up in the air

Die Zeit geht durchaus auch rum, wenn man sie verbummelt. Kaum zu glauben, aber echt wahr. Heute Morgen bin ich schon zeitig wach und kann nicht wieder einschlafen. Nervosität ist es nicht, auch wenn der Tag aufregend zu werden verspricht. In Ruhe gehen wir zum Frühstück, nehmen aber nur etwas Obst zu uns. Man weiß ja nicht, wie unsere Mägen später reagieren werden, obwohl ich zuversichtlich bin. Gerade ist hier Mangozeit. Es gibt sie in Scheiben zurechtgeschnitten… direkt neben den Ananasstücken. Herrlich! Mein Neffe bevorzugt Melonen, auf die ich gut und gern verzichten kann. Aber frisches Obst, zurechtgeschnitten direkt aus der Gegend, ist einfach unschlagbar. Das dürfte gerne jemand für mich Zuhause fortführen. Gibt’s schon Freiwillige?

Und dann geht’s auch schon los zur Lobby, denn wir wollen fliiiiiiiiiegen. Yfranzt quatscht uns noch an. Witziger Name, oder? Das ist irgendein Typ vom Travelteam. Der fragt, wo der Papa des Jungen sei? Bei der Mama, mutmaße ich. Ob ich verheiratet sei? Nö. Kinder? Nö, mir reichen die beiden Jungs meiner Sis. Aaaah…si claro. Hier sind alle vollkommen enfriada. Nichts geht zackig, jeder hat Ruhe für 20. Auf Dauer würde ich das nicht aushalten. Aber für den Urlaub ist das mal ok. Unser Fahrer sammelt uns ein, und wir stellen vergnügt fest, dass wir die Einzigen aus unserem Hotel sind. Kein Moto Moto – juchuuuuuu! Man wird so genügsam mit der Zeit, oder? Klar, der Trip hat auch nichts mit Sauftour zu tun. Das wäre in dem Fall eher hinderlich. Nach 20 minütiger Fahrt kommen wir an und können die Helikopter schon stehen sehen. Wir haben Glück, da wir nur zu viert fliegen. Drei sitzen hinten, einer vorne neben dem Piloten. Sie weisen uns die Plätze zu, und ich darf echt nach vorne! Das klingt doppeldeutig, aber ich könnte jederzeit nach dem Knüppel greifen. 🙃 Mir scheint die Sonne aus dem Hintern. Als wir starten und langsam abheben, frag ich mich noch, wie einem hierbei schlecht werden kann? Es ist einfach nur grandios. Und schon fliegen wir über den Dschungel Richtung Berge. Die Sicht ist atemberaubend. Ich glaube echt, ich könnte im Wechsel fliegen und übers Meer schippern. Es fühlt sich beides wunderbar an. Was sind wir für Glückskinder!!!

Wir fliegen über einen Wasserfall, wo der Pilot lässig drei Runden dreht, bevor es wieder weitergeht. Und dann landen wir an einem Strandabschnitt, auf dem es lediglich ein paar Vogelfußspuren gibt. Zunächst müssen wir warten, bis die Rotorblätter zum Stillstand gekommen sind. Als wir aussteigen, ist mein Neffe etwas blass um die Nase, was mich total verwundert. Ihm machten der Start und das Landen wohl zu schaffen. Ich hab’s hingegen nur genießen können. Er bleibt entsprechend erstmal im Schatten, während ich am Strand entlang loslaufe. Hammer, hier sind keine Fußspuren, dafür diverse Leichen. Keine Sorge, keine menschlichen. Es sind Krebse, die hier im großen Stile ihr Leben lassen mussten. Auf einmal kommt mir ein Hund entgegengelaufen, der mich aber völlig ignoriert. Als ich später zurückkehre, liegt er bei meinem Neffen. Auf den hat er sich zunächst wohl draufgelegt, was ich zu gerne gesehen hätte. Ich gebe dem Süßen etwas von meinem Sandwich ab, was er begeistert schnabuliert. Allzu oft wird er wohl kein Futter bekommen, wie er aussieht. Ohne zu betteln, liegt er neben uns und knurrt nur kurz, als der Kokosnuss-Verkäufer erscheint. Als wir nach einer guten Stunde wieder losdüsen, bellt er den Helikopter erstmal an und läuft dann auf uns zu. Leider nehmen wir ihn nicht mit. 60 Minuten Hinflug, 40 Minuten Rückflug macht 100 Prozent gute Laune bei mir. Perfekt.

Ich werde noch ein paar Punkte auf meine Liste schreiben müssen. Ein richtiger Segeltörn steht noch auf meinem Programm. Und eine Safari ist auch noch mein Wunsch. Freiwilligenarbeit in Kenia natürlich. Mal schauen, was noch alles kommen wird. Wir schlendern heute nur noch zum Pool, um ein wenig zu relaxen. Und hierbei ist mein Neffe mein Wing-Man. Wenn er an meiner Seite ist, ist alles harmlos. Da er rasch aufs Zimmer will, bleibe ich mal allein. Als ich zurückgehe, entsteht das Gespräch, das nur in südlichen Ländern so abläuft. Er: „Hey Lady, where is your husband?“ Ich: „I don’t need one.“ Er: „Why do woman say so? We all need love.“ Wenn der meinen Fuhrpark kennen würde… Ich winke lächelnd ab. Er: „Please give me your number.“ Ich: „I am too old for that.“ Nein, sei ich nicht und bla… bis: „I think you need love. Let me make love to you.“ Ääääh….nö. Bislang bin ich verschont geblieben, weshalb ich jetzt auch nicht genervt bin, sondern nur lachen kann. Ich bin froh, wieder sicher bei meinem Neffen anzukommen. Da sag mal einer, hier erlebt man nix. 😁 Ab jetzt ist nur noch Chillen angesagt. Auch ok… wobei ein bisschen Action schon auch was für sich hat. Mal schauen, was wir noch alles erleben und entdecken. Mir geht’s jedenfalls rundum gut.

Moto Moto on the boat

Es könnte so schön sein… wenn manche Menschen einfach tot umfallen würden. Wahlweise könnte auch ein Hai sie fressen. Ich bin auch offen für die Schiffsschraube. Dafür hat mein Neffe mir auch schon mit der Hölle gedroht. Und ich sag ganz entspannt: Lass kommen. 

Aber von vorn. Heute ist unser Tag für die Yacht. Es geht zu einer wunderschönen Insel. Da ist es auch egal, ohne Frühstück raus zu müssen. Da es eine rein deutsche Tour ist, verwundert es auch nicht, dass wir allesamt früher da sind und dadurch fünf Minuten vor der Zeit starten. Ein Blick aus dem Busfenster kündigt schon meine schlimmste Befürchtung an: Ein Vollpfosten, wie er im Buche steht, steigt ein. Wir haben ganz Deutschland, die Schweiz und sogar Österreich vertreten. Nur Moto Moto, wie wir ihn liebevoll taufen, fällt aus dem Rahmen. Wer Moto Moto nicht kennen sollte, kann sich gern auf Youtube anschauen, wen bzw. was wir meinen.

Das Einzige, was ihn interessiert, ist Rum. Warum ballert er sich nicht Zuhause allein damit die Rübe weg? Da wäre allen geholfen. Wir fahren eine ganze Weile mit dem Bus, während uns Franklin, unser Guide, einiges über Land und Leute erzählt. Er sieht aus wie der ältere Bruder von Denzel Washington und ist langmütig wie der Dalai Lama. Er berichtet, dass 53 Prozent der Dominikaner ein Problem mit den Ohren habe, was wohl geh genetisch bedingt sei. Aufgrund dessen würden die Dominikaner Stille hassen. Es müsse alles laut sein. Ein Mofa, das zu leise sei, würde man am Auspuff bearbeiten oder einfach Büchsen anhängen. Sachen gibt’s. Wie viele Haitianer in der DomRep leben würden, wisse keiner so genau. In Haiti seien sie noch ärmer, daher würden sie rüberkommen und die niederen Arbeiten übernehmen. Die Zuckerrohrplantagen würden durchweg von ihnen bewirtschaftet. Die Regierung sei korrupt, weshalb sie auch gar nicht danach schauen würden, wieviele Haitianer hier seien. Immerhin wären jetzt mittlerweile Schulen für ihre Kinder errichtet worden – nach Jahrzehnten ohne Schulbildung. Dabei war Haiti bei der Gründung durch die Franzosen viel reicher als die DomRep, weil die Spanier durch teure Kriege in Europa nahezu bankrott war. Daher konnten sie sich auch keine Sklaven leisten – im Gegensatz zu Haiti. Durch die Sklaven sei die vorrangige Religion auch bis heute dort Voodoo. So was finde ich ja spannend und verkürzt die Busfahrt ungemein.

Ich erkenne einmal mehr, dass ich kein Guide sein wollte. Es gibt immer diese Moto Moto Typen, die alles sprengen, immer zu laut sind, alle nerven und unverschämt rumpöbeln. Wäre nichts für mich. Ich wäre da erzieherisch unterwegs, was ja nicht ginge. Wir besteigen ein kleines Motorboot, das uns zur Yacht bringt. Das allein ist schon abenteuerlich, denn bei Wellengang vom kleinen Boot auf die Yacht zu wechseln, ist nicht so einfach, wie es klingen mag. Moto Moto fragt natürlich gleich nach den Vitaminen (=Rum). Die Crew stellt es in 5 Minuten in Aussicht. Wie ein guter Spritti zählt er laut die Minuten runter. Fremdscham macht sich breit. Die vier Leute, die mit ihm unterwegs sind, sind ok. Nur er prollert durchgehend rum mit Rum. Distanz ist ein Fremdwort für ihn. Mit jeder weiteren 1:1 Rum-Cola-Mischung steigen Lautstärke und Distanzlosigkeit. Zwischendurch bietet er – besoffen plump subtil durchgeführt – meinem Neffen so eine Mischung an, der ablehnt. Ich wette, der Rum hat mehr Promille als er IQ, aber gut. Mein Neffe darf hier trinken, was er möchte. Ich halte ihn von nichts ab. Dann höre ich den Vollidioten laut flüstern, Lennys Mutter müsste ja nichts mitbekommen. So was liebe ich ja. Der Kleine stellt klar, ich sei seine Tante, nicht seine Mutter. Er wolle einfach nicht. Kotzen mich solche Typen an…

