endlich Wochenende

Was war das bitte für eine eklige Hitze diese Woche? Und das bereits im Mai! Ich möchte das Wetter bitte zurückgeben und neues beantragen. Es ist mir durchaus bewusst, dass manche das Wetter genießen. Warum, ist mir allerdings schleierhaft. Oh, ich mag es durchaus auch, wenn es denn mal wärmer wird. Nur warum muss es dann immer gleich auch drückend und schwül werden? Gerne verwenden wir da auch den Begriff „mutschig“. Der ist aber wohl nicht bei allen Leuten aus meiner Region angekommen. 🙂 Meine Cousine weigert sich schlicht, ihn zu kennen. Manche Menschen sind schon eigenartig, oder? Ich persönlich liebe es ja, bei so einem Wetter zu meiner Sis zu sagen: „Et is fottig Wäar.“ Ihr seht schon, wie sehr mich diese Außentemperaturen bzw. ihre Nebenerscheinungen, wie Luftfeuchtigkeit etwa, beschäftigen. Könnte ich es nur so halten, wie ich es als Kind gemacht habe: Einfach die Rolläden in meinem Zimmer bis ganz unten runterlassen und ab aufs Bett. Nur gab es damals gefühlt zwei oder drei Tage im Jahr und nicht so viele wie heute. Entweder liegt es an meiner Vergesslichkeit (und dabei bin ich ja für mein Elefantengedächtnis verschrien) oder es liegt am Alter, dass ich es immer schlechter vertrage oder aber – und darauf wette ich: Diese Extreme haben zugenommen. Da haben wir ihn wieder: Den Klimawandel, der von Trump so gerne geleugnet wurde.

Überhaupt sind Extreme etwas, das zunimmt. Extreme beim Wetter, aber auch Extreme bei Menschen. Ich reagiere beispielsweise mittlerweile sehr extrem auf meine Chefin. Nach einer gefühlten totalen Talfahrt, in der ich mich richtig schlecht gefühlt habe, schwingt das Pendel jetzt wieder leicht in Richtung Kraft – und somit Widerstand. Wenn ich sage, dass die Mitarbeiter Spaß dabei haben sollen, was sie zukünftig tun müssen, wird es so kommentiert: „Ach ja, Claudia ist eben emotional.“ Ich schwöre: Sollte mein einer Kollege mich zukünftig irgendwann dann mal fragen, ob ich meine Tage hätte, breche ich ihm die Nase.
Da sie es ja rational wollen, habe ich mich auf knappe Antworten verlegt. Privat gibt es keine Info mehr von mir. Ich antworte nur noch auf beruflich Relevantes. Das irritiert meine Chefin, was sie gerne beibehalten darf. Was so viele noch nicht verstanden haben: Ich erreiche keine positive Veränderung, ohne die Menschen mitzunehmen. Und dazu gehören nun auch mal Emotionen. Infolgedessen habe ich meinen Lebenslauf nun erstmal stehen, lasse mir noch Zeit, ihn optimal zu schärfen, um dann nach meinem Urlaub endlich zu beginnen. Ich will weg. Mein Betriebsrats-Spezl ist derweil etwas hektisch geworden, weil er dies verhindern will. Er schaut, was möglich ist, denn mittlerweile ist jedem klar, wie unzufrieden alle in unserem Team sind.
Doch dieses Phänomen darf ich dann auch bei den Nachbarteams feststellen. Letzte Woche hatte ich drei Tage lang meine externe Schulung. Da wurde unsere komplette Abteilung hingezwungen. Dieser Umstand allein ist schon so gar nicht meins. Da sind wunderbare Menschen dabei, die mir die Tage richtig versüßt haben. Echte Unikate – mal mit mehr, mal mit weniger Erfahrung. Und es ist eigentlich ganz leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie für etwas zu gewinnen. Da braucht man gar keinen Zwang…doch die Abteilungsleiterin kennt eben so gar kein anderes Instrument. Am Mittwochmorgen meinte sie dann auch, mich anzicken zu müssen, weil sie mal wieder etwas verbummelt hat. Das passiert ständig. Sie meint dann, ihre „Untergebenen“ ankacken zu müssen. Die meisten lassen es einfach über sich ergehen. Leider, leider eigne ich mich nicht für so was. Ich bin zu unsportlich, um mich wegducken zu können, also blaffe ich zurück. Und siehe da: „Ääääh, neiiiiiin, so habe ich das nicht gemeint!“ Da bleibt mir nichts anderes mehr, als: „Dann sag´ es einfach richtig!“
Die Schulung war interessant. Der erfahrener der beiden Trainer war für mich nicht authentisch, wenn auch sehr souverän und versiert. Er wusste vieles, aber war für mich dennoch nicht stimmig. Das Blöde an dieser Schulung: Ein paar von uns fragen seit Jahren danach, so eine Schulung zu erhalten, weil wir mit diesen Methoden arbeiten müssen. Nun werden Leute dazu gezwungen, teilzunehmen, obwohl sie a) keine Verwendung dafür haben und b) keinerlei Erfahrung mitbringen. Als Trainer musst Du Dich an den Schwächsten orientieren, was ich vollkommen verstehe. Nur ist es für meine Kollegin und mich dann echt demotivierend, weil wir nie an den Punkt kommen, an dem wir in die Lernzone geraten. Aber unterm Strich kann ich sagen, dass sich die Tage dennoch gelohnt haben, weil ich netzwerken konnte und neue, nette Kollegen kennenlernen durfte. Das hatte zwar mit dem eigentlichen Lernziel nichts zu tun, war aber eine tolle Nebenerscheinung.
Und doch hat mich der Trainer zwischenzeitlich arg genervt. Es kamen immer so subtile Botschaften, bei denen ich dann stets überrascht bin, wie wenig andere so was bemerken. Hier und da hat er kurz eingestreut, was die Weisen und Mächtigen dieser Welt längst wüssten, aber nicht mit allen teilen würden. Und so kleine Hinweise darauf, wie wenig die Impfungen brächten…also noch sei ja nichts bewiesen. Und wieviele Menschen zum Schweigen verdonnert würden. Aber immer mal wieder hier und da ein Satz, der wie zufällig eingeflochten wurde. Bei so was sitze ich dann da und schaue meine Kollegen an, die nicht mal die kleinste Regung zeigen. Zum Beweis frage ich dann anschließend den einen oder anderen, wie er/sie die Aussage empfunden hätte? In der Regel schaue ich dann in fragende Gesichter: „Hab´ ich so bewusst gar nicht mitbekommen.“ Meine direkte Kollegin und ich haben bei solchen Aussagen einfach nur einen Blick ausgetauscht. Damit war uns beiden klar, nicht zu halluzinieren. Unterm Strich ist mir völlig egal, woran dieser Mensch glaubt. Wenn er denkt, die Welt sei böse, er einer der wenigen Sehenden, dann ist mir das wumpe. Sein Auftrag war allerdings, uns zu Lean Management zu schulen und nicht, seine Gabalier-Naidoo-Nena-Theorien einfließen zu lassen.

Die nächsten Arbeitswochen werden nun vieles sein – nur nicht einfach. Die restlichen Tage bis zu meinem Urlaub lassen mich tief seufzen. Ich habe lauter 10-Stunden-Tage vor mir. Immerhin werde ich zwei Freitage frei machen, aber bis dahin noch viel zu viele Überstunden aufbauen. Es folgen Schulungen und Workshops, die ich noch konzipieren muss…allein: Wann? Ein Termin jagt den nächsten. Und dazu werden wir dann am Montag aufgefordert, auf unsere Überstunden zu achten. Dabei ist das ein Witz. Vier meiner Kollegen haben ihre Gleitzeitkonto auf Null bzw. leicht im Minus. Mein Burnout-Kollege, der leider autistische Züge aufweist, verzettelt sich in seinen Aufgaben, weshalb es bei ihm oft aus dem Ruder läuft. Und ich? Ich bin jetzt bei 160 Stunden angelangt. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Führung würde bedeuten, zu schauen, wieviel Kapazität uns denn im Team zur Verfügung stünde, Aufträge danach anzunehmen oder auch mal abzulehnen und die Aufgaben dann gleichmäßig zu verteilen. Was höre ich hingegen? Naja, die beiden sind außen vor, weil sie ihr eines Projekt haben. Der eine Kollege macht partout nichts anderes als eine einzige Sache. Und der vierte Kollege (mit überdimensionalem Verdienst)…der Arme will ja gar nicht diese Aufgaben machen, sondern in einen anderen Bereich wechseln. Der ist bald weg. Da muss er ja keine neuen Aufgaben mehr übernehmen. Nur dass er noch gar nichts im Haus gefunden hat und seit fast acht Monaten diesen Status belegt. Immer, wenn er mich anruft, sagt er zum Schluss lachend: „Also gut, Claudia. Ich leg´ mich dann mal wieder hin.“ Kein Witz, das sagt er wirklich. Welche Konsequenz das hat? Na, keine natürlich! Ich weiß: Ich könnte mich ja ändern. Aber muss das wirklich sein? Muss ich mich echt nach unten hin anpassen und auch eine faule Sau werden? Ich kann das nicht. Daher suche ich mir was Neues. Ob es extern sein wird oder intern was Herausforderndes auf mich wartet, werden wir sehen. Nur da, wo ich jetzt bin, bleibe ich nicht. Immerhin mache ich die ersten Schritte…das ist doch schon mal was.
Da bewundere ich die Studentin, die mir dienstags gestanden hat, gekündigt zu haben. Sie erfahre keine Lernkurve. Die Arbeit mit mir habe ihr Spaß gemacht. Die Art und Weise, wie ich in Workshops von meinen Kollegen persönlich angegriffen würde, hätte sie hingegen geschockt. Dieses Verhalten sei mit ihren Werten so gar nicht vereinbar. Die neue Stelle wäre eine Art Start-Up-Unternehmen. Wenn die gut seien, würde sie mir den Kontakt schicken, damit ich da eventuell Fuß fassen könnte. Ich hab´ die Maus einfach nur umarmen können. Zuletzt war ich so verunsichert, ob ich überhaupt noch alle Latten am Zaun hätte, dass es mich total entlastet hat, ihre Sicht auf den Umgang zu erfahren. Das sind dann diese wertvollen Momente, die mir immer wieder mal die Augen öffnen, mich stärken und dann endlich ins Tun kommen lassen. Manche Menschen sind eben echte Geschenke. 🙂

Maniker? Ach so, nee, Rheinländer!

Entwarnung: Es geht mir wieder gut. Es ist auch nichts weiter passiert. Und die Schulung am Wochenende hat mich dabei gut unterstützt. Natürlich bin ich erleichtert. Vor allem die Tresorübung hat mir dabei gut geholfen. Heute Morgen öffne ich noch nicht mal zögerlich die Tür. Wenn das mal kein Fortschritt ist! Was ich allerdings schade finde: Ein guter Bekannter und Kollege hat mich angerufen und direkt losgelegt: „Woaßt, des is des, wos i immo scho sog. Die Ausländer homms net verdient. Du konnst nua enttäuscht wer’n. I net. I hob’s vorher gwusst.“ So was finde ich enttäuschend. Punkt 1 ist: Ich glaube das nicht. Punkt 2 ist: Was soll mir diese Aussage bringen? Wie hilft sie mir? Gar nicht.

