Im Bett mit aua

Es gibt sie, diese Tage, an denen selbst ich mir wünsche, ein Mann zu sein. Die sind selten und gehen in der Regel mit der Regel einher. Ich weiß, dieses Schicksal teilen viele – während andere mal so gar nichts davon mitbekommen. Gestern Abend hätte ich göbeln können. Mit aufgeheiztem Körnerkissen bei einer Außentemperatur von dann noch 24 Grad verkrümel ich mich ins Bett. Der Schlaf stellt sich auch irgendwann ein, bis eine rücksichtslose Terrormücke mich um 1:41 Uhr heimsuchen will. Ich mache Licht an und geh auf die Jagd, öffne die Tür zum Flur. Zwar erlege ich nichts, aber trotzdem habe ich danach Ruhe und am Morgen keine Stiche. Durch die verkrampfte Haltung tut mir allerdings der gesamte Körper weh, weshalb ich nun erst einmal die Massage aufsuche. Diesen Monat werden mir definitiv wieder Überstunden gestrichen werden müssen, weshalb ich mir fest vornehme, den heutigen freien Tag zu genießen. Vielleicht sollte ich das der Masseurin im Vorfeld so mitteilen, bevor sie mich völlig auseinandernimmt und kichert, wenn ich schmerzbedingt aufstöhne.

Was ich noch nie hatte: Ich betrete den Laden und fülle das Formular aus, das mittlerweile überall ausliegt. Die thailändische Masseurin verweist mich nach Schuhentledigung auf einen Platz auf dem Sofa – mit freier Sicht auf den dort auf einer Liege hockenden Oppa mit weißer Haarpracht und wie Gott ihn schuf. Nee, ist nicht der Ömmes von gegenüber. Und ja, er hat noch ein Laken um die Hüfte gelegt. Trotzdem. Wenn die bei mir nachher den Vorhang nicht schließt, laufe ich Amok. Aber ich werde kurzerhand ins letzte Zimmer verfrachtet, das – wie ich weiß – nicht mal über einen Vorhang verfügt. Gottseidank ist es weit genug vom Eingangsbereich entfernt. Die Masseurin fragt nach, wie hart es denn sein sollte und ich bitte darum, es heute eher sanfter zu gestalten. Ich weiß nicht, was sie daran nicht versteht, aber wenn das sanft sein soll, müssen bei hart manche Kunden unter ihren Händen wegsterben. Nach knapp 60 Minuten Quälerei, möchte ich an der Kasse zahlen. Die Besitzerin ist ein kleiner Diktator. Sympathisch ist sie nicht, aber ich will sie ja auch nicht heiraten. Sie mault rum, dass die Kunden zu blöd wären, per What’s App nach einem Termin zu fragen. Stattdessen rufen sie kackfrech gleich mehrfach an. Unverschämtheit, wenn man so penetrante Kunden hat, oder? Ich weiß nur nicht, warum sie ausgerechnet vor mir so futert. Ich hatte per What’s App den Termin vereinbart. Daher zahle ich brav mit Karte. Dann hält sie mir ihr Tablet hin, um meine Handynummer zu bestätigen. Ich sage ihr noch, ich benötige keine Quittung per SMS, als sie schon wieder meckert. Warum? Warum stellen sich die Kunden so dumm an? Das System würde danach fragen. Einfach drücken! Mir geht es zu schlecht, sonst würde ich ihr echt mal den Kalk aus den Augen pusten. Ich weiß von Kunden, die hier aufgrund ihrer Unfreundlichkeit nicht mehr hingehen. Wen wundert’s?

Ich schleppe mich heim. Es geht mir echt nicht gut. So mies ging es mir lange nicht mehr. Es ist zwar ein freier Tag, den ich genießen wollte, aber letztlich verbringe ich ihn in großen Teilen nur im Bett. Mein Schädel dröhnt. Hoffentlich bin ich morgen, allerspätestens aber am Wochenende wieder fit. Da hab ich ganztägig Fortbildung und kann mir ein Bett schlecht mitnehmen. Ich hoffe, Ihr seid gesund und fühlt Euch gut?!

die lieben Erwartungen

Keine Spinnen. Keine Aligatoren. Mein Leben nimmt wieder langweilige Tendenzen an. Vielleicht brauche ich dann doch keine Medikamente? Wir werden sehen. Mein Arbeitstag beginnt ruhig. Zunächst einmal habe ich den zweiten Teil meines Mitarbeitergesprächs. Das verläuft ganz ordentlich. Wahnsinnig wichtige Erkenntnisse habe ich keine gewinnen können. Aber mein Chef bemüht sich. Immerhin. Mit meiner lieben Kollegin hat er immer noch gar kein Gespräch geführt – geschweige denn, dass er dazu eingeladen hätte. Das finde ich ihr gegenüber echt nicht vollkommen daneben. Aber es ist nicht meine Baustelle. Häufig genug habe ich ihn auf Missstände hingewiesen. Und was macht er dann draus? Nichts. Und sie will auch nicht, dass ich ihn darauf hinweise. Würde mir wahrscheinlich nicht anders gehen.
Immerhin wird mir auf Nachfrage der Weiterentwicklung eine Qualifizierung zum Scrum Master in Aussicht gestellt. Die würde ich dann nächstes Jahr starten. Das passt mir ausgezeichnet. Alles, was mit agilen Themen zu tun hat, ist absolut im Trend. Nun will ich nicht auf jeden Zug aufspringen, aber manches ist durchaus nützlich und sinnvoll – und das gehört mal voll dazu. „Et löppt also.“ Ob mich das erfüllen wird, glaube ich zwar auch nicht, aber es ist wieder ein weiterer Baustein. Und da ich ja ohnehin nebenher noch etwas anderes aufziehen möchte, sollte es im Gesamtpaket dann schon rundlaufen.
Später habe ich ein Treffen mit einer ehemaligen Coachee von mir. Netzwerken ist dieser Tage wichtiger denn je. Ich erfahre wieder interessante Neuigkeiten. Und ich schlage wieder die Brücke zu weiteren, gemeinsamen Projekten. Wollen tun wir schon, nur können können wir derzeit nicht. Das wird sich auch wieder ändern. Genau wie das warme Wetter da draußen. Aber diese Kontakte wollen gepflegt werden, was mir recht leichtfällt.

