Materialermüdung

Nach Meckermecker und Geschimpfe, was durchaus auch wichtig ist für die Psychohygiene, möchte ich die lustigen Dönekes aus meinem Leben natürlich auch nicht schlabbern.
Letzte Woche hatte ich eine Auftragsklärung mit einem internen Kunden. Soweit, so unspektakulär. Es fand über Teams statt. Auch noch kein Lacher. Ich konnte auch ein Hintergrundbild sehen – nur meinen Gesprächspartner selbst eben nicht. Da er mich gleich duzte, ohne mich zu kennen, tat ich es ihm gleich und erwähnte, ich sehe wohl den Hintergrund, nicht aber ihn. Ob das denn Absicht sei? Äääääh, nö. Technische Probleme. Mich beschlich so eine blöde Ahnung, aber einmal im Leben konnte ich mich beherrschen und die Klappe halten. Gestern zur Feinabstimmung konnte ich diesen bunten Vogel dann doch auch auf meinem Bildschirm sehen, was ich auch sofort freudig feststellte. Darauf er – und ich schwöre, das ist leider kein Scherz: „Ich hab wegen der technischen Schwierigkeiten eine Störmeldung abgesetzt. Beim Anruf seitens der IT haben die mir gesagt, dass da ein Schieberegler oben vor der Kamera sei. Das hat mir niemand gesagt! Kannst Du Dir das vorstellen?! Ist das zu fassen?!“ Nein, ist es echt nicht! Meine Kamera ist ebenfalls eingeschaltet. Ihr könnt Euch meinen Stolz auf mich selbst nicht vorstellen. Mein Gesicht ist mir nicht entgleist, meinen Mund verließen nicht geschriene Worte, wie: „Alter, willst Du mich verarschen?!?!?! Nach zweieinhalb Jahren Home Office hast Du das immer noch nicht geschnallt?! Hast Du zwischendurch im Koma gelegen? Heißt Dein Bruder Heinz, denn der hatte dasselbe Problem!“ Und nein, ich lache auch nicht hysterisch. Ich bin soooo stolz auf mich! Sein Vorschlag heute im Workshop, er wolle auch die nächsten Meetings in Präsenz machen, kam natürlich nicht von ungefähr und stieß auf keine Gegenliebe. „Tja, jetzt wollen die hybrid arbeiten. Da werde ich Dich wohl noch mal anfordern müssen.“ Äh, nein, ich bin nämlich keine Praktikantin. Aber das dürfen die Chefs klären. Da lehne ich mich entspannt zurück. Meinen Tag hat’s auf jeden Fall erheitert. Und in dem Unternehmen arbeite ich (noch)… es is a Wahnsinn!

Ebenfalls unterhaltsam, wenn auch völlig anders: Ich hatte so eine Art Date. So eine Art? Ich weiß es eben nicht so genau. Der Gute ist ein Kollege und hat mich zum Essen zu sich nach Hause eingeladen. Er grillt für uns – also sich und mich. Es gibt feinstes Rinderfilet mit Rosmarinkartoffeln. Hallo die Enten?! Und zum Nachtisch Schoko-Soufflé. Wenn man damit nicht das Herz im Sturm erobert, weiß ich es auch nicht. Dazu gibt es meinen Lieblings-Cocktail, den er an seiner eigenen Bar mixt: Mojito. Er verwendet 63 %igen jamaikanischen Rum, also hat das Ding ordentlich Bums. Und es ist wirklich alles sehr schön. Irgendwann, als wir uns beim Essen gegenübersitzen, denke ich plötzlich: Moment mal, ich weiß nicht mal, ob er Interesse hat…ich habe bislang keinen einzigen Kuss bekommen…warum, verdammte Axt, piekst es dann in meinen rechten Mops rein??? Ich kontrolliere die Umgebung. Er sitzt zu weit von mir weg und kann es echt nicht gewesen sein. Als er noch mal zum Grill geht, greife ich mir höchst undamenhaft ins Dekolleté und bemerke den Übeltäter. Bei 37 Grad mag mein BH wohl nicht mehr so recht mitspielen und macht mal eben einen auf Materialermüdung. Der Bügel vom rechten Cup hat sich durch den Stoff gepiekst, um direkt an meinen Mops zu gelangen. So ein Schlingel! Jetzt versucht mal, den wieder schnell in die richtige Richtung zu schieben, ohne dass es dem Mann am Grill noch auffällt. In solchen Momenten könnte ich mich langlegen und einfach nur lachen…und tu´ es dennoch nicht. Wie plump wäre der Spruch denn: „Hey, hömma, kannste mir ma eben helfen und den Bügel an Ort und Stelle rücken?!“ Bläschen steigen in mir auf, die ich aber munter nach unten verbanne. Hoffentlich hat er nirgends eine Kamera hängen, denn sonst lande ich mit meiner äußerst unerotischen Fummelei noch auf Youtube. Der Herr bemerkt aber nichts (hoffe ich zumindest…oder er ist ein begnadeter Schauspieler), und der Abend neigt sich dem Ende zu. Passiert ist nichts weiter – bis auf die Materialermüdung, die ich in meinem Alter auch ziemlich stark an mir wahrnehme.
Gestern haben wir uns wiedergetroffen – mit einigen anderen Kollegen im Biergarten. Obwohl dieses Mal der BH saß, hat mich der Biergarten trotzdem erschlagen. Ich bin von einem kleinen, schnuckeligen Biergarten ausgegangen und kam mir dann vor, als sei ich im größten Freizeitpark Bayerns. Ganz „Saupreiss“, der ich nun mal bin, habe ich es auch nicht geschafft, aus meiner Maß zu trinken, ohne dafür die zweite Hand hinzuzunehmen. Ich sag´ ja: Materialermüdung, wo man nur hinschaut. Vielleicht sollte ich den Tipp auch meinem Kollegen geben, der die Störmeldung abgesetzt hat? Klingt doch irgendwie besser, als zugeben zu müssen, wie unfähig man selbst ist. Ich wünsche Euch ein zauberhaftes Wochenende und dass alle BHs an Ort und Stelle bleiben – so sie es denn sollten. 🙂

Krisen, Überstunden und Montage

Was zum Henker??? Das Nerven-Jäckchen wird immer knapper. Gefühlt ist dies nicht nur bei mir so, sondern ein Zustand, den viele beklagen, ohne sich wirklich darüber bewusst zu werden. Immer mehr Menschen fühlen sich immer gehetzter, ungerechter behandelt, überfordert, belastet. Viele sind dauergereizt und nehmen das nicht mal wahr. Na, das ist doch eine tolle Entwicklung, oder? Dazu strahlt das TV dann auch noch aus, dass sich noch mehr Mücken mit noch mehr Krankheitserregern an Bord bei uns in den Breitengraden ansiedeln. Und dazu noch die düsteren Prognosen für den Herbst bzgl. Corona und noch mehr wegen der Gaskrise. Krise ist so ein Wort geworden, das ich echt nicht mehr hören kann. Zu allem Überfluss wurden die Montage bislang immer noch nicht abgeschafft, was ich persönlich sehr beklage. Da ich gestern, wie ein kleiner Rohrspatz, meiner Kollegin und Freundin einen dreiminütigen Motzvortrag per Sprachnachricht aufgesabbelt habt, sendet sie mir heute Morgen den Spruch:

„Den Montag Scheiße zu finden, ist ein gern gemachter Anfängerfehler.
Der Profi hasst die ganze Woche.“