Meine Mitstreiter am Wochenende sind ein bunter Haufen. Wir haben zwei Ärzte, aber auch Psychologen und Heilpraktiker für Psychotherapie. Die Einzige mit Traumatherapie-Ausbildung bin überraschenderweise ich. Samstags sind für mich viele Wiederholungen dabei. Es geht um ein paar Grundlagen und Techniken zu Ressourcenübungen, Tresorübung und der so wichtige, sichere Ort. Da mir der Freitag doch noch nachhängt, bin ich entsprechend müde und erschöpft. Dabei lernen meine Freundin und ich „Heidi aus den Bergen“ kennen. Es gibt ja so Leute, wo es direkt passt. Sie gehört genau zu diesen. Wir lachen und bekräftigen, wie gut das Bild doch passt: Heidi aus den Bergen und die beiden Böckchen. Die erste Übung geht mir richtig leicht von der Hand, da ich Ressourcenübungen immer wieder in meiner Arbeit einfließen lasse. Das ist quasi schon in meiner DNA verankert. In der zweiten geht es um den sicheren Ort, was ich auch als einfach empfinde. Der erste Tag verläuft also alles in allem ruhig und angenehm, weshalb ich wie ein Stein schlafe.
Der zweite Tag ist für mich bereits deutlich spannender. Jetzt geht´s ans Eingemachte. Ich bin froh, die Methodik von der Pike auf zu lernen und nicht, wie es auch angeboten wird, in sogenannten Crashkursen. Dazu spricht die Trainerin mir aus der Seele, da sie keineswegs dogmatisch ist. 80 Prozent der therapeutischen Arbeit mache die Beziehungsebene zwischen Patient und Therapeut aus. Die Methoden seien also eher zweitrangig. Und da ist es wichtig, nicht eine als das Allheilmittel zu sehen, sondern zu schauen, was zu einem selbst, aber auch zu dem Patienten passt.
Mittags gehen wir munter plappernd zu einem Restaurant – Heidi und wir beiden Böcklein. Da es zügig gehen muss – unsere Pause ist arg begrenzt – gehe ich auf den Kellner zu und frage ihn direkt, ob wir den Tisch auf der Empore nehmen könnten? Er schaut kurz nach und bestätigt. Die anderen traben strahlend los, was ich in seine Richtung so kommentiere: „Man, man, man, drei Frauen auf einen Schlag glücklich gemacht. Das schafft so schnell keiner, hm?“ Den beiden ist das peinlich, was ich dem Kellner dann auch noch erkläre: „Die beiden schämen sich, weil ich eben Rheinländerin bin. Ich kann gar nicht anders.“ Der junge Mann amüsiert sich lediglich über uns drei alte Weiber. Am Tisch haut Heidi dann den Klopper schlechthin raus: „Ich habe tatsächlich mal jemandem die Diagnose Manie geben wollen. Der war so quirlig und ist auf alle möglichen Menschen einfach so zugegangen und hat mit denen gesprochen. Dann habe ich erfahren: Der ist Rheinländer! Da hatte sich die Diagnose dann erledigt.“ Ich schmeiß´ mich weg! So sans, die Leit aus die Beag, gä? Meist doch eher introvertiert und abwartend. Ich kann es mir zum Beispiel auch nicht sparen, den Assistenten der Trainerin zu fragen, woher er denn käme? Interessieren tut´s nahezu alle, fragen traut sich aber keine. Warum, erschließt sich mir nicht. Und da ich ihn auch noch lecker finde, frage ich eben nach. Er antwortet auch ganz locker und plaudert mit mir, während mich große Augen von den anderen mustern. Ist das echt so verwegen? Ich erfahre einfach gerne viel über Menschen und ihre Biographien.
Am Nachmittag ist dann eine Live-Demonstration, was mich wieder sehr fasziniert. Die Methode EMDR ist mittlerweile wissenschaftlich belegt und trotzdem ist es einfach besonders, dabei zuschauen und es erleben zu dürfen. Und noch toller ist es, es anschließend selbst ausprobieren zu können. Ich entdecke einmal mehr: So möchte ich arbeiten. Das ist es, was mich fasziniert und anspricht. Meiner Freundin ergeht es leider erstmal genau andersherum – doch das liegt an diversen Themen.
An diesem Wochenende lerne ich auch eine Frau kennen, die ich richtig toll finde. Anfangs kann ich es nicht genau greifen, aber da ist einfach etwas, das mich total anspricht. Mit und mit erkenne ich, dass sie genauso viel Wert auf Sprache legt, wie ich das ja immer tu´. Sie schaut einen auch anders an…nicht oberflächlich, sondern so, als würde sie einem in die Seele blicken. Klingt esoterisch, ich weiß. Aber mich spricht sie damit voll an. Und sie hat etwas unwahrscheinlich Beruhigendes. Und wie es der Zufall so will, fragt sie mich, ob ich Brené Brown kenne? Ich würde sie an die erinnern. Witzig, weil ich darauf ja vor fünf Jahren mitten in Peru angesprochen worden bin. Seither kenne ich die Dame, die so wunderbar von Verletzlichkeit sprechen kann und dabei oft selbstironisch und mit Augenzwinkern unterwegs ist, weil sie eben auch so stark auftritt und liefern will. Schon eigenartig, finde ich. Als ich gestern die Interseite dieser Bekannten öffne und exakt meinen What´s App-Spruch dort als Erstes entdecke, staune ich nicht schlecht. Sachen gibt´s…

Beschwingt vom Wochenende starte ich in die Woche. Und es hält genau bis dann an, als ich auf meine Chefin treffe. Sie geht mir immer massiver auf den Zeiger. Und das Wegducken meiner Kollegen empfinde ich auch als immer nerviger. Es kann doch so nicht laufen?! Alle sind unzufrieden, aber niemand packt es an. Das ist so ein Dilemma von mir. Vermutlich bin ich durch die Geschichte mit meiner Nachbarschaft ohnehin gerade sehr dünnhäutig, was das Thema Verantwortungsübernahme betrifft. Und dann habe ich einen Ganztages-Workshop mit einer Person, die nicht in der Lage ist, mir das Ziel unseres Teams in einfachen Worten zu erklären. Und das ist seit Oktober letzten Jahres so. Sie legt dann irgendwelche englisch-sprachigen Folien auf, die über und über mit Schlagwörtern befüllt sind. Und ich frage erneut nach: „Was wir machen sollen – also, wie man das nennt – ist mir klar. Aber was ist das eigentliche Ziel, was die Firma damit verfolgen will?“ Dabei suggeriert sie ständig, dass ja alles längst klar sei, bis ich an den Punkt gelange und in die Runde sage: „Gut, ok. Ich geb´s auf. Sag´ mir einfach, was ich wie erstellen soll, dann erledige ich das.“ Schweigen, sie starrt mich an. Nein, nein, nein! Ich soll das ja gedanklich mitentwickeln. Ich erkläre ihr noch mal, dass ich ja augenscheinlich zu dumm sei, das zu verstehen, weshalb ich einfach nur noch ausführen werde, was man mir anschaffe. Aber das wolle sie ja nicht (, weil sie keinen blassen Schimmer hat, was zu machen ist). Nur so macht´s mich unendlich müde. Es ist nicht, wie „Gorillas im Nebel“, sondern „Stochern im Nebel“. Mit zähem Ringen formuliere ich einfach in einem Satz das Ziel, das ich mir wünschen würde. Und siehe da, das nehmen wir jetzt. Da hocken sich also hochbezahlte Menschen über Monate hinweg zusammen, strukturieren eine Organisation komplett um und geben einem kein klares Ziel vor??? Ich fühle mich komplett verarscht. Aber gut, nun haben wir ja ein Ziel, das ich formuliert habe. Dann frage ich nach dem Wozu? Wieder kommen englisch-sprachige Folien zum Vorschein, die alles und nichts aussagen. Ich glaube, ich flippe demnächst jedes Mal aus, wenn einer „disruptiv“, „volatil“, „Subsidiarität“ oder „VUCA“ sagt. Oder ich schreie. Nach 30 Minuten wäre ich vermutlich heiser…manche Meetings würden mich dann schon nach 15 Minuten heiser bekommen.
Ehrlich: Wer fühlt sich da angesprochen? Unsere derzeitige Praktikantin bringt es noch mal auf den Punkt: „Ich betrachte das mal als Mensch, der gerade erste Schritte in die Arbeitswelt macht. Da frage ich mich als Mitarbeiterin schon: Woher soll ich meine Motivation nehmen? Da will ich emotional angesprochen werden und nicht solche Buzz-Words hören.“ Ich strahle sie an und könnte sie knutschen. Die anderen nicken leicht verhalten. Das Wozu und auch das Warum zum Wozu liefere ich dann, weil ein Kollege beim Warum tatsächlich „Disruption“ sagt. Am Ende steht dann endlich das, was wir schon im Oktober benötigt hätten und wonach wir auch aktiv gefragt haben – aber gut…Zeit ist ja relativ. Als das erstmal steht, fragt ein anderer Kollege: „Bist Du denn jetzt endlich zufrieden, Claudia?!“ Ich hole tief Luft, zähle bis zehn und sage: „Alles, was gerade Positives entstanden ist, machst Du mit dieser Frage wieder vollkommen platt. Danke für keinerlei Wertschätzung! Es geht nicht um mich und meine Zufriedenheit. Es geht darum, den Mitarbeitern genau das zu transportieren, was wir eigentlich von ihnen wollen, denn sie müssen es schließlich mit umsetzen.“ Kaum sind wir draußen, raunt die Praktikantin mir zu: „Von Kommunikation verstehen die hier wirklich nicht viel, kann das sein?“ Ja, das kann sein. Bitter, aber wahr.
Betreffender Kollege kommt zum Feierabend noch mal zu mir, um mir mitzuteilen, wie gut und ergiebig dieser Tag doch endlich mal gewesen sei. Ich antworte ihm ehrlich: „Das ist sehr schön für Dich. Ich bin allerdings einfach nur müde und erschöpft.“ Und genau da stehe ich derzeit, was echt schade ist.

Da meine Sis und mein Schwager heute angereist sind, um einen Zwischenstopp bei mir einzulegen, hören sie ca. 15 Minuten von einem Meeting mit. Anschließend sagt mein Schwager dann trocken: „Wenn ich mir das jeden Tag anhören müsste, würde ich ausflippen!“ Dabei hat er noch ein gutes Meeting erwischt. Schon erschreckend, oder? Und gleichzeitig freut es mich, so was zu hören, denn das sagt mir, dass ich nicht völlig lala im Kopf bin. Zwischendurch denke ich nämlich schon regelmäßig, ob nicht ich das Problem bin? Und vermutlich bin ich das sogar auch, weil ich mehr will. Ich will ein vernünftiges, wertschätzendes Miteinander und kein planloses, unstrukturiertes Rumgeeier, bei dem es darum geht, andere niederzumachen und möglichst hell zu strahlen. Ich schätze – trotz Hörnern – werde ich diese Felsbrocken nicht bröckeln lassen. Immerhin habe ich ein paar erste Anpassungen an meinem Lebenslauf vorgenommen. Der erste Minischritt ist gegangen. Auf der Suche nach dem Sinn, trippel´ ich mal weiter…Hauptsache, es passiert überhaupt irgendwas.