Auf der Insel, die traumhaft schönen weißen Sandstrand bietet und dazu kristallklares Wasser, bringe ich erstmal Abstand zwischen ihn und mich. Das Schwimmen meide ich wieder und verbrenne mir trotz Sonnenschutz und nur 20 Minuten am Strand den Nacken, Hals und Arme. Ich rette mich in den Schatten, wo auch der „Kühlschrank“ wartet – eine Kühlbox mit Softdrinks und Rum. Moto Moto hat dort seinen x-ten Besuch und gibt meinem Neffen schon Zeichen, der den Kopf schüttelt. Ich sage: „Er darf, möchte aber nicht.“ Moto Moto mault direkt los: „Hab ich was gesagt?“ Oooh, wie ich Besoffene liebe, die meinen, sie seien so unauffällig. Ich antworte: „Nö, gerade hast Du nichts gesagt, aber vorhin.“ Dafür ernte ich ein: „Du bist ganz schön garstig.“ Und Du ein dummes, ungehobeltes Schwein, könnte ich sagen… tu ich aber nicht. Beim Weggehen raunt er noch: „Bleede Kuh, bleede.“ Wer mit Alkohol nicht umgehen kann, sollte es lassen. Zwischendurch schnauzt er den Kellner noch an, er habe doch vier Rum-Cola gesagt, nichts ein. „So a Depp, so a Bleeder!“ Widerlich. Bei der nächsten Runde labert er die Leute hinter uns voll, dass wir ja viel zu wenig Zeit auf der Insel hätten. Und dann fragt er laut: „Wie geht’s n Euch mitm Scheißen?“ Es folgt eine Schocksekunde und dann die Ergänzung: „Ich hob a ganz an sensiblen Moochn. Außerhalb von Europa geht nix. Ich scheiß hier aber jedn Dooch mehrfach.“ Er ist ein widerliches Schwein. Ihn kümmert es nicht, wie pikiert die Leute schauen. Auf den Sandbänken später im Meer möchten seine Freunde einfach ruhig entspannen, aber das kann er ja nicht. Permanent mit zur Schau gestellter Kimme, weil die Hose zu klein ist, lässt er sich ins Wasser fallen, schubst seinen besten Kumpel und lässt laut die Böhsen Onkelz laufen. Gut, von jemandem, der den FC Bayern mit Eichenkranz auf dem Oberarm tätowiert hat, erwarte ich auch keine andere Musik, aber wir sind 31 Leute auf der Yacht. Wir richten uns natürlich gerne nach dem Arschloch. Er schleppt sich nach oben, wo ich hocke und rülpst so laut, dass ich befürchte, es käme Land mit. Ein Crew-Mitglied schaut mich mit aufgerissenen Augen an. Ich schüttel den Kopf und sage: „Mal hombre…loco en su cabeza. No ne gusta!“ Der nickt: „Muy enojado.“ Der Freundin seines Kumpels rät er, ihre „Möppele“ besser einzucremen, da die schon rot seien. Er würde das für sie übernehmen, sie bräuchte sich auch nicht so zu zieren. Versteht Ihr nun, warum ich die Lösung mit der Schiffsschraube präferiere? Auf der Rückfahrt sagt einer laut im Bus zu ihm: „Halt endlich die Fresse!“ Stunden zu spät, aber immerhin.

Mein Erfolgserlebnis des Tages: Ein Dominikaner fragt mich tatsächlich, ob mein Neffe mein Freund sei? In der DomRep ist so ein Altersunterschied gar nicht so selten. Oh mein Gott! Meine Erkenntnis des Tages: Vermutlich wäre selbst die Schiffsschraube an Moto Moto gescheitert. Eine weitere Erkenntnis: Ich bin und bleibe ein Weißbrot, das höchstens rot wird, was auch kein Sonnenschutz verhindern kann. Ich schwanke nach der langen Bootsfahrt noch stundenlang innerlich. Ich liebe das Meer… auch wenn ich hier schneller verbrenne. Das ist mein Element und bleibt es wohl auch. Und jetzt? Genieße ich noch eine Piña Colada…mmmh.

Endlich Urlaub

Ach, ich liebe die Karibik. Es ist zwar heiß, aber das macht so gar nichts. Warum? Weil man es dann einfach chilliger angeht. Und das tun wir.

Die letzten Tage vor der Reise waren noch alles andere als entspannt. Ich hab mal wieder registriert, dass mein größter Gegenspieler ich selbst bin. Das nervt, aber gut, ich kenne es ja schon länger. Der Personalchef hat auf meine Einladung eine Woche lang nicht reagiert. Sollte er das nach meiner Rückkehr immer noch nicht getan haben, sage ich den Termin aktiv ab. Entschuldigungen, wie „so was macht der Assistent von ihm“, sind mir vollkommen einerlei. Keine Ahnung, wieviele Zeichen ich noch benötige? Das Verhalten meiner direkten Kollegen hat mir echt auch deutlich vor Augen geführt, wie wenig Gespür für andere bei ihnen vorhanden ist. Erschreckend… und ich bin es so müde, ihnen das zu erklären. Sie waren schon betroffen, als ich ihnen gespiegelt habe, wie respektlos ihr Verhalten sei. Doch das bringt keinerlei Veränderung. Warum soll ich mich dann weiter abmühen?

Die Fahrt zu meiner Sis hat die Deutsche Bahn mit nur 15-minütiger Verspätung geschafft. Dafür war der Weg zum Flughafen mehr Nervenkitzel. Doch wir hatten genug Puffer eingeplant, weshalb es dann doch noch gut funktioniert hat. Wir starten mit einer Stunde Verspätung und der ersten Durchsage an Bord, dass nur die hinteren Toiletten funktionieren. Die vorderen seien defekt. Äääääh… ach ja, und das Entertainment sei leider auch ausgefallen. Das heißt: Keine Filme, keine Musik, kein Laden von elektronischen Geräten. Ich frage mich, wieso Condor solche Maschinen über die Pandemie nicht hat generalüberholen lassen? Da ich bis zuletzt Sorge hatte, dass noch was dazwischen kommt, bin ich jetzt zu entspannt, um mich darüber aufzuregen. Die meiste Zeit über hab ich einfach die Augen geschlossen – wie mein „kleiner“ Neffe auch. Was nervt, ist die Familie im Vierer neben uns. Und ja, ich weiß, dass das familienfeindlich klingt. Der große Sohn ist ein hyperaktives Kind. Mehr noch aber nervt der Vater, der den Jungen animiert, den Gang hoch- und runterzuflitzen. Er macht es auch nicht besser mit seinen doofen Fragen, wie: „Oooh man, wann fliegen wir denn endlich lo-hooos? Ich will endlich da sein! Das dauert mir zu laaaangeeeee!“ Wohlgemerkt sagt das der Vater. Beim Kartenspielen dreht er den Jungen (ich schätze ihn auf vier oder fünf) so sehr auf, dass der dann einen Tobsuchtsanfall hinlegt. Ich habe nicht mitgezählt, wie oft der Junge Nein geschrien hat, bis er in den Schlaf gefallen ist – eine Stunde vor der Landung. Bis dahin war Action nonstop angesagt. Alles verzögert sich durch den verspäteten Flug, weshalb wir um drei Uhr deutscher Zeit endlich im Hotel ankommen. Nach dem frostig klimatisierten Bus schockt die karibische Hitze an der Rezeption, so dass mir richtig schwindelig wird. Wir beziehen unser Zimmer – leider keine zwei Einzelbetten, sondern ein Kingsizebed, aber der Kleine nickt es lässig ab. Mir soll’s recht sein. Wir hauen uns ins Bett, während er noch zwei, drei Sprüche raushaut und beteuert, so drüber zu sein, dass er nicht schlafen könne, doch zwei Minuten später höre ich seinen gleichmäßigen, tiefen Atem. Bingo, einer pennt schon mal. Ich beneide ihn um die Fähigkeit, einfach überall einpennen zu können und keine kreisenden Gedanken zu haben.

Die Dusche im Zimmer ist ein Abenteuer für sich. Es gibt drei Hähne. Was wofür ist, blicken wir immer noch nicht genau. Ich frage mich allerdings, wozu man eine Badewanne mit Jacuzzi- Funktion in den immer heißen Breitengraden hier benötigt? Seit dem Dschungel kann ich auch recht kalt duschen – nicht so mein Neffe. Sein Gefluche strapaziert meine Lachmuskeln unwahrscheinlich. Das Wasser schwankt zwischen recht kalt und kochendem Wasser. Das satinierte Glas der Dusche lässt sich wie eine Schiebetür zum Wohnraum hin öffnen. Ein Highlight, über das wir uns königlich amüsieren. Ich frage mich mal wieder nach dem Sinn? Selbst wenn ich mit einem Partner hier wäre, würde mich das nicht gerade anmachen. So was ähnliches hatte ich mal mit meiner Sis auf Kreta, aber da gab es wenigstens eine abschließbare Toilette. Aber gut, jedem so, wie es ihm gefällt.

Wir lernen unsere Reiseleiterin Gabi aus Bayern kennen, die ein echtes Unikat ist. Alle Dominikaner würden einen bescheißen. Wenn wir Drogen bräuchten, würden die Kellner uns selbst diese besorgen. Am Strand Kartoffelsalat mit Majo zu essen, da müsste doch jeder wissen, dass er bescheuert ist, oder? Die Zigarren, die am Strand verkauft würden, wären nur Bananenblätter, aber wer’s bräuchte, sollte sich nicht aufhalten lassen. Ah ja, sie sei seit 25 Jahren nicht mehr auf deutschem Boden gewesen, von ihrer Familie enterbt und vielen zu ehrlich. Aber dafür verkaufe sie eben nicht ihre Seele. Äääääh… ein paar der Infos hätte ich nicht gebraucht, aber gut. Und dann schiebt sie noch hinterher, dass es ein Geschenk sei, dass die Russen nicht reisen dürften. Aus dem Grund sei die Helikoptertour derzeit buchbar. Naja… und da denke ich so: Das ist zwar kein Schnapperpreis, aber es ist ein einmaliges Erlebnis. Wir sind hier, um das Leben zu genießen. Also los! Und so steige ich mehrfach in den Atlantik, genieße den Wind und das Fluchen „wieso geht das nicht ohne Sand?“ Am Mittwoch genießen wir dann hoffentlich den Helikopterausflug, ohne uns vorab mit Drogen vollzupumpen. Wir werden an einem einsamen Strand abgesetzt… und wer weiß, vielleicht bleiben wir einfach da. Mir geht’s gut.

