum Großteil schon langjährig Therapeuten – in der Seelsorge, in Kliniken, in Praxen. Das macht mir keine Angst, sondern inspiriert mich. Und ich traue mich auch, die Methode mit ihnen auszuprobieren. Da schlägt mein Herz höher, da wachse ich und bin ganz mir und glücklich. Bei meinem beruflichen Thema ist hingegen nur ein leichtes Schlagen zu vernehmen. Dennoch sehe ich natürlich die Chance, dem reinen Prozessoptimieren zuleibe zu rücken und den Fokus auf den Menschen zu lenken. Ich weiß nur nicht, ob ich da meinen Frieden finde? Oder ob ich wieder eher diejenige bin, die viel Energie eingibt, um leichte Impulse zu setzen? Puh… wir werden sehen. Ich weiß nur eins: Kneifen ist keine Option. Was habe ich auch zu verlieren? Nichts. Na dann… Pack ma’s. Liechtenstein, ich komme.

Trubel, Coaching und Metal

Die letzten Wochen waren hektisch. Bei uns wird immer von End-Jahres-Rallye gesprochen. Warum es immer diese Hektik am Ende des Jahres braucht, entzieht sich meiner Kenntnis. Und dabei kommen sich viele wichtig vor…und der Großteil ausgelaugt. Mein Glück: Ich habe das ganze Jahr darauf hingewiesen, dass ich in ein dickes Stundenplus renne und gefragt, ob ich wirklich bei all den unseligen Meetings dabei sein müsse? Ich war auch so böde, regelmäßig zu fragen, was denn bei diesen Projektmeetings meine Aufgabe sei? Darauf konnte man mir keine Antwort geben – nur das Hintenrumgemurmel, ich sei echt schwierig. In einer Zeit, in der wir propagieren, wie wichtig es sei, die Abläufe kritisch zu hinterfragen, wir anders denken müssten und von Diversität profitierten, ist Frau dann einfach schwierig. Und das Schlimmste daran ist, wenn diese schwierige Frau auch noch recht hat. Denn das Projekt, von dem ich seit Monaten sage, dass es so nicht funktioniere (und nicht nur meckere, sondern auch Vorschläge mache, wie es anders laufen könnte), steht im Moment still, denn so, wie es nun nach richtig viel bezahlter Kohle an externe Berater steht, ist es nicht mal ansatzweise zu gebrauchen. Komisch, komisch. Und es ist nicht das, was unser interner Kunde braucht. Doppelt komisch, komisch. Und es ist auch nicht ansprechend aufbereitet, sondern veraltet. Nanu, das ist ja mal völlig überraschend. Ich steh´ also in meinem ganz persönlichen Labyrinth und finde den Weg raus nicht mehr, weil ich olle Unke all diese Dinge schon vor Monaten vorausgesagt habe – nur wollte es keiner hören.

Dafür habe ich meine letzte Schulung für dieses Jahr am Mittwoch gegeben. Es lief super. Ich wollte es nicht machen, was ich auch schon zu Beginn gesagt hatte. Die Aussage war immer dieselbe: „Verstehe ich, aber es gibt keine Alternative.“ Auch nach einem Jahr gab es diese nicht. Ich mache dann für mich das Beste daraus und habe es unterhaltsam gestaltet. Dabei bin ich auf drei verschiedene Gruppen gestoßen. Die eine war per definitionem die Gruppe der Coaches. Bei denen hat es auch am meisten Spaß gemacht. Und Coaching-Elemente zu vermitteln, Übungen zu diesem Themengebiet zu begleiten und zu sehen, was da an Dynamik entsteht, macht einfach riesigen Spaß. Die nächste Gruppe waren Führungskräfte, die zum Großteil schon seit 20 – 30 Jahren in ihren Positionen hocken. Zu der Zeit wurden oft noch Menschen zu Führungskräften, die auf ihrem Fachgebiet die besten waren. Dass das so gar nichts mit Führungsstärke zu tun hat, hat mittlerweile fast jede*r verstanden. Aber sich dieser „Altlasten“ zu entsorgen bzw. ihnen andere Möglichkeiten aufzuzeigen, dazu fehlt die Not und ebenso das entsprechende Rückgrat. Und so mühe ich mich dann mit ihnen ab und versuche dabei, ihre Sorgen und Nöte ernstzunehmen und sie dennoch zu begeistern. Am Ende bin ich vollkommen müde, nehme aber auf ihren Wunsch ein paar Punkte mit, die ich der oberen Heeresleitung präsentieren möchte. Derweil macht mein Kollege genau das, was er tun soll, nicht. Das ist insofern keine Überraschung, als er das immer so macht. Ich benötige allerdings eine Powerpoint-Unterlage für die Führungskräfte, mit denen sie die neue Methode bei ihren Teams umsetzen sollen. Macht nichts, mache ich eben noch mehr Überstunden. Besagter Kollege hat aber zwischenzeitlich mit dem obersten Boss (mein Endgegner) geredet und berichtet grinsend, dass der ja schon wüsste, wer in der Veranstaltung so quer im Stall gestanden hätte. Und da stehe ich wieder einmal fassungslos da. Ja, sie waren anstrengend. Ja, das war für mich kein Spaziergang. Aber wir reden von Offenheit und Vertrauen untereinander, was wir verbessern wollen, und da geht dann jemand aus den eigenen Reihen oben beim Chef petzen? Das widerspricht mal wieder allen meinen Werten.
Zum Ausgleich gehe ich zum ersten Metal-Konzert mit einem Kollegen/ Bekannten. Genau das brauche ich endlich mal. Hunderte Kerle in schwarz gekleidet, die wie harte Jungs aussehen und dann aber ganz putzig alle Liedtexte auswendig kennen und mitgrölen. Dazu nicken sie im durchaus schnellen Takt, was bei Männern ja schon Tanz heißt. Ich fühle mich pudelwohl.
Diese Woche kommt dann die letzte Schulung dran mit einer vollkommen anderen Zielgruppe, weil noch nicht lange in Amt und Würden. Wenn ich hier von „die Mitarbeiter*innen stärken und dazu befähigen, ihre eigenen Ideen einzubringen“, spreche, gucken sie mich an und quittieren es: „Hä? Was ist daran neu?“ Ja, sollte es auch nicht sein. Ist es aber. Und so entsteht ganz was anderes als in der Woche zuvor. Nicht naiv, denn auch hier kommen die Fragen, wann wir denn bei all der Arbeit auch noch Zeit für Verbesserungen finden sollten? Aber die Diskussion ist konstruktiv. Auch hier bin ich abends müde und platt, aber wieder zufrieden müde – wie bei den Coaches.
Und dann kommt die Stunde der Wahrheit. Ich habe eine Audienz bei dem obersten Boss, um die Rückmeldungen an ihn weiterzugeben. Früher wurde der Überbringer der schlechten/kritischen Nachrichten geköpft. Ich glaube, er sehnt sich diese Zeit bisweilen zurück. Er und ich – das war quasi schon Verachtung auf den ersten Blick. Ich rechne ihm an, dass er ein Großmeister der Manipulation ist. Da ziehe ich den Hut, wie geschickt er ist. Ihn pisst es verdammt an, dass ich ihm nicht auf den Leim gehe – was ich schon (dummerweise) auch raushängen lasse. Die Stimmung ist also immer knisternd aufgeladen und von falschem Lächeln begleitet. Er nimmt alle Punkte auf, macht einen auf freundlich (wie Kaa im Dschungelbuch: „Vertrauuuuuuu miiiiiiiiiiiir“). Was er nicht gut findet in der Firma: Da sind zu viele, die befreundet seien. Er habe nicht einen einzigen Freund bei der Arbeit. (Ach was! Ich wette, auch sonst nicht.) Wir wären schließlich zum Arbeiten hier und nicht, um Freundschaften zu pflegen. Ich sehe das anders bzw. individuell – was ich natürlich auch sage. Er dann aber wieder: „Weißt Du, wenn man befreundet ist, traut man sich ja gar nicht mehr, kritische Dinge zu sagen.“ Die Jeanne d´Arc in mir antwortet süffisant: „Na, oder gerade dann.“ Sein „Nein“ juckt mich nicht. Dabei lobt er scheinheilig meine Leidenschaft und mein Engagement, mit denen ich schule. Es darf natürlich kein Aber fehlen, denn das Aber heißt, ich müsse da auf mich aufpassen. Wer jetzt meint: Mensch, der ist ja fürsorglich, der fehlt leider. Grinsend teilt er mir dann auch mit, von der schwierigeren Schulung gehört zu haben. Da schlage ich natürlich in die Kerbe: „Und das macht mich persönlich fassungslos. Wie können wir von Offenheit und Vertrauen sprechen und sie einfordern, während dann jemand zu Dir rennt und seine Kollegen hinhängt?!“ Oh, der Rudermeister rudert zurück. Nein, nein, so sei das ja nicht. Man habe ihm ja keine Namen genannt. (Blöd, dass mein Kollege mir die Namen im Vorfeld schon gesagt hat, die der Chef ihm gegenüber hatte fallen lassen…) Und überhaupt…und hier senkt er die Stimme und schaut mir tief in die Augen: „Claudia, ich will Dich da sehr gerne unterstützen. Wir haben tolle Coaching-Angebote im eigenen Haus. Da darfst Du nämlich lernen, die Dinge nicht an Dich heranzulassen. Du musst da wie Teflon werden und die Dinge an Dir abperlen lassen.“ So ganz habe ich mein Gesicht nicht unter Kontrolle und lächel´ etwas verächtlich. Hey, auch ich bin nur ein Mensch. Aber brav sage ich: „Ich danke Dir sehr für das Angebot…aber nein, danke.“ Er ist wie so ein Terrier, der sich in die Wade verbissen hat: „Wirklich. Wir haben da richtig gute, kompetente Leute!“ Haben wir nicht, aber sei es drum. Ich will kein kaltschnäuziges Arschloch werden. Davon haben wir ja schon zu viele…allen voran ihn. Meine linke Augenbraue zieht sich nach oben, ich hole tief Luft: „Ich weiß Dein Angebot zu schätzen, aber kümmere mich um meine Belange selbst.“ Er setzt immer noch nach: „Es wäre doch schade um Dich. Schau´ Dir Dein Team an: Du bist doch die einzige, die das so kann und macht. Wenn Du dann müde nach Hause gehst, führt das irgendwann zur inneren Kündigung. Und das wollen wir doch nicht!“ Was da säuselnd, wie Kaa, um die Ecke züngelt, klingt ja sogar so wie Fürsorge. Unterm Strich ist die Botschaft aber klar: Ich muss mich anpassen, dann lässt er mich in Ruhe. Und was mache ich? Einen Scheißdreck, na klar. Ich nicke und wiederhole: „Danke für Dein Angebot. Aber es bleibt bei nein.“ – „Solltest Du es Dir anders überlegen, komm´ gerne auf mich zu!“ Da kannst Du warten, bis Du schimmelst. Sage ich natürlich nicht…mein Gesicht vermutlich schon. Ich gehe raus und grinse. Wenn ich ihm so auf den Sack gehe, dass er mir ein Coaching vorschlägt, habe ich alles richtig gemacht. Ich bin stolz auf mich. Ja, ich weiß, ich bin eine Mistmatz. Aber ich bin es gerne.

