Junge, lies keine Nachrichten von Deiner Perle!

Noch vier Wochen. Noch vier Montage – unnütz wie eine dritte Schulter, aber eben nur noch viermal. Diese Tage lassen mich immer um Jahre altern. Herrlich ist es besonders, wenn meine Chefin mich direkt anspricht und dann befragt, andere dann aber ihre Meinung stattdessen lossabbern. Bei der vierten Aufforderung an mich, habe ich tief Luft geholt. In dem Maße ist das nie ein gutes Zeichen. Ich hab dann auch mal spitz angemerkt, dass es schon interessant sei, wenn ich explizit gefragt würde und andere dann antworten würden. Da ist dann immer betretene Stille wie bei ertappten Fünfjährigen. Nur leider ohne nachhaltige Lernkurve, aber mei, ich wiederhole mein Mantra: Noch vier Wochen. Ich hatte meine Chefin letzte Woche auch darauf aufmerksam gemacht, den Regelrunden fernbleiben zu können, da ich in der Zeit doch an den für sie wichtigen Themen arbeiten könnte. Hat sie auch eingesehen, nur um mich dann heute doch dazu zu bitten. Sie wolle doch soooo gern noch meine Expertise und Verbesserungsvorschläge dazu hören. Nur um beiden eh nicht nachzugehen. Mantra hin, Mantra her – ich brauche Valium.

Da ich da nicht so ein einfach rankomme und mir leider eh die Rezeptoren für Opiate fehlen (leider kein Scherz), mache ich einfach ein hübsches Alternativprogramm. Ich gehe essen und anschließend ins Kino. Tatsächlich wage ich mich in eine Sneak-Preview. Ich hab meiner Begleitung abgerungen, dass wir fummeln, wenn der Film schlecht sein sollte. Ein zweites Mal halte ich nämlich keinen Film wie „Mother“ nüchtern oder alternativ ohne zu fummeln aus. Meine Kino-Begleitung hat’s mit einem Lachen und Bestätigung quittiert. Tja, noch lacht er. Wenn es ein schlechter Film wird, muss er die alte Frau bespaßen. Ich überlege, was ich mir wünschen soll? 😉

Und so stehe ich mal wieder bei der Eiseskälte an der S- Bahn. Da kommt eine junge Frau des Weges. Irgendwie haben die ja alle iPhones heutzutage. Und da telefoniert man nicht mehr, weil es „cringe“ ist (oder was sie sonst so dazu sagen). Anstelle eines Telefonats facetimen sie. Das Old-School-Android-Weibchen in mir bezeichnet es als schnöde Videotelefonie. Die Gute poltert los: „Ja echt! Und dann hat der die ganzen Nachrichten gelesen! ALLE!! Und dann auch noch ihre Mails, Junge!“ Hier hätte ich eher zu „Alter“ tendiert, aber hey, es sind Nuancen. Und schon mault sie weiter: „Ich hab ihr so gesagt: ‚Das geht nicht! Du liebst den doch nicht! Du brauchst nur Aufmerksamkeit, weil Du ein Jahr lang keine bekommen hast.'“ Ich schließe daraus, die Gute war ein Jahr lang Single. Und nein, ich will nicht zuhören, kann mich dem aber nicht entziehen, weil es SO LAUT IST, da die Dame sich so ereifert. „Die hat dann auch gesagt, das stimmt schon, aber sie weiß auch nicht, Junge! Ist das zu fassen?!“ Nein, ist es nicht. Die Gegenseite ist dann echt ein Kerl und im Vergleich eher leise. Macht aber nichts, da sie ihm ohnehin ins Wort fällt und sich weiter auslässt. Ganz gemütlich prökel ich mir meine Kopfhörer in die Öhrchen, was sie kurz irritiert aufschauen lässt. Ja, Herzchen, Du bist verdammt laut. Aber ich kann sie verstehen.

Und so schmunzel ich vor mich hin und denke an ein Gespräch in Straubing, wo ich am Samstag zu einem 50. Geburtstag war. Der Chef von dort ist mit seiner Frau auch anwesend. Wir klönen, haben Spaß – sie mit Alkohol, ich nüchtern. Dann fragt sie: „Bist Du eigentlich Single?“ Was ich natürlich bestätige. Da prustet sie zum Leidwesen ihres Mannes raus: „Ach deshalb ist die so ein fröhlicher Mensch!“ Wir Frauen lachen, die Herren schauen pikiert. Ob die wohl auch die Nachrichten ihrer Frauen gelesen haben?! Ich weiß es nicht. Genauso wenig, wie ich weiß, ob ich mir einen schlechten Film wünschen soll oder nicht. Wir werden sehen. 😁 JUNGE! So.

Altersblindfisch

Es ist Sonntag, die Welt liegt verschneit in weiß ruhig da. Heute geht’s ins Kino. Endlich, endlich schaue ich mir Avatar an. Wenn das mal kein Grund zur Freude ist! Einziger Wermutstropfen: Ich muss mir nach langer Zeit noch mal Kontaktlinsen reinprökeln. Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun. Wäre es so, wäre ich ja geübt im Prökeln. Bin ich aber nicht. Wobei das Reinfummeln wesentlich leichter geht, als das Rausfummeln heute Abend. Und ja, ich merke gerade selber, dass es wie die Einleitung zum Softporno klingt. Ich kann allerdings sagen, dass die Gefühle, die dabei aufkommen, weit auseinanderdriften. Wobei ich das natürlich auch nicht wirklich beurteilen kann, da ich nie etwas Derartiges gedreht habe. 

Bevor ich mich nun aber um Kopf und Kragen schreibe, hier die eigentliche Botschaft: Ich trage die Kontaktlinsen ausschließlich, weil ich nachher eine 3D-Brille während des über dreistündigen Films tragen werde. Wenn Avatar, dann in 3D. Mir persönlich wäre eine D-Box noch lieber gewesen, wo sich der Sitz entsprechend mitbewegt. Nur sind die Plätze immer sofort vergriffen. Und eigentlich wollte ich mit einer Freundin hingehen. Dann hat ein Kollege/ Freund das gehört und wollte mit. Da wollte ich dann den Vierten aus unserer Essensrunde noch fragen, der mir eröffnete, vor ein paar Stunden Karten für sich, seine Freundin und ebenjenen Kollegen geschossen zu haben, der eigentlich bei uns mitgehen wollte. Ich konnte noch zwei Karten organisieren. Und so fiebern wir nun nicht ausschließlich dem Film entgegen, sondern ebenso dem doofen Gesichtsausdruck unseres Kollegen. Ja, manchmal sind wir schon echte Biester. 

Demgegenüber steht meine ganz eigene Herausforderung: Ich bin kurzsichtig… seit Jahren. Mit fortschreitendem Alter kommt nun jedoch so eine dämliche Altersweitsicht hinzu. Die beiden heben sich jedoch nicht gegenseitig auf. Nein, nein. Sie führen eine Art schlechte Beziehung: Sie leben ohne Rücksicht auf Verluste nebeneinanderher. Mit Brille bedeutet das, ich zieh die Brille ab, wenn ich lese, an meinem Handy Nachrichten schreibe usw. Für alles andere hab ich hübsch die Brille auf der Nase. Bei den Kontaktlinsen geht das natürlich nicht. Genau aus diesem Grund muss ich heute Abstand zu Menschen halten, um sie scharf sehen zu können. Ich muss über meine Alterszicken lachen und ernte den Spott meiner Freundin, die mir höflich anbietet, den Blindenführer zu übernehmen. Ja ja, wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung, ich weiß. 

Hinzukommt etwas, das jeder Mann sicherlich nur zu gut verstehen kann: Die Herausforderung beim Schminken. Da ich ungeübte Kontaktlinsenträgerin bin, kann ich die Augen nicht vorher schminken, da sie vermutlich noch tränen werden. Versucht mal, Eyeliner, Kajal und Wimperntusche aus der Entfernung aufzutragen. Ich kann Euch sagen: Es ist nicht so einfach. Und dass ich dauernd über mich selbst dabei lachen muss, macht es nicht besser. Naja, im Kino ist es ja immerhin dunkel, gell? Daher bin ich gespannt, wie es wird, bevor eine weitere, vermutlich irre Woche auf mich wartet. Euch wünsche ich einen genialen Wochenstart!

