… ein echter Montag…

Ums kurz zu machen: Der Grashüpfer hat bei mir Hausverbot bekommen. Auf mehrmalige Kontaktaufnahme meinerseits, kam so gar keine Resonanz. Da hab ich ihn rausgeschmissen. Wer sich so quer in den Stall stellt, ist es selber schuld, wenn er rausgeschmissen wird, oder? Wehe, mir widerspricht jetzt einer. Der fliegt dann auch vom Balkon – direkt dem Grashüpfer hinterher.

Ich mag heute Morgen nicht aufstehen, aber es hilft alles nix. Ich muss. Und so schlurfe ich also los. Keiner meiner Kollegen ist im Büro, was sich immer noch eigenartig anfühlt. Wann wird es wohl wieder so etwas wie Normalität geben? Ich denke, so bald wird das nicht der Fall sein. Seit vielen Wochen ist es heute das erste Mal, dass ich wieder mal an einer Teambesprechung teilnehme. Ich weiß wieder, warum ich mir zu dieser Zeit immer so gerne andere Termine reinlegen lasse. „You hold it in your head not out“ par excellence. Da wird meine Geduld wieder über Gebühr strapaziert. Nee, nee, nee, diese Selbstbeweihräucherung bereitet mir schrecklich viel aua. Mein Part liegt bei unter einer Minute. Ich weiß nicht, wie man so Zeit totschlagen kann? Nächste Woche muss ich mir wieder was Alternatives suchen. Denn wenn einer den Blutsturz wegwischen muss, den ich sonst hier bereiten werde, wird das eine fiese Sauerei sein, die ich keinem antun möchte.

Ich hetze wieder durch die Gegend und stecke kurz bei einem Kollegen des Nachbarteams den Kopf durch die Tür. Ich nenne ihn immer Schnucki-Wucki. Das „Wucki“ findet er schwul. Ist es aber gar nicht. Männer! 🙄 ich nenne ihn weiterhin so. Und weil ich Rheinländerin bin, lässt er es mir durchgehen. Er fragt mich, ob ich auch mal ohne Hetzen und Stress könnte? Ich grinse ihn an und schüttel‘ den Kopf. Ich brauche es, einen vollen Kalender zu haben. Andernfalls würde ich mich noch mehr über meine Kollegen aufregen. Und damit ist ja wohl keinem gedient.

Später als geplant, aber dann eben endlich doch, starte ich nach Straubing. Voller Erwartung gehe ich zum Mietwagen, um dann enttäuscht festzustellen, dass es ein kleiner, popliger Toyota ist. Ja, das Luxusgör in mir hätte mehr erwartet. Und das dämliche Ding verfügt noch nicht einmal über ein Navi!!! Ja, gibt’s denn heute so was überhaupt noch??? Ich bin bass erstaunt. Und gereizt. Ich flitze zu meinem Auto und hole meine Handyhalterung raus. Nicht mal die Lüftungsschlitze sind groß genug, um da vernünftig was ans Halten zu bekommen. Und es kommt, wie es kommen muss: Ich nehme prompt die falsche Ausfahrt. Wie oft bin ich die Strecke jetzt schon gefahren? Richtig. Schon oft. Richtung Stuttgart fahre ich nur, wenn es zu meiner Sis geht. Vielleicht war mein Herz da mal wieder lauter als mein Verstand. Wieso hab ich eigentlich von Geburt an so gar keinen Orientierungssinn, dafür aber meine Sis umso mehr davon? Bei 160 km/h fängt die Karre dann auch noch an zu vibrieren! Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich mir wohl was bei Eis.de oder Amorelie bestellt. Puh… es ist wohl ein echter Montag. Als ich endlich ankomme, dröhnt mein Schädel. Ich hau mir eine Kopfschmerztablette rein und mich aufs Bett. Später habe ich noch ein Date…

Als ich los muss, ist es schon besser. Ich treffe die liebe Kollegin beim Italiener. Endlich nehmen wir uns die Zeit, noch mal ausgiebig zu klönen. Jeder, mit dem ich spreche, bestätigt meinen Eindruck: Die Zeit ist irgendwie weg. Es steht so vieles still. Beruflich halten viele von uns den Atem an. Aber schaut man auf den Kalender, ist das Jahr schon gefühlt rum. Es ist und bleibt wohl das eigenartigste Jahr aller Zeiten für mich. 1999 ist auch eines, das mir nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Im Januar hatte ich eine fette Blasenentzündung. Im Februar ist mir eine Frau mit 70 Sachen ins Auto gefahren. Im März habe ich meine Mom gefunden, nachdem sie einen Schlaganfall erlitten hat. Danach war nichts mehr so wie früher. Daher ist 99 auch der unangefochtene Spitzenreiter der schlimmsten Jahre. Aber das eigenartigste ist nun das Jahr 2020. Wie wir das wohl im Rückspiegel einmal betrachten werden?

Nina und ich erzählen uns Dönekes von der Arbeit, von früheren Jobs, von früheren Männern. Sie berichtet von ihrem Müsste-man-mal-Chef. Ich erzähle ihr vom Hobby-Mann. Während ihr Chef gerne sagte: „Da müsste man mal dieses oder jenes machen“, hat er andere immer vor den Karren gespannt und dann selbst die Preise abgesahnt. Den Hobby-Mann kenne ich von einem Kollegen. Sein Chef kassiert immer alle guten Ideen und präsentiert sie dann mit: „Do hob i des gmoacht… do hob i des…“ Dauernd spricht er in der ersten Person Singular. Vielleicht hat der Gute aber auch nix anderes in der Schule in Deutsch durchgenommen. Oder er hat bei den anderen Formen eine längere Krankheit gehabt? Man weiß es nicht.

Apropos Deutschunterricht. Auf meine Mail ans Flüchtlingsheim kam innerhalb von zwei Stunden bereits eine Antwort. Aufgrund von Corona ist gerade ein Arbeiten vor Ort nicht möglich. Aber Freitag haben sie eine Besprechung und schlagen meine Idee der Traumatherapie vor. Also: Daumen drücken! Es wäre schon toll, so wirken zu können.

Morgen muss ich zeitig aus dem Bett und ohne Frühstück los. Ganz einfach, weil die Inhaftierten ihre festen Zeiten haben. Ich hab mich gar nicht mehr richtig eingearbeitet, sondern mach mal wieder meine flexible, spontane Show. Hoffentlich fällt das nie auf. Aber dafür sollte ich zumindest einigermaßen ausgeschlafen sein. Daher krabbel ich jetzt mal ins Bettchen und versuche, zu dem herrlichen Regengeräusch Bubu zu machen. Gehabt Euch wohl… oder wie Ihr es mögt. 😉

Hüpf, Grashüpfer, hüpf (nur nicht in mein Schlafzimmer!!!)

„Et reeschnet, et reeschnet, die Ärdö wird nass, da kommen zwei Pastürkes, die waschen sich de Üürkes…“ Ich habe nachgeschaut: Es gibt ein Kinderlied, das „Es regnet“ heißt. Der Text fängt ähnlich an, aber dann ist er eben so ganz anders. Da kommen keine Pastöre drin vor. So hat es aber jedenfalls bei uns immer geklungen, wenn es geregnet hat. Hach, ich habe schon als Kind gerne Regenlieder gesungen. Und natürlich musste immer ein Schuss Plattdeutsch dabei sein. Ich weiß noch, wie ich mit meiner Schwester mal im Auto saß und es nonstop geregnet hat. Mein Vater hat zur damaligen Zeit für ein Kinderheim gearbeitet. Wir sind dann irgendwohin gefahren, weil er einiges nachliefern musste, das sie da fürs Zelten oder was auch immer gebraucht haben. Und meine Sis und ich haben dann ewig im Auto gesungen, während es gegossen hat. Da es bei uns im Dorf nicht viele Möglichkeiten gab, waren wir – wie selbstverständlich – im Kinderchor, später dann im Kirchenchor (ich im Letzeteren nicht freiwillig…aber was soll´s?). Mannomann, wir haben auch schon mal auf einer Goldhochzeit „So nimm denn meine Hände“ gesungen. Und die Leute haben geflennt. Dabei dachte ich noch, dass wir gar nicht so schlecht waren. Später hat meine Mom mir dann erklärt, es sei Ergriffenheit gewesen. Damit konnte ich nicht so wahnsinnig viel mehr anfangen, aber es war ok. Auf meiner Kinderkommunion habe ich dann auch ganz allein vorne gestanden und was vorgesungen. Heute hätte ich Sorge, dass der Blitz neben mir einschlüge, wenn ich das in einer Kirche täte, aber damals war das ganz ok. Eine Frau aus dem Dorf hat meiner Mutter dann eine ganz große Karriere für mich vorausgesagt. Ha ha, das wäre es gewesen. Wenn überhaupt, hätte ich in einer Rock oder Heavy Metal Band mitgemacht. Und das hätte dann eher wieder nicht in unser Dorf gepasst.

