sinnloses Egomanentun

Gerade ist etwas die Luft raus. Vermutlich habe ich gestern mein Wut-Pulver verschossen? Ich weiß es nicht. Heute komme ich mehr schlecht als recht in den Tritt. Dabei ist mein erster Termin schon für sieben Uhr anberaumt. Und die Jungs sind wieder einmal mimimi. Ob ich gerade zu hart unterwegs bin? Keine Ahnung. Dabei lobe ich den Trupp durchaus…für ihren Fokus, ihr Ziel zu verfolgen und das auch stringent abzuarbeiten. Nur nutzen sie nicht wirklich die Methode, die hierfür zugrundegelegt wird. Das ist an sich kein Beinbruch. Allerdings ist das eine Entscheidung seitens der Geschäftsleitung, wie sie zukünftig gemeinsame Ziele verfolgen und schneller erreichen wollen. Da kann ich jetzt meckern, knatschen, rumzicken und jammern – es hilft mir ja nicht weiter. Und nein, ich verwende nicht diese Verben, sondern sage lediglich, sie würden sich nicht die Methode zunutze machen. Ein Grantler sagt´s dann unverblümt: „Wenn Du ja sagst, wir machen alles Scheiße, dann sag´ uns, was wir machen sollen.“ Das ist so ein Phänomen: Wenn man die erfolgsverwöhnten Jungs nicht durchweg nur lobt, dann hat man automatisch damit klargestellt, sie würden nur Scheiße machen. So eine schwarz-weiß-Welt mag manchmal echt nützlich sein, geht mir aber immer mehr auf den Zeiger. Ich wiederhole noch mal, was ich alles gut finde. Und dann erkläre ich ihnen, wie sie mal andere Dinge ausprobieren können, um die Methode zu verstehen und dadurch schneller zu werden – aber auch nur, wenn sie das wollen würden. Sie könnten auch genau so weitermachen, wie bisher. Meine Aufgabe sei es, ihnen Angebote zu unterbreiten und die Methode zu erklären. Annehmen und umsetzen, könnten hingegen nur sie.

Wie kann es sein, dass erwachsene Menschen immer wieder nur ihr Ego sehen, statt über die Sache zu sprechen? Das Ego scheint so ein Thema von ganz vielen Menschen zu sein… So beispielsweise auch bei einer Tante, die meine Sis kontaktiert, weil die Impfstrategie so unfair sei. Und dann erklärt sie auch, warum sie das so sehe. Und jetzt? Ich verstehe auch manches nicht und hätte in der Tat bei der Impfung mit Verkäuferinnen und Pflegepersonal begonnen. Aber wir können uns nun hinlänglich darüber auslassen, was alles mies läuft und weiter debattieren. Ich bin mir sicher: So gewinnen wir an Geschwindigkeit. Vielleicht können wir noch tausend Diskussionsschleifen führen. Und am besten wird wirklich jede einzelne Person angerufen und nach ihrer Meinung gefragt. Anschließend rufen wir uns dann noch gegenseitig an und beschweren uns, dass unsere Lösung nicht diejenige war, die zum Schluss angenommen und umgesetzt wurde. Denn das bringt ja so viel.
Was ich damit meine? Meine Sis hat keinen Einfluss auf die Terminvergabe, nur weil sie bei einer Kreisverwaltung arbeitet. Genausowenig, wie Heinz Einfluss auf die Bauvorhaben in unserem Unternehmen hat. Warum muss ich dann mein Rumgekotze bei Menschen platzieren und vor denen argumentieren, die da gar nichts mit zu tun haben? Und wieso ist jede einzelne Person die einzig Wahre und Bedeutende auf dieser Welt? Ist doch komisch, dass Kinder sich streiten, dann aber zu einem Ergebnis kommen. „Entweder, Du spielst jetzt mit und bist der Indianer oder Du bist raus.“ Schwups, ist der Kaas gegessen. Wir müssen als Erwachsene aber noch mit Hinz und Kunz, Hott und Fott darüber reden und versuchen, den anderen davon zu überzeugen – auch wenn das keinerlei Einfluss auf das Ergebnis rückwirkend haben wird.

Versteht mich nicht falsch: Ich bin ein Freund von Diskussionen. Aber es sollten solche sein, die auch ein Ziel vor Augen haben, das alle Betroffenen mtieinschließt. Wenn es immer nur am eigenen Ego scheitert, dann frage ich mich, wohin das führen soll?
Und ganz ehrlich? Ich will auch keine Berichterstattungen mehr über Kanzlerkandiaten hören, wenn die Entscheidung gefallen ist. Ob ich die Entscheidung gut finde? Mitnichten. Habe ich einen Einfluss darauf? Absolut nicht. Lassen wir das Kartoffelmännchen aus Aachen loslaufen und sich die Klatsche abholen. Ich finde schon, dass sie vor der Abstimmung die Stimmen aller ihrer Leute hätten zulassen sollen. Nur empfinde ich die Interviews mit all den aufgeblasenen Politikern im Nachgang so unnötig wie eine dritte Schulter. Es ändert doch das Ergebnis nicht mehr nachträglich. Nachtreten, nenne ich so was – sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung. Was bringt das? Es gibt Wichtigeres. Aber es scheint einfach Mode zu sein, sich gegenseitig zu bekämpfen und immer nur sich im Mittelpunkt von allem zu sehen, statt wirklich ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. In diesem konkreten Fall, wie wir die Corona-Krise endlich überwinden und die Folgen lösungsorientiert anpacken.

Das war jetzt mal wieder politisch, ich weiß. Wie kann ich es schaffen, mich nicht mehr über das Gesabber meiner Kollegen aufregen zu müssen, was meinen Job nicht einmal ansatzweise tangiert? Und daher sieht mein Plan jetzt für die Zukunft so aus: Wenn Heinz mal wieder Fragen stellt, die mit meiner tatsächlichen Arbeit nichts zu tun haben, werde ich die Besprechung verlassen. Das ist doch mal ein Anfang. Wenn er oder andere mir die Zeit für Mist stehlen wollen, entziehen ich ihnen kurzerhand meine Zeit. Dann bin ich vermutlich die Zicke, aber – wie heißt das Sprichwort so schön: „Was stört es eine deutsche Eiche, schubbert sich ´ne Sau an ihr?“