Den Abschluss bildet dann ein richtig, richtig fettes Konzert am Abend. Nicht riesengroß, aber laut, Heavy Metal und ein sauleckerer Sänger – aus meiner Sicht. Mein Kollege/Bekannter will mir aus Spaß zwischendurch den Sabber wegwischen. Ich grinse ihn an und sage: „Der dürfte sogar so mit mir reden, wie unser oberster Boss.“ Mein Bekannter lacht und sagt ironisch: „Dass Ihr Frauen immer so oberflächlich sein müsst! Der Sänger da vorne hat doch auch innere Werte und Gefühle!“ Ich lache: „Kann er behalten, ich will nur seinen Körper!“ Ach, das Leben kann manchmal so einfach sein, wenn man Teflon ist. Ich setze noch nach: „Ok, und wenn er anschließend noch über seine Gefühle reden will, dann darf er das. Einverstanden?“ Wenn es nur immer so einfach wäre…aber ich arbeite dran.

Noch sechs Arbeitstage liegen dieses Jahr vor mir. Die schaffe ich mit links. Und nächstes Jahr? Da schauen wir. Headhunter schreiben mir, ein Praxisraum wurde mir für ein bis zwei Tage auch schon als Möglichkeit von einem Bekannten weitergeleitet (leider zu groß)…da wartet also einiges auf mich. Bis dahin genieße ich einfach das Leben. Derzeit ist meine Cousine hier, und wir feiern Aachen-Revival. Da war sie nahezu jedes Wochenende da, und wir haben gemeinsam wilde Zeiten erlebt. Es läuft also – auch ohne Coaching. Na denn: Fröhliches Headbangen!

