Auuuutschdääääänding

Die Woche ist Cognac…ach nee, rum. Gott, ich vermisse Menschen, wie Heinz Erhardt. Da war alles irgendwie leicht. Manchmal auch klamaukig, aber das macht nichts. Vergleichbar finde ich heute nichts mehr. Ob Loriot oder Diether Krebs – da ist nichts Vergleichbares heute. Oh man, jetzt klinge ich schon wie meine Omma. Dabei wünschte ich mir einfach nur ein bisschen weniger „Krise, Krise“ und mehr von Loriots „Müller-Lüdenscheids“ oder Krebs Sketche oder Erhardts „Die Made“. Auch die steckt in der Krise, „weil der Gatte, den sie hatte […] vom Blatte“ fiel. Es ist mehr Augenzwinkern, mehr Leichtigkeit bei allem – trotz oder gerade wegen schwieriger Zeiten.

Diese Woche war geprägt von lauter Terminen, die wieder einmal niemand gebraucht hätte. Ich merke, dass ich ruhiger werde, je aufgeheizter die Stimmung um mich herum wird. Mein Drama läuft eher, wenn es drumherum ruhig ist. Auch eigenartig, doch das war wohl schon immer so. Mit 14, als sich meine Freundinnen ganz schnell betrunken haben beispielsweise. Da habe ich dann aufgehört, weil ich wusste, dass es bald rappelt. So war es dann auch. Man, man, man, war das ein riesiges Drama, das Christina da abgezogen hat. Die anderen beiden hatten das heulende Elend. Bei so was werde ich innerlich ganz ruhig und bin handlungsfähig.
So ist es eben auch jetzt. Meiner Sis geht es nach wie vor schlecht. Es ist wirklich eigenartig, wie wir bisweilen mit uns selbst umgehen. Wir laufen wie „e Döppke“ und spüren oft die eigenen Grenzen nicht, weil wir uns selbst was vormachen: „Wird schon…ist ja nur vorübergehend…bloß nicht auffallen…wäre doch gelacht, das nicht zu schaffen…“ Und dann wundern wir uns, dass uns alles um die Ohren fliegt, wenn das Fass dann überläuft. Ich wünschte mir für mehr Menschen, dass sie ihre Grenzen besser spüren könnten – inklusive mir.

Andererseits soll es bitte auch keine reine „me first“-Show von allen werden. Während manche sich durchquälen, gibt es nämlich andere, die nur zu gut auf ihre Bedürfnisse achten – so komplett ohne auf andere zu achten. So auch diese Woche geschehen. Wir hatten wieder so ein herrlich nerviges Meeting zu fünft. Zwei waren pünktlich, dann kam die Dritte im Bunde, dann der Vierte. Dann kam erstmal nichts. Aber keiner wusste, wo der fünfte Kollege blieb. Naja, einer meinte, er habe gehört, dass sein Sohn wohl krank gewesen sei? Darauf sagt die Kollegin: „Aber das ist doch heute nicht sein Tag. Seine Tage sind montags und mittwochs.“ Muss ich mich schlecht fühlen, weil ich nicht weiß, wann welcher Kollege mit dem Kind beauftragt ist, es in die Kita, den Kindergarten oder die Schule zu bringen? Vermutlich schon.
Der Kollege kommt dann aber nach über zehn Minuten doch noch reingeschlappt. Und ja, ich meine reingeschlappt. Wenn Ihr den Gang sehen würdet, wüsstet Ihr, wovon ich spreche. Mit Vorliebe zieht er dann auch seine Schuhe aus. Vermutlich qualmen seine Füße sonst. Ich frage mich gerade, ob ich ihm Chips und ´ne Pulle Bier reichen soll und ihn im Gegenzug dann Al Bundy nennen darf? Grund fürs Zuspätkommen ist nicht sein Kind, sondern schlichtweg, dass morgens nicht seine Lieblingszeit ist. Wir fangen also noch mal von vorne an, damit er auch alles mitbekommt. Vier Menschen müssen also bestraft werden, weil einer immer (und ja, ich meine immer – von dem Vogel hatte ich schon mal berichtet) zu spät aufkreuzt. Zeitmanagement ist nicht so sein Ding – und morgens noch weniger. Passt doch, oder? Nach 40 Minuten und der Aussicht, in 25 Minuten zwei Gäste zu empfangen, schlägt eben dieser Kollege vor, dass er „sorry, jetzt mal ´ne Pause“ brauche, weil er dringend einen Kaffee benötige. Alter, ich fasse es nicht. Die meiste Zeit sitzt er breitbeinig und mit Händen hinterm Kopf verschränkt in der Veranstaltung. Wäre er ein Pavian, könnte ich dieses Dominanzgehabe ja durchaus verstehen, aber so? Er, der letztens meinte, meine Körperhaltung sei eindeutig ablehnend gewesen, als wir eine ätzende Diskussion gehabt hätten, bei der ich persönlich angegangen worden bin. Er, der sagt: „Meine Freundin ist ja Sozialarbeiterin. Die weist mich auch immer wieder darauf hin, dass ich mich sozialer verhalten solle. Ist ja ganz nett, wenn Du die sozialen Aspekte reinbringen willst. Wir Männer machen das anders. Wir ignorieren einfach die Einwände von anderen und machen, was wir wollen.“ Sprach´s und lachte siegessicher darüber.
Was kann ich von ihm lernen? Naja, zumindest ein wenig mehr auf meine Bedürfnisse zu achten. Mehr fällt mir leider nicht ein. Allerdings wird es bei einer Frau anders bewertet, wenn sie für sich Dinge einfordert. Dann ist sie wahlweise bedürftig-schwach oder eine egoistische Zicke. Aber ja: Wir sind total bei der Gleichberechtigung angekommen.
Die Kundenrückmeldung fasse ich im Termin zusammen und gleiche ab, ob wir den Auftrag richtig verstanden hätten? Jepp, hätten wir wohl. Anschließend wieder zu fünft plus neuer Chefin, kommt dann die Aufforderung, ich solle es doch noch mal aufzählen, weil ich das vorhin „so nett“ gemacht hätte. Ich setze an, als der erste Kollege schon dazwischen palavert. Dann werde ich nach fünf Minuten erneut aufgefordert, starte mit den ersten zwei Punkten und werde wieder unterbrochen: „Meinst Du echt, wir sollten das in der Reihenfolge machen?“ Es war die Reihenfolge der Rückmeldung. Bewerten können wir das ja immer noch. Es folgt eine Diskussion darüber, ob es nun wichtig sei, jetzt schon die Reihenfolge für spätere Schulungsinhalte festzulegen oder eben später. Und da wundern wir uns, dass wir nie zu einem Ergebnis kommen. Dann soll ich doch bitte meine Punkte noch zuende aufführen. Prompt kommt anschließend von der Kollegin: „Ich habe aber noch gehört, dass er was von Betriebsblindheit gesagt hat.“ Ich atme durch. Gesagt hat der Kunde in der Tat noch weit mehr. Es ging aber um die konkreten Wünsche für die Schulung, und die habe ich aufgezählt. „Aber das ist trotzdem wichtig!“ Was hat das denn mit dem Schulungsinhalt zu tun? Aber es macht nichts. Wir nehmen noch andere Ursachen auf und einiges an Laber-Rhabarber, nur um dann festzuhalten: „Aber stimmt ja. Die Punke für die Schulung sind die, die rechts stehen. Und das ist es, was wir brauchen.“ Ich sollte echt an meinem Suaheli arbeiten… Wir verlieren auch für diese überflüssige Übung wieder jede Menge Zeit.
Ich fasse es mal mit den Worten eines Herren der oberen Heeresführung zusammen: „Auuuutschdääääänding, sog i nua.“ Ja. Bei „autsch“ wäre ich durchaus auch dabei. Aber outstanding ist dann doch was anderes. Hat er ja aber auch nicht gesagt, sondern „Auuuutschdääääänding“. Ok, mein Fehler.
Was will ich damit sagen? Ich wünsche Euch ein herrliches Wochenende im endlich erreichten Herbst. Draußen rauscht der Regen, die Fenster sind frisch geputzt, und es kommt heute eine neue Folge von „Die Ringe der Macht“. Es läuft bei mir…ich hoffe, bei Euch auch!

Unterschiedliche Strategien

Viele Wege führen nach Rom. Ich schätze, dieses Sprichwort kennt so ziemlich jeder – selbst mein komischer Kollege. Und an diesem Sprichwort ist auch was dran. Es gibt selten nur eine Lösung für Probleme, eine Sichtweise auf etwas. Dabei wird uns das ja in der Schule gerne so eingetrichtert, dass es genau eine ideale Lösung für ein jeweiliges Problem gibt. Es hat viele Jahre gedauert, bis die Erkenntnis in mir gereift ist, dass meine Lösung nicht die von einem anderen sein muss. Und vermutlich noch länger, bis ich nicht mehr meine Lösungen rechtfertigen wollte. Das Wort „überzeugen“ löst in mir fast schon Brechreiz aus. Ich will nicht über etwas oder jemand anderem sein. Meine Vorstellung muss nicht die eines anderen sein. Allerdings stelle ich immer wieder fest, dass es doch viele Menschen gibt, die mich überzeugen wollen. Warum? Ich habe eine Haltung…zu vielem habe ich eine Meinung. Aber das ist nur meine Haltung oder mein Umgang mit etwas. Warum fällt es manchen nur so schwer, andere nicht bekehren zu wollen? Und selbstverständlich bin ich auch schon in die Falle getappt, anderen helfen zu wollen, damit sie aus ihrem „Elend“ herauskommen können, ohne mich wirklich gefragt zu haben, ob das in deren Interesse liegt? Meine Maßstäbe müssen ja nicht für andere gelten. Das ist gar nicht immer so leicht, sondern ein ständiger Prozess und auch ein bewusst Machen dafür, was man da gerade tut. Ist das wirklich im Interesse meines Gegenüber oder ist es das, was ich auf ihn/sie projiziere?