Montag, wie ein Montag nur sein kann

Es ist mal wieder Montag. Vielleicht sollte ich ihn in „Mohntag“ umtaufen, weil Opium, das aus Mohn gewonnen wird, eine sedierende Wirkung nachgesagt wird. Das könnte ich montags immer wieder aufs Neue gebrauchen. Ach, was wäre das toll, völlig benebelt an so einer unsäglichen Besprechung teilzunehmen?! Alles Aufputschende würde ja eher zur Eskalation beitragen. Ich brauche da eher Mittelchen, die mich runterkochen.
Dabei scheint der gute Heinz letzte Nacht wieder neben einem Kernkraftwerk geschlafen zu haben. Dauernd hat er seine Sabbel dazwischen, findet Fragen, die mir nicht einmal im Traum, Vollsuff oder wann auch immer einfallen würden und hält damit die ganze Runde auf. Und irgendwie scheint jede(r) resigniert zu haben, was ihn betrifft. Mein Report dauert nicht mal 30 Sekunden. Wir benötigen dennoch 30 Minuten für neun Leute. Dies entspricht einer Restdauer von 29 Minuten und 30 Sekunden für acht Leute. Mathe war nie meine Stärke, aber selbst ich merke, dass hier eine komische Verteilung vorherrscht. Mein Chef sagt dann zum Ende auch: „Pünktlich geschafft!“ Dabei ist das völliger Schwachsinn. Würden wir uns an die Struktur halten, die vorgegeben ist, würden wir maximal 15 Minuten zugrundelegen. Da wir aber immer einen Puffer für Eventualitäten hinzupacken (et könnt´ ja ma ´n Kriesch ausbreschen), nutzen manche Deppen die Zeit auch komplett aus. Sollte mal ein Notfall mehr Raum beanspruchen, werden wir vermutlich eine Tagesveranstaltung daraus machen müssen. Das ist so gar nicht meine Welt und wird sie auch nie.
Es gibt unser Intranet, das uns informiert…also über die Dinge, die wir wissen müssen. Ich komme in der Regel selten dazu, das überhaupt zu lesen. Heinz, mit seiner 130 – 150 %igen Auslastung, liest sich jeden Artikel durch und schaut sich jedes Video an. Und ja, ich meine wirklich jeden Scheißdreck. Trotzdem fragt er nachher noch nach, ob einer noch weitergehende Infos hierzu hätte? So zum Beispiel zum Impfprogramm, das angeblich in 14 Tagen bei uns starten soll. Wo man sich da anmelden müsste? Es gibt noch keine Info dazu. Ja, aber ob schon jemand über den Flurfunk gehört hätte, wie es dann laufen könnte? Mit so einem Mist darf ich mich dann eine ganze Stunde meines Lebens beschäftigen. Es reißt auch nicht ab. So auch das Beispiel die Kantinethematik. Es wurde eine neue Kantine geplant. Sie ist nur der Anfang einer Reihe von Um- oder Neubauten. Das alte Gebäude ist mittlerweile abgerissen. Aber warum würde man denn nun eine neue Kantine bauen? Es soll doch mehr Richtung Home Office gehen? Da braucht´s das doch gar nicht. Stimmt, sollen die doofen Werker doch ´ne Stulle essen, gell?! In ein paar Jahren – so die Prognose – wird es einen fetten Personalzuwachs geben. Zudem plant man so was lange im Voraus. Die Gebäude sind ja auch nicht alle auf einen Schlag innerhalb von 14 Tagen fertig. „Ja, aber“ (ich hasse diese Formulierung immer mehr): Egal, mit welchen Freunden und Bekannten er spreche, keiner würde es verstehen, warum nun die Kantine gebaut werden solle??? Wo wir weniger Umsatz hätten und mehr Arbeit im Home Office. Ehrlich? Was interessieren mich seine Bekannten und Freunde bzw. deren Meinung? Habe ich einen Einfluss auf Bebauungspläne? Nein. Als Nächstes verhandeln wir hier übers Wetter, weil es nicht nach meiner Nase geht, oder was? Ich bin es satt, über Dreck zu diskutieren und mir meine Zeit stehlen zu lassen, andererseits dann aber „mimimi“ zu hören, weil sein Kalender sooooo voll sei. Kauf´ Dir ´ne Parkuhr! Die hört stoisch zu. Ihr seht spätestens jetzt, wozu ich Opium bräuchte: Ich muss diese Gefühle betäuben.
Da kommt mir ein brillanter Gedanke: Ich könnte ja auch mal doofe Fragen stellen. Zum Beispiel: „Wie konntest Du die letzten Jahre im Home Office arbeiten, ohne einen Laptop zu besitzen?“ Das wäre mal eine Frage, die richtig Zündstoff bieten und mehr Leute interessieren würde. Und vielleicht würde die dumme Nuss dann endlich mal die Klappe halten. Aaaaaaah…ich brauche mein Mohn bzw. Opium. Dabei bin ich gegen Opiate allergisch. Kennt einer gute Alternativen? Ich wäre offen dafür.

Später habe ich dann noch eine kurze Rücksprache mit meinem Chef. In diesem Zuge bin ich so dumm, nachzufragen, was sich aus der Fortbildung ergeben hat, die ich machen sollte? Da wir ein guter Kunde von einer Beraterfirma sind, haben sie angeboten, zwei Mitarbeitern von uns eine vollumfängliche, zertifizierte Ausbildung kostenlos zu ermöglichen. „Des…joo…des homm mia…ääääh…oda bessa i…ääääh, jo…verschwitzt.“ What the fuck?!?!?! Sein Ernst? Ist es. Ja, das Angebot war einmalig und wohl sehr kurzfristig. Das hatte er so nicht auf dem Schirm, weshalb das jetzt nichts gibt. Das haut einem doch echt das letzte Blech weg. Aber kennt Ihr das? Wenn Ihr so weit seid, dass Ihr Euch noch nicht einmal mehr aufregen könnt? An dem Punkt bin ich angelangt. Hauptsache, Heinz versteht nun, warum wir eine verkackte Kantine bauen. Ich brauche eine Lobotomie!!!

Interessant ist dann auch mein herausforderndes Projektteam, bei dem nun der eine „Spieler“ den Prozess bzw. die Beteiligten ein wenig gegeneinander ausspielen will. Dazu holt er sich eine gaaaaaaaaanz erfahrene Kollegin aus der IT, die ja schon x Projekte begleitet habe. Mag auch stimmen, wobei sie sehr jung ist, aber gut. Und sie erklärt uns dann das Leben, den Sinn und überhaupt. Nach halbstündigem Monolog, den er und diese wahnsinnig Erfahrene halten, fragen sie dann doch mal den Projektleiter und mich, wie wir das denn finden? Ich kann nicht anders: „Wie ich das finde? Dass alles beschlossen wird, ohne das Team zu fragen? Und Ihr denen etwas präsentieren wollt, was in deren Zuständigkeits- bzw. Abstimmungsbereich liegt? Bombe. Ganz große Klasse. Da brauchen wir dann aber auch nicht von ´Scrum´ zu reden, weil das ja alles ad absurdum führt, wofür Scrum steht. Machen wir doch alles, wie vorher und hängen kein Schildchen ´agil´ dran. Dann passt´s auch wieder besser.“ Neiiiiiiiin, so soll es natürlich nicht sein. Und stimmt, ja, wir müssten das Team doch auch mit ins Boot holen. Ehrlich? Es ist Montag. Dieser Dreck passt hervorragend ins Gesamtbild.

Und dann fahre ich den Laptop runter – noch voll mit Groll – als mein Telefon klingelt. Eine Freundin ruft an. Sie ist ähnlich genervt von diesem Montag. Bis wir dann das Gespräch auf andere Themen lenken. Das passiert völlig natürlich. Frauen können ja 800 Themen in 30 Minuten besprechen. So was können auch nur wir. Einem Mann würden solche Themen gar nicht erst einfallen. Und ein Mann würde sich auch nicht so aufregen können, wie wir das tun. Wir können das: Uns kurz auskotzen, die Suppe hochkochen, um dann richtig herzlich zu lachen und den Ausgleich wiederherzustellen. Gott/Jahwe/Buddha/Allah/Pacha Mama – was bin ich froh und dankbar, eine Frau zu sein. Nix anderes will ich – ok, außer im Stehen pinkeln zu können. Aber sonst ist alles fein.

Wie ehrlich bin ich wirklich?

Baaaaaaah, ist das ein faules Wetter. Während bei meiner Sis & Co. die Sonne scheint, ist hier einfach alles grau. Es regnet nicht, ist aber so ein Nichtwetter. Und was mache ich bei Nichtwetter? Richtig, nichts. Klar, ich kümmere mich um die Wäsche und krame im Haushalt. Nur ist das nichts wirklich Befriedigendes. Was wäre jetzt ein leckerer Kaffee in einem Café? Oder ein Radler in einem Biergarten? Mit Freunden oder Bekannten, natürlich. Wann…oh wann wird das wieder Normalität?

Ein Thema, das mich heute mal wieder beschäftigt: Wieso machen wir uns eigentlich immer so einen Kopf darum, was andere sagen oder denken könnten? Es sollte das Normalste von der Welt sein, so zu leben, wie man lebt. Einfach Dinge zu tun, die einem Spaß machen – solange sie niemandem schaden, versteht sich. Ich habe es immer gehasst, wenn es in meiner Familie hieß: „Ich erzähl´ Dir jetzt mal was, aber das darfst Du keinem sagen.“ Und dann wurden Sachen erzählt – puh! Mein lieber Kokoschinski. Es war immer wichtig, was „die Leute“ sagen könnten. Wer die immer genau waren, wurde nicht näher definiert.
Bei uns war es wohl vor allem eine Tante, die das Sagen hatte. Und oh, oh, sie hatte eine böse Zunge. Was sage ich da? Sie hat sie noch. Nur rede ich heute nicht mehr mit ihr. Wenn sie mich anspricht oder auch nur begrüßt, schaue ich durch sie hindurch. (Es fuchst sie ungemein, was mich richtig freut.) Sie hat zu viel Mist über mich erzählt, so viel Dreck über mir ausgeschüttet, dass ich kein Verlangen danach habe, je wieder ein Wort mit diesem verlogenen Miststück zu wechseln. Aber sie hat nach wie vor noch Macht. Auch irgendwie lächerlich, oder? Nur sind wir so groß geworden, es ihr recht machen zu müssen.
Das erlebe ich dann gestern auch, als meine Cousine anruft, weil ihr Vater mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden ist. Das an sich, ist schlimm genug. Nur ist die Frage dann die: Wie verhalte ich mich da richtig? Was muss ich tun bzw. meine ich, tun zu müssen? Für mich war das vor 22 Jahren gar keine Frage – allerdings ging es da auch direkt um Leben und Tod. Es war ein Automatismus, der einfach angesprungen ist. Und egal, was ich da an Zeit, Geld, Nerven investiert habe: Es war immer zu wenig. Vor allem für die böse Tante, die meinte, mich dauernd noch zusätzlich moralisch erpressen zu müssen. Es ging mir damals ohnehin schon schlecht, aber ich musste noch schauen, so eine Furie zu besänftigen, damit alles zumindest nach außen hin angemessen wirkte. Ob ich ein eigenes Leben hatte? Das war einerlei. Sie hat mich an allen möglichen Stellen durch den Kakao gezogen – nur nie ins Gesicht gesagt, was Sache war.
Wenn ich darüber heute so nachdenke, frage ich mich, warum ich ihr nie einen Schlägertrupp auf den Hals gehetzt habe? Sie hat mir das Leben zwischendurch echt zur Hölle gemacht. Meine Sis fragt mich, wenn wir mal darüber reden, wieso mich das immer noch beschäftige? Sie sei doch mittlerweile echt unwichtig geworden. Das stimmt. Aber es war pures Unrecht, was sie da getan hat. Und mit Ungerechtigkeiten habe ich so meine liebe Mühe – und vergessen kann ich so was schon mal gar nicht. Wenn ich dann an meine Cousine denke, welche Gedanken sie sich macht…dann wirkt unsere verdammte Erziehung einfach immer noch – nach alle den Jahren – nach. Und, das muss man leider auch mal festhalten, diese dumme Kuh an Tante ist auch nie zur Rechenschaft gezogen worden. Dabei hat sie manche Menschen schikaniert.