Lügen und Lichtblicke

Es ist schon der Wahnsinn, was so läuft, wenn man kündigt. Welche Leute welche Informationen streuen, da wundere ich mich schon. Die meisten raten mir, mich entspannt zurückzulehnen und das Schauspiel zu genießen. Das fällt mir hingegen aber nun mal schwer.
Und so arbeite ich nach wie vor ganz normal bzw. nicht ganz so normal. Denn normal wäre es, freitags nicht zu arbeiten – so ist es vereinbart. Mein Gleitzeitkonto steigt und steigt hingegen. Einmal habe ich freitags nachgegeben, damit es besser für meine Chefin läuft. Und schwups sehe ich mich gestern wieder vor dem Rechner hockend und eine Bachelorarbeit Korrektur lesen. Da geht es weniger darum, der Firma was Gutes zu tun, als vielmehr darum, den Bachelor-Studenten nicht hängen zu lassen. Sein Betreuer ist kein böser Kerl, nur einer, der immer so erschöpft und überfordert vom Leben ist, dass er meint, er müsse nun noch mehr auf sich achten. Prinzipiell ist das völlig in Ordnung, wenn man gut für sich sorgt. Wenn man dabei andere aber komplett hängen lässt und drei Tage frei nimmt, nachdem man fünf Wochen krank geschrieben war (denn es ist ja sooo anstrengend, wenn die Frau Zuhause einfach deprimiert ist, weil ihr Job so mies ist und sich deswegen bereits neun Wochen krank schreiben lässt), dann…finde ich das nicht mehr ganz so fair. Der Student fängt dabei die Termine von diesem Kollegen auf, geht in Rücksprachen, die eigentlich ein festangestellter Berater führen müsste und darf sich dann noch von unserer völlig stumpfen, ignoranten Chef-Chefin anschnauzen lassen, dass er das Projekt verbocke. Wohlgemerkt: Er ist „nur“ Bacherlorand bei uns. Und die Ansprechpartner für das Projekt sind mit ihm super zufrieden und maulen lediglich herum, weil der eigentlich Zuständige nie da sei und sie das Schlimmste befürchten, wenn der Student dann geht. Unsere Chef-Chefin will ihn mit einem Minipups-Gehalt für ein halbes Jahr festanstellen und wähnt sich großzügig. Er hat abgelehnt, blitzgescheit, wie er ist. Die IT-Betreuung des Projekts hat davon Wind bekommen und ihm ein viel üppigeres Angebot gemacht und stellt es hin, wie es ist: Sie brauchen ihn. Bei unserer Chef-Chefin ist da kein Verhandlungsspielraum. Und das könne ja quasi jeder X-Beliebige erfüllen. In der Annahme geht sie so was von fehl. Aber hat es eine Konsequenz? Nein. Und das ist irgendwie erschreckend, oder?
Die Betreuung der Bachelorarbeit geht somit nur leider komplett unter. Das ist hingegen die Aufgabe unserer Firma. Juckt das jemanden? Wohl kaum. Meine Kollegin kümmert sich – ich unterstütze dabei…und bin wieder einmal fassungslos, wie wir mit Menschen umgehen. Da wundert sich doch keiner mehr, wenn junge Menschen keine Loyalität zu einem Unternehmen aufbauen können. Der junge Kerl bedankt sich auch mehrfach bei uns, während ich mich nur schäme, was da so abläuft.

Derweil kommt einer meiner direkten Kollegen mal wieder ins Plaudern. Er war bei unserem obersten Boss, den ich ja mit jeder Faser meines Körpers hasse. Dieser erkundigt sich auch bei meinem Kollegen, wohin ich denn wechsle? Warum kann der Sackarsch nicht das Gespräch mit mir suchen, wenn es ihn doch so interessiert? Und dann berichtet mein Kollege grinsend: „Er hat dann allen Ernstes gefragt, ob Du noch was abgreifen könntest bei uns?“ Hier lacht er: „Als wären die Unterlagen der Externen auch nur eine Pfifferling wert.“ Ich weiß, es sollte mir am Heck vorbeigehen. Tut es nur leider nicht. In mir krabbelt eine Wut hoch, die ich irgendwie kontrollieren muss, sonst ziehe ich doch noch um die Ecke und kacke ihm auf die Fußmatte – zumal dieser Sackarsch ja direkt um die Ecke wohnt. Ich habe etliches in diese Firma reingetragen – Bücher, Spiele etc. Von allen Ausbildungen habe ich Sachen herangekarrt und dort eingebracht. Und da befürchtet dieses kranke Hirn, ich könnte was von den uralt-Lavendel-Kack-Unterlagen abgreifen? Ich schäume innerlich vor Wut.
Leider habe ich auch noch eine Abschlussveranstaltung zu einem Projekt einer großen Umstrukturierung, die so derbe Grütze gelaufen ist, dass sie einige Kündigungen seitens der Mitarbeitenden nach sich zog – nicht derer, die man gerne mal verliert, sondern derer, die wirklich Power hatten und was bewegen wollten. Innerlich schäumend, gehe ich dorthin und denke: Ich habe so viele tolle Menschen hier kennengelernt, aber hier in diesem Raum befinden sich gerade die ganzen Schwachmaten auf einem Haufen. Und dann wird auch schon munter losgelogen, dass sich die Balken biegen. Die Obersten klopfen sich gegenseitig auf die Schultern und beglückwünschen sich zu diesem genialen Geniestreich, der leider das genaue Gegenteil war. Eine Kollegin aus einer anderen Abteilung legt mir irgendwann die Hand aufs Bein und raunt mir zu: „Reg´ Dich nicht so auf. Ist doch schön, wenn sie es selber glauben. Du bist bald weg.“ Aber ich rege mich auf! Und wie! Als dann mein oberster Boss nach vorne geht und ein paar Worte sagt, was für eine tolle „Familie“ wir doch seien, glaube ich, fast zu ersticken. Als sie dem Plenum (oder besser gesagt Pöbel, wie mir) die Gelegenheit anbieten, nach vorne zu gehen und ein paar Worte von sich zu geben, spiele ich kurz mit dem Gedanken, dem tatsächlich nachzukommen und ihnen einfach kurzerhand vor ihre Füße zu speien. Ich tu´s nicht, denn ich weiß schon noch, was sich gehört – auch wenn diese Hampelmänner es schon lange nicht mehr wissen. Abends sind wir dann noch mal eingeladen – zum „get together“. Ich gehe hin, um mir diese Farce noch ein letztes Mal zu geben. Ich treffe auch gute Leute dort. Ein Manager sagt zu mir: „Und Du verlässt uns also?“ Aus mir wird niemals eine Diplomatin: „Nach der Lügenparade ist das kein schwerer Schritt.“ Sofort rückt er näher und wird leiser: „Ach was…so schlimm ist es doch nicht, oder?“ Ich schaue ihn an: „Glaubst Du den Scheißdreck, den sie da erzählt haben?“ Er zuckt mit den Schultern und grinst: „Ich stelle da immer auf Durchzug und mache einfach mein Ding.“ Wieso kann ich nicht so sein? Wieso kann ich nicht einfach nicht hinhören, hübsch lächeln und alles an mir abprasseln lassen? Ich versteh´ mich selbst nicht.

Erst am nächsten Tag werde ich wieder ruhiger. Es bringt nichts, mich an diesen gestörten Hirnis abzuarbeiten. Diese Welt wird nie die meine sein. Demgegenüber steht dann eine Nachricht, die ich von einem Studenten erhalte, den ich vor über einem Jahr betreuen durfte. Er schickt mir Fotos und ein Video von seinem ersten Flug, den er ganz allein vollbracht hat. Wenn seine Piloten-Ausbildung geschafft ist und er dann offiziell fliegen darf, wird er schauen, wann ich mal mitfliegen kann. Ich schätze, deshalb macht es ein Teil von mir auch: Ich lese die Arbeiten der Studis, unterstütze sie, tausche mich mit ihnen aus und höre ihnen zu, weil ich möchte, dass eine andere Kultur entsteht. Eine Kultur, in der es wieder menschlicher in Unternehmen zugeht. Eine Kultur, in der man offen seine Meinung sagen darf und es gewünscht ist, Abläufe und Entscheidungen kritisch zu hinterfragen. In der es von Vorteil ist, nicht nur stromlinienförmig zu schwimmen und wie Teflon alles an sich abperlen zu lassen, was einem nicht gefällt. Darauf hoffe ich. Die nächsten Wochen werden spannend. Wenn ich kann, werde ich ein, zwei Gänge zurückschalten. Ändern werde ich an den Entscheiderstellen sicherlich nichts mehr, aber vielleicht lege ich gutes Saatgut in den Studis, mit denen ich zusammenarbeite. Schließlich sind die die Zukunft – und auch zukünftige Führungskräfte.

erst Mitte Januar

Wir befinden uns erst in der dritten Januarwoche. Mir kommt es so vor, als hätten wir bereits die Jahresmitte erreicht. So macht das echt richtig viel Spaß…oder eben auch nicht. Zwischenzeitlich haben sie sogar mein Firmenhandy platt gemacht, dass ich nicht einmal mehr telefonieren konnte. Nun muss man nicht meinen, dass der oder die Verursacher*in sich dann entschuldigt oder gar bei der Wiederherstellung unterstützt. Nein. Anderer Leute Fehler darf ich hübsch selbst ausbaden. Und da schwillt mir dann doch ein wenig der Kamm zwischendurch. Es hat mich Tage und Nerven gekostet.

