Wie überall

Ich bin müde. Kein Wunder, die alte Frau ist ja noch unterwegs – nach Mitternacht, wohlgemerkt. Warum? Keine Ahnung, purer Masochismus, schätze ich.

Die Woche war…mmmh, im Grunde gut. Ich kriege wohl eine Festanstellung. Die wollte ich auch. Und trotzdem beginnt mein Gedankenkarussell dann zu laufen. Das bedeutet: Ich bleibe in München. Es bedeutet einigermaßen Sicherheit – die ich zweifelsohne wollte. Es bedeutet aber auch, mich festzulegen. Und das will ich nicht. Ja, in meinem Kopf ist es kompliziert. Andere würden vor Glück lauter schreien als bei einem Paket von Zalando. In mir gibt es ein kleines Etwas, das tapfer eine Fahne schwenkt. Mehr aber auch nicht… vielleicht noch nicht.

Die größte Angst ist die Stagnation. Meine Sorge, mich nicht mehr weiterzuentwickeln. Ich will noch lernen und nicht behäbig werden. Schon schön bescheuert. Ich schätze, ich sollte die Korken knallen lassen.

Und zu so etwas habe ich mich aufgerafft. Ich bin zum Tanzen gegangen. Es gab eine Ü30-Party. Die Leute waren wie in allen großen Städten: Viele gefärbte Blondinen, manche mit gemachten Hupen, manche mit gemachten Lippen. Und dazu? Typen, die die 80er nicht hinter sich lassen konnten, Typen, die noch bei Mama wohnen und die Aufgepumpten. Da hilft auch leider kein Caipirinha, um mir was schön zu trinken.

An unseren Stehtisch stellt sich irgenwann eine Gruppe, die wohl einen Geburtstag feiern will. Eine Nachzüglerin kommt hinzu und stellt sich mir per Handschlag vor. Ich kläre sie rasch auf, nicht dazuzugehören. Derweil beobachte ich die Haare in Zwangsstörungen zurückschmeißenden Frauen und überlaut lachende Kerle. Und dann die, die schwul sind, es aber noch nicht wissen. Puh, immer dasselbe.

Und dann steht da diese Blondine und versucht, Augenkontakt zu mir herzustellen, was ich zu ignorieren versuche. Aber sie spricht mich dann doch noch an. Sie sei Daniela. Aha. „Sorry, ich gehöre nicht zu der Gruppe.“ Sie stutzt und stellt fest: „Aber du bist ja trotzdem irgendwer.“ Erwähnte ich ihre Haarfarbe??? Ich hab ihr meinen Namen gesagt. Höflich kommen noch zwei Sätze Smalltalk, mehr geht echt nicht. Entweder sie ist völlig zugedröhnt und/ oder lesbisch. Beides kann ich nicht bedienen.

Und wer tanzt sie dann an? Der, der noch nicht weiß, dass er eigentlich auf Männer steht. Oooh man, Kino könnte nicht besser sein.

So schleppe ich mich nun ins Bett und harre der Dinge, die da noch kommen werden… hoffentlich noch der innere Jubeltanz…

Müde am Ende

Meine Heimreise steht an… Und ich bin not amused. Gut, das Wetter war dann doch zuletzt abartig heiß. 32 Grad und drückend ist nun nicht meine Vorstellung vom Himmel, aber stürmisch und kalt dann auch nicht. Es gefällt mir doch sehr gut in Florida. Auch vom süßen Hund verabschiede ich mich nur schweren Herzens.

Am Flughafen ist Hektik angezeigt. Mein Rucksack wird sogar rausgefischt. Ich hab Skittels mitgenommen. Ja, die gibt es auch in Deutschland… aber auch in 1,2kg-Tüten? Nee, richtig. Geplant war nur eine, da wir auf unserer Fahrt eine angebrochen hatten, hab ich eine neue besorgt. Ich muss aber auch die angebrochene mitnehmen, so mein Cousinchen. Well, bevor ich mich schlagen lasse. Allerdings darf ich nur 23 kg mitnehmen. Ich liege ohne Skittels bei 22,8 kg. Na gut.

Mein Rucksack wiegt stolze 8,2 kg. Kriege ich hin. Nur doof, dass ich Sonnenbrand an Schulter und Hals hab. Es scheuert kaum. Als der Rucksack dann rausgefischt wird, winke ich ab, weil ich denke, dass der leere Isolierbecher das Problem ist. Aber es sind die Skittels! Kurz panisch, frage ich noch, ob man Sweets nicht ausführen darf und befürchte die Antwort: „Doch, aber nicht in der Menge“, aber das ist es nicht. Die Dame vom Flughafen checkt mit irgendsoeinem Detektor, ob „it is what it is“. Ich fahre mir grinsend über die Hüfte und kommentiere: „It is exactly what it is!“ Sie schmunzelt nicht mal. Man, man, man, warum sind die immer alle so Spaß befreit?

Im Flieger hab ich Platz. Der ist vielleicht gerade zur Hälfte ausgebucht – wenn überhaupt. Und dann warten wir, bis die Durchsage kommt, es hätten noch vier Passagiere eingecheckt und Koffer aufgegeben, die noch nicht da wären. Und so warten wir wieder…. und warten… Die ersten Deutschen fangen schon an zu maulen, wie man so was machen könne? Die Stewardess pflichtet ihnen bei. Ganz unverantwortlich. Geht echt gar nicht! Es weiß zwar keiner, warum die vier nicht erscheinen, aber geschimpft und verurteilt wird dennoch munter. „Wie peinlich! Bestimmt saufen die gerade irgendwo!“ Zur Not bestimmt. Und wenn die hier so weiter palavern, mache ich mit – beim Saufen natürlich.

Irgendwann werden dann die Koffer der vier wieder ausgeladen. Ist ja auch normal. Die Ziegen der letzten Reihe verspüren Genugtuung. Mein Gott, muss das Leben als Kleingeist schön sein. Ich bin einfach froh, im Flieger zu sitzen und gesund zu sein.