keiner verantwortlich

Es gibt Themen, die sind lustig. Und es gibt solche, die sind nachdenklich. Heute ist es anders. Heute finde ich dafür nicht wirklich die richtigen Worte. Doch hübsch alles der Reihe nach.
In dem Mehrfamilienhaus, in dem ich lebe, gibt es auf meiner Etage zwei Wohnungen, die der Eigentümer an den Kinderschutzbund vermietet hat. Klingt auf den ersten Blick sehr sozial, dient vor allem aber der durchgängigen Miete, ohne sich um irgendwas kümmern zu müssen. Nun werden die Wohnungen rund ums Jahr munter belegt mit Jugendlichen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Leider werden sie nur – zumindest aus meiner Sicht – nicht groß weiter betreut. Mir ist völlig klar, dass sämtliche Sozialberufe unterbezahlt sind und auch in der Regel mit einem geringen Mitarbeiterschlüssel daherkommen. Dennoch kann dies kein Grund dafür sein, dass die jungen Menschen quasi keiner wirklichen Betreuung unterliegen. Da ich mich selbst sozial schimpfe und auch noch erinnern kann, wie ich als junger Mensch unterwegs war, habe ich in den letzten Jahren nie was gesagt und mich nie beschwert – ein Gegensatz zu den meisten anderen Mietern und Eigentümern im Haus. Natürlich waren manche dieser jungen Leute lauter als andere. Das Treppenhaus sieht nach einem Umzug auch immer ramponiert aus. Das belastet mich nun weniger, aber die Eigentümer der Wohnungen hier natürlich schon, was ich auch verstehen kann. Die Betreuungsstelle damit konfrontiert, kam normalerweise die Standard-Antwort: „Ja, können Sie denn beweisen, dass das der- oder diejenige war?“ Damit war der Fall für sie erledigt, was ich schon recht unverschämt finde.
Nun erweist sich meine Nachbarin als besonderes Exemplar. Sie, die derzeit noch ein Er ist, macht gerne einen auf schüchtern, huscht schnell in ihre Bude, in der sie dann allerdings laut schreien kann. Ständig sind Bekannte von ihr vor Ort, die dann den Geräuschpegel so in die Höhe treiben, dass ich es in meinem Wohnzimmer gar nicht mehr aushalten kann und ins Schlafzimmer trabe. Andere Nachbarn haben sich bereits beschwert, ich habe noch hübsch die Füße stillgehalten. Bis ich dann nachts durch starken Lärm geweckt wurde – nicht einmal, sondern regelmäßig. Es ist so, wie ich mir das in manchen Sozialwohnanlagen vorstelle, was mir für die Menschen dort auch sehr leid tut. Andererseits kann es auch nicht sein, dass ich hier richtig fett Miete abdrücken muss und dann vom Schlafen abgehalten werde. Als ich am nächsten Morgen an der Nachbarstür geklingelt habe, kam keine Reaktion. Erst später, als wieder einmal das vereinbarte langgezogene Klingelzeichen ertönt ist, bin ich dann auch raus und habe die Mieterin darum gebeten, zukünftig bitte leiser zu sein. Diverse Nachbarn hätten sich bereits beschwert. Ich habe die Hausverwaltung nun auch angerufen, die mir geraten hätten, zukünftig sofort die Polizei zu rufen. Ihr Lebensgefährte wird daraufhin direkt aggressiv und beschimpft mich. Wohlgemerkt: Er ist immer da, obwohl eigentlich nur sie die Mieterin ist und ihr auch nicht erlaubt ist, Besuch über Nacht zu haben. Das interessiert mich ja noch nicht mal. Es interessiert mich hingegen schon, wenn man mich vom Schlaf abhält.
Von einer Nachbarin erhalte ich eine Nummer vom Kinderschutzbund, die zuständig sein soll. Es finden zwei Gespräche mit der Dame statt, die mir versichert, sich nun endgültig darum zu kümmern, da besagte Mieterin schon mehrere Verweise erhalten hätte. Das war am 5.3. Danach kam keine Info mehr, die Lautstärke ging hingegen ungebremst weiter. Nicht allerdings, ohne vorher durch meine Wohnungstür von ihrem Typen angebrüllt zu werden: „Fick Dich, Du Fotze!“
Ich habe Angst. Ja, ehrlich wahr. Ich habe mit psychisch Kranken gearbeitet, ich habe im Gefängnis Schwerverbrecher geschult. Aber hier muss ich eingestehen: Ich habe Angst. Ich wohne allein, die Gestalten, die da lautstark durchs Treppenhaus poltern zu jeder Tages- und Nachtzeit, machen mir Angst. Es geht so weit, dass ich mich nicht einmal mehr traue, die Polizei zu rufen, wenn es laut ist, denn ich befürchte danach, dass ich eine aufs Maul bekomme. In der Hoffnung, dass die Dame vom Kinderschutzbund ihr Versprechen hält, halte ich aus. Im Aushalten bin ich ja leider Spitzenreiter. Letzte Woche werde ich dann um 4:10 Uhr abrupt geweckt. Zunächste hoffe ich noch, dass es sich nach fünf Minuten erledigt haben wird, sehe jedoch nach einer Dreiviertelstunde ein, dass dem nicht so ist. Völlig gerädert starte ich meinen Tag – nicht jedoch, ohne die Dame vom Kinderschutzbund zu kontaktieren. Die spricht mir später auf die Mailbox, wie schwierig alles sei. Die Behörden würden zu wenig Kohle zur Verfügung stellen, sie arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. Es sähe so aus, als müsse die Mieterin in die Obdachlosigkeit. Da zuckt natürlich ein Teil in mir. Ein anderer hingegen sagt: Was soll sie denn noch alles anstellen? Der Fernseher ist schon aus dem Fenster geflogen. Gottseidank war der Nachbar im Erdgeschoss gerade nicht im Garten. Sie hatte zahlreiche Chancen, zeigt allerdings nie Einsicht und ist ständig das Opfer.
Am Sonntag zerlegen sie dann mit vereinten Kräften die komplette Wohnung. Ich mutmaße, man hat der Mieterin mitgeteilt, dass sie in den kommenden Tagen die Wohnung räumen müsse. Das nehmen sie und ihre Kumpanen wohl zum Anlass, ihr Mütchen zu kühlen. Es scheppert, es rumst, es gibt Geschrei. Es wird auf Wände eingeschlagen, auf Türen, einfach alles. Dieses Mal tagsüber. Da kann ich nicht einmal die Polizei rufen, wenn ich mich denn überhaupt trauen würde. Gestern höre ich sie noch einmal tagsüber, dann erstmal nicht mehr. Als es abends an meiner Tür klingelt, verfalle ich in Schockstarre. Ich tu´ so, als sei ich nicht da. Ich habe wirklich richtige Angst und will, dass das nur noch vorbei ist. Ich weiß nicht, ob das jemand kennt? Diese lähmende Angst, wenn jemand offenkundig aggressiv ist. Ich kenne das noch von meinem betrunkenen Ex von vor vielen Jahren. Da kann man nicht vernünftig argumentieren. Da geht es ausschließlich um den Selbsterhaltungstrieb. Heute Mittag klingelt es wieder an meiner Tür. Tagsüber ist meine Angst nicht so groß. Vor mir stehen der Hausmeister und eine Nachbarin aus dem Stockwerk unter mir. Meine Wohnungstür ist über und über mit Rasierschaum besprüht. Auf dem Boden wurde der Badezimmereimer entleert. Es wimmelt von Rasierklingen, verteiltem Rasierschaum, leeren Verpackungen, Kippen und dergleichen. Mir wird schlecht. Das Klingeln gestern Abend waren wohl besorgte Nachbarn, denn die respektlosen Vollidioten haben sich schon gestern ausgetobt. Während ich am Laptop gesessen und gearbeitet habe, haben sie – dieses Mal plötzlich lautlos – ihr Werk vollbracht. Ich rufe die Dame vom Kinderschutzbund an, die mir mit Schweigepflicht kommt. Ich blaffe sie in meiner Fassungslosigkeit an, was sie – verdammte Scheiße – nicht verstanden hätte, als ich ihr berichtet hätte, ich hätte Angst vor diesen Menschen??? Sie würde ja nur die Mieterin kennen und nicht das Aggro-Pack drumherum. Und dann kommt doch tatsächlich die passende Frage: „Können Sie denn beweisen, dass die das waren?!“ Tja, so sieht´s aus. Herrlich, oder? Ich rufe die Polizei an und frage, ob sie Angaben zum gestrigen Vorfall bräuchten, weil meine Nachbarn alles dokumentiert und die Polizei informiert haben. Doch hier kommt der nächste Klopper: „Ich sehe gerade, ja…Ihre Wohnungstür wurde verziert und Unrat vor die Tür gekippt. Naja, das ist unschön, aber ja keine Straftat.“ Ich habe einen Stein im Magen und frage nach: „Ich hoffe, Sie scherzen?!“ Der Herr gibt sich locker: „Wenn Sie Stress mit Ihren Nachbarn haben, können wir da nichts tun. Es ist ja nichts beschädigt.“ Richtig. Die Türe steht noch, meine Knochen sind noch heil. Aber wie es innerlich aussieht, das ist ja scheißegal. Resigniert frage ich: „Es muss mich also erst jemand zusammenschlagen, bis da was passiert?“ Ja, so ist es wohl. Die Dame vom Kinderschutzbund ruft später an und hofft für mich, dass nun Ruhe einkehre, da der Schlüssel nun in ihrer Obhut sei und die Dame nicht mehr hier wohnen würde. Naja. Menschen, die nichts zu verlieren haben, können rundherum rumlungern und sonst was anstellen, aber hey, ich hoffe einfach auch mal.
Die Hausverwaltung verweist an die Polizeit. Der Kinderschutzbund verweist an die Polizei. Die Polizei verweist an einen Anwalt zwecks zivilrechtlicher Klage. Ääääääh? Keiner übernimmt Veranwortung. Mein Nachbar von gegenüber kommt später noch mal zu mir und zeigt sich geschockt. Was er tun könne? Wie es mir gehe? Die Polizei würde es bestimmt regeln. Ich desillusioniere ihn mit meiner Info. Er starrt mich an…fassungslos, wie ich es zwei Stunden zuvor ebenfalls war. Dieser Nachbar hat einen Migrationshintergrund (Bosnier). Meine Nachbarin ein Stockwerk tiefer genauso (Afrika). Warum ich das sage? Weil die Menschen, die sich in der Bude nebenan getummelt und alles verwüstet haben, diesen auch haben. Sie haben in ihrer Sprache gebrüllt, die ich nicht verstehen konnte. Und die sind es, die anderen Menschen, die ebenfalls nicht in Deutschland geboren worden sind, das Leben schwermachen. Denn diese schlechten Beispiele bleiben hängen. Dann heißt es wieder „Die Ausländer“. Aber da gibt es auch das Gute: Mein Nachbar bietet mir an, ich könne immer und jederzeit zu ihm und seiner Frau rüberkommen.
Und ich? Zweifle natürlich an mir. War es falsch, sie anzusprechen und fair sein zu wollen? War es falsch, nicht die Polizei zu rufen? Ich schäme mich, weil ich mich hilflos fühle…und allein. Alle wissen es selbstverständlich besser: Die Hausverwaltung, der Kinderschutzbund, mein Vermieter: „Hätten Sie mal besser die Polizeit gerunfen.“ Das sagt sich so leicht, wenn man nicht verängstigt ist, weil man nichts zu befürchten hat.
Vermutlich wird nichts mehr passieren. Vermutlich sind sie weitergezogen. Vermutlich sind aber keine 100 %. Und so werde ich die nächsten Wochen damit zubringen, immer über meine Schulter zu schauen. So auch morgen, wenn ich meine EMDR-Ausbildung starte und gegen 18:30 Uhr nach Hause komme. Kein schönes Gefühl…gar nicht. Aber es hilft ja nicht, ich muss da durch.

sag’s mit Vögeln

Der Montag ist einfach ein Arsch. Ich wünschte, es wäre anders, aber er bemüht sich auch echt nicht. Es geht noch einigermaßen los, doch dann geht’s umso steiler bergab. Dieser Moment, wenn Du aus dem Parkhaus kommst und siehst: Der Einzige, der bereits da ist, ist Heinz. Das brauche ich nicht. Ich kann ihn ja ignorieren, weil er im Großraumbüro sitzt, aber die miefige Energie ist dennoch im Gebäude. Gott im Himmel, ich verabscheue diesen Kerl echt. Es gibt eine Abmachung, dass wir erst ab 6 Uhr arbeiten dürfen. Es gilt für alle – nur nicht für Heinz. Ihm wurde das schon x-fach gesagt, doch er macht einfach stur weiter – ohne Konsequenzen, versteht sich. Und im Grunde ist es ja auch wurscht, ob er von 5:30 – 14:00 Uhr nichts arbeitet oder eine Stunde später mit dem Nichtstun beginnt. Sei es drum. 

Und so fahre ich meinen Laptop hoch, bevor ich mir Wasser in der Küche hole. Und was erwartet mich da? Eine halb geöffnete Spülmaschine – fertig gespült und bereit, ausgeräumt zu werden. Da schwillt mir dann eine Ader an, denn der doofe Heinz ist ja schon anderthalb Stunden da und hat sich bereits Wasser, Glas und Krug aus der Küche geholt. Wütend räume ich die Maschine aus, sonst muss es ein anderer machen – auf jeden Fall nicht Heinz. Damit aber nicht genug. Der gute Heinz kommt in die Küche gelatscht. Nein, nein, nicht etwa, um sich was zu holen, sondern mit den Worten: „Guten Morgen. Ich wollte nur mal schauen, welches Heinzelmännchen die Spülmaschine ausräumt.“ Nein, das ist leider kein Witz. Ein Kollege hat alles genauso auch gehört und lacht sich darüber scheckig. Letzte Woche war ein Programmpunkt bei meiner Schulung das Thema Mimik. Leider hatten sie keine Zeit mehr, das Thema zu bearbeiten. Ich hätte ihnen da auch demonstrieren können, dass in meinem Fall ausschließlich meine Augen reichen. Mit denen schaue ich Heinz auch einfach nur tot, so dass er sich ruckizucki umdreht und das Weite sucht. Ich koche innerlich. Eigentlich wollte ich antworten: „Ich würde im Gegenzug gerne dabei zusehen, wie langsam so ein dickes Glas aus Deiner Visage rauseitert.“ Ob meiner Erziehung verkneife ich mir das. Schade eigentlich. 