Dazu kommt dann meine wirklich brummelhohle Kollegin. Es schockiert mich nach wie vor, wie man sie einstellen konnte. Sie erledigt nahezu ausschließlich Orgaaufgaben. Etwas anderes traut man ihr nicht zu. Sie hingegen fühlt sich mächtig wichtig, was schon beim Zusehen Fremdscham pur entstehen lässt. Das ist so ein Effekt, wie bei „Deutschland sucht den Superstar“. Da gehen ja auch Menschen hin, die partout nicht singen können, aber glauben, die Welt habe auf ihre Gesangskünste gewartet. So was lässt mich immer staunen. Meine Kollegin passt da optimal rein.

Sie hat zu einem Netzwerktreffen eingeladen, das zwei Tage dauert. Den Ablauf haben andere Kolleg*innen erstellt. Die Moderation erfolgt durch einen externen Berater. Den Input, was es noch braucht, liefern wiederum andere Kolleg*innen. Fürs Catering, Raumaufbau und dergleichen hat sie einen Studenten, der echt auf Zack ist. Sie macht also quasi gar nichts – außer sich wichtig. Und das Traurige ist: Sie meint wirklich, alles geregelt zu haben und voll im Stress zu sein. Gut, ich muss schon sagen, sie hat ganze fünf Flipcharts gepinselt. Die brauche ich allein für einen einstündigen Workshop, aber gut. Und dann wimmeln diese Flipcharts vor Fehlern. Ich unterdrücke das hochkrabbelnde Fremdschamgefühl wieder. Ansprachen mit „Herrschaften!!!“ liebe ich dann mal so richtig. Dabei betont sie ja immer und immer wieder, Kommunikation sei ihre Stärke. Das wäre so, als würde ich behaupten, Geduld sei meine Stärke.

Mein ehemaliger Chef und Wortakrobat rettet zumindest den ersten Tag für mich. Er darf eine Gruppenübung moderieren und stellt anschließend die Ergebnisse im Plenum vor. Und dafür könnte ich ihm die Füße küssen. Andernfalls hätte ich nie Wörter gelernt, wie „Innovativizität“. Ich mag auch das „Porzfolio“, wobei ich es dann, glaube ich, „Potzblitzfolio“ genannt hätte, aber hey, jeder kreiert so seine ganz eigenen Neologismen. Eine Aussage von uns war, dass hin und wieder ein qualifiziertes „Nein“ durchaus was für sich hätte. Er macht daraus ein „qualifizierendes Nein“. Ich frage mich, was oder wen das Nein qualifizieren soll? Aber er ist so süß dabei mit seinem bayrischen Dialekt, dass es eine wahre Wonne ist. Ich habe mich später auch für seine Wortakrobatik bedankt. Da hat er nur lachen können und gemeint: „I woaß scho. Oba mia fällt´s net auf.“ Ach was! Er ist echt schnuffig. „Woaßt, heit´ würd´ i mia a Schein holn mit Legasthenie.“ Was soll man da für einen Schein bekommen? Das weiß er auch nicht so genau. Aber er hat eine Lese-Rechtschreibschwäche. Daher kommen manchmal auch die abstrusesten Sätze heraus. Das ist kein Auslachen, sondern ein mit-ihm-Lachen, was richtig Spaß macht und dem ganzen Sums Humor mitgibt. Andernfalls würde ich auch Amok laufen müssen.

Der krönende Abschluss ist aber etwas völlig anderes. Unsere Chef-Chefin, die es nur an einem Tag schafft, dabei zu sein, schaut die restliche Zeit fast ausschließlich auf ihr Handy. Auch hübsch, dass sie bei ihrer Führungsrunde erzählt, wohin ich wechseln werde und was meine künftige Tätigkeit sei, ohne je mit mir auch nur das kleinste Wörtchen darüber geredet zu haben. Sie erteilt mir dann im Lauf des Tages so etwas, wie eine Absolution. Wohin ich denn gehen würde, also wenn sie das fragen dürfe? Und ich denke nur: Du dumme Mistmatz weißt es doch längst. Und was die machen? Aha, aha…und dann: „Ich bin Dir auch nicht böse. Ganz im Gegenteil!“ Ich ziehe eine Augenbraue hoch: „Im Gegenteil? Du freust Dich also?“ Zack, wird sie hektisch: „Nein…äääh…nein, das meine ich nicht. Ich…ääääh…freue mich nur für Dich, dass Du was gefunden hast, was Dir gefällt.“ Ich weiß, ich bin böse. Aber für ganz schlechte Führungsleistung bekommt sie kein Ei-Ei. Und dann strahlt sie auch schon wieder: „Ich bin ja mal gespannt, was Du dann später erzählst, wie es da ist. Vielleicht können wir das ein oder andere ja auch für uns übernehmen?“ Hossa! Sie glaubt ernsthaft, wir bleiben in Kontakt? Ohne mal nachzufragen? Und wenn ich ihr auch nur den kleinsten Tipp geben sollte, dann nur mit Beraterhonorar. Und überhaupt: So vieles, was ich einbringen wollte, wurde nicht berücksichtigt, weil wir ja ach so wichtigen anderen Mist erledigen müssen. Die Frau ist echt der Kracher – und so stumpf, wie kaum jemand anderes. Sie mag mich. Zu anderen ist sie richtig Scheiße. Aber sie merkt nicht einmal, wie vielen Leuten sie vors Schienbein tritt.
So dann auch das Highlight am Ende: Als Dankeschön überreicht sie meiner brummelhohlen Kollegin und dem fleißigen Studenten eine Tasse mit unserem Abteilungs-Logo drauf. Meine Freundin neben mir schaut mich an, während ich rüberflüstere: „Ich kann Dich nicht anschauen, sonst fange ich laut an zu lachen!“ Es ist ein verkacktes Werbegeschenk, das der Student es nachher vor mir passend kommentiert: „Weißt Du, da hätte sie besser einfach nur `danke´ gesagt und dann den Mund gehalten.“ Oooooh, ich verstehe genau, was er meint.

Dafür bekomme ich gestern dann noch Feedback von eben diesem Studenten, was mein Herz erwärmt. Er musste so viel dummen Kram für Kolleg*innen erledigen. Für mich hat er gar nichts machen müssen. Da wir aber einen Lehrauftrag haben, habe ich ihm letztes Jahr und dieses Jahr angeboten, zu Schulungen von mir dazuzukommen. Er hat beide Male begeistert zugesagt, sich richtig gut eingebracht und mitgemacht. Zudem sitzt er immer in all unseren Meetings – auch in denen von der Akademie. Letztens meinte er: „Du gehst auch gern dahin, wo es weh tut. Aber irgendwie ändert sich da trotzdem nichts, weil die anderen es nicht sehen wollen.“ Gestern hat er sich dann bedankt für die Einladung zu meinen Schulungen. Was er gelernt habe, wie ich sein Interesse geweckt hätte – er hätte sich nur einen einzigen Prof gewünscht, der das mit so einer Begeisterung gemacht hätte. Und dann kommt´s: „Durch Dich habe ich jetzt erstmalig die Idee gehabt: Das könnte ich mir vorstellen, später zu machen. Wenn man auch so Wissen vermitteln kann, dann kann ich mir das richtig gut für mich vorstellen. Danke für die Inspiration!“ Atmen…atmen und Tränchen weghecheln. Das erwischt mich echt eiskalt. Ich mag den Kerl eh und finde seine wertschätzende Art, seine Neugier und sein vorausschauendes Mitdenken einfach toll. Aber vor allem kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er Menschen schult, begeistert und mit ihnen Sachen entwickelt. Entsprechend versorge ich ihn mit allerhand Material aus meinem Trainer- und Coach-Fundus, was er begeistert annimmt. Und so ist es ja: Wenn Du nur einen Menschen wirklich erreichst, dann ist das schon eine Menge. Ich bin einfach selig.