Ja, solche Erinnerungen kommen mir, wenn mein Hirn langsam wieder das Köcheln aufhört. Draußen rauscht es herrlich. Gut, ein Gewitter war nicht dabei, was mich ein wenig traurig stimmt, aber das tut´s auch, was da draußen gerade los ist. Es ist so beruhigend und gleichzeitig so erfrischend, wenn es nach dieser ekligen Hitze so richtige Schauer gibt. Da ich zum Lüften über Nacht einfach mal alles aufgerissen habe, meinte wohl ein Grashüpfer, es wäre tatsächlich Tag der offenen Tür. Er hängt jetzt da oben an der Decke, und ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll. Ignorieren? Oder mein Trampolin wieder runterklappen? Vielleicht ist er ja auf Reha hier und braucht ein bisschen Sprung-Unterstützung? Aber wenn der nicht mit mir spricht, kann ich ihm auch schlecht helfen, gell? Ist vermutlich ein Mann. Wäre er eine Frau, würde das Vieh mir ja ein Ohr abkauen. Ich weiß, meine Logik ist bestechend. Das höre ich immer wieder.

Ich packe mir eine Peel-Off-Maske ins Gesicht, die schön schwarz ist, und stelle mich ans Küchenfenster. Doch Oppa ist heute nicht da. Dabei hatte ich gehofft, ihn auch mal amüsieren zu können, wie er das mit seiner Nudistenvorstellung immer wieder schafft. Aber nix. Oppa hat sich beim Regen einfach nach drinnen verkrümelt. Dabei könnte er locker im Trockenen und trotzdem dabei draußen sitzen. Vermutlich hat er den Braten gerochen. Nee, nicht den Sonntagsbraten, den seine Else gerade zubereitet, sondern den Braten im übertragenen Sinne, dass ich auch mal einen coolen Einfall hatte. Oder er schläft noch, weil er eine heiße Nacht mit Omma hinter sich hat. Oh je, ich will gar nicht so genau darüber nachdenken. Ob ich das ekelig finde? Nö, gar nicht. Es ist eher der Neid, so lange schon so männerlos zu sein. Und nein, er ist keine Alternative für mich. Erstens gibt es Omma und zweitens…äääh…naja, sooo groß ist meine Verzweiflung dann doch auch nicht.

Da es wieder normaltemerapturig (geniales Wort, oder?) ist, kann ich auch wieder mehr denken. Und so habe ich gerade mal die Flüchtlingshilfe kontaktiert. Ich fänd es toll, hier traumatherapeutisch tätig werden zu können. Jetzt heißt es abwarten und hoffen, dass sie sich melden und Bedarf haben. Es fehlt mir im Job schon ungemein, wirklich etwas zu bewegen. Geht es Euch auch so? Ich denke da wieder an meinen kleinen Neffen, der sagte, wie toll es sei, wenn man am Abend sehen könne, was man tagsüber so alles getan habe. Das geht mir ab. Die meisten von uns arbeiten wohl in Jobs, die ganz ok oder sogar gut sind. Aber wer verwirklicht sich so richtig? Bin ich da zu idealistisch? Vermutlich schon. Wahrscheinlich erwarte ich zu viel. Aber ich kann irgendwie nicht anders. Irgendwas möchte ich bewirken. Mal schauen, ob mir das gelingt oder ich immer eine „Getriebene“ bleibe. Könnte der Grashüpfer doch nur reden. Ich würde gerne mal seine Meinung dazu hören.

Vorhin habe ich mit meiner Sis telefoniert. Gestern ging schon mal das Telefon, aber als ich nach zweimaligem Klingeln rangegangen bin, war das Gespräch bereits  weg. Ich habe also spekuliert, sie hätten sich irgendwie verwählt. Aber Pustekuchen! Dem war nicht so. Es kam aber auch kein neuer Anruf. Meine Sis hingegen hat gedacht, ich hätte sie weggedrückt, weil sie stören würde. Göttlich! Heute hat sie dann vorab eine Nachricht geschickt, ob es passen würde zu telefonieren. Es war gestern abends, kurz vor 20 Uhr, als sie angerufen hatte. Wobei also sollte sie da schon stören? Ich habe ihr feierlich erklärt, keinen Herrenbesuch oder dergleichen gehabt zu haben. Mein Leben ist gerade so was von langweilig! Da sagt man immer, Singles hätten aufregende Leben. Aber das kenne ich nur von „Sex and the City“. Die Wahrheit sieht eher stinkelangweilig aus. Mein Highlight ist Oppa gegenüber mit oben ohne. Trotzdem lustig, wie man ein und dieselbe Situation so unterschiedlich interpretieren kann. Und – sind wir mal ehrlich – da sind wir Frauen Meisterinnen unseres Handwerks, oder? Wenn ich überlege, was alles wie gedeutet werden kann. Puh! So kompliziert können Männer gar nicht denken. Und da diese ja meist so wortkarg sind, interpretieren wir Mädels da ja am allerliebsten jede Menge hinein. Gott, wenn ich daran denke, wie viele Kerle der Mädels in meinem Freundeskreis bereits mit Amnesie oder gebrochenen Armen irgendwo in einem fernen Krankenhaus gelegen haben! Allein daran wäre unser Gesundheitssystem kaputtgegangen. Dabei ist es manchmal einfach so schnöde, wie es ist: Wenn sich ein Kerl nicht mehr meldet, hat er einfach kein Interesse. In den seltensten Fällen ist er wirklich krank, hat appe Hände oder eine Lobotomie erfahren. Und trotzdem macht es immer wieder Spaß, sich Geschichten auszudenken, was alles vorgefallen sein könnte. Hach, ich bin doch froh, eine Frau zu sein und mir mit meiner Phantasie das Leben bunt malen zu können. In diesem Sinne rede ich jetzt vielleicht doch mal mit dem Grashüpfer. Wer weiß, was ich da alles erfahren kann?

mein Hirn schmilzt…

Was bin ich froh, wenn es hoffentlich heute Nacht ein fettes Gewitter gibt. Die Nacht war anstrengend. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich wach geworden bin und mich hin- und hergewälzt habe. Keine Ahnung, wie Leute ab 30 Grad erstmal von Sommer reden können. Für mich fängt der bei 20 Grad an und endet bei 24 Grad. Celsius, wohlgemerkt. Nicht, dass wir – wie auch immer – aneinander vorbeireden.

Heute Morgen ist es zumindest in meinem Breitengrad noch angenehm draußen. So sitze ich auf dem Balkon, genieße meinen Kaffee und probiere meine Marmelade. Ja, eigentlich ist sie eher winterlicher Art, aber wisst Ihr was? Das ist mir so was von scheißegal. Es gibt Dinge, die sommers wie winters gehen. Nahezu alles, wo man Zimt ranknallt, geht das ganze Jahr über. Vermutlich bin ich längst abhängig von dem Zeug. Macht aber nichts. Irgendwie schmeckt es so vertraut und heimelig.

So gar nicht vertraut und heimelig finde ich hingegen die Berichte über Demonstrationen in Berlin. Ich verstehe es nicht. Wirklich. Ich bin total überfordert mit so was. Nein, ich muss nicht allem folgen, ohne es zu hinterfragen. Aber zumindest erschließt es sich meiner Logik, dass niemals nahezu alle Regierungen dieser Welt die Köpfe zusammenstecken und sich einigen können, die Rechte aller Völker zu beschneiden. Wenn ich das schon verstehe, wieso können es dann nicht auch andere, die vermutlich höher studiert sind? Wobei es im letzten Jahrhundert auch Hochstudierte waren, die die wildesten Rassen-Ideologien entwickelt haben, die jeglicher Grundlage entbehrten. Ich frage mich, was in solchen Hirnen alles schiefgelaufen sein muss? Wieso lernen manche Menschen nicht einfach, dass man mit Hass und Ignoranz nicht weiterkommt? Es bleibt mir ein Rätsel. Und ja, ich sehe durchaus, dass die Medien in Teilen manipulieren. Ich sehe, dass vieles übertrieben dargestellt wird, um Meinung zu machen. Aber kein Zusammenschluss der Regime hat sich das Corona-Virus ausgedacht.

Aber kommen wir mal zu etwas echt Banalerem: Kennt Ihr das? Ihr hört von einem Film und denkt: Den muss ich sehen. Er wird so kontrovers diskutiert, da muss ich auch reinschauen. So geschehen bei mir. Und ich habe mir diesen ominösen Streifen (365 Days) reingezogen. Und es war, wie bei einem Unfall: Er war schlecht, aber ich musste hinsehen. So kann man einen Tag auch verbringen. Ob ich das nun wirklich gebraucht habe, um mitreden zu können? Nö. Aber was soll ich denn sonst bei so einem Wetter machen? Eben. Mein Hirn kocht einfach bei solchen Temperaturen. Sollte es so was wie Wiedergeburt geben, dann bin ich vermutlich nordischen Ursprungs. Echt wahr. Ein Erotikstreifen macht es da bestimmt nicht besser, was die Temperaturen betrifft, aber eben auch nicht schlimmer. Es waren ja auch nur zwei Stunden meines Lebens mit diesem Film. Der weitaus schlimmere Film, war der für mich schlechteste aller Zeiten: Mother. Oh Gott, hat den jemand von Euch gesehen? (Und ich frage hier nicht meine Kinobegleitung. Dass Du dabei warst, weiß ich ja schon.) Kann mir den Film einer erklären? Ich hatte Mühe, nicht völlig hysterisch im Kino loslachen zu müssen.