Dingensschaukelding

Packen ist keine schöne Tätigkeit. Klar, ich kann mich dabei freuen, bald aufzubrechen, zu chillen, Cocktails zu schlürfen, dem Meeresrauschen zuzuhören. Aber das Packen ist dabei für mich kein Spaß. Denn da bin ich Frau durch und durch. Ich könnte ja etwas vergessen! Oder es könnte sein, dass es da, wo ich hinfliege, gar nichts gibt! Und Frauen, seien wir mal ehrlich: Es gibt diesen einen Moment in jedem Urlaub, an dem man denkt: „Wenn ich jetzt diese Schuhe/ das Kleid… dabei hätte, das wär´s gewesen!“ Und ja, liebe Männer, ss gibt auch die Momente, in denen Frau denkt: „Wieso habe ich den ganzen Kram eigentlich eingepackt?!“ Aber den sprechen wir vor Euch niemals laut aus. Wir wollen eben für alle Eventualitäten gewappnet sein.
Was ich auch bemerke: Früher war Kofferpacken eine Selbstverständlichkeit für mich. Zwei Wochen im Monat war ich Minumum unterwegs. Da habe ich freitags wieder ausgepackt, gewaschen, gebügelt usw., nur um dann sonntags wieder zu packen. Es war bestimmt nicht die geilste Zeit, aber auch nicht die schlechteste. In der Tat vermisse ich es ein wenig, auf Achse zu sein. Wer weiß? Wenn ich mich für die Beraterfirma entscheiden sollte (und sie mich denn wollen würden), könnte es wieder ein Teil meiner Tätigkeit sein, durch Deutschland zu reisen. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Genauso verhält es sich bei mir. In meinem Kopf schießen zu viele Optionen durcheinander. Das gilt beruflich ebenso, wie es gerade fürs Kofferpacken gilt. Dabei bewundere ich die Menschen, die das Nötigste mitnehmen und mit nur einem Rucksack reisen. Aber nur, weil ich das bewundere, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch so leben kann. Ganz schön verrückt.
Und so packe ich immer mehr Sachen auf die ungenutzte Doppelbettseite, krame von links nach rechts, lade Powerbank und Kamera auf…und lenke mich dann wieder mit anderem Kram ab. Es ist, wie vor einer Prüfung, wenn ich weiß, ich sollte diszipliniert und strukturiert lernen. Und dann sind die Fenster plötzlich sooo dreckig. Monatelang verdrecken sie, ohne dass es mich juckt, aber dann plötzlich, dann muss ich sie putzen. Oder Staubwischen. Oder das Bad putzen. Zum Glück kenne ich auch andere, die so bekloppt sind wie ich.

Apropos bekloppt: Gestern hocke ich dann irgendwann am Abend auf meiner Couch. Draußen rauscht ein herrlich wunderbarer Landregen, was mich ja immer beruhigt und irgendwie auch glücklich stimmt. Also lasse ich den Blick nach draußen schweifen und entdecke wen? Eine ekelig fette Spinne. Und prompt macht sie mir ein schlechtes Gewissen, weil sie emsig hin- und herhuscht. Sie arbeitet an ihrem Netz, während mein Küchenfenster immer noch verschmiert aussieht. Ich kann es leider nicht ganz öffnen und muss mich zum Putzen weit über den Balkon lehnen. Entsprechend fällt dann auch das Ergebnis aus: Schlierig, dreckig, unschön. Währenddessen pest die Spinne von oben nach unten, von rechts nach links und rundherum. Ganz schön fleißig. Zwischendurch frage ich sie – denn meine Balkontüre ist ja gekippt – ob sie denn eigentlich nicht den Sonntag mal Ruhetag hätte? Aber glaubt Ihr, die blöde Kuh antwortet mir? Hektisch webt sie weiter, als gäb´s kein Morgen. Ganz schön unfreundlich. Und dabei ist ja nicht nur Sonntag, sondern auch noch Pfingstsonntag! Ob sie davon überhaupt Plan hat? Ich bezweifle es. So ein Spinnenleben wäre auch nichts für mich, obwohl ich natürlich auch gerne spinne…nur eben anders.

Apropos Spinnen: Ich spinne nicht nur rum, sondern zaubere munter Erinnerungen hervor. Bei meinem Telefonat mit meiner Sis sagt diese noch, dass Pfingsten bei uns ja nie eine sonderlich große Rolle gespielt hätte. Das stimmt nur in Teilen. Während etliche Kirchenfeste bei uns intensiv gefeiert (oder durchgequält) wurden, fiel Pfingsten überhaupt nicht stark ins Gewicht. Aber für mich war Pfingsten was Wunderbares, weil es den Pfingstmarkt in der Kleinstadt gab, in der ich zur Schule ging. Üblicherweise waren die coolen Typen dann beim Autoscooter anzutreffen. Doch das war mir irgendwie zu prollig. Ich bin lieber rumgeschlendert und habe alles Mögliche bestaunt. Da ich schon als Kind niemals Prinzessin sein wollte, sondern Zigeunerin (was man damals noch gesagt hat), hat mich diese Schaustellerwelt immer fasziniert. Bunt, blinkend und herumreisend – so habe ich mir das vorgestellt. Ich bin damals schon gerne rausgegangen und habe fremde Leute kennengelernt. Und so ein Markt hat da die perfekte Bühne geboten. Nicht nur die üblichen Leute meiner Schule, sondern auch die von anderen Schulen, anderen Städten und Dörfern waren da unterwegs.
Das schönste Pfingstfest war dann das, als ich 15 Jahre alt war. Ich war mit meinen Cousins unterwegs, um meinen damaligen Freund dort zu treffen: Uli. Heutige Fotos zeigen nicht das Bild, das ich damals von ihm hatte. Fand ich ihn cool…heute so gar nicht mehr. Er hatte einen Schnäuzer, was ich heute nur noch bäh finde. Aber dieses Bauchkribbeln, als würden Bläschen permanent darin herumblubbern, das war damals einfach unbeschreiblich. Zusammen sind wir dann im Scirocco gefahren, ein Karussel, das abhob. Ihm war mulmig zumute, weshalb er es „Dingensschaukelding“ in seinen Briefen nannte. Ja, damals haben wir uns noch Briefe geschrieben. Und auch wenn Uli nie und nimmer die Liebe meines Lebens war, verdanke ich ihm doch ein aufregendes, wunderschönes Pfingstfest. Ach, Erinnerungen sind einfach toll, oder?

Ihr merkt´s schon, ich drücke mich mal wieder vorm Packen. Aber immerhin habe ich eine Liste gemacht von den Dingen, die ich noch raussuchen muss. Die nächsten Tage werde ich zu nichts kommen, weil die Arbeitstage lang werden. Und dann steige ich Freitagmorgen in Allerhergottsfrüh auf, um die Bahn um 5:53 Uhr zu erwischen. Der bringt mich dann hoffentlich sicher zu meiner Sis & Co. Erst ein paar Tage später geht dann der Flieger für Lenny und mich. Es ist also Zeit, neue Erinnerungen zu schaffen, damit ich in ein paar Jahren schwelgen kann in „weißt Du noch, als wir zwei in der Karibik waren?“ Ich freu´ mich riesig auf noch ganz vieles…aber dafür muss ich nun wirklich weiterpacken.

Tanz in zwei Welten

Die Unterlagen sind da. Juchuuuu! Wenn das mal keine frohe Botschaft ist. Welche Unterlagen? Na, die für meine Reise. Übernächsten Mittwoch düse ich mit dem „Kleinen“ meiner Sis endlich in die Karibik. Und dann werden wir es uns gut gehen lassen. Bis dahin liegt noch ein kleiner großer Haufen Arbeit vor mir, aber das wird schon. Kennt Ihr das? Wenn Ihr noch sauviel zu tun habt, aber Ihr könnt schon das Licht am Ende des Tunnels – wenn auch nur vorübergehend – sehen? So geht es mir gerade. Ich arbeite am Anschlag, aber das Gefühl der erdrückenden Last ist derzeit nicht mehr da, weil ich weiß, dass ich bald wegfliege. Trotzdem weiß ich, dass ich da was ändern darf. Ob mir das gelingt…? Ich weiß es nicht.

Die Woche war emotional. Meine Ausbildung hat nicht das gebracht, was ich mir ursprünglich erhofft hatte. Oder es war schlichtweg so, dass ich schon zu vieles wusste/ kannte. Das klingt so anmaßend, was ich aber gar nicht meine. Es ist wohl eher so, dass ich nicht so sehr an mich und meine Fähigkeiten glaube. Ach ja…das wunderbare Imposter Syndrom.
Bei der Graduation sollte jede*r sein/ihr Thema vertiefen und den anderen Teilnehmer*innen präsentieren. Es ist schon interessant zu sehen, wie manche Themen dann die totale Leidenschaft bei dem/r Vortragenden entfacht. Und damit spingt dann auch der Funke aufs Publikum über. Ich kann es schwer beschreiben…es war einfach ein wohlig-warmes Gefühl für mich. Ich mag es so gerne, wenn Menschen das tun, was sie wirklich begeistert und sie dann augenscheinlich total aufblühen.
Wieder einmal trifft mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Um ein wievielfaches könnten wir gesünder, produktiver, zufriedener sein, wenn wir mehr von dem täten, was uns so begeistert? Wieviele Menschen sind in einem Job, weil die Eltern das schon gemacht haben oder dazu geraten haben, weil es sich um einen vermeintlichen sicheren Job handelt? Wieviele von uns hocken in Jobs, in denen sie zwar gut sind, es aber nicht mit Freude tun. In anderen Bereichen wären sie nicht nur gut, sondern herausragend. Wenn ich mir den derzeitigen Arbeitsmarkt anschaue, dann werden Firmen umdenken müssen. Wenn ich mir die hohen Krankenquoten anschaue, muss noch viel mehr von diesem Umdenken stattfinden. In kleinen Schritten beginnt es, doch für viele Menschen noch viel zu langsam.
Der Abschied fällt uns nicht schwer, doch eine gewisse Sentimentalität ist durchaus vorhanden. Wir schreiben uns noch gegenseitig Karten, die wir erst Zuhause lesen. Und das ist auch besser so, denn bei so was bekomme ich ja Pipi in den Augen. Die Karten habe ich dann abends noch gelesen, was einfach wie eine schöne, warme Dusche war. Bestärkende, mutmachende Worte, Augenöffner, Dank. Das tut doch jedem/r von uns gut. Darüber habe ich eine Karte vollkommen übersehen…und zwar die der Haupt-Trainerin. Über diese stolpere ich heute Morgen, und die Überschrift rührt mich total: „In Claudia steckt viel Liebe drin“. Ich bin oft Kämpferin, schlagfertig, lustig, provokant…aber ja, das meiste davon kommt aus einem inneren Antrieb von Liebe. Ich liebe schlichtweg Menschen. Nicht alle, keine Frage. Und doch will ich selbst für die Zwiebelfischer noch das Beste rausholen. Bisweilen verpulvere ich da meine Energie, weshalb die Wünsche meiner Mitschüler*innen fast alle in die gleiche Richtung gehen: „Sei so gut und wertschätzend zu Dir selbst, wie Du es zu anderen bist.“ Das tut einerseits weh, weil es eine bittersüße Erkenntnis ist, aber es bestärkt mich andererseits eben auch, meinen Weg zu gehen.