Warum ich – mal wieder – in dieser philosophischen Stimmung bin? Naja, es ist mal wieder meine Familie. Ich bin aufgewachsen in dem Wissen, dass mein Vater immer recht hat. Das ging die ersten paar Jahre ganz gut. Dann wurde es schon schwieriger. Jede Diskussion war von vorneherein mit klarem Ausgang deklariert: Er hat am Ende recht. Das Positive an der Sache: Ich kann heute sehr gut argumentieren, höre gut zu, was der andere sagt und trete selbstbewusst auf. Es hat mich durchaus geprägt. Doch dieses Gerechtigkeitsding in mir wurde seit frühester Kindheit immer wieder getriggert.
Nun sind die Jahre ins Land gezogen. Es dauerte durchaus, bis ich meine Loyalität der Familie gegenüber stetig abtragen konnte. Selbst heute ertappe ich mich noch bei Rückfällen und ärgere mich dann über mich selbst (was natürlich auch kontraproduktiv ist).
Ich bin durchaus eine Optimistin, aber ich brauche es, mir die worst case Szenarien zu überlegen. Es gibt Menschen, die alles Schlimme einfach ausblenden und sagen: „Et kütt, wie et kütt.“ Und daran glaube ich auch durchaus. Und dennoch brauche ich es, mich gedanklich auf die schlimmsten Szenarien einzustellen, damit sie mich dann nicht mehr von den Socken fegen können. Jetzt könnt Ihr sagen: „Macht das nicht jeder so? Die Realität ist doch dann immer besser als das, was man sich in den schlimmsten Albträumen ausgedacht hat?!“ Jein. Ich denke schon, dass wir vor Prüfungen alle Schiss haben und das schlimmste Szenario durchspielen. Ich hingegen spiele gedanklich immer schon die nächsten zehn, fünfzehn Schritte von allem möglichen durch. Durchbrechen kann ich das irgendwie nicht. Daher gehe ich auch Konflikten selten aus dem Weg, weil ich immer wissen möchte, woran ich bin. Das geht selbstverständlich nicht immer, aber häufig schon. Ich baue unterschiedlichste Szenarien auf. Was ich nicht weiß, erfrage ich in der Regel. Hier ist meine Sis das genaue Gegenteil. Ihre Strategie, sich vor Verletzung zu schützen, ist nicht weiter nachzubohren. Nach dem Motto „Was ich nicht weiß, ist auch nicht“, begegnet sie dem Leben. Dafür bewundere ich sie manches Mal. Ich hingegen bohre und drehe Steine um. Ich verabscheue die Unwissenheit und muss den Dingen auf den Grund gehen. Zwei unterschiedliche Wege, die nach Rom führen, wenn man so will. Dabei sind wir uns wichtig und verlieren uns auch nicht aus dem Blick. Und das Wichtigste: Wir wollen die jeweils andere nicht davon überzeugen, es doch anders zu machen. Dafür bin ich unendlich dankbar. Und daher leiden wir vermutlich auch zu unterschiedlichen Zeiten.
Ein Beispiel: Mein Vater begibt sich mal wieder ins Krankenhaus. Und auch, wenn das eigenartig und überspitzt anmutet, stimmt es: Er liebt es, im Krankenhaus zu sein. Da steht er im Mittelpunkt, er hat das Gefühl, bedürftig sein zu können und dass sich die gesamte Welt um ihn dreht. Doof nur, dass er eine behinderte Fraue Zuhause hat. Dass die in der Zeit versorgt werden muss, ist noch blöder. Dazu müsste man Leute fragen oder aktiv Pflegeheime kontaktieren. Er macht es anders. Für das Auto bzw. dessen Inspektion kann er zwei Wochen vor Krankenhausaufenthalt sorgen, denn das ist ja wichtig. (Ja, mir ist durchaus bewusst, dass meine Worte vor Sarkasmus triefen.) Ab montags muss für meine Mom ein Platz vorhanden sein. Mittwochs abends vorher informiert er erst meine Sis. Eigentlich zunächst nur, um ihr sein Leid zu klagen, dass er ja ins Krankenhaus müsse. Das mit meiner Mom ist nachgelagert, denn er braucht ja volle Aufmerksamkeit. Erst dann kommt er dazu, dass meine Mom dann solange in Pflege müsste. Auf die Frage hin, wo sie denn dann sei, weiß mein Vater keine Antwort. Naja, irgendein Heim wird sie ja aufnehmen, wobei eigentlich nur eines infrage käme. Und jetzt dürft Ihr dreimal raten, ob das so gelingt? Natürlich nicht. In seiner kleinen, verdrehten Welt ist mein Vater erbost, dass es da so kurzfristig keine Möglichkeit gebe! Und auch nach zweistündigem Telefonat mit Vollnölen, wie arm er doch dran sei, haben sie nicht kurzerhand noch ein Zimmer für ihn angebaut! Potzblitz, wie böse von denen! Es hilft alles nichts, sie kommt in ein anderes Pflegeheim, das aber natürlich vollkommen „Scheiße“ ist – sagt mein Vater und daher nun auch meine Mom. Dabei waren dort auch meine Oma, die Schwester meiner Mom und ein Großonkel zur Kurzzeitpflege, bei denen alles gut war. Aber nein, wenn mein Vater sein Evangelium gelesen hat, dann entspricht das der Wahrheit. Er bringt meine Mom dann auch zu diesem Heim, aber packt keinerlei persönliche Gegenstände, kein Buch, keine Zeitschrift, kein Foto, nicht einmal Duschgel hinzu. Angemeldet ist sie auch nur halbwegs, so dass sie auch noch kein Telefon haben kann. Ist aber nicht weiter wichtig, denn für seine Sachen ist gesorgt. Bei anschließenden Telefonaten ist es dann meine Mom, die ihn aufbaut und ihm Mut zuspricht für die anstehenden OPs. Paradoxe, kranke Welt. Ich sag´ ja: Ich muss das nicht verstehen, aber sie haben sich ihr Leben immer schon so eingerichtet: Der Herr spricht und befiehlt, die Frau dient. Basta.
Das alles wabert natürlich auch in meinem Hinterkopf umher. Die anstrengenden Umstände bei der Arbeit verlangen zwar meine Aufmerksamkeit und Energie, doch selbstverständlich lässt mich das Schicksal meiner Mom nicht kalt. Das Schicksal meines Vaters schon eher. In klitzekleinen Momenten tut er mir leid, weil er so verquer auf die Welt blickt, die ihm nur Böses will. Er gönnt niemandem nur das kleinste Bisschen…nicht mal das Schwarze unterm Fingernagel. Dieses Verständnis für ihn und der Glaube an sein unbedingtes Recht wurden mir von kleinauf eingetrichtert, weshalb es selbst heute noch manchmal schwer abzustreifen ist. Völliger Schwachsinn, das weiß ich rational. Aber emotional ist es einfach etwas anderes.
Demgegenüber steht ein weiterer Bock, den er geschossen hat und der den Unterschied in der Herangehensweise von meiner Sis und mir verdeutlicht. Irgendwann letztes oder vorletztes Jahr hat mein Vater sein Stammbuch gesucht und meine Sis danach gefragt. Das in Kombination mit einem Notartermin, der wohl an der Wand angepint war, lassen meine Rädchen im Hirn auf Hochtouren laufen. Da ich ja aber nicht mehr nach Hause fahre und den Kontakt zu meinem Vater vollständig abgebrochen habe, kann ich nicht nachfragen, was es damit auf sich hat. Ich bewundere meine Sis mal wieder, die gar nicht nachfragt. Sie will es gar nicht wissen. Mich treibt es hingegen um. Und so rede ich mit Freunden, recherchiere im Netz und suche nach Anhaltspunkten. Fakt ist, man braucht kein Stammbuch für eine Enterbung meinerseits. Und ganz ehrlich? Das würde mich auch vollkommen kalt lassen. Was ist es dann? Meine Vermutung ist, dass er eine Asylanbewerberin, die er seit Jahren wie eine Tochter behandelt, adoptieren will. Klingt wildromantisch, ist es aber nicht. Da geht es meinem Vater leider auch nur darum, seinen Kopf durchzusetzen. Diese Frau ist dumm und faul – eine schwierige Kombination. Da sie aber wenig helle ist, ist das für meinen Vater wiederum Auftrieb. Das ist auch der Grund, warum seine Töchter für ihn so blöde sind: Wir sind unabhängig und brauchen ihn nicht. Er braucht bedürftige, dumme Menschen um sich herum – doch gibt es nicht so viele, die seine Intelligenz unterbieten können. Ja, ich weiß, wie hart, kaltherzig und böse das klingt. Die Wahrheit ist leider nicht immer schön. Heute kam dann raus, dass er wohl nicht sie, sondern ihren Sohn adoptieren wollte. Mindestens eine Schwester von ihm wusste davon. Diese hat ihm auch ins Gewissen geredet, er müsse das mit seinen Töchtern besprechen, denn das sei nichts, was man leichtfertig machen könnte/ sollte. Das hat ihn komischerweise nicht gejuckt. Mich überrascht es allerdings mal wieder nicht. Er hatte schon das Stammbuch, den Notartermin und alles Mögliche in die Wege geleitet (da kann er dann doch aktiv werden), aber eine Richterin habe ihn wohl ausgebremst und ihm keine Chancen auf Erfolg in Aussicht gestellt. Meine Sis weint am Telefon. Sie ist wütend, traurig, verletzt…und ja, sie schämt sich auch für ihn. Ich fühle in mich rein. Da ist nichts. Also nichts, was ihn betrifft. Über den Zustand habe ich zu viele Tränen vergossen, da ist nichts mehr übrig. Was mich hingegen wütend und traurig macht, ist meine Sis weinen zu hören. Das hat sie nicht verdient. Ich sage ja: Wir leiden zu unterschiedlichen Zeiten. Im Grunde meines Herzens wusste ich das doch längst, denn es war das einzig mögliche Szenario. Doch die hat meine Sis ja nie durchgespielt. Einzig die Erkenntnis, dass mindestens eine Schwester von ihm Bescheid wusste, weckt mein Interesse. Sie weiß, was ihr Bruder in den letzten Jahren so alles angestellt und verbockt hat. Sie weiß, dass er uns mental mit Füßen tritt. Und dennoch ist sie mit von der Partie, wenn es darum geht, dass wir „Mädchen“ uns kümmern müssten – wohlwissend, dass wir von den elementaren Dingen immer ausgeschlossen werden.
Sätze meiner Mom, wie: „Ach, wir hätten Euch längst das Haus überschreiben müssen, damit der Staat sich das später nicht mehr holen kann. Aber Papa hat Angst, dass Ihr uns dann einfach so raussetzt“, tun einfach weh. Wir wollen beide das Haus nicht haben, wollten es nie. Wir haben nie etwas gefordert und noch weniger bekommen. Als das Haus meiner Oma entrümpelt werden musste, bevor man es verkaufen konnte, haben mein Schwager, meine Sis und ich die komplette Arbeit übernommen. Als Dank wollte uns meine Mom von dem erzielten Gewinn etwas abgeben, was keine von uns angenommen hätte. Doch dazu kam es nicht: „Der Papa hat gesagt, das braucht er selbst. Da könnte er nichts von abgeben.“ Es war das Erbe meiner Mom, aber das zählt ja nicht.
Manchmal habe ich Angst, hartherzig zu werden und abzustumpfen, weil ich in solchen Momenten nichts (mehr?) fühle. An anderer Stelle springt mein Herz jedoch sehr wohl an. Ich habe eine tolle Sis, einen tollen Schwager und wunderbare Neffen. Solange ich so für diese Menschen empfinden kann, ist mein Herz nicht kalt. Ich habe wohl einfach meine Strategie angepasst, um mich zu schonen. Vielleicht erschließt sich das nicht aus den paar Zeilen heraus, da es nur die Spitze des Eisbergs ist, was Zuhause abgelaufen ist. Vielleicht denken viele immer noch, dass Missbrauch lediglich physisch vonstatten geht. Ich möchte niemanden „überzeugen“, wie er/sie in ähnlichen Situationen handeln sollte. Ich möchte einfach nur meinen inneren Frieden, denn der ist ein kostbares Gut…und liegt manchmal in so weiter Ferne.