Und dann gibt es Bereiche, bei denen ich fast die Hoffnung aufgebe. Was mich ja so etwas bis massiv nervt, ist Unzuverlässigkeit. Das Flüchtlingsheim ist da so ein Thema. Nach Kontaktaufnahme, kam zügig eine Antwort. Als ich dann wiederum reagiert und einen Terminvorschlag unterbreitet hatte, war wieder „still ruht der See“ angesagt. So was macht mich ja foxdevilswild. Immer wieder das Thema des Ehrenamtes, wonach ja angeblich händeringend gesucht wird, aber dann doch das Motto: „Was nix kostet, ist auch nix wert.“ Über ein Monat ist nun seit meiner letzten Mail vergangen. Ungewöhnlich geduldig (nicht wirklich) habe ich mich verhalten…oder eben eher still. Es fiel mir verdammt schwer, nicht noch mal nachzufassen. Und dann kommt heute endlich doch noch eine Mail von ihnen mit einem konkreten Terminvorschlag, nur kann ich leider nächsten Dienstag nicht, da ich dann ja wieder in Straubing bin. Dafür habe ich mittlerweile eine Mobilnummer, über die ich bei Nachfragen Kontakt aufnehmen soll. Habe ich auch getan – und zwar schon gegen Mittag. Nun haben wir Abend. Blaue Häkchen hat die Nachricht, eine Antwort lässt aber noch auf sich warten. Ja, ich weiß, ich muss geduldiger sein. Aber so langsam komme ich mir etwas verarscht vor. Ich erwarte keinen roten Teppich, keine Huldigung, nichts. Doch bei der aggressiven Stimmungslage, die derzeit herrscht, würde ich doch ein etwas engagierters Auftreten erwartet. Und da haben wir sie wieder: Die liebe Erwartung. Wie schafft Ihr das, bestenfalls gar keine Erwartung zu haben? Ich kriege es nicht hin. Ich nehme es mir immer wieder vor. Aber dann merke ich, wie ich doch enttäuscht bin, was nur geht, wenn eine Erwartung vorausgegangen ist. Echt bekloppt. Und dabei ist die Formel so leicht: „Wenn Du nichts erwartest, wirst Du auch nie enttäuscht.“ Aber – wie so vieles – es ist eben nicht so easypeasy umzusetzen. In meinem nächsten Leben werde ich einfach Buddha. Aber der fette Buddha. Dann muss ich bis dahin nicht abspecken. Das sind doch mal Aussichten!

Horror zur Nacht hat Wende gebracht

Gestern Abend haben sich Horroszenarien in meiner Wohnung abgespielt. Tatort war das Bett, also MEIN Bett. Ich habe mich zeitig in dessen Richtung begeben, meinen Kindle aufgestellt und seitlich liegend gelesen. Aaaaaaah, ich liebe diese Möglichkeit – zumal das Licht ausgeschaltet sein kann. Für mich als lichtscheues Wesen einfach eine super Sache. Plötzlich nehme ich auf Höhe des Kindles eine Bewegung wahr. Da schleicht sich eine Spinne in mein Sichtfeld!!!!!! In meinem Bett!!!!!! Vor Schreck stoße ich einen spitzen, hohen Schrei aus. Dazu muss man wissen, dass unter mir in der Wohnung eine Komissarin wohnhaft sein soll. Ich kenne nach zwei Jahren immer noch nicht das passende Wesen zu dieser Beschreibung, aber es wurde mir von mehreren Quellen diese Berufsbezeichnung bestätigt. Ich wette, sie ist nicht Zuhause. Andernfalls müsste schon das SEK informiert und mit Rammbock im Gepäck im Anmarsch sein….na gut, zumindest müsste es schon an der Tür klingeln, da ich die Balkontür auf Kipp stehen habe und mein Schrei echt nicht lustig war. Mit einem Satz (man, manchmal kann ich flink wie eine Gazelle sein) hüpfe ich aus dem Bett und hau´ auf mein Nachttischlämpchen. Nix ist zu sehen. Völlig panisch schüttel´ ich mein Haar aus. Wieder nix. Ich reiße den Kindle weg. Nix. Das Kopfkissen. Nix. Die Bettdecke. Wieder nix. Kurz zweifel´ ich noch mehr an meinem Verstand, als ich dies ohnehin schon immer tu´. Zefix, ich kann mich doch nicht so sehr getäuscht haben! Ich schiele zum Nachttisch, schiebe zwei Sachen beiseite: Und da ist sie! Mei, war die schnell. Und auch jetzt versucht sie wieder, Fersengeld (ja, mit F, nicht mit V!!!) zu geben. Da kann ich nicht erst den Staubsauger auspacken. Bis dahin ist die blöde Kuh längst über alle Berge und ich nicht mehr in der Lage, in diesem Zimmer zu pennen. Mein Handy? Nein, das könnte ich nie wieder verwenden. Ich greife nach der Taschentuchbox und schlage beherzt zu. Ok, zur Sicherheit einfach noch mal drauf. Und schon bewegt sie sich nicht mehr. Aber es könnte ja auch so ein hinterlistiges Miststück sein, das beim Theaterkurs richtig gut aufgepasst hat und sich nur so anstellt, als sei es tot. Quasi die Erdmännchen-Taktik auf Spinnenniveau. Ist das nicht Method Acting? Ich flitze in die Küche, hole Kehrblech und Handfeger, bugsiere den Kadaver auf die Schaufel und begehe eine kurze, schmerzlose Toilettenbestattung. Einmal die Spülung betätigt, und schwups, ist sie schon hinaus ins offene Meer geschwommen. Ein kurzes, hysterisches Zucken mit laut aufflackerndem Lachen durchzieht meinen Körper nach dieser Anspannung. Wie kann man nur so blöde wie ich sein? Ich verstaue alles wieder an seinen Platz, schüttel´ noch mal die Haare aus und lege mich wieder hin. Überall krabbelt und kriecht es um mich herum. Da meine Familie auch spinnt, schätze ich, dass wir ganz entfernt mit Spinnen verwandt sein könnten. Und da meine Familie schon fast mafiöse Großfamilienstrukturen besitzt, vermute ich natürlich auch, dass die ganze Bagage hier irgendwo hockt und nur darauf lauert, mein Bett und mich zu stürmen. Es dauert also – verständlicherweise – etwas, bis sich mein Blutdruck normalisiert. Irgendwann umschlingen mich aber Morpheus Arme doch noch. Im Traum kommt allerdings ein kleiner Alligator vor, der völlig harmlos ist und über den Rasen trabt. Daneben läuft mein großer Neffe (heute schon 18 geworden!!!) aber als kleiner Junge und quietscht vergnüglich vor sich hin. Nein, ich nehme (noch?) keine Medikamente. Aber ich denke zunehmend häufiger darüber nach.