Weniger liebevoll ist der Umgang in meiner Firma. Das ist dann schon totales Kontrastprogramm, wenn ich nach solchen Tagen wieder ins Büro darf. Ich arbeite sowohl Mittwoch, als auch Donnerstag länger als erlaubt. Nächste Woche muss ich drei Tage Schulung geben, wozu ich zwar eine pdf-Datei als Fotodokumentation erhalte, jedoch keine Powerpoint, keinen Ablaufplan mit Zeiten oder sonst was. An die 60, 70 Flipcharts muss ich auch noch pinseln. Und natürlich nebenher auch noch einen Ganztages-Workshop mit meiner lieben Kollegin durchführen, der ebenfalls vorbereitet werden muss. Letzte Woche habe ich auch mehrere Stunden außerhalb meiner Arbeitszeit gearbeitet, weshalb ich Donnerstagmorgen meine Chefin anrufe. An ihrer ängstlichen Stimme merke ich sofort, was ihr Sorge bereitet: Ich könnte mich krank melden. Doch ich beruhige sie sofort und sage, sie solle bitte meinen Gleitzeittag von heute rausnehmen. Ich würde zwar nicht arbeiten, aber meine ganzen Stunden außerhalb der Arbeit an diesem Tag nachtragen. „Ja sicher! Gar kein Problem! Das mache ich sofort, wenn ich im Büro bin. Und danke fürs Durchhalten.“ Tja, es geht doch. Ich muss es nur einfordern. Freiwillig kommt keiner um die Ecke und bietet mir was an. Dann eben so. Wobei ich mittlerweile bei über 180 Stunden Plus angekommen bin. Nicht gut. Ein paar werde ich zumindest am Anfang und Ende meines Urlaubs abfeiern können.
Der Workshop ist dann ein weiteres Highlight meiner Woche. Mittwochs sage ich meiner Freundin und Kollegin noch, im Grunde könne sie den Workshop auch alleine durchführen. Es brauche mich nicht, was sie anders sieht. Am Donnerstag gestehe ich mir bei den 16 Teilnehmer*innen ein: Sie hat recht. Es handelt sich um militärisch geprägte Kolleg*innen und externe Herren einer Behörde. Alter Falter. An der Sprache erkennt man sofort die Unterschiede. Hier werden Ansagen gemacht, keine Bitten oder Wünsche formuliert. Und doch sprechen sie von Respekt und Vertrauen, was irgendwie lustig anmutet, da kaum jemand von ihnen diese Werte auch nur ansatzweise erkennen lässt. Als dann der Obermufti noch sagt: „Es wird Zeit, dass wir endlich auf der Sachebene miteinander reden und die Befindlichkeiten und Emotionen rauslassen“, kann ich nicht anders. Ich stelle mich hin und sage: „Ach, wie schön. Das ist meine Traumvorstellung. Hat noch jemand Lust auf Arbeit mit Robotern?“ Ich erwähnte ja vorhin, dass ich Provokation so gerne mag. Ich erkläre, dass die Prozesse noch so hübsch sein könnten, sich aber keiner daran halten würde, solange eben die Beziehungsebene nicht geklärt sei – so unangenehm sich das Wort „Beziehungsebene“ auch für den ein oder anderen anhöre. Das bringt mir ein Schmunzeln von einigen ein.
Am Tag zuvor haben wir noch den Hinweis von einer Auftraggeberin erhalten, wir könnten jederzeit abbrechen, weil die Fronten doch sehr verhärtet seien. Äääääh? Das ist ja schon eine Aussage, mit der ich meine liebe Herausforderung habe. Meine Kollegin und ich sind uns einig, dass wir gar nichts abbrechen werden. Und das ist dann auch gar nicht nötig. Anspruchsvoll ist es mit den Herren durchaus. Rückblickend erinnert es mich an ein Zitat, das ich unlängst im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg gelesen habe:

„Krieg ist ein Ort, an dem sich junge Menschen, die sich nicht kennen und nicht hassen, gegenseitig umbringen, und zwar auf Beschluss von alten Menschen, die sich kennen und hassen, aber nicht umbringen.“

Es gibt in der Zusammenarbeit auf beiden Seiten alte Männer (leider wirklich nur Männer), die sich selbst zu diesem Workshop eingeladen haben. Auf der anderen Seite sind jüngere Menschen (Männer und Frauen), die wirklich an einer guten Zusammenarbeit für die Zukunft arbeiten wollen. Doch die alten Stänkersäcke torpedieren dies unentwegt, packen olle Kamellen aus und grotzen rum. Einer sagt sogar ganz klar, unsere Firma sei Scheiße. Von der Behörde schreitet keiner ein. Das ist schon faszinierend. Derjenige, der das sagt, trägt auch diesen herrlich verachtenden Gesichtsausdruck im Gesicht. Ergebnisse präsentieren, will er nicht: „Ich will ja keine Karriere mehr machen, sondern nächstes Jahr in den Vorruhestand. Das sollen sie mir genehmigen.“ Ergebnisse aus Gruppenarbeiten notieren, will er auch nicht: „In unseren Ausschreibungen steht doch auch immer: Wenn sich Männer und Frauen mit der gleichen Qualifikation bewerben, werden Frauen bevorzugt. Das tu´ ich doch damit: Ich bevorzuge sie, indem ich ihnen das Schreiben überlasse.“ So ein richtig nettes Arschloch, Ihr merkt´s schon. Nach einer Übung im Freien, zündet er sich erstmal genüsslich eine Zigarette an, obwohl es weitergeht. Dabei grinst er mich provokant an. Ich lächle ihn an und sage: „Lass´ Dir Zeit. In der Zeit kann schon keiner sagen, unsere Firma sei Scheiße“ und gehe weiter. Und ehrlich, ich schwöre, ich kann meinen Augen selbst nicht trauen: Der Typ drückt hektisch seine gerade begonnene Zigarette aus und beeilt sich plötzlich mit den Worten: „Das geht nicht! Das muss ja einer sagen!“ Für manche Menschen fehlt mir wirklich der Baseballschläger.
Als ich irgendwann dem Grummelpitter aus meiner Firma sage, ob ich ihm mal meine Sicht dazu darlegen solle, verneint dieser. So weit, so fein. Doch die beiden Auftraggeber bitten dann explizit darum. Ich antworte im Grunde noch viel zu diplomatisch, indem ich sage, dass die beiden altgedienten Herren sich am besten mal zusammentäten, um die alten Themen auszudiskutieren und aus der Welt zu schaffen, während die anderen schon in die Zukunft gerichtet gemeinsam weiterarbeiten sollten. Dem fieseren der beiden, also der „Ihr seid Scheiße“-Typ, biete ich später noch meine Hilfe an: „Sag´ mir, an wen ich mich wenden kann, damit Deinem Gesuch stattgegeben werden kann. Ich veranlasse gerne alles, dass Du schnellstmöglich gehen kannst.“ Doch die eigentliche Aussage sieht er gar nicht. Er meint nämlich, alle Welt sei auf ihn und seine Expertise angewiesen. Dabei ist er der mieseste, fetteste Bremsklotz von allen. Möge sein Wunsch bitte, bitte in Erfüllung gehen.

Diese Woche war mal wieder ein Beispiel für den Tanz in zwei Welten. Ich mag Polaritäten. Wenn alles nur heile Welt wäre, wäre es auch uninteressant. Und doch würde ich mir wünschen, wir könnten öfters in der Welt tanzen, die uns erfüllt und die Leidenschaft in uns entfacht. Klingt pathetisch? Na, dann geh´ doch auch in den Vorruhestand! 🙂

so schade

Gestern steht ganz im Zeichen von Bügeln, Aufräumen, Kramen, aber auch Chillen. Abends schreibt mich jemand aus meiner Vergangenheit an. Hin und wieder haben wir Kontakt, weil er immer viele Status-Meldungen auf What’s App postet. Dieses Mal schickt er mir aber direkt und schickt einen alten Zeitungsartikel mit. In diesem wird ein alter Auftritt von uns beschrieben. Wir rätseln, wann das war…93 oder 94? Puh, das ist gefühlt ein völlig anderes Leben. Einerseits war es diese Zeit, in der wir noch nicht erwachsen waren, aber auch keine Kinder mehr. Ich wollte damals schon gerne nur raus und weg. Er hat sich hingegen bei uns wohlgefühlt… angenommen, irgendwie Zuhause. Er schwelgt in Erinnerung, während ich denke, wie gut es ist, dem entkommen zu sein. Einer Umgebung, in der ich immer wusste, beobachtet und bewertet zu werden. Er hat nie in unserem Dorf gewohnt, hatte nie diese dominanten Tanten um sich herum. 

Ich frage ihn, ob er da eigentlich schon wusste, schwul zu sein? „Bist Du verrückt??? Ich wusste, irgendwas stimmt nicht mit mir, aber was das war? Nee, davon hatte ich keine Ahnung… oder wollte es wohl auch nicht haben.“ ‚Irgendwas stimmt nicht mit mir’… ist das nicht traurig? Ich habe mich auch nie passend gefunden… nirgendwo. Aber vollkommen anders. Er berichtet mir dann mit Lach-Smileys, wie sein Vater immer am Fernseher gemault hätte, wenn Biolek erschienen sei: „Bah, diese schwule Sau!“ Klar, dass mein Bekannter da nichts gesagt hat. Seine Lach-Smileys erinnern mich an diese traurigen Clowns, die sich ein Lachen aufschminken, obwohl es sie innerlich zerreißt. Mittlerweile ist der Gute 43 Jahre, wohnt schon längst nicht mehr in der Gegend, aber besucht seine Eltern oft. Er hat seinen Partner geheiratet, während seine Eltern immer noch nichts von seiner Präferenz wissen. Es hat mich schon oft genug getroffen, gefragt zu werden, ob ich denn nicht auch mal endlich Kinder wolle? Aber um ein Wievielfaches muss es schmerzen, nicht nur enttäuschte Nicht-Großeltern auszuhalten, sondern sich zu fürchten, ihnen die ganze Wahrheit zu sagen? Dabei bin ich mir sicher, seine Mutter weiß es und ist damit völlig fein. Aber der Vater will es partout nicht wahrhaben. Und so wird eine Komödie gespielt, während es eigentlich eine Tragödie ist. 

Und dann höre ich wieder – auch gestern (und ich hab Dich trotzdem lieb, Schätzchen) – dass es doch nirgendwo so liberal wie in Deutschland zugehe. Für Homosexuelle wäre es doch überhaupt kein Problem mehr. Ist das so? Ich glaube, in den Großstädten stimmt das zum Teil durchaus. In bestimmten Branchen, wie der Modewelt beispielsweise, ist das bestimmt auch ok. Aber in dörflichen Bereichen ist das immer noch anders. In meiner Kindheit sagte eine Frau aus der Nachbarschaft immer, wenn sie von ihrem Sohn sprach: „Unser Leo ist ja krank.“ War er nicht. Er war einfach schwul und ist bereits sehr zügig nach Köln gezogen, wo er nicht mehr „der Kranke“ war. 