Ich geh‘ schaukeln, wer kommt mit?

Manchmal wundere ich mich ja schon. Warte mal, warum manchmal? Stimmt ja so gar nicht. Das tu´ ich in letzter Zeit immer häufiger. Es gibt Menschen, die so gar keinen Zugang zu Redewendungen haben. So auch einer meiner Kollegen, obwohl der definitiv autistische Züge hat. Dabei nehmen Autisten Sprichwörter ja in der Regel wörtlich. Er erzählte diese Woche dann davon, dass wir ja auf „heißem Stahl“ säßen…und meinte wohl die glühenden Kohlen. Bei meiner Kollegin hat er doof geschaut, als er sich bei ihr beschwerte, dass es ja in unserer Abteilung überhaupt nicht strukturiert ablaufe und sie mit: „Der Schuster hat die schlechtesten Leisten“ konnterte. Zugegeben, sie hat Sohlen gesagt, aber er hat nur entgeistert geschaut. Das habe er ja noch nie gehört! Echt jetzt? Dafür lobt er mich nun aber regelmäßig, wie ich es mal so gar nicht mag. Nämlich wenn es darum geht, von dem anderen was zu brauchen und darauf zu hoffen, mit Schmeicheleien dorthin zu gelangen. Er kommt dann an und grinst, weil er mit der „Expertin“ sprechen wolle. Ich habe gefragt: „Glaubst Du echt, wenn Du mir Zucker in den Hintern pusten willst, dass mich das dann geschmeidiger macht?!“ Dann zuckt er hilflos die Schultern: „Nein, aber Du bist doch die Expertin. Ich habe das nicht gelernt.“ Zugegeben, ich bin manchmal eine Mistbiene: „Und wieso bekommst Du dann fast das Doppelte meines Gehalts?!“ Er sucht nach Worten und gesteht: „Stimmt. Ich verdiene deutlich mehr.“ Jetzt könnte ich entgegenhalten, dass er es nicht verdiene, sondern lediglich erhalte, aber ich kneife es mir. Er setzt sich dennoch zu mir und lässt sich seinen gesamten Workshop konzipieren. Denn damit kommt man nicht weit: „Ich habe mir vorgestellt, dass wir das mal ganz anders machen. So, wie Du immer sagst, also interaktiv. Ich habe auch nur ein paar Powerpoint-Folien zusammengestellt (16 Stück) für die zwei Stunden.“ Da möchte ich einfach weinen. Und so frage ich: „Was ist das Ziel der Veranstaltung?“ Große Augen. Ich atme tief durch: „Was bezweckst Du? Was soll nach den zwei Stunden anders sein?“ Wieder große Augen, ein wenig Rumgestammel. Im Grunde will er die Leute für etwas sensibilisieren und gemeinsam vereinbaren, wie wir das in Zukunft gestalten wollen. „Und wie wäre es mit Fragen?“ Jetzt ist er wieder da: „Fragen finde ich gut!“ Klar…nur hat er keine. Er weiß für sich die Lösung und will genau die überstülpen und umgesetzt wissen – von den anderen natürlich. Predigen, aber nicht mitleben. Und ich staune mal wieder, wieso er hadert, dass sich nie was bei den Menschen ändert, wenn er was sagt.

Der gestrige Tag war dann mein Angstgegner. Nicht etwa, weil ich Angst vor anderen gehabt hätte. Ich habe Angst vor mir bzw. meinen Reaktionen. Ich habe dieses Gesicht, das Meg Ryan in French Kiss beschreibt: „Zufrieden – schmunzeln; unzufrieden – runzeln.“ Der Termin ist aber mit der sogenannten Managementriege. Da sind – und ja, ich pauschaliere – schmieriges Lächeln und joviales Schulterklopfen an der Tagesordnung. Viele finden zwar vieles Scheiße, aber das wird weggelächelt, weil der oberste Boss es so will. Ich habe beschlossen, nur noch die Ausführung zu übernehmen. Für den Rotz im Vorfeld, das gegenseitige Anlügen und Beschönigen, das weit-weg-vom-Mitarbeiter-Sein stehe ich nicht zur Verfügung. Ganz entziehen kann ich mich dem nicht, denn zumindest körperliche Anwesenheit können sie verlangen. Vormittags kämpfe ich mit Magenkrämpfen. Mir geht es schlichtweg elend, was man mir wohl auch ansieht. Und anstatt zu sagen: „Ich geh´ dann mal nach Hause“, halte ich durch. Es soll ja schließlich keiner sagen, ich „performe“ nicht. Dabei könnte es mir doch egal sein, was diese Pissköppe sagen und denken. Sie sind eh schlechte Menschen. Aber ich will mir partout nichts nachsagen lassen. Meinem autistischen Kollegen verspreche ich auch im Vorfeld, brav die Schnüss zu halten. Und dann bringt er es auf den Punkt: „Nein! Du sollst doch gar nicht schweigen. Dem Obersten stinkt es nur, wenn Du die Perspektive der Mitarbeiter reinbringst und verteidigst. Die interessiert ihn nicht. Er möchte das Ganze aus höherer Flugebene betrachten.“ Bums. Ja, das meint er ernst. Und er sieht darin auch nichts Schlechtes. Die Mitarbeiter*innen müssen es nachher umsetzen und leben, doch einbezogen werden müssen sie nicht. Es ist das Prinzip Befehl und Gehorsam, aber bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Klar, oder?
Ich habe diesen riesigen Widerstand in mir, der – so befürchte ich – eines Tages wie beim Film Alien aus meinem Körper rausbrechen will. Genau das ist mein Dilemma: Es widerspricht allem, wofür ich stehe. Da ich – entgegen meinem Kollegen – eine Liebhaberin von Sprichwörtern bin, denke ich: Leb´ doch einfach, wie andere: „Wes Brot ich ess´, des Lied ich sing.“ Allein, ich kann´s nicht. Und so sitze ich in diesem Termin und reiße mich zusammen. Zwischendurch denke ich dann natürlich schon: Ist es das? Soll es so sein? Also, mein Leben, meine ich. Soll mein Leben aus „Zusammenreißen“ bestehen? Will ich das? Es gibt auch hier wieder so einen netten Spruch:

„Du musst Dir im Leben drei Fragen stellen: Will ich das? Will ich das? Will ich das?“

Und die Antwort ist tatsächlich immer dieselbe: NEIN. Nur macht mich die Wirtschaftslage auch kirre. Das ewig gleiche Dilemma. Abends schreibt mich ein Bekannter an, der echt schöne Nachrichten für mich hat, weil es seiner gesamten Familie richtig, richtig gut geht. Und das sah Ende letzten Jahres eben völlig anders aus. Er fragt im Gegenzug, wie es mir gehe. Ich antworte ehrlich: Ich weiß es nicht. Also manches läuft, klar. Aber ich bin weit entfernt von „mir geht´s richtig gut“. Die Angst vor der Selbständigkeit – soll ich oder lass´ ich es einfach bleiben? Die ständigen, doofen Zweifel. Die Antwort war so genial, weil einfach: „Das ist typisch für Frauen. Immer Selbstzweifel. Jeder Mann hätte sich schon selbständig gemacht. Allein schon für die Kohle und damit er Chef ist. Und wenn was schief gegangen wäre, wären es die anderen sowieso schuld gewesen. Also, das, was die meisten Luftpumpen machen, schaffst Du besser.“ Da muss ich dann kurzzeitig schon grinsen.
Und dann purzeln andere Nachrichten rein… Ein Kollege ist von einem Auto vom Fahrrad geschossen worden. Ist noch mal gut gegangen, aber etliche Prellungen hat der junge Kerl dann doch davongetragen. Ein anderer Kollege und Freund berichtet, dass sein Vater am Freitag vom Motorrad geflogen ist. Auch hier war das Auto schuld, was aber natürlich stärker war. Zum Glück keine inneren Verletzungen, aber schon nicht mehr so spaßig. Dann erfahre ich noch vom Brustkrebs einer Cousine. Sie steht mir nicht nahe, aber es zeigt einfach, wie schnell alles vorbei sein kann. Wieso quäle ich mich dann mit diesen Nichtigkeiten so herum? Jeder fühlt das Seine, ich weiß. Gerade finde ich es echt besonders eigenartig. Und das geht, was ich so höre, einigen so. Ich möchte schaukeln…auf einer Hollywoodschaukel am Strand. Ja. Genau das wär´s. Wer kann das organisieren?