Wutschnaubend stapfe ich in meine erste unsägliche Rücksprache. Berichtet wird von einem Workshop letzten Donnerstag, der sooooooooo erfolgreich gewesen sein soll. Blöd nur, dass nicht alle diese Meinung teilen. Ich war nicht da, höre aber alle Beteiligten an und sehe im Protokoll die Post Its. Später am Tag fasse ich das Gesagte und Gelesene dann so zusammen: „Verstehe ich das richtig: Der interne Kunde möchte also eine eierlegende Wollmilchsau inkl. Sozialarbeiter und Seelsorger, erwartet, dass wir ihm die ganze Verbesserungsarbeit abnehmen und braucht dann einen Prügelknaben, wenn er die Ziele des Vorgesetzten nicht erreicht?“ Naja, ganz so negativ sollte ich es nicht sehen. Ich muss hier echt weg, denn es soll im Grunde wirklich so die Kernaussage sein. Oh, ich hab noch was vergessen: Sie wollen – O-Ton – von uns begeistert werden. Dann müssen wir wohl doch in einen Vergnügungspark fahren? Oder in einen Puff – käme auf den Frauenanteil an, hm?

Während der ersten Online-Besprechung schaue ich aus dem Fenster und beobachte Stieglitze. Sie hüpfen munter auf dem Rasen herum, zerpicken Löwenzahn und freuen sich des Lebens. Stieglitz müsste man sein. Dann könnte ich Heinz zwischendurch auf den Kopf kacken. Man, beneide ich die Vögelchen gerade. 

Die nächste Runde wird auch nicht besser. Manchmal frage ich mich, wie mancher es immer wieder schafft, alles möglichst aufzublähen, was man in zwei Minuten sagen könnte. Das gelingt meiner Chefin ganz leicht. Entsprechend entnervt komme ich zu meinem dritten, allerdings für den Rest des Tages dauernden Workshop. Dort sitzt schon ein Kollege, der sich noch über Heinz Spruch vom Morgen amüsiert. Nicht gut. Und dann will er mir weismachen, dass das ein Kompliment von Heinz gewesen sein sollte. Ich starre ihn fassungslos an. Das meint er doch nicht ernst?! Doch. Es sei quasi ein Kompliment dafür, wie toll ich das machen würde. Da platzt mir dann doch was. Giftig schaue ich ihn an: „Pass mal auf, mein Schöner, aber ich muss Dich gerade mal desillusionieren. Wir Frauen kommen nicht schon voll vorprogrammiert auf die Welt. Ich musste mir solche Tätigkeiten auch erst aneignen. Glaubt Ihr Kerle Euch eigentlich selbst, wenn Ihr im Brustton der Überzeugung sagt, Frauen und Männer seien gleichberechtigt?!“ Lachen. Ich schieße Blitze. Dann kommt doch echt die Frage: „Welcher Jahrgang ist denn der Gute?“ Meine Antwort: „Das ist mir so scheißegal. Ich kann Dir höchstens das Sternzeichen verraten: Arschloch im Stern des unkollegialen Sackgesichts.“ Wieder nur Lachen, dabei meine ich es ernst. 

Der Workshop geht los… und verdient das Wort nicht mal. Meine Chefin sondert ausschließlich Müll ab. Es ist nicht zu fassen… Ich frage mich, welche Pillen sie schluckt und ob ich was davon abhaben könnte? Mit einem Kollegen habe ich Blickkontakt. Er amüsiert sich nur noch über alles und gesteht mir, dass er es nur wegen des Schmerzensgeldes aushalte. Naja, er bekommt locker das anderthalbfache von mir. Ich lasse meinen Blick schweifen und erspähe einen Specht. Er spricht mir aus der Seele, wie er da am Baum hochhüpft und den Kopf immer wieder gegen den Stamm schmettert. So, wie ich volle Empathie für das Schreien von Hühnern am Morgen aufbringen kann, kann ich den Specht mindestens genauso gut verstehen. Ich will auch! 

Nachmittags erhalte ich dann eine Mail von der Assistentin meiner Chef-Chefin. Ich hätte für den 17.5. einen Raum gebucht, aber sie sähe da keine Teilnehmer? Sie bräuchte einen Raum für ihre Chefin. Ich antworte, ich würde an dem Tag sechs Stunden schulen und schicke ihr einen Screenshot mit den Teilnehmern. Sie bedankt sich und schreibt dann noch mal, ob sie denn dann den Raum buchen könne? Ich wünsche mir den Specht zurück. NEIN, sie könne nicht von 9 bis 11 buchen, da ich von 8 bis 14 Uhr dort eine Schulung hätte. Dann mailt meine Chefin mich an, dass ihre Chefin (gleiche Tusse) am 17.5. für zwei Stunden den Raum benötige. Ob ich ausweichen könne? Der Alternativraum liegt 13 Minuten von meinem gebuchten Raum quer übers Gelände entfernt. Ich antworte, ich habe schon mit der Assistentin korrespondiert und dieser mitgeteilt, es gehe nicht. (Aber gut, dass sie ja nun eine Alternative hätten, denke ich mir.) Nach dem Workshop spricht mich meine Chefin nochmals auf den Raum an. Ich erkläre ihr, wieviel Kram für die Schulung benötigt wird, der komplett in dem Raum gelagert sei. Zudem gelte bei uns immer schon die Regelung: Tagesschulung schlägt zweistündigen Workshop. Hmmmm…sie würde noch mal überlegen und dann gegebenfalls erneut auf mich zukommen. Vorhin konnte ich noch eine Krähe beobachten, die sich einen Stieglitz geholt hat, obwohl zwei andere Stieglitze alles gegeben haben, das zu verhindern. Komisch, komisch, dass mir das Bild gerade wieder in den Sinn kommt. 

Was an solchen Tagen hilft? Essen gehen mit einer Freundin. Und das tu ich auch – wie ein Rohrspatz vor mich hinschimpfend. Als dann noch eine doofe Blondine auf einem Behinderten-Parkplatz parkt, mecker ich: „Der würde ich gern auf die Motorhaube kacken!“ Furztrocken kommt Retour: „Aber es ist noch so hell!“ Jetzt hat sie mich, ich kann nur noch lachen. Manchmal wär’s schon schön, ein Vogel zu sein, abhauen zu können, wenn’s einem zu blöde wird und auf Motorhauben kacken zu können, selbst wenn es noch hell ist. Nur von einer Krähe würde ich ungern gefuttert werden. Na, dann werde ich einfach Krähe, denn da hackt ja angeblich eine der anderen kein Auge aus… wer’s glaubt. Vermutlich gibt es nämlich auch Heinz-Krähen. Und dann finge der ganze Driss von vorne an. Braucht auch keiner, gell? Eben. 

„hochsterilisiert“

Diese Woche startet ja beruflich erst heute, am Dienstag. Nichtsdestotrotz fühlt es sich wie ein Montag an. Warum? Na, weil es wieder tolle Meetings gibt, die „koa oide Sau net braucht“. Dafür habe ich allerdings schon ein neues Wort gelernt. Huch, was ist mein Leben schön. Nicht so schön ist der dicke Kopf, der nicht vom Trinken kommt, sondern von der Allergie. Ich leide gerade…und das meinte ich wortwörtlich. Heute werde ich bereits mittags meine Zelte im Büro abbrechen, weil ich komplett durch bin – trotz vier freier Tage. Das kann jedoch nur ein Allergiker nachvollziehen.

Ostern kam und ging, ohne dass es mich wirklich tangiert hätte. Das Fest ist für mich immer schon unnötig gewesen. Klar, die freien Tage sind was Feines. Aber mir gibt Ostern einfach gar nichts. Es war mal kurzfristig ganz nett, als die Jungs meiner Sis noch klein waren. Wenn Kinder vor Begeisterung völlig aus dem Häuschen sind und auf die Suche gehen, um Eier, Schoki und dergleichen zu entdecken, dann ist das schon lustig. Der Kleine hat – trotz mehrfachem Hinweis – nie darauf gehört, die Eier nicht in die Schale zu werfen. „Neeeeee, leg´ das Ei einfach vorsichtig da rein.“ Das konnte er nicht, weil er einfach viel zu viel Pfeffer im Hintern hatte. Die Eier waren erst in Ordnung, wenn sie ordentlich angedötscht waren. Er war immer in allem Kawumm-mäßig unterwegs. Vorsichtig ins Bett krabbeln, wie der Große das als Kind am Morgen gemacht hat, ging bei dem Kleinen nie. Er hat immer Anlauf genommen und ist volle Pulle auf uns drauf gesprungen. Da muss ich heute noch grinsen. Er ist eben einfach Kamikaze – anders kann man das nicht ausdrücken. Umgekehrt mag er es hingegen weniger, wenn man einfach so zu ihm aufs Bett springt. Ein Grund mehr, es natürlich zu tun. Ich gebe zu: Ich kann schon auch ein „pain in the ass“ sein. 🙂 Aber heute ist er ja auch 17 Jahre alt. Da ist es quasi mein Auftrag, ihm auf den Sender zu gehen.

Heute Morgen glaube ich dann so gar nicht, dass die Nacht schon rum sein soll. Da will mich doch einer hops nehmen?! Aber nein…alle Uhren zeigen 5:40 Uhr an. Genug geschlafen habe ich die letzten Tage allemal. Das Problem ist heute eher ein Gemisch aus Unlust und Allergie. Geht´s Euch auch so? Diese drecks Birken sind dieses Jahr viel krasser unterwegs als sonst. Ich bete, es möge bald regnen. Dann hätte ich zumindest kurzfristig Linderung – auch wenn es mir Haue von den meisten anderen Menschen einbrächte, die natürlich happy über den Sonnenschein sind.
Mein Highlight des heutigen Tages: Ich treffe eine liebe Kollegin und Freundin zu einem längst überfälligen Ratsch. Und da es im Schatten echt noch zapfig ist, setzen wir uns in einen Aufenthaltsraum. Und da reden wir dann auch über alles Mögliche, bis ein Kollege reinschneit. Anfänglich geht´s auch noch, aber relativ schnell wird dann klar, welchem Lager er angehört. Die ganze Sache rund um Lauterbachs vereitelter Entführung sei nur „hochsterilisiert“ worden. Über das Wort muss ich eigentlich lachen – über die Sache kann ich´s nur leider nicht. Auch der Hinweis meiner Freundin, wie aufgeheizt die Stimmung sei, wenn Familienväter schon ihre Familien umbrächten, weil die vermeintliche Angst vor der Impfung sie dahintriebe, prallt an ihm ab. Auch das sei „hochsterilisiert“. Er bagatellisiert die Pläne, die irgendwelche kranken Schweine sich so zusammenphantasieren und wiegelt ab: „So was kennt doch jeder von uns – da schreibt man mal eben so eine What´s App, aber das meint doch keiner so. Das wird dann alles nur hochsterilisiert.“ Ich vermute, irgendwer hat ihm das Hirn sterilisiert…ist aber nur eine Mutmaßung meinerseits.
Solche Menschen bereiten mir zunehmend Sorge. Es scheint, es muss immer erst was passieren, bevor solche Menschen aufwachen. Der Tankstellen-Freak, der den jungen Kerl erschossen hat, war vermutlich auch nur „hochsterilisiert“. Das ist doch krank, oder? Ein bisschen gruselt´s mich dann langsam doch, wie es weitergehen wird. Sich Sorgen zu machen, bringt einen natürlich nicht weiter. Aber ich kann es gerade schlecht unterdrücken. Wie geht´s Euch damit?

klare Ansagen statt Appell-Öhrchen

Es ist Karfreitag…mein früherer Anti-Tag schlechthin. In diesem Jahr ist er irgendwie völlig bedeutungslos. Der Tag macht mich nicht mehr wütend, wie er das in jungen Jahren immer gemacht hat. Den Sinn habe ich nie verstanden. Gut, nicht jeder hat ihn so exzessiv katholisch ausgelebt, wie das bei uns Zuhause der Fall war. Kein Fleisch, kein Fisch, kein Radio, kein Lachen, kein Witz, kein Pfeifen, kein Singen (außer bei der Chorprobe), dafür harte Gartenarbeit, Andacht, Messe und Beichte. Was für Schwachsinn. Doch jeder so, wie er mag.
Im Jahr 99 war der Tag dann auch schräg, weil meine Mom da noch auf der Intensivstation im Koma lag. Da wussten wir noch nicht, wie sie es überstehen wird…ob überhaupt die OP Erfolg gebracht hat. Mein damaliger Freund hat extra für mich „Stadt der Engel“ ausgeliehen, was an sich ein schöner Film ist, mich aber dauerweinen hat lassen. Das kommt mir echt vor, als sei es ein anderes Leben gewesen.