Oft sage ich: Ich bin ehrlich. Manch einem bin ich in der Tat zu ehrlich. Es muss nicht der verbale Tiefschlag sein, denn den mag ich auch nicht. Aber ich spreche schon an, was ich wahrnehme, was mich stört. Oder wenn mich jemand nach meiner Meinung fragt, dann sage ich in der Regel auch das, was ich wirklich denke. Aber es gibt Unterschiede. Ich denke, wir sind alle mehr oder weniger in unterschiedlichen Rollen unterwegs. So auch ich: Es gibt die berufliche Person, die klar kommuniziert und weiß, wo die Grenzen sind. Da trete ich souverän auf und bin selbstbewusst. Es gibt die Freundin, die ehrlich und offen, vor allem aber loyal ist. Da bin ich auch klar, schaue aber immer, keine Ratschläge zu erteilen. Und da bin ich auch sehr tolerant, weil ich denke, jede(r) darf sein, wie sie/er das sein will. Ich kann nicht alles nachvollziehen, aber das schmälert nicht meine Zuneigung/ Verbundenheit zu meinen Freunden. Es sei denn, es wird radikal. Da hört´s dann auch bei mir auf. Aber es gibt eben immer auch noch einen Anteil in mir, der andere schont. Vor allem bei meiner Sis merke ich das. Sie ist seit 31 Jahre mit ihrem Mann zusammen. Männertechnisch kann ich gar nicht so offen sein, wie ich es bei meinen Freundinnen bin. Bei meinen Neffen habe ich irgendwie weniger Manschetten, auch über so was zu reden. Aber auch da habe ich eine Rolle: Die der Tante, die sie bedingungslos liebt und vor allem Bösen am liebsten beschützen will. Dabei sind sie mittlerweile groß genug…und stärker als ich.
Wenn wir mal ganz ehrlich zu uns sind: Jede(r) von uns hat doch Geheimnisse…einfach Dinge, von denen wir vielleicht einerseits überzeugt sind, andererseits dennoch die Sorge haben, andere könnten sie nicht verstehen. Und aus Angst, andere zu brüskieren, zu überfordern oder von ihnen als komisch abgetan zu werden, schweigen wir uns über bestimmte Belange aus. Manchmal geschieht dies auch aus einem Schutz heraus – weniger sich selbst gegenüber, als vielmehr der anderen Person gegenüber. Ob das allerdings immer gesund und richtig ist? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß schon, dass ich so manchem Menschen die Chance nehme, sich auch zu entwickeln, toleranter zu werden, umzudenken. Wäre es nicht toll, wenn wir frei Schnauze leben könnten – und leben lassen könnten? Das ist ein wenig naiv oder utopisch gedacht, aber ich möchte es dennoch probieren. Schrittchen für Schrittchen bewege ich mich in diese Richtung. In manchen Belangen gelingt es mir nicht, aber in anderen wird es besser. Auch das ist ein Grund dafür, dass ich wieder nach Bayern gegangen bin. Wenn ich an einem neuen Ort anfange, in einer neuen Firma, dann kann ich mich noch mal ganz neu ausprobieren. Keine Ahnung, ob das nachvollziehbar ist. Ich mag nur dieses Schein-Wahren immer weniger. Ich möchte sein können, wie ich bin: Laut, leise, nachdenklich, verrückt, glücklich, melancholisch, hilfsbereit, wütend, empathisch, enttäuscht, verrucht und anständig – alles zu seiner Zeit.

Berliner Runde

Heute bin ich megafauli und stehe erst spät auf. Auch mal schön. Ich bin nämlich gar nicht mehr an eine 5-Tage-Woche gewöhnt. Das klingt echt schräg. Ist aber trotzdem genau so. Erst Kurzarbeit, dann Urlaub – von einem geregelten Rhythmus kann ich da schon lange nicht mehr sprechen. Das Arbeiten im Home Office macht das Ganze nicht einen Deut besser. Nervig, so was. Nur: Wenn ich schon keine klare Struktur erkenne, wie muss es da erst meinem kleinen Neffen gehen? Seine Schule hat immer noch nicht wieder eröffnet. Normal sind die doch alle nicht mehr.

Irgendwann denke ich: Ha, ich habe Herrn Leckebusch ja schon lange nicht mehr gesprochen. Da versuche ich mal mein Glück. Der Gute ist mit seinen fast 82 Jahren zwar schon geimpft, aber Cafés sind auch für ihn nach wie vor nicht geöffnet. Es gibt ein freudiges Hallo. Darauf kann ich immer vertrauen: Egal, wann wir uns hören, er ist immer gut gelaunt. Und bei allen Widrigkeiten, kommt von ihm: „Kann ich et ändern? Nee. Also: Täsch lecken.“ Es ist schon ein Wahnsinn, mit welchem Gemüt er durchs Leben geht.

In dem Zuge berichtet er dann auch von seiner „Berliner Runde“. Ich horche natürlich auf und denke, es wird jetzt irgendwas Politisches kommen. Aber nee: Er ist Mitglied bei den Schlaraffen. Klingt immer noch komisch, ist aber wohl ein Alt-Herren-Bund. Mit Feuereifer ist er da schon seit ewigen Jahren dabei und treibt – wie alles in seinem Leben – immer aktiv voran. Das imponiert mir ja ungemein, wenn Menschen so unterwegs sind. Nun mussten sie ihr Domizil aufgeben, wo sie sich immer getroffen haben, weil es schlichtweg zu teuer in der Miete wurde. Da wurde verhandelt, ausgesucht, geplant – und das meiste davon unter seiner Federführung. Da merkt man die sechs Jahre Bundeswehr dann doch deutlich. Mittlerweile haben sie eine neue Burg (so nennen sie das) gefunden und auch schon einige Arbeiten erledigt. Aber es müssen immer noch manche Sachen geklärt werden, weshalb er sich im kleinen Kreis mit den Herren trifft, die mit ihm alle organisatorischen Entscheidungen treffen. Einer hat eigens dafür Berliner eingekauft, was nun zu einem Ritual geworden sei. Und so war schnell der Name für dieses Regel-Meeting getroffen: Berliner Runde. Klingt viel gewichtiger und nimmt so dieses Überkandidelte einfach nur hops. So was mag ich ja sehr gerne.

Er erzählt aber auch, wie arm manch einer seiner alten Kumpanen dran sei, weshalb er es sich zur Aufgabe gemacht habe, diese zu besuchen bzw. anzurufen. Diese älteren Herren säßen allein Zuhause und würden verkümmern. Da sein soziales Engagement das nicht zuließe, würde er sich um die „Alten“ kümmern – sagt der fast 82-Jährige. Humor nach meinem Geschmack. Sein ältester Bekannter ist 94 Jahre alt. „Müssen Se sich ma vorstellen, Mädschen: Immer, wenn ich da bin, nennt der mich ´mein Jung´. Dabei ist der ja grad mal zwölf Jahre älter als ich.“ Naja, mit 44 Jahren als Mädchen bezeichnet zu werden, ist da nicht so wahnsinnig viel anders. Doch es lässt mich immer schmunzeln.