Da kann mich auch diese Hetzjagd hier, noch möglichst alles von mir abzapfen zu können, gerade nicht mehr so ärgern. Zwischendurch ist es nämlich schon so, dass ich mir wie eine Kuh vorkomme, aus der man noch den letzten Tropfen abzapft. Da darf ich dann auch noch lernen, meine Grenzen zu wahren. Das gelingt mir maximal mäßig. Aber was ich schon auskoste, ist das Rauskrähen: „Ich habe übrigens gekündigt!“ Ach, das ist so befreiend! Meine Freundin und Kollegin hat eventuell einen anderen Job innerhalb der Firma in Aussicht, wofür ich ihr die Daumen drücke. Und einige Kolleginnen teilen den Frust, in dieser Abteilung unglücklich zu sein und sich permanent die Frage zu stellen: „Was arbeiten wir hier eigentlich? Wo ist der Sinn des Ganzen?“ Da kann ich nur tief durchatmen und sagen: Alles richtig gemacht. Es wird nicht alles golden sein in der nächsten Firma. Und doch wird es nicht so ein Kollektivfrust sein mit durchweg wegschauenden Verantwortlichen. Das ist doch mal ein Anfang.

Gedanken-Zitat, das besser nicht ausgeprochen wird

Neues Jahr, neue Abenteuer – am liebsten natürlich bunt. Dass nicht immer alles so läuft, wie ich mir das wünsche, ist hinlänglich bekannt. Manchmal muss ich allerdings auch – wie viele andere ebenfalls – zu meinem Glück gezwungen werden.
Ein nettes Beispiel hierfür: Um möglichst alles perfekt zu hinterlassen, war der Plan, mich in der ersten Januarwoche direkt auf die Akademie zu stürzen. Soweit, so klar – dachte ich. Am ersten Tag in der Firma dauerte es auch nur eine halbe Stunde, bis ich meinen Account wiederherstellen konnte und Zugriff auf meine ziemlich aufgelaufenen E-Mails hatte. Mein Handy konnte derweil natürlich immer noch nicht synchronisiert werden. Dafür versprach mir der wahnsinnig witzige (nicht) IT-Mensch, der seines Zeichens direkt unter einem Strommast leben würde und daher nur eine rauschende Verbindung zustandebrächte, ein Ticket bei den Handyfuzzies zu öffnen, die sich dann melden würden. Das nenne ich mal Kundennähe. Ich hatte ja genug zu tun, denn immerhin warteten x Powerpoint-Unterlagen, die ich sichten, kürzen, streichen, ergänzen und aufpimpen dürfte. Und so öffnete ich beschwingt den Explorer, nur um festzustellen: Da sind keine Laufwerke mehr drin!!! Häää? Selten geht bei uns ja mal was zügig und lückenlos vonstatten. In diesem falschen Beispiel, also darin, meinen Account fälschlicherweise plattzumachen, haben sie sich aber mal richtig selbst übertroffen. Es war, als sei ich komplett frisch geboren, quasi in die Jungfräulichkeit zurückgepresst. Wieso geht so was nicht mit Aussehen, Hautspannkraft und so was? Warum immer nur mit IT-Geschisse??? Sei es drum.
Es war, wie im Casino (das auch noch auf meine bucket list steht): rien ne va plus. Und das meinte ich genau so. Nichts ging mehr. Gar, gar, überhaupt nichts. Meine Kollegin lachte sich derweil schlapp. Also musste ich die Laufwerke neu beantragen und hinnehmen, dass die Laufwerksverantwortlichen nun mal in der ersten Januarwoche noch im Urlaub weilen. Ein paar einzelne Deppen (mich eingeschlossen) dümpelten zwar bei der Arbeit, die entscheidenden (was die Bewilligung der Laufwerke betrifft) allerdings nicht. Die Handymenschen meldeten sich allerdings auch nicht. Teams, Skype und dergleichen liefen auch nicht. Was rede ich da in der Vergangenheitsform? Sie laufen immer noch nicht.
Dazu haben wir einen IT-Webshop, über den man alles beantragen kann und der angeblich selbsterklärend ist. IST ER NICHT! Himmelarschundzwirn! Anrufen kann man die Guten auch nicht, diese Füchse. Namentlich hinterlegt ist dort eigenartigerweise auch niemand. Zu jedem Geschiss gibt es bei uns Namen, Bilder und Organigramme. Aber die operieren im Verborgenen?! Scheint fast so. Vermutlich weil sie wissen, dass manch einer sie verhauen möchte, weil sie nur Mist fabrizieren. Also schreibe ich eine Mail. Die Laufwerke konnte ich schon finden und bestellen (im eigenen Hause…wo sind wir nur hingeraten?), aber manches wollte sich partout nicht finden lassen, wie beispielsweise das Versenden von Mails an extern. Und so schrieb ich dann nett und höflich, dass ihr Webshop ja ach so selbsterklärend eben nicht sei. Ob sie erwarten würden, dass ich auf Rauchzeichen umstellen solle? Und schwups, kam auch schon eine Stunde später ein Anruf. Ich glaube sogar, der Herr hat sich für den Webshop geschämt. Er könne mir eine Liste schicken von allem, was ich VOR der Radikalkur meines Accounts so hatte. Nein, aktivieren könne er das nicht, sondern ich müsse alles davon einzeln und neu beantragen.
Es gibt so Tage, da weiß ich echt nicht, soll ich lachen oder weinen? Der IT-Mensch hatte mir schon gesagt: „Ja, es liegt ein Antrag für Teams für Sie vor. Wann wir dazu kommen, den zu bearbeiten, weiß ich nicht.“ Meine Chefin hatte ihn bereits am 5.12.2022 beantragt. Süffisant ätze ich: „Im April brauche ich den dann nicht mehr.“ Ich komme mir vor, wie in der Parodie von Michael Mittermeier, die er in den 1990ern von der AOK immer gebracht hat: „Wir tun, was wir können!“ Wobei ich sagen muss, dass es mir auch mehr Freude bereitet, etwas kleinzuhacken, als das Puzzle dann wieder zusammenzubasteln. Also einen Account plattzumachen macht bestimmt auch mehr Spaß, als ihn aufzupimpen. Trotzdem! So ein Scheißdreck.
Der Handymensch ruft auch erst am Folgetag an und kommentiert: „Ich habe Sie gestern erwartet!“ Na dann! Ich kann nicht anders: „Wenn Sie mir die Einladung zu diesem Date mitgeteilt hätten, wäre ich sogar geneigt gewesen, Sie heimzusuchen!“ Er war entsprechend verdutzt. Na, macht ja nichts. Nun habe ich morgen einen Termin. Er selbst ist über eine Fremdarbeitsfirma angestellt, die zum Jahreswechsel auch geändert wurde. Ihn hat nahezu dasselbe Schicksal ereilt. Ich frage mich, wie bürokratisch man doch alles an die Wand fahren kann?
Donnerstag schreibt dann meine Chefin aus ihrem Urlaub: „Ich hoffe, Du kommst gut voran mit den Unterlagen?“ Atmen, Püppi, atmen! Und so schreibe ich zurück: „Ich habe nichts an den Unterlagen machen können, weil Till (ausgerechnet!) im Urlaub ist und das Laufwerk für mich genehmigen muss. Ich übe mich darin, nicht auszurasten und ruhig zu atmen.“ „Oh.“ Ja, genau. Oh! Das habe ich auch empfunden. Sie würde schauen, dass wir das Montag ruckizucki hinbekämen, damit ich natürlich richtig Gas geben könnte. Mir kommt so die Idee von einer ausgepressten Zitrone. Ich habe den Mist nicht verbockt und war maximal fair mit meiner persönlichen Kündigung und dem extra Monat, den ich der Firma an Zusatzzeit für die neue Ausschreibung gewährt habe. Aber mei, dann schalte ich mal einen Gang zurück und mache genau das, was im Rahmen der Zeit liegt – und überschlage mich mal nicht dabei. Ich mag meine Chefin. Und ich verstehe auch ihre Sorge darüber, wie es weitergehen soll. Aber es wird ja nicht ein Triebwerk weniger ausgesteuert, wenn ich nicht mehr da bin. Und es stirbt niemand oder wird krank oder dergleichen.
Lauter Kleinkram war schon zu erledigen. So habe ich beispielsweise ein nettes Zitat gefunden für meine Abschiedsmail:

„Wenn Du mich vermisst, denke immer daran, wie sehr ich Dir manchmal auf die Nerven gegangen bin.“

Das finde ich lustig, denn ich bin mir tausendprozentig sicher, dass ich mit meiner Energie, meiner guten Laune, meinem genauen Nachfragen und Hinterfragen und manchem mehr einigen gehörig auf den Zeiger gehe. Vor allem denjenigen, die nur die Zeit bis zum Feierabend rumkriegen und bitte nie was verändern wollen – sich am allerwenigsten. So kam dann auch kurz das Teufelchen in mir hoch, Karten für meine Kolleg*innen zu drucken mit dem Spruch:

„Hat Dir eigentlich schon mal jemand gesagt, wie viel Spaß es macht, mit Dir zu arbeiten?“
„Nein.“
„Hätte mich auch gewundert.“

Aber die Idee habe ich dann schnell verworfen. Es reicht mir durchaus, solch herrlich böse Gedanken zu haben, sie einmal in der Idee durchzuspielen und mich daran zu ergötzen.
In diesem Sinne: Ich wünsche Euch einen grandiosen Wochenstart, muntere bis bissig-böse Gedanken und dabei doch die richtige Dosierung in dem, was über die Lippen kommt.