Und da haben wir ein weiteres Dilemma von Corona: Es kommen zu wenige neue Filme auf den Markt. Nein, das ist nicht kriegsentscheidend. Es bietet auch keine Grundlage für weitere Verschwörungstheorien – zumindest nicht von meiner Seite. Aber an Tagen, wie diesen, habe ich echt meine liebe Mühe mit dem knappen Angebot der Filme, die ich noch nicht kenne und das Potenzial haben, mich wirklich zu unterhalten. Denn ich bin wirklich zu nicht viel zu gebrauchen. Und da fang´ ich dann wieder das Träumen an. Das mit dem Bulli hat nicht funktioniert. Aber sollte ich mal im Lotto gewinnen, wird es in meinem Haus eine riiiiiiesige Klimaanlage geben. Nicht, wie bei den Amis. Da musst Du ja das ganze Jahr über Jäckchen im Haus tragen. Ist nicht so mein Fall. Aber an den Sommertagen würde ich das Ding schon aufdrehen. Dann könnte ich wenigstens etwas produktiv sein. Aber so? Keine Chance. Ich verstehe da die Südländer sehr gut, die mittags immer Siesta machen. Ist das Sinnvollste, was man tun kann. Vielleicht sollte ich das auch mal einführen? Aber dann kann ich nachts ja wieder nicht ordentlich pennen. Es ist ein Teufelskreis. Also: Wenn dann mal jetzt jemand so freundlich wäre und am Sönnchen schrauben könnte? Ich wäre ihm/ihr echt sehr verbunden. Ich gäb sogar mein Erstgeborenes dafür her – so ich denn eines hätte. Ihr seht es ja selbst: Die Temperaturen machen meinem kleinen Hirn wirklich sehr zu schaffen.

Was mir zumindest Freude bereitet, ist Oppa auf der anderen Seite. Wenn ich in meiner Küche bin, geht mein Fenster zur Vorderseite heraus. Auf der Rückseite sind keine Häuser mehr. Aber auf der Vorderseite eben schon. Und regelmäßig sehe ich Oppa, wenn ich in der Küche wusel´. Und das Schönste an Oppa? Er mag keine Shirts. Gut, an so heißen Tagen, wie es heute einer ist, kann ich das schon fast verstehen. Aber Oppa mag ab schätzungsweise 22 Grad schon kein Shirt mehr. Manchmal trägt er noch ein nettes Feinripp-Unterhemd, nur um es sich dann doch auszuziehen. Warum ich mir das anschaue? Habe ich das vorhin nicht erklärt? Es ist wie mit einem Unfall. Aber auch hier kann ich nur wieder sagen, dass ich so was schon ziemlich cool finde. Klar, es sieht schräg aus, aber es ist ihm egal. Außerdem ist es ja sein Zuhause. Was kann er dafür, wer alles auf seine Terrasse schauen kann. Der scheißt sich einfach nix, wie man hier so schön sagt. Gerade würde ich es ihm so gerne gleich tun, aber wenn ich ihn sehen kann, kann er mich vermutlich auch sehen. Und…äääh…wie soll ich sagen? Ich scheiß´ mir da durchaus was.

Also schwitze ich wohl weiter, finde den Sommer doof und freue mich auf das kühle Nass, das hoffentlich in ein paar Stunden kommt. Ich brauche es – und mal ehrlich: Bei meinen wirren Gedanken, braucht Ihr das auch. Es wäre also eine Win-Win-Situation. In diesem Sinne: Petrus, oller Knöterich, dreh´ den Wasserhahn auf! Wenn ich erst raufkommen und es Dir erklären musst, wird es ziemlich unbequem für Dich. Ich warne Dich, ich bringe Oppa von gegenüber mit. Und Heinz! Jawoll! Den lange nicht erwähnten Heinz. Also hopp, hopp!

Spiegeleier-Symptom

Baaaaaaaah, was ist das für eine abartige Hitze. Ehrlich: Wer mag denn so was? Wenn Du nur ruhig irgendwo sitzt, merkst Du, wie sich so ein kleiner Schweißtropfen auf die Reise macht und gemächlich den Rücken hinabrieselt. Zum Glück trage ich Hose mit Gürtel, denn auf… ach, Ihr wisst schon, was ich meine.

Bereits morgens ist es schon drückend. Ich schlendere also gemütlich zur S-Bahn und warte am nächsten Bahnhof auf eine Mitschülerin. Es tut einfach gut, sich noch mal zu sehen. Nur das mit den Umarmungen ist einfach blöd – also dass man sich nicht umarmen soll. Doch es ist ja schon eine Steigerung zu sonst. Wir sind recht schnell am Café, aber meine Böckchen-Mitschülerin ist schon da. Wir zwei sind immer superfrüh irgendwo, aus Sorge, uns zu verspäten. Daher trifft man uns in der Regel zehn Minuten früher an. 😊 Ist wohl irgendwie in den Genen festgeschraubt. Leider hat es der Großteil nicht so mit der Pünktlichkeit. Wir warten noch über eine halbe Stunde, bis wir bestellen. So was nervt mich ja schon etwas, aber selbst fürs Aufregen finde ich es zu warm.

Wir klönen über Gott und die Welt. Ich finde es immer wieder spannend, wie manche Menschen unterwegs sind. Eine Mitschülerin kommt in einem süßen bunten Kleid und beugt sich kurz über den Tisch. Sie trägt keinen BH. Äääh. Und nein, sie ist keine knackige 17 Jahre alt. Sie ist auch kein Hippie-Mädchen. Eher das Gegenteil. Ich meine, Zuhause mache ich das auch. Aber draußen würde ich so niemals rumlaufen. Ich bewundere solche Menschen echt, die einfach nur tun, was ihnen gut tut. Wen es stört, der darf ja gerne wegschauen. Ich glaube, da darf ich noch eine ganze Menge lernen. Und nein, es wird nicht mein Ziel sein, ohne BH rauszugehen. Das steht eher sinnbildlich für die eigene Freiheit, wirklich nur das zu tun, worauf ich Bock habe. Und auf „die Gondeln tragen Trauer“ oder „die Wolken hängen tief“, habe ich keine Lust.

Wir haben ja auch zwei Männer im Kurs, die auch beide heute da sind – der Widder 20 Minuten zu spät, der andere 35 Minuten. Es wird gefrötzelt, dass es kracht. Als die Bedienung nachher zum Kassieren kommt, habe ich den Modus noch nicht verlassen. Der Widder fragt mitfühlend: „Das ist bestimmt abartig heiß an so einem Tag und dann noch mit Maske?!“ Die Bedienung antwortet schwitzig: „Auf meiner Stirn könnte man ein Spiegelei braten.“ Und schon rufe ich laut: „Wir brauchen ein Ei!!!!!“ Alle gucken mich mit großen Augen an. Nur die Bedienung lacht und kontert: „Ich geh nur kurz am Nebentisch kassieren. Danach, ok?“ Ich hätte es echt gerne gesehen, wie sie sich ein Ei auf die Stirn kloppt.

Und dann kommt auch schon die Überleitung vom anderen Böckchen: „Apropos Spiegelei: Kennt Ihr das Spiegeleier-Symptom bei Männern?“ Ääääh, wir schauen uns verständnislos an. Eine psychische Erkrankung sollte es hoffentlich nicht sein, denn die müssten wir ja schon mal im Kurs gehört haben. Die Erklärung folgt: „Na, wenn der Mann so dick ist, dass er seine Eier nur im Spiegel sehen kann.“ Oh weia. So, wie wir gackern und das bei der Hitze, müssen wir aufpassen, keine Eier zu legen. Völlig blöde, aber eben auch lustig. Aber dann wird es auch langsam Zeit, endlich aufzubrechen. Wir wollen die Nerven unserer Mitmenschen ja nicht überstrapazieren.

Zu dritt fahren wir mit der Bahn. Alle tragen Maske. Aber 1,50 m Abstand kann man hier drin logischerweise nicht einhalten. Wie auch? Es ist Freitagmittag. Da ist es ohnehin immer voll. Ein Herr steigt ein, lässt einen Platz in der Reihe frei und lässt sich daneben nieder. Und schon keift eine Frau los, er solle gefälligst 1,50 m Abstand halten. Ihn hört man nur ruhig etwas erklären, aber sie keift weiter. Ich überlege kurz, ihr vorzuschlagen, sich doch aufs Dach zu legen, da sie dort sicher sein dürfte, lasse es aber lieber. Wenn sie so panische Angst hat, sollte sie die Öffis am besten ganz meiden. Aber sie piekst den Mann immer wieder verbal an. Ich bewundere seine Ruhe. Manche Menschen sind echte Pestbeulen.