Wie immer, berichtet er auch von alten Zeiten. Als er dann in Rente war und nur noch als Berater fungiert hat. Ich kenne ihn ja nur aus dieser Zeit. Dann durfte er hin und wieder nach Hamburg, um sich mit den oberen Herren auszutauschen, was denn geändert werden könnte. Im Gegensatz zu vorher, musste er keine Zahlen im Gepäck haben, sich nicht rechtfertigen, sondern konnte einfach entspannt anreisen. Und wenn dann die hohen Herren gefragt haben, wie er seine Produktion immer so souverän hatte steigern können, hat es ihm diebische Freude bereitet, zu sagen: „Ganz einfach: Ich habbet ma mit Arbeiten versucht, ne? Jackett aus, Ärmel hoch gekrempelt und jö!“
Seine Art der Mitarbeiter-Gewinnung war auch immer eine völlig andere. Bei Selbständigen ist das doch noch mal eine ganz andere Sache, als bei Angestellten. Er ist immer zu seinen Bewerbern hingefahren. Da konnte er sich ein besseres Bild von den Leuten machen, konnte die Partnerin quasi miteinbinden und hatte dadurch schon einige Pluspunkte sammeln können. Da er seine Filiale mitten in Nürnberg hatte, kam noch hinzu, dass eine Anreise zu dieser Stelle für manchen, der ländlich wohnte, einer anstrengenden Weltreise gleichkam. Sein Personalausbau war immer deutlich besser, als der jedes anderen Kollegen. Nur: Haben die Herren was aus all den Infos und Tipps gemacht? Nein. Es hagelte immer ein: „Das geht aber heute nicht mehr, weil…“ Und das ist natürlich frustrierend. „Wissen Se Mädschen, da sind wir zwei ja anders. Wenn wir watt wollen, dann tun wir auch watt dafür und gehn auch ma unkonventionelle Wege. Et gibt nich immer direkt ein Gegenargument, sondern wir probieren auch aus. Deswegen kommen wir auch besser jelaunt durchs Leben.“ Da hat er wieder einmal recht, der Gute.

Dazu habe ich unlängst einen Aritkel gelesen. Wir erstellen unsere Geschichten über uns selbst. Wenn wir immer schon wissen, was alles nicht klappt, kann dies auch nie funktionieren. Wenn wir hingegen unsere Geschichte über uns selbst mit mehr Möglichkeiten spicken, dann haben wir auch immer mehr von diesen. Klingt so einfach, ich weiß. Doch es stimmt auch. Wenn ich denke: „Das kann ich eh nicht, weil…“, wird sich diese Einstellung auch immer bewahrheiten.
Ich wünsche mir häufiger einen Austausch, wie die „Berliner Runde“ – mit Menschen, die ihr Leben aktiv gestalten, anstatt mit solchen, die nach dem Motto leben: „Der liebe Herrrgott hat es so gefüget.“ Wer anpackt, wird immer auch gestalten können. Amen. Ich habe fertig für heute!

Karli, der Ofenputzer

Es gibt so Tage, da hock´ ich mich hin und weiß nicht, was ich schreiben soll. Prinzipiell kein Drama. Und meist schießen mir dann doch die Gedanken kreuz und quer durch den Kopf. Vorhin telefoniere ich mit meiner Cousine, die dann vorschlägt, ich solle eine Geschichte zu Karli, dem Ofenputzer schreiben. Warum? Das bleibt ein Mysterium. Ach, ist das toll, eine Frau zu sein und Geheimnisse zelebrieren zu können…

Mein Arbeitstag verläuft recht unspektakulär. Ich habe eine tolle Rücksprache mit einer Führungskraft, mit dem so ein Austausch immer Freude macht. So was schätze ich sehr. Nur sind gute Führungskräfte immer noch verdammt dünn gesät. Und solche, die dann noch offen nach Feedback fragen, Herausforderungen benennen und aktiv nach Ideen fragen, noch weitaus seltener.

Typisch ist eher das Beispiel, das ich gestern wieder erleben durfte. Wir haben eine Coach-Austauschrunde. Was dort gesagt wird, bleibt – so die Vereinbarung – auch dort. Also das Las Vegas-Prinzip: Was in Vegas passiert, bleibt in Vegas. Nach zähem Ringen haben wir dann endlich eine offenere Kultur gestalten können. Einer berichtet von seinen Stolpersteinen, weil er seinen eigenen Chef coachen solle. Etwas, das wir von Anfang an als No-Go befunden haben. Doch die Führungskräfte haben so entschieden. Ich komme quasi aus einer ganz anderen Abteilung, mache das ohnehin schon etwas länger und bin ja auch schon älter. Gut, und renitent bin ich auch von Haus aus immer schon gewesen. Damit will ich sagen: Ich kann anders auftreten und kritische Dinge unumwunden ansprechen. Nur junge Kollegen, die sich gerne noch weiterentwickeln möchten und von ihrem Chef diesbezüglich abhängig sind, können da nicht so auf die Kacke hauen.
Dieser junge Bursche erbittet also quasi kollegiale Beratung, wie er seinen Chef am besten coachen könne. Denn dieser Chef will so gar nicht sein Team beteiligen (ein Kernelement der Methode) und betreibt einfach nur System-Befriedigung. Kurze Zeit später zitiert besagter Chef seinen Mitarbeiter/Coach zu sich und erklärt ihm fast wortgetreu, was ihm da zu Ohren gekommen sei. Wohlgemerkt: Es soll ein geschützter Rahmen sein, in dem wir uns austauschen. Irgendein direkter Kollege muss ihn also bei seinem Chef angeschwärzt haben. In solchen Fällen plädiere ich ja schlichtweg für die Todesstrafe. Zu drastisch, ich weiß. Das regt mich so dermaßen auf, dass ich zumindest gerne die Prügelstrafe wieder einführen würde. Doch auch das würde ich nicht durchsetzen können. Schade.
Der junge Kollege ist völlig verdattert und kann auch dem Chef erklären, was er da gesagt hat, doch das Misstrauen ist gesät. Er bekommt einen Maulkorb verpasst. Fortan habe er immer auf Nachfrage – egal, von welcher Seite – zu sagen, es laufe in seinem Team alles hervorragend. Es gebe nichts, aber auch gar nichts, was nur ansatzweise negativ in der Außendarstellung wirken könne, das ihm je wieder zu Ohren kommen solle. Das handhabt er mit seinen anderen Mitarbeitern genauso. Der junge Kollege fragt nach, ob er denn auch was gegen das Denunziantentum unternehmen wolle, weil es doch nicht angehe, andere Kollegen anzuschwärzen, wenn man in einem geschützten Rahmen in einem Austausch sei. „Das ist eine ganz klare Devise, die ich rausgegeben habe. Ich will alles wissen und erfahren, was einer meiner Leute da draußen sagt.“ Bums. Was soll man da noch sagen? So kann ich gute, kritische, mitdenkende Mitarbeiter auch direkt zu hirnlosen Trotteln heranzüchten. Und das im Jahr 2021!!! Das war früher leider an der Tagesordnung, aber die 40er sind doch längst vorbei…und Addi längst tot. Mich gruselt´s, wenn ich so was höre. Aber ganz arg.
Um den Kollegen zu unterstützen, telefoniere ich mit ihm und erarbeite eine Strategie, wie wir das geschickt unterwandern können. Der Chef kann dann seinen Frust auf mich lenken, was nicht weiter schlimm ist. Er ist ein Depp…ein alter, müder, misstrauischer Depp, der ohnehin bald in Rente geht. Nur hat er bis dahin schon jahrelang eine vergiftete, von Angst durchsetzte Atmosphäre geschaffen. Das dauert, diese Strukturen zu verändern.

Und Karli, der Ofenputzer? Der darf derweil den Ofen putzen. So richtig schön. Mit Hingabe, Aufopferung und sämtlicher Ausstattung, die der Gute zu bieten hat. Wenn es ihm doch Spaß macht, wer sind dann wir, ihm das zu verwehren? Nur anschwärzen würden wir ihn niemals. Warum auch? Da würden wir uns doch selbst ins Knie schießen. In diesem Sinne: Ich hoffe, Eure Öfen sind alle geputzt!

„Hie glachen“

Ich bin echt bescheuert. Ja, das ist hinlänglich belegt und Euch auch schon bekannt. Heute geht ein weiterer, langer Arbeitstag zuende. So richtig bekomme ich den Dreh nicht raus. Und die Sozialarbeit geht in Teilen auch weiter. Mir soll´s im Grunde gleich sein, da ich ja so oder so bezahlt werde. Wirtschaftlich gesehen würde ich manches grundlegend anders angehen.