Die zwei Sätze stelle ich mir von Christoph Maria Herbst vorgelesen noch genialer vor. Nö, das hilft nicht. Lustig fänd ich es dennoch. Ich stelle mir das so vor, dass ich ein paar doofe Sprüche mit mir herumtrage und dann immer auf einen Knopf drücke, wenn ich einen von ihnen passend in einer Situation finde. Also quasi, wie früher bei Stefan Raab – nur eben mobil. Dafür bräuchte ich kein Studio.
Warum ich so muffelpuffelig unterwegs bin? Gestern war Montag. Und heute ist auch erst Dienstag. Gestern war mal wieder eine Wasserkopf-Runde – und zwar für den gesamten Tag angesetzt und sogar noch überzogen. Ehrlich, es beleidigt meinen Intellekt so sehr – und dabei denke ich nicht einmal, von diesem im Überfluss zu haben. Da sitzen wir zu fünft von unserer Firma und zwei teure Berater auf der anderen Seite. Die beiden Externen mag ich schon sehr gerne, aber sie sind auch nicht mehr so taufrisch. Der Ältere der beiden wird 70 Jahre. Und auch wenn ich ihn sehr gut finde, so sind seine Beispiele etwas alt. Wenn er Videos zeigt, kann man fast schon froh sein, wenn sie nicht in schwarz-weiß sind. Dauernd rechne ich damit, dass Klaus Kinski durchs Bild hüpft.
Ich habe aufgegeben, mal ausrechnen zu wollen, wieviel Kohle wir mit diesen Runden schon verpulvert haben. Und so war es auch gestern. Der Unterschied ist nun allerdings, dass meine Chefin in Mutterschutz ist. Entsprechend hat das Projekt ein anderer Kollege übernommen, der bislang schon diverse Projekte…äääääh…an die Wand gefahren hat. Nicht, weil er böse ist. Nö. Er lernt es einfach nicht. Von Risiken will er nie was hören. Er lebt nach dem Motto: „Das wird jetzt so durchgezogen! Basta.“ So motiviert man nämlich Mitarbeiter*innen. Ich lerne da echt was fürs Leben. Seine bisherigen Projekte sind immer kurz vor dem Ziel verreckt, was andere schon prognostiziert haben. Sie konnten sogar im Vorfeld schon sagen, woran es scheitern würde, aber „Das wird jetzt so gemacht“, wurde auf seine Anweisung hin so gemacht, weshalb es immer als Rohrkrepierer endete. Das wäre so, als würde man mich zu einer Physik- oder Mathe-Prüfung schicken. Da weiß ich auch vorher schon, was nachher nicht rauskommt: Eine bestandene Prüfung.
Ich habe leider auch nach Monaten immer noch nicht verstanden, was genau meine Aufgabe da sein soll? Später soll ich es mal schulen, aber dazu müsste ich quasi nur bei den Trainings teilnehmen und hospitieren. Ah ja, meine Expertise ist gewünscht, aber ich soll bitte schweigen und einfach mal die beiden älteren Herren machen lassen. Noch mal für Schwerhörige: Und was ist dann mein Beitrag??? Ha, so halt. Man, jetzt bin ich aber wieder motiviert. Der ältere Berater bittet um meinen Anruf heute und beginnt auch ganz väterlich: „Wie geht´s Dir denn, liebe Claudia?“ Ich weiß, das klingt lieb und nett. Das Wort „lieb“ allein reizt mich schon, weil ich im Moment innerlich eher Wildsau und tasmanischer Teufel bin, aber nicht lieb. Und er weiß ja längst, wie Scheiße ich alles gerade finde. Er rät mir auch, mir was Neues zu suchen. Warum müssen wir uns dann mit diesem „Wie geht´s Dir“-Geplänkel aufhalten? Ich erhalte gut gemeinte Ratschläge frei Haus:
1. Lerne, Deine Leidenschaft zu beherrschen. (Witzcracker! Bei dem Puls?!?!)
2. Lass´ Dich nicht von den anderen vor den Karren spannen. (Wiederholte Worte meiner Biologielehrerin aus der Oberstufenzeit…so lang her, und nix dazugelernt.)
3. Du kannst die Deppen nicht verändern. (Ach was?! Bei den Deppen sind wir uns sehr einig, wer diese denn sind.)
4. Such´ Dir Verbündete. (Und wenn es so Wenige davon gibt?)
5. Du schaust den Menschen zu tief in die Seele. Das mögen nicht alle! (Ach was, ach was?!)
6. Schaff´ Dir doch keine Feinde. (Aber ich bin doch Jeanne d´Arc! Und: Zu spät!)
7. Du hast noch lange nicht innerlich gekündigt, denn Du steckst noch voll in der Revolution und hoffst darauf, dass Veränderung doch möglich ist. (Ich elend dummes Hoffnungsschweinchen.)
8. Mach´ jetzt keinen Schnellschuss! Schau´ Dich in Ruhe auf dem Markt um, und entscheide dann. (So mein Vorhaben…auch wenn es zusätzlich Energie raubt.)
Es gab der weisen Worte noch mehr. Ich hatte nur irgendwann keine Lust mehr. Er sieht so vieles genau wie ich, aber er sagt auch, dass er dafür gutes Geld bekäme. Und dann spiegelt er das Verhalten meiner Organisation: Außer mir sei so gut wie keine*r pünktlich. Außer mir verlasse nahezu jede*r den Workshop ohne Erklärung zwischendurch und mache etwas anderes. Jedes Mal wäre ein neuer Mitarbeiter dabei gewesen, weshalb wieder alles von vorne erklärt werden musste. Der Projektleiter wird im Oktober das dritte Mal wechseln. Protokolle gäb es keine im Anschluss. Vereinbarungen mit dem Projektleiter würden nicht erfüllt werden. Und unsere Abteilungsleiterin habe sich noch kein einziges Mal blicken lassen, dabei müsste sie mit wehenden Fahnen voranlaufen, wenn das funktionieren solle. Ich staune derweil nicht schlecht, dass ihm das doch alles so genau aufgefallen ist. Allerdings bin ich der falsche Adressat, oder? Auch dem stimmt er zu. Er will mir wohl einfach nur bewusst machen, dass meine Zweifel zwischendurch, ich könne der berühmte Geisterfahrer sein, unberechtigt seien. Dennoch müsse ich aufpassen, dass ich meine Energie nicht unnötig verschieße. Ha, eine Tatsache, die ich – seit ich lebe – so kenne.
Die Krönung an einem solchen Dienstag ist dann aber die Mail meiner Abteilungsleiterin: Ich solle doch bitte meine Gleitzeit abbauen. Ob ich da einen Plam hätte? Habe ich. Zwei sogar. Plan eins: Ich arbeite bis Ende des Jahres keinen einzigen Freitag mehr (ist bereits bewilligt) und habe mindestens den kompletten Dezember frei. Plan zwei: Ich habe bis Januar einen neuen Job und mache nur noch Dienst nach Vorschrift. Der zweite Plan hinkt, weil ich selbst dann nicht Dienst nach Vorschrift machen könnte, da es nicht meiner Natur entspricht. Die olle Nuss hat keine Zeit für die richtigen Themen, keine Ahnung von der wirklichen Materie, aber überprüft höchstselbst, wie es um die Stunden ihrer Leute steht? Mit mir gab es noch nie eine Diskussion wegen Stunden- oder Urlaubsübertrag ins nächste Jahr. Ja, bei uns weiß man, wie man Mitarbeiter*innen überaus treffend motiviert. Ich schmeiße den Köder dennoch mal ins Wasser und erkläre ihr, dass ab September bis Ende Oktober noch mehr Stunden hinzukämen, da ich ja eine neue Methode schulen solle. Diesen Part würde ich nur zu gerne abgeben, hätte aber bislang – auch mit Unterstützung meiner Chefin – niemanden gefunden, der das übernehmen könnte. Alsoooo? Als Antwort kam ihrerseits nur, sie nehme mich beim Wort, dass ich meine Stunden abbauen würde. Das tu´ ich. Verlass´ Dich drauf.
Morgen ist Bergfest, denn da wird feierlich die Woche geteilt. Ich hoffe, dann geht es aufwärts. Obwohl ich Donnerstag wieder mit denselben Deppen zusammenhocke und wieder meete. Ich glaube, „Meeting“ wird so ein Wort wie „Krise“: Ich lerne, es zu hassen. Schauen wir mal. Bis dahin grummel´ und mopper´ ich noch ein bisschen vor mich hin. In diesem Sinne: Eine schöne Restwoche.

Heikles Thema

Derzeit beschäftigt mich ein heikles Thema: Abtreibung. Irgendwie fassungslos schiele ich auf die Nachrichten in den USA. Haben die eigentlich den Knall nicht gehört?! Männer entscheiden darüber, was Frauen dürfen und was nicht. Das ist schon sehr mittelalterlich und krank. Bette Midler hat zwischendurch gut gekontert. Sinngemäß war es etwas, wie: „Wenn eine Schwangerschaft Gottes Wille ist, dann ist es Dein schlaffer Penis auch“, weshalb sie sich damit für ein Verbot von Viagra stark machen wollte. Die Stimmung heizt sich auch bei diesem Thema immer mehr auf.

Und dann gibt es da diese andere Seite: Männer, die bei der eigentlichen Entscheidung nicht miteinbezogen werden. Auch das ist so ein Tabuthema. Genau dies habe ich jetzt erst wieder mitbekommen. Ein Pärchen, das in einer kleineren Krise steckte, sich aber langsam berappelte. Dann kam sie tränenüberströmt aus dem Bad mit einem positiven Test. Er schaltet zunächst falsch und kommentiert: „Ein positiver Coronatest ist doch kein Weltuntergang!“ Woraufhin sie verrotzt erklärt, es sei ein positiver Schwangerschaftstest. Hoppla. Und sofort haut sie raus: „Das muss weg!“ Die erste Nachricht hat er noch nicht richtig verarbeitet, da haut sie ihm diesen nächsten Schocker um die Ohren. Zum Beratungsgespräch durfte er nicht einmal mitgehen, weil die Sache „so was von klar“ sei. Daraufhin hat er angefangen, im Netz zu recherchieren. Er wollte eine Pro- und Contra-Liste finden, sachlich und wissenschaftlich fundierte Studien, welche Auswirkungen das auf die Frau haben könnte…irgendwas in dieser Art. Gefunden hat er so gut wie nichts. Es ist und bleibt ein Tabuthema. Ärzte dürfen keine „Werbung“ für diese Leistung machen. Als wäre das etwas, was Frauen sich mal eben leisten wollen, wie ein neues Paar Schuhe. Es gibt auch keine Übersicht, welche Ärzte überhaupt einen Abbruch vornehmen dürfen. Erst in der Beratung erfährt die Frau davon, dass es in Bayern ganze fünf Ärzte gibt, die das tun: Einen in Regensburg, einen in Nürnberg und drei in München. Das ist schon erschreckend, wenn man bedenkt, wir schreiben das Jahr 2022…und wir empören uns über die prüden, konservativen Amerikaner?! Aufgrund von Corona-Auflagen darf er zur Aussschabung nicht mit, sondern muss die Zeit in einem nahegelegenen Café totschlagen: „Das war der mieseste Kaffee aller Zeiten…ich war nachher verwundert, dass ich den kompletten Schriftzug von der Tasse abgepiddelt hatte. Ich war einfach nur unendlich hilflos und allein.“ Sie hat zwei Tage im Anschluss geschlafen und ist danach in den Alltagsmodus übergegangen. Er wusste sich nicht zu lassen, denn darüber reden wollte sie nicht. Und er? Er hat sich geschämt, es bei Freunden anzusprechen, weil er so hilflos war. Mittlerweile sind sie getrennt, was gar nicht seinen Ursprung in dem Abbruch hatte. Erst vor Kurzem hat er sich in Ruhe damit auseinandergesetzt, wie er überhaupt ethisch dazu stehe. „Bezogen auf uns, war es die richtige Entscheidung, denn ein Kind verbindet Dich in alle Ewigkeit. Ethisch gesehen, tja…da geht es gar nicht – aus meiner Sicht. Aber ich hatte kein Mutspracherecht.“ Beide sind fest im Berufsleben verankert, also keine Jugendlichen in Ausbildung.