Aber es gibt auch die, die einem ständig zu nahe kommen. Ich frage (wie schon mal beschrieben) dann ja gerne, ob sie für mich mitzahlen wollen oder meine Geheimnummer besser kennen. Aber eine andere Mitschülerin berichtet von einer Freundin. Die sagt immer gern: „Sie stehen voll in meiner Aura, was ich als unangenehm empfinde. Macht es Ihnen etwas aus, auf Abstand zu gehen?“ Sie ist keine Eso-Schnecke, hat aber die Erfahrung gemacht, dass die Leute bei der Erwähnung von „Aura“ automatisch zurückzucken. Ich glaube, das werde ich mal ausprobieren müssen.

Da niemand für mich die Sonne abknallt, vollständig verhüllt oder mit einer Klimaanlage vorbeischaut, werde ich mich ab jetzt nur noch drinnen aufhalten. Vorhin habe ich Pflaumen in Amaretto eingelegt und mache daraus gleich eine schöne Marmelade für den Winter. Zu mehr bin ich heute nicht imstande. Morgen soll’s noch schlimmer werden. Dann bin ich eben noch einen weiteren Tag komatös. Auch das geht vorbei…. also hoffe ich doch!

Verse, Ferse usw.

Heute schlafe ich aus. Aber so richtig. Man, man, man, ist das ein schönes Gefühl, ohne Wecker ins Bett zu krabbeln. Ich genieße es, frühstücke in Ruhe und lasse mich treiben.

Gehört Ihr zu den Leuten, die auch gerne mal was schieben? Ich schon. Es gibt Sachen, die ich immer sofort erledige, wie beispielsweise Arztbesuche. Oder auch den Koffer, den ich sofort auspacken muss, wenn ich nach Hause komme. Wenn ich damit warten müsste, würde ich vermutlich innerlich abdrehen. Aber bei anderen Sachen, puh, da kann ich die Dinge auch gerne auf die lange Bank schieben. Daher mag ich das Sprichwort auch: „Des Teufels liebstes Möbelstück ist die lange Bank.“ Hat was, oder? Nehmen wir meine Wanduhr beispielsweise. Die Batterie ist leer. Gut, das weiß ich nicht erst seit heute. Nein, das ist ein Zustand, der vor Monaten eingetreten ist. Aber die Fotos gehören ohnehin einmal überholt. Rund um das Ziffernblatt sind nämlich Fotos angeordnet. Und da tummeln sich Bilder, die schon etwas älter sind. Zwei Menschen möchte ich auch ganz entfernen. Aber da das eben eine unangenehme Sache ist, schiebe ich sie. Zwischendurch erhalte ich ja durchaus Angebote, die Batterie für mich zu wechseln. Ehrlich, das schaffe ich dann doch so gerade noch. Das ist ja auch keine echte Handwerkskunst. Es sind wirklich die Bilder, die ich in Angriff nehmen möchte. Warum sollte ich die Uhr zwei Mal von der Wand nehmen? Eben. Viel zu umständlich. Und heute reicht es mir dann: Ich schaue, welche Bilder ich ausdrucken lassen möchte und ziehe sie mir – ganz old school – auf einen USB-Stick.

So gerüstet, fahre ich also zu DM. Es dauert, da nur ein Terminal funktioniert. Die Dame entschuldigt sich mehrfach, dabei beschwere ich mich absolut nicht und finde tausenderlei Kram, den keiner braucht, aber der trotzdem nett ist. So kaufe ich beispielsweise ein Wasserspray fürs Gesicht – mit Kokosduft. Mmmmmh. Was es nicht alles gibt! Ich hätte nie gedacht, dass ich so was brauche. Aber wenn ich es da so stehen sehe, spüre ich meinen dringen Bedarf. Bekloppt. Aber so funktioniert Einkaufen. (Zuhause ausprobiert, ist es auch echt lecker und erfrischend.) Als ich dann endlich zur Kasse gehen kann, höre ich, wie eine Frau die Kassiererin fragt, wo sie ein bestimmtes Produkt finden könne? Die Kassiererin ist zwar freundlich, kann aber leider nicht weiterhelfen. Und da sagt die Kundin, die gerade fertig ist, im Flüsterton: „Das gibt es auch bei Action!“ Die Kassiererin und ich fangen an zu lachen. Es hat so eine Situationskomik.

Das erinnert mich an einen ehemaligen Kollegen in der vorherigen Firma. Er war Trainer. Wir brauchen immer so unsere Geschichten, um die Leute aufzulockern, wenn sie verschüchtert in den Seminarraum schleichen. Er hatte eine ganze Palette an Obi-Geschichten, die mich bis heute zum Lachen bringen. Er wohnte in der Nähe so eines Ladens. Da er einmal zufällig ein orange farbenes Shirt beim Einkaufen trug, hat ihn ein Kunde kurzerhand gefragt, wo es denn die elektrischen Heckenscheren gebe? Er fand das so witzig, dass er kurzerhand geantwortet hat: „Beim Hagebaumarkt.“ Und so einen Mist hat er ständig gemacht.

Ich fahre weiter zu einem Supermarkt und hole weit aus, um direkt in der Parklücke vorziehen zu können und später nicht rückwärts ausparken zu müssen. Aber dann entdecke ich, dass auf der anderen Seite gerade ein Fahrschüler seine Künste versucht und setze noch einmal zurück, um anderweitig zu parken. Ein Mann lehnt an seinem Auto und schaut genüsslich dabei zu. Entsprechend fühle ich mich bemüßigt, beim Aussteigen gleich klarzustellen: „Ich parke nicht immer so bescheuert ein! Da war nur dieser Fahrschüler.“ Doch er sagt nur: „Jo, jo“ und winkt ab. Ob er mich schon häufiger beim Einparken beobachtet hat? Möglich wäre es, gell?

Und so verbummel´ ich den Tag, checke – trotz überstundenfrei – meine Job-Mails und schmunzle mal wieder über muntere Rechtschreibfehler. Ein Kollege hat mein verfasstes Gedicht haben wollen und bedankt sich dann per Mail, da er voller Begeisterung noch einmal „meine Ferse“ gelesen hätte. Ich kenne ja durchaus Fuß-Fetischisten…und auch, dass manche Menschen aus Händen lesen können. Aber meine Ferse bleibt meine Ferse. Ich könnte Verse zu meinen Fersen verfassen, sie aber nicht anfassen lassen, denn da bin ich kitzelig. Mal ernsthaft: Rechtschreibung ist einfach wichtig für mich. Doch der Kollege hat es nicht mit der Sprache bzw. Schrift. Er ist dafür technisch ein Ass. Neben ihm komme ich mir immer fürchterlich dumm vor. Und er fragt – so auch vorgestern – dafür mich, wie man bestimmte Wörter schreibt. Das Wort „Imageverlust“ will er partout nicht schreiben, was ich erst verstehe, als er erwähnt: „Na, dann sag´ halt, wie ich das schreib´!“ Über diese Möglichkeit hatte ich gar nicht nachgedacht. Es hat mich nur verwundert, dass er es nicht schreiben wollte. Und zunächst lacht er, als ich sage: „I – ma – ge.“ Doch dann schreibt er es so auf. Ihm geht es vermutlich umgekehrt so, wenn er hört, dass ich keinen Nagel gerade in die Wand kloppen kann. Oder dass ich keine Lampe anbringen kann. Ist doch toll, dass wir Menschen uns gegenseitig so ergänzen können, oder? Und so wird mir deutlich, dass es nicht selbstverständlich ist, was mir leicht von der Hand geht – und ihm, was ihm so leicht erscheint. Nicht verkehrt, sich das hin und wieder einmal mehr bewusst zu machen, oder?

Jetzt genieße ich noch etwas die Wärme auf dem Balkon. Tagsüber ist es mir zu warm, aber abends ist es angenehm. Die Wände haben noch die Wärme gespeichert, die sie dann abgeben. Dazu ein gutes Buch und die Gewissheit, dass ich morgen einen schönen Tag mit auswärtigem Frühstück vor mir habe. So darf es gerne weitergehen. Später zünde ich noch meine Kerzen an und schalte die Lichterkette ein. Tja, Romantik geht eben auch allein – auch wenn es Menschen gibt, die mir unterstellen, unromantisch zu sein. Dabei kommt es ganz klar auf mein Gegenüber an, ob es mit der Romantik passt oder eben nicht. 😉 so long…

Warm – auch hinter Gittern

Ich schlafe bei dem heißen Wetter immer schlecht. X Male wache ich auf und freue mich schon, wenn ich wieder in meinem Bettchen nächtigen kann. Aber nächste Woche bin ich ja wieder hier. Plötzlich schaue ich auf die Uhr und sehe: Es ist bereits sechs Uhr! Mit einem Satz, der bestimmt so elegant wie bei einem Panter aussieht, springe ich aus dem Bett. Man, bin ich aber fix… nur um dann zu realisieren, dass ich heute ausnahmsweise später los muss. Ich lasse mich noch mal aufs Bett fallen und döse noch 30 Minuten.