vom Paradies und Fanatismus

Ich bin zurück. Wovon? Kranjska Gora. Es war das Paradies für meinen Oppa. Vermutlich ist er auch deswegen genau dort friedlich eingeschlummert und nie mehr erwacht. 35 Jahre ist das jetzt her. Mein Wunsch, diesen Ort aufzusuchen, liegt wohl nicht genau um diesen Zeitpunkt herum. Doch er ist früh gereift. Und irgendwie wurde er immer verschoben. Dabei wollte ich das unbedingt mit meiner Sis machen, die das auch wollte, aber für die ständig etwas dazwischenkam. Jetzt habe ich ihr quasi gedroht, wenn es jetzt nicht klappe, würde ich alleine fahren. Irgendwie hat es dann doch gepasst. Und es war goldrichtig.
In der Woche zuvor hatte es dort – wie schon bei uns – nur geregnet. Als wir letzten Sonntag losgefahren sind, hat es auch noch geregnet, was das Fahren nicht so lustig gestaltet hat. Aber ich war mir sicher: Nach einem der vielen Tunnel würde die Sonne auf uns warten. Und so war es dann auch. Der Herbst ist ja ohnehin meine Lieblingsjahreszeit und hat sich entsprechend in sein hübschestes Kleidchen geworfen. Es funkelte rötlich und gelblich aus allen Ecken. Einzig der Wurzenpass wollte mir kurzzeitig meine Laune verhageln. Es gibt ja diese tollen Autos, die Allradantrieb haben. Oder solche, die einfach nur fett sind und 250 PS unter der Haube haben. Ääääh, beides hat mein kleiner, alter Clio leider nicht. Und so mühte sich der gute Fökki bei 18 % Steigung ab. Mehr als den zweiten Gang konnte ich gar nicht befahren. Halleluja. Ich hatte schon Sorge, der Kleine würde das Rauchen anfangen. Aber er ist tapfer geblieben – genauso wie wir. Wir haben auch nicht schlecht gestaunt, zu registrieren, wie nah dieser Ort (von Stadt will ich hierbei lieber nicht sprechen) an Österreich liegt. Und doch taucht man in eine völlig andere Welt ein, weil wir außerstande waren, auch nur ein einziges Wort zu entziffern, das auf den Schildern stand. Klar, ist ja auch eine slawische Sprache. Aber Himmerherrgottsakrament: Wir können rein gar nichts aus dem Geschriebenen schließen! Und da es der zweite Oktober ist, sind wir komplett außerhalb der Saison gelandet, was wir im Grunde auch begrüßen. Nur die Hütten sind natürlich auch seit zwei Tagen geschlossen.
Das Hotel liegt recht nah am Jasnasee, der – wenn auch künstlich angelegt – einfach traumhaft ist. Ja, hier können wir Oppas Liebe nur zu sehr nachvollziehen. Das wirkt alles unwirklich…mit der bunten Farbenpracht der Bäume, dem spiegelglatten See, den Bergen ringsherum. Und da eben kaum was los ist, herrscht eine wunderbare Ruhe. Würde ich meditieren, wäre das hier genau der richtige Ort dazu.
Wir haben uns auch andere Orte angeschaut, die ebenfalls sehr schön waren. Allerdings konnte nichts an das Gefühl heranreichen, das ich an diesem See empfunden habe. Wasser ist eben auch mein Element. Auch der Höhenpass Richtung Italien hat uns spektakuläre Sichten ermöglicht. Dauernd haben wir gehalten, Fotos geschossen, uns durch tiefes Einatmen eine ordentliche Sauerstoffvergiftung zugezogen. Es war im wahrsten Sinne des Wortes berauschend.
Und doch gibt es ja immer auch ein Aber. Dieses Aber liegt in einer Begegnung der dritten Art begründet. Ich mag Menschen, die leidenschaftlich sind. Und jeder hat so seine eigenen Überzeugungen. Manchmal weiß man es ja schon im Vorfeld, dass etwas nicht ganz rund laufen wird. Und so war auch der Besuch bei einer Bekannten meiner Sis im Vorfeld schon bei mir mit absoluter Lustlosigkeit verbunden. Ich finde die Frau nämlich schon in Deutschland schräg. Wenn sie bei ihrer Familie ist, schwant mir dann noch Übleres. Doch gegen meine Überzeugung bin ich hingefahren. Omma hat dann erstmal allerlei aufgefahren und konnte nicht mal fünf Minuten auf dem Hintern sitzen bleiben. Sie hat mich an meine liebe Omma erinnert, die auch ständig was zu tun hatte. Der Bruder der Bekannten war auch ausnehmend höflich und freundlich…wenn auch ein wenig zu viel. Zwei seiner Söhne waren von Beginn an anwesend. Der Ältere war viel zu ernst für sein Alter. Mit 13 Jahren war ich anders drauf. Und trotzdem hat er mich fasziniert. Als dann der mittlere Bruder von der Schule kam, haben sie uns ein Konzert gegeben. Der Große hat Akkordeon gespielt – später sogar auch steirische Harmonika. Der Mittlere hat ihn mit einer Tuba begleitet. Der Kleine war etwas genervt, weil ihm die Aufmerksamkeit entzogen wurde, weshalb er seine Glocken herbeiholen musste. (Und ich musste ständig an den „Schuh des Mannitu“ denken und Christian Tramitz Spruch: „Mei, Sie ham aba schöne Glocken!“ Und sie antwortet: „Das sind die Glocken meiner Großmutter.“ Da bin ich dann dankbar für meine Körperbeherrschung, weil ich eben nicht loswiehern musste.) Nun ist das absolut gar nicht meine Musik, aber ich war dennoch total gerührt, wie der Große sich in seinem Spiel völlig zu verlieren schien. Er hat wohl früher bei Wettkämpfen gespielt, und entsprechend war sein Repertoire riesig. Ganze dreimal habe ich ihn flüchtig lächeln sehen in insgesamt zweieinhalb Stunden. Und das kam nicht von pubertärer Coolness, sondern von einer für mich nicht fassbaren Traurigkeit. Erst im Nachgang haben wir erfahren, dass seine Mutter vor Jahren in einem psychischen Ausnahmezustand war, weil sie bei sich Zuhause nur Härte und Schläge gekannt hatte und plötzlich in Panik verfallen ist, wie sie ihre Kinder denn lieben könnte, wenn sie selbst diese Liebe nie erfahren hatte? Die zwei Jüngeren haben einen recht lockeren, leichten Umgang gezeigt. Im Gegensatz dazu kam mir der Große so vor, als trüge er die Last der gesamten Menschheit auf seinen Schultern. Nur beim Musizieren konnte er diese mal für eine Weile beiseitepacken.
Bis hierhin war es noch recht ok, wenn auch schon etwas eigenartig. Ich habe mir meine Neffen vorgestellt, wie sie dazu aufgefordert worden wären, fremden Leuten ein paar Stücke vorzuspielen. Der Große hätte eventuell noch mitgemacht, der Kleine eindeutig keinen Bock gehabt und dies auch entsprechend gezeigt. Und mein Verständnis hätte er dafür voll und ganz gehabt. Die Zeiten, in denen Kinder wie Zirkuspferdchen vorgeführt werden, sind aus meiner Sicht Gottseidank längst vorbei. Wenn sie es aus eigenem inneren Antrieb heraus machen wollen, bin ich damit völlig fein. Aber so?
Doch dann kam es zur nächsten Überraschung, die die Familie geplant hat. Die Kinder blieben Zuhause, so dass wir nur zu viert – meine Sis, ihre Bekannte, deren Bruder und ich – weitergefahren sind. Und zwar zu einem Wallfahrtsort. Wer mich kennt, hört mich an dieser Stelle schon seeeeehr tief einatmen, um meine Gegenwehr wegzuatmen. Vermutlich habe ich zu lange in diesem religiösen Konglomerat gelebt und zu viel Kraft gebraucht, mich daraus zu befreien. Die Überraschung war, dass wir an diesem Ort eine Kerze für unseren Oppa entzünden könnten, um so den Kreis zu schließen. Es gibt keinen Kreis, den ich schließen musste. Ich wollte mir einfach nur das von ihm sogenannte Paradies anschauen, in dem er gestorben ist. Und als wäre das nicht genug, war der Bischof und Franziskanerpater da, um uns zu segnen. Ich habe befürchtet, mit Weihwasser besprenkelt zu werden, das dann zischend verdampft wäre. Aber es kam Gottseidank nicht zum Einsatz. Und ja, ich weiß diese Geste durchaus zu schätzen, weshalb ich mich auch nicht kirchenfeindlich geäußert habe. Auch nicht, als der Bruder der Bekannten berichtete, dass er samstags immer dort als Lektor fungiere und der Bischof seine Söhne so gerne möge. Nein, ich hab´s mir verkniffen und den Blick gesenkt.
Besagter Bischof machte trotz seines Alters (irgendwas über 80) einen aufgeweckten Eindruck. Der Bruder der Bekannten machte ständig leichte Diener vor ihm, was mich einfach nur befremdet hat. Uns wurde berichtet, dass der Bischof 25 Jahre im Vatikan gelebt hätte und dort Richter im Kirchengericht gewesen sei. Er selbst berichtete dann, wie er für Papst Johannes Paul II. Predigten geschrieben hätte. Vermutlich sollte mich so was ehrfürchtig machen. Allein, da regt sich nichts. Wir bekommen im Inneren des Klosters in der Privatkapelle des Ordens den Segen erteilt. Ich weiß auch hier wieder, dass das was Besonderes sein muss, denke aber: Was macht diesen Menschen so viel besser, dass er mir seinen Segen erteilen kann? Ich bleibe wohl ein Ketzer…aber aus meiner Sicht sollten Menschen sich nicht über andere erheben. Welchen Sinn soll das denn haben? Was macht einen Kirchenmann zu etwas Besserem?
Draußen werden wir noch zu Cappuccino und Apfelstrudel eingeladen, bis der Geistliche uns verlässt. Und dann hat Janez (so der Bruder der Bekannten) seinen großen Auftritt. Er ereifert sich, spricht von den Abgründen der heutigen Menschheit, von all den Verfehlungen, weil man Gott aus dem Auge verloren hätte. Wehe dem, der sich gegen Gott bzw. einen Menschen, der Gott im Herzen trage, auflehne. Der habe sein Leben verwirkt und würde ewige Verdammnis und dergleichen mehr erleiden. Mannomann, das kenne ich noch aus meiner Kindheit. Und es widert mich an. Er blickt mich direkt an und spricht ernsthaft von Exorzismus. Satan könne den Namen der Gottesmutter nicht aussprechen, weil sie so rein sei und so stark. Wir sollten morgens und abends den kompletten Rosenkranz beten und für uns und unsere Liebsten bitten. Das hat meine böse Omma auch immer gemacht. Ein besserer Mensch ist sie dadurch nicht geworden. Und die Suppe ist mittags bei nur einem Gesetz des Rosenkranzes auch kalt geworden.
Wenn dann ein Dämon daherkäme, könne dieser uns nicht mehr ins Herz dringen und bla bla bla. Er merkt wohl an meinem Gesichtsausdruck, wie sehr ich mich bemühe, nicht zu schreien. Das lässt ihn sich nur noch mehr ereifern. Erstaunt von mir selbst, sage ich dann sehr ruhig: „Ich glaube auch – nur eben völlig anders. Da ist nichts Bestrafendes. Ich glaube an das Gute im Menschen.“ Jaja, das tue er auch, aber… Und dann geht der ganze Summs von vorne los. Alkohol, Drogen, Pornographie. Ich stelle mir vor, wie sich langsam Schaum vor seinem Mund bildet und bedauere den ältesten Sohn. Es wird kein leichter Weg für ihn sein, diesem Fanatismus zu entkommen.
Als wir endlich fahren können, bin ich erleichtert. Und auch ein bisschen stolz auf mich, nicht offen rebelliert zu haben. Wenn das für ihn wichtig ist, darf er das gerne so handhaben. Es muss mir ja nicht gefallen. Meine Sis meint dann beim Losfahren: „Ok, zum Schluss hin war er ein bisschen zu religiös, oder?“ Ein bisschen?!?!?! Dann ist Putin auch nur ein bisschen autoritär. Dann ist das Klima auch nur ein bisschen im Eimer. Oh man, ich kann so einen gequirlten Schwachsinn immer schlechter ertragen. Angeblich sollten wir uns am nächsten Tag erleuchtet fühlen…irgendwie befreit. Ich spüre nix, nur Rücken, weil die Betten so mies sind.
Und auch, wenn mich einiges ankekst, was in unserem Land abgeht, bin ich froh, dass die Kirche nicht mehr den Stellenwert hat, den sie noch in solchen Ländern besitzt. In Südamerika hat sie auch noch sehr starken Einfluss. Jeder soll zu seinem Gott beten, wenn er das möchte. Aber niemand sollte anderen so was überstülpen.
In diesem Sinne: Habt eine angenehme Woche und macht, was Euch Freude bereitet!