Die Sehnsüchte sind dieselben wie bei den meisten anderen. Nur der zusätzliche Druck und die Angst vor Ablehnung sind wohl anders. Mein Bekannter versucht nun, zwei Lesben dabei zu unterstützen, schwanger zu werden. Adoption ist in Deutschland ja ohnehin schon schwer, aber als homosexuelles Pärchen ungleich schwerer. Er wird auf alle Rechte verzichten und möchte nur dabei unterstützen, guten Menschen die Elternschaft zu ermöglichen, ohne dass diese teure Hormontherapien über sich ergehen lassen zu müssen. Ob es irgendwann solche Bezeichnungen, wie ’schwule Sau‘ einfach nicht mehr gibt? Ich würde es mir wünschen…

Wild, frei, lebendig

Ich habe eine tolle Entdeckung gemacht: Der vergangene Montag war der letzte Montag, an dem ich bis Juli in der Firma anwesend sein werde. Wenn das kein Grund zum Feiern ist, weiß ich es auch nicht mehr. Das heißt: Keine blöden Montags-Meetings in den nächsten Wochen mehr. Keine anschließenden Ganztages-Workshops mit blödem Rumgelaber mehr. Das gibt mir so einen Schub, das kann ich kaum in Worte fassen. So beseelt, trete ich dann auch mit voller Energie auf. Es gibt drei Module, wie wir unsere Qualifizierung aufziehen wollen. Wir dürfen sie aber nicht Module nennen, wie alle das tun, sondern Phasen. Keine Ahnung, was gerade Phase ist bzw. en vogue, aber mir ist es so was von schnurzpiepegal. Und wenn wir es Sauerkraut, Eintopf und Blutwurst nennen sollen.
Zunächst einmal müssen wir uns aber noch Fragen für Interviews überlegen, um unsere Stakeholder zu befragen. Warum das alles englische Begriffe sein muss? Weil es dann erst cool und richtig wichtig klingt. Die Fragen habe ich schnell formuliert. Richtig, ich. Die anderen nicken es ab. Irgendwie bin ich gespannt, was sich im Juli bewegt haben wird, wenn ich wieder an den Runden teilnehmen muss… Als nächstes heißt es, wir sollen alle zwei Interviews pro 60 Minuten durchführen, womit ich vollkommen einverstanden bin. Allerdings kann ich diese erst im Juli starten. Der ältere Kollege, der nicht mal weißt, wie man Empathie schreibt, blafft mich direkt an, dass das gar nicht gehe. Ich zucke mit den Schultern und sage, dass ich bis einschließlich 9.6. 10-Stunden-Arbeitstage habe – ohne Pausen dazwischen. Wohlgemerkt weist mich meine Chefin kontinuierlich daraufhin, dass mein Gleitzeitstand bereits sehr hoch sei (über 160 h mittlerweile), während ich sie darauf hinweise, die Arbeiten dann doch bitte anders zu verteilen. Komisch, dass andere Kollegen zeitlich sogar Minusstunden aufgebaut haben. Da mault mein Kollege rum: „Jeder kann abends mal eine Stunde dranhängen. Das ist immer möglich.“ *karatsch* Da ist er gerissen, mein Geduldsfaden. Ich wirble herum und fauche ihn regelrecht an. Ach ja, mein lieber, kleiner Feuerdrachen in mir wird aktiv. Mein Kollege zuckt zurück und korrigiert: „Ääääh, ich meinte das einzig und allein auf mich bezogen.“ Is klar, Junge.
Als die Jungs und Mädels dann mal wieder um den Pudding tanzen, trage ich kurzerhand am präsentierenden Laptop ein, dass ich Phase (oder Modul oder Sauerkraut) eins in Zusammenarbeit mit dem einen externen Berater übernehmen würde. Große Augen, Stille. Also mache ich weiter: „Gut, Ihr seid noch drei. Unsere Chefin scheidet ja aus, weil sie bald weg ist.“ Das bringt mir ein kures Zusammenzucken ihrerseits ein. Dabei hat sie ja selbst gesagt, ab Mitte/Ende Juli weg zu sein. „Wer übernimmt dann federführend Phase 2?“ Schweigen. Ooooooh, das liebe ich ja. Ich halte die Stille aus, dennoch tut sich nichts. „Also gut, falls ich genuschelt habe: Wer von Euch Dreien übernimmt Phase zwei?“ Wieder Schweigen. Ich schaue meine Chefin an und merke an: „Siehst Du: Wir brauchen nicht mal Remote-Arbeit, um sich einfach anzuschweigen. Das klappt auch hervorragend in Präsenz.“ Erst als ich einen Kollegen gezielt anspreche, dass er doch da der Experte drin sei, antwortet dieser, dass ihm die beschriebene Phase zwei nicht gefalle. Ich zucke mit den Schultern: „Dann verändere sie. Ist doch Deine Gelegenheit, das jetzt zu gestalten.“ Und dann jammert er (weil er nie etwas praktisch umsetzt, sondern immer nur meckert, was andere nicht geliefert haben), er wolle aber unbedingt in meiner Phase eins mitarbeiten. Ich erkenne mich selbst kaum wieder, weil ich sauber meine Grenze ziehe: „Habe ich verstanden, machen wir aber nicht. Wir diskutieren seit ewigen Wochen um die ewig gleiche Scheiße. Jetzt teilen wir es auf und bringen endlich mal was auf die Straße, sonst sitzen wir Ende des Jahres noch ohne Ergebnis rum.“ Meine Chefin begrüßt es. Der Kollege nickt zögerlich und übernimmt das Thema. Er wird eh nichts machen, sondern machen lassen, aber nun muss er sich die richtigen Leute dafür ziehen. Bleiben nur noch der ältere Kollege und die Neue, die ihrerseits gerne Skaterklamotten trägt und auf dem Stuhl rumfläzt, als sei sie ein pubertierender Teenager, was meinen älteren Kollegen unwahrscheinlich auf die Palme bringt. Herrlich. Ich schaue die beiden an und frage: „Und wer von Euch übernimmt Phase drei?“ Schweigen. Ich lache: „Ääääh, wir können Euch sehen. Also: Macht das einer von Euch beiden oder trage ich einfach Euch beide ein?“ Grummelgrummelgrummel. Sie: „Na, dann trag´ mich halt mit ein. Aber ich habe ja Wirtschaftspsychologie studiert.“ Gut, das hat sie in vier Wochen auch erst 27 Mal erwähnt. Es könnte mir also wirklich durchgeschlüpft sein. „Ich würde schon auch gerne mit Dir an Phase eins arbeiten.“ Jetzt ist mein älterer Kollege auch erwacht: „Ich will auch mit Dir an Phase eins arbeiten!“ Es ist wie beim Kindergeburtstag. Alle wollen neben dem Geburtstagskind sitzen. Fakt ist aber, sie wollen nur mit mir arbeiten, um selbst nichts machen zu müssen. Das lehne ich aber mal kategorisch ab. Haben wir ja schließlich lange genug praktiziert. Als ich dem externen Berater am Mittwich davon berichte, strahlt er mich an: „Endlich! Das machen wir zwei schon. Endlich kommt mal Bewegung rein!“

Dienstag telefoniere ich dann mit dem externen Trainer von der internen Schulung. Ich benötige noch die Unterlagen, weil ich die Schulung übernächste Woche halten soll und habe keine drei Stunden, mich da reinzufuchsen, was mein älterer Kollege mit: „Ach, das machst Du doch locker“ quittiert. Irgendwann schlage ich ihn – ganz sicher. Als ich so mit dem Trainer spreche und er mir noch mal sagt, wie schade es sei, dass die Führungskräfte sich vorher nicht die Zeit genommen hätten, weshalb ich jetzt diese unliebsame Arbeit übernehmen müsste, sage ich im Scherzton: „Ach, weißt Du, ich hatte zwischendurch schon überlegt, ob ich Dir nicht meinen Lebenslauf mal zukommen lasse…?“ Daraufhin kommt prompt: „Wir werben niemanden aktiv ab, aber wenn Du natürlich mich fragst…dann ist das ja kein Abwerben. Wann setzen wir uns denn zusammen?“ Da bin ich dann doch etwas überrascht. Nach meinem Urlaub, stelle ich in Aussicht. Er freut sich…und ich mich wohl auch. Obwohl ich nicht mal weiß, ob ich das machen will? Aber anschauen und den eigenen Marktwert zu testen, kostet ja nichts.

Gestern habe ich dann einen Ganztages-Workshop mitgemacht. Jajaja, ich kriege ja niemals den Hals voll, ich weiß. Es ging aber gar nicht um eine Fortbildung, sondern um systemische Aufstellung. Professionell betrieben, ist systemische Arbeit echt eine richtig gute Sache. Nun kommt das große Aber, richtig. Eine ehemalige Mitschülerin und Freundin hatte mich schon vor anderthalb oder zwei Jahren gefragt, ob ich nicht mal mitkommen wolle? Sie bräuchten immer Stellvertreter. Und jetzt passte es zeitlich mal. Die Leute vor Ort sind sehr unterschiedlich – von eso bis „normal“, was auch immer das heißen mag. Aber es ist so gar nicht meine Welt. Es geht bei der Arbeit nicht darum, sich als Stellvertreter selbst darzustellen, was einige wohl trotzdem meinten, tun zu müssen. Und irgendwie ist es ein einziges, großes Gewusel, zu viel Selbstdarstellung und für mich dann auch zu weit hergeholt. Ich will gar nicht zu sehr ins Detail gehen. Doch es war für mich eine einmalige Sache in dieser Gruppe. Schade eigentlich. Dafür saß eine 68-Jährige neben mir, die so gar nicht nach 68 Jahren aussah. Sie schiebt es auf ihre vegane Ernährung, die ich absolut gar nicht anstrebe. Dann lebe ich lieber mit Falten. Trotzdem zeigt mir diese Frau, wie völlig anders Lebensentwürfe aussehen können. Sie ist seit einigen Jahren mit einem Mann verpartnert, hatte aber nach ihrer Krebserkrankung das Bedürfnis, sich noch mal richtig auszutoben. Mit Einverständnis ihres Partners hatte sie eine Affäre mit einem 25-Jährigen. Sie raunt mir noch zu: „Und ich dachte, er sei 27, aber das hat er dann richtiggestellt.“ Ich schaue sie an und muss losprusten: „Klar, die zwei Jahre machen ja auch ´nen fetten Unterschied.“ Sie grinst verwegen. Zu dem Zeitpunkt war sie bereits 64. Der Gute war also mal schlappe 39 Jahre jünger als sie. Und dann guckt sie mich an und sagt: „Weißt Du, Alter ist nur eine Zahl. Am Anfang habe ich gedacht, das geht doch gar nicht. Aber das ging wunderbar. Es war einfach nur berauschend und aufregend. Genau das habe ich gebraucht: Mich wieder lebending zu fühlen.“ Ich sitze so da und bewundere sie. Jüngere Männer gehen so gar nicht für mich. Oh je, das wär´s ja noch. Männer haben gerne deutlich jüngere Frauen, aber andersherum? Und dann denke ich: Warum eigentlich nicht? Warum soll es nur bestimmte Pfade geben, die uns vordiktiert sind? In der Mittagspause erzählt sie dann auch von einem Techniker, der ihr Ende der 80er immer helfen musste, weil sie ein Schreibbüro hatte. Da sie quasi ein Dauer-Abo bei ihm hatte, wurde daraus kurzerhand ein Verhältnis. Sie zuckt kess mit den Schultern und quittiert das mit den Worten: „Ich komme aus dem Zeitalter der sexuellen Revolution. Für irgendwas muss das doch gut gewesen sein, oder?“ Vieles unterscheidet mich von ihr, ganz klar. Aber ich bewundere sie für ihre Offenheit und auch den Mut, sich die Dinge zu nehmen, die sie braucht. Sie betreibt dies nicht heimlich, sondern trifft klare Absprachen mit ihrem Partner. Wir Frauen sollten öfter mutiger sein und für uns einstehen…und vor allem sollten wir das Leben so feiern und genießen, wie es ist bzw. es so zu gestalten, wie wir es uns wünschen.