Hm. Da bin ich als Frau natürlich auch etwas zerrissen. Ich verstehe es, wenn eine Frau sagt, letztlich sei es ihr Körper. Und doch hätte ich das nicht gekonnt. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit meinem Vater, als ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt war und ein Vergewaltigungsfall durch die Medien geisterte. In diesem Fall sei eine Abtreibung aus meiner Sicht völlig gerechtfertigt, habe ich meine Meinung damals vertreten. Mein Vater hat einfach den Papst zitiert, der Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien ermahnt hatte, „aus einem Akt des Hasses einen Akt der Liebe“ zu machen – die Ansprache galt vergewaltigten Frauen. Ich weiß, wie fassungslos und wütend ich damals war und wie ich gefordert habe, den Papst doch mal rektal Ihr-wisst-schon-was, damit er dann eventuell doch mitreden dürfe bei dem Thema. Und auch hier kam die Argumentation meines Vaters, die aus Amerika zu vernehmen ist: „Wenn Gott gewollt hätte, dass die Frauen nicht schwanger würden, wären sie es auch nicht geworden.“ Aaaaaaah, Ihr könnt Euch meine Empörung vorstellen?! Nicht mal im mindesten. Ich hatte das Gefühl, platzen zu müssen.

Ein völlig anderes Beispiel: Ich steckte in den Abi-Vorklausuren und mein damaliger Freund in einer Diplom-Prüfung. Der Stress hat das Ausbleiben meiner Mens verursacht, aber ich hatte Sorge, schwanger zu sein. Also habe ich meinen Frauenarzt aufgesucht, der Entwarnung geben konnte. Mein damaliger Freund hat daraufhin den Kofferraumdeckel seines roten Golfs geöffnet und mir drei Rosen in die Hand gedrückt – mit den Worten: „Wenn Du schwanger gewesen wärst, hättest Du sie nicht bekommen.“ Bums. Das saß. Später teilte er mir dann, wie selbstverständlich, mit, dass ich es eh hätte wegmachen lassen müssen, das sei ja wohl klar! Mir war damals eiskalt, und ich war mir über eines so sicher: Ich hätte es nie wegmachen lassen. Allein diese Formulierung lässt mich heute noch schaudern. Verlassen habe ich ihn trotzdem erst viel später.

Ich kenne auch den Fall von einem Mann, der seine Freundin ebenfalls gedrängt hatte, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Sie hat sich jedoch nicht beirren lassen. Seine Aussage heute: „In dem Moment, wo ich meinen Sohn das erste Mal angesehen habe, hat sich ein Schalter umgelegt.“ Seine Partnerin nahm es ihm dennoch weiterhin übel. Im Sorgerechtsstreit hat sie genau diesen Satz zitiert – leider auch mehrfach vor dem eigenen Sohn. Manche Verletzungen reichen so tief, dass sie einfach allen Anstand vergessen lassen.

Ich kenne Frauen, die ihre Schwangerschaft abgebrochen haben. Ich kenne Männer, deren Freundinnen eine Schwangerschaft abgebrochen haben. Keine*r von ihnen ist unbelastet. Es ist nichts, was man „mal eben so“ entscheiden sollte. Und es sollte mehr Informationen darüber geben, damit verzweifelte Frauen nicht in die Illegalität getrieben werden. Und ebenso muss das ganze Thema enttabuisiert werden – auch im Sinne der Männer. Denn die harten Worte, wie: „Es ist mein Körper und demnach meine Entscheidung“ fußt meines Erachtens auf der Spaltung zwischen Männern und Frauen, die gerade wieder herrlich hochgepeitscht wird. Etwa beim Gendern oder bei der Frauenquote, von der sich so viele Männer bedroht fühlen. Ein nüchternes Beispiel hierfür: In meiner Firma geht die Mär um, dass man ja nur eine Frau zu sein brauche, um heute Karriere machen zu können. Man nehme nicht besser qualifizierte Männer, sondern schlechter qualifizierte Frauen, weil man ja eine Frauenquote erfüllen müsse. Die Männer hätten ja gar nichts mehr zu sagen. Die Statistik zeigt ein trauriges Bild: Die Führungspositionen sind zu 13 % von Frauen bei uns besetzt. Noch Fragen? Wir sollten besser gemeinsam für ein besseres Miteinander kämpfen als gegeneinander noch mehr Ängste und Hass schüren. Zeit, anzufangen, oder?

Urvertrauen und Mut

Es braucht bisweilen sehr viel, um Menschen aufzurichten, sie zu motivieren, ihnen Mut zuzusprechen. Um Menschen zu erniedrigen, braucht es hingegen viel weniger. Es geht innerhalb weniger Minuten, habe ich manchmal das Gefühl. Und das verstehe ich nicht. Es liegt natürlich auch an den Selbstzweifeln, die jede*r Einzelne von uns in sich trägt. Habe ich ein gutes Urvertrauen geschenkt bekommen, dann haut einen ein kritisches Wort nicht so schnell um. Ist es allerdings nicht so gut um den Selbstwert und das eigene Vertrauen in sich selbst bestellt, dann braucht es nur einen Windhauch, andere zu entmutigen.

Ein Beispiel: Ich habe einen tollen Arbeitskollegen. Er ist ein paar Jahre jünger als ich, aber schon in der Hackordnung höher angesiedelt, was ich ihm von Herzen gönne, weil er wirklich ein richtig Guter ist. Wenn er einem zuhört, dann ist er voll da. Kontrovers kann es zugehen, was auch keinerlei Probleme oder Irritationen bereitet. Und dann berichtet er letztens mit leuchtenden Augen: „Alles, was ich heute bin und verkörpere, verdanke ich meinen Eltern. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Und dafür werde ich ihnen stets dankbar sein.“ Das ist so wunderschön und schmerzlich zugleich. Er ist nicht einmal den glatten Weg gegangen. Mittlere Reife, weil er nie verstanden hat, wozu Lernen gut sein soll? Dann hat er eine Ausbildung absolviert und gemerkt, dass es das nicht allein gewesen sein kann. Also hängt er den Techniker dran. Auch das macht zwar Spaß, erfüllt ihn aber nicht. Also sattelt er noch ein Maschinenbaustudium drauf. Es passt, weil er unerschütterlich daran glaubt, dass alles gut ist. Seine Familie steht bei allen Entscheidungen vollkommen hinter ihm – selbst, wenn sie nicht genau verstehen, was er da gerade macht. Klar hat er auch schon Trennungen hinter sich und weniger rosige Zeiten. Aber er vertraut darauf, dass alles gut wird, weil er ein solides, gesundes Fundament mitbekommen hat. Das freut mich für ihn. Und noch mehr freut mich, dass er nicht vergisst, wem er das zu verdanken hat.

Und dann gibt es diese anderen Menschen, die eben nicht so einen glücklichen Start ins Leben hatten. Ich kenne einen Mann und darf ihn mittlerweile Freund nennen, der bis heute nicht genau weiß, wie die eigentlichen Geschehnisse abgelaufen sind, denn über „so was“ wurde nicht geredet. Er weiß, dass er mindestens zwei Halbgeschwister hat, darüber hinaus aber auch noch andere zur Disposition stünden. Und weil sein Vater wohl verschiedene Frauen in Nöte gebracht hatte, was ihm über den Kopf zu wachsen schien, munkelt man, dass sein Autounfall auf schnurgerader Strecke vermutlich kein Unfall war. Seine Mutter war zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt – und das im ländlichen Bayern. Unverheiratet, schwanger und das vor ca. 55 Jahren. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was diese Frau sich alles anhören musste. Sie lernte einen anderen Mann kennen, der sie und das Kind annahm. Und das bedeutete natürlich, man müsse nun auf ewig dankbar sein. Scherereien waren nicht erlaubt, weshalb dieser Mann bis heute immer hübsch angepasst ist. Seine Mutter habe ihn jeden Tag seit der Grundschule dazu gezwungen, mindestens drei Stunden zu lernen. In der Oberstufe sei ihm dies zugutegekommen, keine Frage. Er ist schon sehr dankbar…aber sein Urvertrauen? Der leibliche Vater entzieht sich seiner Verantwortung und überlässt es den Frauen und ungeborenen Kindern, „in Schande“ zu leben. Dass es solche Formulierungen und Denkweisen überhaupt gab und wohl zum Teil auch noch gibt, ist schon schlimm genug. Zeit seines Lebens fühlt er sich verpflichtet, dankbar zu sein. Versteht mich nicht falsch: Ich bin ein absoluter Befürworter von Dankbarkeit und Demut. Nur mag ich es nicht, wenn man Kindern so eine Verpflichtung per se aufzwingt. Was er allerdings gelernt hat, ist opportun zu sein. Er hat schon früh lernen müssen, wie wichtig es sein kann, nicht aufzufallen und angepasst zu sein – schlichtweg, um zu überleben. Denn wenn die eigene Mutter ständig erwähnt, dass sie ruckzuck wieder alleine dastünden, wenn er nicht brav lernen und auch sonst nicht weiter negativ auffallen würde, dann versucht man natürlich alles, um bloß nicht anzuecken.