In der Arbeit ist es heute recht angenehm. Relativ früh sucht mich der Betriebsrat meines Vertrauens heim. Seine Eröffnungsfrage haut mich vor Lachen fast vom Stuhl: „Wo is’n Dei keandalg’fiadate Kollegin?“ Ich verstehe nur Bahnhof. Soll heißen: Deine mit Körnern gefütterte Kollegin. Kurz hatte ich was anderes vermutet und mir vorgestellt, wie so Körner sie tatsächlich vergenusswurzeln. Herrlich! Das macht mir gleich perfekte Laune. Die Olle (politisch nicht korrekt, ich weiß) hat diese Woche Urlaub. Ab nächster Woche kann sie wieder hektische Flecken bekommen und schlechte Laune versprühen…da bin ich nämlich wieder in Straubing. Juchuuuu! Kurz nach diesem Kollegen kommt auch schon der nächste – hier aber offizielle – Termin. Ein Coachee, mit dem ich heute Rücksprache habe. Ihn mag ich sehr. Er ist noch nicht so lange hier. Seine zu betreuuenden Baustellen bei der Vorgängerfirma lagen bisher eher in so Gegenden, wie dem Sudan. Wunderschöne Urlaubsorte – ha ha. Und quasi keine Zeit für seine Familie. Nach Krebsdiagnose und Ansage vom Arzt: „Regeln Sie mal besser alles. Ich schätze, so sechs bis neun Monate, aber nicht länger“, hat er einiges radikal umgestellt. Der Krebs hat – aus Sicht der Ärzte erstaunlicherweise – nicht weiter gestreut, weshalb der Gute nun seit sechs Jahren ohne Befund ist. Klar, dass er der Arbeit zwar noch Bedeutung beimisst, ihr aber nicht mehr die oberste Prio gibt – zumal mit vier Kindern. Solche Menschen berühren mich irgendwie. Es gibt manch einen, der daraufhin eine Endlos-Depri-Nummer schiebt. Aber er sieht all das Positive. Und doch ertappe ich ihn dabei, wie er immer recht negativ realiviert, wenn wir auf ihn zu sprechen kommen. Kurz erkläre ich ihm dann die Tatsache, dass das Hirn keine Negationen kennt. Wir fachsimpeln, schauen uns die Firmenstrukturen an und wie wir manche Entwicklungen wahrnehmen. Die Stunde ist viel zu schnell um. Er strahlt mich an und freut sich auf alles Weitere, was da bei unserer Zusammenarbeit noch kommen wird. Solche Menschen hinterlassen so ein wohlig warmes Gefühl in der Bauchgegend. Mein Termin bei der Ausbildungsabteilung verläuft auch gut. Die Jungs freuen sich, dass ich anbiete, mal bei ihnen einen Schnupperkurs zu machen. Interesse wird in der Regel immer sehr positiv aufgenommen. Und ich interessiere mich ja wirklich für ihre Tätigkeiten – wenn ich auch gleich einräume, handwerklich ausschließlich zwei linke Hände zu besitzen.
Während meiner Mittagspause läuft mir zufällig auch wieder mein alleroberster Boss übern Weg. Dieses Mal drückt er mir einen Spruch, worauf er pronto auch einen kassiert. Zu meiner Mittagspausenbegleiterin sagt er: „Des is verreckat – die woas imma no a Ontwoat. Aba, so sans, die Rheinländer.“ Ich hebe den Finger: „Vorsicht, gerade sind wir zwei von der Sorte!“ Er winkt ab: „B´sondas schlimm.“ Und so zieht er von dannen.
Zum Abschluss des Tages erfahre ich dann endlich auch, dass diese andere Rheinländerin mit Befristung höchstwahrscheinlich doch festangestellt werden kann. Wie heißt es immer so schön? Es geht alles – man muss nur die richtigen Leute fragen. Und in ihrem Fall ist es absolut richtig, da sie wirklich in ihrem Bereich eine Koryphäe ist. Fällt jemand Beratendes wie ich aus, kann die Firma das schon verschmerzen. Aber in Sachen technisch ausgebildete Personen, wird es schon schmerzlicher, wenn man jemanden gehen lassen muss. Da darf man auch ruhig ehrlich mit sich selbst sein.
Es ist also ein guter Tag. Und ich habe mir fest vorgenommen: Der morgige wird es auch. So. Dann lass´ mal kommen.

Gute Düfte zu schräger Laune

Eigentlich ist alles ok. Aber uneigentlich ist Montag. Und die Montage kommen immer so ein wenig deppert daher. Könnt Ihr das nachvollziehen? Ich mag mich an solchen Tagen selbst nicht so recht leiden. Und es ging nicht mal eine schlechte Nacht voraus. Keine Ahnung. Ich schätze, Corona fängt an, mir so langsam richtig auf den Sack zu gehen. Und heute erfahre ich auch mal wieder Interna, die keine so rosige Zukunft vorhersagen. Nun bin ich kein nörgelnder Pessimist, aber ich kann mir gerade die Welt nicht rosarot anmalen. Ich glaube, Pippi hat mir die Farbe geklaut. Wenn jemand sie sieht, schickt sie bitte mit dem Eimer Farbe zu mir zurück.

Was ich ganz klar sehe: Ich bin nicht allein. Viele fühlen sich gerade so. Nur hilft es für den Moment nicht. Dann überlege ich, was ich machen kann, um mir meine Laune etwas zu verbessern? Ich dümpel‘ so vor mich hin, was die Kurz-Lebensläufe betrifft, die ich unbedingt anfertigen müsste. Klar, so ein Serien-Marathon – wie gestern – ist ja auch wichtiger. Es ist, wie wenn man sich tags zuvor besoffen hat: Das schlechte Gewissen nagt an mir. Völlig sinnfrei, ich weiß. Aber änder´ das mal. Pfffff… so ‚en Schiet.

Heute Morgen erreicht mich ein Anruf aus Straubing. Der Kollege, der mir noch Fotos für die Dokumentation liefern soll, ist krank. Das dauert also. Ist halb so wild. Die Inhaftierten laufen ja nicht weg. Schlechter Scherz, ich weiß. Aber in der Tat ist es kein Beinbruch, wenn die Dokumentationen später ausgehändigt werden. Wir reden nur kurz darüber, wie es weitergeht, wenn ich nächste Woche die letzten Schulungen beendet habe. In dem Zusammenhang berichte ich dann auch, dass mir der Verweis des einen Inhaftierten noch nachgegangen sei. Meine Serie ist eben hin. Und das nagt immer noch – wenn auch nicht mehr so stark – an mir. Mein Kollege ist süß. Er versucht, mich aufzubauen – wenn auch mit einer gewagten Wortwahl. Er wird eben niemals Politiker: „Du bist so eine Sozialtante, die eben jeden retten will…aber manche haben echt keine zweite Chance verdient. Und der Typ gehört eindeutig dazu. Den verabscheuen wir alle!“ Es ist tröstlich…auch wenn ich keine „Sozialtante“ sein will. Im Kern der Sache hat er aber natürlich recht. Und so höre ich dann später eine Erklärung von anderer Seite für dieses „Dilemma“, was es noch klarer für mich macht: Es ist wichtig, Grenzen zu setzen – vor allem auch in einem Umfeld, wie diesem Gefängis. Ich solle hingegen stolz sein, auch diesen Schritt vollzogen zu haben. So ein Zeichen ist wichtiger, als vermeintlicher Langmut bei jemandem, der es ja offensichtlich nicht will und allen schwermacht. Tja…klingt im Grunde einleuchtend. Und es entlastet mich auch ein wenig. Schauen wir mal, wie es so weitergeht. Ebenso habe ich mir anhören dürfen, dass all das Jammern um ungelegte Eier in den nächsten Jahren so rein gar nichts bringe. Stimmt. Wenn es also nichts bringt, wieso betreibe ich es dann? Gute Frage. Es ist die allgemeine Stimmung um mich herum, ziehe ich meine Entschuldigungskarte. Was für ein Blödsinn. Ja, diese Leute gibt es zuhauf, aber es steht nirgends geschrieben, dass ich mich von ihnen runterziehen lassen muss. Also trete ich mir gerade selbst mal etwas in den Hintern (sieht ganz schön umständlich und blöde aus) und marschiere weiter. Unsicherheiten mögen wir wohl einfach alle nicht gern. Das ist nur zu menschlich. Aber gerade gehört es zu unser aller Leben nun mal dazu.