In diesem Sinne: Auf in die nächste Woche, die mit meiner Graduation startet. Noch zwei Wochen, dann beginnt mein Urlaub. Und dann? Hält mich nichts mehr. 🙂

endlich Wochenende

Was war das bitte für eine eklige Hitze diese Woche? Und das bereits im Mai! Ich möchte das Wetter bitte zurückgeben und neues beantragen. Es ist mir durchaus bewusst, dass manche das Wetter genießen. Warum, ist mir allerdings schleierhaft. Oh, ich mag es durchaus auch, wenn es denn mal wärmer wird. Nur warum muss es dann immer gleich auch drückend und schwül werden? Gerne verwenden wir da auch den Begriff „mutschig“. Der ist aber wohl nicht bei allen Leuten aus meiner Region angekommen. 🙂 Meine Cousine weigert sich schlicht, ihn zu kennen. Manche Menschen sind schon eigenartig, oder? Ich persönlich liebe es ja, bei so einem Wetter zu meiner Sis zu sagen: „Et is fottig Wäar.“ Ihr seht schon, wie sehr mich diese Außentemperaturen bzw. ihre Nebenerscheinungen, wie Luftfeuchtigkeit etwa, beschäftigen. Könnte ich es nur so halten, wie ich es als Kind gemacht habe: Einfach die Rolläden in meinem Zimmer bis ganz unten runterlassen und ab aufs Bett. Nur gab es damals gefühlt zwei oder drei Tage im Jahr und nicht so viele wie heute. Entweder liegt es an meiner Vergesslichkeit (und dabei bin ich ja für mein Elefantengedächtnis verschrien) oder es liegt am Alter, dass ich es immer schlechter vertrage oder aber – und darauf wette ich: Diese Extreme haben zugenommen. Da haben wir ihn wieder: Den Klimawandel, der von Trump so gerne geleugnet wurde.

Überhaupt sind Extreme etwas, das zunimmt. Extreme beim Wetter, aber auch Extreme bei Menschen. Ich reagiere beispielsweise mittlerweile sehr extrem auf meine Chefin. Nach einer gefühlten totalen Talfahrt, in der ich mich richtig schlecht gefühlt habe, schwingt das Pendel jetzt wieder leicht in Richtung Kraft – und somit Widerstand. Wenn ich sage, dass die Mitarbeiter Spaß dabei haben sollen, was sie zukünftig tun müssen, wird es so kommentiert: „Ach ja, Claudia ist eben emotional.“ Ich schwöre: Sollte mein einer Kollege mich zukünftig irgendwann dann mal fragen, ob ich meine Tage hätte, breche ich ihm die Nase.
Da sie es ja rational wollen, habe ich mich auf knappe Antworten verlegt. Privat gibt es keine Info mehr von mir. Ich antworte nur noch auf beruflich Relevantes. Das irritiert meine Chefin, was sie gerne beibehalten darf. Was so viele noch nicht verstanden haben: Ich erreiche keine positive Veränderung, ohne die Menschen mitzunehmen. Und dazu gehören nun auch mal Emotionen. Infolgedessen habe ich meinen Lebenslauf nun erstmal stehen, lasse mir noch Zeit, ihn optimal zu schärfen, um dann nach meinem Urlaub endlich zu beginnen. Ich will weg. Mein Betriebsrats-Spezl ist derweil etwas hektisch geworden, weil er dies verhindern will. Er schaut, was möglich ist, denn mittlerweile ist jedem klar, wie unzufrieden alle in unserem Team sind.
Doch dieses Phänomen darf ich dann auch bei den Nachbarteams feststellen. Letzte Woche hatte ich drei Tage lang meine externe Schulung. Da wurde unsere komplette Abteilung hingezwungen. Dieser Umstand allein ist schon so gar nicht meins. Da sind wunderbare Menschen dabei, die mir die Tage richtig versüßt haben. Echte Unikate – mal mit mehr, mal mit weniger Erfahrung. Und es ist eigentlich ganz leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und sie für etwas zu gewinnen. Da braucht man gar keinen Zwang…doch die Abteilungsleiterin kennt eben so gar kein anderes Instrument. Am Mittwochmorgen meinte sie dann auch, mich anzicken zu müssen, weil sie mal wieder etwas verbummelt hat. Das passiert ständig. Sie meint dann, ihre „Untergebenen“ ankacken zu müssen. Die meisten lassen es einfach über sich ergehen. Leider, leider eigne ich mich nicht für so was. Ich bin zu unsportlich, um mich wegducken zu können, also blaffe ich zurück. Und siehe da: „Ääääh, neiiiiiin, so habe ich das nicht gemeint!“ Da bleibt mir nichts anderes mehr, als: „Dann sag´ es einfach richtig!“
Die Schulung war interessant. Der erfahrener der beiden Trainer war für mich nicht authentisch, wenn auch sehr souverän und versiert. Er wusste vieles, aber war für mich dennoch nicht stimmig. Das Blöde an dieser Schulung: Ein paar von uns fragen seit Jahren danach, so eine Schulung zu erhalten, weil wir mit diesen Methoden arbeiten müssen. Nun werden Leute dazu gezwungen, teilzunehmen, obwohl sie a) keine Verwendung dafür haben und b) keinerlei Erfahrung mitbringen. Als Trainer musst Du Dich an den Schwächsten orientieren, was ich vollkommen verstehe. Nur ist es für meine Kollegin und mich dann echt demotivierend, weil wir nie an den Punkt kommen, an dem wir in die Lernzone geraten. Aber unterm Strich kann ich sagen, dass sich die Tage dennoch gelohnt haben, weil ich netzwerken konnte und neue, nette Kollegen kennenlernen durfte. Das hatte zwar mit dem eigentlichen Lernziel nichts zu tun, war aber eine tolle Nebenerscheinung.
Und doch hat mich der Trainer zwischenzeitlich arg genervt. Es kamen immer so subtile Botschaften, bei denen ich dann stets überrascht bin, wie wenig andere so was bemerken. Hier und da hat er kurz eingestreut, was die Weisen und Mächtigen dieser Welt längst wüssten, aber nicht mit allen teilen würden. Und so kleine Hinweise darauf, wie wenig die Impfungen brächten…also noch sei ja nichts bewiesen. Und wieviele Menschen zum Schweigen verdonnert würden. Aber immer mal wieder hier und da ein Satz, der wie zufällig eingeflochten wurde. Bei so was sitze ich dann da und schaue meine Kollegen an, die nicht mal die kleinste Regung zeigen. Zum Beweis frage ich dann anschließend den einen oder anderen, wie er/sie die Aussage empfunden hätte? In der Regel schaue ich dann in fragende Gesichter: „Hab´ ich so bewusst gar nicht mitbekommen.“ Meine direkte Kollegin und ich haben bei solchen Aussagen einfach nur einen Blick ausgetauscht. Damit war uns beiden klar, nicht zu halluzinieren. Unterm Strich ist mir völlig egal, woran dieser Mensch glaubt. Wenn er denkt, die Welt sei böse, er einer der wenigen Sehenden, dann ist mir das wumpe. Sein Auftrag war allerdings, uns zu Lean Management zu schulen und nicht, seine Gabalier-Naidoo-Nena-Theorien einfließen zu lassen.

Die nächsten Arbeitswochen werden nun vieles sein – nur nicht einfach. Die restlichen Tage bis zu meinem Urlaub lassen mich tief seufzen. Ich habe lauter 10-Stunden-Tage vor mir. Immerhin werde ich zwei Freitage frei machen, aber bis dahin noch viel zu viele Überstunden aufbauen. Es folgen Schulungen und Workshops, die ich noch konzipieren muss…allein: Wann? Ein Termin jagt den nächsten. Und dazu werden wir dann am Montag aufgefordert, auf unsere Überstunden zu achten. Dabei ist das ein Witz. Vier meiner Kollegen haben ihre Gleitzeitkonto auf Null bzw. leicht im Minus. Mein Burnout-Kollege, der leider autistische Züge aufweist, verzettelt sich in seinen Aufgaben, weshalb es bei ihm oft aus dem Ruder läuft. Und ich? Ich bin jetzt bei 160 Stunden angelangt. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Führung würde bedeuten, zu schauen, wieviel Kapazität uns denn im Team zur Verfügung stünde, Aufträge danach anzunehmen oder auch mal abzulehnen und die Aufgaben dann gleichmäßig zu verteilen. Was höre ich hingegen? Naja, die beiden sind außen vor, weil sie ihr eines Projekt haben. Der eine Kollege macht partout nichts anderes als eine einzige Sache. Und der vierte Kollege (mit überdimensionalem Verdienst)…der Arme will ja gar nicht diese Aufgaben machen, sondern in einen anderen Bereich wechseln. Der ist bald weg. Da muss er ja keine neuen Aufgaben mehr übernehmen. Nur dass er noch gar nichts im Haus gefunden hat und seit fast acht Monaten diesen Status belegt. Immer, wenn er mich anruft, sagt er zum Schluss lachend: „Also gut, Claudia. Ich leg´ mich dann mal wieder hin.“ Kein Witz, das sagt er wirklich. Welche Konsequenz das hat? Na, keine natürlich! Ich weiß: Ich könnte mich ja ändern. Aber muss das wirklich sein? Muss ich mich echt nach unten hin anpassen und auch eine faule Sau werden? Ich kann das nicht. Daher suche ich mir was Neues. Ob es extern sein wird oder intern was Herausforderndes auf mich wartet, werden wir sehen. Nur da, wo ich jetzt bin, bleibe ich nicht. Immerhin mache ich die ersten Schritte…das ist doch schon mal was.
Da bewundere ich die Studentin, die mir dienstags gestanden hat, gekündigt zu haben. Sie erfahre keine Lernkurve. Die Arbeit mit mir habe ihr Spaß gemacht. Die Art und Weise, wie ich in Workshops von meinen Kollegen persönlich angegriffen würde, hätte sie hingegen geschockt. Dieses Verhalten sei mit ihren Werten so gar nicht vereinbar. Die neue Stelle wäre eine Art Start-Up-Unternehmen. Wenn die gut seien, würde sie mir den Kontakt schicken, damit ich da eventuell Fuß fassen könnte. Ich hab´ die Maus einfach nur umarmen können. Zuletzt war ich so verunsichert, ob ich überhaupt noch alle Latten am Zaun hätte, dass es mich total entlastet hat, ihre Sicht auf den Umgang zu erfahren. Das sind dann diese wertvollen Momente, die mir immer wieder mal die Augen öffnen, mich stärken und dann endlich ins Tun kommen lassen. Manche Menschen sind eben echte Geschenke. 🙂

Maniker? Ach so, nee, Rheinländer!