Weil ich so anders bin und war, als meine Familie das wollte, habe ich jahrelang fest daran geglaubt, adoptiert zu sein. Das konnte beim besten Willen nicht meine Ursprungsfamilie sein. Dazu half der Satz meiner ätzendsten Tante auch kein bisschen: „Ich weiß nicht, womit mein Bruder ein Kind wie Dich verdient hat!“ Ich wurde nicht aufgeklärt, was ich denn genau falsch machte. Ich weiß es bis heute nicht. Es half ebensowenig, wenn meine Mutter meinte: „Die Leute denken nachher noch, wir hätten ein behindertes Kind!“ Und das nur, weil ich den Weg zur Schaukel vor Freude schreiend zurückgelegt habe. Auch wenig hilfreich war der regelmäßige Satz meines Vaters, weil ich nicht die Gabel so hielt, wie er das wollte: „Du bist ein Spastiker!“
Wenn ich das so schreibe, merke ich selbst, wie bitter das klingt. Dabei werde ich immer „feiner“ damit. Ich versuche leider immer noch, es vielen recht zu machen. Aber opportun sein, kann ich nicht. Manchmal wünschte ich mir das, weil mich das Gegenteil natürlich auch verdammt viel Energie kostet. Aber weil ich mich so häufig ungerecht behandelt gefühlt habe, kann ich Ungerechtigkeiten wohl so wenig leiden…wobei ich mir manchmal schon wünsche, mich für meine Belange so stark einzusetzen, wie ich das für die Belange anderer tu´. Was ich damit meine? Unter anderem meine jetzige Situation. Bin ich überzeugt davon, dass die Arbeitswelt da draußen auf mich wartet? Aber so was von gar nicht! Ich lenke mich ab, weil ich so viele Ängste habe, abgelehnt zu werden. Um nicht die Vermeidungsstrategie zu fahren, die ich leider häufig anwende, habe ich es dieses Mal an verschiedenen Stellen laut gesagt – und auch hier geschrieben: Ich suche mir was Neues. Damit setze ich mich selbst unter Zugzwang, weil ich keineswegs wortbrüchig werden will. Irgendwie verrückt, dass ich mich selbst übers Ohr hauen muss, um endlich den Sprung zu wagen. Wie heißt es so schön? „Angst beginnt im Kopf. Mut auch.“ In diesem Sinne habe ich mich heute überwunden und meine erste Bewerbung verschickt. Meine Chancen stehen nicht allzu gut für diesen Job. Viel wichtiger ist allerdings, es einfach jetzt gewagt zu haben. Was mein Herz dabei bereichert, sind gute Menschen, die mir Mut zusprechen. „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“ – oder einfach: Was ich wohl an Urvertrauen vermisse, füllen manche wertvollen Menschen für mich auf. Das macht mich dankbar…und ein bisschen mutiger.

Ich kenne viele vollkommen unterschiedliche Lebensentwürfe und Lebensstarte. (Dieses Pluralwort musste ich doch echt nachschlagen…hätte auf „Starts“ getippt, war aber falsch. 🙂 ) Je mehr ich mich mit vollkommen anderen Menschen unterhalte, als denen, mit denen ich groß geworden bin, umso mehr steigt meine Toleranz. Das heißt nicht, dass ich für jeden Deppen Verständnis aufbringen möchte. Nur manches erklärt sich dann doch, wenn man die Menschen ein bisschen besser kennt bzw. man mehr von den Menschen und ihrer Geschichte erfährt.
Ich wünschte, alle hätten einen guten Start in dieses Leben. Dann gäbe es immer noch falsche Abzweigungen, dumme Entscheidungen oder schlimme Schicksalsschläge. Nur wären die Chancen größer, wenn wir alle nur so vor Urvertrauen strotzen würden. Und Urvertrauen heißt nicht Arroganz, sondern vielmehr vereinfacht: Vertrauen in sich selbst und seine Umwelt. Wenn wir mehr davon hätten, würden wir auch nicht immer mehr vereinsamen – ein Phänomen, das in der Tat weit gefährlicher ist, als man landläufig meint. Einsamkeit verursacht nämlich auf Dauer Stress, der das Herz-Kreislauf- und Immun-System schwächt. Also lasst uns gemeinsam was dagegen tun, lasst uns auf Menschen zugehen, mit ihnen Zeit verbringen und sie bestärken. Davon haben wir am Ende dann auch alle was. Jo…so sieht meine Idealwelt aus. Schauen wir mal, was daraus wird. Jede Reise beginnt mit einem ersten kleinen Schritt…

„Wir sind bestens aufgestellt“

„Du wirst uns fehlen, Sophia! Die im Kindergarten werden staunen, wenn sie Dich kennenlernen!“ Ist das nicht toll? Ich wünschte, das würde man zu allen Kindern sagen. Ach, was red´ ich? Zu allen Menschen! Wo ich das gehört hab´? Na, auf einem Schaufelraddampfer am Ammersee. Mir war vorgestern wieder nach Wasser zumute. Ich brauche Wasser und Wind, wenn ich nachdenken will. Und das wird wohl wieder Zeit.

Montag gehe ich brav wieder zur Arbeit. Nicht, weil ich wirklich wieder fit bin. Immerhin bin ich negativ getestet. Schnupfen und Husten werden mich – laut Prognose – noch ein paar Wochen begleiten. Ich habe einfach keine Lust, länger auf meiner Couch zu bleiben. Und meine geplanten Schulungen will ich nicht weiter schieben. Immerhin will ich die Azubis abgeben. Dafür muss die Kollegin zumindest mal daran teilnehmen. Nächste Woche ist sie in Urlaub. Daher muss das jetzt sein. Die Begrüßung eines Kollegen fällt sehr nett aus: „So, wie Du aussiehst, solltest Du besser ins Bett.“ Ach ja, ich liebe sie auch alle…wobei sie ja recht haben.
Meine Chefin spricht mich wieder auf meine Überstunden an, was ich brav wegnicke. Es ist mir gerade einfach egal. Die Azubis nerven in Teilen. Es sind auch Nette dabei. Aber einige von ihnen sind dicke-Eier-Kartoffelsalat-Typen. Naja, 14 Testosteronis auf einen Haufen, sind wohl immer eine Herausforderung. Und einer ist dabei, der absolut von sich überzeugt ist. Er würde der neue Vorstandsvorsitzende werden. Dabei stört er permanent, ist zu cool für diese Welt und auch nicht die hellste Kerze auf der Torte. Dafür hat er die Haare schön – immerhin. Er ist Typ Mensch, der maximale Gewinne einfahren will, ohne dabei auch nur einen Finger krumm zu machen. Und alles ist dabei dann immer unfair. Davon gibt es leider schon genug. Mehr von dem Kaliber brauche ich nicht. Später erfahre ich, dass er beim Ausbildungsleiter auch schon nachgefragt hat, wie er Vorstandsvorsitzender werden könne? Wir reden hier vom ersten Lehrjahr. Und ja, ich mag Ambitionen. Selbstüberschätzung nervt mich hingegen immer mehr an.
Abends bin ich dann so richtig platt. Aber Mittwoch ist eben der Tag, weswegen ich vor allen Dingen da sein muss: Das Gespräch mit dem Personalchef steht an. Mittlerweile habe ich meine Bewerbungsfotos fertig. Aber bevor ich was verschicke, will ich schauen, ob meine Firma nicht doch den Knall gehört hat. Der Herr ist freundlich, ich bekomme ein Wasser angeboten. Vermutlich muss ich dafür die nächsten zehn Jahre dankbar sein? Doch als es ans Eingemachte geht, kassiere ich nur große Augen. Nein, wir hätten keinen Bedarf. Wir seien bestens aufgestellt. Ja, psychische Belastungen seien durchaus ernst zu nehmen, aber da haben wir ja eine Dame, die dafür zuständig sei. Die ist zwar in Teilzeit da und für 5.000 Leute zuständig, aber damit sind wir dann eben bestens ausgestattet. Liegt an meinen schlechten Rechenkünsten, vermute ich. Präventivarbeit? Naja, alle Führungskräfte würden ja einmal in ihrer Karriere einem Vortrag verpflichtend beiwohnen müssen, in dem es um Sucht gehe. Das sei ein echter „eye opener“. Eine Pflichtveranstaltung. Naja, danach ist man dann ja ein Experte im Umgang mit Sucht. Unsere psychische Gefährdungsbeurteilung ist grottig ausgefallen. Die Mitarbeiter haben mitgeteilt, dass sie überfordert seien. Aber klar, wir haben keinen Handlungsdruck. „Wir sind bestens aufgestellt.“ Sind die ignorant? Arrogant? Saudumm? Völlige Sozialkrüppel? Sei es drum… es soll nicht sein. Dann darf ich jetzt schauen, welche Firmen so weit sind, sich wirklich um ihre Mitarbeiter zu kümmern. Nicht nur auf dem Papier – denn da tun das komischerweise ja alle.

Um darüber nachzudenken, wo ich tätig werden will, brauch´ ich eben Wind und Wasser um mich herum. Meine Chefin, aber auch andere Kollegen sind völlig schockiert von der Haltung des Personalchefs. Ich spiele am liebsten mit offenen Karten, daher wissen einige Bescheid. Ich hasse Sätze im Anschluss, wie: „Hätte sie doch mal was gesagt. Das hat ja keiner kommen sehen!“ Es ist, wie in den meisten Beziehungen, wenn dann eine Partei urplötzlich aus allen Wolken fällt. Damit tu´ ich mich schon immer schwer.
Jeder meiner eingeweihten Kollegen wünscht mir Glück – auch wenn ich Donnerstag beim Betriebsfest Sätze höre, wie: „Ich wünsche Dir das Beste… aber mir, dass Du so schnell nichts Neues findest.“ Ich weiß, wie ich das zu verstehen habe und nehme es dem Kollegen nicht einmal übel. Ein Satz hat mich besonders gefreut: „Selbst wenn Du für den neuen Job umziehst, sollte Dir klar sein, dass Du mich nicht mehr los wirst!“ Wenn das mal keine nette Bekundung ist. Gut, hätte Heinz den Satz geäußert, käme er einer Drohung gleich. Er ist aber auch nicht eingeweiht. Seine Freudentänze darf er dann aufführen, wenn es so weit ist.
Jetzt könnte man mutmaßen, dass es dumm und naiv sei, diese Thematik so offen zu verlautbaren. Für mich ist es wichtig, das Ganze laut auszusprechen, denn dann wird es Wahrheit…und setzt mich unter Zugzwang. Ich kann natürlich weiterhin schimpfen und Missstände beklagen. Nur wenn ich ein Angebot unterbreite mit den Worten: „Bevor ich mich auf dem Markt umschaue, wollte ich zunächst im eigenen Hause schauen“, dann muss ich danach auch so konsequent sein, die nächsten Schritte einzuleiten. Schnellschüsse sind dabei natürlich nicht mein Ding. Ich würde auch niemals kündigen, ohne was Neues zu haben. Meine Sis war schon besorgt, es könnte mich eiskalt erwischt haben, aber das hat es erstaunlicherweise nicht. Im Grunde weiß ich doch schon länger, dass es so nicht weitergeht und diese Firma – wie viele andere auch – Wasser predigt und Wein säuft. Wenn nur nicht der ganze Rattenschwanz daran hinge: Wo suche ich? Ziehe ich dafür wieder um? Was will ich eigentlich wirklich? Bewerbungen zu schreiben, ist das Eine – Absagen zu kassieren das Andere. Mein Lebenslauf sieht dieses Mal völlig anders aus als alles Bisherige. Er ist provokant und zeigt tatsächlich das, was der Arbeitgeber erwarten kann. Kein Chichi, kein Angebiedere…und dennoch habe ich natürlich Angst und Zweifel. Und andererseits ist da dieses Gefühl in mir, das sagt: Es wird sich alles fügen! Warum auch nicht? „Et hätt noch emmer jot jejange“, denkt der rheinische Anteil in mir. Ob es die letzte Schleife ist, die ich drehen muss, weiß ich nicht. Auf zu neuen Ufern…mal sehen, wohin der Wind mich wehen wird. Ich freue mich…auch wenn ich unsicher bin. Raus aus der Komfortzone, gell?