Als ich Zuhause aussteige und Richtung Treppenhaus gehe, steigt mir ein verdammt leckeres Herren-Parfum in die Nase. Da ich niemals eine App entwickeln kann, kann ich ohne weiteres meine Gedanken kundtun. Wer diese Idee nutzen will: Ich erhebe keinerlei Ansprüche auf die Idee. 🙂 Hätten wir das auch geklärt.
Es gibt für Musik doch mittlerweile so Dienste, wie Shazam. Ich persönlich liebe so was ja. Immer, wenn ich Musik höre, die ich richtig gut finde, zücke ich die App und schaue, wen genau ich da gerade gut finde. Am häufigsten brauche ich das, wenn ich bei meiner Sis bin, weil ich dann meist niederländische Sender höre, die Musik spielen, die in Deutschland oft nicht zu hören ist. Und dann spinne ich eben so herum: Wie toll wäre es, wenn es eine App gäbe, die einem die Gerüche verrät, wenn man danach fragt? Ja, ich weiß, es gibt auch eklige Schweißgerüche. Wer das analysieren lassen möchte, kann das auch gerne tun. Aber ich meine angenehme Düfte, nicht nur Parfum, sondern auch beim Essen oder dergleichen. Dann weiß man, welche Zutat man noch benötigen würde, um den richtigen Pfiff an seine Mahlzeiten zu packen.
Ich schnupper´ dem Duft hinterher. Mmmh, dazu würde ich gerne mal den Mann sehen. Das riecht echt verdammt lecker. Und da haben wir es wieder: Man muss sich riechen können. Nicht jeder Duft riecht bei jedem gleich gut. Ich mag beispielsweise Jil Sander Sun gerne. Sprüh´ ich mir das aber auf, finde ich es grottig. Bei meiner lieben Freundin riecht es hingegen perfekt. Also: Kann mal einer so eine App entwickeln? Wenn der gerade von Pippi abgelenkt sein sollte: Die soll den in Ruhe machen lassen und eben dringend mit der Farbe rüberwachsen! Kann doch nicht so schwer sein.
Und dann denke ich wieder an den Mann, der das Parfum aufgesprüht hat. Kennt Ihr das Phänomen mit tollen Stimmen? Ich habe ja selbst mal in einer technischen Support-Hotline gearbeitet. Die Kerle mit den tollsten Stimmen sind in der Regel so genau das Gegenteil von dem, was man erwartet hätte. Vielleicht verhält es sich mit dem Parfum ähnlich? Die Kerle, die am leckersten duften, sind die größten Deppen? Mmmh…stimmt nicht wirklich. Ich kenne Männer, die gut duften und dazu dufte sind. Jajaja, ich weiß, trotzdem trage ich keinen Ring am Finger – also nicht den einen. Muss ja auch nicht. Das eine schließt das andere nicht aus.
In diesem Sinne: Achtet darauf, immer gut zu duften. Es könnte gerade einer/eine im Schnüffelmodus sein.

doch noch Sommer

Heute stehe ich wieder deutlich früher auf – ohne Wecker. Vermutlich brauche ich das im Alter (haha) einfach häufiger, mal so richtig auszupennen. Wer weiß das schon so genau? Es ist wieder einmal warm geworden. Zwei untrügliche Anzeichen für diese Annahme? Oppa gegenüber zeigt sich gerne wieder, wie Gott (oder wer auch immer) ihn erschaffen hat – immerhin nur obenrum. Mehr würden meine Augen vermutlich auch nicht vertragen. Aber sein stolzer Gang zeigt, wie sehr er mit sich im Reinen ist. Was muss das für ein tolles Gefühl sein. Das andere Anzeichen für erhöhte Außentemperaturen? Die „Anonymen Stecher“ halten wieder ihre Sitzungen an meinem Sonnenschirm ab. Dachte ich zuletzt noch, die ganzen Wespen rafft es wie die Fliegen dahin, denke ich jetzt, alle noch verbliebenen genießen die letzten Strahlen gemeinsam auf meinem Balkon. Aber da sie mir nichts tun, lasse ich sie einfach auch in Ruhe. Sollen sie chillen, sie haben bestimmt genug geschuftet. Ich frage mich nur immer noch, warum sie sich immer dort sammeln? Zwischendurch habe ich den Schirm mal aufgespannt, nachgeschaut, ob irgendwo Anzeichen für ihre heimlichen Zusammenkünfte zu erkennen sind, aber nein. Da hängt kein Schinken, kein Honig, da ist einfach nichts – außer eben der Stoff des Sonnenschirms. Werd´ mir da mal einer schlau draus. Es scheint aber eben doch noch Sommer zu sein, auch wenn es Gottseidank nachts gut abkühlt. Dass aber der Herbst auch schon irgendwie da ist, zeigt der Federweißer. Mjam, ich gönne mir gerade mein erstes Glas in diesem Jahr.

Wie heißt es so schön? „Heute hatte ich viel vor. Jetzt habe ich morgen viel vor.“ Echt wahr. Außer Wäschewaschen war ich Null produktiv. Und warum? Wer von Euch kennt die Serie „4 Blocks“? Gestern wurde davon gesprochen, dass ja nun die dritte Staffel liefe. Eine Bekannte hat echt versucht, bis in die Nacht aufzubleiben, um die ersten Folgen dieser dritten Staffel endlich sehen zu können – so sehr ist sie wohl gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Naja, das finde ich schon etwas übertrieben. Die Neugier treibt mich dann aber doch dazu an, mir zumindest mal auf Prime den ersten Teil der ersten Staffel anzuschauen. Hier kommt nun die Vor- bzw. die Nachteile, Single zu sein: Niemand wartet auf Uhrenzeit aufs Mittagessen, keine Kinder wollen bespaßt werden, kein Mann nölt rum, weil er irgendwas braucht. Macht unterm Strich was? Richtig, mit der ersten Staffel bin ich durch. Puh! Ist das spannend. Wobei ich gerade eigentlich wenige Krimis oder Thriller benötige, nachdem ich manche Abgründe realer, mir mittlerweile bekannter Menschen kennengelernt habe. Zwischendurch mache ich mir da jetzt doch Gedanken, was das eigentlich mit mir anstellt? Es ist aber weniger der Effekt, dass ich mit den Inhaftierten jetzt schlechter oder befanger umgehen könnte. Es hat eher den Effekt, dass ich die Menschen draußen anders anschaue. Wenn man betrachtet, was für Menschen im Gefängnis sitzen, dann weiß man auch, wie viele Familienväter, Arbeitnehmer in gehobener Position oder auch Selbständige mit gutem Geschäft dort sitzen. Es sind eben nicht nur die Kriminellen, die es in zweiter oder dritter Generation schon sind. Und viele Taten werden nie aufgedeckt. Viele werden nicht einmal zur Anzeige gebracht. Und das macht mich dann doch…tja, nun, etwas nachdenklich.
Um aber mein schlechtes Gewissen nach nonstop-Serie-Schauen ein bisschen zu beruhigen, bügel´ ich noch etwas Wäsche. Und nun sitze ich hier und denke nur noch: Mach´ mal schnell hier, dann kannst Du weitergucken. Ist das nicht bekloppt? Ich muss gestehen: Ich war als Kind schon so. Meine Sis hat sich nie viel aus Fernsehen gemacht. Sie hat natürlich schon Falcon Crest und später auch Beverly Hills geschaut, aber mit Filmen hat sie es bis heute nicht wirklich. Ich hingegen könnte ja glatt ins Kino ziehen. Filme finde ich schon immer spannend – auch wenn es nie sinnvoll ist, ein Buch, das man wirklich liebt, verfilmt zu sehen. Das geht niemals gut. Schon interessant, wie man die Zeit so verbummeln kann und trotzdem zufrieden ist…und neugierig darauf, wie es weitergeht.