Entwarnung: Es geht mir wieder gut. Es ist auch nichts weiter passiert. Und die Schulung am Wochenende hat mich dabei gut unterstützt. Natürlich bin ich erleichtert. Vor allem die Tresorübung hat mir dabei gut geholfen. Heute Morgen öffne ich noch nicht mal zögerlich die Tür. Wenn das mal kein Fortschritt ist! Was ich allerdings schade finde: Ein guter Bekannter und Kollege hat mich angerufen und direkt losgelegt: „Woaßt, des is des, wos i immo scho sog. Die Ausländer homms net verdient. Du konnst nua enttäuscht wer’n. I net. I hob’s vorher gwusst.“ So was finde ich enttäuschend. Punkt 1 ist: Ich glaube das nicht. Punkt 2 ist: Was soll mir diese Aussage bringen? Wie hilft sie mir? Gar nicht.

Meine Mitstreiter am Wochenende sind ein bunter Haufen. Wir haben zwei Ärzte, aber auch Psychologen und Heilpraktiker für Psychotherapie. Die Einzige mit Traumatherapie-Ausbildung bin überraschenderweise ich. Samstags sind für mich viele Wiederholungen dabei. Es geht um ein paar Grundlagen und Techniken zu Ressourcenübungen, Tresorübung und der so wichtige, sichere Ort. Da mir der Freitag doch noch nachhängt, bin ich entsprechend müde und erschöpft. Dabei lernen meine Freundin und ich „Heidi aus den Bergen“ kennen. Es gibt ja so Leute, wo es direkt passt. Sie gehört genau zu diesen. Wir lachen und bekräftigen, wie gut das Bild doch passt: Heidi aus den Bergen und die beiden Böckchen. Die erste Übung geht mir richtig leicht von der Hand, da ich Ressourcenübungen immer wieder in meiner Arbeit einfließen lasse. Das ist quasi schon in meiner DNA verankert. In der zweiten geht es um den sicheren Ort, was ich auch als einfach empfinde. Der erste Tag verläuft also alles in allem ruhig und angenehm, weshalb ich wie ein Stein schlafe.
Der zweite Tag ist für mich bereits deutlich spannender. Jetzt geht´s ans Eingemachte. Ich bin froh, die Methodik von der Pike auf zu lernen und nicht, wie es auch angeboten wird, in sogenannten Crashkursen. Dazu spricht die Trainerin mir aus der Seele, da sie keineswegs dogmatisch ist. 80 Prozent der therapeutischen Arbeit mache die Beziehungsebene zwischen Patient und Therapeut aus. Die Methoden seien also eher zweitrangig. Und da ist es wichtig, nicht eine als das Allheilmittel zu sehen, sondern zu schauen, was zu einem selbst, aber auch zu dem Patienten passt.
Mittags gehen wir munter plappernd zu einem Restaurant – Heidi und wir beiden Böcklein. Da es zügig gehen muss – unsere Pause ist arg begrenzt – gehe ich auf den Kellner zu und frage ihn direkt, ob wir den Tisch auf der Empore nehmen könnten? Er schaut kurz nach und bestätigt. Die anderen traben strahlend los, was ich in seine Richtung so kommentiere: „Man, man, man, drei Frauen auf einen Schlag glücklich gemacht. Das schafft so schnell keiner, hm?“ Den beiden ist das peinlich, was ich dem Kellner dann auch noch erkläre: „Die beiden schämen sich, weil ich eben Rheinländerin bin. Ich kann gar nicht anders.“ Der junge Mann amüsiert sich lediglich über uns drei alte Weiber. Am Tisch haut Heidi dann den Klopper schlechthin raus: „Ich habe tatsächlich mal jemandem die Diagnose Manie geben wollen. Der war so quirlig und ist auf alle möglichen Menschen einfach so zugegangen und hat mit denen gesprochen. Dann habe ich erfahren: Der ist Rheinländer! Da hatte sich die Diagnose dann erledigt.“ Ich schmeiß´ mich weg! So sans, die Leit aus die Beag, gä? Meist doch eher introvertiert und abwartend. Ich kann es mir zum Beispiel auch nicht sparen, den Assistenten der Trainerin zu fragen, woher er denn käme? Interessieren tut´s nahezu alle, fragen traut sich aber keine. Warum, erschließt sich mir nicht. Und da ich ihn auch noch lecker finde, frage ich eben nach. Er antwortet auch ganz locker und plaudert mit mir, während mich große Augen von den anderen mustern. Ist das echt so verwegen? Ich erfahre einfach gerne viel über Menschen und ihre Biographien.
Am Nachmittag ist dann eine Live-Demonstration, was mich wieder sehr fasziniert. Die Methode EMDR ist mittlerweile wissenschaftlich belegt und trotzdem ist es einfach besonders, dabei zuschauen und es erleben zu dürfen. Und noch toller ist es, es anschließend selbst ausprobieren zu können. Ich entdecke einmal mehr: So möchte ich arbeiten. Das ist es, was mich fasziniert und anspricht. Meiner Freundin ergeht es leider erstmal genau andersherum – doch das liegt an diversen Themen.
An diesem Wochenende lerne ich auch eine Frau kennen, die ich richtig toll finde. Anfangs kann ich es nicht genau greifen, aber da ist einfach etwas, das mich total anspricht. Mit und mit erkenne ich, dass sie genauso viel Wert auf Sprache legt, wie ich das ja immer tu´. Sie schaut einen auch anders an…nicht oberflächlich, sondern so, als würde sie einem in die Seele blicken. Klingt esoterisch, ich weiß. Aber mich spricht sie damit voll an. Und sie hat etwas unwahrscheinlich Beruhigendes. Und wie es der Zufall so will, fragt sie mich, ob ich Brené Brown kenne? Ich würde sie an die erinnern. Witzig, weil ich darauf ja vor fünf Jahren mitten in Peru angesprochen worden bin. Seither kenne ich die Dame, die so wunderbar von Verletzlichkeit sprechen kann und dabei oft selbstironisch und mit Augenzwinkern unterwegs ist, weil sie eben auch so stark auftritt und liefern will. Schon eigenartig, finde ich. Als ich gestern die Interseite dieser Bekannten öffne und exakt meinen What´s App-Spruch dort als Erstes entdecke, staune ich nicht schlecht. Sachen gibt´s…

Beschwingt vom Wochenende starte ich in die Woche. Und es hält genau bis dann an, als ich auf meine Chefin treffe. Sie geht mir immer massiver auf den Zeiger. Und das Wegducken meiner Kollegen empfinde ich auch als immer nerviger. Es kann doch so nicht laufen?! Alle sind unzufrieden, aber niemand packt es an. Das ist so ein Dilemma von mir. Vermutlich bin ich durch die Geschichte mit meiner Nachbarschaft ohnehin gerade sehr dünnhäutig, was das Thema Verantwortungsübernahme betrifft. Und dann habe ich einen Ganztages-Workshop mit einer Person, die nicht in der Lage ist, mir das Ziel unseres Teams in einfachen Worten zu erklären. Und das ist seit Oktober letzten Jahres so. Sie legt dann irgendwelche englisch-sprachigen Folien auf, die über und über mit Schlagwörtern befüllt sind. Und ich frage erneut nach: „Was wir machen sollen – also, wie man das nennt – ist mir klar. Aber was ist das eigentliche Ziel, was die Firma damit verfolgen will?“ Dabei suggeriert sie ständig, dass ja alles längst klar sei, bis ich an den Punkt gelange und in die Runde sage: „Gut, ok. Ich geb´s auf. Sag´ mir einfach, was ich wie erstellen soll, dann erledige ich das.“ Schweigen, sie starrt mich an. Nein, nein, nein! Ich soll das ja gedanklich mitentwickeln. Ich erkläre ihr noch mal, dass ich ja augenscheinlich zu dumm sei, das zu verstehen, weshalb ich einfach nur noch ausführen werde, was man mir anschaffe. Aber das wolle sie ja nicht (, weil sie keinen blassen Schimmer hat, was zu machen ist). Nur so macht´s mich unendlich müde. Es ist nicht, wie „Gorillas im Nebel“, sondern „Stochern im Nebel“. Mit zähem Ringen formuliere ich einfach in einem Satz das Ziel, das ich mir wünschen würde. Und siehe da, das nehmen wir jetzt. Da hocken sich also hochbezahlte Menschen über Monate hinweg zusammen, strukturieren eine Organisation komplett um und geben einem kein klares Ziel vor??? Ich fühle mich komplett verarscht. Aber gut, nun haben wir ja ein Ziel, das ich formuliert habe. Dann frage ich nach dem Wozu? Wieder kommen englisch-sprachige Folien zum Vorschein, die alles und nichts aussagen. Ich glaube, ich flippe demnächst jedes Mal aus, wenn einer „disruptiv“, „volatil“, „Subsidiarität“ oder „VUCA“ sagt. Oder ich schreie. Nach 30 Minuten wäre ich vermutlich heiser…manche Meetings würden mich dann schon nach 15 Minuten heiser bekommen.
Ehrlich: Wer fühlt sich da angesprochen? Unsere derzeitige Praktikantin bringt es noch mal auf den Punkt: „Ich betrachte das mal als Mensch, der gerade erste Schritte in die Arbeitswelt macht. Da frage ich mich als Mitarbeiterin schon: Woher soll ich meine Motivation nehmen? Da will ich emotional angesprochen werden und nicht solche Buzz-Words hören.“ Ich strahle sie an und könnte sie knutschen. Die anderen nicken leicht verhalten. Das Wozu und auch das Warum zum Wozu liefere ich dann, weil ein Kollege beim Warum tatsächlich „Disruption“ sagt. Am Ende steht dann endlich das, was wir schon im Oktober benötigt hätten und wonach wir auch aktiv gefragt haben – aber gut…Zeit ist ja relativ. Als das erstmal steht, fragt ein anderer Kollege: „Bist Du denn jetzt endlich zufrieden, Claudia?!“ Ich hole tief Luft, zähle bis zehn und sage: „Alles, was gerade Positives entstanden ist, machst Du mit dieser Frage wieder vollkommen platt. Danke für keinerlei Wertschätzung! Es geht nicht um mich und meine Zufriedenheit. Es geht darum, den Mitarbeitern genau das zu transportieren, was wir eigentlich von ihnen wollen, denn sie müssen es schließlich mit umsetzen.“ Kaum sind wir draußen, raunt die Praktikantin mir zu: „Von Kommunikation verstehen die hier wirklich nicht viel, kann das sein?“ Ja, das kann sein. Bitter, aber wahr.
Betreffender Kollege kommt zum Feierabend noch mal zu mir, um mir mitzuteilen, wie gut und ergiebig dieser Tag doch endlich mal gewesen sei. Ich antworte ihm ehrlich: „Das ist sehr schön für Dich. Ich bin allerdings einfach nur müde und erschöpft.“ Und genau da stehe ich derzeit, was echt schade ist.