Erwischt

Die Rückreise mit all ihren Tücken und Nickeligkeiten liegt hinter uns. So eine Rückreise ist ja jetzt kein Highlight. Es ist eher ein notwendiges Übel. Wir vertreiben uns die elende Wartezeit mit Namensgebung anderer Leute. Manchmal stellen wir auch ihre Dialoge nach. Bisweilen glaube ich ja schon, wegen meines Mundwerks irgendwann in die Hölle zu gelangen. Mein Neffe sichert mir diesen Ort in jedem Fall zu. Bei sich selbst bleibt er eher skeptisch. Er sei ja nicht so böse wie ich. Is klar… Ich wette alles, was ich habe, darauf, dass wir uns später dort treffen und das Regiment übernehmen werden.
Unser Flug geht mit über einer Stunde Verspätung los. Die Toiletten funktionieren dieses Mal, aber die Unterhaltungselektronik wieder nicht. Das wird aber nicht einmal mehr erwähnt. Das kekst mich schon irgendwie, aber ich versuche ohnehin, einfach nur zu schlafen. Wie sagt mein kleiner Neffe so schön? Auf so einer Reise siehst Du Gottes komplettes Tierreich. Es gibt die Ruhigen, genauso wie die Egozentriker. Es gibt die Lauten und Genervten. Und es gibt diejenigen, die ihren Sitz von der ersten Sekunde an nach hinten knallen – auch für ihre Kinder. Egal, wie eng es für die Leute dahinter wird. Und erst die Stewardessen können dann darauf hinwirken, während der Mahlzeiten die Rückenlehnen senkrecht zu stellen, was sie vorher eigenartigerweise nicht verstehen konnten. Das passiert alles links von mir. Dabei ist der Herr, der echt eingeengt da sitzen muss, keiner, mit dem ich spaßen würde. Ich wette darauf, er hat früher geboxt. Zusätzlich zu der typischen Boxernase hat er auch noch auf den rechten Oberarm „game over“ tätowiert. Manchen Humor mag ich ja besonders gern.
Auch die Deutsche Bahn enttäuscht uns nicht, weil sie natürlich völlig überfordert ist. Der ICE ist gerappelt voll mit Leuten, die sogar im Gang sitzen…also nicht auf einem Sitz, sondern einfach auf dem Boden. Versucht da mal, mit einem fetten Koffer zu rangieren. Es ist eine ganz eigene Studie für sich, die sich uns da bietet. Der Bimmelzug, den wir dann trotz Verspätung und Abhetzerei noch bekommen, startet ohne ersichtlichen Grund auch noch später. Als die Durchsage kommt: „Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis“, schnauzt eine Omi rechts von mir: „NEIN!“ Und ich kann sie verstehen. Es ist in den letzten Monaten kaum ein Zug/ eine Bahn pünktlich losgefahren.
Ich bin total geflasht von den Menschen in der Bimmelbahn. Kinder, die selber schon Kinder haben und Typen, denen ich im Hellen schon nicht begegnen möchte – geschweige denn im Dunkeln. Einer trägt ein schwarzes T-Shirt mit weißer Aufschrift: „Ich hasse Menschen!“ So was kann man sich doch nicht ausdenken, das glaubt einem ja niemand. Er geht auf seinen schmierigen Kumpel zu und mault los: „Haste auch so´n Scheißtag?!“ Der nickt und erkundigt sich, woran es denn beim Menschenhasser liege? „Meine Bewährungshelferin hat den Termin kurzfristig abgesagt.“ Bei „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ denke ich immer, solche Dialoge habe sich ein Gehirnamputierter ausgedacht, aber weit gefehlt. So sieht bisweilen die Realität echt aus. Der andere raunt: „Hab´ auch gesessen, weil die Arschlöcher mich erwischt haben.“ Äääääh…wo bin ich hier??? Da sag´ mal einer, man müsse weit wegfliegen, um was zu erleben. Es reicht, einfach in die Regionalzüge zu steigen und den Menschen zu lauschen. Dafür muss man sich nicht einmal anstrengen, denn sie reden gerne besonders laut. Willkommen in der ehemaligen Heimat…
Um 17 Uhr sind wir bei meiner Sis, um 19:30 Uhr liege ich im Bett, um zwei Uhr geht´s wieder los Richtung München, denn da müssen wir am nächsten Abend zu einem nachgeholten Konzert. Ihr seht schon: Es geht weiter, wie ich aufgehört habe – turbulent. Das Konzert hätte vor zwei Jahren stattfinden sollen. Und als meine Sis und ich so auf dem Tollwood-Gelände stehen, fallen mir gleich mehrere Sachen auf. Es scheint Corona gar nicht mehr zu existieren, was ein gewisses Maß an Freiheit verspricht. Leider ist meine Nase nicht mehr an dieses Bouquet an Düften gewöhnt. Und irgendwie klappt alles auch ganz gut – inklusive öffentlichen Verkehrsmitteln. Plötzlich springt es mich regelrecht an. Melissa spielt die ersten Töne, und mir schießen die Tränen in die Augen. Das letzte Konzert haben wir vor 20 Jahren besucht, als meine Sis gerade erfahren hatte, schwanger zu sein. Sie hat damals nichts gesagt, sondern war einfach nur herrlich überdreht. Melissa hat mir vor 30 Jahren meinen Sommerurlaub gerettet. Ich musste alleine mit meinen Eltern in Urlaub fahren, weil meine Sis Betreuerin in einem Sommerlager war. Was habe ich mich gewehrt…nur genutzt es hat nichts. Ich musste. Frisch getrennt von meinem ersten Freund, habe ich frustriert auf der Rückbank gesessen und die Kassette von Speelchens Brieffreundin rauf und runter gehört. Ein Wunder, dass das Band nie gerissen ist. Es war ihr Debütalbum, das ich Wort für Wort mitsingen konnte. Entsprechend schnürt es mir in meiner Sentimentalität hin und wieder den Hals zu. Diese Frau, die nun 61 Jahre alt ist, hat so viel Feuer im Hintern, so viel Leidenschaft in sich, dass ich sie regelrecht vergöttere. Sie wechselt dauernd die Gitarren, spielt Mundharmonika und betätigt sich nachher noch am Schlagzeug. Dazu ihre einzigartige, unverwechselbare Stimme…da kommen echt viele Erinnerungen hoch. Ich bin so was von dankbar, das hier erleben zu dürfen.
Am nächsten Morgen (Dienstag) komme ich sogar ganz gut vom Sofa (mein Bett wird von meiner Sis und Schwager belegt). Alles scheint gut zu laufen…bis…ja, bis Donnerstag. Morgens kratzt mein Hals wie blöde. Mittags kommen Kopfschmerzen hinzu. Nach der Arbeit schleppe ich mich zum Testzentrum und dann nach Hause, nur um wieder umzukehren, denn nun benötige ich auch noch einen PCR-Test. Oh man. Und ja, auch der ist positiv. Ich war mir ja ohnehin sicher, dass es uns alle früher oder später erwischt. Aber dann erwischt es eben mich. Die Temperatur steigt, das Schlafen geht kaum. Und so krebsel´ ich dann durch die Tage. In eine Praxis darf ich nicht, eine Krankmeldung benötige ich dennoch. Dazu muss ich meinen positiven PCR-Test an die Praxis schicken – gerne auch per Fax. Wer hat bitte schön ein Faxgerät Zuhause??? Die wenigsten. Und dann beginnt das Warten auf den Rückruf eines Arztes. Durch das Wochenende und die steigenden Infektionen zieht es sich bis Montagabend 18:36 Uhr. Ja, da war noch eine Ärztin da. Und nein, die Krankmeldung könne mir nicht geschickt werden. Ich müsste sie abholen. Häää? Ja, sie fänden das auch doof, aber so sei die derzeitige Gesetzeslage. Dienstagmorgen fahre ich also los. An diesem Tag fühlt sich mein Hals erstmalig nicht mehr wie rohes Fleisch an. Immerhin ein Teilerfolg. Wenn heute Abend dann endlich meine Temperatur nicht mehr ansteigt, werde ich dankbar sein…man wird so genügsam mit dem Alter. Ich betrete mit FFP2-Maske den Eingangsbereich und reiche meine Karte an die Sprechstundenhilfe. Die Gute wird panisch, verschüttet jede Menge Desinfektionsmittel über ihre Hände und die Anrichte, dass ich mutmaße, an offener Tuberkulose zu leiden. Sie bittet mich, draußen zu warten, dann würde sie mir die Bescheinigung rausbringen. Natürlich kann sie nichts dafür. Die Ärzte auch nicht. Aber das System ist langsam etwas arg verrückt, oder? Ich tüte alles brav ein, wische mir den Schweiß von der Stirn, der durch diese paar Schritte schon hervorgetreten ist, und gehe zum Briefkasten. Man, freue ich mich gerade auf meine Couch. Ich schicke vorab eine Mail an meine Chefin und aktiviere meinen Abwesenheitsassistenten. Und was machen zwei meiner Kollegen? Sie schreiben Mails, weil sie noch was brauchen. Gut, sie schreiben mir auch so was, wie „gute Besserung“. Aber in erster Linie benötigen sie mal wieder was. Und was mache ich? Ich, dumme Nuss, lese und beantworte meine Mails sogar. Dabei ist mein Job so was von unwichtig. Manchmal verstehe ich mich selbst kein bisschen. Aber dafür hat der Personalchef mittlerweile zugesagt, mit mir zu sprechen. Allerdings soll ihn wohl auch Corona ereilt haben. Hoffen wir mal, dass wir nächste Woche beide wieder fit sein werden. Irgendwie hatte ich es mir leichter vorgestellt…war es aber nicht. Also: Passt gut auf Euch auf, gönnt Euch Ruhe…und schwelgt in alten Zeiten. 🙂 Wenn das alles nichts hilft, hilft Streamen vielleicht? Probiert´s aus, sollte es Euch erwischen. Jede*r hat da so ihre/seine eigenen Mittelchen. Und erlaubt ist, was hilft.