Dieses Jahr beginne ich den Tag mit einem Telefonat mit einer Freundin. Und in dem Gespräch gestehe ich freudestrahlend ein: Ich hatte so was von absolut unrecht mit einer Vermutung. Kennt Ihr das? Normalerweise sind wir Menschen ja so gepolt, dass unser Hirn recht haben will. Ich betone immer, wie völlig wurscht es mir sei. Meistens stimmt das auch. So, wie bei meiner Chefin, der ich etwas prognostiziert hatte, was sie partout nicht glauben wollte, was sich dann aber zwei Wochen später leider bewahrheitet hat. Ihr Kommentar: „Tja, so blöd ich das jetzt finde…aber Du hattest echt recht mit Deiner Einschätzung.“ Da geht mir dann keiner ab. Das bringt mir auch rein gar nichts. Ich habe einfach aufgrund meiner bisherigen Erfahrung in dem Bereich recht sicher gewusst, wie sich etwas weiterentwickeln wird. Die Milch ist allerdings verschüttet, weshalb wir darüber dann auch nicht mehr diskutieren müssen oder ich ein: „Ich hab´s doch gesagt“ hinterherschieben müsste.
In dem heutigen Telefonat ging es hingegen um eine Annahme meinerseits, von der ich im Vorfeld schon gesagt habe: „Ich hoffe echt so sehr, dass ich mit meinen Unkenrufen unrecht behalte.“ Und so kommt es dann Gottseidank auch. Manchmal möchte ich meine Lieben beschützen, was mir im Grunde gar nicht zusteht. Jeder muss seine Erfahrungen selber machen. Ich sage ja immer: Wer weiß, wofür es gut ist, dass ich keine Kinder bekommen habe. Ich wäre vermutlich so eine richtig krasse Glucke gewesen, was ja auch nicht gerade förderlich ist.

Und genauso verhält es sich dann auch mit meiner zweistündigen Skype-Schalte direkt nach meinem Telefonat. Eine Mitschülerin von der Fortbildung, die ich ganze zwei Mal Ende 2020 gesehen habe, teilt mir per What´s App mit, dass sie nun die schriftliche Prüfung geschafft habe. Ich hatte sie immer wieder mit Unterlagen versorgt. Gefragt hat sie danach nie. sie aber dankend angenommen. Wieder so typisch ich: Ich will ja nur helfen. Manch einer mag das vermutlich auch – aber nicht zwangsläufig alle. Und ich nehme manch einem damit vielleicht auch die Chance, sich da selbst durchzukämpfen und zu entwickeln. Sei es drum. Die Mitschülerin berichtet mir noch kurz davon, dass sie deutlich früher dran sei als ihre Lerngruppe, weshalb sie allein für das mündliche Fälletraining lernen müsste. Da ich weiß, wie elend ich mich letztes Jahr gefühlt habe, biete ich spontan an, so eine Prüfung via Skype mit ihr zu simulieren. Jaja, mein blödes Appell-Ohr, auf dem ich so gerne höre. Und tatsächlich schlägt sie sofort zu. Entsprechend habe ich jetzt zwei Stunden Prüfungssimulation hinter mir. Ich habe manche Kriterien schon wieder vergessen, weiß aber doch auch noch erstaunlich viel, wie mir auffällt. Die Dame wird´s gut machen und bestehen – da bin ich mir sehr sicher. Warum ich allerdings meine, meine Unterstützung so aktiv anbieten zu müssen, erschließt sich mir nicht. Hat was von „Ich muss nur noch kurz die Welt retten…danach flieg´ ich zu Dir…“ (Tim Bendzko). Da kann ich mich schon ganz schön wichtig fühlen, hm? Man, man, man…bisschen bekloppt ist ja schön, aber gleich so viel???

Und dann erlebe ich die Studenten in meiner Abteilung. Der letztens hier erwähnte Krachertyp ist nach wie vor da, allerdings sehe ich zum Glück wenig von ihm. Gestern gebe ich dann eine zweistündige Schulung, die ich bereits vor drei Jahren gegeben habe. Dabei stelle ich für mich fest, wieviel aussagefähiger ich jetzt darin bin. Aufgrund der Erfahrung fallen mir viel mehr Beispiele ein. Es macht totalen Spaß. Die Teilnehmer stellen superviele Fragen – da bin ich dann voll in meinem Element. Rundum gelungen, also bin ich rundum zufrieden, was auch mal schön ist. Nett auch am Ende von meinem Kollegen: „Das haben wir gut gemacht.“ Wir? Ah ja….
Ich habe einer neuen Praktikantin angeboten, gerne mitzukommen, um mal zu sehen, was wir so machen und um in die Thematik ein bisschen einsteigen zu können. Sie überrascht mich nach der Schulung: „Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich so was und Workshops übernehmen kann?“ Ääääääh? Sie würde sich schon Projekte wünschen. Klar, es gehörten auch andere Dinge dazu, also „typische Praktikantentätigkeiten“, was für sie voll ok sei. Aber sie hätte schon Lust, so was zu übernehmen. Ich hatte ihr ohnehin einen Part in meiner größeren Schulung im Mai in Aussicht gestellt, was sie gerne machen würde. Am liebsten sei es ihr allerdings, die komplette Schulung durchzuführen. Krass.
Derzeit schleppe ich fast immer Kollegen mit, die es eigentlich lernen und mir Schulungen abnehmen sollten. Ihr Fazit ist in der Regel: „Das schaffe ich nie. Da kommen ja soooo viele Fragen! Ich bin mir viel zu unsicher. Allein will ich so eine Schulung nie machen!“ Und dabei rede ich von Kollegen, die inhaltlich Ahnung von der Materie haben (sollten). Dagegen steht dieses junge Püppi vor mir und erzählt von einem Start-up-Unternehmen, wo sie zuletzt ihr Praktikum absolviert hätte. Sie kann nicht das fachliche Wissen vorweisen, das es vielleicht bräuchte, aber ich traue ihr erstaunlicherweise zu, dass sie Schulungen und Workshops souverän durchführen könnte. Vor allem aber erstaunt mich wieder einmal, wie selbstvertständlich so ein junger Mensch so ein Thema anspricht und für sich etwas einfordert. Das macht sie mit gutem Geschick und kein bisschen wie ihr ach so cooler BWL-Kollege. Es ist abolut nicht anmaßend, sondern etwas, das sie einfach und höflich anspricht. Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich wir Menschen sind, oder?

Da ich für heute mein Karma-Konto genug befüllt habe, gönne ich mir einen chilligen Resttag. Ich werde gleich was kochen und dann später eventuell – aus reiner Renitenz heraus – einen Likör trinken. Es sind die kleinen Revolutionen, die mir Spaß machen. Ein Che Guevara wird aus mir wohl keiner mehr werden, aber vielleicht schaue ich mir ein bisschen was von der Praktikantin ab? Einfach mal schauen, was mir eigentlich Spaß machen würde und das dann auch klar durchziehen…statt immer auf dem Appell-Ohr zu hören und Dinge zu machen, von denen ich denke, sie würden andere glücklich machen. Also: Hoch die Tassen…und frohe Ostern Euch!

von allem ein bisschen

Manchmal fühlt sich das Leben schon ein bisschen so an wie „und täglich grüßt das Murmeltier“, oder? Wobei ich dann ja immer diesem WDR4-Hörschaden meiner Mom danke, da ein kleiner Teil meines kleinen Hirns für mich eher innerlich ein „Ich glaub´, es geht schon wieder los…das darf doch wohl nicht wahr sein…“ von Roland Kaiser schmettert. Ja, in meinem Leben ist viel Musik. Zu fast jedem Wort oder einer Redewendung fällt mir dann auch ein Lied ein. So habe ich gestern noch bei einem Skype-Termin einem Kollegen eröffnet: „Du siehst ja voll wie Mark Forster aus!“ Er trug eine nahezu identische Brille und so eine Kappe. Er winkt direkt ab. Aber hey, ich wäre nicht ich, wenn ich nicht dranbliebe, oder? Er sagt also was, während ich leise lossinge: „Ich bin weg o – o – o – o au revoir.“ Niemand hat behauptet, dass es anderen mit mir immer Spaß machen muss. Nachher frage ich ihn dann aber doch noch, auf welche Musik er denn so stehe? Na, schon eher auf Metal. Na, geht doch! Ich mache die Pommesgabel und rufe den Wacken-Schlachtruf: „Leck´ das Huhn!“ Und da strahlt der Gute dann doch noch. Ich kann eben nicht nur WDR4 von vor vierzig Jahren. Man, bin ich ein Allrounder.

Gestern war so ein komischer Tag. Auf der einen Seite hatte ich mein Mitarbeitergespräch. Ein leichtes Magengrummeln kann ich da nicht verleugnen. Nicht, weil ich Angst habe, was ich zu hören bekommen. Es geht vielmehr darum, dass ich befürchte, was ich alles sagen werde. Ein lieber Kollege ist vor mir dran, und wir frötzeln schon im Vorfeld. Er kommt erst nach anderthalb Stunden von dem geplanten einstündigen Termin zurück. Das Gespräch ist ihm am Heck vorbeigegangen, war aber alles in allem wohl ok. Es ist einfach so unwichtig. Ich mag ergiebige Gespräche, von denen man was mitnehmen kann. Darauf wartet man bei uns leider vergeblich. Nur ist es natürlich nicht gerade der Brüller, wenn wir alle in dieser Du-kannst-mich-mal-Schleife stecken. Da ziehen wir uns vermutlich noch gegenseitig zusätzlich runter. Die Fragen, die wir vorab erhalten, sind identisch und so gewollt. Es braucht ein paar Vorgaben, das weiß ich. Es ist nur so müßig, wenn Du weißt, wie völlig scheißegal es ist, ob Du was sagst und was Du sagst. Wir machen weiter, wie bislang. Nichts ändert sich, aber wir geben uns den Anstrich, als sei uns offene Kommunikation sooooo unendlich wichtig. Ach, ich brauche diese Alibi-Veranstaltungen nicht.
Als ich dran bin, kommt der obligatorische Satz meiner Chefin, den wir alle nur noch belächeln: „Danke, dass Du Dir die Zeit nimmst.“ Als wäre das eine freiwillige Sache und als müsste ich irgendwo von der Front abgezogen werden, um mir diesen Termin hier richtig rauszuschwitzen. Egal. Sie beginnt mit dem Blatt, auf dem die Fragen stehen, zu denen wir uns im Vorfeld Gedanken machen sollten. Ich stelle gleich klar, wie wenig authentisch diese Gespräche dadurch seien. Wie die letzten Monate denn so für mich gewesen seien? Planlos, strukturlos, chaotisch, blinder Aktionismus, Blindleistung. Dem stimmt sie sogar zu, aber so sei es nun mal derzeit. Ah ja. Wie konnte ich in Herrgottsnamen nur meine Motivation verlieren??? Is ja ´n Ding, Donnerknispel noch eins. Meine Chefin sei seeeeeehr zufrieden mit mir. Ich erhalte auch noch ein Incentive (von dem ich nicht weiß, wie das aussehen wird), weil ich ja so überdurchschnittlich in allem Engagement erkennen ließe und meine Ergebnisse immer suuuuuper wären. Die sollte mich mal erleben, wie ich arbeite, wenn ich richtig Bock darauf habe! Ich bedanke mich auch artig und weiß, ich sollte mich freuen. Es fühlt sich dennoch alles falsch an. Vor allem schätze meine Chefin meine Leidenschaft, mit der ich an Dinge herangehe. Ich zucke mit den Schultern und räume ein: „Ich weiß schon, dass das nicht immer einfach ist mit jemandem wie mir.“ Sie reißt überrascht die Augen auf – wieso das denn? Ich würde die Dinge klar ansprechen, wäre immer voll dabei und würde mich nie wegducken. Und ich würde nicht nur Missstände ansprechen, sondern auch Lösungen anbieten. Genau das braucht´s. Aha… Für mich ist es dennoch anstrengend und aufreibend, weil die Lösungen ja doch nicht umgesetzt werden. Naja…unterm Strich bin ich ein fleißiges Bienchen und ein Gewinn – da sollte ich eventuell glücklich drüber sein. Im Gefühl kommt´s nur leider so gar nicht an.