Kopfhörer kosten dann 3,50 €. Und das lohnt sich, weil: „Da sind ganz viele neue Filme drin.“ Ok. Ich sage, ich nehme die Kopfhörer. „Wirklich, das sind superneue!“ Ääääh, es ist die doofe Stewardess von vorhin. Hatte ich gerade nicht gesagt, dass ich die Kopfhörer nehme? Ich nicke nur. „Die sind brandneu! Quasi frisch aus dem Kino.“ „Hab ich Ihnen irgendwie widersprochen?“ „Ääääh, nein. Ich bin einfach selbst noch sooooo begeistert von den Filmen!“ Egal, was es ist: Nimm weniger davon…. denke ich, aber spare es mir.

Was es dann nicht tut, sind die Kopfhörer. Ich bringe der Dame den Müll also zurück. Mir ist was geplatzt, als ich hörte, dass zwei Frauen sich Decken für sechs Euro kaufen mussten, weil die bei diesem Nachtflug nicht inklusive sind. Hää????? Die etwas-drüber-Stewardess bietet mir an, mich umzusetzen. Nö. Ich möchte da sitzen bleiben und einfach die 3,50 zurück. „Aber die Filme sind echt sooooo gut!“ Sie sollte im Kino arbeiten. Das würde besser passen.

Der Flug verläuft auch ohne gaaaaaanz tolle Filme vollkommen ok. Mit Verspätung, aber noch in Ordnung. Und was empfängt mich in Düsseldorf? Regen! Ich steige in den Flieger und hoffe auf besseres Wetter in München. Wir werden es erleben….

Nö. Hier regnet es auch. Ich sitze schon in der Bahn und düse heimwärts… was bin ich müde! Im Flieger konnte ich nicht schlafen, aber an den nächsten beiden Tagen hab ich Fortbildung. Ich muss also wach bleiben bis zum Abend, um schnell in den Rhythmus zu kommen. Ein bisschen jammern werde ich schon, aber auch froh sein über all die tollen Eindrücke… Home sweet Home, also. Ok, ich freue mich dann schon auf MEIN Bett. Gut’s Nächtle…

Ich liebe Menschen…zumindest die meisten von ihnen…

Today I’m prepared. Beim ersten Mal war ich noch unsicher, zum Strand zu fahren. Heute läuft es dagegen routinierter ab. Ich schau vorher nach, ob der Bus pünktlich ist (ist er nicht) und gehe echt auf den letzten Drücker zur Haltestelle. Aber es funktioniert.
Den Bus nutzen echt nur ein paar Touristen oder ärmere Menschen. Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen. Ich muss auf dem Heimweg eine vierspurige Straße (ohne die Abbiegerspur mitzuzählen) überqueren. Weit und breit ist keine Ampel… und die Autos dürfen da heizen. Pfff, das ist schon nicht sooo lustig.

Auf Deutschland freue ich mich nur mäßig. Sturmböen, nachdem wir hier über 30 Grad haben, hören sich wenig einladend an. Andererseits freue ich mich auf guten Kaffee, Körnerbrot und mein Bett. Aber ich könnte es durchaus länger hier aushalten. Nur hierherziehen, würde ich nicht. Die Absicherung, das Gesundheitswesen und die allgemeine Sicherheit gefallen mir in Deutschland besser… auch wenn mir Nationalstolz völlig abgeht – im Gegensatz zu den Amis.

Deutschland genießt – wie ich immer wieder feststellen darf – meist einen hervorragenden Ruf in der Welt – so auch in den Staaten. Und ich treffe einige, die schon einmal Deutschland besucht oder gar dort gelebt haben. Und alle schwärmen davon, was mich stets überrascht. Am witzigsten war die Frau, die uns durch das Houmas House geführt hat. Sie kam aus der Nähe von Paris, hat längere Zeit in Freiburg gelebt und hat nun einen Ami geheiratet, mit dem sie seit 2 Jahren in Louisiana lebt. Und was vermisst sie? „German Brötchen, German Schnitzel und Maultaschen“. Hää???? Was ist mit Frankreich? Baguette oder Croissant? Nein, nichts kann mit den Brötchen, Schnitzeln oder Maultaschen mithalten.

Heute denke ich, einfach nur die Busfahrt über zu schreiben, aber die Rechnung mache ich ohne Chuck (Charles) Belts aus Ohio. Er steigt eine Haltestelle nach mir ein und redet mit mir. Er ist ein süßer alter Mann… das sind sie hier ja fast alle. Und am Ende bedankt er sich für das tolle Gespräch und will unbedingt mal Deutschland besuchen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie freundlich und höflich die Menschen hier sind. Klar gibt es auch Proleten. 5 College Jungen fahren mit und tragen nur Shorts. Das brauche ich echt nicht. Aber sie sind halt jung.

Ich laufe also los zum Pier und komme nicht weit. Ein Mann angelt hier und ich will sehen, was er so fängt. Es sind nur zwei kleine Fische, die er wieder zurückwirft, aber schon reden wir. Er war 15 Jahre in Deutschland und schwärmt nur davon. Viele Freunde leben dort, die er unbedingt wieder besuchen muss. Wir quatschen und quatschen, er erzählt, wie er seinerzeit in Monte Carlo an einem Pool Turmspringen betrieben hat. Es waren mehrere Militärs dort. Bis plötzlich zwei Mädels ankommen, die ihre Tops ausziehen. Mittlerweile gab es 500 Zuschauer, die dem Turmspringen zusahen, aber Toms Konzentration war mit einem Mal weg. Mädels oben ohne! Er landete mit dem Rücken auf dem Wasser – schmerzhaft, aber hey, da waren zwei „topless girls next to me!!!“ Das verbinden die Amis mit Europa und eben sehr stark auch mit Deutschland. Schon lustig. Als wären wir alle Nudisten!

Irgenwann wird Tom sehnsüchtig. Er will wieder nach Deutschland. Aber seine Frau ist das komplette Gegenteil von ihm. Noch ist sein Sohn erst 9 Jahre alt, aber wenn er größer ist, wird er gehen. Das macht mich schon traurig. Ich sage ihm, er müsse sein Leben leben und genießen, denn es gäb nur dieses eine. Er nickt und bedankt sich für all die schönen Erinnerungen, die ich geweckt hätte. Wenn er nur allein hier wäre, würde er mich sooo gern zum Lunch einladen. Uups! Nein, das ist kein Flirten oder sonst was. Es ist einfach nett. Trotzdem… seine Frau mag es nicht, fremde Menschen kennenzulernen. Ich kann das so gar nicht verstehen und finde es schlimm, wenn man sich an Menschen bindet, die gar nicht zu einem passen. Leider passiert das ja viel zu häufig und man verschwendet so viele Jahre.