Dominanz und Schlauchbootlippen

Ich bin Zuhause und komme langsam runter. Es ist immer schön mit meiner Familie, aber eben auch so völlig anders als bei mir Zuhause. Zudem waren es ja zuletzt echt einige Ereignisse, die mein Leben zukünftig verändern werden. Schon krass, dass bislang noch niemand gesagt hat, ich könnte einen Fehler mit dem Jobwechsel begehen. Die einzige Frage, die hin und wieder aufkam, war: „Und hier herum war nichts zu finden?“ Äääääh… Gemeint ist NRW. Ich hab vor gefühlten Ewigkeiten mal geschaut und es dann schnell wieder verworfen. Also nein. Oder besser: Nein, dort habe ich nicht gesucht. Ich möchte nicht dorthin zurück. Ich verfalle in alte Muster, fühle mich eingeengt und zu nah an vielem, was mir eben nicht gut tut. 

Auch Unterhaltungen, wie ich sie beispielsweise Mitte Dezember vor Ort bei einer Feier geführt hab, tragen zu meiner Haltung bei. Warum ich denn (immer noch) Single sei? Also seine Tochter sei ja so wie ich. (Kurz frage ich mich, ob er das als Krankheit empfindet?) Sie würde rumreisen, Tauchurlaube machen und so… aber das sei ja nur eine Flucht. Aaaaaah ja. Wovor denn genau? Naja, niemand wolle ja wirklich Single sein. Spannend, wie jemand das so klar für die gesamte Bevölkerung wissen kann, oder? Ich frage dann auch, ob seine Tochter unglücklich sei oder sich gar bei ihm beschweren würde? Nein. Absolut nicht! Aber… naja, sie sei wie ich… also glaubt er. Er hat mich in den letzten schätzungsweise vier Jahren dreimal gesehen, aber weiß wohl, wie ich bin. Knallertyp! Vergesst alle Mentalisten! Wenn Ihr so was sucht, leite ich den Kontakt gerne weiter. Naja, seine Tochter sei eben auch dominant, weshalb schwächere Männer dann nun mal abhauen würden. Ich grinse ihn an. Da antworte ich doch nicht mal ernsthaft drauf – zumal ich die Tochter nicht kenne und mich nur auf seine miese, sorry, überragende Menschenkenntnis verlassen müsste. Aber schon stark, wie manche Menschen sich ihre Welt erklären müssen – vor allem diejenigen, die keine sonderlich harmonische Beziehung nach außen leben. Er darf leben, wie er das möchte. Allerdings frage ich ihn ja auch nicht: „Wenn Du zu Deiner sauertöpfischen Sumpfhenne mit dieser schrillen Tinnitusstimme abends ins Bett krabbelst, denkst Du dann nicht auch manchmal, wie geil so ein Singleleben sein muss?“ Aber umgekehrt darf man sich als Singlefrau so eine Grütze immer noch reinpfeifen. 

Tatsächlich weiß ich gerade nicht, wann ich das nächste Mal zu meiner Sis und Familie düse. Geregelt hab ich soweit eh alles dort. Die ersten Monate des neuen Jahres werden noch angefüllt mit Arbeit in der alten Funktion. Dann hab ich erstmal Einarbeitungsphase im neuen Job und Probezeit. Es wird also wohl Oktober werden, weil meine Sis dann 50 wird. Irgendwie auch ein eigenartiges Gefühl, aber die elende Fahrerei kostet auch einiges an Energie. Und wie schnell die Zeit dann wieder verfliegt, sieht man ja jedes Jahr spätestens zum Jahresende.

Und apropos Zeit. Wieder zurück in München, fällt mir ein anderes Phänomen auf. Ich war mit einer Freundin frühstücken. Um uns herum waren so viele Entengesichter, dass es mir Angst gemacht hat. Eine hatte dann auch so einen wunderbar aufgepusteten Hintern. Dabei ist das wohl die schlimmste OP, weil sie sehr schmerzhaft und zudem nicht ungefährlich sein soll. Ich hätte ihr sogar kostenlos was von meinem Hintern abgegeben. Sie hätte doch nur zu fragen brauchen! Mittlerweile hab ich mich damit abgefunden, eine der wenigen Frauen hier zu sein, die Stirnfalten hat. Aber so viele Schlauchbootlippen auf einem Haufen gruseln mich dann doch. Wohin soll das führen? Und spürt man dann überhaupt noch einen Kuss? Meine Freundin meinte, sie habe zum Test mal eine Frau mit solchen Lippen geküsst, was sich nicht gut angefühlt hätte. Naja, jeder, wie er es mag. Es ist allerdings das totale Gegenteil von der Welt, die ich gerade erst besucht hab. Da hab ich dann zu meiner Frisur (die echt vollkommen normal ist) zu hören bekommen hab: „Ach, da sieht man schon den Münchner Haarschnitt.“ Das dürfte meiner türkischstämmigen Friseurin aus Dachau ein Lachen entlocken. Komische Überzeugungen auf allen Seiten, oder?

Und jetzt? Fahre ich zu einem Irish Pub und werde mit einem Freund genüsslich was trinken, philosophieren und es mir gut gehen lassen. Morgen dann zum Italiener mit anschließenden Cocktails mit einem anderen Freund, nur um dann Silvester völlig gechillt auf der Couch zu versumpfen, Schnulzen zu schauen und vor Mitternacht im Bett zu verschwinden. Hach, das klingt himmlisch für mich. Das neue Jahr darf so was von kommen! Ich bin bereit. 

Freudenkiller

Ich weiß nicht, wie es Euch so geht? Bei mir ist es Ende des Jahres immer so, dass ich Bilanz ziehe. Ich schaue, was in dem Jahr so passiert ist – was gut war, was ich ändern möchte, wofür ich dankbar bin – und wie der Ausblick fürs nächste Jahr so aussieht. Es war ein gutes Jahr. Verglichen mit dem letzten, war es weit weniger stressig. Ja, es gab genug zu tun. Aber die Prüfung im letzten Jahr hat mir ganz anderes abverlangt. Daher bin ich nicht völlig platt, was auch mal schön ist.
Trotzdem bin ich natürlich nachdenklich und erwische mich bei leichten Panikanflügen – vor allem nachts – ob ich der neuen Herausforderung gewachsen bin? Es wird schon irgendwie werden, und es reizt mich ja auch total, endlich wieder was Neues zu machen. Und doch sind da natürlich auch Versagensängste. Zeitgleich will ich meine jetzige Stelle möglichst sauber hinterlassen. Das spielt meiner Chefin in die Karten, die sich noch einiges von mir erhofft. Da muss ich höllisch auf mich selbst aufpassen, weil ich dazu neige, noch mehr und noch mehr zu liefern, damit bloß niemand anschließend sagen kann: „Naja, die war ja eh auf dem Absprung. Zuletzt hat die sich ja nur noch den Po platt gesessen.“
Dabei wird es immer Menschen geben, die schlecht über einen reden. Ein Abteilungsleiter hat beispielsweise gesagt, jetzt könne er sich auch erklären, warum ich ihn nicht mehr gecoacht hätte. Ich hätte bestimmt da schon gewusst, dass ich die Firma verlassen würde. Ääääh…nein. Erstens wusste ich das zu dem Zeitpunkt nicht und zweitens habe ich weit im Vorfeld angekündigt, dass ich ab Mitte November in Gleitzeit- und Urlaubsabbau sei, weshalb ich das Coaching leider nicht übernehmen könnte. So was fuchst mich, wobei ich mir wünschte, mehr die Einstellung zu besitzen: „Sollen sie doch reden – solange lebe ich auch noch, und die haben was zu tun.“ Aber ich will immer überall „sauber“ rausgehen. Gar nicht so ohne, mein eigener Anspruch.