Beim Frühstück bin ich nicht allein. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Leute auf Englisch. Keiner von ihnen ist native Speaker, das höre ich ganz deutlich. Bei ihr ist klar, dass sie aus Deutschland kommt. Sie redet und redet – über Spargel, Blumenkohl, Zucchini, Kohlrabi usw. Dieses Jahr sei es echt schwer gewesen, Gemüse zu vernünftigen Preisen zu bekommen. Die Studenten würden wesentlich länger benötigen, als die üblichen Erntehelfer. Er antwortet, und ich bin mir sicher: Das ist ein Holländer!! Ah, ich liiiiebe ja alles, was holländisch ist. Beim Rausgehen quatsche ich ihn dann natürlich auch an. Er kommt aus Alkmaar. Das kenne ich noch nicht. Aber ich versichere ihm, Holland zu lieben. Wieso wohne ich jetzt nur so weit entfernt von dort? 🤦‍♀️ Wer weiß, wohin es mich im Leben noch ziehen wird?

Heute geht’s zum Knast. Und heute habe ich Glück: Es sitzen mal keine Spaßbremsen am Eingang. Ich gebe Schlüssel und Ausweis ab und muss dann warten, bis mich jemand von der Justiz abholt. Das machen die meisten mit Begeisterung… also nicht. Irgenwann kommt dann aber einer der Herren, also muss ich noch fix durch den Metalldetektor – wie immer. Und der piepst – auch wie immer. Grinsend sage ich noch: „Mein Schmuck und Gürtel sind ja ausgezogen, aber den Bügel-BH, den wollen Sie lieber nicht fallen sehen.“ Er grinst zurück: „Des daat mo scho a no schoff’n. Oba bast scho so.“ Sie kennen mich ja doch mittlerweile. Und so zockeln wir bei strahlend blauem Himmel quer übers Gelände. Wann wird endlich Herbst?

Heute sichte ich die Unterlagen, die noch vor Ort sind. Durch Corona ist alles um Monate nach hinten verschoben worden. Montag bin ich noch mal in München in der Arbeit und kann alles Fehlende einpacken, bevor ich mittags wieder losdüse. Dieses Mal allerdings wieder mit Mietwagen. Wir dürfen also alle gespannt sein, was es werden wird. Ich bin mir ja für nix zu fein – sei es AMG, BMW oder was auch immer. Ganz bescheiden also. 😉

Mein Schulungsraum befindet sich im Keller, was per se ja schon nie der hellste, freundlichste Ort ist. Im Knast ist er jedoch noch düsterer. Zum Glück bin ich nicht zart besaitet. Zwei der Inhaftierten haben eine Hausmeisterfunktion. Sie wuseln in den Räumen hier unten herum und piefen sich auch einen weg. Anfangs ist mein Kollege noch bei mir, aber dann muss er auch schon wieder weiter. Ich krame und pöddele vor mich hin. Die beiden Insassen bauen Stühle und Tische für mich auf, während ich die Unterlagen krame. Sie kennen mich auch schon und sind immer sehr höflich und hilfsbereit. Plötzlich betritt dann aber ein Beamter den Raum und setzt sich demonstrativ auf einen Stuhl in meiner Nähe. Irritiert frage ich: „Brauchen Sie was von mir?“ Er schüttelt nur den Kopf. Ok. Dann mühe ich mich mal weiter ab, alles Aufgerollte an die Wände und die Flipchartständer zu hängen. Er zuckt nicht einmal, obwohl ich mich wirklich abmühe. Dann muss ich selbst zu einem Termin und schaue den Beamten wieder an: „Also, wenn Sie meinetwegen hier sein sollten, ich müsste dann wieder hoch?“ Er erhebt sich und nickt. Ich kläre ihn auf: „Ich war schon öfter hier und kenne mich hier aus.“ Er brummelt nur kurz: „Normalerweise sehen wir Sie über Kamera, aber die ist gerade defekt.“ Aaaaah ja. Ich war also eine halbe Stunde unbeaufsichtigt. Besser, wenn das keiner der Inhaftierten weiß. Und trotzdem fühle ich mich hier niemals unwohl. Irgendwie krass, oder?

Nach vielen vereinzelten Gesprächen weiß ich nun wieder mehr: Wir werden überall überprüft und kontrolliert. Ist schon interessant, wie viel Zeit damit verbracht wird, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. So was erschließt sich mir ja nicht. Es wird gepredigt, wie wichtig Fühungswerte doch seien. Doch da handelt es sich nur um Lippenbekenntnisse. Jede Abteilung kämpft für sich und gegen alle anderen. Dazu gibt es dann Menschen, denen man es anmerken kann, wie viel Freude sie daran haben, Feuerchen zu legen. Und niemand legt ihnen das Handwerk. Ich glaube ja, dass es so was wie Karma gibt. Und ich bin froh, immer noch ohne Weiteres in den Spiegel schauen zu können, was ich an ihrer Stelle nicht mehr könnte. Ich hoffe nur, die Zeiten ändern sich und die Menschheit begreift, dass es gemeinsam so viel leichter laufen kann. Dann hätte Corona zumindest diesen Nutzen gehabt. Aber bis dahin? Na, wird noch viel spioniert, kontrolliert und intrigiert. Hoffentlich verschlucken sie sich nur nicht am eigenen Gift.

Sentimental und dankbar

Den gestrigen Abend vertelefoniere ich noch. Unter anderem rufe ich eine Tante mütterlicherseits an. Geprägt wurden wir ganz klar von der väterlichen Familienseite. Den Kontakt zur „weiteren Familie“, habe ich auf ein Minimum reduziert – ganz einfach, weil sie mir nicht gut tut. Wir verfügen über eine große Familie, die sich gern sozial schimpft, es aber nicht ist. Es gibt genau eine Meinung – und die gilt es zu akzeptieren und zu leben. Wer daraus ausbricht, ist raus. Das stinkt mir mittlerweile gewaltig. Jahrzehntelang war ich zwar mittendrin, aber doch nie so richtig zugehörig, weil ich wohl schon früh anders war. Dabei wollte ich das nicht. Ich wollte lieber wie die anderen sein. Es ist ganz schön schwer, sich abzustrampeln, aber nie ans Ziel zu kommen. Es gibt gewisse Voraussetzungen, die ich nie erfüllen konnte: Ich bin kein Junge geworden (juchuuuuuuu), ich bin „nur“ das Kind eines Bruders. Damit sinke ich im Kastensystem von vornherein herab. Wenn schon Mädchen und nur von einem Bruder der Sippe (Ihr bemerkt schon die krude, sehr eigenwillige Logik?), dann aber brav, bescheiden, dem Mann Untertan und Hausfrau. Ich wollte aber immer schon alles allein schaffen. Ich hatte als Kind nie Angst und bin auf Menschen zugegangen. Das hat gereicht, um den Stempel „nicht angepasst“ zu erhalten. Dabei habe ich keinem einzigen meiner Verwandten je etwas getan. Und obwohl ich das „schlechte Beispiel“ war, habe ich stets versucht, ihnen zu gefallen… krank.

Das war bei der Schwester meiner Mutter anders. Sie hatte immer Spaß an und mit mir. Und ich fand’s toll, wenn sie sich vor lauter Lachen auf die Treppe setzen musste. Wenn sie meinen kleinen Neffen sieht, sagt sie immer, der sei wie ich und hat dabei Tränen in den Augen. Das ist das Erbgut ihres Vaters. Mein Opa hatte nämlich beim Lachen auch immer sofort Tränen in den Augen. Bis ich zehn wurde, hatte er das immer, wenn wir uns gesehen haben. Doch dann starb er leider… und mit ihm irgendwie auch die Leichtigkeit in der Familie. Aber genau an diese Erinnerungen rührt meine Tante während des Telefonats. Es ist bittersüß und macht mich etwas schwermütig. So schön leicht und unbeschwert wie mit meinem Opa wurde es nie mehr. Für ihn war ich uneingeschränkt toll – und er für mich. Was für ein Geschenk!

Das Schöne an meiner Tante: Sie und mein Onkel genießen ihr Leben. Sie sind nicht reich, aber zufrieden. Meine Tante hat sich im letzten Jahr eine Autoimmunerkrankung zugezogen, die sie sehr einschränkt. Was tut sie? Jammern? Zetern? Nein, sie spielen abends Karten, um ihre Konzentration und Denkfähigkeit zu trainieren. Es ist nicht alles einfach, aber sie machen das Beste draus. Von meinen Eltern höre ich immer nur, wie schlecht alles ist, wer alles krank ist und was alles schief läuft. Das macht mich erst recht schwermütig. Ich verstehe nicht, wieso sich manche Menschen das Leben noch schwerer machen müssen, als es schon ist? Da hat auch keiner mehr Lust, noch nachzufragen. Nicht falsch verstehen: Es gibt durchaus Zeiten, in denen man auch mal jammern darf. Nur sollte es nicht zur Lebenseinstellung werden. Denn sonst vergrault man alle guten Sachen, die auch am Wegesrand liegen.