Ich sehe ein Kind, und dann höre ich es mit einem Pelikan im Wasser sprechen: „Hey Mr. Pelican, did you meet any alligators?“ Kinder sind einfach der Hammer. Sie sind so unkompliziert und kommen sich nicht blöd dabei vor, einen Pelikan anzuquatschen. Erwachsene würde man als plemplem bezeichnen.

In einem Laden spricht mich eine Frau an, die mit ihren Mädels Klamotten shoppt. Sie ist für meinen Geschmack etwas drüber, aber ok. Wir plaudern, bis ich irgendwann sage, dass ich ja Touristin sei. Ach ja, sie auch – allerdings aus den Staaten. Ich nicht. Aaaah, wie interessant. Woher denn? Deutschland. Und dann senkt sie die Stimme zu einem vertraulichen Ton: Ob es was mit mir machen würde, dass alle Leute bei Deutschland immer gleich an Hitler denken müssten? Äääääh…. Nein. Ob es ihr was ausmachen würde, dass man bei Amerika immer gleich an die vielen abgeschlachteten Indianer denken müsste? Ääääh… Nein. Aber das wäre eine coole Reaktion meinerseits. Finde ich auch… und sie finde ich einfach etwas dumm und bin froh, bislang nettere Amis kennengelernt zu haben.

Ich gehe ein bisschen spazieren, nehme das kostenlose offene Büschen und denke an Keith. Als wir an der Bücherei halten, steht er genau dort. Ich winke ihm, und er begrüßt mich strahlend. Oh man, er hat echt noch weniger Zähne als die Busfahrerin. Und trotzdem ist es toll, ihn wiederzusehen. Er ist müde und fährt nur ein kurzes Stück mit. Die Frau hinter uns wird mit einbezogen in unsere Unterhaltung, was völlig normal scheint. Dazu weht heute ein wunderbarer Wind, und ich bin einfach zufrieden mit meinem Leben. Auch mal schön, oder? Ich mag es so. Keine Ahnung, woher ich das Gen habe, einfach mit anderen ins Gespräch zu kommen? Nicht von meiner Familie, so viel steht fest. Egal. Ich nehme das Geschenk einfach gern an.

Sonne in Florida

Puh, was für ein Ritt. Nach insgesamt ca. 2000 Meilen sind wir zurück in Fort Myers. Da ist natürlich erster Tagesorgnungspunkt: Ausschlafen. Check. Zweiter Punkt auf der Agenda: Shoppen. Check. Haben wir auch gemacht.

Gestern ging es dann in die Everglades, die im Winter immer wieder mit Bränden zu kämpfen haben, weil „et su drüsch is wie mar jet“. Zu deutsch: Da ist die Trockenzeit. War der Mississippi noch sehr voll (und dabei hat die Schneeschmelze noch nicht mal begonnen… die Louisianer waren richtiggehend besorgt), sind die Glades eher gefährdet. Immer mehr trockene Gebiete bilden sich.

Gut, sinnvoll ist es da bestimmt nicht, mit Airboats durchzuheizen, aber ich wollte es dennoch erleben. Schon krass, wie toll und frei ich mich bei so was fühle. Das Wasser ist nicht tief, aber auszusteigen ist nicht sinnvoll. Man ertrinkt zwar nicht, aber es gibt reichlich Alligatoren. Und eine Vielzahl an Schlangen. Es gab mal ca. 30 verschiedene heimische hier. 1996 zerstörte Hurricane Andrew eine Zoohandlung, in der es 70 verschiedene Schlangenarten gab. Daraus entstand ein großes, bis heute nicht gelöstes Problem mit Pythons. Klingt nicht so lustig, oder?

Alligatoren sehen wir auf der Tour mehrere. Delfine schwimmen auch für kurze Zeit um uns herum. Manatees (nur hier lebende und bedrohte Seekühe) sehen wir allerdings nicht.

Im Grunde werden die Touris hier schon abgezockt, aber es ist ein Erlebnis für mich. Und die Alligatoren live zu erleben, ist schon ein Abenteuer. Die „gezähmten“ darf man streicheln . Ich bin echt überrascht, wie weich die sich anfühlen. Trotzdem möchte ich nicht mit ihnen kämpfen müssen. Sie sind schnell, stark und haben sooooo viel mehr Zähne als ich!

Auf dem Rückweg müssen wir halten… es gibt eine Cheesecake Factory. Die Bedienung, die für die Platzvergabe zuständig ist, trieft zwar vor Arroganz, aber hey, das macht ihr süßer, schwuler Kollege mehr als wett.

Breit grinsend bestelle ich ein Stück Cheesecake mit weißer Schoki, Macadamianüssen und Karamell. 1560 kcal! Und den Scheiß schreiben die in die Karte!!! Hat mich trotzdem nicht abgeschreckt… Und es war lecker – auch ohne Penny.

Dafür ging es dann heute auf nach Sanibel Island. Der doofe Vize-Präsident hat sein Ferienhaus verlassen. Thanks God! Die Insel ist wunderschön, auch wenn sich nur Superreiche dort ein Ferienhaus leisten können. Klar könnte man da das ganze Jahr leben. Tun sie aber nicht. So viel Arroganz und Protz widert mich echt an. Es gibt Männer, die meinen, damit punkten zu können. Klar, es gibt Frauen, bei denen das geht. Mich überzeugt das nicht. Gut, der Besitzer der Cheesecake Factory könnte mir gefährlich werden, aber nicht wegen seiner Kohle. It’s all about the cake, honey.

Amerika ist anders. Es ist hier sehr wohl noch sehr getrennt. Die Upper Class sind in der Regel weiß. Reinigungspersonal habe ich nahezu ausschließlich Schwarze gesehen. Weiße genießen die bessere Ausbildung und haben im Job mehr Chancen… und wir leben im Jahr 2019! In Deutschland ist es oft nicht anders. Mit dem falschen Nachnamen kann man sich oft schwer bewerben. Irgendwie traurig… inmitten all der Schönheit.