Der Ire am Montag

Oh man, es ist mal wieder Montag. Der Montag kann ja echt nicht dafür, dass er strategisch so ungünstig liegt…also am Anfang der Arbeitswoche. Ob er wohl überhaupt bei der Abstimmung anwesend gewesen ist? Vielleicht hatte er damals eine Grippe, war abwesend und wurde dann fremdgesteuert? Es ist und bleibt ein Mysterium. Mein Mitleid ist ihm zumindest in Teilen gewiss, weil gefühlt doch jede*r den Montag verabscheut.
Dabei geht´s heute ausnahmsweise bei mir. Ich habe nämlich keine internen Workshop mit meinen direkten Krüppeleichen-Kollegen, sondern moderiere einen anderen Workshop von einem Kunden. Und es ist herrlich, wie jede einzelne Abteilung schon ihren eigenen Wortschatz pflegt. Da komme ich mir fast schon so vor, als sei ich in einem völlig anderen Unternehmen tätig. Hat was und ist allemal besser als die internen Abstimmungsschleifen, die mich vorzeitig ergrauen lassen.

Ein völlig anderer Ansatz, um meinen (Haar-)Ansatz schneller ergrauen oder erweißen (habe das Wort noch nie zuvor gehört bzw. gelesen, aber es gefällt mir trotzdem) zu lassen, ist die falsche Nutzung der Sprache. Ich liiiiiebe ja unsere Sprache. Und ich begrüße es sehr, wenn sie neu gestaltet wird, wenn ich Dialekte feiern kann usw. Was ich allerdings schlimm finde, ist die Tatsache, dass nicht mal Nachrichtensprecher*innen bzw. Radiomoderator*innen mehr in der Lage sind, die deutsche Standardsprache bzw. die Grammatik zu beherrschen. So geschehen heute Morgen. Da sagt der Moderator doch tatsächlich: „Das ist der ihre Überzeugung!“ Aua. Ich stutze kurz und denke, ob ich es in „der Ire“ inhaltlich wandeln kann, aber mit dem hat es leider mal gar nichts zu tun und würde lediglich meiner jüngsten Erfahrung im Irish Pub entgegenkommen. Und bekanntlich ist es ja so: Wovon das Herz voll ist, sprudelt der Mund über. Aber eben dieser Moderator war nicht mit mir im Irish Pub und berichtet hingegen von Kindern bzw. wie Kinder manches Gesagte wörtlich interpretieren. Natürlich kann man solche Aussagen noch steigern, wie beispielsweise: Bilde einen Satz mit „der die das“ in dieser Reihenfolge. Antwortmöglichkeit: „Der die das Kind gemacht hat, muss auch zahlen.“ Dann sind wir auch rabbeldiewutz beim Tun-Täter. „Fräulein, tun Sie mich mal ein Brötchen.“ Es gibt der Möglichkeiten viele…und ich liebe sie alle. Nur von Moderatoren eines seriösen Senders erwarte ich etwas anderes. Ich bin aber auch wieder pingelig. Vielleicht liegt es auch daran, dass eben doch Montag ist? Oder daran, dass ich heute noch keinen Alkohol hatte? Ich weiß es nicht.

In diesem Sinne wünsche ich Euch heute allen einen tollen Wochenstart, viel Spaß bei allem, was Ihr so macht und genügend Geduld, um nicht alle kaputtzuschlagen, denn allein ist man eben auch nur allein.

Whisky, Likör und Verantwortung

Ich werde einfach zu alt, schätze ich. Wofür? Für durchzechte Nächte. Auch wenn sie natürlich schön sind. Nach einer gefühlten Ewigkeit war ich endlich noch mal in einem Irish Pub. Es gab sogar Livemusik. Ein Träumchen…wenn´s nur nicht so übersteuert gewesen wäre. Dabei spielte die Band ganz gut. Erinnerungen an meine alten Aachen-Zeiten krabbeln in mir hoch, weshalb ich aus nostalgischen Gründen wirklich Cider bestelle. Es schmeckt auch noch wie früher: Irgendwie sind nur die ersten paar Schlucke echt lecker. Trotzdem war es eine coole Zeit damals. Ich möchte die nicht noch mal durchleben, aber rückblickend hatten wir echt verdammt Spaß. Nur hat alles seine Zeit. Da braucht mir auch keiner zu seufzen.
Im Irish Pub fließt der Alkohol. Es gibt sie ja einfach, diese Abende, an denen man alles verträgt. Radler, Cider, Tequila, Rum und sogar einen rauchigen Whisky. Da ich den noch nie getrunken habe, habe ich mich überreden lassen. Nicht zuletzt denke ich dabei an Jamie (was vermutlich ausschließlich Frauen verstehen können). Der Whisky riecht wie ein ganzes Torffeuer. Irgendwie hat das was. Ich werde bestimmt keine Kennerin und Liebhaberin dieses Getränks. Aber wenn ich mir vorstelle, in einer urigen Spelunke in Schottland oder Irland zu hocken, während es draußen stürmt und regnet, dann hat das einen gewissen Reiz. Zumindest ist für Freitagnacht auch Regen angekündigt…der dann aber nur in ein paar Tröpfchen seinen Auftritt gibt, den ich leider vollkommen verpasse, weil ich ja im Pub sitze. Als wir spät nachts – und immer noch nicht betrunken – den Laden verlassen, ist es nach wie vor warm. Leider ist die S-Bahn Stammstrecke in den Sommerferien immer übers Wochenende gesperrt, was mehr als nervig ist. Mit Schienenersatzverkehr (oh je, da denke ich gerade wieder an Elsterglanz) wird eine Alternative geboten. Wenn man aber nun nicht gaaaaanz so ortskundig ist, ist das gar nicht so ohne. Umso glücklicher bin ich, dass ich bis zur S-Bahn Begleitschutz habe. Alles in allem schließe ich meine Wohnungstür irgendwann um kurz nach drei Uhr morgens auf…wohlwissend, dass ich in ein paar Stunden mit meinem jüngsten Onkel und seiner Frau verabredet bin.
Aber was tut man sich nicht alles an, oder? Wochenlang…ach was, manchmal monatelang passiert nichts. Durch Corona ist das irgendwie schon fast normal geworden. Und jetzt? Ist irgendwie häufiger Programm angesagt. Ich will mich nicht beschweren, auf keinen Fall! Allerdings schleppe ich mich schon müde durch den gestrigen Tag. Zum krönenden Abschluss setze ich abends sogar noch Aprikosenlikör an. Hoffen wir mal, dass sich der Aufwand lohnt, wenn ich das Ergebnis in ca. acht Wochen abseihen und umfüllen darf. Wenn auch Whisky nicht mein Lieblingsgesöff wird, so ist Likör es dann doch. So ein „lecker Liköööörschen“ hat durchaus was an trüben Herbst- und Wintertagen, auf die ich mich ja wie Bolle freue.
Spannend sind dann gestern allerdings schon die Gespräche. Natürlich kommen wir nie ganz um Familienthemen drumherum – ganz einfach, weil ich natürlich schon auch neugierig bin. Mein Onkel ist auch über jüngste Geschehnisse, die mein Vater so betreibt, entsetzt und fassungslos. Nur gehört er zu der anderen Fraktion: „Ich will mich da gar nicht mit befassen. Es ist schlimm und traurig, aber ich frage gar nicht mehr nach. Ich will einfach nur meine Ruhe und meinen Frieden haben.“ Er ist lieb und – wie man bei uns landläufig sagt – „der Kreech neet schood“. Und da er der Jüngste ist, nimmt ihn auch keiner als vollwertig erwachsen wahr, was lächerlich anmutet, da er mittlerweile 62 Jahre alt ist. Nur wissen es die Älteren natürlich besser. Dabei war es der Jüngste, der die Mutter und den behinderten Onkel gepflegt hat – zusammen mit seiner Frau. Die anderen können nur Reden schwingen, wie sozial sie doch sind.
Einmal habe ich sie vertreten und bei meinem Großonkel übernachtet und ihn versorgt, als die beiden ausnahmsweise mal Urlaub hatten. Zu der Zeit lag meine liebe, demente Omma mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus. Plötzlich wurde sie aber von heute auf morgen entlassen, was natürlich eine ganz andere Hausnummer war. Und da meine Mom sich Sorgen gemacht hat, wurde mein damaliger Freund nach Hause geschickt und durch meine Mom ersetzt. Eines Morgens wurden wir dann durch Stimmen im Erdgeschoss geweckt. Wie von der Tarantel gestochen sind meine Mom und ich die Treppe runtergeflitzt, um meine Omma und meinen Großonkel in trauter Zweisamkeit am Tisch sitzen zu sehen und über das Leben quatschen zu hören. Ääääh, mit einem erst vor acht oder zehn Tagen erfolgten Oberschenkelhalsbruch?! Aufgrund der Demenz konnte sich meine Omma daran nicht erinnern, weshalb sie einfach aus dem Gitterbett gekrabbelt ist. Ihr könnt Euch unseren verstörten Blick vorstellen?! Unbezahlbar.
Keine Ahnung, wieso, aber ich frage meine Tante, weshalb eigentlich ich damals auf die beiden aufgepasst und dort übernachtet hab´? Ich war zu dem Zeitpunkt 18 oder 19 Jahre alt. Meine Tante stutzt: „Hm…gute Frage. Ich vermute, dass Du Dich angeboten hast. Aber jetzt, wo Du fragst…stimmt, sie hatte ja auch noch einige Töchter, die das hätten machen können.“ Genau. Aber es war die Enkelin, die die Verantwortung ganz selbstveständlich übernommen hat. Alles ein bisschen schräg.
Und so zieht sich das wie ein roter Faden durch mein Leben. Wobei meine Kollegen es gerade ganz hipp finden, diesen „fil rouge“ zu nennen, während ich mir an den Kopf packen muss. Sei es drum. Verantwortung bzw. ihre Übernahme war immer mein Thema. Da frage ich mich schon manchmal, woher das kommt? Meine Mom war da ähnlich unterwegs, also auch zupackend und verantwortungsbewusst. Aber ganz so arg wie bei mir, war es bei ihr nicht. Und mein Vater? Der hat immer davon gesprochen, es aber nie gelebt. Wie also kommt so was zustande? Und vor allem: Wie kann ich mich dem mal besser entziehen? Schon komisch: Während manche so nach dem Motto „me first“ leben und gut auf sich schauen (muss ja nicht schlecht sein), gibt es die anderen, die meinen, sie müssten die Welt und alle darin retten. Manchmal gehe ich mir damit selbst ganz schön auf den Sack. Aber es ist so ein Automatismus, der ständig bei mir anspringt. Hin und wieder schaffe ich es dann aber schon, mich ganz bewusst zurückzulehnen und mal nicht zu retten, zu organisieren, zu verantworten. Das darf ein bisschen mehr werden – also das Zurücklehnen und Zuschauen. Denn es klappt dann ja auch ganz gut. Na also!