Mit Kopfschmerzen schlafe ich bei schwülem Wetter ein. Immerhin wache ich frisch wieder auf. Und so gehe ich beschwingt zum Frühstück. Es sitzt nur ein einziger Herr noch im Raum, der aber kurze Zeit später geht. Und da kommt auch schon die Bedienung angelaufen und fragt: „Sie riechen immer so gut! Und der Mann ist jetzt weg, vorher habe ich mich nicht getraut. Aber, bitte, was ist das für ein Parfum? Das ist mir letztes Mal schon aufgefallen. Nur habe ich Sie da nie allein erwischt.“ Ist doch toll, wenn ein Morgen so beginnt. Ich sage ihr, dass das doch kein Problem sei und man jederzeit nach so was fragen könne. Überhaupt ist nix peinlich, wobei: „Ich würde vermutlich nicht fragen, wo sich eine Frau ihre Möpse hat machen lassen. Aber wer so was macht, hat wahrscheinlich damit auch nicht mal ein Problem.“ Sie lacht und fachsimpelt mit mir, welches Parfum lecker ist und welches nicht. Später berichtet sie dann auch, Corona gehabt und vor möglichen Spätfolgen Angst zu haben. Soviel zu den Corona-Leugnern…

Der Workshop verläuft entspannt. Es ist schade, dass es nun in der Konstellation endet, aber es war schon toll, Teil des Ganzen gewesen zu sein. Bei einer Aufgabe haut der Hellboy auch wieder einen raus: „Wie soll ich mit Adlern fliegen, wenn ich mit Truthähnen arbeiten muss?“ Mei, Ausreden haben manche ja immer. Ein anderer erzählt beim Mittagessen grinsend, er mache sich langsam Sorgen, zu viel zu arbeiten. Den Urlaub habe er ja jetzt auch um zwei Tage verschoben. Seine 15 Monate alte Tochter würde verstörenderweise immer den Handwerker stürmisch umarmen, der seit sechs Monaten im Haus rumwerkelt. Wir haben es geklärt: Vor der Geburt kannten sie ihn noch nicht. Und da die Kleine die Ungeduld und den Sturkopf vom Vater hat, wird auch kein Vaterschaftstest notwendig sein. 😋

Wir frötzeln noch weiter, bis es dann zum Abschied kommt. Der Trainer macht, was er sonst noch nie gemacht hat: Er schenkt jedem von uns eine Flasche von seinem Lieblingswein und hofft, wir erinnern uns beim Trinken desselben an ihn und die tolle Zeit. Wir haben etwas für ihn schweißen und gravieren lassen, was normalerweise auch nie bei externen Trainern gemacht wird. Und ich habe noch ein Gedicht verfasst und trage es kurz vor. Das hat er in all seinen Jahren auch noch nie erlebt. Und meine liebe Kollegin verdrückt ein paar Tränchen. Damit habe ich wiederum nicht gerechnet.

Das sind solche Tage, von denen ich zehre. Ja, es ist drückend heiß und schwül. Ja, ich arbeite wieder einmal länger, als es normal ist. Und ja, ich bin müde und echt platt. Aber vor allem bin ich dankbar und zufrieden. Davon darf es gern mehr geben. Auf all die guten Seelen, die einem auf dem Lebensweg begegnen und alles etwas strahlender machen.

Nicht alles, was knurrt, ist ein Hund

Heute muss ich noch vor dem Wecken raus. Um fünf Uhr muss ich meinen müden Kadaver über die Bettkante schwingen, denn um sechs will ich los. Heute geht es nämlich wieder zu meinen Kollegen nach Straubing. Vor Corona wäre ich sonntags angereist. Das darf ich allerdings derzeit nicht. Daher starten wir für gewöhnlich dienstags, damit ich montags mittags in München Schluss machen kann, um mich auf den Weg zu machen. Heute geht es aber nicht anders. Ein Kollege verschiebt extra seinen Urlaub, um heute und morgen zu ermöglichen. Daher starte ich also in aller Herrgottsfrüh. Und soll ich Euch was sagen? Es ist für mich völlig fein, weil es so einen Spaß mit den Leuten hier macht.

Die ersten 15 Minuten der Autofahrt sind mit blauem Himmel und Sonnenschein ausgestattet. Ja, auch schon morgens um sechs Uhr. Aber dann zieht eine Suppe auf, dass ich sofort an Herbst denken muss. Ich weiß, dass viele jetzt schon das Gesicht verziehen, aber mich freut’s riesig, an den Herbst zu denken. Die Suppe zieht sich hin, weshalb an richtig schnelles Fahren nicht zu denken ist. Das ist auch gut so, weil ich mit meiner alten Möhre unterwegs bin. Stellt Euch vor, ich hätte jetzt den AMG von letztem Jahr oder den BMW vom vorletzten Mal als Mietwagen unterm Hintern und wäre dann mit so einer Sicht unterwegs. Da hätte ich mich ja schwarz geärgert. So 120 km/h passen genau richtig – mein Auto dankt’s mir. Es ist immer noch neblig, als ich ankomme, was mich zweifeln lässt, ob es richtig war, nur offene Schuhe einzupacken? Es war aber heiß gemeldet! Über Tag klart es dann auch auf, so dass ich nicht ernsthaft frösteln muss. Sonst hätte ich andererseits einen Grund fürs Schuhe Kaufen gehabt. Wobei… brauchen wir Frauen einen Grund dazu? Da fällt mir ein, dass Antenne Bayern nach Rekorden im eigenen Bundesland sucht. Spitzenreiterin war eine Frau mit 3.500 Paar Schuhen. Da lehne ich mich doch entspannt zurück und denke mir, wie viel Luft ich da noch nach oben habe. Der Herr – oder woas de Deifi wer – sei gepriesen!

Auf meine übliche Begrüßung hin, grinst die eine Kollegin schon: „Schön, noch mal mit einem Strahlen begrüßt zu werden!“ Es ist wohl so, dass man mir immer meine Freude ansehen kann, wenn ich hier bin. Unser kleiner Hellboy lädt mich dann sogar zu sich nach Hause ein, was ich aber dankend ablehne. Er hat drei große Hunde, die springen, und zwei Katzen. Mindestens Letztere sorgen dafür, dass ich ablehne, weil ich ja allergisch reagiere. Als die Kollegin die Tiere aufzählt, ergänzt er aber noch: „Vier Hund, bittschee!“ „Woas? Sans mehra woadn?“ Er grinst schelmisch: „Na. Oba mei Frau knuat a – wenn’s a net springa doat.“ Ihr müsstet es hören, es ist echt zum Niederknien. Meinen Heiratsantrag bescheidet er abschlägig – leider. Auch Betteln und Jammern hilft nix. Er bietet mir allerdings im Gegenzug seine Frau an. Da sag ich allerdings „nein“ – ohne sie zu kennen. Wir haben einfach immer Spaß wie die Kinder, wenn wir zusammen sind – auch wenn ich beim ersten Anlauf nicht immer alles verstehe. Aber ich liiiiiiiebe diese Dialekte hier.

Heute und morgen ist der Abschluss unserer Fortbildung. Ich komme bereits nächste Woche wieder her, aber da bin ich dann die Trainerin und der Teilnehmerkreis ein anderer. Und das ist schon schade. Der Hellboy nimmt mich in einer Pause beiseite und fragt mich, wie es mir denn gehe, also mal ohne Scherz. Ich beruhige ihn, nicht befristet angestellt zu sein, was ihn wieder sehr freut – so, wie vorletzte Woche den anderen Kollegen von hier. Sie sind mir alle echt ans Herz gewachsen – so unterschiedlich sie auch sind.

Die Jüngste im Bunde ist so eine richtig harte Braut. Doch wenn man mal genauer hinschaut, bröckelt die Fassade. Sie arbeitet Vollzeit in einer Männerdomäne, aber unterstützt ihre Eltern noch zusätzlich bei der Landwirtschaft. Vater und Mutter streiten nur noch. Ihre älteren Schwestern sind schon weg. Sie würde auch gern (mit 27 Jahren auch nachvollziehbar). Doch ihre Mutter packt es nicht allein. Sie müssten vor allem die Tiere abschaffen. Doch da streikt die Mutter und sagt, sie fahre gegen einen Baum, wenn das Vieh abgeschafft würde. Oh man! Immer diese Erpressung. Ich erzähle ihr, wie es mir ergangen ist und frage sie, ob sie auch warten wolle, bis sie krank werde? Ihr ist auch bewusst, dass ihre Fernbeziehung auf der Kippe steht. Und dann stelle ich die böse Frage, wer denn der wichtigste Mensch in ihrem Leben sei? Mmmh, da könne sie sich nicht entscheiden: Ihre Mama oder ihr Partner. Ich sage ihr, dass beides falsch sei. Sie sollte doch wohl der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Resigniert schaut sie mich an: „Eigentlich hast Du recht!“ Uneigentlich auch…

Wieso denken viele, andere seien wichtiger als sie selbst es sind? Habe ich auch ewig gedacht. Wieso erpressen Eltern ihre Kinder so oft und pressen sie ins gleiche Korsett, in dem sie sich schon unwohl fühlen? Habe ich auch so erlebt. Wieso wiegt das doofe, schlechte Gewissen so viel? Meins ist noch mit Hinkelsteinen beschwert, die nicht mal Obelix bewegen könnte. Wie war das mit der Fernbedienung? Ich würde sie gerade gern meiner Kollegin schenken. Aber das ist wohl ein Lernprozess, den viele von uns durchlaufen müssen – so sie denn wollen. Es ist eben nicht immer so einfach… Und doch immer wieder schön. Außer morgen, da sollen es nämlich über 30 Grad werden. Aber wer weiß? Vielleicht zieht noch mal Nebel auf? I daat mi g’frein.