Und so habe ich auch überlegt, ob ich meine Mom noch mal in der Tagespflege besuchen sollte. Ich nehme gerne Entscheidungen vorweg, die für andere negative Konsequenzen haben könnten. Und da ich weiß, dass meine Mom nicht den Mund halten kann, wenn sie mich sieht, wollte ich ihr den Ausraster meines Vaters ersparen. Als wir letztens telefoniert haben, meinte sie, sie könne durchaus auch darüber schweigen (was ich ihr leider nicht abkaufe. Sie ist wie ein kleines Kind.). Aber dann haben mir zwei Freunde ins Gewissen geredet, ihr nicht die Entscheidung abzunehmen. Wenn sie mich sehen wolle und inkauf nehme, meinen Vater danach tobend Zuhause zu haben, sei das ihre Entscheidung. Puh, schwierig, schwierig, weil ich nicht möchte, dass sie darunter leiden muss. Und doch ist da so ein kleines Stimmchen in mir drin, das mir zuflüstert: „Du willst Deine Mom doch auch noch mal sehen.“
Leicht ist dieser Gang für mich nicht, weil er einem Spießrutenlauf gleichkommt. In der Tagespflege sind fast alle von meinen Eltern geimpft, wie böse ich doch bin. Trotzdem wage ich den Gang, bei dem mir das Herz bis zum Hals hochschlägt. Unentwegt muss ich aufpassen, dass ich nicht zu heulen anfange, weil ich mich freue, meine Mom zu sehen und sie sogar meinen Schal, den ich ihr von Peru mitgebracht habe, trägt. Natürlich beginnt sie sogleich ihr Klagelied, wie arm mein Vater dran sei. Zudem berichtet sie mir von dem bösen Brief, den meine Schwester ihm geschickt habe. Ich habe ihn eigenhändig zur Post gebracht, weil meine Schwester da noch krank war, aber das behalte ich für mich. Allerdings behalte ich nicht für mich, dass der Brief nicht böse gewesen sei. Immerhin habe ich ihn gelesen und weiß, was drin steht. Doch meine Mom beharrt darauf. Hätte ich ihn verfasst, wäre er deutlich schärfer ausgefallen, aber gut.
Und dann kommt doch der erste Giftpfeil: Ob ich meine Schwester dazu gebracht hätte, mit meinem Vater zu brechen? Ich frage zurück: „Traust Du mir das echt zu?“ Ihre Antwort: „Ich will es nicht hoffen!“ Mit seinen Schwestern habe er ja auch Zoff, was an meiner Schwester liege, die denen ja dazu geraten hätte. Ich sitze da und staune nicht schlecht. So was fällt meiner Mom nicht selbst ein, das sind die kruden Ideen meines Vaters. Aber ich wundere mich schon sehr, wieviel Energie er dafür aufbringen kann, sich seine Welt so zu gestalten, dass er immer das Opfer ist. Zahlreiche Ablenkungsmanöver und Bitten meinerseits, doch über andere Themen zu sprechen, laufen ins Leere. Und so sage ich: „Und bei all den Menschen, die mit Deinem Mann Ärger haben, kommst Du nie auf die Idee, dass es an ihm liegen könnte?“ Vielleicht ein bisschen, aber im Grunde? Nein. Hammer. Wie kann ein Mensch der Falschfahrer auf der Autobahn sein und denken, alle anderen Menschen würden falsch liegen bzw. fahren?
Ihre Unterstellungen verletzen mich, aber es hält sich noch in Grenzen. Immerhin sage ich ihr mehrfach, dass ich mich einfach freue, sie zu sehen und das Positive hervorheben möchte. Sie verabschiedet sich nicht einmal von mir, weil ihre Aufmerksamkeitsspanne dafür nicht mehr reicht. Sie sitzt an ihrem Tisch mit ihren Bekannten, weshalb ich blitzschnell vergessen bin. Nein, das nehme ich ihr nicht übel – auch wenn es trotzdem schmerzt. Sie lebt in ihrer kleinen Welt, in der nur ganz wenig zählt. Ich wünschte mir für sie, sie hätte ein schöneres Leben, aber das scheint nicht ihr Wunsch zu sein. Sie hat sich für diesen Mann entschieden, der sie Zeit ihres Lebens entwertet hat und den sie dennoch vergöttert. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

Ich verlasse die Tagespflege, gehe zum Auto und rufe eine Freundin an. Und dann weine ich. Die Anspannung fällt von mir ab, ein paar Giftpfeile stecken noch in meiner Haut…und ich bin einfach traurig. Ich gönne jedem, ein schönes Elternhaus gehabt zu haben. Und doch hätte ich es auch gerne für meine Schwester und mich auch gehabt. Ich habe gute Freunde, meine coolen Neffen, meine Schwester und meinen Schwager. Da bin ich schon auch gesegnet…und trotzdem gibt es diesen schmerzenden Teil in mir, der nie ganz heil werden wird. Ich schätze, so etwas hat mehr oder weniger jeder. Auch als die Tränen versiegt sind, hängt für den Rest des Tages und in Teilen auch heute noch eine Art Glocke über mir, die alles etwas dämpft. Vorhin beschreibe ich es meiner Schwester gegenüber so: „Sie sind Freudenkiller.“ Sie nickt nur bestätigend. Zuerst wollte ich ihr nichts von gestern erzählen, um sie zu schützen. Aber eine Freundin meinte richtigerweise: „Du würdest es wissen wollen, damit Du Dich bestätigt fühlst, richtig gehandelt zu haben mit diesem Bruch.“ Und genauso verläuft das Gespräch auch. Schade, dass es Freudenkiller gibt. Noch trauriger, dass sie ein Teil meiner Familie sind. Und doch auch schön, zu sehen, dass ich mein Leben anders gestalten kann.
In diesem Sinne: Gestaltet Euch Euer Leben so, wie Ihr es als richtig erachtet, pfeift darauf, was andere denken, was das Richtige sei, und habt Verständnis für Entscheidungen anderer – wir wissen alle nicht, wer was erlebt hat.