Morgen wird es demgegenüber wieder ein voller Tag mit ausreichend Terminen. Aber das Gute ist ja: Ich kann das Teammeeting schwänzen. Mein Chef weiß, wie beknackt ich das finde, schafft es aber aus eigenem Antrieb nicht, dieses Meeting effizient zu gestalten. Wenn es ihm so reicht, dann reicht es mir, nur in homöopathischen Dosen daran teilzunehmen. So haben alle was davon: Die Schwafler, die, die lieber arbeiten und mein Chef, der allem aus dem Weg gehen möchte, was nach Diskussion ausschaut. Ha, quasi eine Win-Win-Win-Situation. Es lebe das Bullshit-Bingo! Ich schaue mal weiter. Wenn die Wespen schon nix tun, außer abzuhängen, dann darf ich das auch.

Wohliges Grundrauschen

Heute habe ich erst abends Programm, weshalb ich mir keinen Wecker stelle. Ich werde superfrüh wach, weshalb ich mich noch mal im Bett umdrehe. Herrlich, da entstehen nämlich die beklopptesten Träume. Irgendwas von einer Reise, wo ich plötzlich an einer Menschenschlange in Japan anstehen muss. Es geht recht zügig, aber ich muss plötzlich irgendwelche Übungen absolvieren, nur weil mir der japanische Beamte nicht zutraut, Holzfäller zu sein. Hä? Hatte ich auch nicht angegeben. Dann darf ich aber doch noch weiter. Am nächsten Morgen fahren wir (wer „wir“ ist, weiß ich auch nicht) dann kurvige Straßen um einen großen See in Österreich oder Bayern. Völlig logisch. So, und jetzt analysiert mir mal diesen Traum. Was sagt er aus? Ich bin noch zu keinem Ergebnis gekommen.

In der Peripherie (nicht Prärie! Mir reichen zwei Kontinente in einem Traum.) klingelt mein Telefon. Ja, Himmelherrschaftszeiten, wer ruft mich denn des Nachts an? Vermutlich eine neue Taktik des Generals. Ich schiele auf die Uhr: 8:40 Uhr!!!! Äääääh… so spät schon??? Ich bin mitten rausgerissen und entsprechend langsam. Meine liebe Freundin ruft an. Na, da geh ich mir mal schnell nen Kaffee machen und die Hackerchen putzen. Wir brauchen nämlich immer etwas länger. Heute sind es nur etwas mehr als zwei Stunden. Das ist quasi ein kurzes Gespräch. Ja, so sind die Weiber. Und warum ich erst die Zähne putze und dann den Kaffee trinke? Mei, jeder hat da doch so seins, oder? Ähnlich, wie der Glaubenssatz: Nutella mit oder ohne Butter aufs Brot? Ich bin eine Verfechterin von „mit Butter“. Ja, auch aufs Croissant, wenn das denn da ist. Ist doch schon pur Butter? Na, dann macht’s mit ein bisschen mehr auch nix mehr.

Heute am frühen Abend fahre ich dann ins Hinterland zum Geburtstag. Ich korrigiere ganz klar den Altersdurchschnitt nach unten. Aber es ist lustig. Herrlichstes Bayrisch, ein leichter schwäbischer Einschlag – und ich mittendrin. Ich könnte Dialekten ja stundenlang lauschen. Gibt’s was Tolleres? Aber manchmal nervt mich der Inhalt dann doch. Zügig kommt das Thema Corona auf. Wie sagt eine so nett: „Die Politik hat ja schon gesagt, sie müsse sich für vieles entschuldigen. Da kommen noch viele Entschuldigungen auf uns zu.“ Und schon geht das Gemeckere los. Puh! Ich versuche, auf Durchzug zu schalten. Irgenwann kommt dann natürlich auch die Tatsache aufs Tapet, bei den wenigen Toten, hätten sie ja mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Mich überkommt’s: „Und wenn nichts gemacht worden wäre? Müssen erst knappe 200.000 Menschen sterben, wie in den USA? Dann heißt es, sie hätten reagieren müssen.“ Ja, schon. Aber gesunder Menschenverstand hätte doch ausgereicht. Jeder würde sich an die Abstandsregeln halten und freiwillig eine Maske tragen. Ich frage, wieso das denn mit einer Pflicht viele Deppen schon nicht hinbekämen? Wenn man nicht mehr weiter weiß… antworten solche Menschen mit was? Richtig, mit den Flüchtlingen. Und wetten, die kommen dann alle zu uns?! 🤦‍♀️ Ehrlich? Auf dem Niveau kann ich dann nicht mehr argumentieren. Da hilft nur noch ein Stück Zwetschgendatschi. Mmmmh, da höre ich doch glatt nur noch ein wohliges Grundrauschen. Gut is.

Provokative Psychologie

Ich habe wüste Träume. Wovon, kann ich nicht einmal erinnern, aber ich schlafe nicht den ruhigsten Schlaf. Na, was soll´s? Jetzt ist ja auch zunächst einmal Ende der Arbeitswoche angesagt. Dafür startet heute wieder die Schule. Es hieß ja, dass sich das Institut nach den Ferien melden würde. Haben sie auch, aber nur, um zu informieren, dass der Freitagskurs im Online-Modus beibehalten wird. Das eigentliche Versprechen – einen finanziellen Ausgleich zu schaffen – ist bislang nicht eingehalten. Mir, die ich es aktiv angeschrieben hatte, hat man nun 100 Euro Nachlass auf den Vorbereitungskurs gewährt, was ein Witz ist – gemessen an den Kurskosten. Als ich nachgefragt habe, was mit den anderen Teilnehmern geschähe, da ich keine Sonderlocke wolle, kam der Hinweis, dass dies die Kollegin nach den Ferien kommunizieren wolle. Gut, etwas komisch, aber ich dachte: Geben wir ihnen mal die Gelegenheit. Bisher sind sie nicht aktiv geworden, was manch einen im Kurs so langsam richtig annervt. Es gibt auch noch zwei ausgefallene Schulungstermine. Ob die überhaupt noch mal angesprochen werden oder einfach unter den Tisch fallen, wird sich zeigen. Dienstleistung ist nicht jedermanns Kernkompetenz.