Wie haltet Ihr es eigentlich mit saloppen Sprüchen? Ich bin ja ein Fan davon, frei Schnauze zu reden. Aber es gibt Grenzen. Ich rede mit Freunden anders, als ich das in der Firma an mancher Stelle tu´. Ducken vor der Obrigkeit, ist auch so gar nicht meine Devise. Da darf man ruhig mal auf Attacke gehen. Nur…keine Ahnung, es gibt eben so Aussagen, die mich manchmal irritieren – obwohl ich kein Kind von Traurigkeit bin. So gibt es heute wieder so einen Moment. Ich rede gerne (ja, und schreibe auch gerne). Ich kann auch schnell reden. Es muss nicht unbedingt wie ein Maschinengewehr sein, aber laaaaaangsaaaaaam halte ich auch kaum aus. Mein Chef-Chef ist aber noch mal anders unterwegs. Der redet so schnell, dass ich immer denke: „Gleich muss er doch mal Luft holen, dass ich eine Frage stellen kann?“ Tut er aber nicht. Wahnsinn. Es geht Knall auf Fall in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit voran. Mein Chef, der auch bei der Skype-Schalte dabei ist, hat schon Herausforderungen, bei mir mitzukommen. Hossa! Und so sage ich dann auch zum Schluss: „Im Grunde solltest Du das Training abhalten, weil wir da am wenigsten Zeit verbraten. Aber mal ernsthaft: Wann und wie holst Du bitteschön Luft?“ Wie aus der Pistole geschossen kommt: „Ich atme durch´n Arsch.“ Ääääh. Finde ich schon leicht schnoddrig. Witzig kann er gerne sein, aber es gibt für mich dieses Quäntchen, das drüber ist. So war es auf der ersten Weihnachtsfeier, als meine Kollegin und ich genau unserem Chef-Chef gegenübersaßen. Wir waren irgendwie krampfhaft bemüht, Smalltalk-Themen zu finden. Ich wusste, dass wir in etwa gleichalt sind, also meinte ich: „Welcher Jahrgang bist Du eigentlich? 76 oder 77?“ Er ist jedenfalls 77er Baujahr. Ich hab´ dann ergänzt: „Hey, dann bin ich ja das Sandwich-Kind.“ Meine Kollegin ist ein halbes Jahr älter, er ein halbes Jahr jünger als ich. Seine Reaktion: „Meine Omma hat immer gesagt: Das ist eh alles eine Wichse.“ Bums, da blieben meiner Kollegin und mir kurz die Worte weg. Versucht locker, meinte ich dann noch: „Deine Oma hatte ja Begriffe drauf. Puh, das hätte meine Omma nie gesagt.“ Er wieder: „Och, meine ganze Familie ist so drauf. Mein Vater hat immer gesagt: `Als wir Deine Schwester gemacht haben, muss auch Pisse dabei gewesen sein.` Die ist nämlich echt schräg drauf.“ Gut, da fiel dann auch mir nichts mehr zu ein. Das ist mir dann echt zu ordinär. Selbst ganz privat, fänd ich so was unangemessen. Aber in seiner Position? Da finde ich das noch mehr daneben. Vielleicht bin ich aber auch nur empfindlich?

Apropos empfindlich: Vorhin habe ich einen Artikel gelesen, den eine Frau bei LinkedIn verfasst hat. Da mahnt sie das Schubladendenken an, das ja nun mal jede(r) von uns hat. Ich finde es lächerlich, wenn jemand behauptet, er/sie habe so was nicht. Das bringt unser Hirn schon so mit sich, da wir ja sonst an Reizüberflutung sterben würde. In Millisekunden kategorisiere ich. Ob das richtig ist, ist dabei erstmal einerlei. Ich würde mir eher die Offenheit wünschen, Schubläden auch mal zu öffnen und umzusortieren. Doch das ist nicht der Kern für mich, sondern dass sie mokiert, wie sich jemand in den Kommentaren darüber auslassen könne, wie sie sich darstelle. Im Klartext: Sie steht seitlich zur Kamera, hat die Arme verschränkt und einen tiefen Ausschnitt. Nun bin ich auch eine Frau. Und ich bin auch nicht prüde. Aber hat ein Ausschnitt in dem Maß im Business etwas verloren? Ich finde nein. Das ist so ein Ausschnitt, den ich für ein echt heißes Date wählen würde. Und es gibt für mich einen Unterschied zwischen Business Kleidung und Ausgeh-Klamotten. Ein Herr hat das dann kommentiert und gefragt, wie sie umgekehrt einen Mann mit aufgeknöpftem Hemd empfinden würde? Es gehe nicht darum, ob das nur als Frau unangebracht sei, sondern dass es eben generell unpassend sei. Das gefiel mir in der Tat. Doch…oh weh! Was wurde da wieder geschimpft.
Ich bin auch gegen sexistisches Verhalten. Und in meinem Berufsleben habe ich häufig in Männerdomänen gearbeitet und manches beschissene Verhalten erlebt. Es gibt in der Tat noch lange keine Gleichberechtigung, was mich ja auch regelmäßig verstimmt. Was jetzt aber nicht passieren darf, ist die Umkehrung ins komplette Gegenteil. Wenn jetzt jedes kleinste Wort auf die Goldwaage gelegt werden muss, führt das nur zu mehr Unverständnis und Spaltung. Mal schauen, wie sich das alles noch so weiterentwickelt.

Um aber auch noch was Lustiges zu berichten: Ein Kollege von mir hat eine Schulterverletzung, weswegen er zu einem Physiotherapeuten muss. Nun erfährt er, dass sein Krankengymnast Corona positiv getestet wurde. Er schwirrt also ab zum PCR-Test und klärt mich auf, dass er schon direkt dem Tester beschrieben habe, wie empfindlich er auf Stäbchen im Hals reagieren würde. Es braucht drei Versuche und Handwegschlagen, bis der Test vollbracht ist. Anschließend musste er erstmal hinters Zelt, wo er „hie glachen“ musste. Hie-watt??? „I hob a griana Lungenharing hochzogn, den i hie glachen musst.“ Ernsthaft: Gibt es was Geileres als solche Dialekte? Nachdem ich fertig bin mit Lachen, bitte ich ihn, mir das zu diktieren, damit ich diese Worte weiterreichen kann. Denn auch, wenn ich Ordinäres zu viel des Guten finde, kann ich über lustige Begriffe umso herzlicher lachen. Danke fürs „Hie glachen“.

„Ich hab´ Dich lieb“

Heute Morgen muss ich eher auf, weil ich ja zur Firma fahre. Es ist zwar einiges los auf der Straße, aber nicht so, wie vor Corona. Da habe ich manches Mal deutlich länger benötigt, um zur Arbeit zu gelangen. Ob das wieder so werden wird wie vorher und wieder so nervt?
Es sind einfach zu viele Fragezeichen im Orbit, um wirklich aktiv zu werden. Aber wenn ich daran denke, vorhin den Brief an meinen Vermieter in die Post gegeben zu haben, um zu bestätigen, dass die Mieterhöhung akzeptiert ist…mmmmh, da fliegt es mich dann wieder an: Zieh´ um! Ja, ja, ja, ich mache erstmal nichts. Doch sollte es bei einem hohen Home Office Anteil für indirekte Bereiche bleiben – was ja die Grünen, die aus meiner Sicht bei der Wahl im Herbst stärkste Partei werden, begrüßen und noch mehr vorantreiben werden – dann muss ich umziehen. Ich brauche ein weiteres Zimmer, das ich als Büro nutzen kann, eine nettere Umgebung und mehr Abstand zu all den Bekloppten hier. Oder eben Kenia. Oder einfach irgendwo ans Meer. Oder jemand überfährt mich. Alles ist möglich, alles ist drin.

Meine Kollegin kommt erst spät ins Büro. So habe ich Zeit, einige Dinge abzuarbeiten. Ich rufe auch meinen Kollegen vom Nachbarteam an, der letztens so depri war. Zum Glück ist er schon wieder besser drauf, hat ein paar Dinge für sich angepackt und verändert, so dass er hoffentlich gut durch diese Zeit kommen wird. Er ist so lieb, dass er das Gespräch nicht zu lang halten will, damit ich mich um meine Kollegin kümmern könnte, die in der Wiedereingliederung sei, weil sie mich jetzt dringender bräuchte. Zum Abschied sagt er dann – für mich völlig überraschend: „Ich hab´ Dich lieb.“ Oh…ooooooh…da bin ich ja gerührt. Es ist kein Baggern oder ähnliches, sondern einfach so, dass wir uns sehr gut verstehen und einander schätzen – was in unserer Umgebung leider eher selten vorkommt und es umso wertvoller macht. So was wärmt mir ja mein Herz. Solche Momente braucht es bei mir, um manches andere zu kompensieren.