Auf der anderen Seite treffe ich dann meinen ehemaligen Chef, der aussieht wie ein Schluck Wasser in der Kurve – und nicht wie ein Mann, der gerade ein Haus am Gardasee geschossen hat. Ich frage ihn, was denn los sei? Und da steht dieser 62-jährige Mann vor mir mit schwimmenden Augen. Seine Mutter sei letzte Woche verstorben. Und auch wenn er wüsste, dass es rational das Beste für sie gewesen sei, sie ihr Leben gelebt habe und nur noch schwerstdement war, so würde es dennoch weh tun. Eine Mutter bleibt immer eine Mutter, schätze ich. Und so kann ich dann nicht anders und nehme ihn in den Arm. So was geht mir schon ans Herz – egal, wie alt seine Mutter gewesen ist. Wir sind eben unterm Strich alle auch die Kinder von irgendwem. Und in seinem Fall war seine Mutter wohl auch eine ganz tolle Mutti. Er lässt ein paar Tränen rollen. Ich frage mich im Nachgang, wieso wir für solche Gespräche so selten Zeit erübrigen können? Ständig werden wir von A nach B gehetzt, obwohl unser Job echt keine große Bedeutung hat. Das Menschliche hingegen, also das, was es wirklich ausmacht, fällt ständig hintenüber. So arbeite und lebe ich nicht gerne.

Zusätzlich bangt meine Freundin den gestrigen Tag lang um ihre Mutter, die operiert werden soll. Auch diese ist schon recht alt und vor allem sehr krank. Wer noch nie in der Situation war, kann sich das auch nicht vorstellen: Du begleitest diesen Menschen und weißt nicht, was Du ihm/ihr eigentlich wünschen sollst? Wünschst Du der Person, dass sie gehen darf oder dass sie bleiben soll? Denn keiner weiß, wie erfolgreich so eine OP ist. Das Warten und Bangen ist für die Angehörigen das Schlimmste. Ich erinnere mich noch zu gut an diese Zeit vor 23 Jahren – wie es war, auf das OP-Ende zu warten. Nicht zu wissen, was gelingt und was nicht…was nachher „übrigbleibt“ und was nicht. Zu beten und zu hoffen, ohne das ganze Ausmaß wirklich zu umreißen. Nach so einer Aktion ist man fertig wie ein Brötchen und fühlt sich, als wäre man stundenlang von einem Rasenmäher überfahren worden. Wenn ich daran denke, bin ich sofort wieder in dem Gefühl von damals…und denke rückblickend manches Mal, wie ich das gewuppt habe? Zuhause habe ich nur geschlafen und geweint, weil ich mir das am Bett neben meiner im Koma liegenden Mom immer verboten habe. Gott, ist das schon lange her, dann doch so präsent und wiederum wie aus einer anderen Welt. Ich sag´ ja: Wer so was nie erlebt hat, dem kann man so ein Gefühl nur schwer beschreiben.

Und dann gibt es auf der anderen Seite meine liebe Kollegin, die auf den Antrag ihres Schatzes wartet. Er hat angekündigt, sie fragen zu wollen. Gut, das wäre nichts, was ich so haben wollen würde, aber jede(r) ist anders. Sie hat sich auch schon den passenden Ring ausgesucht, der ihm allerdings zu teuer sei. Doch der sei genau jetzt im Angebot und somit 20 Prozent günstiger – was sie ihm natürlich auch mitteilt. Das lässt mich grinsen. Wie gesagt: Nicht meine Welt. Ich würde überrascht werden wollen, würde dem Geschmack meines Zukünftigen vertrauen wollen, weiß aber auch um die vielen Kerle, die damit heillos überfordert sind. Ich freue mich für sie, wenn ihr Wunsch in Erfüllung geht, denn sie passen wirklich gut zueinander.
Und ich? Brauche das mit dem Heiraten nicht mehr. Ich schaue mich um und bemerke einmal mehr, wie nah Freud und Leid beieinanderliegen. Jede(r) darf seinen/ihren eigenen Weg gehen und herausfinden, was ihn/sie glücklich macht. Ich merke wieder einmal, wie wichtig Freunde für mich sind, die meine Höhen und Tiefen mit mir teilen. Alles geht nicht…aber vieles eben schon. 🙂

Ambivalenz

Es gibt die lauten Tage und die leisen. Manchmal ist es so, dass ich überdreht lachen muss, das Leben förmlich hinausschreie und nichts richtig ernstnehme. Und dann ist es wiederum so, dass es ruhiger wird, ich nachdenklicher werde und die Leichtigkeit vorübergehend futsch ist. Meist plätschere ich um die Mittellinie dahin. Klar, rege ich mich manchmal auf wie ein tasmanischer Teufel. Es gibt hin und wieder Ausschläge nach oben oder unten, aber es ist nicht so krass, wie ich das von manch anderem kenne. Obwohl meine Mom früher gerne gesagt hat, ich sei der Typ himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Das glaube ich nicht einmal. Im Vergleich zu meiner Sis, die früher immer unterm Radar geflogen ist, war ich schlicht und ergreifend einfach immer präsenter und sichtbarer. Und obwohl ich durchaus ein quirliges, lebendiges Kind war, das gerne durch Pfützen geradelt ist, gab es auch damals schon diese stillen Momente, in denen ich auf meinem Schreibtischstuhl saß und über die Welt sinniert habe, wobei ich weinen musste. Oder wenn ich mit tragender Stimme „Wir sind nur Gast auf Erden“ schmetternd tote Tiere beerdigt habe – allein mit mir, ohne zu wissen, dass meine Mom mich vom Fenster aus beobachtet hat. Irgendwie gab es diese zwei Seiten immer in mir – die laute und die leise. Vermutlich nennt man das Ambivalenz. Und über die stolpere ich immer wieder in meinem Leben.

Die Ambivalenz zeigt sich in meiner Arbeit immer sehr deutlich: Wenn ich Schulungen geben darf oder Workshops moderiere, bin ich in meinem Element. Da sprühe ich förmlich Funken und sprudele über. Ich arbeite so gerne mit Menschen, lerne von ihnen und tausche mich aus. Das absolute Gegenteil wird in mir ausgelöst, wenn ich in Meetings bin, die aus meiner Sicht so fruchtlos sind und nur aus Blabla bestehen. Und so kann es durchaus sein, dass ich wirklich regelrecht himmelhochjauchzend schwebe und innerhalb weniger Stunden abstürze und voller Wut bin, weil mir wieder mal jemand meine Zeit mit Worthülsen stiehlt.
Wut ist ohnehin gerade so ein Thema. Keine Ahnung, woher die kommt? Ich weiß, dass Wut ein Gefühl ist, was durchaus seine Berechtigung hat. Und Wut ist auch ein riesiger Motor für mich, weil er mich in Bewegung bringt, Dinge aktiv anzugehen und zu ändern. Zu viel Wut hingegen lässt mich eher lichterloh brennen. Gerade arbeite ich daran, meinen Schieberegler dafür zu finden.
Wenn ich mich so umschaue, entdecke ich Wut auch bei vielen anderen, die das aber nicht so benennen können oder wollen. Und ich höre auch immer wieder, wie schlecht Wut doch sei. Das ist absoluter Schwachsinn. Wenn wir dieses Gefühl unterdrücken, macht es uns früher oder später krank. Das passiert auch bei anderen unterdrückten Gefühlen, vor allem aber bei der Wut. Warum? Weil sie so geächtet ist. Wut ist beispielsweise etwas, „das einem Mädchen nicht gut steht“. Als wäre es ein Kleidungsstück, das man sich anzieht. Männern gestattet man dieses Gefühl schon eher, doch auch hier ist es nicht so gern gesehen – wenn auch toleriert.

Überhaupt Männer, Wut und Ambivalenz…davon begegnet mir dieses Wochenende so manches. Ich habe einen Kollegen, den ich echt gerne mag. Er pendelt am Wochenende 500 km nach Hause und arbeitet nur während der Woche hier im Süden. Hin und wieder bleibt er mal ein Wochenende hier. Da haben wir uns auch schon mal getroffen. Kennt Ihr das, wenn so eine Katze um den heißen Brei schleicht? So kam mir das bislang oft vor. Und da ich ihn mag, ignoriere ich die Andeutungen geflissentlich. Dieses „Ich kann Dich gerne noch nach Hause begleiten“ oder „Wir können gerne noch einen Absacker bei Dir oder mir trinken“. Vorangegangen sind dann die typischen Signalsätze, wie: „Du bist so ganz anders als meine Frau…“ Da kann ich innerlich schon vorspulen, weil ich weiß, welche weiteren Sätze folgen. Standard ist dann: „Mit Dir kann ich ganz anders reden, als mit meiner Frau…“, „Du bist so lustig! Mit Dir kann ich ganz anders lachen“, um zum Lieblingssatz zu kommen: „Im Bett läuft ja auch schon lange gar nichts mehr bei meiner Frau und mir.“ Ich habe mir dazu mal männlichen Rat eingeholt, weil ich das für mich als herabwertend empfinde. Herabwertend der Frau gegenüber, die Zuhause sitzt, aber auch herabwertend mir gegenüber. Für so einen Spaß zwischendurch bin ich gut genug? Der männliche Rat ging da in eine andere Richtung. Im Grunde sei das eine Art Kompliment. Wenn der Mann sich Sex vorstellen könne, dann fände er die Frau schon gut. Ah ja. Das ist so eine Art Logik, die sich mir nicht erschließt. Vermutlich, weil ich mir auch keine echte Mühe damit gebe…?
Nun haben besagter Kollege und ich uns im Winter vor Corona zuletzt gesehen, wo er mich unbedingt noch zu meiner Wohnung begleiten wollte, was ich aber höflich ablehnen konnte. Er war sehr hartnäckig, aber verfügt nicht über meine Hörner. Gestern waren wir dann zum Frühstück verabredet. Und hier kommt die Ambivalenz: Natürlich freue ich mich auf das Frühstück, weil ich mich echt gerne mit ihm unterhalte. Und – mea culpa – natürlich freue ich mich auch über die Aufmerksamkeit. Gleichzeitig habe ich Magengrummeln, weil ich nicht will, dass er irgendwas versuchen wird. Ein bisschen ist es schon ein Spiel mit dem Feuer, denn ich könnte einfach kein Treffen zustandekommen lassen. Stur, wie ich nun mal bin, sehe ich aber auch nicht ein, warum Mann und Frau nicht einfach freundschaftlich verbunden sein können, ohne dass da was zwischen ihnen laufen muss. Ich sehe schon den ein oder anderen mit den Augen rollen und sagen: „Warum machst Du es so kompliziert?!“ Tja, willkommen in meinem Kopf.
Der Gute baggert mich nicht direkt an, betont aber dann doch, wie schade es sei, dass ich so prüde und langweilig sei. Also, ich sei nicht an sich langweilig, aber was meine Prinzipien (nichts mit einem liierten Mann anzufangen) beträfe, sei ich es eben schon. Ich lächle nickend: „Ok. In dem Fall bin ich gerne langweilig.“ Was mich dann – allerdings eher im Nachhinein – wütend macht, sind dann solche alles erschlagen wollenden Argumente, wie: „Weißt Du, wir leben ja nur einmal. Sollten wir das Leben da nicht einfach genießen?“ Das ist auch so ein Klassiker für mich geworden, den manche Männer immer wieder zücken. Wenn sie wollen, die Frau aber nicht, wird dieser Spruch gezückt. Keine Ahnung, wieviele Frauen auf so einen Spruch positiv reagieren, aber mir hat mal ein Mann gesagt: „Wenn Du die dümmste Anmache bei 100 Frauen ausprobierst und sie auch nur bei einer einzigen funktioniert, dann hast Du als Mann doch alles richtig gemacht.“ Ääääh…ich bleibe dabei: Ich bin froh, als Mädchen zur Welt gekommen zu sein. Im nächsten Leben bitte wieder gerne.

Ich möchte nicht jammern, denn ich führe wohl ein privilegiertes Leben. Bisweilen fühlt es sich dennoch nicht immer rund an. Von Männern Angebote zu erhalten, die liiert sind, fühlt sich nicht gut an. Auf Geburtstage eingeladen zu werden (wie jetzt erst passiert), wo ausschließlich junge Familien und vereinzelt Paare, die kurz vor der Geburt des ersten Kindes stehen, eingeladen sind, lässt mich mich auch unwohl fühlen. Das ist so, wie bei Bridget Jones. Die meiste Zeit bin ich völlig fein damit, Single zu sein. Schöner wäre es zu zweit, aber allein ist es nicht schlimm. Trotzdem fühlt man sich verkorkst und stigmatisiert, auf Feiern gehen zu müssen, wo man – neben den Kindern – als einziger Single rumläuft. Ihr seht schon: Gerade habe ich eher meinen Nachdenklichen, hm?
Mit Blick nach vorne freue ich mich auf eine kurze, wenn auch volle Woche. Von meiner Chefin weiß ich nun offiziell, dass sie schwanger ist und nicht zurückkommen wird. Wer ihr Nachfolger wird, weiß ich nicht. Die Hoffnung auf jemanden, der wirklich Führung lebt, habe ich aufgegeben. Es wird wohl so sein, dass ich noch ein wenig die Füße stillhalten muss, bevor ich meine Flügel ausbreite und losfliege. Wohin mich der Wind dann trägt, weiß ich nicht…ich hoffe, es liegt irgendwo am Meer.