Auuuutschdääääänding

Die Woche ist Cognac…ach nee, rum. Gott, ich vermisse Menschen, wie Heinz Erhardt. Da war alles irgendwie leicht. Manchmal auch klamaukig, aber das macht nichts. Vergleichbar finde ich heute nichts mehr. Ob Loriot oder Diether Krebs – da ist nichts Vergleichbares heute. Oh man, jetzt klinge ich schon wie meine Omma. Dabei wünschte ich mir einfach nur ein bisschen weniger „Krise, Krise“ und mehr von Loriots „Müller-Lüdenscheids“ oder Krebs Sketche oder Erhardts „Die Made“. Auch die steckt in der Krise, „weil der Gatte, den sie hatte […] vom Blatte“ fiel. Es ist mehr Augenzwinkern, mehr Leichtigkeit bei allem – trotz oder gerade wegen schwieriger Zeiten.

Diese Woche war geprägt von lauter Terminen, die wieder einmal niemand gebraucht hätte. Ich merke, dass ich ruhiger werde, je aufgeheizter die Stimmung um mich herum wird. Mein Drama läuft eher, wenn es drumherum ruhig ist. Auch eigenartig, doch das war wohl schon immer so. Mit 14, als sich meine Freundinnen ganz schnell betrunken haben beispielsweise. Da habe ich dann aufgehört, weil ich wusste, dass es bald rappelt. So war es dann auch. Man, man, man, war das ein riesiges Drama, das Christina da abgezogen hat. Die anderen beiden hatten das heulende Elend. Bei so was werde ich innerlich ganz ruhig und bin handlungsfähig.
So ist es eben auch jetzt. Meiner Sis geht es nach wie vor schlecht. Es ist wirklich eigenartig, wie wir bisweilen mit uns selbst umgehen. Wir laufen wie „e Döppke“ und spüren oft die eigenen Grenzen nicht, weil wir uns selbst was vormachen: „Wird schon…ist ja nur vorübergehend…bloß nicht auffallen…wäre doch gelacht, das nicht zu schaffen…“ Und dann wundern wir uns, dass uns alles um die Ohren fliegt, wenn das Fass dann überläuft. Ich wünschte mir für mehr Menschen, dass sie ihre Grenzen besser spüren könnten – inklusive mir.

Andererseits soll es bitte auch keine reine „me first“-Show von allen werden. Während manche sich durchquälen, gibt es nämlich andere, die nur zu gut auf ihre Bedürfnisse achten – so komplett ohne auf andere zu achten. So auch diese Woche geschehen. Wir hatten wieder so ein herrlich nerviges Meeting zu fünft. Zwei waren pünktlich, dann kam die Dritte im Bunde, dann der Vierte. Dann kam erstmal nichts. Aber keiner wusste, wo der fünfte Kollege blieb. Naja, einer meinte, er habe gehört, dass sein Sohn wohl krank gewesen sei? Darauf sagt die Kollegin: „Aber das ist doch heute nicht sein Tag. Seine Tage sind montags und mittwochs.“ Muss ich mich schlecht fühlen, weil ich nicht weiß, wann welcher Kollege mit dem Kind beauftragt ist, es in die Kita, den Kindergarten oder die Schule zu bringen? Vermutlich schon.
Der Kollege kommt dann aber nach über zehn Minuten doch noch reingeschlappt. Und ja, ich meine reingeschlappt. Wenn Ihr den Gang sehen würdet, wüsstet Ihr, wovon ich spreche. Mit Vorliebe zieht er dann auch seine Schuhe aus. Vermutlich qualmen seine Füße sonst. Ich frage mich gerade, ob ich ihm Chips und ´ne Pulle Bier reichen soll und ihn im Gegenzug dann Al Bundy nennen darf? Grund fürs Zuspätkommen ist nicht sein Kind, sondern schlichtweg, dass morgens nicht seine Lieblingszeit ist. Wir fangen also noch mal von vorne an, damit er auch alles mitbekommt. Vier Menschen müssen also bestraft werden, weil einer immer (und ja, ich meine immer – von dem Vogel hatte ich schon mal berichtet) zu spät aufkreuzt. Zeitmanagement ist nicht so sein Ding – und morgens noch weniger. Passt doch, oder? Nach 40 Minuten und der Aussicht, in 25 Minuten zwei Gäste zu empfangen, schlägt eben dieser Kollege vor, dass er „sorry, jetzt mal ´ne Pause“ brauche, weil er dringend einen Kaffee benötige. Alter, ich fasse es nicht. Die meiste Zeit sitzt er breitbeinig und mit Händen hinterm Kopf verschränkt in der Veranstaltung. Wäre er ein Pavian, könnte ich dieses Dominanzgehabe ja durchaus verstehen, aber so? Er, der letztens meinte, meine Körperhaltung sei eindeutig ablehnend gewesen, als wir eine ätzende Diskussion gehabt hätten, bei der ich persönlich angegangen worden bin. Er, der sagt: „Meine Freundin ist ja Sozialarbeiterin. Die weist mich auch immer wieder darauf hin, dass ich mich sozialer verhalten solle. Ist ja ganz nett, wenn Du die sozialen Aspekte reinbringen willst. Wir Männer machen das anders. Wir ignorieren einfach die Einwände von anderen und machen, was wir wollen.“ Sprach´s und lachte siegessicher darüber.
Was kann ich von ihm lernen? Naja, zumindest ein wenig mehr auf meine Bedürfnisse zu achten. Mehr fällt mir leider nicht ein. Allerdings wird es bei einer Frau anders bewertet, wenn sie für sich Dinge einfordert. Dann ist sie wahlweise bedürftig-schwach oder eine egoistische Zicke. Aber ja: Wir sind total bei der Gleichberechtigung angekommen.
Die Kundenrückmeldung fasse ich im Termin zusammen und gleiche ab, ob wir den Auftrag richtig verstanden hätten? Jepp, hätten wir wohl. Anschließend wieder zu fünft plus neuer Chefin, kommt dann die Aufforderung, ich solle es doch noch mal aufzählen, weil ich das vorhin „so nett“ gemacht hätte. Ich setze an, als der erste Kollege schon dazwischen palavert. Dann werde ich nach fünf Minuten erneut aufgefordert, starte mit den ersten zwei Punkten und werde wieder unterbrochen: „Meinst Du echt, wir sollten das in der Reihenfolge machen?“ Es war die Reihenfolge der Rückmeldung. Bewerten können wir das ja immer noch. Es folgt eine Diskussion darüber, ob es nun wichtig sei, jetzt schon die Reihenfolge für spätere Schulungsinhalte festzulegen oder eben später. Und da wundern wir uns, dass wir nie zu einem Ergebnis kommen. Dann soll ich doch bitte meine Punkte noch zuende aufführen. Prompt kommt anschließend von der Kollegin: „Ich habe aber noch gehört, dass er was von Betriebsblindheit gesagt hat.“ Ich atme durch. Gesagt hat der Kunde in der Tat noch weit mehr. Es ging aber um die konkreten Wünsche für die Schulung, und die habe ich aufgezählt. „Aber das ist trotzdem wichtig!“ Was hat das denn mit dem Schulungsinhalt zu tun? Aber es macht nichts. Wir nehmen noch andere Ursachen auf und einiges an Laber-Rhabarber, nur um dann festzuhalten: „Aber stimmt ja. Die Punke für die Schulung sind die, die rechts stehen. Und das ist es, was wir brauchen.“ Ich sollte echt an meinem Suaheli arbeiten… Wir verlieren auch für diese überflüssige Übung wieder jede Menge Zeit.
Ich fasse es mal mit den Worten eines Herren der oberen Heeresführung zusammen: „Auuuutschdääääänding, sog i nua.“ Ja. Bei „autsch“ wäre ich durchaus auch dabei. Aber outstanding ist dann doch was anderes. Hat er ja aber auch nicht gesagt, sondern „Auuuutschdääääänding“. Ok, mein Fehler.
Was will ich damit sagen? Ich wünsche Euch ein herrliches Wochenende im endlich erreichten Herbst. Draußen rauscht der Regen, die Fenster sind frisch geputzt, und es kommt heute eine neue Folge von „Die Ringe der Macht“. Es läuft bei mir…ich hoffe, bei Euch auch!