Mit meinem „herausfordernden“ Projektteam haben wir heute eine weitere Abstimmung. Und der etwas schwierige Kandidat schießt mich kurz mal an. Er und meine Kollegin können so gar nicht miteinander. Wir hingegen verstehen uns sehr gut. Ich weise seinen Schuss freundlich, aber bestimmt ab und greife das Thema später unter vier Ohren noch mal auf. Er steht einfach massiv unter Druck. Und er hat ein Problem mit Vertrauen. Achtung: Schublade auf! Denn: Welcher Mann nicht? Schublade wieder zu. Es dauert über eine Stunde, ihn auf Normalmodus runterzupflücken. Er bedankt sich und bestätigt, wie wichtig solche Gespräche für ihn seien, die viel zu selten stattfänden. Manchmal glaube ich, der Hauptpart meiner Arbeit besteht aus Sozialarbeit. Ich mag das schon auch gerne, nur ist es eigentlich nicht das, weswegen ich da angestellt bin.

Mein Betriebsratsspezi gibt sich auch mal wieder die Ehre. Mit ihm ist es immer spannend, weil er so viele Dinge erzählt, die hinter den Kulissen abgehen. Wenn man weiß, wer mit wem wie verbandelt ist, dann kann das mitunter sehr hilfreich sein. Bei manchen Infos denke ich aber auch an den Garten Eden: Manche Erkenntnis ist echt bitter. Trotzdem ist es schon eine Art Sog: Ich kann zwischendurch nicht rufen: „Stop! Das lass´ mal weg, das will ich nicht hören!“ Auch wenn ich weiß, es wäre am Ende gescheiter, es nicht zu erfahren. Mein Chef beispielsweise, der eine Schweinekohle verdient, aber trotz fettem Angebot nicht in Vorruhestand gehen kann. Dafür hätte er sich zu spät scheiden lassen und müsste auf zu viel Kohle verzichten – wohlgemerkt mit frei- und vor allem leerstehendem Einfamilienhaus und seit 20 Jahren unvermieteter leerstehender Eigentumswohnung. Oder die Info, wer neuer Personalchef wird. Nein, kein Externer, der dringend vonnöten wäre, um mal ordentlich aufzuräumen und das Unternehmen zukunftsorientiert auszurichten. Nö, sondern es wird ein Herr, dessen derzeitige Führungskraft ihn weg haben will. Dieser Mann ist gut, nur eben Null für Personal geeignet. Das ist so, als würde man mich zum Controller machen. Da sträuben sich einem sämtliche Haare zu Berge, wenn man dieses Geschachere erlebt. Es kommt nicht auf die Qualifizierung an, sondern ausschließlich, wem welche Nase passt. Aber gut, für 400.000 € Jahresgehalt können sie mich auch gerne zum Personalchef machen. Ich brächte da sogar mehr Eignung mit. Und da würde ich auch auf meinen Bonus verzichten – ganz freiwillig. Doch diese Pöstchen sind – bis auf eine Ausnahme – nur von Männern besetzt. Ach, ich mag nicht mehr drüber nachdenken. Dann kriege ich richtig schlechte Laune.

Apropos schlechte Laune: Zu einem weiteren Meeting kommt eine Kollegin ganze 20 Minuten zu spät. Als wir fragen, ob alles ok sei, bricht sie auch schon in Tränen aus. Die geplante Hochzeit mit 100 Leuten gerät immer mehr ins Wanken. Geheiratet wird schon. Es sieht nur nicht danach aus, als könne die Hochzeit so stattfinden, wie sie stattfinden sollte. Ich frage vorsichtig nach, ob das denn schon so klar sei? Nein. Sie schließe es lediglich daraus, wie die derzeitige Lage sei. Sie räumt auch ein, andere würden vermutlich von ihren Problemen träumen bzw. sich so was Unwichtiges als Problem wünschen. Nur habe sie immer einen Plan B in der Tasche, wäre immer mit doppeltem Boden unterwegs. Allerdings gehe das derzeit nicht. Sie habe einfach keine Idee, wie ein Plan B aussehen könne. Ich sage vorsichtig: „Die wichtigsten Personen bei einer Hochzeit seid doch Du und Dein Mann. Und Ihr werdet da sein.“ Ja, das wisse sie und wolle auch nicht undankbar sein. Nur: Sie sei einfach gefrustet, weil ihre Welt derzeit einfach nicht planbar sei.
Welcome to reality. Das ist das Schicksal, das wir alle derzeit teilen, schätze ich. Nur gehen wir unterschiedlich damit um. Ich bin zwischendurch auch mal muffelpuffelig, aber ich kenne diese Art der Verzweiflung nicht. Ich rege mich auf, ärgere mich, tröste, habe Galgenhumor. Aber so richtig verzweifelt? Das gibt es bei mir nicht. Es entspricht nicht meiner Vorstellung vom selbstgestalteten Leben. Es gibt durchaus Dinge, die auch mich verzweifeln ließen, wie Todesfälle, schlimme Diagnosen und dergleichen. Aber doch nicht so was?! Da merke ich wieder, wie dankbar ich bin, mit meinem Gemüt gesegnet zu sein. Ich ergötze mich an dem unerwarteten „Ich hab´ Dich lieb“, was mir mehr wert ist, als 400.000 € Jahresgehalt zur Bedingung der Gewissenlosigkeit. Es ist mir mehr wert als eine schillernde Hochzeit mit viel Tamtam und – in dem konrekten Fall – noch mehr Fake. Warum es mir mehr wert ist? Ganz einfach: Weil es mein Herz erreicht.

Kinder sind geniale Vorbilder

Heute ist es besser. Kein Wunder, habe ich doch auch keinen Termin mit meinem Team. Allerdings erhalte ich eine Stornierung zu einem Treffen, das für morgen anberaumt war. Ich fahre nämlich noch mal in die Firma. Es sind ohnehin nur wenige Kollegen da. Und meine Kollegin, die aufgrund ihrer Wiedereingliederung vor Ort arbeiten muss, möchte ich nicht allein hängenlassen. Es ist nachvollziehbar, dass sie vor Ort sein soll, wenn sie aufgrund von Depressionen langsam wieder Stunden aufbaut, doch ist das für mich in der jetzigen Situation ein wenig kontraproduktiv. Wenn sie vor Ort dauernd allein hockt, ist das irgendwie am Sinn vorbei, oder? Daher fahre ich ausnahmsweise noch mal ins Büro. Immerhin schon den zweiten Tag in diesem Jahr. Hossa! Es ist ja nur gerade mal ein Viertel des Jahres rum. Krass, wie schnell das wieder ging, oder?

Die Terminabsage für morgen kommt jedenfalls von dem Chef des Nachbarteams, mit dem ich mich treffen wollte. Aufgrund der aktuellen Infektionslage sage er lieber ab. Ich skype ihn an, ob er mehr Infos habe, wie etwa ein striktes Verbot, reinzufahren. Nein, das gebe es (noch) nicht, aber er habe noch mal für sich nachgeschaut, da die Empfehlung laute: „Wer nicht zwingend erforderlich vor Ort arbeiten muss und Home Office fähig ist, soll bitte von Zuhause aus arbeiten.“ Wäre meine Kollegin nicht, würde ich auch nicht reinfahren. Das schildere ich ihm kurz, worin er mich dann bestärkt. Da muss man eben abwägen, gell? Wir quatschen kurz über unsere derzeitigen Themen. Ich berichte ihm auch, was mein Chef zu meinen Entwicklungsmöglichkeiten gesagt hat – nämlich, dass eben gar nichts gehe. Und da sagt er etwas, das mich erstaunt: „Weißt Du, es geht bei Führung nicht darum, nur eigene Belange durchzudrücken. Wenn ich Potenzial erkenne, dann muss ich auch mal unbequeme Wege gehen. Auch wenn das heißt, richtig gute Mitarbeiter zu verlieren, wenn ich sie dahin entwickle, dass sie ihre Potenzial in einem anderen Bereich in der Firma besser entfalten können. Die Sorge, die mich umtreibt, ist: Wenn Dein Chef nicht aufpasst, verlieren wir Dich ganz. Und das wäre verdammt schade, weil Du vieles mitbringst, was keiner von uns hat und was wir von Dir lernen können.“ Jo, da könnte man mich in solchen Momenten mal nach Worten suchen sehen, würde ich so etwas denn mal aufzeichnen. Er ist eben nicht so dumm, wie mein Chef es leider ist. Dabei steckt ja keine böse Absicht bei ihm dahinter. Macht´s unterm Strich aber auch nicht immer gleich besser.