Sinnstiftende Stiftung

Gestern durfte ich an einem Vortrag teilnehmen. Es ging um Brunnenbau in Afrika. Ein Bekannter meiner Schwester und meines Schwagers begleitet dieses Projekt schon seit Jahren. Die Stiftung heißt „Neven Subotic Stiftung“. Ein Freund meiner Neffen ist im November mit seinem Chef dorthin gereist, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Und darüber hat er dann gestern berichtet. Puh, ich muss sagen: Das ging mir richtig ans Herz. Es ist eine Sache, wenn man Zahlen, Daten, Fakten hört. Es ist eine ganz andere Sache, wenn man die Bilder dazu sieht. Und wenn man dann den jungen Kerl erlebt, wie er davon berichtet, dann muss ich gestehen, wie sich zwischendurch auch mal ein Tränchen aus meinen Augen geflüchtet hat.
Besonders gefallen hat mir, wie es gelingt, auch bei so jungen Menschen ein Bewusstsein zu schaffen. Wenn einer der ihren spricht, kommen sie natürlich auch zahlreich zu so einem Vortrag. Ich hatte den Vortragenden schon am Sonntag gesehen und gefragt, ob er bereits nervös sei? Er meinte nur: „Nervös? Ich??? Im Leben nicht! Ich scheiß´ mich nur gerade total ein!“ 🙂 Er hat seinen Vortrag umgestaltet, darum herumgefeilt und alles angepasst, dass es stimmig wird. Und genau das ist ihm gelungen. Es ist ans Herz gegangen und hat – zumindest mich – sehr beeindruckt.
Es geht um Wasser. Das ist schon der ganze Zauber. Einfach nur Wasser. Etwas, das für uns die größte Selbstverständlichkeit ist. In Äthiopien haben sie begonnen, dann kam Kenia hinzu, und derzeit arbeiten sie in Tansania. Die Menschen – in der Regel Frauen und Kinder – müssen kilometerweit laufen, um Wasser in 20-Liter-Eimern für das Dorf ranzuschleppen. Und das machen sie mehrfach täglich. Es war schon eindrucksvoll zu sehen, wie die Reisegruppe mit gestandenen Kerlen unter dieser Last ächzten, während daneben Frauen genau solche vollen Eimer auf dem Kopf trugen. Und dennoch sind die Menschen voller Lebensfreude und heißen die Fremden mit Tanz und Gesang willkommen.
Oh man, diese Bilder erinnern mich wieder mal an Peru. Da waren die Menschen ebenso bettelarm, aber voller Lebensfreude, wahnsinnig herzlich und freundlich. Wenn Dich hier jemand lachend, singend und tanzend begrüßt, musst Du aufpassen, nicht in eine Psychiatrie eingewiesen zu werden. Ok, manchmal quietsche ich schon auch, wenn ich Leute treffe, aber eben nicht so, wie es die afrikanische Landbevölkerung so selbstverständlich tut. Es berührt mich wirklich zutiefst, dass es Menschen gibt, die sich für so etwas Sinnstiftendes engagieren.
Die Lebensgefährtin von dem ehemaligen Fußballspieler Subotic (Gründer der Stiftung) stand dann auch noch Rede und Antwort. Und auch sie hat mich total beeindruckt. Sie hat die Dinge gut erklärt, alle Fragen ausgiebig beantwortet und war mit Feuereifer dabei. Aber sie war dabei nicht missionierend. Sie meinte (in etwa): „Es gibt in unserer Welt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, wo wir helfen können, weil es einfach an so vielen Stellen schlecht läuft. Und eine Besserung scheint gerade nicht in Sicht zu sein. Egal, was Ihr machen wollt: Sucht Euch Euren Brand, den Ihr löschen wollt.“ Genau das mag ich. Ich finde missionierende Menschen, die ihre eigenen Ideen als die besten propagieren, einfach nur nervig. Anregungen, in der Welt auch etwas Sinnstiftendes zu tun, empfinde ich hingegen nicht als nervig, sondern als kleinen Hinweis darauf, sich wieder zu erden. Und das darf dann jede*r für sich selbst entscheiden. Möchte ich das? Brauche ich das?
Und noch etwas anderes beeindruckt mich bei dieser Stiftung: Die Dame erklärt, dass sie vor Ort mit den Menschen zusammenarbeiten, weshalb sie es auch nicht Entwicklungshilfe, sondern Entwicklungszusammenarbeit nennen würden. Zu oft gab es schon das falsche Auftreten der „weißen Menschen“, die nach Afrika gegangen sind, um dort zu erklären, wie es richtig zu laufen hat. Sie arbeiten mit den Menschen aus Afrika zusammen, unterstützen beim und finanzieren den Brunnenbau und/oder sanitäre Einrichtungen. Dabei lehren sie alle die Dorfbevölkerung, wie die Einrichtungen zu warten seien, wie man sie reinigen sollte und überlassen es dann der Dorfgemeinschaft, diese Einrichtungen zu erhalten. Natürlich gibt es auch noch Ingenieure, die sich kümmern, wenn etwas nicht mehr richtig funktioniert. Immerhin reden wir von Brunnen, die bis zu 200 m tief gebohrt sind. Aber die kleineren Reparaturen und Beanstandungen können die Menschen vor Ort selber lösen. Da kommt wieder meine so hoch geschätzte Selbstwirksamkeit zum Tragen. Das hält Menschen in der Verantwortung und gibt ihnen auch ein verdammt gutes Gefühl. Und sie zahlen einen kleinen Obolus für die Nutzung, damit immer auch Geld da ist für kleinere Ersatzteile. Man stärkt also die Menschen vor Ort und ermöglicht damit unter anderem, dass mehr Kinder zur Schule gehen können – gerade auch Mädchen, die sonst den ganzen Tag Wasser schleppen mussten. Eine Dame fragte dann, was die Stiftung denn konkret für die Frauen tun würden? Innerlich rolle ich mit den Augen, aber die Antwort ist dann goldrichtig: „Wir schreiben doch nichts vor. Wir sagen, dass Wasser ein Grundrecht sein soll und unterstützen dabei, dies zu ermöglichen. Dadurch ist nach einem Jahr Brunnenbau und sanitären Einrichtungen in der Regel im Durchschnitt ein Zuwachs von ca. 40 Prozent in den Schulen zu verzeichnen – davon im Großteil Mädchen. Was die Frauen mit ihrer Mehrzeit anfangen, wie sie die Zeit gestalten, in der sie nicht mehr zum Brunnen gehen müssen, das liegt doch nicht in unserer Entscheidung.“ Ein Herr wirft kritisch ein, dass sie indirekt ja schon Einfluss nähmen. Und natürlich entstehen andere Nebeneffekte durch den Brunnenbau. Nur wer sind wir, dass wir angeblich wissen, wie es am besten für die Frauen dort aussehen sollte? Manchmal finde ich es schwer erträglich, den Gedankengängen mancher Menschen zu lauschen. Tut man nichts, ist es falsch. Tut man was, ist es das Falsche. Oder es ist nicht genug. Oder man könnte doch auch noch XYZ. Da denke ich dann wieder: Es gibt diejenigen, die es machen und diejenigen, die darüber diskutieren, es zu machen, aber nie was tun. Wie geht der Spruch noch gleich: „Tun ist wie Wollen, nur krasser.“
Ich gehe nachdenklich schlafen. Natürlich freue ich mich auf meinen neuen Job. Und natürlich ist es für mich auch wichtig, gut zu leben. Trotzdem gibt es so viele Dinge, um die ich mir einen Kopf mache, die unnötig sind. Wenn man dann diese Menschen sieht, wie sie leben und doch zufrieden sind, dann beschämt mich das. Das war nicht das Ziel der Veranstaltung. Trotzdem schwirren meine Gedanken durch den Kopf. Ich bin kein Ingenieur. Aber jede*r hat seinen/ihren Beitrag, den man leisten kann. Ich schwöre mir selbst, dass ich meine zwei- oder dreimonatige Entwicklungsarbeit in Afrika bis spätestens 50 durchführen werde. Die richtige Zeit ist nie, aber es ist immer richtig, sich Zeit für so was zu nehmen. Der Countdown läuft also für die nächsten vier Jahre. Ich werde berichten…

Aufbruchstimmung mit Freude & Sentimentalität

Ich habe schon mal angefangen und den Anfang dann wieder verworfen. Es fällt mir schwer, alles in Worte zu packen, was mir durch den Kopf geht. Am Mittwoch kam der Entwurf zum Vertrag, nachdem ich noch mal mit der Personalerin gesprochen habe. Sie richten sich komplett nach mir, wann ich anfangen will. Wenn ich noch zwischen Beendigung des Jobs und Einstieg in den neuen Job einen längeren Urlaub einlegen möchte, gehen sie auch da mit. Das finde ich schon krass. Davon habe ich oft gehört – allerdings bei der deutlich jüngeren Generation. 🙂 Daher bitte ich lediglich darum, ab 1.4. starten zu können und diese Woche noch alles über die Bühne zu bringen, denn ich möchte persönlich zu meiner Chefin und mit ihr sprechen. Das kann die Personalerin vollkommen verstehen und erledigt alles zügig, damit es auch funktioniert. Ich erhalte also Donnerstag den unterschriebenen Vertrag per Scan, der nun per Post unterwegs ist.

Und so fahre ich gestern Morgen zu meiner Arbeitsstelle. Meine Chefin wird sich schon denken können, was los ist, weil ich ihr den Termin ja eingestellt habe. Genauso ist es auch. Wir reden zwei Sätze Geplänkel, bis ich ihr offenbare: „Das ist kein leichter Gang heute für mich.“ Sie lässt die Schultern sacken und entgegnet: „Ich bereite mich seit zwei Tagen auf die Akzeptanz vor.“ Und dann reden wir. Ich erkläre meine Beweggründe, die sie verstehen kann. Sie hätte sich natürlich gewünscht, dass ich noch bleibe, denn sie will ähnliches mit mir für ihren Bereich schaffen. Aber wann, steht in den Sternen. Ich wünsche ihr dabei alles Glück der Welt – und einen noch längeren Atem. Meine jetzige Firma ist noch nicht so weit. Sie sind verwöhnt und satt. Es gibt keine echte Not. Solange es die nicht gibt, wird Veränderung keine Chance haben. Das wissen wir beide, nur hofft sie noch, es doch schneller bewegen zu können. Ich sehe mich vor fünf Jahren. Ich sichere ihr zu, sie noch bis zuletzt voll zu unterstützen, was sie sich auch erhofft hat. Dann fragt sie mich tatsächlich: „Wenn Du ich wärst: Wen soll ich einstellen? Wie muss die Stelle aussehen und beschrieben sein?“ Und ja, ich lasse mich natürlich dazu hinreißen, ihr zu antworten. Was habe ich davon, wenn sie scheitert? Sie hat ohnehin ein mehr als schwieriges Team, eine dumme Vorgesetzte und einen narzisstischen obersten Boss. Wir ticken in unserer Haltung und Vision ähnlich, was in einem anderen Kontext gut hätte funktionieren können. Nur bräuchte es dazu mehr Menschen mit Veränderungsbereitschaft. Ich berichte ihr, dass ich auch zukünftig nur vier Tage arbeiten werde, was sie zu einem breiten Grinsen veranlasst. Hä? Und dann klärt sie mich auf: „Ich könnte Dich doch als Trainerin einkaufen in Deiner freien Zeit? Ich habe die Freigabe bekommen, extern gute Trainer mit der Durchführung zu beauftragen.“ Das bringt mich dann doch zum Lachen, da sie weiß, wie sehr ich unseren obersten Boss verabscheue – und wie sehr es ihn vermutlich auf die Palme brächte, wenn er davon Wind bekäme. Wer weiß, was noch passiert? Vorerst habe ich wohl genug damit zu tun, in meinem neuen Job ab April anzukommen.