up in the air

Die Zeit geht durchaus auch rum, wenn man sie verbummelt. Kaum zu glauben, aber echt wahr. Heute Morgen bin ich schon zeitig wach und kann nicht wieder einschlafen. Nervosität ist es nicht, auch wenn der Tag aufregend zu werden verspricht. In Ruhe gehen wir zum Frühstück, nehmen aber nur etwas Obst zu uns. Man weiß ja nicht, wie unsere Mägen später reagieren werden, obwohl ich zuversichtlich bin. Gerade ist hier Mangozeit. Es gibt sie in Scheiben zurechtgeschnitten… direkt neben den Ananasstücken. Herrlich! Mein Neffe bevorzugt Melonen, auf die ich gut und gern verzichten kann. Aber frisches Obst, zurechtgeschnitten direkt aus der Gegend, ist einfach unschlagbar. Das dürfte gerne jemand für mich Zuhause fortführen. Gibt’s schon Freiwillige?

Und dann geht’s auch schon los zur Lobby, denn wir wollen fliiiiiiiiiegen. Yfranzt quatscht uns noch an. Witziger Name, oder? Das ist irgendein Typ vom Travelteam. Der fragt, wo der Papa des Jungen sei? Bei der Mama, mutmaße ich. Ob ich verheiratet sei? Nö. Kinder? Nö, mir reichen die beiden Jungs meiner Sis. Aaaah…si claro. Hier sind alle vollkommen enfriada. Nichts geht zackig, jeder hat Ruhe für 20. Auf Dauer würde ich das nicht aushalten. Aber für den Urlaub ist das mal ok. Unser Fahrer sammelt uns ein, und wir stellen vergnügt fest, dass wir die Einzigen aus unserem Hotel sind. Kein Moto Moto – juchuuuuuu! Man wird so genügsam mit der Zeit, oder? Klar, der Trip hat auch nichts mit Sauftour zu tun. Das wäre in dem Fall eher hinderlich. Nach 20 minütiger Fahrt kommen wir an und können die Helikopter schon stehen sehen. Wir haben Glück, da wir nur zu viert fliegen. Drei sitzen hinten, einer vorne neben dem Piloten. Sie weisen uns die Plätze zu, und ich darf echt nach vorne! Das klingt doppeldeutig, aber ich könnte jederzeit nach dem Knüppel greifen. 🙃 Mir scheint die Sonne aus dem Hintern. Als wir starten und langsam abheben, frag ich mich noch, wie einem hierbei schlecht werden kann? Es ist einfach nur grandios. Und schon fliegen wir über den Dschungel Richtung Berge. Die Sicht ist atemberaubend. Ich glaube echt, ich könnte im Wechsel fliegen und übers Meer schippern. Es fühlt sich beides wunderbar an. Was sind wir für Glückskinder!!!

Wir fliegen über einen Wasserfall, wo der Pilot lässig drei Runden dreht, bevor es wieder weitergeht. Und dann landen wir an einem Strandabschnitt, auf dem es lediglich ein paar Vogelfußspuren gibt. Zunächst müssen wir warten, bis die Rotorblätter zum Stillstand gekommen sind. Als wir aussteigen, ist mein Neffe etwas blass um die Nase, was mich total verwundert. Ihm machten der Start und das Landen wohl zu schaffen. Ich hab’s hingegen nur genießen können. Er bleibt entsprechend erstmal im Schatten, während ich am Strand entlang loslaufe. Hammer, hier sind keine Fußspuren, dafür diverse Leichen. Keine Sorge, keine menschlichen. Es sind Krebse, die hier im großen Stile ihr Leben lassen mussten. Auf einmal kommt mir ein Hund entgegengelaufen, der mich aber völlig ignoriert. Als ich später zurückkehre, liegt er bei meinem Neffen. Auf den hat er sich zunächst wohl draufgelegt, was ich zu gerne gesehen hätte. Ich gebe dem Süßen etwas von meinem Sandwich ab, was er begeistert schnabuliert. Allzu oft wird er wohl kein Futter bekommen, wie er aussieht. Ohne zu betteln, liegt er neben uns und knurrt nur kurz, als der Kokosnuss-Verkäufer erscheint. Als wir nach einer guten Stunde wieder losdüsen, bellt er den Helikopter erstmal an und läuft dann auf uns zu. Leider nehmen wir ihn nicht mit. 60 Minuten Hinflug, 40 Minuten Rückflug macht 100 Prozent gute Laune bei mir. Perfekt.

Ich werde noch ein paar Punkte auf meine Liste schreiben müssen. Ein richtiger Segeltörn steht noch auf meinem Programm. Und eine Safari ist auch noch mein Wunsch. Freiwilligenarbeit in Kenia natürlich. Mal schauen, was noch alles kommen wird. Wir schlendern heute nur noch zum Pool, um ein wenig zu relaxen. Und hierbei ist mein Neffe mein Wing-Man. Wenn er an meiner Seite ist, ist alles harmlos. Da er rasch aufs Zimmer will, bleibe ich mal allein. Als ich zurückgehe, entsteht das Gespräch, das nur in südlichen Ländern so abläuft. Er: „Hey Lady, where is your husband?“ Ich: „I don’t need one.“ Er: „Why do woman say so? We all need love.“ Wenn der meinen Fuhrpark kennen würde… Ich winke lächelnd ab. Er: „Please give me your number.“ Ich: „I am too old for that.“ Nein, sei ich nicht und bla… bis: „I think you need love. Let me make love to you.“ Ääääh….nö. Bislang bin ich verschont geblieben, weshalb ich jetzt auch nicht genervt bin, sondern nur lachen kann. Ich bin froh, wieder sicher bei meinem Neffen anzukommen. Da sag mal einer, hier erlebt man nix. 😁 Ab jetzt ist nur noch Chillen angesagt. Auch ok… wobei ein bisschen Action schon auch was für sich hat. Mal schauen, was wir noch alles erleben und entdecken. Mir geht’s jedenfalls rundum gut.

Moto Moto on the boat

Es könnte so schön sein… wenn manche Menschen einfach tot umfallen würden. Wahlweise könnte auch ein Hai sie fressen. Ich bin auch offen für die Schiffsschraube. Dafür hat mein Neffe mir auch schon mit der Hölle gedroht. Und ich sag ganz entspannt: Lass kommen. 

Aber von vorn. Heute ist unser Tag für die Yacht. Es geht zu einer wunderschönen Insel. Da ist es auch egal, ohne Frühstück raus zu müssen. Da es eine rein deutsche Tour ist, verwundert es auch nicht, dass wir allesamt früher da sind und dadurch fünf Minuten vor der Zeit starten. Ein Blick aus dem Busfenster kündigt schon meine schlimmste Befürchtung an: Ein Vollpfosten, wie er im Buche steht, steigt ein. Wir haben ganz Deutschland, die Schweiz und sogar Österreich vertreten. Nur Moto Moto, wie wir ihn liebevoll taufen, fällt aus dem Rahmen. Wer Moto Moto nicht kennen sollte, kann sich gern auf Youtube anschauen, wen bzw. was wir meinen.

Das Einzige, was ihn interessiert, ist Rum. Warum ballert er sich nicht Zuhause allein damit die Rübe weg? Da wäre allen geholfen. Wir fahren eine ganze Weile mit dem Bus, während uns Franklin, unser Guide, einiges über Land und Leute erzählt. Er sieht aus wie der ältere Bruder von Denzel Washington und ist langmütig wie der Dalai Lama. Er berichtet, dass 53 Prozent der Dominikaner ein Problem mit den Ohren habe, was wohl geh genetisch bedingt sei. Aufgrund dessen würden die Dominikaner Stille hassen. Es müsse alles laut sein. Ein Mofa, das zu leise sei, würde man am Auspuff bearbeiten oder einfach Büchsen anhängen. Sachen gibt’s. Wie viele Haitianer in der DomRep leben würden, wisse keiner so genau. In Haiti seien sie noch ärmer, daher würden sie rüberkommen und die niederen Arbeiten übernehmen. Die Zuckerrohrplantagen würden durchweg von ihnen bewirtschaftet. Die Regierung sei korrupt, weshalb sie auch gar nicht danach schauen würden, wieviele Haitianer hier seien. Immerhin wären jetzt mittlerweile Schulen für ihre Kinder errichtet worden – nach Jahrzehnten ohne Schulbildung. Dabei war Haiti bei der Gründung durch die Franzosen viel reicher als die DomRep, weil die Spanier durch teure Kriege in Europa nahezu bankrott war. Daher konnten sie sich auch keine Sklaven leisten – im Gegensatz zu Haiti. Durch die Sklaven sei die vorrangige Religion auch bis heute dort Voodoo. So was finde ich ja spannend und verkürzt die Busfahrt ungemein.