Gestern Abend habe ich noch über dieses Thema philosophiert. Ist meine Denke wirklich richtig? Wenn ich mir Krankenschwestern, Pfleger, Polizisten usw. anschaue und höre, was die verdienen, dann geht es mir wirklich sehr gut. Würde ich heute am Tag tot umkippen, wäre das für meine Firma kein nennenswerter Verlust. Das gilt nicht nur für mich, also ich stelle damit nicht mein Licht unter den Scheffel. Es ist vielmehr so, dass es manche Menschen eben braucht, ohne die der Laden nicht liefe. Und dann gibt es den Wasserkopf. Ich bin ehrlich genug, zu sagen, genau in diesem Bereich tätig zu sein. Wie sagte mein Sparringspartner der gestrigen, philosophischen Diskussion dazu so fein: „Geht es nicht vielen von uns so? Und ja, in den helfenden Berufen wird zu wenig bezahlt. Sie wuchern aber nicht, verhalten sich nicht unanständig, wenn Sie sich mit Ihren Kollegen vergleichen und die Bilanz ziehen: Diese Bezahlung ist im Verhältnis nicht fair. Sehen Sie es als Schmerzensgeld. Auf Dauer werden Sie dem Laden eh den Rücken kehren. Aber bis dahin gönnen Sie sich das ruhig.“ Manchmal bin ich so übermoralisch, was mich selbst nervt…

Und dann entdecke ich auf LinkedIn einen Artikel inkl. Video über ein Kind, das völlig selbstvergessen tanzt. Da steckt so viel Leichtigkeit drin, was mich unwahrscheinlich rührt. Kinder scheren sich in solchen Momenten überhaupt nicht darum, wer gerade zuschauen könnte. Sie denken auch nicht darüber nach, was andere von ihrem Verhalten denken könnten. Sie sind einfach genau in dem Moment, der gerade ist und bringen tanzend zum Ausdruck, was sie gerade empfinden. Wäre das nicht wunderschön, wenn wir Erwachsene genau das auch noch könnten? Einfach zu tanzen, wenn uns danach ist? Ja, manchmal mache ich auch verrückte Sachen, aber doch immer mit Blick auf die Umgebung, wo es „angemessen“ zu sein scheint. Über den Ernst des Lebens vergesse ich immer wieder die Leichtigkeit. Und ich konstruiere mir manchmal Probleme, die es gar nicht gibt oder die klein sind und sich meist von allein auch gut auflösen. Das ist ein Phänomen, das ich zuletzt häufiger ausprobiert habe: Statt direkt Dinge anzupacken und regeln zu wollen, erstmal innezuhalten und abzuwarten. Nein, damit verfalle ich nicht in eine Lethargie. Ich lege vielmehr den manchmal schon zwanghaften Aktionismus ein wenig ab. Und plötzlich lösen sich dann vermeintliche Probleme auf. Wenn sie es nicht tun, kann ich immer noch aktiv werden. Ach ja…auch wenn ich von der Kirche nichts halte, aber an ein Bibelzitat muss ich dann doch denken: „Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder“. Wie wahr, wie wahr.

Der Montag muss eine schlimme Kindheit gehabt haben

Heute lerne ich wieder ganz vieles… also fürs Leben und so. Vor allem für „und so“. Ich hatte ja gestern schon keine Lust auf heute. Die Befürchtungen haben sich auch bestätigt. Kennt Ihr diese Leute, bei denen man schon am „Guten Morgen“ erkennt, wie schlecht gelaunt sie sind? Meine vegane Kollegin ist so. Achtung, Klischee: Wenn ich nur ein Korn zum Frühstück hätte, wäre ich auch mies drauf. Ist böse, ich weiß. Ist aber in dem Fall leider echt so. Sie merkt nicht einmal, wie verpestet die Luft um sie herum immer ist. Solche Gewitterziegen regen mich ja doch gerne auf.

Der Chef führt in bester Stottermanier durchs Programm. Bill Murray hätte bei uns das Gefühl, wieder in seinem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ gefangen zu sein. Hätte ich nicht noch andere Termine heute, ich würde schon um halb neun mit dem Saufen anfangen. Es ist die reinste Farce, was hier abgesondert wird, bis wir beim lieben Heinz ankommen. Die vegane Kollegin hat schon hektisch geschildert, dass sie nicht wisse, ob diese Woche die Stunden ausreichen würden, um alle Aufgaben zu bewältigen. Heinz toppt das. Er teilt mit, seine Auslastung diese Woche läge zwischen 130 – 150 Prozent. Ich breche hier wieder einmal ab, weil ich vom vielen Lachen keine Luft mehr bekomme. Er fügt an unseren Chef gerichtet hinzu: „Wir müssen dann auch noch mal einen Termin ausmachen, was wir streichen müssen, weil das ja so nicht geht.“ Mein Chef weist direkt mal auf ein Coaching in einer Methode hin, was wir eigentlich gar nicht anbieten und der liebe Heinz aber so gerne trotzdem machen möchte, weil es ihm so viel Freude bereitet: „Wie wöas denn, des mo zum Cännzelln?“ Ja, aber das sei ja nur ein kleiner Punkt. Ehrlich? Ich kapier´s nicht.

Derweil schickt mir meine nette Kollegin einen Spruch per What´s App: „Herzinfarkte passieren am häufigsten an einem Montag.“ Ich antworte: „Ich wette, Selbstmorde auch.“ Mein Chef hingegen präsentiert uns eine weitere Tabelle, was er noch besprechen möchte. An so einem Montagmorgen bereitet es mir noch weniger Freude, bei 16 Wörtern sechs Rechtschreibfehler zu sehen. Sauhaufen, der damische, der blöde Hund. Da hilft mir mein ganzer Humor nicht wirklich weiter. Und nein, es ist keine Übertreibung, die ich hier niederschreibe. Ich hab´s abfotografiert und nachgezählt. Warum? Weil ich sonst vor Frust den Laptop schrotte. Da ist so eine Zählübung genau das Richtige, um mich abzulenken. Nennt es meinetwegen „Umleitung von aggressiven Gedanken“.

Ich habe auch noch andere Termine. Auch solche, die gut laufen. Aber auch einen weiteren am Nachmittag mit dem gleichen Kollegenkreis, wie es am Morgen der Fall war. Heinz kommentiert munter, da er mit seinen 130 – 150 Prozent gerade wohl auf der Überholspur unterwegs ist. Ein anderer Kollege stellt Ergebnisse vor, denen ich nicht folgen kann (und vermutlich auch nicht möchte): „Das hier ist das…aber das kennen wir ja schon alle…und machen wir ja auch schon alle…also fast alle.“ Häääää? Es geht um Netzwerken innerhalb der Firma und warum dies so wichtig sei. Ich frage mich mal wieder, warum manche von uns absaufen, während andere sich mit Dingen beschäftigen, die nicht notwendig sind. Netzwerken ist etwas, das viele schon tun – wenn auch nicht immer kontextbezogen, sondern eher, wenn es um den eigenen Vorteil oder um Informationsbeschaffung in eigener Sache geht.
Als nächtes wird dann noch beratschlagt, wie man das messbar machen könnte – also wer netzwerkt und wie? Und ob wir hierzu eine Schulung anbieten sollten??? Ich halte meinen Mund, bis ein Kollege mich direkt anspricht. Da sage ich, dass Netzwerken etwas ist, das ich immer schon mache, es nicht sinnvoll messbar sei und ich keine Vorstellung hätte, wie man so was schulen können sollte? Und überhaupt: Wenn wir uns wöchentlich anhören dürften, wieviele absaufen würden und nicht wüssten, wie sie überhaupt noch atmen könnten, dann frage ich mich, wie und wo sie so eine Sache noch unterbringen wollten? Ja neeeeeeeee, eine Schulung würde es hierzu nicht geben. Äääääh? Ich komme so langsam gar nicht mehr mit. Sie sagen das Eine, meinen aber was anderes. Es ist mal wieder eine Stunde, die ich zwar bezahlt bekomme, die aber auf der anderen Seite so überflüssig ist, wie eine dritte Schulter.