Plantagen und unterschiedlichste Sichtweisen

Zuerst wollten wir zur Whitney Plantage, aber die war komplett ausgebucht. Pffff… gut, man hätte drauf kommen können, dass nach Mardi Gras Hochkonjunktur bei allen Ausflugszielen drumherum sein wird, aber hey, wir haben nicht darüber nachgedacht. Insgesamt wollen wir uns drei Plantagen anschauen. Kurzerhand finden wie dann die Evergreen Plantation und buchen diese auch noch am Abend vorab.

Diese Buchung erweist sich als Gold, denn wir sind die einzigen auf der ersten Tour. Hallo??? Das kostet normalerweise 200 $ extra. So erhalten wir eine Exklusivtour von Desiree. Irgenwie erinnert sie mich an Whoopi Goldberg auf Speed. Und dabei redet sie so schnell, dass ich zwischendurch komplett aussteige. Klaro höre ich hin, als sie fragt, ob wir „Django Unchained“ gesehen hätten, was ich begeistert bestätige. Teile davon wurden hier gedreht. Ich bin begeistert.

Die komplette Plantage ist noch sehr ursprünglich gehalten. Das Haus sieht wunderschön und groß aus. Dabei soll es nur groß wirken. Tatsächlich gibt es nur drei Räume nebeneinander. Drumherum verläuft eine Veranda. Wer auf dem Mississippi entlangschippert, vermutet ein riesiges Herrenhaus. Nur kostet das Unmengen an Steuern. Der Spruch „mehr Schein als Sein“ bekommt hier eine klare Bedeutung.

Die Besitzer sind Deutsche, die – entgegen unserer Annahme – wohl gute Besitzer waren. Sie hatten zwar Sklaven, aber sie waren sich darüber im Klaren, dass sie sie gut behandeln mussten. Immerhin, so ihre Devise, besaßen die Sklaven in der Küche Messer, schürten Feuer im Ofen, das sie leicht im Haus hätten legen können, und außerdem hüteten sie die Kinder. Einer der Besitzer lebte sogar mit einer Schwarzen zusammen, die er zur freien Sklavin ernannte. Ihre vier gemeinsamen Kinder waren ebenfalls frei. Natürlich gab es auch eine weiße Frau, aber beide Damen hatten ihre eigenen Räumlichkeiten. Es galt ihr eigenes Recht, da sie „ab vom Schuss“ lebten. Somit war die Devise klar: Wo kein Kläger, da kein Richter.

In alten Listen ist enthalten, wie viel die Sklaven wert waren. Auf der Evergreen Plantage standen nicht nur das Alter und der Wert der Sklaven, sondern auch ihre Fähigkeiten und ihr Grad der Vertrauenswürdigkeit. Das sagte einiges über die Beziehung aus. Eine weiße Tochter heiratete zum Beispiel auch einen Sklaven, ohne für einen Skandal zu sorgen.

Desiree wird nicht müde zu betonen, dass in den Filmen nur Schwarz-Weiß-Malerei betrieben würde, was zwar für gute Verkaufszahlen sorgen würde, aber selten die Realität widerspiegele. Ein bisschen überrascht sind wir schon. Es klingt etwas zu sehr nach Verharmlosung. Ausnahmen mag es gegeben haben, aber die Sklaverei wird alles andere als harmlos gewesen sein.

Desiree umarmt uns zum Schluss und sagt, wir gehörten nun zur Familie und könnten immer wieder herkommen, ohne erneut zahlen zu müssen. Irgendwie süß.

Danach besuchen wir Oak Alley, wo uns ein völlig anderes Bild erwartet. Hier ist alles anders und touristischer aufgezogen. Die Wege sind asphaltiert, alles wirkt akkurat und sauber. Und die Geschichte hier ist eine völlig andere. Die Sklaven wurden schlecht behandelt. Ein Arzt, der unter anderem für die Plantage zuständig war, war bekannt für seine Amputationen. Solange der Patient überlebte, war es erfolgreich. Eine Auflistung der Sklavennamen soll daran erinnern, wer für den eigentlichen Erfolg der Plantage verantwortlich war.

Das Anwesen ist pompöser und zugleich kälter. Die Familie war französisch. Drei der sechs Kinder starben vor dem 12. Lebensjahr – zwei an Gelbfieber, eins an Tuberkulose. Der Mann verstarb bald darauf, so dass die Witwe alles regeln musste – was sie jedoch nie gelernt hatte. Von seiner Verwandtschaft wollte sie keine Hilfe und schaffte es, innerhalb weniger Jahre alles herunterzuwirtschaften. Das riesige Anwesen wechselt einige Male die Besitzer, bis ein reiches texanisches Paar – sie durch Rinder, er durch Baumwolle – alles übernimmt und letztendlich eine Stiftung einrichtet, damit die Farm heute für alle zugänglich ist und die Geschichte nicht verloren gehen kann.

Die Anlage ist gut erhalten, aber es gruselt mich schon ein wenig dort. Ich glaube nicht an Feng Shui, aber Orte, wo Gräuel passiert sind, haben etwas Schweres an sich. Einzig die wunderschönen alten Eichen, die die Allee säumen, wirken beruhigend.

Als letzte Plantage steuern wir die Houmas Plantation an. Und schon erleben wir den nächsten Kontrast. Es ist alles sehr verspielt und verschnörkelt. Der heutige Besitzer ist leider der Sammelleidenschaft verfallen. Und so sieht es dann leider auch aus. Alte, schöne Statuen stehen hier zusammen mit modernem Kitsch in der riesigen Gartenanlage. Beeindruckend sind eine 500 und eine 600 Jahre alte Eiche. Oh man… wenn diese Bäume reden könnten!

Im Haus ist es auch überladen, allerdings mit vielen gut erhaltenen Stücken aus der alten Zeit.

Bette Davis hatte hier sogar ein eigenes Zimmer, als sie für einen Hitchcock Film dort drehte. Auch Olivia de Havilland, die als Melanie Hamilton aus „Vom Winde verweht“ bekannt ist, hat dort gedreht und ist mit einem Foto verewigt. Die Gute ist heute 102 Jahre alt und lebt in Frankreich. Die Houmas Plantage diente (und vermutlich immer noch) für viele Filme und Serien als Drehort, was nur zu verständlich ist.