Aus geplanten dreißig Minuten, werden über sechzig. Da ich meinen alten Chef vorhin gesehen habe, informiere ich meine Chefin noch darüber, ihm Bescheid zu geben. Die bisherigen Kommentare zu meiner Kündigung waren zumeist: „Bleede Kuh…oba für Di g´freit´s mi.“ Mein alter Chef ist gerade mit seinem Chef in einer Besprechung. Ich frage, ob ich kurz stören dürfe, was wohl kein Problem darstellt. Und so sage ich brav: „Du hast mich vor fünf Jahren eingestellt, daher wollte ich Dich wissen lassen, dass ich gerade gekündigt habe.“ Sein Chef öffnet verdutzt den Mund. Mein alter Chef nickt bedächtig und sagt: „Gut so. Des g´freit mi. Des reißt a Loch hinein, oba des homs verdient.“ Naja, ganz so sehe ich es nicht. Ich glaube sogar, was ich auch meiner Chefin gesagt habe, dass das eine Chance für das Team ist. Sie war skeptisch, mein alter Chef will das so gar nicht glauben. Und doch bin ich davon überzeugt, denn nun kann sich keiner mehr verstecken. Und niemand ist eingeschüchtert, weil „Claudia ja die Expertin für Trainings ist“. Erlernte Hilfslosigkeit. Sie verlassen sich darauf, dass ich es schon richten werde. Jetzt dürfen sie selber wachsen, was ich ohne Häme meine.
Mein Ex-Chef ergeht sich noch in lieben Worten, wie froh er gewesen sei, mich damals gewinnen zu können und wie exzellent und perfekt (finde ich nicht) ich immer alles erledigt hätte. Er wirkt wie ein stolzer Papa, was mich schon rührt. Und er selbst scheint auch ein wenig sentimental zu sein: „Du wirst hia feyn (fehlen), oba des host gonz richtig g´macht. Do konnst stolz sei!“ Ich scherze noch, um nicht flennen zu müssen: „Schätzelein, das ist kein Bewerbungsgespräch mehr. Du brauchst Dich nicht so ins Zeug zu legen!“ Er lächelt und nickt: „Guad g´macht!“

Und so verlasse ich das Gebäude, atme tief durch und fühle mich gut. Es ging dann doch alles recht schnell vom Assessment übers Angebot bis hin zur Kündigung. Das ist typisch für mich, denn ich fackel´ nicht lange. Es ist nicht, dass ich solche Entscheidungen leichtfertig fälle. Aber wenn eine Entscheidung her muss, dann muss sie her. Es nutzt ja nichts, damit lange schwanger zu gehen. Entsprechend passt es sehr gut, nachmittags zu einer Freundin zu fahren, mit Kaffee auf den Abschluss anzustoßen und anschließend im Schwarzlichtmodus Minigolf spielen zu gehen. Sie freut sich total für mich, auch wenn das heißt, wir werden uns in der Arbeit nicht mehr lange sehen: „Ach, die Freude überwiegt einfach, weil ich weiß, dass es Dir gut tut. Und das zählt!“ Das nenne ich Freundschaft. Wie die kleinen Kinder malen wir unsere Gesichter mit Neonfarbe an, was außer uns keiner tut. Und dann giggeln wir uns durch den Parcours mit verschmierten 3D-Brillen und kindlicher Freude. Uns ist es so wurscht, wer gewinnt (sie), weil es einfach nur um Spaß geht. Zur Krönung gehen wir mit den geschminekten Gesichtern noch beim Kroaten essen. Wir ernten zwar ein paar komische Blicke, doch die sind uns einerlei. Freiheit ist wirklich ein tolles Gefühl.

Heute geht´s dann zu viert zum Weihnachtsmarkt und anschließend zu einem Freund zum Essen. Ein bisschen befürchte ich, sentimental zu werden. Die drei freuen sich für mich, haben mitgefiebert und mich bestärkt. Und auch, wenn ich nicht aus der Welt bin und hier erstmal wohnen bleibe, sehen wir uns nicht mehr mal eben in der Mittagspause oder verabreden uns spontan nach der Arbeit. Es ist eine Form von Abschiednehmen, auch wenn es noch knapp vier Monate dauert, bis ich wirklich weg bin.
Ich bin gespannt, wie die Reise weitergeht. Da ist einerseits Freude und richtig Bock auf diese Aufgabe, weil ich so viel gestalten kann. Und andererseits ist da auch Sorge, nicht gut genug zu sein, Menschen zurückzulassen, die mir ans Herz gewachsen sind und in eine ungewisse Zukunft zu schauen. Die Aufregung überwiegt gerade…und die Gewissheit, dass der Schritt sein muss. Ein guter Freund sagte Dienstag: „Das freut mich – auch wenn es längst überfällig war.“ War es das? Ich hoffe, er behält recht. Und jetzt heißt es erstmal: Hoch die Glühweintassen!

Erkenntnisse anderer Welten

Die Fortbildung ist schlichtweg die beste Belohnung für mich. Ich mag die Unterschiedlichkeit der Leute, die dann aber gleichzeitig so wertschätzend miteinander umgehen. Gestern ging es bereits um Ego States. Schon spannend, wie Menschen so ticken. Vor allem sind es Leute, die sich schon länger mit sich selbst beschäftigen und sich selbst auch reflektieren – zum Glück auch mit dem nötigen Augenzwinkern. Die Tage sind zwar lang, aber eben auch bereichernd. 

Letzte Woche war ich mit einer Freundin/ Kollegin und einem Praktikanten Sushi essen. Die beiden sind schon auch sehr liebe, tolle Menschen. Zwischendurch fühle ich mich dennoch wie ein Alien. Erst dort erahne ich, aus welch wohlsituiertem Elternhaus der Praktikant kommt. Meine Freundin hat beides erlebt – zwischenzeitliche Insolvenz des Vaters und ziemlichen Reichtum (nach meinen Maßstäben). Ihr Vater würde nie unter einem 5-Sterne-Hotel einchecken. So was kenne ich nicht. Sie plaudern über Marken, die mir so gar nichts sagen. Ich mag die beiden sehr gern, nur erschließt sich mir diese Welt so gar nicht. Ich hab mit meiner Mom häufiger abends eine Arztpraxis geputzt für ganze 10 Mark die Stunde. Es hat mir keineswegs geschadet. Es hat mir nur nie diese andere Welt gezeigt, die mich schnell in die Haltung bringt, die Landpomeranze nicht abstreifen zu können. Anders als früher oute ich mich und meine Befürchtungen und ernte was? Große Augen und Beschwichtigungen. Das sei alles nicht wichtig. Sie haben es nur einfach gern schön. Der Steinbock in mir zuckt mit den Schultern. Welchen Nutzen hat das? Ich finde es schon auch toll, wenn ich Frauen sehe, die passend zu ihrem Kleid exakt die richtigen Schuhe, Tasche, Schmuck, Schal und alles haben. Und dann schau ich doch wieder, was funktionell für mich ist, weil ich auf High Heels keine Tagesschulung geben kann. Meine Bude ist bequem – nicht High Fashion aus dem Katalog, was ich hübsch anzusehen finde, nur eben überteuert, unbequem und unwichtig. Dennoch denke ich über mich: Bauernmädchen, das in der großen Welt mitspielen will. Was denke ich mir eigentlich dabei?!

Interessanterweise sage ich sogar zum potenziellen neuen Arbeitgeber: „Wenn Ihr ein Mäuschen in Kostümchen mit ständigem Lächeln wollt, bin ich die Falsche.“ Wollen sie nicht. Sie wollen authentisch, klar, zugewandt, kommunikativ und verbindlich. Das kann ich zum Glück. Meine Freundin bringt allerdings noch einen anderen Aspekt ein: Sie gebe Kohle für hübsche Sachen im Außen aus – ich gebe sie für Fortbildungen und meine innere Entwicklung aus. Und da fühle sie sich manchmal klein daneben. So hab ich das noch nie betrachtet.

Der Süden ist schon reicher als NRW, wo ich herkomme. Hier sieht man etliche Schönheits-OPs auf zwei Beinen, Botox im Gesicht und richtig teure Fummel am Leib. Ob das wirklich wichtig ist, entscheidet wohl jeder am besten für sich selbst. Nicht zuletzt schätze ich wohl solche Fortbildungen, bei denen Marken nicht im Fokus stehen. Und wieder mal die Erkenntnis: Jeder Jeck ist anders. Witzigerweise habe ich heute eine bei den Übungen als Gegenüber, die genau diese Thematik anspricht und feststellt: „Ich brauche keine weiteren Fummel im Kleiderschrank, sondern ein paar Klienten weniger, damit ich weiterhin gute Arbeit leisten und mit mir zufrieden sein kann.“ Ach, Erkenntnisse sind schon was Schönes, oder? Und die dürfen bei jedem anders sein. In diesem Sinne: Schönen Abend mit all Euren wertvollen Erkenntnissen.