Im Anschluss ruft mein Chef mich an, weil ich einen Termin verschieben muss. Mach´ ich doch glatt. Seine Mutter sei letzte Woche gestürzt. Morgen könnte er zu ihr, aber dann könne er den Termin nicht aufrechterhalten. Alles gut, ich bin ja flexibel. Er sagt noch was zur Arbeit, woraufhin ich sage: „Ich muss meine Arbeitsweise überdenken.“ Hossa, da kommt aber Leben in den Guten: „Na! Des mochst bittschee net! Wega Dia hob i als Einzge koa schloflose Nächt´ net!“ Ah ja. Wie meine Nächte sind, interessiert wohl nicht. Ich kann´s ja auch nicht wirklich…also mich ändern, meine ich. Nicht von grundauf. Ich kann nicht aus Mückenpipi Elefantenscheiße zaubern. Oder einen Furz als teures Parfum verkaufen. Aber an Montagen möchte ich so gerne weniger intelligent oder einfach stumpfer sein. Dann würde ich solche Sachen gar nicht so wahrnehmen. Das Blöde dabei: Es ist so schwer, das gezielt auf einen Tag zu richten, sonst würde ich mir sonntags abends den Arsch zusaufen. Ich befürchte allerdings, die Hirnzellen auch an den anderen sechs Tagen zu gefährden. Irgendwelche Ideen, wie ich nur zu bestimmten Meetings stumpf werden könnte? Immer her damit!

solche und solche Schimpfwörter

Heute scheint die Sonne zwar auch, aber ebenso sind Wolken auf Wanderschaft. Und so werden es zwar 19 Grad, aber es wird nicht richtig heiß auf meinem Balkon. Besser als im Rheinland, wo es munter vor sich hinregnet. Aber das kommt ab morgen ja hier an, also dieses miese Wetter. Und so, wie heute, gefällt mir das ja im Grunde am besten, nur leider auch dem kleinen Brüllhannes. Ich meine, heute auch mal seinen Namen zwischendurch zu hören: Adrian. Für mich eben kein typischer Kevin-Name. Dazu trägt der Rotzige mit der Brüllaffenstimme ein Trikot mit dem Namen Ronaldo drauf. Ääääh… Ich weiß, das klingt jetzt echt böse. Und ich als Miss Unsporty darf nichts sagen. Aber der Junge sieht aus wie Maradonna – seines Zeichens ja auch ein großer Fußballer seinerzeit. Allerdings sieht er aus wie Maradonna, als er völlig versoffen und zugekokst war, also weit nach seiner aktiven Karriere. Da war er einfach nur noch klein und dick.
Trotzdem lässt es sich Brüll-Ronaldo nicht nehmen, mit dem Ball spielen zu wollen. Sehr zum Leidwesen der Mädels, die heute eindeutig in der Überzahl sind. Zum Leidwesen, weil der kleine Aggrobolzen immer die Bälle auf die Mädels schießt. Eigentlich will er nur spielen – so, wie manche Hunde auch, die nach einem schnappen. Finde die Parallele! Richtig, beides kann wehtun, wenn auch nicht aus böser Absicht entstanden sein. Die Mädels wiederum scheinen von Greta beflügelt zu sein, denn irgendwann demonstrieren sie zu dritt auf dem Rasen: „Wir sind gegens Schießen! Wir sind gegens Schießen!“, skandieren sie. Da sagt noch mal einer, hier wäre nix los. Das Brüllkind will dagegenhalten, geht aber aufgrund der Dreieinigkeit sang- und klanglos unter. Das lässt Ronaldo-Maradonna-Adrian nur noch bockiger werden. Irgendwann stößt dann noch ein weiterer Junge hinzu, der gestern noch damit geprahlt hat, seine Mutter sei jetzt mit einem „Albanier“ zusammen. Vermutlich handelt es sich um eine Mischung aus Albaner und Spanier…oder schlichtweg um einen kindlichen Fehler. Wenn Erwachsene schon nur noch von „Mutanten“ sprechen, dann dürfen Kinder auch „Albanier“ sagen. Jedenfalls ist der Rotzige etwas härter unterwegs, denn als ihm irgendwas nicht passt, bellt er ein kleines Mädchen an mit: „Kurwa!“ Hoppala… Das Mädchen denkt sich nichts dabei, kennt es ja dieses Schimpfwort nicht, also merkt es nicht, dass es gerade als Hure bezeichnet worden ist. Und selbst wenn: Die Maus ist so klein, dass sie das noch nicht mal inhaltlich kapieren könnte. Aber das ist schon krass, finde ich. Klar, man lernt immer als Erstes die Schimpfwörter einer anderen Sprache. Doch wenn Kinder schon kleinere Mädchen als „Kurwa“ bezeichnen, finde ich das nicht so lustig. Es sind ja aber nicht meine Kinder. Und da unten laufen manche Elternteile ebenfalls herum. Da hole ich mir keine blutige Nase.

Wenn ich daran denke, dass meine Cousine mal im Auto voller Wut von einem Kerl erzählt hat und dann meinte: „Die dumme Sau“, dann ist das doch vergleichsweise mehr als harmlos. Doof war damals nur, dass mein großer Neffe im Kindersitz auf der Rückbank saß. Wir wollten zur Eisdiele fahren und hatten den Knirps im Gepäck. Sein Wortschatz war noch sehr rudimentär, aber Sau kam ihm leicht über die Lippen. Meine Cousine war in Panik und hat ihm gesagt: „Nein, sag´ das Wort nicht!“ Der Kleine strahlte über alle Backen und gab zum Besten: „Sau – Sau – Sau – Sau!“ Was war er stolz – und sie panisch. Hätte sie nur Pädsfuttelurer gesagt. Das hätte er nie im Leben wiederholen können.
Ich hatte eher solch schwieriger auszusprechenden Worte drauf. Und irgendwann schaute er mich so ganz konzentriert an und meinte: „Tatelllltö!“ Nu juut, das kannte selbst ich nicht. Er konzentrierte sich noch mehr, versuchte es erneut mit: „Tatelllllltö!!!“ Und dann fiel mir ein, wie ich ihn immer nannte, wenn ich ihm die Pampers machen durfte: „Kackstelze“. Als ich das Wort sagte, hat er mich angestrahlt und „ja“ gesagt, als sei er froh, dass ich dumme Nuss es endlich begriffen hätte. War mir schlecht, als ich mit dem Lachen fertig war. Der Kleine hat mitgelacht.
Oder ein anderes Mal, als derselbe Neffe etwas größer war, aber immer noch ein Kind. Er ging zu meiner Sis und meinte: „Mamaaaa? Scheiße sagt man nicht, ne?“ Meine Sis nickte: „Richtig, das Wort sagt man nicht.“ Er setzte erneut an: „Scheiße ist kein schönes Wort, ne?!“ Meine Sis – schon etwas skeptisch – bestätigte erneut: „Ja, das ist kein schönes Wort.“ Nach einem weiteren Versuch seinerseits, fragte meine Sis ihn, woher er das Wort denn hätte? Und – was soll ich Euch sagen? Ich hatte Herzklopfen, dass mein Name fallen würde. Aber es war in der Tat sein Oppa, der das zu dem Zeitpunkt häufiger verwendet hat. In etwa so: „Ach, der jannze Scheiß mit der Scheiß hier….“ (grammatikalisch nicht korrekt, aber so isset Rheinland, ne?) Es hatte damals was von Ozzy Osbournes „Fuck“, das gefühlt drei Mal in jedem Satz vorkam, als sie damals die Reality-Show der Osbournes gedreht haben. Der Schwiegervater meiner Sis hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht lange seine Frau verloren, war gerade im Ruhestand und seine Stimmung eher negativ – verständlicherweise.
Ich bin mir recht sicher, dass die Jungs keine wirkliche Anregung brauchten – auch wenn ich da gerne unterstützt habe. Nur „Kurwa“? Hm, da bin ich wohl altmodisch. Das ist mir einfach zu heftig, wenn Kinder so was gebrauchen. Nur kommt so was mittlerweile ja in etlichen Deutsch-Rap-Songtexten vor. Es scheint schon völlig etabliert. Ich frage mich nur, warum es vor allem Frauen sind, die dabei immer so schlecht wegkommen? Der ein oder andere wurde zu selten am Öhrchen gezogen, wie mir scheint. Hatte ich erwähnt, dass ich alt werde? Das ist wieder mal ein weiterer Beweis dafür.

Wenn ich an die Schimpfwörter denke, mit denen ich meine Kollegen morgen wieder belegen werde, dann sind die auch nicht fein. Nur kommt „Kurwa“ nicht drin vor, da bin ich mir sicher. Wer weiß? Vielleicht träume ich noch mal von Haien. Ich lasse mich überraschen, wie schräg die anderen nach den Ostertagen drauf sein werden. Ich freue mich jetzt schon darauf, das Mikro auf stumm gestellt zu lassen und abwechselnd laut zu lachen und zu fluchen. Allez hop – die neue Woche kann kommen.