Trotzdem war die erste Plantage durch ihre Ursprünglichkeit wohl die nachhaltigste. Komischerweise zählt sie nicht so sehr zu den großen Touristenattraktionen, was mir gerade so gut gefällt.

Die Gründungszeit von Louisiana klingt gar nicht düster. Hier lebten Deutsche, Franzosen, Briten und Westafrikaner friedlich miteinander und suchten ihr Glück. Später kamen dann die Spanier hinzu, die das ganze Gemenge dann zum Kippen brachten. Schon eigenartig, wie sich Geschichte immer zu wiederholen scheint. Hoffentlich nicht noch einmal…

 

Louisiana ist sooo schön

Heute ist es schon nicht mehr ganz so saukalt. Der Wind hat nachgelassen, was echt eine Erleichterung ist. Zum Frühstück schlendern wir ein bisschen durch die Gegend, bis wir fündig werden. Das Café ist ganz nett, also entscheiden wir uns fürs Buffet.

Unser Kellner ist klasse. Wir nehmen die erste Runde am Buffet, aber als wir zum zweiten Mal gehen wollen, ist alles schon weg. Äääääh, das ist ja doof. Der nette Kellner erkennt unsere Verwirrung und fragt, was wir denn noch wollen würden? Ich erhalte wenig später eine warme Zimtrolle. Verdammt, schmeckt die gut. Da gehört einem ja sofort mein Herz.

Als die Rechnung kommt, hat der Kellner nur ein Frühstück berechnet. Hallo? Ja, der Service war ja auch nicht 100% – seine Aussage. Ääääääh??? Wir bestehen darauf, voll zu bezahlen, denn der Service war ja wohl perfekt. Dazu müssen wir allerdings ein wenig diskutieren. Hammer, oder? Das ist Kundenorientierung. So läuft es in Deutschland ja wohl nicht.

Wir schlendern noch etwas durch die Gegend Richtung French Quarter. Und dann sehen wir 3 Kerle, die ihre Show starten – zwei Schwarze und ein Weißer. Sie sind von 47 bis 50 Jahre alt und bewegen sich einfach hammermäßig. Dazu macht einer der Schwarzen eine herrlich böse Show. Menschen, die vorbeigehen, und selbst die Autofahrer auf der Straße bindet er mit ein. Einer vorbeieilenden Frau mit Tasche unterm Arm ruft er hinterher, dass sie gar nicht ihre Tasche wollen… lediglich den Inhalt. Er nimmt Schwarze als auch Weiße aufs Korn, rät den Weißen, großzügig zu spenden, um ihn aus ihren Häusern rauszuhalten… Und mit etwas extra Kohle, würde er auch die Töchter in Ruhe lassen. Kurz stutzt er, als er einen erblickt, der weder weiß, noch schwarz ist und nennt ihn: „off white“. Aber all das geschieht auf leichte Art und Weise. Zwischendurch ermahnt er auch, dass wir alle miteinander leben und Rassismus da keinen Platz haben darf. Es ist alles einfach rund…Und genau das gefällt mir richtig gut.

Dagegen läuft es zweihundert Meter weiter anders ab. Über Megafone hört man von weit her bereits Proteste gegen die Kirche. Es ist Aschermittwoch, daher gehen auch einige zur Kirche. Ich bin durchaus auch kritisch, was die Kirche betrifft. Aber jeder soll seine Religion ausleben, solange er keinen anderen behindert. Hier ist aber mitterweile eine riesige Diskussion im Gange, da von etlichen sexuellen Übergriffen berichtet wurde, was die Kirche ewig totzuschweigen versucht hat. Da kann ich die Empörung verstehen, aber es trifft die Falschen, wie ich finde. Aber tut es das nicht meist?

Ab morgen besuchen wir dann Planttagen, auf die ich schon sehr gespannt bin. Allerdings müssen wir dafür zeitig aufstehen. Doch das dürfte das kleinste Problem werden. Schwieriger wird es da schon, das richtige Kostüm zu finden. Ich würde zu gern ausstaffiert wie Scarlett O’Hara sein – mit Mami an meiner Seite und Rhett Butler als Verehrer. Mmmmh, der war schon lecker. Tatsächlich sieht es hier jedoch sehr ländlich aus mit wenig Tourismus drum herum. Ich lasse mich überraschen. Aber ich halte Ausschau nach Rhett. Sollte ich ihn finden, kann ich nicht mehr schreiben. Klar, oder? Also: Cross fingers for me!!!

Schön, kalt und bekifft

Heute ist quasi der Haupttag von Mardi Gras. Und auch, wenn et Sönnsche schinnt: Es ist eiskalt. Verdammte Axt, kann man da frieren.

Gestern Abend wirkte die Parade dunkler. Es waren mehr komische Gestalten unterwegs. Das sieht heute anders aus. Irgendwie entsteht auch der Eindruck, dass die schickeren Wohnungen von Weißen gemietet/ gekauft sind. Die Schwarzen wirken durch die Bank weniger betucht. Irgendwie komisch, dass dieser Eindruck selbst in diesem Jahrhundert noch sofort entsteht.

Und wieder riecht es überall nach Gras. Es fahren sogar Cannabis-Wagen durch die Gegend, die Süßigkeiten und Popcorn mit Cannabis anbieten. In einem Laden in einer Seitenstraße frage ich nach, ob das eigentlich legal sei? Nö. Aber gerade scheißt sich wohl keiner drum. Ekeliger Geruch.

In der Bourbon Street geht es nach dem Zug völlig verrückt zu. Da schmeißen sie die Ketten von den Balkonen herunter, was durchaus schmerzhaft sein kann. Dazu laufen manche tatsächlich trotz eisiger Kälte oben ohne herum – ja, auch Frauen. Und es ist KEIN schöner Anblick.

Richtig schlimm finde ich mal wieder die Mädels, die im Zug mitgehen. Sie sind noch Kinder bzw. teilweise auch Teenies, die superleicht bekleidet sind und sich so sexy und lasziv bewegen, dass einem schlecht werden kann. Ich bin nicht prüde, aber das ist Sexismus pur… Und kaum einer stört sich daran. Das hat nichts mit normalem Tanz zu tun. In Südamerika fand ich das schon schlimm, aber hier hätte ich damit nicht gerechnet. Und es sind durch die Bank farbige Mädels. Keine Ahnung, ob wir das jemals ändern können? Frauen sind keine Ware, werden aber von kleinauf darauf „dressiert“.