Unterschiedliche Strategien

Viele Wege führen nach Rom. Ich schätze, dieses Sprichwort kennt so ziemlich jeder – selbst mein komischer Kollege. Und an diesem Sprichwort ist auch was dran. Es gibt selten nur eine Lösung für Probleme, eine Sichtweise auf etwas. Dabei wird uns das ja in der Schule gerne so eingetrichtert, dass es genau eine ideale Lösung für ein jeweiliges Problem gibt. Es hat viele Jahre gedauert, bis die Erkenntnis in mir gereift ist, dass meine Lösung nicht die von einem anderen sein muss. Und vermutlich noch länger, bis ich nicht mehr meine Lösungen rechtfertigen wollte. Das Wort „überzeugen“ löst in mir fast schon Brechreiz aus. Ich will nicht über etwas oder jemand anderem sein. Meine Vorstellung muss nicht die eines anderen sein. Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass es doch viele Menschen gibt, die mich überzeugen wollen. Warum? Ich habe eine Haltung…zu vielem habe ich eine Meinung. Aber das ist nur meine Haltung oder mein Umgang mit etwas. Warum fällt es manchen nur so schwer, andere nicht bekehren zu wollen? Und selbstverständlich bin ich auch schon in die Falle getappt, anderen helfen zu wollen, damit sie aus ihrem „Elend“ herauskommen können, ohne mich wirklich gefragt zu haben, ob das in deren Interesse liegt? Meine Maßstäbe müssen ja nicht für andere gelten. Das ist gar nicht immer so leicht, sondern ein ständiger Prozess und auch ein bewusst Machen dafür, was man da gerade tut. Ist das wirklich im Interesse meines Gegenüber oder ist es das, was ich auf ihn/sie projiziere?

Warum ich – mal wieder – in dieser philosophischen Stimmung bin? Naja, es ist mal wieder meine Familie. Ich bin aufgewachsen in dem Wissen, dass mein Vater immer recht hat. Das ging die ersten paar Jahre ganz gut. Dann wurde es schon schwieriger. Jede Diskussion war von vorneherein mit klarem Ausgang deklariert: Er hat am Ende recht. Das Positive an der Sache: Ich kann heute sehr gut argumentieren, höre gut zu, was der andere sagt und trete selbstbewusst auf. Es hat mich durchaus geprägt. Doch dieses Gerechtigkeitsding in mir wurde seit frühester Kindheit immer wieder getriggert.
Nun sind die Jahre ins Land gezogen. Es dauerte durchaus, bis ich meine Loyalität der Familie gegenüber stetig abtragen konnte. Selbst heute ertappe ich mich noch bei Rückfällen und ärgere mich dann über mich selbst (was natürlich auch kontraproduktiv ist).
Ich bin durchaus eine Optimistin, aber ich brauche es, mir die worst case Szenarien zu überlegen. Es gibt Menschen, die alles Schlimme einfach ausblenden und sagen: „Et kütt, wie et kütt.“ Und daran glaube ich auch durchaus. Und dennoch brauche ich es, mich gedanklich auf die schlimmsten Szenarien einzustellen, damit sie mich dann nicht mehr von den Socken fegen können. Jetzt könnt Ihr sagen: „Macht das nicht jeder so? Die Realität ist doch dann immer besser als das, was man sich in den schlimmsten Albträumen ausgedacht hat?!“ Jein. Ich denke schon, dass wir vor Prüfungen alle Schiss haben und das schlimmste Szenario durchspielen. Ich hingegen spiele gedanklich immer schon die nächsten zehn, fünfzehn Schritte von allem möglichen durch. Durchbrechen kann ich das irgendwie nicht. Daher gehe ich auch Konflikten selten aus dem Weg, weil ich immer wissen möchte, woran ich bin. Das geht selbstverständlich nicht immer, aber häufig schon. Ich baue unterschiedlichste Szenarien auf. Was ich nicht weiß, erfrage ich in der Regel. Hier ist meine Sis das genaue Gegenteil. Ihre Strategie, sich vor Verletzung zu schützen, ist nicht weiter nachzubohren. Nach dem Motto „Was ich nicht weiß, ist auch nicht“, begegnet sie dem Leben. Dafür bewundere ich sie manches Mal. Ich hingegen bohre und drehe Steine um. Ich verabscheue die Unwissenheit und muss den Dingen auf den Grund gehen. Zwei unterschiedliche Wege, die nach Rom führen, wenn man so will. Dabei sind wir uns wichtig und verlieren uns auch nicht aus dem Blick. Und das Wichtigste: Wir wollen die jeweils andere nicht davon überzeugen, es doch anders zu machen. Dafür bin ich unendlich dankbar. Und daher leiden wir vermutlich auch zu unterschiedlichen Zeiten.
Ein Beispiel: Mein Vater begibt sich mal wieder ins Krankenhaus. Und auch, wenn das eigenartig und überspitzt anmutet, stimmt es: Er liebt es, im Krankenhaus zu sein. Da steht er im Mittelpunkt, er hat das Gefühl, bedürftig sein zu können und dass sich die gesamte Welt um ihn dreht. Doof nur, dass er eine behinderte Fraue Zuhause hat. Dass die in der Zeit versorgt werden muss, ist noch blöder. Dazu müsste man Leute fragen oder aktiv Pflegeheime kontaktieren. Er macht es anders. Für das Auto bzw. dessen Inspektion kann er zwei Wochen vor Krankenhausaufenthalt sorgen, denn das ist ja wichtig. (Ja, mir ist durchaus bewusst, dass meine Worte vor Sarkasmus triefen.) Ab montags muss für meine Mom ein Platz vorhanden sein. Mittwochs abends vorher informiert er erst meine Sis. Eigentlich zunächst nur, um ihr sein Leid zu klagen, dass er ja ins Krankenhaus müsse. Das mit meiner Mom ist nachgelagert, denn er braucht ja volle Aufmerksamkeit. Erst dann kommt er dazu, dass meine Mom dann solange in Pflege müsste. Auf die Frage hin, wo sie denn dann sei, weiß mein Vater keine Antwort. Naja, irgendein Heim wird sie ja aufnehmen, wobei eigentlich nur eines infrage käme. Und jetzt dürft Ihr dreimal raten, ob das so gelingt? Natürlich nicht. In seiner kleinen, verdrehten Welt ist mein Vater erbost, dass es da so kurzfristig keine Möglichkeit gebe! Und auch nach zweistündigem Telefonat mit Vollnölen, wie arm er doch dran sei, haben sie nicht kurzerhand noch ein Zimmer für ihn angebaut! Potzblitz, wie böse von denen! Es hilft alles nichts, sie kommt in ein anderes Pflegeheim, das aber natürlich vollkommen „Scheiße“ ist – sagt mein Vater und daher nun auch meine Mom. Dabei waren dort auch meine Oma, die Schwester meiner Mom und ein Großonkel zur Kurzzeitpflege, bei denen alles gut war. Aber nein, wenn mein Vater sein Evangelium gelesen hat, dann entspricht das der Wahrheit. Er bringt meine Mom dann auch zu diesem Heim, aber packt keinerlei persönliche Gegenstände, kein Buch, keine Zeitschrift, kein Foto, nicht einmal Duschgel hinzu. Angemeldet ist sie auch nur halbwegs, so dass sie auch noch kein Telefon haben kann. Ist aber nicht weiter wichtig, denn für seine Sachen ist gesorgt. Bei anschließenden Telefonaten ist es dann meine Mom, die ihn aufbaut und ihm Mut zuspricht für die anstehenden OPs. Paradoxe, kranke Welt. Ich sag´ ja: Ich muss das nicht verstehen, aber sie haben sich ihr Leben immer schon so eingerichtet: Der Herr spricht und befiehlt, die Frau dient. Basta.
Das alles wabert natürlich auch in meinem Hinterkopf umher. Die anstrengenden Umstände bei der Arbeit verlangen zwar meine Aufmerksamkeit und Energie, doch selbstverständlich lässt mich das Schicksal meiner Mom nicht kalt. Das Schicksal meines Vaters schon eher. In klitzekleinen Momenten tut er mir leid, weil er so verquer auf die Welt blickt, die ihm nur Böses will. Er gönnt niemandem nur das kleinste Bisschen…nicht mal das Schwarze unterm Fingernagel. Dieses Verständnis für ihn und der Glaube an sein unbedingtes Recht wurden mir von kleinauf eingetrichtert, weshalb es selbst heute noch manchmal schwer abzustreifen ist. Völliger Schwachsinn, das weiß ich rational. Aber emotional ist es einfach etwas anderes.
Demgegenüber steht ein weiterer Bock, den er geschossen hat und der den Unterschied in der Herangehensweise von meiner Sis und mir verdeutlicht. Irgendwann letztes oder vorletztes Jahr hat mein Vater sein Stammbuch gesucht und meine Sis danach gefragt. Das in Kombination mit einem Notartermin, der wohl an der Wand angepint war, lassen meine Rädchen im Hirn auf Hochtouren laufen. Da ich ja aber nicht mehr nach Hause fahre und den Kontakt zu meinem Vater vollständig abgebrochen habe, kann ich nicht nachfragen, was es damit auf sich hat. Ich bewundere meine Sis mal wieder, die gar nicht nachfragt. Sie will es gar nicht wissen. Mich treibt es hingegen um. Und so rede ich mit Freunden, recherchiere im Netz und suche nach Anhaltspunkten. Fakt ist, man braucht kein Stammbuch für eine Enterbung meinerseits. Und ganz ehrlich? Das würde mich auch vollkommen kalt lassen. Was ist es dann? Meine Vermutung ist, dass er eine Asylanbewerberin, die er seit Jahren wie eine Tochter behandelt, adoptieren will. Klingt wildromantisch, ist es aber nicht. Da geht es meinem Vater leider auch nur darum, seinen Kopf durchzusetzen. Diese Frau ist dumm und faul – eine schwierige Kombination. Da sie aber wenig helle ist, ist das für meinen Vater wiederum Auftrieb. Das ist auch der Grund, warum seine Töchter für ihn so blöde sind: Wir sind unabhängig und brauchen ihn nicht. Er braucht bedürftige, dumme Menschen um sich herum – doch gibt es nicht so viele, die seine Intelligenz unterbieten können. Ja, ich weiß, wie hart, kaltherzig und böse das klingt. Die Wahrheit ist leider nicht immer schön. Heute kam dann raus, dass er wohl nicht sie, sondern ihren Sohn adoptieren wollte. Mindestens eine Schwester von ihm wusste davon. Diese hat ihm auch ins Gewissen geredet, er müsse das mit seinen Töchtern besprechen, denn das sei nichts, was man leichtfertig machen könnte/ sollte. Das hat ihn komischerweise nicht gejuckt. Mich überrascht es allerdings mal wieder nicht. Er hatte schon das Stammbuch, den Notartermin und alles Mögliche in die Wege geleitet (da kann er dann doch aktiv werden), aber eine Richterin habe ihn wohl ausgebremst und ihm keine Chancen auf Erfolg in Aussicht gestellt. Meine Sis weint am Telefon. Sie ist wütend, traurig, verletzt…und ja, sie schämt sich auch für ihn. Ich fühle in mich rein. Da ist nichts. Also nichts, was ihn betrifft. Über den Zustand habe ich zu viele Tränen vergossen, da ist nichts mehr übrig. Was mich hingegen wütend und traurig macht, ist meine Sis weinen zu hören. Das hat sie nicht verdient. Ich sage ja: Wir leiden zu unterschiedlichen Zeiten. Im Grunde meines Herzens wusste ich das doch längst, denn es war das einzig mögliche Szenario. Doch die hat meine Sis ja nie durchgespielt. Einzig die Erkenntnis, dass mindestens eine Schwester von ihm Bescheid wusste, weckt mein Interesse. Sie weiß, was ihr Bruder in den letzten Jahren so alles angestellt und verbockt hat. Sie weiß, dass er uns mental mit Füßen tritt. Und dennoch ist sie mit von der Partie, wenn es darum geht, dass wir „Mädchen“ uns kümmern müssten – wohlwissend, dass wir von den elementaren Dingen immer ausgeschlossen werden.
Sätze meiner Mom, wie: „Ach, wir hätten Euch längst das Haus überschreiben müssen, damit der Staat sich das später nicht mehr holen kann. Aber Papa hat Angst, dass Ihr uns dann einfach so raussetzt“, tun einfach weh. Wir wollen beide das Haus nicht haben, wollten es nie. Wir haben nie etwas gefordert und noch weniger bekommen. Als das Haus meiner Oma entrümpelt werden musste, bevor man es verkaufen konnte, haben mein Schwager, meine Sis und ich die komplette Arbeit übernommen. Als Dank wollte uns meine Mom von dem erzielten Gewinn etwas abgeben, was keine von uns angenommen hätte. Doch dazu kam es nicht: „Der Papa hat gesagt, das braucht er selbst. Da könnte er nichts von abgeben.“ Es war das Erbe meiner Mom, aber das zählt ja nicht.
Manchmal habe ich Angst, hartherzig zu werden und abzustumpfen, weil ich in solchen Momenten nichts (mehr?) fühle. An anderer Stelle springt mein Herz jedoch sehr wohl an. Ich habe eine tolle Sis, einen tollen Schwager und wunderbare Neffen. Solange ich so für diese Menschen empfinden kann, ist mein Herz nicht kalt. Ich habe wohl einfach meine Strategie angepasst, um mich zu schonen. Vielleicht erschließt sich das nicht aus den paar Zeilen heraus, da es nur die Spitze des Eisbergs ist, was Zuhause abgelaufen ist. Vielleicht denken viele immer noch, dass Missbrauch lediglich physisch vonstatten geht. Ich möchte niemanden „überzeugen“, wie er/sie in ähnlichen Situationen handeln sollte. Ich möchte einfach nur meinen inneren Frieden, denn der ist ein kostbares Gut…und liegt manchmal in so weiter Ferne.