Fernbedienung fürs Leben

Gestern verfasse ich den ersten Entwurf für die E-Mail ans Institut. Die liebe Mitschülerin fragt noch, ob wir den Unruhestifter erwähnen und sagen, dass er ja auch weniger Kohle zahlen würde. Doch wir entscheiden uns auf meine Empfehlung hin anders. Und so schicke ich dann heute Morgen die Mail auf die Reise. Ich bin gespannt, was nun passiert. Warum ist es nur so schwierig, diese Fortbildung als das zu sehen, was sie ist: Eine Dienstleistung. Damit habe ich immer wieder so meine Herausforderungen. Erst, wenn ich es lange genug durchgekaut habe, kann ich das nüchtern betrachten. Dann fällt mir das Verfassen so einer Nachricht auch recht leicht. Meine Mitschülerin meinte nur trocken: „Gut, dass Du das so sachlich schreiben kannst. Ich wäre nur emotional und würde es in vorwurfsvollen Ton vorbringen.“ Habe ich auch schon oft gemacht. Es hat nur nie zum Ziel geführt. Ach, manches ist am Älterwerden doch auch schön, oder? Lerneffekte – und die Gewissheit, bestimmt wieder neue Fehler zu machen und das auch zu dürfen.

Es gibt Theorien, die besagen, dass man sich alles, was man sich wünscht, nur vor dem eigenen Auge visualisieren muss, damit diese Wünsche wahr werden. Wenn Ihr vorübergehend also mal nichts von mir hört, habe ich den Bulli bei Pro7 gewonnen, den Euro Jackpot geknackt und suche nach dem richtigen Fleckchen, wo ich dann ein Häuschen ans Meer setzen kann. Ich nehme all das in allen Farben und mit allen Gerüchen für mich wahr. Nur will es noch nicht ganz gelingen. Was mache ich also falsch? Spaß beiseite, ich denke ernsthaft, dass der Glaube Berge versetzen kann. Aber er heilt eben auch nicht alles. Und er macht nicht finanziell superreich. Müsste ich auch gar nicht sein. Ich träume nicht von etlichen Milliönchen. Es ist eher die vermeintliche Sicherheit, die ich so gerne hätte, glaube ich. Zeiten, wie diese, schaffen eben Unsicherheit. Und die ist eine dumme Nuss, weil sie auch so lähmend sein kann. Dabei geht es schon immer irgendwie weiter. Rational weiß ich das ja. Ach, ist nicht immer so einfach, erwachsen zu sein. Da würde ich schon gerne mal mehr von Pippi Langstrumpfs Grundvertrauen haben. Einfach ausprobieren und schauen, was wird.

Allgemein merke ich aber, wie die Unruhe steigt. Ihr auch? Wir Menschen sind schon zäh und gewöhnen uns an vieles. Nur immer häufiger höre ich von Parties, von Angriffen auf die Polizei, von Wut. Und das macht mich immer wieder aufs Neue fassungslos. Jeder geht wohl anders mit seiner eigenen Unsicherheit um. Warum aber andere darunter leiden müssen, entzieht sich meinem Verständnis. Was kann ein Polizist dafür, wenn er seine Arbeit verrichtet? Es trifft die Falschen – wie fast immer. Die Lösung habe ich allerdings auch noch nicht gefunden.

Apropos Lösungen: Die fehlen mir zu den unterschiedlichsten Zeiten. Richtig cool wäre eine Fernbedienung fürs Leben, oder? Stellt Euch das mal vor! (Wie war das noch mit dem Visualisieren?) Immer, wenn es richig blöde wird, ändert man kurzerhand das Programm. Statt in einem schlechten Film zu verharren, landet man auf einem anderen Sender. Die Idee hat was. Da hätte ich als Kind vermutlich schon oft umgeschaltet, wenn es hieß, ich müsse das Zimmer aufräumen. Oder wenn ich sonntags zur Messe musste. Puh, war das anstrengend! Als Messdienerin und Lektorin hatte ich dann später das Glück, was zu tun zu haben. Einfach schnöde in der Bank zu sitzen und dem immer gleichen Sermon da vorne zuzuhören, hat mich manches Mal wegnicken lassen. Allerdings nur solange, bis meine Schwester mich gekniffen hat. Gut, sie hatte den Auftrag, mich wachzuhalten. Trotzdem tat das echt fies weh. Mit einer Fernbedienung hätte ich mich dann kurzerhand in einen anderen Film beamen können. Hätte nicht so weh getan und auch keine blauen Flecken hinterlassen.

Da fällt mir ein: Ich habe mich für dieses Kneifen nie revanchiert. Es geschah zwar auch im Auftrag meiner Mutter, aber trotzdem. Mmmh, wenn ich so darüber nachdenke: Falls meine Sis das hier liest, wird sie mir wohl den Vogel zeigen. Ich habe sie nämlich schon auch gepestet. Nur prügeln konnte ich mich nie mit ihr. Sie wusste wohl instinktiv, dass sie – obwohl sie drei Jahre älter ist – keine Chance gehabt hätte. Aber ich habe andere Wege gefunden, sie hops zu nehmen – selbstverständlich nie im Auftrag meiner Mutter. So habe ich beispielsweise Kotzgeräusche gemacht und diese auf Kassette aufgenommen. Um es echter zu gestalten, habe ich dabei Wasser in die Toilette gekippt. Ach, war das noch cool, als es Kassettenrekorder mit Aufnahmetaste gab. Mei, war ich kreativ, was? Und eklig, aber ich betrachte vorzugsweise nur die positiven Aspekte. Später habe ich heimlich ihre Klamotten stibizt, was sie mir nie erlaubt hätte. Und zu Altweiber (Karnevalsdonnerstag) habe ich ihren Schwarm geküsst. Zu dem Zeitpunkt war sie allerdings nicht mehr in ihn verliebt und bereits mit meinem heutigen Schwager zusammen. Aber gefuchst hat es sie dennoch. Dabei habe ich pragmatisch gedacht: Eine von uns sollte diese 10 wenigstens mal geküsst haben. Das habe ich dann kurzerhand einfach mal übernommen. Wenn ich so darüber nachdenke, hätte meine Sis wohl auch manchmal gerne eine Fernbedienung gehabt, schätze ich.

Wenn ich so an den Heinz denke, über den ich lange nicht berichtet habe, wäre so eine Fernbedienung allerdings auch ein Segen. Andererseits hätte ich dann weit weniger, worüber ich mich aufregen könnte. Und das brauche ich wohl, wie die Luft zum Atmen. Mal kurz den Puls in die Höhe treiben, dann wieder runterpflücken, und alles ist schikko. Außerdem: Worüber sollte ich dann hier schreiben? Das Ärgern gehört für mich irgendwie zum Leben dazu, quasi wie das Salz in der Suppe. Und ich salze alles Mögliche ordentlich nach. Ist ungesund? Na und? Schmeckt mir aber…wie mein Leben. In diesem Sinne wünsche ich Euch guten Appetit aufs/im/beim Leben!

mehr bei mir

Es gibt zwei Sorten von Menschen: Die, die sich immer und um alles kümmern und die, die immer konsumieren. Wobei Letzere sich seltener ärgern und auch immer gut ins Ziel kommen. Kennt Ihr auch, oder? Es gibt sie in allen Systemen: Da könnt Ihr in der Familie schauen, aber auch in der Firma, im Verein und einfach überall. Naja, zu welcher Gruppe ich gehöre, ist wohl kaum eine Überraschung. Ich meine ja immer und ständig, ich müsse mich kümmern. Und ja, es kommt durchaus bestimmt vor, dass ich mich kümmern will und der andere erwartet das gar nicht…oder will es manchmal auch gar nicht. Doch in der Regel finden das viele schon schön, wenn sich einer kümmert. Aber ganz ehrlich? Ich genieße das durchaus auch mal, wenn ich mich mal nicht kümmern muss. Es kommt nur so selten vor. Warum? Vermutlich, weil ich nicht so lange warten kann, bis es mal jemand anderen nervt, der sich dann kümmert.

Bei unserer Fortbildung ist das auch nicht anders. Diese Macher-Menschen kristallisieren sich meist direkt zu Beginn heraus. Man kann sie anhand ihrer Fragen leicht identifizieren. Die andere Gruppe, die deutlich größer ist, erkennt man nicht immer sofort. Und es gibt auch hier noch Abstufungen. Es gibt die, die einfach nehmen, ohne auch nur danke zu sagen. Die triggern mich besonders. Früher hätte ich mich schwarz geärgert. Heute denke ich: „Ok, mein Fehler, dass ich das gerade so bedient habe. Kommt nicht mehr vor, versprochen.“ Dann merke ich mir nämlich ganz genau, wer das war. Und wenn wieder diese Fragen durch die Hintertür kommen, stelle ich mich auch mal blöd. Welche Fragen? Zum Beispiel: „Ah, da sollte aber schon mal einer von uns nachfragen, oder?“ Früher hätte ich das ausschließlich auf dem Appellohr angenommen und den Auftrag ausgeführt. Das Perfide hierbei: Es muss ja niemand dankbar sein, weil niemand einen klaren Auftrag erteilt hat.