Ich erkenne einmal mehr, dass ich kein Guide sein wollte. Es gibt immer diese Moto Moto Typen, die alles sprengen, immer zu laut sind, alle nerven und unverschämt rumpöbeln. Wäre nichts für mich. Ich wäre da erzieherisch unterwegs, was ja nicht ginge. Wir besteigen ein kleines Motorboot, das uns zur Yacht bringt. Das allein ist schon abenteuerlich, denn bei Wellengang vom kleinen Boot auf die Yacht zu wechseln, ist nicht so einfach, wie es klingen mag. Moto Moto fragt natürlich gleich nach den Vitaminen (=Rum). Die Crew stellt es in 5 Minuten in Aussicht. Wie ein guter Spritti zählt er laut die Minuten runter. Fremdscham macht sich breit. Die vier Leute, die mit ihm unterwegs sind, sind ok. Nur er prollert durchgehend rum mit Rum. Distanz ist ein Fremdwort für ihn. Mit jeder weiteren 1:1 Rum-Cola-Mischung steigen Lautstärke und Distanzlosigkeit. Zwischendurch bietet er – besoffen plump subtil durchgeführt – meinem Neffen so eine Mischung an, der ablehnt. Ich wette, der Rum hat mehr Promille als er IQ, aber gut. Mein Neffe darf hier trinken, was er möchte. Ich halte ihn von nichts ab. Dann höre ich den Vollidioten laut flüstern, Lennys Mutter müsste ja nichts mitbekommen. So was liebe ich ja. Der Kleine stellt klar, ich sei seine Tante, nicht seine Mutter. Er wolle einfach nicht. Kotzen mich solche Typen an…

Auf der Insel, die traumhaft schönen weißen Sandstrand bietet und dazu kristallklares Wasser, bringe ich erstmal Abstand zwischen ihn und mich. Das Schwimmen meide ich wieder und verbrenne mir trotz Sonnenschutz und nur 20 Minuten am Strand den Nacken, Hals und Arme. Ich rette mich in den Schatten, wo auch der „Kühlschrank“ wartet – eine Kühlbox mit Softdrinks und Rum. Moto Moto hat dort seinen x-ten Besuch und gibt meinem Neffen schon Zeichen, der den Kopf schüttelt. Ich sage: „Er darf, möchte aber nicht.“ Moto Moto mault direkt los: „Hab ich was gesagt?“ Oooh, wie ich Besoffene liebe, die meinen, sie seien so unauffällig. Ich antworte: „Nö, gerade hast Du nichts gesagt, aber vorhin.“ Dafür ernte ich ein: „Du bist ganz schön garstig.“ Und Du ein dummes, ungehobeltes Schwein, könnte ich sagen… tu ich aber nicht. Beim Weggehen raunt er noch: „Bleede Kuh, bleede.“ Wer mit Alkohol nicht umgehen kann, sollte es lassen. Zwischendurch schnauzt er den Kellner noch an, er habe doch vier Rum-Cola gesagt, nichts ein. „So a Depp, so a Bleeder!“ Widerlich. Bei der nächsten Runde labert er die Leute hinter uns voll, dass wir ja viel zu wenig Zeit auf der Insel hätten. Und dann fragt er laut: „Wie geht’s n Euch mitm Scheißen?“ Es folgt eine Schocksekunde und dann die Ergänzung: „Ich hob a ganz an sensiblen Moochn. Außerhalb von Europa geht nix. Ich scheiß hier aber jedn Dooch mehrfach.“ Er ist ein widerliches Schwein. Ihn kümmert es nicht, wie pikiert die Leute schauen. Auf den Sandbänken später im Meer möchten seine Freunde einfach ruhig entspannen, aber das kann er ja nicht. Permanent mit zur Schau gestellter Kimme, weil die Hose zu klein ist, lässt er sich ins Wasser fallen, schubst seinen besten Kumpel und lässt laut die Böhsen Onkelz laufen. Gut, von jemandem, der den FC Bayern mit Eichenkranz auf dem Oberarm tätowiert hat, erwarte ich auch keine andere Musik, aber wir sind 31 Leute auf der Yacht. Wir richten uns natürlich gerne nach dem Arschloch. Er schleppt sich nach oben, wo ich hocke und rülpst so laut, dass ich befürchte, es käme Land mit. Ein Crew-Mitglied schaut mich mit aufgerissenen Augen an. Ich schüttel den Kopf und sage: „Mal hombre…loco en su cabeza. No ne gusta!“ Der nickt: „Muy enojado.“ Der Freundin seines Kumpels rät er, ihre „Möppele“ besser einzucremen, da die schon rot seien. Er würde das für sie übernehmen, sie bräuchte sich auch nicht so zu zieren. Versteht Ihr nun, warum ich die Lösung mit der Schiffsschraube präferiere? Auf der Rückfahrt sagt einer laut im Bus zu ihm: „Halt endlich die Fresse!“ Stunden zu spät, aber immerhin.

Mein Erfolgserlebnis des Tages: Ein Dominikaner fragt mich tatsächlich, ob mein Neffe mein Freund sei? In der DomRep ist so ein Altersunterschied gar nicht so selten. Oh mein Gott! Meine Erkenntnis des Tages: Vermutlich wäre selbst die Schiffsschraube an Moto Moto gescheitert. Eine weitere Erkenntnis: Ich bin und bleibe ein Weißbrot, das höchstens rot wird, was auch kein Sonnenschutz verhindern kann. Ich schwanke nach der langen Bootsfahrt noch stundenlang innerlich. Ich liebe das Meer… auch wenn ich hier schneller verbrenne. Das ist mein Element und bleibt es wohl auch. Und jetzt? Genieße ich noch eine Piña Colada…mmmh.

Endlich Urlaub

Ach, ich liebe die Karibik. Es ist zwar heiß, aber das macht so gar nichts. Warum? Weil man es dann einfach chilliger angeht. Und das tun wir.

Die letzten Tage vor der Reise waren noch alles andere als entspannt. Ich hab mal wieder registriert, dass mein größter Gegenspieler ich selbst bin. Das nervt, aber gut, ich kenne es ja schon länger. Der Personalchef hat auf meine Einladung eine Woche lang nicht reagiert. Sollte er das nach meiner Rückkehr immer noch nicht getan haben, sage ich den Termin aktiv ab. Entschuldigungen, wie „so was macht der Assistent von ihm“, sind mir vollkommen einerlei. Keine Ahnung, wieviele Zeichen ich noch benötige? Das Verhalten meiner direkten Kollegen hat mir echt auch deutlich vor Augen geführt, wie wenig Gespür für andere bei ihnen vorhanden ist. Erschreckend… und ich bin es so müde, ihnen das zu erklären. Sie waren schon betroffen, als ich ihnen gespiegelt habe, wie respektlos ihr Verhalten sei. Doch das bringt keinerlei Veränderung. Warum soll ich mich dann weiter abmühen?

Die Fahrt zu meiner Sis hat die Deutsche Bahn mit nur 15-minütiger Verspätung geschafft. Dafür war der Weg zum Flughafen mehr Nervenkitzel. Doch wir hatten genug Puffer eingeplant, weshalb es dann doch noch gut funktioniert hat. Wir starten mit einer Stunde Verspätung und der ersten Durchsage an Bord, dass nur die hinteren Toiletten funktionieren. Die vorderen seien defekt. Äääääh… ach ja, und das Entertainment sei leider auch ausgefallen. Das heißt: Keine Filme, keine Musik, kein Laden von elektronischen Geräten. Ich frage mich, wieso Condor solche Maschinen über die Pandemie nicht hat generalüberholen lassen? Da ich bis zuletzt Sorge hatte, dass noch was dazwischen kommt, bin ich jetzt zu entspannt, um mich darüber aufzuregen. Die meiste Zeit über hab ich einfach die Augen geschlossen – wie mein „kleiner“ Neffe auch. Was nervt, ist die Familie im Vierer neben uns. Und ja, ich weiß, dass das familienfeindlich klingt. Der große Sohn ist ein hyperaktives Kind. Mehr noch aber nervt der Vater, der den Jungen animiert, den Gang hoch- und runterzuflitzen. Er macht es auch nicht besser mit seinen doofen Fragen, wie: „Oooh man, wann fliegen wir denn endlich lo-hooos? Ich will endlich da sein! Das dauert mir zu laaaangeeeee!“ Wohlgemerkt sagt das der Vater. Beim Kartenspielen dreht er den Jungen (ich schätze ihn auf vier oder fünf) so sehr auf, dass der dann einen Tobsuchtsanfall hinlegt. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft der Junge Nein geschrien hat, bis er in den Schlaf gefallen ist – eine Stunde vor der Landung. Bis dahin war Action nonstop angesagt. Alles verzögert sich durch den verspäteten Flug, weshalb wir um drei Uhr deutscher Zeit endlich im Hotel ankommen. Nach dem frostig klimatisierten Bus schockt die karibische Hitze an der Rezeption, so dass mir richtig schwindelig wird. Wir beziehen unser Zimmer – leider keine zwei Einzelbetten, sondern ein Kingsizebed, aber der Kleine nickt es lässig ab. Mir soll’s recht sein. Wir hauen uns ins Bett, während er noch zwei, drei Sprüche raushaut und beteuert, so drüber zu sein, dass er nicht schlafen könne, doch zwei Minuten später höre ich seinen gleichmäßigen, tiefen Atem. Bingo, einer pennt schon mal. Ich beneide ihn um die Fähigkeit, einfach überall einpennen zu können und keine kreisenden Gedanken zu haben.