Ich geh‘ schaukeln, wer kommt mit?

Manchmal wundere ich mich ja schon. Warte mal, warum manchmal? Stimmt ja so gar nicht. Das tu´ ich in letzter Zeit immer häufiger. Es gibt Menschen, die so gar keinen Zugang zu Redewendungen haben. So auch einer meiner Kollegen, obwohl der definitiv autistische Züge hat. Dabei nehmen Autisten Sprichwörter ja in der Regel wörtlich. Er erzählte diese Woche dann davon, dass wir ja auf „heißem Stahl“ säßen…und meinte wohl die glühenden Kohlen. Bei meiner Kollegin hat er doof geschaut, als er sich bei ihr beschwerte, dass es ja in unserer Abteilung überhaupt nicht strukturiert ablaufe und sie mit: „Der Schuster hat die schlechtesten Leisten“ konnterte. Zugegeben, sie hat Sohlen gesagt, aber er hat nur entgeistert geschaut. Das habe er ja noch nie gehört! Echt jetzt? Dafür lobt er mich nun aber regelmäßig, wie ich es mal so gar nicht mag. Nämlich wenn es darum geht, von dem anderen was zu brauchen und darauf zu hoffen, mit Schmeicheleien dorthin zu gelangen. Er kommt dann an und grinst, weil er mit der „Expertin“ sprechen wolle. Ich habe gefragt: „Glaubst Du echt, wenn Du mir Zucker in den Hintern pusten willst, dass mich das dann geschmeidiger macht?!“ Dann zuckt er hilflos die Schultern: „Nein, aber Du bist doch die Expertin. Ich habe das nicht gelernt.“ Zugegeben, ich bin manchmal eine Mistbiene: „Und wieso bekommst Du dann fast das Doppelte meines Gehalts?!“ Er sucht nach Worten und gesteht: „Stimmt. Ich verdiene deutlich mehr.“ Jetzt könnte ich entgegenhalten, dass er es nicht verdiene, sondern lediglich erhalte, aber ich kneife es mir. Er setzt sich dennoch zu mir und lässt sich seinen gesamten Workshop konzipieren. Denn damit kommt man nicht weit: „Ich habe mir vorgestellt, dass wir das mal ganz anders machen. So, wie Du immer sagst, also interaktiv. Ich habe auch nur ein paar Powerpoint-Folien zusammengestellt (16 Stück) für die zwei Stunden.“ Da möchte ich einfach weinen. Und so frage ich: „Was ist das Ziel der Veranstaltung?“ Große Augen. Ich atme tief durch: „Was bezweckst Du? Was soll nach den zwei Stunden anders sein?“ Wieder große Augen, ein wenig Rumgestammel. Im Grunde will er die Leute für etwas sensibilisieren und gemeinsam vereinbaren, wie wir das in Zukunft gestalten wollen. „Und wie wäre es mit Fragen?“ Jetzt ist er wieder da: „Fragen finde ich gut!“ Klar…nur hat er keine. Er weiß für sich die Lösung und will genau die überstülpen und umgesetzt wissen – von den anderen natürlich. Predigen, aber nicht mitleben. Und ich staune mal wieder, wieso er hadert, dass sich nie was bei den Menschen ändert, wenn er was sagt.