Richtung French Quarter sieht man dann auch viele Obdachlose, Alkohol- und Drogenkranke. In Amerika sind Reichtum und totales Aus nah beieinander. Dazu dudeln dann alternative Hippies von einer Graswolke eingehüllt eigenartige Musik. Hier ist wirklich alles vertreten.

Als wir auf dem Rückweg durch die Royal Street laufen, hält mich ein Bild gefangen. Es ist eine Ausstellung. Nun bin ich ja kein Kunstmensch, aber das sind wunderschöne Aufnahmen aus dieser Gegend. Viele traumhafte Bäume, die im Wasser stehen, sind in schummriger Atmosphäre eingefangen. Ich bin völlig geflasht. Irgendwann kommt ein Mann zur Tür herein, der eine Uniform trägt, wie die Musiker in der Parade vorhin. Er fragt, was so viele hier machen, wie es mir geht. Ich bin so weggebeamt, dass er die Frage wiederholen muss. Ich antworte ihm nach dem zweiten Mal, dass es mir gut ginge, ich nur einfach unwahrscheinlich beeindruckt sei von diesen Bildern. Er bedankt sich und stellt sich als Frank vor. Jo, schön. Ich bin Claudia. Wir schütteln uns die Hände.

Ich drehe mich vollkommen verzaubert von den Bildern um meine eigene Achse und könnte mich hier echt nicht entscheiden, welches ich kaufen würde – so ich denn genügend Kohle hätte. Irgendwie stellt sich heraus, dass Frank nicht der Verkäufer ist, sondern der Künstler. Krass. Seine Bilder hängen u.a. bei Promis, wie Drew Barrymore. Er freut sich wohl, dass ich so beeindruckt bin. Puh… einfach nur schön.

Was soll ich sagen? Mardi Gras ist ein Erlebnis. Ich schätze, vielen Auswärtigen käme es in Köln nicht viel anders vor: Viel Müll, viele Betrunkene, nur die Musik ist schon sehr anders. Es ist interessant, aber noch mal bräuchte ich das hier nicht…

Kettenluder

Eine Reise, die ist lustig, eine Reise, die ist schön… la la la…

Sorry, ich bin gerade im Schokoladen-Koma. Es ist allerdings ein toller Tod. Aber schön eins nach dem anderen.

Vorgestern waren wir in Destin (Florida). Wir – bzw. meine Cousine – sind hunderte Meilen gefahren. Leider war es teilweise so suppig und verregnet, dass es nicht so viel sehen gab. Interessant ist allerdings, dass man hier auch legal rechts überholen darf.

Das Zimmer, das wir uns dann genommen haben, war zwar frisch gestrichen (es klebte noch Folie an der Lampe), was jedoch den Schimmelgeruch nicht übertünchen konnte. Das Frühstück hatte als Highlight einen wunderbaren, fast gar nicht süßen Saft im Angebot. Ich musste schon befürchten, dem Duracell-Hasen Konkurrenz zu machen.

Der Strand lag leider noch im Nebel, war aber trotzdem pudrig weiß und wunderschön, bis wir dann losgedüst sind Richtung Pensacola. Dort sah es nett aus, also sind wir auf einen Parkplatz und haben uns noch gefragt, warum die Leute am Straßenrand auf Camping-Stühlen saßen? Ja-haaaa, da ging eine Mardi-Gras-Parade. Ok, dann also mal zum Strand, um uns eine portugiesische Galeere aus der Nähe anzuschauen. Nee, nix, wo einer rudert, sondern die Quallenart. Sieht schon schön aus, aber anfassen wollte ich die dann doch nicht. Sind ja nicht gerade liebe Viecher.

Die Parade wird von gar nicht sooo vielen Schaulustigen am Rand begleitet. Angeführt wird die Parade von Polizisten auf Fahrrädern und Motorrädern. Und dann fahren die an uns vorbei uns klatschen unsere Hände ab! Richtig lustig. Wieso gibt es das in Deutschland nicht?

Die Einheimischen tragen zum Teil schon Plastikperlenketten. Es heißt, wenn man blankzieht, bekommt man eine. Ääääh, ich will nicht blankziehen, aber ich will eine Kette… oder zwei… oder drei. Am Ende werden es unzählige. Wer jetzt meint, ich sei ein Flittchen, dem sag ich ganz klar: Weißt Du eigentlich, wie scheißkalt das da war?! Da hätte ich meine Mädels nie ausgepackt! Und den Pöppes genausowenig! Wer bin ich denn?!

Die Leute schmeißen hier die Ketten wie bei uns die Kamelle. Das macht echt Spaß. Und so direkt am Meer und bei 18 Grad ist es schöner als Zuhause. Anschließend folgen wir der Musik und hauen bei den ersten Tropfen ab. Genau richtig, denn bald geht ein Platzregen nieder. Klingt noch harmlos, aber später hören wir, dass es in Alabama – da sind wir mittlerweile – einen Tornado gab, der 23 Tote gefordert hat. Weit entfernt von uns war das nicht.

In Mobile (Alabama) holen wir im Walmart noch was zu trinken und knabbern, fühlen uns allerdings arg beäugt. Hier sind Weiße eher die Ausnahme, wie wir feststellen. So geht es uns dann auch beim Frühstück am Morgen. Der Typ, der uns dabei anquatscht, scheint nicht nur gestern zu viel getrunken zu haben. Etwas eigenartig ist uns dann doch zumute.

Krasser wird es dann allerdings in New Orleans. Die Stadt hat so viele Brücken, die drüber und drunter verlaufen, dass einem schwindelig werden kann. Dass die Straßen voll sind, versteht sich von selbst. Dass es aber überall nach Gras riecht, nicht unbedingt. Gut, es heißt „Mardi Gras“, aber das bedeutet nicht Cannabis-Konsum bis zum Abwinken.