Jeder Jeck ist so was von anders – innerhalb und außerhalb einer WG

Der Freitagabend beginnt zu dritt – mein kleinster Cousin, meine bekloppteste Cousine und ich besuchen das „Regie“ in Heidelberg. Die Spiesekarte ist leider Mist, weil sie einen vor eine wahnsinnig geile Auswahl stellt. die überfordert. Ist das schwer! Letztlich wird es ein vegetarischer Burger mit Ziegenkäse. Mmmmh… Als der Kellner kommt, der seines Zeichens eine flotte Schnüss hat, fragt er, ob alles geschmeckt hätte? Ich kontere: „Nee, aber wir hatten Hunger.“ Er stutzt ganz kurz, sieht mich grinsen und entgegnet: „Das ist normalerweise mein Spruch. Wenn die Gäste sagen zögern, dann frage ich, ob sie doch nur Hunger gehabt hätten oder warum die Teller leer wären?“ Tja, da muss der Kleine eher aufstehen.
Es geht weiter mit Cocktails, weil es einfach so ein Abend ist. Kein geplanter Trinkabend, sondern einer, bei dem die Stimmung passt. Familienspinnereien werden zum Besten gegeben, ich quietsche wieder, weil ich erwähne: „sooooo klein war der damals“, weil ich früher bei dem Kleinsten babygesittet habe, und wir werfen uns die verbalen Bälle hin und her. Herrlich. Es tut einfach gut, so ausgiebig zu lachen. Der Kellner kommt später mit der Rechnung und bestätigt, was wir vermutet haben: Er ist Russe. Ich frage ihn, ob er mit Diskriminierung zu tun hätte? Nee, er wäre ja schließlich Heidelberger. Und schon geht die Diskussion los. Ich finde es so spannend, unterschiedliche Sichtweisen kennenzulernen. Zwar lehne er Putin ab, aber der Westen hätte auch viele Fehler begangen. Das sehe ich ähnlich, aber unser Verständnis ist dennoch ein anderes. Mein kleiner Cousin versucht es mit Argumenten, der russische Heidelberger eher mit Leidenschaft. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Der Kellner prangert allgemein an, wie gerade die Menschen, die immer „wir sind alle gleich“ skandieren, meist die Schlimmsten seien, wenn es dann um Ausgrenzung gehe. Syrer und Afghanen nein, Ukrainer auf jeden Fall. Auch das verstehe ich…und doch ist auch dieser Aspekt vielschichtiger. Solche Gespräche sind es, die mich total fesseln.
Zum Schluss gibt es noch einen Shot aufs Haus, der mit einem flambierten Stück Ananas aufwartet. Gekrönt wird das Stück Ananas mit reichlich Zimt, der Funken regnen lässt bei dem Feuer. Doof nur, dass das Handy meiner Cousine danebenliegt. Schmecken tut´s dann aber umso besser im Anschluss.

Am nächsten Tag sind wir eingeladen zur WG meines Cousins. Er wohnt mit sechs weiteren Menschen (obwohl das noch zu klären sein wird) in dieser Berufstätigen-WG. Das Prinzip finde ich total genial. Für mich wär´s allerdings nichts. Doch mein kleiner Cousin hatte mir schon im Vorfeld davon vorgeschwärmt. Ich denke schon, dass es den Horizont erweitert. Und garantiert wird man in Toleranz und Geduld trainiert. Wenn ich allerdings Feierabend habe, will ich meine Ungeduld und Intoleranz ausleben können, weil sie schon im Job derartig überstrapaziert werden. Zufuß latschen wir also zur Wohnung, die von außen (sorry) nicht den schönsten Eindruck erweckt. Die Lage direkt an den Gleisen, wäre nicht wirklich meins. Dafür ist die Wohnung, die sich über den fünften und sechsten Stock erstreckt, echt ein Traum. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, in den tollen Räumlichkeiten zu leben – nur eben nicht mit sechs weiteren Leuten. Wir lernen als erstes Caro kennen (wenn Du das liest: Du bist echt eine Süße!). Ich beginne zu verstehen, was an so einer WG schön sein kann. Es ist ein Kommen und Gehen in dieser Bude. Man muss schon recht offen sein und damit umgehen können, dass eben fremde Menschen zu Besuch in der eigenen Bude sein können. Karin kann das an diesem Tag, glaube ich, nicht so wirklich. Sie hockt sich kurz an den Tisch, schmiert sich ihre Brote, mümmelt sie vor sich hin und verschwindet. Gut, wenn ich mir vorstelle, ich käme zu mir nach Hause und eine ganze Rotte wäre am Tisch versammelt, würde ich vermutlich auch erstmal…ääääh…irritiert sein.
Irgendwann schlurft Manu die Treppe herunter. Er wirkt schon ein wenig nerdig und sehr alternativ, aber das Gespräch entpuppt sich als…nun…wie sage ich es diplomatisch? Rohrkrepierer. Er wirkt völlig verstrahlt. Als ich ihn frage, was er denn beruflich mache, schaue ich in leere Augen. Ok, die Frage ist auch keine ganz einfache, das gebe ich zu. Meine Cousine versucht sich in Verständigung: „Vielleicht war das einfach ein bisschen schnell für ihn?“ Er schaut mich an: „Und ein bisschen zu viel…?“ Ich nicke, wobei ich innerlich 25 Fragen im Hirn herumspringen habe…aber gut. Ich versuche es erneut: „Ich wollte nur wissen, was Du beruflich machst?“ Es kommt immer noch keine Antwort. Stattdessen brabbelt er irgendwas anderes, während meine Cousine sich schon die Hand vor den Mund hält, um nicht laut loszuprusten. Ich nehme einen weiteren Anlauf – mittlerweile recht kleinlaut: „Du willst uns also nicht sagen, was Du beruflich machst?“ Er schaut mich an – kurzfristig mit klarerem Blick: „Hast Du mich das schon mal gefragt?“ Meine Cousine bebt neben mir. Das ist nicht hilfreich. Alter!!! Ich will eigentlich schon keine Antwort mehr. Aber gut, er macht irgendwas mit IT-Beratung. Als er geht und wir „tschüß“ sagen, antwortet er ähnlich: „Tschüß! Und Tschüß, Claudia.“ Jetzt zerreißt es meine Cousine. Ich kann nicht anders und giggel´ mit. Das schaffe ich keineswegs ohne Alkohol. Auf meine spätere Frage, ob Manu eigentlich gerne mal eine Tüte durchziehe, ernte ich ein Lachen…und die Bestätigung auf meine Vermutung. Mich wundert´s nicht. Innerlich trällere ich vor mich hin: „I believe I can flyyyyyyy…“ Ich kann mit Kiffen leider nicht wirklich was anfangen – mit verstrahlten Personen entsprechend auch nicht so viel.
Dann kommt unsere Lichtfigur…und Alter, ich hoffe echt, Du liest das jetzt auch! Sandro erscheint auf der Bildfläche. Er ist ein Freund von Caro und ebenfalls zu Besuch. Beide – Caro und er – sind Rheinländer. Besser geht´s ja wohl nicht! Wir sind zwar in Baden-Württemberg, aber gerade ganz klar in der Überzahl. Sandro hat allerdings zwei Mankos: Er ist a) verheiratet und b) schwul. Tja, Frau kann nicht alles haben. Ich will diese Kodderschnüss echt gerne adoptieren. Es gibt Menschen, die mag man einfach auf Anhieb. Und er ist so ein Exemplar. Und auch wenn meine Cousine direkt neben ihm sitzt und die meiste Zeit mit ihm quatscht, kann sie sich den Namen nicht merken. Sie schwankt in der Aufarbeitung (ja, so was machen wir…sonst würden wir solche Tage nur noch mit einem Psychiater überstehen) zwischen Salva (Kurzform von Salvatore) und Silvio. Salva ist der Ex einer ihrer Freundinnen. Silvio ist der Freund meiner Kollegin. Tja, wir sind nicht mehr so jung, gell? Ich schätze, wenn wir zukünftig Menschen mit dem Anfangsbuchstaben „S“ kennenlernen, werden wir sie der Einfachheit halber einfach nur noch S nennen. Sandro ist ein Schätzchen, der die geilsten Sprüche raushaut. Ich beneide Caro fast schon um diese Freundschaft. Aber der Gute wandert mit seinem Mann nach Australien aus. Ganz schön unverschämt, oder? Ich könnte noch ein wenig Entwicklungshilfe seinerseits vertragen. Ich weiß nicht, ob´s am Lillet Wild Berry, meiner trainierten Blase oder einem Rest meines Anstands liegt, aber ich mache mir nicht in die Hose. Das ist bei Sandros Sprüchen echt reine Körperbeherrschung
Meike (oder mit a? Also nicht Meika, sondern Maike?) und Verena komplettieren die Runde dann noch. Die beiden hocken sich aufs Sofa und fangen an, wie die Hühnchen zu schnattern. Der Geräuschpegel erinnert mich an alte Familientreffen. Es ist ein Gewirr und Gewusel, aber vor allem ein Schlagabtausch, für den man volle Konzentration benötigt. Wir ziehen uns gegenseitig auf…aber vor allem meinen kleinen Cousin, der uns gerade mal Pizza kredenzt. Die ist lecker, zweifelsfrei. Aber seinen russischen Zupfkuchen enthält er uns vor. Da jeder aus der WG diesen Kuchen kennt und ebenfalls mag, zieht ihn letztlich fast jeder mit dem Fehlen des Kuchens auf. Gut, ich oute den Kleinen dann auch mal als Schneider (und nein, nicht als Beruf gemeint, sondern als schnakenähnliches Insektenvieh) futterndes Baby, dem nur noch ein Beinchen aus dem Mundwinkel ragte, als meine Tante vom Klingeln an der Tür zurück in den Raum kam. Aber mal ehrlich: Welchen anderen Sinn hat Familie denn, wenn nicht den, die blödesten alten Geschichten wieder hervorzukramen? Eben. Da ich gesegnet bin mit einem grandiosen Elefanten-Gedächtnis, kommen die peinlichen Beiträge in der Regel von mir. Ich kann eben nicht nur auf der Massageliege meine Gedanken rattern lassen, sondern auch im Gespräch.
Verena ist dann aber auch noch so ein besonderes Exemplar. Sie schaut immer in alle Einkaufstüten, wenn jemand vom Einkauf kommt. Ich weiß ja nicht, ob sie das will, aber solche Zwangshandlungen könnte man therapieren. Die anderen ziehen sie damit auf, dass sie wirklich immer, immer in alle Taschen und Tüten schauen muss. Auch Sandros Tragetasche, die auf der Treppe steht, wird inspiziert. Das klingt ja ganz lustig, aber…äääh…würde mich zu einer Radikal-Therapie veranlassen, wäre ich die Taschenbesitzerin. Aber jedem sein Rititi. Ich sage ja: WG wäre nichts für mich. Dafür bringt die Gute Chicorée mit, den sie unten an der Straße gefunden hätte. Sandro witzelt noch, dass sie wahrscheinlich einer alten Omma in die Tasche gespinkst hätte und da fündig geworden sei – aber hey, jede(r) legt das für sich anders aus.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so viel und ausgelassen gelacht habe? Es war einfach völlig überdreht, schön, verrückt, locker. Das ist so ein Treffen, das man nicht planen kann. Und ich schätze, wenn dafür ein Drehbuch beim Film eingereicht werden würde, würde es zurückgewiesen mit den Worten: „Zu weit entfernt von der Realität“, aber das macht es umso wertvoller. Filme sind schön – das wahre Leben ist schöner. Heute Morgen waren wir dann noch zu viert (mein Cousin mit seiner Freundin, meine Cousine und ich) frühstücken, bevor ich wieder gen Dachau gedüst bin. Dieses Wochenende hat mich entschädigt und mir wieder manches vor Augen geführt:
1. Umgib Dich mit Menschen, die Dir gut tun.
2. Selbst mit Pandagesicht kannst Du flirten.
3. So ganz leicht kann man schwule, verheiratete Männer nicht adoptieren.
4. Genieße jeden Moment, wie er gerade kommt.
5. Kiffen macht manchen etwas lala im Kopf.
6. Wenn Du auf einer Massageliege liegst…