Helene und der Zwiebelatem

Halleluja, was für ein Tag. Die S-Bahn fällt – welch´ Überraschung – kommentarlos aus. Gottseidank checke ich vor vorher noch, ob es Verspätungen gibt. Jetzt muss ich mich sputen, weil ich eine komplette Station zufuß zurücklegen muss. Da es hier geregnet hat, ist es draußen wie in einer Waschküche. Bäääääh, wie ich so ein Wetter hasse! Ich marschiere im Stechschritt los und bin richtig angepisst, als ich feststelle, dass die Bahn erst in 15 Minuten einfahren wird. Geht’s noch?! Bis ich dann mal die Uhrzeit checke und registriere, dass ich wohl regelrecht geflogen sein muss. Das erklärt dann auch das Wasser, das sich meine Wirbelsäule entlanghangelt. Hatte ich erwähnt, wie sehr ich das Wetter hasse?! Ich könnte das im fünf-Minuten-Takt raushauen…geht aber auch häufiger.

Ich fahre bis zur Hackerbrücke und laufe noch fünf Minuten zum Augustiner. Da warte ich dann geschlagene 20 Minuten, bis die ersten drei erscheinen, denn die U-Bahnen haben wohl auch so ihre Probleme. Ob sich da wohl einer bei der Bahn denkt: Wieso eigentlich nur ein paar Fahrgäste nerven? Das wäre doch ungerecht. Schauen wir doch, dass wir möglichst vielen auf den Zeiger gehen können. Na dann: Mission geglückt!
Im Lagerkeller des Augustiner war ich noch nie und finde es toll. Da oben wohl alles gerappelt voll ist, bin ich froh, dass wir hier ohne Reservierung noch einen Platz erhaschen. Der Kellner ist auf Zack, und dann treffen die drei Kerle auch schon ein. Der Kellner kommentiert dies trocken: „Meine Herren, Ihr könnt doch die Dame hier nicht so lange warten lassen!“ Ach, das ist schon mal schön, wenn man sich mal zurücklehnen kann und andere das machen lässt.
Einer der drei ist ein ehemaliger Kollege aus meinem Studi-Job von vor 15 Jahren. Aber was machen die Jungs eigentlich gerade jetzt in München? Zur Antwort erhalte ich schockiert aufgerissene Augen und in herrlich rheinischer Manier: „Helene Fischer tritt doch heute Abend auf! Wenn datt ma kein Grund is?!“ Alles im herrlich rheinischem Singsang…oh Heimat! Zunächst hoffe ich allerdings noch auf einen Scherz wegen Helene, aber weit gefehlt. Die drei sind Hardcore-Fans. Auch von Michelle, die ich im Grunde noch schlimmer finde, und Maite Kelly. Ja, sie sind schwul, da darf ich ihnen das nachsehen. Ich wünsche ihnen später tapfer trotzdem viel Spaß, obwohl ich kotzen müsste. Sie sehen es mir nach.

Den Mann meines ehemaligen Kollegen kenne ich schon, ihren gemeinsamen Freund allerdings nicht. Kevin ist ein Unikum – von seiner Attitüde bis zu seinen Tattoos. Ist das ein jeckes Huhn! Köstlich. Wir wollen was zu essen bestellen, während die anderen beiden auch eintrudeln (die waren an einem anderen Augustiner…tja). Die Jungs fragen Kevin, ob er denn gefrühstückt hätte, wobei mir ihr Grinsen nicht entgeht. Er klärt mich auf: Naja, er habe im Internet einen Purser (quasi der erste Stewart an Bord) kennengelernt, der in München wohnt. Ganz kurzentschlossen hätten sie sich heute Morgen verabredet. Es sei nett zur Sache gegangen. Und es gab noch obendrauf einen Cappuccino und ein Croissant. Mein ehemaliger Kollege ergänzt: „Alles in einer Stunde erledigt. Das nenne ich mal Effizienz!“ Ich überlege, ob ich das Beispiel in meine Lean-Schulung aufnehmen soll? Kevin berichtet weiter: „Abba nomma seh isch den nisch. Is mir zu alt. Abba juut jebaut isser schonn. Willste ma sehen? Der hat mir die Bilder freigeschaltet.“ Und dann seh ich die Bilderfolge eines attraktiven Mannes und maule die drei Kerle an: „Ich will mal festhalten, dass Ihr mir das Leben ganz schön versaut! Dadurch schmälert sich die Auswahl ganz gewaltig!“ Ich kassiere nur Grinsen. Ach, Ihr mich auch! Derweil sehe ich ein Bild vom Frühstücks-Lover auf einer Wiese, dann eins in einem Restaurant, dann einen Schwanz….ääääääh? Und wieder in der Natur, Nahaufnahme vom Gesicht, Nahaufnahme des besten Stücks und seine nackte Rückseite, die aussieht, als würde er ein weißes Höschen tragen. „Kannste mir ma sagön, wie der datt mitte Bräune macht? Der is doch immer nur am fliegön?!“ Ich kann´s leider nicht beantworten – erstens, weil ich es echt nicht weiß und zweitens, weil ich mich schlapp lache. Die beiden anderen leben monogam seit 25 Jahren. Aber Kevin ist eben ein Tausendsassa. Beim Obazdn klagt er dann plötzlich: „Oh maaaan, jetz hab isch voll die Zwiebölfahnö!“ Ich liebe diesen Dialekt und lebe ihn viel zu selten aus. Ich frag´ mal nach: „Was denn? Musst Du heute noch was klarmachen?“ Er winkt ab: „Hab´ isch doch heutö Morgön schon gemacht.“ Na also. Und Helene wird´s auch nicht stören, würde ich mal schwer vermuten. Bis ganz nach vorne kommen sie wohl kaum. Wobei mir die Vorstellung schon gefällt, wie Kevin sie zwiebelatmig anhaucht: „Atemlos durch die Nacht…“ Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Irgendwann verabschieden wir uns von den Jungs und zuckeln noch Richtung Englischen Garten. Ohne Anstrengung schwitze ich trotzdem. Meine frühere Kollegin und ihrem Mann ergeht es nicht anders. Es dampft einfach nur. Und auch, wenn das ja mein Hasswetter ist, genieße ich es total, diese Leute zu sehen. Es ist wie immer, gibt keine Pausen oder wirkt krampfig. Der Mann meiner ehemaligen Kollegin hat mich geistig beispielsweise unter Anouk abgespeichert. Er kann sich nicht so gut Namen merken. Ich war damals vor 16 Jahren auf ihrem 40., wo nur miese Musik gespielt worden ist. Ich hätte gerne getanzt, weshalb er mich gefragt hat, zu welchem Lied ich denn tanzen wolle? Zu „Nobody´s Wife“ von Anouk, war meine Antwort. „A-watt?“ Und da er den Namen so toll fand, konnte er sich diesen merken. Also bin ich seit dieser Zeit für ihn einfach nur Anouk. Könnte schlimmer sein, finde ich. Wir schauen uns die Eisbach-Surfer an und schlendern dann langsam zu den Bussen bzw. Bahnen. Es gibt solche Menschen, die Du jahrelang nicht siehst, aber bei denen Du sofort wieder anknüpfen kannst und Dich wohlfühlst. Genau solche sind das. Ach, ist schon schön, oder? Da rückt das Wetter so was von in den Hintergrund.

nie net und koana

Woran merkt man besonders, in Bayern zu leben? An den Volksfestwochen!!! Die Saison ist eingeläutet. Nun bin ich ja bekannterweise nicht gerade die Queen of Bierzelt, aber mit den richtigen Leuten kann es doch ganz nett sein. Und so habe ich dann gestern den Antritt gewagt. Beim Rausgehen treffe ich noch auf meinen Nachbarn, der mich fragt, wie es mir gehe? Ich erzähle ihm, dass ich das erst später beantworten könne, da ich auf dem Weg zum Volksfest sei. Da grinst er und meint: „Und wo ist das Dirndl?!“ Nee, nee, i bin a Saupreiss´, da geht nix mit Dirndl. Allerdings bestätigen mir die Jungs aus dem Nachbarteam später, dass dies „a ausg´machta Schmarrn is“. Solche Aussagen würden nur die alten, blöden Säcke verbreiten. Ihretwegen dürfte ich sehr gerne ein Dirndl tragen. Jo, aber nö. Ich kann mich dazu nicht überwinden. Wobei ich es schon schön finde, wie sie hier an diesen Traditionen festhalten und sogar bei der Arbeit während der Wiesn teilweise Tracht tragen. Da man dann aber nicht „Sollemeserinnlosse?“ rufen darf, lehne ich die Kostümierung für mich ab. Wer weiß, ob sie mich irgendwann doch noch breitschlagen…?