Da morgen die größte Parade ist, wollen wir heute gar nicht groß die andere Parade schauen, sondern nur nett was essen. Das tun wir auch in einem schicken Restaurant in einer Seitenstraße. Der Kellner ist klasse, die Karte…äääh, verstehe, wer will. Ich will jedenfalls mutig sein und bestelle mir was mit Fisch und Green-Onion-Rice sowie einer Spezialsoße. Was dann kommt, sieht wie Gulaschsoße aus. Die Krabben darin schmeckt man gar nicht heraus. Und das Witzige: Die Soße sieht nicht nur so aus, sie schmeckt auch noch wie Gulasch. Das Essen ist wohl typisch für New Orleans, aber es könnte durchaus das Gulasch sein, was ich ab und an Zuhause zubereite.

Der Nachtisch entschädigt mich dann aber für alles. Eine Art Soufflé, das mit Vanilleeis gekrönt ist, über das der Kellner flüssige weiße und Vollmilch-Schoki laufen lässt. Kennt einer eine tollere Art zu sterben? Also ich nicht.

Draußen ist es saukalt, weil gerade eine kühle Front über uns drüberzieht. In den Straßen wird gefeiert – mit viel Gras, aber auch Alkohol. Und dazu liegen wir brav in unsren Hotelbetten im 21. Stockwerk, wo wir die Wärme genießen. Das Gehupe und die Musik dringen zwar hoch zu uns, aber der Gestank bleibt draußen.

Mal schauen, wie es morgen wird. Laut und mit reichlich Cannabis, aber trotzdem ein krasses Erlebnis. Ich bin gespannt…

Der überwundene Schweinehund

Schon eigenartig… wie gehemmt man manchmal sein kann. Ich bin allein in Peru und Bolivien gereist, aber dann gibt es wieder diese Momente, in denen ich zögere. Die einfache Variante wäre es gewesen, heute einfach auf Netflix die Gilmore Girls zu schauen.

Richtig, geplant war ein Trip nach Sanibel Island. Da gab es dann nur leider gestern die Info, dass der Vize-Präsident der USA dort Urlaub macht. Was das bedeutet? Sperrungen für die normal Sterblichen – leider. Dabei hätte ich nicht mal die Absicht, mit ihm zu reden, geschweige denn, ihm was zu tun. Ich kenne ihn ja nicht einmal.
Selbst ein echt guter Burger und die Titan-Show mit Dwayne the Rock Johnson (ich liebe dieses Schnittchen) trösten mich nur wenig.

Es bleiben zwei Alternativen: Ich schaue mir heute die Gilmores an oder ich fahre nach Fort Myers Beach. Klingt einfach, aber es gibt da trotzdem dieses Stimmchen. Ich will mit dem Bus fahren, aber weiß nicht, wo der hält. Meine Cousine erklärt es mir zwar, aber meine fehlende Orientierung ist ja legendär. Die Gilmores klingen auf einmal wieder sehr verlockend.

Nix da, das könnte ich auch Zuhause. Mit leicht flauem Magen gehe ich los. Äääääh… ist das ernst gemeint? Es gibt eine kleine Holzbank auf einem Rasen, was wohl die Haltestelle sein soll. Es ist eine Schnellstraße, aber was soll’s. Ich warte und entdecke tatsächlich irgenwann den Bus. Ein Tagesticket kostet 4 Dollar. Ich reiche ihm 10. „I can’t give out, Lady.“ Well, die Lady in mir hab ich noch nicht entdeckt, aber gut. Ich habe 3 einzelne Dollar oder einen 5er. Ich gebe ihm also schulterzuckend den 5er und erhalte mein Ticket. Es ist auch gar nicht so schwer mit dem Umsteigen in die andere Linie. Allerdings ist der Bus ein bisschen so aufgemacht, wie man es von St. Francisco Filmen kennt – echt nett.

Zwei Haltestellen weiter wird es dann richtig voll, wobei so ein kleiner Opi grinsend mit dem Busfahrer schäkert und sich dann neben mich setzt. Er quatscht so schnell und verwaschen, dass ich ihn bitte, das mal langsamer zu wiederholen, was er auch tut: Wenn man neben der richtigen Person im Bus sitzt, kann es ein toller Trip werden. Ah ja. Er fragt mich, woher ich sei. Dann frage ich natürlich zurück. Ursprünglich kommt er aus Ontario in Kanada. Na juut. Er quasselt weiterhin schnell und mit starkem Slang, bis ich irgendwann frage, wie er eigentlich heißt? Keith. Ah, wie Keith Richards? „Well…. yes. But I am Keith without teeth.“ Da hat er mich. Ich schmeiß mich weg.

Er hat einen Isolierbecher in der Hand und riecht ganz klar nach Alkohol. Und die Stumpen sind mir auch sofort aufgefallen, weil er so eine eingefallene Mundpartie hat. Aber dazu strahlen seine blauen Augen vor lauter Schalk. Nachdem ich über den Zahnwitz ausgiebig gelacht habe und längst die gerümpften Nasen ausmachen konnte, die Keith gelten, freu ich mich richtig, diesen Trip mit der Begleitung zu machen. Dieser Opi ist Spaß pur. Durch den elend-langen Stau haben wir ausreichend Zeit, dass er mir alles zeigen und erklären kann.

Als wir endlich ankommen, erklärt er sich zu meinem Guide und schleppt mich sofort zu einer Bar, wo er wohl arbeitet. Jeder grüßt ihn, er stellt seinen Kram ab und stellt mich allen vor. Mir fallen sofort zwei Pepsi-Lieferanten auf. Der eine hat so lustige Dreads, dass ich – ohne nachzudenken – frage, ob ich die mal anfassen dürfe? Ich darf. Hmm, der ist echt lecker. Keith will mir den Pier zeigen, als mich dann das Teufelchen reitet. Ich frage das Leckerchen, ob wir ein Foto machen könnten? Er strahlt mich an: „Sure!“ Oh ja, so was von sure! Keith grinst mit seinen 7 Stumpen (seine Zählung, nicht meine. Ich würde jeden dieser 7 maximal als halbe Zähne werten). Ich grinse zurück und sage, wenn ich schon mal die Chance bekäme, ein Foto mit so einem süßen Typen machen zu können, müsste ich doch zuschlagen. Da legt das Schnittchen mir den Arm um die Hüfte. Ach, ist das Leben doch lustig. Ich bedanke mich, was mir ein: „was a pleasure“ (und erst für mich!!!) einbringt, bevor wir dann gehen.