Das heutige Thema ist wieder ein interessantes für mich. Es geht um „Provokative Therapie“. So was mag ich. Wie sagt ein Freund von mir? Es ist nicht nur etwas, das mir liegt, nein, vielmehr sei Provokation mein Lebensinhalt. Nett, wenn man solche Menschen Freunde nennt, oder? Dafür bekomme ich jetzt wieder per What´s App einen Rüffel. 🙂 Aber es stimmt schon: Ich mag ein wenig Provokation. Es geht gar nicht ums Vorführen oder gar Ärgern. Doch manchmal ist es aus meiner Sicht sinnvoll, Glaubenssätze überspitzt zu kommentieren, damit mein Gegenüber mal seinen Blickwinkel ändert. Mir hilft das meist.
Da kommt mir gerade meine Studienberaterin in den Sinn. Nach dem Schlaganfall meiner Mom habe ich mein Studium einige Jahre quasi auf Eis gelegt. Das war kein bewusster Plan, aber irgendwie musste es ja laufen, sprich: Ich musste nebenher arbeiten, meine Mutter musste versorgt werden…da blieb einfach (aus meiner damaligen Sicht) gar keine andere Möglichkeit. Aus Wochen wurden somit Monate und schließlich Jahre. Ich kam mir wie der reinste Versager vor. Schrecklich. Irgendwann dachte ich dann, der Zug sei abgefahren, und ich müsste irgendwas zum Abschluss bringen. Ich bin also zum Arbeitsamt, um mich arbeitssuchend (nicht arbeitslos!) zu melden. Das ginge jedoch nur, wenn ich mich exmatrikulieren ließe, meinte die zuständige Sachbearbeiterin. Fälschlicherweise gelangte ich zu einer Studienberaterin, die nach den Gründen für meinen geplanten Studienabbruch fragte. Kurz und knapp (in meiner stets wortkargen Art – haha) habe ich dann mein Dilemma geschildert. Ihre Reaktion: „Wieviele Scheine brauchen Sie noch, um dann endlich Ihre Abschlussarbeit anmelden zu können?“ „Ääääh, einen.“ Sie nickte: „Und wie viele Prüfungen haben Sie im ersten Anlauf nicht geschafft?“ Ich wusste nicht, was sie von mir wollte, also antwortete ich brav: „Keine.“ Kurze Pause, dann ihr trockener Kommentar: „Dann sollten Sie unbedingt abbrechen, denn Sie sich augenscheinlich zu dumm dafür.“ Pause… Pause… Pause… Hääääää??? Das ist – vereinfacht gesagt – provokative Psychologie. Der Klient/Patient stutzt dann zunächst und registriert, wie überzogen seine Sicht ist. War bei mir nicht anders: Ich hätte drei Jahre Ausbildung machen können (wo ich unterfordert gewesen wäre) oder eineinhalb Jahre für die Beendigung meines Studiums investieren müssen. Ich sehe die Beraterin noch vor mir sitzen – beide Arme angewinkelt und die Hände wie Waagschalen geformt: „Puh, schwere Entscheidung: Drei Jahre für etwas, das Sie nicht wirklich fordert oder eineinhalb Jahre für das Hochschulstudium…puh, ich möchte nicht in Ihrer Haut stecken!“ Ja, ich liebe Ironie. Und genau da ist aber die Krux: Nicht für jeden eignet sich so eine Vorgehensweise. Da muss schon eine Vertrauensbasis da sein oder verdammt gute Menschenkenntnis. In meinem Fall war es der goldrichtige Weg.
Um dies mal auszuprobieren, werden wir heute in Kleingruppen unterteilt. Wir sollen unser Gegenüber (virtuell) mit provokativen Aussagen, die deren negatives Bild bestätigen, konfrontieren. Ich kann Euch sagen: Ich mache das zwar hin und wieder schon, aber wenn man das so gezielt über zehn Minuten macht, ist das echt anstrengend. Und trotzdem auch interessant, wie schnell man die Triggerpunkte beim anderen spitz bekommt. Für meine Mitschülerin waren zum Glück ein paar Aha-Erlebnisse dabei. Ich bin gespannt, was ich wo später wie einsetzen kann. Allerdings bin ich kein Freund von Absolutem. Mit anderen Worten: Ich will nicht die eine Methode anwenden und alles andere verteufeln. Vermutlich wird es ein Gemisch aus unterschiedlichen Ansätzen. Wie eine Ausbilderin beim Trainerschein mal so treffend gesagt hat: „Ein Modell erklärt nie die ganze Welt.“

Anschließend erledige ich meinen Wocheneinkauf, bevor ich dann endlich die eingelegten Birnen und Pflaumen aus dem Likör schöpfen kann, den ich angesetzt habe. Ich war etwas ratlos, was ich mit ihnen anstellen soll, denn noch mehr Marmelade kann ich nun wirklich nicht mehr gebrauchen. Meine Sis hat die rettende Idee: Die Früchte kann ich einwecken, um sie dann später bei Bedarf zu kochen, einzudicken und als Soße über Eis, Vanillepudding usw. zu kippen. Wenn das nicht mal optimale Nutzung von Ressourcen ist – und lecker noch obendrauf. Mmmmmh, himmlisch, oder? Ach, der Winter kann kommen – und mit ihm die langen Abende. Ich bin vorbereitet.

Verrückte Welt, die Kopf steht

Mein letzter Arbeitstag für diese Woche startet völlig normal. Ich packe nach dem Duschen meinen Kram zusammen, setze mich ins Auto und düse zur JVA. Zunächst lässt mich mein Spezl am Tor rein, misst meine Temperatur und verweist mich auf einen Stuhl. Es ist ein neuer Anwärter da, der noch recht jung ist. Der Ältere informiert mich, welcher Wärter mich abholen wird. Er ist der Einzige, dessen Namen ich mir tatsächlich merken kann. Er ist jung, umgänglich, motiviert, kooperativ. Das fällt sofort im Vergleich zu den meisten anderen auf. Trotzdem setzt der Ältere noch nach: „Däa mit die tätowierten Arme.“ „Ah“, sage ich „gefällt Ihnen nicht, hm?“ „Na, gonz und goa net. Des hot’s früa net geb’m.“ Und dann schimpft der sonst so liebe, lustige Kerl auch schon los. Sie hätten mal einen mit Ohrring gehabt! Aber nicht lang. Den hätten sie schnell weitergeschickt. Ich muss lachen und sag im lauten Flüsterton: „Ich bin auch tätowiert, aber das sagen wir ihm nicht, ok?“ Der Junge steigt darauf ein: „Ich auch. Aber ja, wir sagen es ihm einfach nicht.“ Der Alte schüttelt den Kopf. Warum? Warum nur würde man so einen Blödsinn machen? Ich frage, ob er Kinder hätte? „Jo. Bua und Madel.“ Ich nicke, aber er schiebt direkt hinterher, dass die nicht tätowiert seien. Mittlerweile sind sie längst erwachsen. Da fällt’s mir wieder mal aus dem Gesicht: „Und? Wann zuletzt Ganzkörper gecheckt?“ Er griemelt und drückt mir: „Die hom des net moche losse. Und jetz häans auf mit Erna Frogerei!“ Ich ziehe von dannen mit dem tätowierten Wärter. Vermutlich wird das mein Untergang. Alles schlimme Leute, diese Tätowierten.

Vor Ort stehen schon mehrere Teilnehmer nahezu Spalier draußen, um auf mich zu warten. Ist schon goldig. Da wir uns ja kennen, ist es ein lockeres Hallo. Das meiste läuft auch ganz gut. Wenn da nicht… genau, wenn da nicht der eine Querulant, das dämliche Sackgesicht, wäre. Ich hatte es schon befürchtet. Ehrlich? Ich habe eine Engelsgeduld mit denen hier, gebe ihnen Raum und Platz für Diskussion. Aber dieser Mensch schießt nur quer. Er verlässt den Raum zwischendurch, ohne etwas zu sagen, stellt Fragen, die nichts mit dem Thema zu tun haben, bescheißt die Kollegen und mich und gibt keine Ruhe. Nichts, was andere sagen (mich eingeschlossen), ist richtig. Nur er weiß alles. Alle sind genervt, ich komme mit dem Stoff nicht durch, weil er auf gut deutsch das Maul einfach nicht mal fünf Minuten halten kann. Hätte das hier Hand und Fuß, wäre das sogar auch noch für mich in Ordnung, aber das hat es nicht. Entsprechend mache ich, was ich in meiner nun fast 10-jährigen Trainertätigkeit noch nie getan habe: Ich schließe ihn aus der Schulung aus. Er fühlt sich missverstanden, klar. Sein Produktionsverantwortlicher sagt ihm ruhig, er habe ihm gestern doch genau erklärt, dass er nur hierher dürfe, wenn er vernünftig mitmachen würde. Er habe jedoch ausschließlich gestört, kein einziger Beitrag sei konstruktiv gewesen. Nein, das sei falsch! Er sei kein Sklave, auch kein Schaf. Seine Kollegen seien nur Ja-Sager. Sein Chef sagt ihm wieder ruhig, es sei kein einziger Ja-Sager in diesem Team. Alle hätten diskutiert, aber eben konstruktiv. Als er wieder anfängt, sage ich ihm, woran ich seine Respektlosigkeit den anderen und mir gegenüber festmache, weswegen jetzt einfach Schluss sei. Am Nachmittag sind dann alle gelöster und froh, dass er nicht mehr da ist. Und doch… fühlt es sich für mich wie Versagen an. Ich musste diese Karte noch nie zücken und konnte ihn leider nicht für was Positives gewinnen. Die anderen verabscheuen ihn alle, sind aber machtlos, da er der Geheimdienst der Wärter ist. Klingt nach Hollywood, ist aber leider Realität. Er spizelt überall und hängt dann alle bei der Justiz hin, weshalb die ihn beschützt. Krank oder? Vor allem aber kosten solche Menschen einen Kraft, was mich dann noch zusätzlich ärgert.