Die Dusche im Zimmer ist ein Abenteuer für sich. Es gibt drei Hähne. Was wofür ist, blicken wir immer noch nicht genau. Ich frage mich allerdings, wozu man eine Badewanne mit Jacuzzi- Funktion in den immer heißen Breitengraden hier benötigt? Seit dem Dschungel kann ich auch recht kalt duschen – nicht so mein Neffe. Sein Gefluche strapaziert meine Lachmuskeln unwahrscheinlich. Das Wasser schwankt zwischen recht kalt und kochendem Wasser. Das satinierte Glas der Dusche lässt sich wie eine Schiebetür zum Wohnraum hin öffnen. Ein Highlight, über das wir uns königlich amüsieren. Ich frage mich mal wieder nach dem Sinn? Selbst wenn ich mit einem Partner hier wäre, würde mich das nicht gerade anmachen. So was ähnliches hatte ich mal mit meiner Sis auf Kreta, aber da gab es wenigstens eine abschließbare Toilette. Aber gut, jedem so, wie es ihm gefällt.

Wir lernen unsere Reiseleiterin Gabi aus Bayern kennen, die ein echtes Unikat ist. Alle Dominikaner würden einen bescheißen. Wenn wir Drogen bräuchten, würden die Kellner uns selbst diese besorgen. Am Strand Kartoffelsalat mit Majo zu essen, da müsste doch jeder wissen, dass er bescheuert ist, oder? Die Zigarren, die am Strand verkauft würden, wären nur Bananenblätter, aber wer’s bräuchte, sollte sich nicht aufhalten lassen. Ah ja, sie sei seit 25 Jahren nicht mehr auf deutschem Boden gewesen, von ihrer Familie enterbt und vielen zu ehrlich. Aber dafür verkaufe sie eben nicht ihre Seele. Äääääh… ein paar der Infos hätte ich nicht gebraucht, aber gut. Und dann schiebt sie noch hinterher, dass es ein Geschenk sei, dass die Russen nicht reisen dürften. Aus dem Grund sei die Helikoptertour derzeit buchbar. Naja… und da denke ich so: Das ist zwar kein Schnapperpreis, aber es ist ein einmaliges Erlebnis. Wir sind hier, um das Leben zu genießen. Also los! Und so steige ich mehrfach in den Atlantik, genieße den Wind und das Fluchen „wieso geht das nicht ohne Sand?“ Am Mittwoch genießen wir dann hoffentlich den Helikopterausflug, ohne uns vorab mit Drogen vollzupumpen. Wir werden an einem einsamen Strand abgesetzt… und wer weiß, vielleicht bleiben wir einfach da. Mir geht’s gut.

Dingensschaukelding

Packen ist keine schöne Tätigkeit. Klar, ich kann mich dabei freuen, bald aufzubrechen, zu chillen, Cocktails zu schlürfen, dem Meeresrauschen zuzuhören. Aber das Packen ist dabei für mich kein Spaß. Denn da bin ich Frau durch und durch. Ich könnte ja etwas vergessen! Oder es könnte sein, dass es da, wo ich hinfliege, gar nichts gibt! Und Frauen, seien wir mal ehrlich: Es gibt diesen einen Moment in jedem Urlaub, an dem man denkt: „Wenn ich jetzt diese Schuhe/ das Kleid… dabei hätte, das wär´s gewesen!“ Und ja, liebe Männer, ss gibt auch die Momente, in denen Frau denkt: „Wieso habe ich den ganzen Kram eigentlich eingepackt?!“ Aber den sprechen wir vor Euch niemals laut aus. Wir wollen eben für alle Eventualitäten gewappnet sein.
Was ich auch bemerke: Früher war Kofferpacken eine Selbstverständlichkeit für mich. Zwei Wochen im Monat war ich Minumum unterwegs. Da habe ich freitags wieder ausgepackt, gewaschen, gebügelt usw., nur um dann sonntags wieder zu packen. Es war bestimmt nicht die geilste Zeit, aber auch nicht die schlechteste. In der Tat vermisse ich es ein wenig, auf Achse zu sein. Wer weiß? Wenn ich mich für die Beraterfirma entscheiden sollte (und sie mich denn wollen würden), könnte es wieder ein Teil meiner Tätigkeit sein, durch Deutschland zu reisen. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Genauso verhält es sich bei mir. In meinem Kopf schießen zu viele Optionen durcheinander. Das gilt beruflich ebenso, wie es gerade fürs Kofferpacken gilt. Dabei bewundere ich die Menschen, die das Nötigste mitnehmen und mit nur einem Rucksack reisen. Aber nur, weil ich das bewundere, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch so leben kann. Ganz schön verrückt.
Und so packe ich immer mehr Sachen auf die ungenutzte Doppelbettseite, krame von links nach rechts, lade Powerbank und Kamera auf…und lenke mich dann wieder mit anderem Kram ab. Es ist, wie vor einer Prüfung, wenn ich weiß, ich sollte diszipliniert und strukturiert lernen. Und dann sind die Fenster plötzlich sooo dreckig. Monatelang verdrecken sie, ohne dass es mich juckt, aber dann plötzlich, dann muss ich sie putzen. Oder Staubwischen. Oder das Bad putzen. Zum Glück kenne ich auch andere, die so bekloppt sind wie ich.

Apropos bekloppt: Gestern hocke ich dann irgendwann am Abend auf meiner Couch. Draußen rauscht ein herrlich wunderbarer Landregen, was mich ja immer beruhigt und irgendwie auch glücklich stimmt. Also lasse ich den Blick nach draußen schweifen und entdecke wen? Eine ekelig fette Spinne. Und prompt macht sie mir ein schlechtes Gewissen, weil sie emsig hin- und herhuscht. Sie arbeitet an ihrem Netz, während mein Küchenfenster immer noch verschmiert aussieht. Ich kann es leider nicht ganz öffnen und muss mich zum Putzen weit über den Balkon lehnen. Entsprechend fällt dann auch das Ergebnis aus: Schlierig, dreckig, unschön. Währenddessen pest die Spinne von oben nach unten, von rechts nach links und rundherum. Ganz schön fleißig. Zwischendurch frage ich sie – denn meine Balkontüre ist ja gekippt – ob sie denn eigentlich nicht den Sonntag mal Ruhetag hätte? Aber glaubt Ihr, die blöde Kuh antwortet mir? Hektisch webt sie weiter, als gäb´s kein Morgen. Ganz schön unfreundlich. Und dabei ist ja nicht nur Sonntag, sondern auch noch Pfingstsonntag! Ob sie davon überhaupt Plan hat? Ich bezweifle es. So ein Spinnenleben wäre auch nichts für mich, obwohl ich natürlich auch gerne spinne…nur eben anders.

Apropos Spinnen: Ich spinne nicht nur rum, sondern zaubere munter Erinnerungen hervor. Bei meinem Telefonat mit meiner Sis sagt diese noch, dass Pfingsten bei uns ja nie eine sonderlich große Rolle gespielt hätte. Das stimmt nur in Teilen. Während etliche Kirchenfeste bei uns intensiv gefeiert (oder durchgequält) wurden, fiel Pfingsten überhaupt nicht stark ins Gewicht. Aber für mich war Pfingsten was Wunderbares, weil es den Pfingstmarkt in der Kleinstadt gab, in der ich zur Schule ging. Üblicherweise waren die coolen Typen dann beim Autoscooter anzutreffen. Doch das war mir irgendwie zu prollig. Ich bin lieber rumgeschlendert und habe alles Mögliche bestaunt. Da ich schon als Kind niemals Prinzessin sein wollte, sondern Zigeunerin (was man damals noch gesagt hat), hat mich diese Schaustellerwelt immer fasziniert. Bunt, blinkend und herumreisend – so habe ich mir das vorgestellt. Ich bin damals schon gerne rausgegangen und habe fremde Leute kennengelernt. Und so ein Markt hat da die perfekte Bühne geboten. Nicht nur die üblichen Leute meiner Schule, sondern auch die von anderen Schulen, anderen Städten und Dörfern waren da unterwegs.
Das schönste Pfingstfest war dann das, als ich 15 Jahre alt war. Ich war mit meinen Cousins unterwegs, um meinen damaligen Freund dort zu treffen: Uli. Heutige Fotos zeigen nicht das Bild, das ich damals von ihm hatte. Fand ich ihn cool…heute so gar nicht mehr. Er hatte einen Schnäuzer, was ich heute nur noch bäh finde. Aber dieses Bauchkribbeln, als würden Bläschen permanent darin herumblubbern, das war damals einfach unbeschreiblich. Zusammen sind wir dann im Scirocco gefahren, ein Karussel, das abhob. Ihm war mulmig zumute, weshalb er es „Dingensschaukelding“ in seinen Briefen nannte. Ja, damals haben wir uns noch Briefe geschrieben. Und auch wenn Uli nie und nimmer die Liebe meines Lebens war, verdanke ich ihm doch ein aufregendes, wunderschönes Pfingstfest. Ach, Erinnerungen sind einfach toll, oder?

Ihr merkt´s schon, ich drücke mich mal wieder vorm Packen. Aber immerhin habe ich eine Liste gemacht von den Dingen, die ich noch raussuchen muss. Die nächsten Tage werde ich zu nichts kommen, weil die Arbeitstage lang werden. Und dann steige ich Freitagmorgen in Allerhergottsfrüh auf, um die Bahn um 5:53 Uhr zu erwischen. Der bringt mich dann hoffentlich sicher zu meiner Sis & Co. Erst ein paar Tage später geht dann der Flieger für Lenny und mich. Es ist also Zeit, neue Erinnerungen zu schaffen, damit ich in ein paar Jahren schwelgen kann in „weißt Du noch, als wir zwei in der Karibik waren?“ Ich freu´ mich riesig auf noch ganz vieles…aber dafür muss ich nun wirklich weiterpacken.