Der gestrige Tag war dann mein Angstgegner. Nicht etwa, weil ich Angst vor anderen gehabt hätte. Ich habe Angst vor mir bzw. meinen Reaktionen. Ich habe dieses Gesicht, das Meg Ryan in French Kiss beschreibt: „Zufrieden – schmunzeln; unzufrieden – runzeln.“ Der Termin ist aber mit der sogenannten Managementriege. Da sind – und ja, ich pauschaliere – schmieriges Lächeln und joviales Schulterklopfen an der Tagesordnung. Viele finden zwar vieles Scheiße, aber das wird weggelächelt, weil der oberste Boss es so will. Ich habe beschlossen, nur noch die Ausführung zu übernehmen. Für den Rotz im Vorfeld, das gegenseitige Anlügen und Beschönigen, das weit-weg-vom-Mitarbeiter-Sein stehe ich nicht zur Verfügung. Ganz entziehen kann ich mich dem nicht, denn zumindest körperliche Anwesenheit können sie verlangen. Vormittags kämpfe ich mit Magenkrämpfen. Mir geht es schlichtweg elend, was man mir wohl auch ansieht. Und anstatt zu sagen: „Ich geh´ dann mal nach Hause“, halte ich durch. Es soll ja schließlich keiner sagen, ich „performe“ nicht. Dabei könnte es mir doch egal sein, was diese Pissköppe sagen und denken. Sie sind eh schlechte Menschen. Aber ich will mir partout nichts nachsagen lassen. Meinem autistischen Kollegen verspreche ich auch im Vorfeld, brav die Schnüss zu halten. Und dann bringt er es auf den Punkt: „Nein! Du sollst doch gar nicht schweigen. Dem Obersten stinkt es nur, wenn Du die Perspektive der Mitarbeiter reinbringst und verteidigst. Die interessiert ihn nicht. Er möchte das Ganze aus höherer Flugebene betrachten.“ Bums. Ja, das meint er ernst. Und er sieht darin auch nichts Schlechtes. Die Mitarbeiter*innen müssen es nachher umsetzen und leben, doch einbezogen werden müssen sie nicht. Es ist das Prinzip Befehl und Gehorsam, aber bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Klar, oder?
Ich habe diesen riesigen Widerstand in mir, der – so befürchte ich – eines Tages wie beim Film Alien aus meinem Körper rausbrechen will. Genau das ist mein Dilemma: Es widerspricht allem, wofür ich stehe. Da ich – entgegen meinem Kollegen – eine Liebhaberin von Sprichwörtern bin, denke ich: Leb´ doch einfach, wie andere: „Wes Brot ich ess´, des Lied ich sing.“ Allein, ich kann´s nicht. Und so sitze ich in diesem Termin und reiße mich zusammen. Zwischendurch denke ich dann natürlich schon: Ist es das? Soll es so sein? Also, mein Leben, meine ich. Soll mein Leben aus „Zusammenreißen“ bestehen? Will ich das? Es gibt auch hier wieder so einen netten Spruch:

„Du musst Dir im Leben drei Fragen stellen: Will ich das? Will ich das? Will ich das?“

Und die Antwort ist tatsächlich immer dieselbe: NEIN. Nur macht mich die Wirtschaftslage auch kirre. Das ewig gleiche Dilemma. Abends schreibt mich ein Bekannter an, der echt schöne Nachrichten für mich hat, weil es seiner gesamten Familie richtig, richtig gut geht. Und das sah Ende letzten Jahres eben völlig anders aus. Er fragt im Gegenzug, wie es mir gehe. Ich antworte ehrlich: Ich weiß es nicht. Also manches läuft, klar. Aber ich bin weit entfernt von „mir geht´s richtig gut“. Die Angst vor der Selbständigkeit – soll ich oder lass´ ich es einfach bleiben? Die ständigen, doofen Zweifel. Die Antwort war so genial, weil einfach: „Das ist typisch für Frauen. Immer Selbstzweifel. Jeder Mann hätte sich schon selbständig gemacht. Allein schon für die Kohle und damit er Chef ist. Und wenn was schief gegangen wäre, wären es die anderen sowieso schuld gewesen. Also, das, was die meisten Luftpumpen machen, schaffst Du besser.“ Da muss ich dann kurzzeitig schon grinsen.
Und dann purzeln andere Nachrichten rein… Ein Kollege ist von einem Auto vom Fahrrad geschossen worden. Ist noch mal gut gegangen, aber etliche Prellungen hat der junge Kerl dann doch davongetragen. Ein anderer Kollege und Freund berichtet, dass sein Vater am Freitag vom Motorrad geflogen ist. Auch hier war das Auto schuld, was aber natürlich stärker war. Zum Glück keine inneren Verletzungen, aber schon nicht mehr so spaßig. Dann erfahre ich noch vom Brustkrebs einer Cousine. Sie steht mir nicht nahe, aber es zeigt einfach, wie schnell alles vorbei sein kann. Wieso quäle ich mich dann mit diesen Nichtigkeiten so herum? Jeder fühlt das Seine, ich weiß. Gerade finde ich es echt besonders eigenartig. Und das geht, was ich so höre, einigen so. Ich möchte schaukeln…auf einer Hollywoodschaukel am Strand. Ja. Genau das wär´s. Wer kann das organisieren?

Der Ire am Montag

Oh man, es ist mal wieder Montag. Der Montag kann ja echt nicht dafür, dass er strategisch so ungünstig liegt…also am Anfang der Arbeitswoche. Ob er wohl überhaupt bei der Abstimmung anwesend gewesen ist? Vielleicht hatte er damals eine Grippe, war abwesend und wurde dann fremdgesteuert? Es ist und bleibt ein Mysterium. Mein Mitleid ist ihm zumindest in Teilen gewiss, weil gefühlt doch jede*r den Montag verabscheut.
Dabei geht´s heute ausnahmsweise bei mir. Ich habe nämlich keine internen Workshop mit meinen direkten Krüppeleichen-Kollegen, sondern moderiere einen anderen Workshop von einem Kunden. Und es ist herrlich, wie jede einzelne Abteilung schon ihren eigenen Wortschatz pflegt. Da komme ich mir fast schon so vor, als sei ich in einem völlig anderen Unternehmen tätig. Hat was und ist allemal besser als die internen Abstimmungsschleifen, die mich vorzeitig ergrauen lassen.

Ein völlig anderer Ansatz, um meinen (Haar-)Ansatz schneller ergrauen oder erweißen (habe das Wort noch nie zuvor gehört bzw. gelesen, aber es gefällt mir trotzdem) zu lassen, ist die falsche Nutzung der Sprache. Ich liiiiiebe ja unsere Sprache. Und ich begrüße es sehr, wenn sie neu gestaltet wird, wenn ich Dialekte feiern kann usw. Was ich allerdings schlimm finde, ist die Tatsache, dass nicht mal Nachrichtensprecher*innen bzw. Radiomoderator*innen mehr in der Lage sind, die deutsche Standardsprache bzw. die Grammatik zu beherrschen. So geschehen heute Morgen. Da sagt der Moderator doch tatsächlich: „Das ist der ihre Überzeugung!“ Aua. Ich stutze kurz und denke, ob ich es in „der Ire“ inhaltlich wandeln kann, aber mit dem hat es leider mal gar nichts zu tun und würde lediglich meiner jüngsten Erfahrung im Irish Pub entgegenkommen. Und bekanntlich ist es ja so: Wovon das Herz voll ist, sprudelt der Mund über. Aber eben dieser Moderator war nicht mit mir im Irish Pub und berichtet hingegen von Kindern bzw. wie Kinder manches Gesagte wörtlich interpretieren. Natürlich kann man solche Aussagen noch steigern, wie beispielsweise: Bilde einen Satz mit „der die das“ in dieser Reihenfolge. Antwortmöglichkeit: „Der die das Kind gemacht hat, muss auch zahlen.“ Dann sind wir auch rabbeldiewutz beim Tun-Täter. „Fräulein, tun Sie mich mal ein Brötchen.“ Es gibt der Möglichkeiten viele…und ich liebe sie alle. Nur von Moderatoren eines seriösen Senders erwarte ich etwas anderes. Ich bin aber auch wieder pingelig. Vielleicht liegt es auch daran, dass eben doch Montag ist? Oder daran, dass ich heute noch keinen Alkohol hatte? Ich weiß es nicht.