Entsprechend platt bin ich, als ein Wärter zu mir kommt und mich zum Tor begleiten will. Gestern hat das mein Kollege gemacht. Die Wärter hatten wir vergessen zu informieren. Nicht gut, denn der Herr neben mir sagt mir, sie seien wohl etwas in Aufruhr gewesen. Verdutzt schaue ich ihn an: „Meinetwegen?“ Trocken kommentiert er: „Na, wenn uns beim Zählen eine Frau abgeht, ist das im Männerknast nie gut, oder?“ Uups. Sofort springt mein schlechtes Gewissen an. Er meint das mit der Sorge nämlich ernst. Das wollte ich natürlich nicht. Brav bringt er mich mit meinem tonnenschweren schlechten Gewissen zum Tor, wo ich meinen Perso und den Autoschlüssel ausgehändigt bekomme. Noch völlig in Gedanken, sagt mein Spezl am Tor: „Und? Warum host Du Di bloß tätowieren lassen?“ Wir waren stets beim Sie, aber wurscht. Ich erklär’s ihm und frage: „Bin ich deswegen ein schlechterer Mensch?“ „Na. I versteh’s nur net. Bis in zwoa Wochn. Fahr vorsichtig.“ Oh je, ich hab heute gleich mehrere Menschen enttäuscht. Und trotzdem mögen wir uns. Nach Stau und Umleitung schaffe ich es dann doch noch heim und habe vieles zu verarbeiten. Ich schreibe hier nicht alles hin, weil das zartere Gemüter vermutlich überfordern würde. Ich habe von Abgründen erfahren, die nicht einmal in Romanen vorkommen – einfach weil sie zu heftig sind. Und trotzdem… sind es Menschen, was ich nicht müde zu sagen werde. Auch wenn ich nun von Einzelnen ihre Taten weiß, mag ich die meisten hier, da sie mir im direkten Umgang auch wahnsinnig viel zurückgeben. Verrückte Welt, die manchmal auch Kopf steht. Gerade wohl ein bisschen viel…

Becky und Hoffnung

Die Tagungsleute tagen lange – wie ich es befürchtet hatte. Sie sind ewig draußen, quatschen, gackern. Ich kann sie schon verstehen, dass sie gern noch zusammenhocken… und trotzdem wäre ein bisschen Rücksichtnahme auch was Feines. Doch sowie der Alkohol fließt… Nur so kann ich definitiv nicht pennen. Missmutig schließe ich das Fenster. Durchschlafen kann ich dann nicht, aber es geht.

Die heutige Truppe kenne ich noch gar nicht. Einem habe ich gestern allerdings angeboten, heute noch Teil eins nachzuholen, weil er es in seinem eigenen Team verpasst hat. Er war kritisch, hat die Inhalte hinterfragt und sich Bedenkzeit ausgebeten. Heute Morgen sitzt er mit in der Runde. Wenn das kein Erfolg ist! Das finde ich einfach klasse. Das Team nimmt ihn auch sofort herzlich auf, was nicht selbstverständlich ist. Aber sie sind anderseits auch knallhart. Heute werden Sehtests bei einigen durchgeführt, was auch einen meiner Teilnehmer betrifft. Ich sage ihm, welcher andere Häftling für die Organisation zuständig sei, damit er ihm die Info geben könne, wo er zu finden sei. Als er hört, wer diese Person ist, winkt er ab: „Der soll mich suchen.“ Ich bin noch guten Mutes und sage: „Na, aber so ein bisschen Kollegialität tut doch nicht weh, oder?“ Darauf antwortet er ganz ruhig: „Es gibt Menschen, die nicht mal das verdienen.“ Da erst macht es bei mir Klick! Dieser besagte Herr sitzt wegen Kindesmissbrauchs. Da kennen sie hier keine Gnade. Selbst im eigenen Team nicht, wie ich später noch erfahre.

Heute sind aber auch welche zu Beginn dabei, die zugeben, keinen Bock zu haben. Sie sind einfach ehrlich, was ich ja so sehr schätze. Aber sie sind in keiner Vollverweigerung – nur etwas zurückgenommen und abwartend. Ich werde hier immer aufs Neue überrascht: Sie machen nämlich nach kürzester Zeit aktiv mit und melden nachher zurück, dass sie eines Besseren belehrt worden seien. Es hätte sie selbst überrascht, wie gut sie es gefunden hätten und wie sinnvoll das Ganze doch sei. Ehrlich? Das würde in München so nie einer zugeben. Schon interessant, oder? In der Pause fragt mich einer der Teilnehmer, ob ich einen Psychologie-Hintergrund hätte? Was man nicht tut, tue ich – ich stelle eine Gegenfrage: „Wie kommen Sie darauf?“ Na, er wäre bei einer Therapeutin, und ich erinnere ihn an sie. Die Art, wie ich rede, die Geduld bei der x-ten Frage (der sollte mich mal bei Heinz erleben!!!), die anschaulichen, praktischen Beispiele aus dem Leben – da würde er auf den Hintergrund schließen. Dieser Mitarbeiter wird – laut eigener Aussage – bald entlassen und weiß nicht, ob er in zwei Wochen nicht bereits im offenen Vollzug sei. Aber er will auf jeden Fall für den zweiten Schulungsteil reinkommen. Herzig. Als ich den Produktionsverantwortlichen später frage, ob dies gehe, atmet dieser nur tief durch und sagt: „Klar geht das. Es wird aber nicht nötig sein. Er hat die Mindeststrafe verbüßt, aber er hat anschließende Sicherungsverwahrung. Wieso die immer glauben, das würde untern Tisch fallen, versteht keiner. Ähnlich wie Herr XY. Der dachte auch, nach 15 Jahren ist der raus. Nach weiteren 17 Jahren war es dann erst soweit.“ Oh. Also einer von den richtig Krassen. Dagegen nimmt sich einer, der seine Frau inflagranti erwischt und beide kurzerhand umbringt, fast harmlos aus. Und doch haben sie alle eins gemein: Die Hoffnung auf Haftentlassung und ein besseres Leben… Jeder Mensch hofft doch immer bis zuletzt.