Aufgrund von Corona, findet unser großer Kurs nicht mehr im Präsenzunterricht statt. Schon blöd. Es war interessant, weil wir unterschiedliche Charaktere waren, die aber doch im Großen und Ganzen passen. Also kommen immer wieder Stimmen auf, die sagen, wie schade das doch sei. Und wir müssten uns doch mal treffen. Ja, auch hier wurde kein Auftrag erteilt. Da ich aber Bock drauf hatte, habe ich einfach gestern mal nachgefragt, ob wir uns nicht nächsten Freitag alternativ zur Veranstaltung sonst einmal wieder live treffen wollen. Ja, manche können nicht und sind schon in Urlaub. Ist ja auch nicht wild. Dann denke ich noch: Wo können wir uns denn treffen, dass alle mit den Öffis leicht hinkommen können? Und das schlage ich auch vor – nachdem ich es in kleiner Runde vorher habe abklären lassen. Passt in kleiner Runde. Perfekt. Dann antworten schon die Ersten, dass das schön sei, nur damit dann eine aus der kleinen Runde plötzlich fragt, ob wir das nicht örtlich mehr zu uns hin verlagern wollen? Da kämen ja auch einige her. Na, besser als an eine U-Bahn-, Tram- und Bushaltestelle können wir es kaum schaffen, oder? Und schon haben wir den Salat, dass manche es so nah vor der Haustür natürlich toll finden, andere es aber nicht erreichen können, da keine Bahn direkt um die Ecke hält. In solchen Momenten zweifel´ ich ja schon am Verstand einiger.

Irgendwann wird das Dilemma dann aber für jeden Deppen augenscheinlich, weshalb ich die Diskussion damit beende, dass ich ihnen mitteile, wann und auf welchen Namen der Tisch reserviert sei. Dann kommt von einem die Frage, ob das eigentlich mit Familie sei? Hääää? Wieso Familie? Ich kenne hier niemandes Familie – außer seit gestern den brasilianischen, sympathischen Mann von einer Mitschülerin. Die klare Antwort: „Ohne“, die von zwei Seiten kommt. Die Antwort von ihm ist hingegen auch klasse: „Zu spät, ich habe schon gefragt. Meine Frau kommt mit. Ich finde, das sollte man auch nicht so restriktiv sehen.“ Da fasse ich mir ans Hirn. Warum frage ich, wenn ich mir meine Antwort längst schon gegeben habe? Ich puller´ doch auch nicht zuerst und frage dann: „Ach, ist das hier eigentlich ein Klo?“ Egal. Bringt er eben seine Else mit. Aber wenn die Else mitkommt, ist sein Junior auch allein, was nicht geht, weshalb er auch mit von der Partie ist. Von mir aus fragen sie noch Eltern und Schwiegereltern – vielleicht ist einer von denen ja interessanter als er selbst? Dann würde es sich zumindest lohnen.

Bis hierhin finde ich es wieder typisch, aber noch durchaus amüsant. Wer nun letztlich kommt, ist doch egal. Und es hat mich ein paar What´s Apps gekostet und einen Anruf. Das verschmerze ich und mache es im vollen Bewusstsein. Dann ärgert es mich auch nicht so. Bedankt haben sich genau zwei, was meine Statistik auch wieder bestätigt. Doch im nächsten Schritt streike ich. Es geht mal wieder um das leidige Thema, ob wir eigentlich Gebühren zurückbekommen. Immerhin haben wir keinen Onlinekurs gebucht. Das heißt, wir haben die Hälfte der Zeit Webinar gehabt (bzw. haben es noch). Webinare sind, wie wir am Vorbereitungskurs direkt erkennen können, ca. 30 % günstiger. Die Räume werden hierfür nicht benötigt, die Fragen sind in der Regel wohl weniger, weshalb es kürzer ist, der Trainer hat keine Reisegebühren. Wenn das nun so ist (und diese Zahlen liegen schwarz auf weiß aus), dann ist die Frage: Bekommen wir nun von unserem zweiten Halbjahr ein Drittel der Kosten erstattet? Ihr glaubt doch wohl nicht, dass die aktiv auf uns zukommen. Hier habe ich meine moralischen Werte mal wieder zu hoch gehängt, denn ich fänd das nur normal und würde so etwas auch proaktiv angehen. Aber das Institut hüllt sich in Schweigen. Die Vogel-Strauß-Taktik hat durchaus ihre Vorteile.

Einer der beiden Herren legt ja immer gerne Feuerchen und teilt uns mit, dass er weniger zahlen müsse und einen Deal eingegangen sei. Allerdings dürfte er nicht sagen, wie hoch dieser Nachlass sei. So was mag ich ja. Das ist das Schema, mit dem ich in meiner Großfamilie aufgewachsen bin: „Ich weiß da was, aber Du darfst es keinem sagen!“ Das ist so saudämlich! Entweder, ich nenne Ross und Reiter oder ich halte komplett den Mund. Ich bin ein bekennender Anhänger von Transparenz.

Meine Überlegung ist ja immer eher eine zurückhaltende, wohlwollende. (Ich sehe schon, wie manche von Euch jetzt zu grinsen anfangen und ironisch sagen: „Genauso…is klar!“ Aber es entspricht den Tatsachen!) Ich denke in der Tat: Es ist ja toll, wie schnell sie auf Webinare umgestellt haben, als das mit Corona losging. Das war ja mal Flexibilität! Ääääh, hätten sie das nicht getan, hätten sie gar keine Kohle erwirtschaftet, oder? Aber ich bin erstmal dankbar. Und dann denke ich: Die Armen müssen ja nach wie vor die Miete des Gebäudes latzen. Da kann ich ja nicht noch Kohle von denen zurückfordern. Ääääh, ich muss meine Miete mit Kurzarbeitgeld auch bezahlen und muss für mich schauen. Außerdem finden wieder einige Kurse statt, wofür sie jetzt die größeren Räume benötigen, der für uns vorgesehen war. Kann ich dafür, dass sie die Kursgröße so ausweiten, nur um noch mehr Kohle zu machen? Nö. Der nächste Gedanke: Wenn ich jetzt was sage, sind sie bestimmt in den weiteren Kursen böse zu mir. Häää? Warum sollten sie so unprofessionell sein? Sie bekommen weiterhin Geld von mir – nur angepasster auf die Leistung.

Und so kann ich mir Argument für Argument selbst zerpflücken und weiß, dass ich mich schlichtweg einfach nur drücke. Dabei muss ich selbst zusehen, meine Kosten stemmen zu können. Und bei Webinaren, wie dem gestrigen, das Nullkommanull prüfungsrelevant ist, sondern letztlich nur eine Werbeveranstaltung für eine andere Fortbildungsreihe ist, handelt es sich somit nicht nur um zu viel investiertes Geld, sondern auch schon um zu viel investierte Zeit. Aber gut. Ich mag mich nicht streiten, ich mag nicht diskutieren – auch wenn das auf manchen gerne so wirkt. Doch meine Mitschülerin sagt gestern ein wahres Wort: „Weißt Du, wegen solchen naiven, gutmütigen Nüssen wie uns beiden, funktioniert so ein System. Was bringt es, zu meckern oder es falsch zu finden? Da müssen wir mal ran.“ Recht hat sie. Und so tun wir uns zusammen. Ihren nächsten Vorschlag hingegen bügel´ ich sofort ab: „Wir können ja nächsten Freitag mal fragen, was die anderen sagen…?“ Nein. Definitiv nicht. Ich habe schon ein paar Sachen für alle geregelt. Weniger als früher, aber immer noch mehr als nötig. Und jetzt mache ich es mal nicht. Doch natürlich regt sich wieder mein blödes, schlechtes Gewissen. Denn im Grunde denke ich, dass wir uns gegenseitig unterstützen sollen. So funktioniert meine Vorstellung der Welt. Allerdings kann es nicht immer sein, dass sich wenige Einzelne dabei abstrampeln, während die anderen nur nehmen. Daher haben wir nun folgenden Kompromiss geschlossen: Wir werden eine Mail zu zweit verfassen und verschicken. Nächsten Freitag teilen wir den anderen mit, dass wir eine Mail geschrieben haben. Dann können sie ja aktiv werden – oder es lassen. Aber Hunde zur Jagd habe ich schon genügend getragen. Jetzt habe ich es auch mal im Kreuz. Das gefällt mir zwar nicht vom Grunde her, aber es ist in Ordnung, das einmal auszuhalten.

Wer weiß? Vielleicht lerne ich es ja noch, dass das ohne schlechtes Gewissen geht? Das würde mich zumindest freuen. In diesem Sinne gehe ich mal lernen, mich mal um mich zu kümmern. Auch eine nette Erfahrung.