Wenn Du auf der Massageliege liegst…

Meine Nacht auf Freitag verläuft unruhig. Wenn ich daran denke, wie oft ich früher in Hotels übernachtet habe, ist das schon lächerlich. Ich werde (bin) halt alt. Ungewohnte Umgebung, da braucht die alte Frau eben ein bisschen Eingewöhnungszeit. Entsprechend halte ich es ab 7 Uhr dann gar nicht mehr im Bett aus. Doof nur, dass Cafés hier nicht vor 9 Uhr öffnen. Kaffee gibt es nirgends in diesem Hotel. Nicht mal Instant-Plörre zum selber Anrühren. Das grenzt schon an Körperverletzung! 🙂 Aber dann ist endlich die Warterei vorbei, so dass ich endlich meinen ersten Kaffee schlürfen kann. Auf dem Weg zum Café nieselt es in einer Tour. Welcome to Heidelberg…

Im Extrablatt werde ich fündig. Geh ich da echt allein rein? Das kommt mir schon ein wenig strange vor. Andererseits wäre es ja noch bekloppter, einfach irgendeinen wildfremden Menschen auf der Straße anzuquatschen, damit ich nicht allein ins Café muss. Obwohl…ich schätze, ich sollte das mal ausprobieren..?
Kennt Ihr das, wenn Ihr in einen Laden kommt, in dem Ihr früher öfter wart? Natürlich nicht in Heidelberg, aber das Extrablatt ist ja eine Kette. Ich war häufiger in Aachen in diesem Café. Was ich aber vor allem mit dem Laden verbinde? Enthüllungen. Ja, es gab auch Dates dort. Doch die waren jetzt nicht so spannend, dass ich sie erwähnen müsste. Ich erinnere vielmehr einen besonderen Morgen mit meiner lieben Freundin. Wir hatten uns gerade gütlich an Rührei und Speck getan und mampften unser Croissant mit Nutella, da schaut sie mich an und eröffnet mir: „Ich glaube, ich bin schwanger.“ Es ist, als würde bei Jauch diese dramatische Musik gespielt und der Spot auf meine Freundin geworfen. Mein Rührei-Bacon-Magengemisch bildet einen schweren Klumpen. Da sie schon häufiger damit zu kämpfen hatte, haue ich raus: „Es ist bestimmt nur eine Zyste.“ Wahnsinnig hilfreich, ich weiß. Sie war damals alleinerziehend und hatte sich von ihrem toxischen Freund getrennt. Hey, da spielen die Hormone schon mal verrückt und einem ´nen Streich. Doch sie blickt mich nur ruhig an: „Ich bin mir recht sicher.“ Da sie noch keinen Test gemacht hat, halte ich meine Variante für genauso wahrscheinlich. Doch der anschließende Besuch beim Arzt bestätigt, was sie schon richtig vermutet hatte: Eindeutig schwanger. Tja, was soll ich sagen? Die Zyste wird nächsten Monat 18 Jahre alt. Schon krass, oder? Ich kann irgendwie nicht ins Extrablatt zum Frühstück gehen, ohne an diese Geschichte denken zu müssen. Und so schreibe ich ihr dann auch, als ich mich fürs Frühstück dort entscheide – mit dem Hinweis auf die Zyste.

Später schlendere ich (bei lediglich einem Grad plus und Dauernieselscheeregengemisch) durch Heidelbergs Altstadt. Das Städtchen hat schon Flair. Auch die Häuser sehen nach besseren Verhältnissen aus. Eine Dame von Amnesty International quatscht mich an und argumentiert recht penetrant. Ich weiß, dass sie das machen müssen. Und ich weiß, dass das kein lustiger Job ist. Aber…ich habe jetzt mal frei und möchte mich damit gar nicht befassen. Die Gesprächsschulung merke ich ihr allerdings schon an, was ich ihr auch sage. Sie gibt unumwunden zu, dass sie da richtig gut geschult werden, weil es echt eine Menge Überredungskunst und Beharrlichkeit braucht, um Leuten Spendengelder aus dem Kreuz zu leiern.
Weiter geht´s zum Studenten Karzer – eine Empfehlung meines „kleinen“ Cousins. Hier wurden sperrige, renitente Studenten in Arrest genommen. Was bin ich froh, dass solche Zeiten vorbei sind! Ich schätze, ich hätte da ein Dauer-Abo gehabt. Wobei…zu der Zeit waren es ja eh ausschließlich Kerle, die zum Studium zugelassen waren.
Da es mal so richtig usselig ist, schickt mir mein Cousin den nächsten Tipp: Ein Besuch bei der Thai-Massage. Und genau das gönne ich mir dann auch. Allerdings ist es nicht ganz so clever, wenn man dafür 2,5 km pro Strecke durch diese Eiseskälte marschieren muss. Noch schlimmer ist allerdings, dass ich mein Handy dafür non stop in der Hand habe, weil ich Google Maps benötige. Ich bin ja bekanntermaßen ein Orientierungs-Vollhorst. Gerade, als ich den Laden betrete, meldet mein Akku, dass er nun streikt. Schwarzer Bildschirm, rie ne va plus. Völlig tropfend und durchnässt stehe ich beim Massageladen im Eingang und stottere los: „Ich…äääh….mein Handy! Das ist platt! Echt jetzt! Da geht nichts mehr! Ich…oooooh, ich kann Ihnen ja nicht mal meinen Impfstatus zeigen! Und das muss man ja heute noch. Aber…“ Der gute Herr erlöst mich erstmal und nimmt mir meinen tropfenden Mantel ab. Aber ohne Nachweis geht doch nichts, oder? Naja, ab Sonntag wird die Regel ohnehin aufgehoben. Was das für ein Handy sei? Ach, ein Samsung? Und schwups hängt´s auch schon am Ladekabel. Kurz zögere ich noch, weil da immerhin auch mein Perso im Mäppchen steckt sowie ein kleiner „Notgroschen“ (oh man, ich bin echt fast Nachkriegsgeneration!!!), aber dann zucke ich mit den Schultern. Es wird schon passen.
Auf der Liege angekommen, denke ich an Karsten Dusse „Achtsam morden“. Wenn Du vor einem Fahrstuhl stehst, stehst Du vor einem Fahrstuhl. Wenn Du vor einem Fahrstuhl stehst und an das nachfolgende Gespräch denkst, dann bist Du nicht achtsam. Also: Ich will ja achtsam sein. Entsprechend lautet mein Credo: „Wenn Du auf der Massageliege liegst, liegst Du auf der Massageliege.“ Die Massage beginnt und ich denke: „Zurück nehme ich auf jeden Fall den Bus. Durch dieses Dreckswetter gehe ich auf keinen Fall zurück….aaaaaah! Stop! Wenn Du auf der Massageliege liegst, liegst Du auf der Massageliege!“ Ich seufze und entspanne mich….ganz kurz. Dann geht´s auch schon weiter: „Ich find´s ja gut, dass Louis van Gaal seinerzeit Müller so gefördert hat, den ich nett finde, obwohl er bei FC Bayern spielt. Aber wie kann dieser Schwachmaat van Gaal trotz positivem Coronatest einfach zum Spiel erscheinen und Müller nachher noch umarmen und erst später berichten, dass er noch positiv sei?! Hat der eigentlich noch alle Latten am Zaun?!?!?!? STOP! Wenn Du auf der Massageliege liegst, liegst Du auf der Massageliege.“ Ich hole tief Luft und nehme die kleinen pinken Crocks wahr, die von der Masseurin zu erkennen sind, weil ich mit meinem Gesicht ja in der Kopfaussparung nach unten liege. „Hat die aber kleine Füße! Kleine Füße…“ Da denke ich natürlich an meine schwangere Chefin, von deren Schwangerschaft ich ja noch nichts wissen darf. „Ob die am Montag wirklich schon wieder fit ist? Puh, wenn die externen Berater kommen, haben wir wieder einen pickepackevollen Tag. Um sieben muss ich spätestens bei der Arbeit sein und vorbereiten, denn um acht kommen ja schon die zwei Hansel. Um 17 Uhr wollen wir ja Feierabend machen. Das schaffen wir doch ohnehin nicht! Ich muss drauf achten, rechtzeitig auszustempeln…STOP! Wenn Du auf der verdammten Massageliege liegst, dann liegst Du Herrgottundzefixundzugenähtverdammtnochmal auf der Massageliege.“ Stille…Geht doch! „Wie soll ich Orientierungs-Vollhorst denn herausfinden, in welchen Bus ich mich nachher setzen muss? Weißt Du noch, wie Du in Cusco in den falschen Bus gestiegen bist? Gut, hier wirst Du bestimmt nicht in Richtung Berge gefahren, aber…HALT! STOPPPPPPPP! Verdammte Massageliege!!!!“
Jetzt klingt das so, als hätte ich die Massage nicht genossen. Das stimmt aber gar nicht. Es war total schön. Nur schaffe ich es nicht, mein Köpfchen einfach mal auf Pause zu drücken. Geht nicht. da rattert und rattert es in einer Tour. Immerhin bestätigt mir meine Cousine später noch, dass es ihr nicht anders geht. Juchuuuu, es gibt noch mehr Spinner! Inwieweit mir das bei der Entspannung hilft? Watt weiß ich?! Und immerhin ist mein Handy jetzt wieder zur Hälfte geladen. Ich kann meinen Nachweis also noch präsentieren. Feurioooooo!

Ich hetze zurück ins Hotel. Das mit dem Bus ist mir zu ungewiss. Die Straßenbahn ist bestimmt noch komplizierter. Dann gehe ich eben diese verkackten 2,5 km im Dauerschneeregengemisch. Binnen kürzester Zeit bin ich wieder durchnässt. Dazu kommt das verrutschte Gesicht von der Massage. In dieser Gesichtsaussparung wird das Gesicht schon arg gequetscht – zumal wenn da jemand auf Deinem Rücken und Nacken rumkniet und knetet. Was einmal Wimpertusche war, wird zu Pandaaugen. Ich mag Pandas – nur eben nicht in meinem Gesicht. Aber auch egal. Ich muss ja hier keinen Schönheits-Wettbewerb gewinnen. Ich erspähe einen Müllmann, der gegen einen Mülleimer kickt, um diesen aus der Verankerung zu lösen. Das sollte er mich mal machen lassen, wenn ich gerade mal wieder auf 180 bin. Irgendwie verfüge ich wohl über Telepathie…oder der Gute tut es, denn er schaut auf, breitet die Arme aus und grinst mich an. Ääääh, na gut. Ich tröte ihm entgegen: „Da bin ich einmal in meinem Leben in Heidelberg und was ist los? Es schifft in einer Tour!“ Er grinst noch breiter: „Was? Du bist da erste Mal hier? Warum?“ Wieso gibt es Menschen, die behaupten, sie lernen niemals andere Leute kennen? Mir passiert das nie. Ich erkläre ihm, dass ich meinen Cousin besuche und vorher noch eine Cousine zu mir ins Hotel kommen wird. Und dann schmettere ich hinterher: „Also dreh´ mal gefälligst am Knöpfchen, damit die Sonne wieder scheint.“ Er strahlt mich an: „Mach´ ich. Und wenn es morgen besser ist, gehst Du mit mir einen Kaffee trinken?“ Sischer datt, Jung. Ich sage nur: „Aber klar!“ Und er: „Ok, wann und wo?“ Ich grinse ihn an: „Wenn das Wetter besser wird, treffen wir uns genau hier.“ Er lacht, wir verabschieden uns, der Schneeregen stört mich einfach gar nicht mehr. Nach 200 Metern hält ein Sprinter von der Stadt auf meiner Höhe. Mein Müllmann lässt die Scheibe runter und grinst: „Na, trinken wir jetzt einen Kaffee?“ Ich lache zurück: „Siehst Du, dass die Sonne scheint?“ Er lacht und winkt – ich tu´s ihm gleich. So was mag ich ja. Beschwingt lege ich die letzten 300 Meter zurück und überlege, zuerst ein Stündchen zu pennen und mich dann heiß zu duschen oder umgekehrt…? Aber da geht auch schon die Nachricht ein, dass meine Cousine eher da sein wird. Es geht also nur noch entweder oder. Ich entscheide mich für die heiße Dusche, bis es ein großes Wiedersehen gibt. Herrlisch…sach´ isch Eusch. Rheinisch in Heidelbersch – watt willste mehr?