Keith zeigt mir alles Mögliche. Er grüßt Hinz und Kunz und ich versuche ihm zu erklären, dass er ein „colered dog“ sei. Damit ist er fein.

Er erklärt mir alles, bis wir wieder zur Kneipe kommen, wo die Plätze der Lieferanten leider verwaist sind. Ich trinke einen Mojito, den Jim mir mixt. Schnell rufe ich noch: „Not that strong, please!“ Aber er kesselt trotzdem rein. Gut, liegt vermutlich auch am Jetlag und der Sonne. Keith will mir den besten Platz überhaupt zeigen und winkt mich hinter sich her. Jim warnt mich noch, aufzupassen, weil die Stufen nicht eben seien. Hä? Keith schleppt mich also aufs Dach. Zugegeben, die Aussicht ist echt sehr nett, zumal man rundum schauen kann.

Wieder unten, drängt er mich, doch auszutrinken, damit er mir die Bibliothek zeigen könne. Ich sage noch, dass ich nicht so schnell Alkohol trinken könnte, da probiert er an meinem Strohhalm. Ääääh…. Ich mag ihn, aber ein bisschen gruselt es mich dann doch. Aber dann denke ich, dass er so viel trinkt, dass sich keine Viren oder Bakterien halten können. Ich trinke also den Rest, bevor es dann weitergeht.

Der kostenfreie offene Bus fährt uns zur Bibliothek, die ganz ok ist, aber bestimmt nicht der Burner. Allerdings verweist Keith auf Bilder des Gründers mit Kerzen und Blumen davor. Der Gute ist vor 4 – 5 Wochen von einem Irren mit einer Machete enthauptet worden – einfach so. Jo, das ist mal krass. Schusswaffen sind hier wohl ohnehin erlaubt, aber mit einer Machete jemanden zu enthaupten? Da denke ich doch eher an Südamerika.

Zwischendurch beschwört mich Keith, ich müsse unbedingt zur Sanibel Island, woraufhin ich ihm das mit dem Vize-Präsident und der Sperrung erkläre. „Your Vice President?“ „No. Yours!“ „Oooh, nobody’s gonna kill him. Well, the President for sure but not the Vice President. Our President has the IQ of a dead frog…“ Hätte der Gute doch Zähne, dann würde ich ihn glatt knutschen. So kommt der Impuls aber nicht wirklich auf.

Es ist ein runder Tag. Ich stecke zwar nicht die Füße ins Wasser, wie ich es geplant hatte, aber dafür war es richtig lustig und entspannt. Keith war einfach nur hilfsbereit und nett, ohne dafür etwas zu fordern. So mag ich die Menschen. Eine Umarmung zum Abschied und ein Küsschen auf meine Wange später steige ich müde in den Bus. Gute Entscheidung, nicht die Gilmores zu gucken, sondern rauszugehen. Das denke ich im Nachhinein immer, aber der Schweinehund muss immer wieder mal überwunden werden.

 

It’s getting hot in here

Puuh, ist das warm… und dabei haben wir erst kurz nach zehn morgens. Halleluja. Aber das ist Florida.

Gestern war es noch spannend. In Toronto hat es doch noch länger gedauert, bis das Boarding losging. Endlich im Flieger angekommen, brennen meine Augen so sehr vor Müdigkeit, dass ich Augenpflege betreiben und mich von innen anschauen will.

Und dann? Dauert es… und dauert…und dauert. Irgendwann nehme ich einen Lichtstrahl wahr. Nee, nicht das Licht am Ende des Tunnels. Ich blinzel und erkenne Enteiser. Klingt fast wie Terminator, oder? Die Gefährte (ja, gleich mehrere) haben oben eine Kabine, wo einer drin sitzt, der einen langen Teleskoparm ausfahren kann. Dann geht es auch schon los. Es wird gesprüht, was das Zeug hält. Herrlich… und vor allem lange. Ich bin echt fasziniert. So was hab ich auch schon in Deutschland gesehen, aber mit anderen, weniger spektakulären Maschinen. Dann rollen wir etwas weiter und warten wieder. Irgendwann testet der Pilot, ob alles noch enteist ist, indem er auf volle Touren dreht, aber quasi auf der Kupplung stehen bleibt. Alles rappelt, was ich toll finde. Da alles funktioniert, dreht er wieder alles runter.

Endlich geht es los. Es sind mehrere Kinder und drei Babys an Bord. Meistens schreien sie zu dritt – über den kompletten Flieger verteilt. Gut, ich finde es ja auch ermüdend und anstrengend, aber bei dem Geschrei kann ich nicht mal schlafen. Erleichtert stelle ich fest, dass es ohne Kinder doch schön sein kann.

In Fort Myers komme ich völlig geplättet an. Wie es wohl hier am Zoll sein wird? Ob die so nett sind wie in Toronto? Meine Cousine erwartet mich schon, noch bevor ich gecheckt werde oder den Koffer habe. Irgendwie krass. Mit dem Koffer klappt dann auch alles, so dass wir so rausspazieren können. Von Kanada aus wird es als Inlandsflug gewertet, weshalb ich nirgends mehr überprüft werde. Hammer. Ich versteh die Welt nicht mehr, aber genieße es. Draußen ist es noch angenehm warm, was mich an Kuba erinnert. Unruhig, aber erschöpft schlafe ich ein.

Heute ist nur Rumhängen angesagt, aber morgen will ich zur Sanibel Island. Gestern Abend hab ich noch vollmundig behauptet, dass ich zwei Tage relaxe… aber das halte ich nicht durch, schätze ich. Draußen ist es in der Sonne echt heiß, aber drinnen sitzen kann ich auch Zuhause. Also schaue ich mir die Insel wohl an. Ob mit oder ohne Hund, kläre ich später noch.

Träge schaue ich den Echsen auf der Terrasse zu. Die haben es gut, weil sie die Sonne so vertragen. Im Gegenzug ist ihr Leben gefährlicher, weil sie Vögeln, Hunden, Katzen und Schlangen zum Opfer fallen können. Och, da bin ich doch lieber Mensch, hänge ein wenig ab und freue mich auf die nächsten Tage.