Doch es gibt auch lustige Momente – wie eigentlich immer. Ich bin ja auch so eine dumme Nuss, dass ich immer Ähnlichkeiten mit anderen Menschen, Schauspielern, Tieren, Comicfiguren entdecke. So merke ich mir in der Tat am besten Menschen… also damit und mit ihrer Geschichte. Vor ein paar Wochen hatte ich beispielsweise Prinz Eisenherz mit von der Partie. Und nein, das sage ich ihnen natürlich nicht – außer bei dem kleinen Putin. Und wen habe ich heute hier sitzen? Becky. Becky wer? Na, einen Nachnamen zu Becky habe ich nie gehört. Es handelt sich um den Vogel bei „Findet Dorie“. (Nee, nicht Nemo, sondern Dorie.) Dieser Vogel, der den Hausfrauenblick draufhat: Links zur Wäsche, rechts zu den Klammern. Wo man nie sicher weiß, ob dasselbe Hirnareal für die Steuerung zuständig ist. Der Blick, bei dem man nie weiß, wer gemeint ist.

Es herrscht hier – wie man wohl erahnen kann – ein lockerer Umgang miteinander. Und ja, mittlerweile geht auch wieder die Kamera. Und dann gibt es wieder diese tragischen Momente. Die Frau von Becky hat seit März die Diagnose Brustkrebs. Sie wurde mittlerweile operiert und bekommt Chemo. In Zeiten von Corona ist es kaum zu verantworten, dass sie sich groß außer Haus bewegt, da sie zur Risikogruppe gehört. Puh. Wir reden ja zum Einstieg von Störungen. Und er nennt genau diese. „Sie glauben doch nicht, dass ich mich dann immer voll auf die Arbeit konzentrieren kann, oder?“ Nee, bestimmt nicht. Und da kann er gemacht haben, was er will – er ist auch nur ein Mensch, der sich um seine Frau sorgt. Da fehlen auch mir die passenden Worte. Ich wünsche ihm nur gute Besserung für seine Frau.

Nach der Schulung erfahre ich, dass der Inhaftierte, der nach meiner Nummer gefragt hat, erst letzte Woche einen Anschiss der Justiz kassiert hat. Er hat nämlich einer Vollzugsbeamtin einen Liebesbrief geschrieben. Prinzipiell ist das kein Verbrechen, aber wir reden hier auch von Sexualstraftätern. Da ist das nicht im Sinne der Therapie. Und ich? Könnte natürlich auch beleidigt sein, dass er es wohl bei allen versucht – ha ha. 😋 Was mir nicht in den Sinn käme, wäre das den Beamten zu stecken. Dann würde er Ärger bekommen und im schlimmsten Fall in den Bunker müssen. Schwierig… unsere Strafanstalten mögen milder sein als viele ausländische Haftanstalten. Aber der richtige, zielführende Weg zur Resozialisierung ist er nicht. Wir „züchten“ uns die „Monster“ selber. Dabei gäbe es einige, mit denen man sehr gut arbeiten könnte. Schon schade.

Nummer? Nö!

Es klappt recht gut mit dem Schlafen. Niemand lässt mehr Musik laufen, was ich dankbar zur Kenntnis nehme. Was will ich mehr? So kann ich dann auch frisch gestärkt zur Tat schreiten. Da hab ich nix dagegen.

Heute hab ich wieder die Schweißer. Die Hälfte ist in der Substitution, was es nicht einfacher macht. Sie sind wie weggetreten. Bei einem Spiel zur Verdeutlichung einer Methode bescheißen sie total, was so völlig sinnfrei ist. Darauf angesprochen, sagt einer: „Wir sind eben alle Drecksäcke. Sonst wären wir nicht hier.“ Naja. Deswegen muss man ja nicht so einen Nonsens machen – zumal ich die Anleitung mittlerweile auch fünf Mal erklärt hab. Eine Wurzelbehandlung kann kaum anstrengender sein. Echt wahr. Zwischendurch kommen natürlich die gewohnten markigen Sprüche. Was man hier wieder gut merkt: Sind sich die Vorgesetzten nicht einig, merkt das die Mannschaft sofort. Es hat einen Wechsel gegeben, aber in erster Linie, weil sich die Verantwortlichen spinnefeind waren und immer noch sind. Einer ist ehrgeizig und in ständiger Konkurrenz. Der andere ist behäbig ruhig und will nur in Ruhe arbeiten. So was geht leider selten gut. Und die Inhaftierten? Spüren das, bekommen mehr mit, als man denkt und schlachten dies aus, wie Kinder bei zerstrittenen Eltern. Krass, wie so was immer höhere Wellen schlägt. Zum Abschluss der Schulung fragt noch ein Inhaftierter beim Rausgehen, ob er meine Telefonnummer bekäme? Äääääääh… nö. Und mal ehrlich? Wozu auch? Er hat ja nicht mal Telefon. 😂 Aber schon kess, oder? Sein Kommentar zur Abfuhr: „Aber einen Versuch war es wert, oder?“ Jo, hat er recht, nutzt aber trotzdem nichts.

Zum Schluss des Arbeitstages treffe ich auf meine Russen. Ah, die sind mir so ans Herz gewachsen! Ich frage, wie es ihnen geht. Im Gegenzug erkundigen sie sich auch. Und dann denke ich, dass jeder Mensch auch gerne gute Sachen hört. Warum also nicht auch hier? Wobei ich sie nie anlügen würde. Also berichte ich dem Boss, wie sehr sie mich nachhaltig beeindrucken würden. Zunächst lacht er und fragt, warum? Ich erkläre es ihm, während der kleine Putin hinzukommt. Ihr Ehrgefühl, ihr Zusammenhalt, ihre Hilfsbereitschaft – so etwas imponiert mir. Der Kleine sagt: „Geht doch nicht anders.“ Doch, geht eben schon. Sehe ich ja auch tagtäglich. Und dann fasse ich mir ein Herz und frage sie, ob sie wohl wüssten, was meine Sorge sei? Nein. Ich schaue sie an und sage nüchtern: „Dass einer von Ihnen mit einer Kugel im Kopf endet, wenn Sie draußen sind.“ Der Ältere zuckt mit den Schultern und erwidert: „Das normal. Das Leben!“ Ich antworte, wie sehr ich das bedauern würde und welche Verschwendung ihres Intellekts das sei. Es würde mich treffen, sollte ich je davon erfahren. Da verneigt sich der Junge leicht, legt seine Hand aufs Herz und sagt: „Danke.“ Nicht gespielt, einfach ehrlich. Ich hoffe so sehr, dass sie auf sich acht geben. Es wäre wirklich eine Tragödie, wenn solch tolle Menschen so sinnlos über die Klinge springen müssten. Mir wird das immer ein Rätsel bleiben.

Zum Abschluss des Tages besuche ich dann noch den Biergarten neben meinem Hotel. Zum zweiten Mal in meinem Leben bestelle ich mir eine Haxe… aber leider, leider schmeckt sie nicht so gut. Nun liegt sie mir schwer im Magen. Selbst schuld, aber irgendwie auch passend nach diesem doch eher zähen Tag. Trotzdem: Wäre die Frage, ob ich lieber so einen Tag hätte oder einen Tag mit Heinz im Büro verbrächte, wäre die Antwort keine Sekunde Überlegung wert. Die Wahl würde immer auf meine Knastis fallen. In diesem Sinn freue ich mich wieder auf morgen.