Die Maß Bier hat auf dem Dachauer Volksfest immer den niedrigsten Preis. Das ist vor Uuuuurzeiten mal so festgelegt worden, weshalb den Wirten da auch die Hände gebunden sind. Entsprechend ist das dann natürlich ein gern gesehenes Fest. Ich kann mich allerdings nur schwerlich an diese Humpen gewöhnen und bewundere die Servierkräfte, die da locker mal zehn Krüge auf einmal tragen – in jeder Hand fünf. Ich habe schon beim einarmigen Stemm-Wettbewerb keine Kraft und muss die zweite Hand dazunehmen. Ein Kollege kommt ebenfalls nicht aus Bayern und lästert mit mir: „Die verstehen es einfach nicht, dass der Rotz ja so schnell warm wird. Ich bevorzuge kleine Gläser mit kühlem Bier – und keine lauwarme Plörre.“ Wie richtig er da liegt. Aber streite da mal mit einem Bayern drüber. Und einer der Kollegen trinkt seine erste Maß auch innerhalb von zehn Minuten. Oida, das könnte ich in tausend Jahren nicht schaffen. Dafür erhalte ich dann jedoch nach der dritten Maß seinerseits einige Aufklärungen zur bayrischen Sprache. Beispielsweise, dass es zwar Bayern hieße, was mit y geschrieben würde, aber bairisch eben mit i geschrieben würde. Da ich das blöd finde, schreibe ich es einfach weiterhin mit y. Das liegt wohl an der Liebe irgendeines Königs zu Griechenland, das ja auch mal bayrisch regiert worden ist. Seit dieser Zeit wird Bayern erst mit y geschrieben. Stellt Euch das mit dem entsprechenden Pathos vorgetragen und leicht angesäuselt vor. Ja, so liebe ich die flammende Reden schwingenden Bayern, die neben ihrer Liebe zu Bier eine gewisse Ablehnung von Vokalen vermuten lassen – so oft, wie sie diese beim Reden schlabbern. Da schwingt schon immer viel Stolz mit, wenn sie von ihrer Heimat, ihren Bräuchen und ihrer Sprache reden. Und dann bringt er mir auch die fünffache Verneinung bei:

„Bei uns hod noch nie net koana koa Bier net mög´n.“

Die haben doch echt eine am Helm, oder? Ich find´s köstlich und habe es mir sogar aufsprechen lassen. Es sind meist die kleinen Dinge, mit denen man mir eine Freude machen kann.

Auf dem Nachhauseweg, der – obwohl schon später – immer noch gut frequentiert ist, gehe ich an manch einem Wankenden vorbei. Auf der Zielgeraden steht ein junger Kerl mit üppiger Lockenpracht mitten auf dem Weg und fixiert sein Handy – leicht schwankend. Da ich ihn nicht erschrecken will, hüstel´ ich leicht, was ihn erschrocken herumfahren lässt. Hat also nicht die gewünschte Wirkung erzielt. Ich hebe die Hände und sage grinsend zu dem echt großen Kerl: „Keine Sorge, ich tu´ nix.“ Er nickt und schickt ein: „Ok, kein Problem“ hinterher. Das bringt mich natürlich zum Lachen. Der müsste einmal hinlangen, dann würde ich nicht mehr stehen, aber gut. 200 Meter weiter ruft er mir dann hinterher: „Tut mir leid! Das kam jetzt irgendwie falsch rüber! Ich tu´ auch nix…echt nicht. Ich kann nur Umarmungen anbieten.“ Mei, des is ja wie Karneval hier. Ich winke ab und gehe lachend weiter. Ein Fahrradfahrer überholt mich in der Dunkelheit, fährt brav 20 Meter weiter und nimmt dann einen Schlenker durchs Grün, wobei ich kurz die Luft anhalte, ob er nicht doch noch an der Mauer zerschellen wird. Aber wie das mit Betrunkenen und kleinen Kindern so ist: Meist haben sie Schutzengel im Gepäck.
Mein Bedarf ist jetzt erstmal wieder gedeckt. Nächsten Monat geht´s eventuell mal auf die Oide Wiesn beim Oktoberfest. Allerdings ist das nicht so meine Wohlfühlzone. Das war es vor Corona schon nicht und ist es jetzt noch weniger. Gestern war auch genug los, aber es hat sich gut verteilt, und wir haben unter freiem Himmel gesessen.

Nur leider, wirklich richtig schlimm leider, leider wurde gestern das Rammstein-Konzert auf der Theresienwiese abgesagt. Man hatte mir in Aussicht gestellt, dass ich da dieses Jahr meinen Geburtstag feiern würde. Jetzt wird nichts draus. Ich weiß, dass die Musik nicht jedermanns Sache ist. Und 145.000 Zuschauer sind nun auch nix für schwache Nerven. Aber gereizt hätte es mich total, weil die Pyrotechnik allein schon ein Hingucker wäre. Tja, alles geht wohl nicht. Immerhin bin ich gestern im Dunkeln Kettenkarrussell gefahren. Hallo? Das war dann schon fast so cool wie Pyrotechnik. 🙂 Aber auch nur fast…

Materialermüdung

Nach Meckermecker und Geschimpfe, was durchaus auch wichtig ist für die Psychohygiene, möchte ich die lustigen Dönekes aus meinem Leben natürlich auch nicht schlabbern.
Letzte Woche hatte ich eine Auftragsklärung mit einem internen Kunden. Soweit, so unspektakulär. Es fand über Teams statt. Auch noch kein Lacher. Ich konnte auch ein Hintergrundbild sehen – nur meinen Gesprächspartner selbst eben nicht. Da er mich gleich duzte, ohne mich zu kennen, tat ich es ihm gleich und erwähnte, ich sehe wohl den Hintergrund, nicht aber ihn. Ob das denn Absicht sei? Äääääh, nö. Technische Probleme. Mich beschlich so eine blöde Ahnung, aber einmal im Leben konnte ich mich beherrschen und die Klappe halten. Gestern zur Feinabstimmung konnte ich diesen bunten Vogel dann doch auch auf meinem Bildschirm sehen, was ich auch sofort freudig feststellte. Darauf er – und ich schwöre, das ist leider kein Scherz: „Ich hab wegen der technischen Schwierigkeiten eine Störmeldung abgesetzt. Beim Anruf seitens der IT haben die mir gesagt, dass da ein Schieberegler oben vor der Kamera sei. Das hat mir niemand gesagt! Kannst Du Dir das vorstellen?! Ist das zu fassen?!“ Nein, ist es echt nicht! Meine Kamera ist ebenfalls eingeschaltet. Ihr könnt Euch meinen Stolz auf mich selbst nicht vorstellen. Mein Gesicht ist mir nicht entgleist, meinen Mund verließen nicht geschriene Worte, wie: „Alter, willst Du mich verarschen?!?!?! Nach zweieinhalb Jahren Home Office hast Du das immer noch nicht geschnallt?! Hast Du zwischendurch im Koma gelegen? Heißt Dein Bruder Heinz, denn der hatte dasselbe Problem!“ Und nein, ich lache auch nicht hysterisch. Ich bin soooo stolz auf mich! Sein Vorschlag heute im Workshop, er wolle auch die nächsten Meetings in Präsenz machen, kam natürlich nicht von ungefähr und stieß auf keine Gegenliebe. „Tja, jetzt wollen die hybrid arbeiten. Da werde ich Dich wohl noch mal anfordern müssen.“ Äh, nein, ich bin nämlich keine Praktikantin. Aber das dürfen die Chefs klären. Da lehne ich mich entspannt zurück. Meinen Tag hat’s auf jeden Fall erheitert. Und in dem Unternehmen arbeite ich (noch)… es is a Wahnsinn!