In diesem Sinne wünsche ich Euch heute allen einen tollen Wochenstart, viel Spaß bei allem, was Ihr so macht und genügend Geduld, um nicht alle kaputtzuschlagen, denn allein ist man eben auch nur allein.

Whisky, Likör und Verantwortung

Ich werde einfach zu alt, schätze ich. Wofür? Für durchzechte Nächte. Auch wenn sie natürlich schön sind. Nach einer gefühlten Ewigkeit war ich endlich noch mal in einem Irish Pub. Es gab sogar Livemusik. Ein Träumchen…wenn´s nur nicht so übersteuert gewesen wäre. Dabei spielte die Band ganz gut. Erinnerungen an meine alten Aachen-Zeiten krabbeln in mir hoch, weshalb ich aus nostalgischen Gründen wirklich Cider bestelle. Es schmeckt auch noch wie früher: Irgendwie sind nur die ersten paar Schlucke echt lecker. Trotzdem war es eine coole Zeit damals. Ich möchte die nicht noch mal durchleben, aber rückblickend hatten wir echt verdammt Spaß. Nur hat alles seine Zeit. Da braucht mir auch keiner zu seufzen.
Im Irish Pub fließt der Alkohol. Es gibt sie ja einfach, diese Abende, an denen man alles verträgt. Radler, Cider, Tequila, Rum und sogar einen rauchigen Whisky. Da ich den noch nie getrunken habe, habe ich mich überreden lassen. Nicht zuletzt denke ich dabei an Jamie (was vermutlich ausschließlich Frauen verstehen können). Der Whisky riecht wie ein ganzes Torffeuer. Irgendwie hat das was. Ich werde bestimmt keine Kennerin und Liebhaberin dieses Getränks. Aber wenn ich mir vorstelle, in einer urigen Spelunke in Schottland oder Irland zu hocken, während es draußen stürmt und regnet, dann hat das einen gewissen Reiz. Zumindest ist für Freitagnacht auch Regen angekündigt…der dann aber nur in ein paar Tröpfchen seinen Auftritt gibt, den ich leider vollkommen verpasse, weil ich ja im Pub sitze. Als wir spät nachts – und immer noch nicht betrunken – den Laden verlassen, ist es nach wie vor warm. Leider ist die S-Bahn Stammstrecke in den Sommerferien immer übers Wochenende gesperrt, was mehr als nervig ist. Mit Schienenersatzverkehr (oh je, da denke ich gerade wieder an Elsterglanz) wird eine Alternative geboten. Wenn man aber nun nicht gaaaaanz so ortskundig ist, ist das gar nicht so ohne. Umso glücklicher bin ich, dass ich bis zur S-Bahn Begleitschutz habe. Alles in allem schließe ich meine Wohnungstür irgendwann um kurz nach drei Uhr morgens auf…wohlwissend, dass ich in ein paar Stunden mit meinem jüngsten Onkel und seiner Frau verabredet bin.
Aber was tut man sich nicht alles an, oder? Wochenlang…ach was, manchmal monatelang passiert nichts. Durch Corona ist das irgendwie schon fast normal geworden. Und jetzt? Ist irgendwie häufiger Programm angesagt. Ich will mich nicht beschweren, auf keinen Fall! Allerdings schleppe ich mich schon müde durch den gestrigen Tag. Zum krönenden Abschluss setze ich abends sogar noch Aprikosenlikör an. Hoffen wir mal, dass sich der Aufwand lohnt, wenn ich das Ergebnis in ca. acht Wochen abseihen und umfüllen darf. Wenn auch Whisky nicht mein Lieblingsgesöff wird, so ist Likör es dann doch. So ein „lecker Liköööörschen“ hat durchaus was an trüben Herbst- und Wintertagen, auf die ich mich ja wie Bolle freue.
Spannend sind dann gestern allerdings schon die Gespräche. Natürlich kommen wir nie ganz um Familienthemen drumherum – ganz einfach, weil ich natürlich schon auch neugierig bin. Mein Onkel ist auch über jüngste Geschehnisse, die mein Vater so betreibt, entsetzt und fassungslos. Nur gehört er zu der anderen Fraktion: „Ich will mich da gar nicht mit befassen. Es ist schlimm und traurig, aber ich frage gar nicht mehr nach. Ich will einfach nur meine Ruhe und meinen Frieden haben.“ Er ist lieb und – wie man bei uns landläufig sagt – „der Kreech neet schood“. Und da er der Jüngste ist, nimmt ihn auch keiner als vollwertig erwachsen wahr, was lächerlich anmutet, da er mittlerweile 62 Jahre alt ist. Nur wissen es die Älteren natürlich besser. Dabei war es der Jüngste, der die Mutter und den behinderten Onkel gepflegt hat – zusammen mit seiner Frau. Die anderen können nur Reden schwingen, wie sozial sie doch sind.
Einmal habe ich sie vertreten und bei meinem Großonkel übernachtet und ihn versorgt, als die beiden ausnahmsweise mal Urlaub hatten. Zu der Zeit lag meine liebe, demente Omma mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus. Plötzlich wurde sie aber von heute auf morgen entlassen, was natürlich eine ganz andere Hausnummer war. Und da meine Mom sich Sorgen gemacht hat, wurde mein damaliger Freund nach Hause geschickt und durch meine Mom ersetzt. Eines Morgens wurden wir dann durch Stimmen im Erdgeschoss geweckt. Wie von der Tarantel gestochen sind meine Mom und ich die Treppe runtergeflitzt, um meine Omma und meinen Großonkel in trauter Zweisamkeit am Tisch sitzen zu sehen und über das Leben quatschen zu hören. Ääääh, mit einem erst vor acht oder zehn Tagen erfolgten Oberschenkelhalsbruch?! Aufgrund der Demenz konnte sich meine Omma daran nicht erinnern, weshalb sie einfach aus dem Gitterbett gekrabbelt ist. Ihr könnt Euch unseren verstörten Blick vorstellen?! Unbezahlbar.
Keine Ahnung, wieso, aber ich frage meine Tante, weshalb eigentlich ich damals auf die beiden aufgepasst und dort übernachtet hab´? Ich war zu dem Zeitpunkt 18 oder 19 Jahre alt. Meine Tante stutzt: „Hm…gute Frage. Ich vermute, dass Du Dich angeboten hast. Aber jetzt, wo Du fragst…stimmt, sie hatte ja auch noch einige Töchter, die das hätten machen können.“ Genau. Aber es war die Enkelin, die die Verantwortung ganz selbstveständlich übernommen hat. Alles ein bisschen schräg.
Und so zieht sich das wie ein roter Faden durch mein Leben. Wobei meine Kollegen es gerade ganz hipp finden, diesen „fil rouge“ zu nennen, während ich mir an den Kopf packen muss. Sei es drum. Verantwortung bzw. ihre Übernahme war immer mein Thema. Da frage ich mich schon manchmal, woher das kommt? Meine Mom war da ähnlich unterwegs, also auch zupackend und verantwortungsbewusst. Aber ganz so arg wie bei mir, war es bei ihr nicht. Und mein Vater? Der hat immer davon gesprochen, es aber nie gelebt. Wie also kommt so was zustande? Und vor allem: Wie kann ich mich dem mal besser entziehen? Schon komisch: Während manche so nach dem Motto „me first“ leben und gut auf sich schauen (muss ja nicht schlecht sein), gibt es die anderen, die meinen, sie müssten die Welt und alle darin retten. Manchmal gehe ich mir damit selbst ganz schön auf den Sack. Aber es ist so ein Automatismus, der ständig bei mir anspringt. Hin und wieder schaffe ich es dann aber schon, mich ganz bewusst zurückzulehnen und mal nicht zu retten, zu organisieren, zu verantworten. Das darf ein bisschen mehr werden – also das Zurücklehnen und Zuschauen. Denn es klappt dann ja auch ganz gut. Na also!