Ebenfalls unterhaltsam, wenn auch völlig anders: Ich hatte so eine Art Date. So eine Art? Ich weiß es eben nicht so genau. Der Gute ist ein Kollege und hat mich zum Essen zu sich nach Hause eingeladen. Er grillt für uns – also sich und mich. Es gibt feinstes Rinderfilet mit Rosmarinkartoffeln. Hallo die Enten?! Und zum Nachtisch Schoko-Soufflé. Wenn man damit nicht das Herz im Sturm erobert, weiß ich es auch nicht. Dazu gibt es meinen Lieblings-Cocktail, den er an seiner eigenen Bar mixt: Mojito. Er verwendet 63 %igen jamaikanischen Rum, also hat das Ding ordentlich Bums. Und es ist wirklich alles sehr schön. Irgendwann, als wir uns beim Essen gegenübersitzen, denke ich plötzlich: Moment mal, ich weiß nicht mal, ob er Interesse hat…ich habe bislang keinen einzigen Kuss bekommen…warum, verdammte Axt, piekst es dann in meinen rechten Mops rein??? Ich kontrolliere die Umgebung. Er sitzt zu weit von mir weg und kann es echt nicht gewesen sein. Als er noch mal zum Grill geht, greife ich mir höchst undamenhaft ins Dekolleté und bemerke den Übeltäter. Bei 37 Grad mag mein BH wohl nicht mehr so recht mitspielen und macht mal eben einen auf Materialermüdung. Der Bügel vom rechten Cup hat sich durch den Stoff gepiekst, um direkt an meinen Mops zu gelangen. So ein Schlingel! Jetzt versucht mal, den wieder schnell in die richtige Richtung zu schieben, ohne dass es dem Mann am Grill noch auffällt. In solchen Momenten könnte ich mich langlegen und einfach nur lachen…und tu´ es dennoch nicht. Wie plump wäre der Spruch denn: „Hey, hömma, kannste mir ma eben helfen und den Bügel an Ort und Stelle rücken?!“ Bläschen steigen in mir auf, die ich aber munter nach unten verbanne. Hoffentlich hat er nirgends eine Kamera hängen, denn sonst lande ich mit meiner äußerst unerotischen Fummelei noch auf Youtube. Der Herr bemerkt aber nichts (hoffe ich zumindest…oder er ist ein begnadeter Schauspieler), und der Abend neigt sich dem Ende zu. Passiert ist nichts weiter – bis auf die Materialermüdung, die ich in meinem Alter auch ziemlich stark an mir wahrnehme.
Gestern haben wir uns wiedergetroffen – mit einigen anderen Kollegen im Biergarten. Obwohl dieses Mal der BH saß, hat mich der Biergarten trotzdem erschlagen. Ich bin von einem kleinen, schnuckeligen Biergarten ausgegangen und kam mir dann vor, als sei ich im größten Freizeitpark Bayerns. Ganz „Saupreiss“, der ich nun mal bin, habe ich es auch nicht geschafft, aus meiner Maß zu trinken, ohne dafür die zweite Hand hinzuzunehmen. Ich sag´ ja: Materialermüdung, wo man nur hinschaut. Vielleicht sollte ich den Tipp auch meinem Kollegen geben, der die Störmeldung abgesetzt hat? Klingt doch irgendwie besser, als zugeben zu müssen, wie unfähig man selbst ist. Ich wünsche Euch ein zauberhaftes Wochenende und dass alle BHs an Ort und Stelle bleiben – so sie es denn sollten. 🙂

Krisen, Überstunden und Montage

Was zum Henker??? Das Nerven-Jäckchen wird immer knapper. Gefühlt ist dies nicht nur bei mir so, sondern ein Zustand, den viele beklagen, ohne sich wirklich darüber bewusst zu werden. Immer mehr Menschen fühlen sich immer gehetzter, ungerechter behandelt, überfordert, belastet. Viele sind dauergereizt und nehmen das nicht mal wahr. Na, das ist doch eine tolle Entwicklung, oder? Dazu strahlt das TV dann auch noch aus, dass sich noch mehr Mücken mit noch mehr Krankheitserregern an Bord bei uns in den Breitengraden ansiedeln. Und dazu noch die düsteren Prognosen für den Herbst bzgl. Corona und noch mehr wegen der Gaskrise. Krise ist so ein Wort geworden, das ich echt nicht mehr hören kann. Zu allem Überfluss wurden die Montage bislang immer noch nicht abgeschafft, was ich persönlich sehr beklage. Da ich gestern, wie ein kleiner Rohrspatz, meiner Kollegin und Freundin einen dreiminütigen Motzvortrag per Sprachnachricht aufgesabbelt habt, sendet sie mir heute Morgen den Spruch:

„Den Montag Scheiße zu finden, ist ein gern gemachter Anfängerfehler.
Der Profi hasst die ganze Woche.“

Die zwei Sätze stelle ich mir von Christoph Maria Herbst vorgelesen noch genialer vor. Nö, das hilft nicht. Lustig fänd ich es dennoch. Ich stelle mir das so vor, dass ich ein paar doofe Sprüche mit mir herumtrage und dann immer auf einen Knopf drücke, wenn ich einen von ihnen passend in einer Situation finde. Also quasi, wie früher bei Stefan Raab – nur eben mobil. Dafür bräuchte ich kein Studio.
Warum ich so muffelpuffelig unterwegs bin? Gestern war Montag. Und heute ist auch erst Dienstag. Gestern war mal wieder eine Wasserkopf-Runde – und zwar für den gesamten Tag angesetzt und sogar noch überzogen. Ehrlich, es beleidigt meinen Intellekt so sehr – und dabei denke ich nicht einmal, von diesem im Überfluss zu haben. Da sitzen wir zu fünft von unserer Firma und zwei teure Berater auf der anderen Seite. Die beiden Externen mag ich schon sehr gerne, aber sie sind auch nicht mehr so taufrisch. Der Ältere der beiden wird 70 Jahre. Und auch wenn ich ihn sehr gut finde, so sind seine Beispiele etwas alt. Wenn er Videos zeigt, kann man fast schon froh sein, wenn sie nicht in schwarz-weiß sind. Dauernd rechne ich damit, dass Klaus Kinski durchs Bild hüpft.
Ich habe aufgegeben, mal ausrechnen zu wollen, wieviel Kohle wir mit diesen Runden schon verpulvert haben. Und so war es auch gestern. Der Unterschied ist nun allerdings, dass meine Chefin in Mutterschutz ist. Entsprechend hat das Projekt ein anderer Kollege übernommen, der bislang schon diverse Projekte…äääääh…an die Wand gefahren hat. Nicht, weil er böse ist. Nö. Er lernt es einfach nicht. Von Risiken will er nie was hören. Er lebt nach dem Motto: „Das wird jetzt so durchgezogen! Basta.“ So motiviert man nämlich Mitarbeiter*innen. Ich lerne da echt was fürs Leben. Seine bisherigen Projekte sind immer kurz vor dem Ziel verreckt, was andere schon prognostiziert haben. Sie konnten sogar im Vorfeld schon sagen, woran es scheitern würde, aber „Das wird jetzt so gemacht“, wurde auf seine Anweisung hin so gemacht, weshalb es immer als Rohrkrepierer endete. Das wäre so, als würde man mich zu einer Physik- oder Mathe-Prüfung schicken. Da weiß ich auch vorher schon, was nachher nicht rauskommt: Eine bestandene Prüfung.
Ich habe leider auch nach Monaten immer noch nicht verstanden, was genau meine Aufgabe da sein soll? Später soll ich es mal schulen, aber dazu müsste ich quasi nur bei den Trainings teilnehmen und hospitieren. Ah ja, meine Expertise ist gewünscht, aber ich soll bitte schweigen und einfach mal die beiden älteren Herren machen lassen. Noch mal für Schwerhörige: Und was ist dann mein Beitrag??? Ha, so halt. Man, jetzt bin ich aber wieder motiviert. Der ältere Berater bittet um meinen Anruf heute und beginnt auch ganz väterlich: „Wie geht´s Dir denn, liebe Claudia?“ Ich weiß, das klingt lieb und nett. Das Wort „lieb“ allein reizt mich schon, weil ich im Moment innerlich eher Wildsau und tasmanischer Teufel bin, aber nicht lieb. Und er weiß ja längst, wie Scheiße ich alles gerade finde. Er rät mir auch, mir was Neues zu suchen. Warum müssen wir uns dann mit diesem „Wie geht´s Dir“-Geplänkel aufhalten? Ich erhalte gut gemeinte Ratschläge frei Haus:
1. Lerne, Deine Leidenschaft zu beherrschen. (Witzcracker! Bei dem Puls?!?!)
2. Lass´ Dich nicht von den anderen vor den Karren spannen. (Wiederholte Worte meiner Biologielehrerin aus der Oberstufenzeit…so lang her, und nix dazugelernt.)
3. Du kannst die Deppen nicht verändern. (Ach was?! Bei den Deppen sind wir uns sehr einig, wer diese denn sind.)
4. Such´ Dir Verbündete. (Und wenn es so Wenige davon gibt?)
5. Du schaust den Menschen zu tief in die Seele. Das mögen nicht alle! (Ach was, ach was?!)
6. Schaff´ Dir doch keine Feinde. (Aber ich bin doch Jeanne d´Arc! Und: Zu spät!)
7. Du hast noch lange nicht innerlich gekündigt, denn Du steckst noch voll in der Revolution und hoffst darauf, dass Veränderung doch möglich ist. (Ich elend dummes Hoffnungsschweinchen.)
8. Mach´ jetzt keinen Schnellschuss! Schau´ Dich in Ruhe auf dem Markt um, und entscheide dann. (So mein Vorhaben…auch wenn es zusätzlich Energie raubt.)
Es gab der weisen Worte noch mehr. Ich hatte nur irgendwann keine Lust mehr. Er sieht so vieles genau wie ich, aber er sagt auch, dass er dafür gutes Geld bekäme. Und dann spiegelt er das Verhalten meiner Organisation: Außer mir sei so gut wie keine*r pünktlich. Außer mir verlasse nahezu jede*r den Workshop ohne Erklärung zwischendurch und mache etwas anderes. Jedes Mal wäre ein neuer Mitarbeiter dabei gewesen, weshalb wieder alles von vorne erklärt werden musste. Der Projektleiter wird im Oktober das dritte Mal wechseln. Protokolle gäb es keine im Anschluss. Vereinbarungen mit dem Projektleiter würden nicht erfüllt werden. Und unsere Abteilungsleiterin habe sich noch kein einziges Mal blicken lassen, dabei müsste sie mit wehenden Fahnen voranlaufen, wenn das funktionieren solle. Ich staune derweil nicht schlecht, dass ihm das doch alles so genau aufgefallen ist. Allerdings bin ich der falsche Adressat, oder? Auch dem stimmt er zu. Er will mir wohl einfach nur bewusst machen, dass meine Zweifel zwischendurch, ich könne der berühmte Geisterfahrer sein, unberechtigt seien. Dennoch müsse ich aufpassen, dass ich meine Energie nicht unnötig verschieße. Ha, eine Tatsache, die ich – seit ich lebe – so kenne.
Die Krönung an einem solchen Dienstag ist dann aber die Mail meiner Abteilungsleiterin: Ich solle doch bitte meine Gleitzeit abbauen. Ob ich da einen Plam hätte? Habe ich. Zwei sogar. Plan eins: Ich arbeite bis Ende des Jahres keinen einzigen Freitag mehr (ist bereits bewilligt) und habe mindestens den kompletten Dezember frei. Plan zwei: Ich habe bis Januar einen neuen Job und mache nur noch Dienst nach Vorschrift. Der zweite Plan hinkt, weil ich selbst dann nicht Dienst nach Vorschrift machen könnte, da es nicht meiner Natur entspricht. Die olle Nuss hat keine Zeit für die richtigen Themen, keine Ahnung von der wirklichen Materie, aber überprüft höchstselbst, wie es um die Stunden ihrer Leute steht? Mit mir gab es noch nie eine Diskussion wegen Stunden- oder Urlaubsübertrag ins nächste Jahr. Ja, bei uns weiß man, wie man Mitarbeiter*innen überaus treffend motiviert. Ich schmeiße den Köder dennoch mal ins Wasser und erkläre ihr, dass ab September bis Ende Oktober noch mehr Stunden hinzukämen, da ich ja eine neue Methode schulen solle. Diesen Part würde ich nur zu gerne abgeben, hätte aber bislang – auch mit Unterstützung meiner Chefin – niemanden gefunden, der das übernehmen könnte. Alsoooo? Als Antwort kam ihrerseits nur, sie nehme mich beim Wort, dass ich meine Stunden abbauen würde. Das tu´ ich. Verlass´ Dich drauf.
Morgen ist Bergfest, denn da wird feierlich die Woche geteilt. Ich hoffe, dann geht es aufwärts. Obwohl ich Donnerstag wieder mit denselben Deppen zusammenhocke und wieder meete. Ich glaube, „Meeting“ wird so ein Wort wie „Krise“: Ich lerne, es zu hassen. Schauen wir mal. Bis dahin grummel´ und mopper´ ich noch ein bisschen vor mich hin. In diesem Sinne: Eine schöne Restwoche.

Heikles Thema

Derzeit beschäftigt mich ein heikles Thema: Abtreibung. Irgendwie fassungslos schiele ich auf die Nachrichten in den USA. Haben die eigentlich den Knall nicht gehört?! Männer entscheiden darüber, was Frauen dürfen und was nicht. Das ist schon sehr mittelalterlich und krank. Bette Midler hat zwischendurch gut gekontert. Sinngemäß war es etwas, wie: „Wenn eine Schwangerschaft Gottes Wille ist, dann ist es Dein schlaffer Penis auch“, weshalb sie sich damit für ein Verbot von Viagra stark machen wollte. Die Stimmung heizt sich auch bei diesem Thema immer mehr auf.

Und dann gibt es da diese andere Seite: Männer, die bei der eigentlichen Entscheidung nicht miteinbezogen werden. Auch das ist so ein Tabuthema. Genau dies habe ich jetzt erst wieder mitbekommen. Ein Pärchen, das in einer kleineren Krise steckte, sich aber langsam berappelte. Dann kam sie tränenüberströmt aus dem Bad mit einem positiven Test. Er schaltet zunächst falsch und kommentiert: „Ein positiver Coronatest ist doch kein Weltuntergang!“ Woraufhin sie verrotzt erklärt, es sei ein positiver Schwangerschaftstest. Hoppla. Und sofort haut sie raus: „Das muss weg!“ Die erste Nachricht hat er noch nicht richtig verarbeitet, da haut sie ihm diesen nächsten Schocker um die Ohren. Zum Beratungsgespräch durfte er nicht einmal mitgehen, weil die Sache „so was von klar“ sei. Daraufhin hat er angefangen, im Netz zu recherchieren. Er wollte eine Pro- und Contra-Liste finden, sachlich und wissenschaftlich fundierte Studien, welche Auswirkungen das auf die Frau haben könnte…irgendwas in dieser Art. Gefunden hat er so gut wie nichts. Es ist und bleibt ein Tabuthema. Ärzte dürfen keine „Werbung“ für diese Leistung machen. Als wäre das etwas, was Frauen sich mal eben leisten wollen, wie ein neues Paar Schuhe. Es gibt auch keine Übersicht, welche Ärzte überhaupt einen Abbruch vornehmen dürfen. Erst in der Beratung erfährt die Frau davon, dass es in Bayern ganze fünf Ärzte gibt, die das tun: Einen in Regensburg, einen in Nürnberg und drei in München. Das ist schon erschreckend, wenn man bedenkt, wir schreiben das Jahr 2022…und wir empören uns über die prüden, konservativen Amerikaner?! Aufgrund von Corona-Auflagen darf er zur Aussschabung nicht mit, sondern muss die Zeit in einem nahegelegenen Café totschlagen: „Das war der mieseste Kaffee aller Zeiten…ich war nachher verwundert, dass ich den kompletten Schriftzug von der Tasse abgepiddelt hatte. Ich war einfach nur unendlich hilflos und allein.“ Sie hat zwei Tage im Anschluss geschlafen und ist danach in den Alltagsmodus übergegangen. Er wusste sich nicht zu lassen, denn darüber reden wollte sie nicht. Und er? Er hat sich geschämt, es bei Freunden anzusprechen, weil er so hilflos war. Mittlerweile sind sie getrennt, was gar nicht seinen Ursprung in dem Abbruch hatte. Erst vor Kurzem hat er sich in Ruhe damit auseinandergesetzt, wie er überhaupt ethisch dazu stehe. „Bezogen auf uns, war es die richtige Entscheidung, denn ein Kind verbindet Dich in alle Ewigkeit. Ethisch gesehen, tja…da geht es gar nicht – aus meiner Sicht. Aber ich hatte kein Mutspracherecht.“ Beide sind fest im Berufsleben verankert, also keine Jugendlichen in Ausbildung.

Hm. Da bin ich als Frau natürlich auch etwas zerrissen. Ich verstehe es, wenn eine Frau sagt, letztlich sei es ihr Körper. Und doch hätte ich das nicht gekonnt. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit meinem Vater, als ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt war und ein Vergewaltigungsfall durch die Medien geisterte. In diesem Fall sei eine Abtreibung aus meiner Sicht völlig gerechtfertigt, habe ich meine Meinung damals vertreten. Mein Vater hat einfach den Papst zitiert, der Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien ermahnt hatte, „aus einem Akt des Hasses einen Akt der Liebe“ zu machen – die Ansprache galt vergewaltigten Frauen. Ich weiß, wie fassungslos und wütend ich damals war und wie ich gefordert habe, den Papst doch mal rektal Ihr-wisst-schon-was, damit er dann eventuell doch mitreden dürfe bei dem Thema. Und auch hier kam die Argumentation meines Vaters, die aus Amerika zu vernehmen ist: „Wenn Gott gewollt hätte, dass die Frauen nicht schwanger würden, wären sie es auch nicht geworden.“ Aaaaaaah, Ihr könnt Euch meine Empörung vorstellen?! Nicht mal im mindesten. Ich hatte das Gefühl, platzen zu müssen.

Ein völlig anderes Beispiel: Ich steckte in den Abi-Vorklausuren und mein damaliger Freund in einer Diplom-Prüfung. Der Stress hat das Ausbleiben meiner Mens verursacht, aber ich hatte Sorge, schwanger zu sein. Also habe ich meinen Frauenarzt aufgesucht, der Entwarnung geben konnte. Mein damaliger Freund hat daraufhin den Kofferraumdeckel seines roten Golfs geöffnet und mir drei Rosen in die Hand gedrückt – mit den Worten: „Wenn Du schwanger gewesen wärst, hättest Du sie nicht bekommen.“ Bums. Das saß. Später teilte er mir dann, wie selbstverständlich, mit, dass ich es eh hätte wegmachen lassen müssen, das sei ja wohl klar! Mir war damals eiskalt, und ich war mir über eines so sicher: Ich hätte es nie wegmachen lassen. Allein diese Formulierung lässt mich heute noch schaudern. Verlassen habe ich ihn trotzdem erst viel später.

Ich kenne auch den Fall von einem Mann, der seine Freundin ebenfalls gedrängt hatte, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen. Sie hat sich jedoch nicht beirren lassen. Seine Aussage heute: „In dem Moment, wo ich meinen Sohn das erste Mal angesehen habe, hat sich ein Schalter umgelegt.“ Seine Partnerin nahm es ihm dennoch weiterhin übel. Im Sorgerechtsstreit hat sie genau diesen Satz zitiert – leider auch mehrfach vor dem eigenen Sohn. Manche Verletzungen reichen so tief, dass sie einfach allen Anstand vergessen lassen.

Ich kenne Frauen, die ihre Schwangerschaft abgebrochen haben. Ich kenne Männer, deren Freundinnen eine Schwangerschaft abgebrochen haben. Keine*r von ihnen ist unbelastet. Es ist nichts, was man „mal eben so“ entscheiden sollte. Und es sollte mehr Informationen darüber geben, damit verzweifelte Frauen nicht in die Illegalität getrieben werden. Und ebenso muss das ganze Thema enttabuisiert werden – auch im Sinne der Männer. Denn die harten Worte, wie: „Es ist mein Körper und demnach meine Entscheidung“ fußt meines Erachtens auf der Spaltung zwischen Männern und Frauen, die gerade wieder herrlich hochgepeitscht wird. Etwa beim Gendern oder bei der Frauenquote, von der sich so viele Männer bedroht fühlen. Ein nüchternes Beispiel hierfür: In meiner Firma geht die Mär um, dass man ja nur eine Frau zu sein brauche, um heute Karriere machen zu können. Man nehme nicht besser qualifizierte Männer, sondern schlechter qualifizierte Frauen, weil man ja eine Frauenquote erfüllen müsse. Die Männer hätten ja gar nichts mehr zu sagen. Die Statistik zeigt ein trauriges Bild: Die Führungspositionen sind zu 13 % von Frauen bei uns besetzt. Noch Fragen? Wir sollten besser gemeinsam für ein besseres Miteinander kämpfen als gegeneinander noch mehr Ängste und Hass schüren. Zeit, anzufangen, oder?