Da meine Sis und mein Schwager heute angereist sind, um einen Zwischenstopp bei mir einzulegen, hören sie ca. 15 Minuten von einem Meeting mit. Anschließend sagt mein Schwager dann trocken: „Wenn ich mir das jeden Tag anhören müsste, würde ich ausflippen!“ Dabei hat er noch ein gutes Meeting erwischt. Schon erschreckend, oder? Und gleichzeitig freut es mich, so was zu hören, denn das sagt mir, dass ich nicht völlig lala im Kopf bin. Zwischendurch denke ich nämlich schon regelmäßig, ob nicht ich das Problem bin? Und vermutlich bin ich das sogar auch, weil ich mehr will. Ich will ein vernünftiges, wertschätzendes Miteinander und kein planloses, unstrukturiertes Rumgeeier, bei dem es darum geht, andere niederzumachen und möglichst hell zu strahlen. Ich schätze – trotz Hörnern – werde ich diese Felsbrocken nicht bröckeln lassen. Immerhin habe ich ein paar erste Anpassungen an meinem Lebenslauf vorgenommen. Der erste Minischritt ist gegangen. Auf der Suche nach dem Sinn, trippel´ ich mal weiter…Hauptsache, es passiert überhaupt irgendwas.

keiner verantwortlich

Es gibt Themen, die sind lustig. Und es gibt solche, die sind nachdenklich. Heute ist es anders. Heute finde ich dafür nicht wirklich die richtigen Worte. Doch hübsch alles der Reihe nach.
In dem Mehrfamilienhaus, in dem ich lebe, gibt es auf meiner Etage zwei Wohnungen, die der Eigentümer an den Kinderschutzbund vermietet hat. Klingt auf den ersten Blick sehr sozial, dient vor allem aber der durchgängigen Miete, ohne sich um irgendwas kümmern zu müssen. Nun werden die Wohnungen rund ums Jahr munter belegt mit Jugendlichen, die aus schwierigen Verhältnissen kommen. Leider werden sie nur – zumindest aus meiner Sicht – nicht groß weiter betreut. Mir ist völlig klar, dass sämtliche Sozialberufe unterbezahlt sind und auch in der Regel mit einem geringen Mitarbeiterschlüssel daherkommen. Dennoch kann dies kein Grund dafür sein, dass die jungen Menschen quasi keiner wirklichen Betreuung unterliegen. Da ich mich selbst sozial schimpfe und auch noch erinnern kann, wie ich als junger Mensch unterwegs war, habe ich in den letzten Jahren nie was gesagt und mich nie beschwert – ein Gegensatz zu den meisten anderen Mietern und Eigentümern im Haus. Natürlich waren manche dieser jungen Leute lauter als andere. Das Treppenhaus sieht nach einem Umzug auch immer ramponiert aus. Das belastet mich nun weniger, aber die Eigentümer der Wohnungen hier natürlich schon, was ich auch verstehen kann. Die Betreuungsstelle damit konfrontiert, kam normalerweise die Standard-Antwort: „Ja, können Sie denn beweisen, dass das der- oder diejenige war?“ Damit war der Fall für sie erledigt, was ich schon recht unverschämt finde.
Nun erweist sich meine Nachbarin als besonderes Exemplar. Sie, die derzeit noch ein Er ist, macht gerne einen auf schüchtern, huscht schnell in ihre Bude, in der sie dann allerdings laut schreien kann. Ständig sind Bekannte von ihr vor Ort, die dann den Geräuschpegel so in die Höhe treiben, dass ich es in meinem Wohnzimmer gar nicht mehr aushalten kann und ins Schlafzimmer trabe. Andere Nachbarn haben sich bereits beschwert, ich habe noch hübsch die Füße stillgehalten. Bis ich dann nachts durch starken Lärm geweckt wurde – nicht einmal, sondern regelmäßig. Es ist so, wie ich mir das in manchen Sozialwohnanlagen vorstelle, was mir für die Menschen dort auch sehr leid tut. Andererseits kann es auch nicht sein, dass ich hier richtig fett Miete abdrücken muss und dann vom Schlafen abgehalten werde. Als ich am nächsten Morgen an der Nachbarstür geklingelt habe, kam keine Reaktion. Erst später, als wieder einmal das vereinbarte langgezogene Klingelzeichen ertönt ist, bin ich dann auch raus und habe die Mieterin darum gebeten, zukünftig bitte leiser zu sein. Diverse Nachbarn hätten sich bereits beschwert. Ich habe die Hausverwaltung nun auch angerufen, die mir geraten hätten, zukünftig sofort die Polizei zu rufen. Ihr Lebensgefährte wird daraufhin direkt aggressiv und beschimpft mich. Wohlgemerkt: Er ist immer da, obwohl eigentlich nur sie die Mieterin ist und ihr auch nicht erlaubt ist, Besuch über Nacht zu haben. Das interessiert mich ja noch nicht mal. Es interessiert mich hingegen schon, wenn man mich vom Schlaf abhält.
Von einer Nachbarin erhalte ich eine Nummer vom Kinderschutzbund, die zuständig sein soll. Es finden zwei Gespräche mit der Dame statt, die mir versichert, sich nun endgültig darum zu kümmern, da besagte Mieterin schon mehrere Verweise erhalten hätte. Das war am 5.3. Danach kam keine Info mehr, die Lautstärke ging hingegen ungebremst weiter. Nicht allerdings, ohne vorher durch meine Wohnungstür von ihrem Typen angebrüllt zu werden: „Fick Dich, Du Fotze!“
Ich habe Angst. Ja, ehrlich wahr. Ich habe mit psychisch Kranken gearbeitet, ich habe im Gefängnis Schwerverbrecher geschult. Aber hier muss ich eingestehen: Ich habe Angst. Ich wohne allein, die Gestalten, die da lautstark durchs Treppenhaus poltern zu jeder Tages- und Nachtzeit, machen mir Angst. Es geht so weit, dass ich mich nicht einmal mehr traue, die Polizei zu rufen, wenn es laut ist, denn ich befürchte danach, dass ich eine aufs Maul bekomme. In der Hoffnung, dass die Dame vom Kinderschutzbund ihr Versprechen hält, halte ich aus. Im Aushalten bin ich ja leider Spitzenreiter. Letzte Woche werde ich dann um 4:10 Uhr abrupt geweckt. Zunächste hoffe ich noch, dass es sich nach fünf Minuten erledigt haben wird, sehe jedoch nach einer Dreiviertelstunde ein, dass dem nicht so ist. Völlig gerädert starte ich meinen Tag – nicht jedoch, ohne die Dame vom Kinderschutzbund zu kontaktieren. Die spricht mir später auf die Mailbox, wie schwierig alles sei. Die Behörden würden zu wenig Kohle zur Verfügung stellen, sie arbeite mit Hochdruck an einer Lösung. Es sähe so aus, als müsse die Mieterin in die Obdachlosigkeit. Da zuckt natürlich ein Teil in mir. Ein anderer hingegen sagt: Was soll sie denn noch alles anstellen? Der Fernseher ist schon aus dem Fenster geflogen. Gottseidank war der Nachbar im Erdgeschoss gerade nicht im Garten. Sie hatte zahlreiche Chancen, zeigt allerdings nie Einsicht und ist ständig das Opfer.
Am Sonntag zerlegen sie dann mit vereinten Kräften die komplette Wohnung. Ich mutmaße, man hat der Mieterin mitgeteilt, dass sie in den kommenden Tagen die Wohnung räumen müsse. Das nehmen sie und ihre Kumpanen wohl zum Anlass, ihr Mütchen zu kühlen. Es scheppert, es rumst, es gibt Geschrei. Es wird auf Wände eingeschlagen, auf Türen, einfach alles. Dieses Mal tagsüber. Da kann ich nicht einmal die Polizei rufen, wenn ich mich denn überhaupt trauen würde. Gestern höre ich sie noch einmal tagsüber, dann erstmal nicht mehr. Als es abends an meiner Tür klingelt, verfalle ich in Schockstarre. Ich tu´ so, als sei ich nicht da. Ich habe wirklich richtige Angst und will, dass das nur noch vorbei ist. Ich weiß nicht, ob das jemand kennt? Diese lähmende Angst, wenn jemand offenkundig aggressiv ist. Ich kenne das noch von meinem betrunkenen Ex von vor vielen Jahren. Da kann man nicht vernünftig argumentieren. Da geht es ausschließlich um den Selbsterhaltungstrieb. Heute Mittag klingelt es wieder an meiner Tür. Tagsüber ist meine Angst nicht so groß. Vor mir stehen der Hausmeister und eine Nachbarin aus dem Stockwerk unter mir. Meine Wohnungstür ist über und über mit Rasierschaum besprüht. Auf dem Boden wurde der Badezimmereimer entleert. Es wimmelt von Rasierklingen, verteiltem Rasierschaum, leeren Verpackungen, Kippen und dergleichen. Mir wird schlecht. Das Klingeln gestern Abend waren wohl besorgte Nachbarn, denn die respektlosen Vollidioten haben sich schon gestern ausgetobt. Während ich am Laptop gesessen und gearbeitet habe, haben sie – dieses Mal plötzlich lautlos – ihr Werk vollbracht. Ich rufe die Dame vom Kinderschutzbund an, die mir mit Schweigepflicht kommt. Ich blaffe sie in meiner Fassungslosigkeit an, was sie – verdammte Scheiße – nicht verstanden hätte, als ich ihr berichtet hätte, ich hätte Angst vor diesen Menschen??? Sie würde ja nur die Mieterin kennen und nicht das Aggro-Pack drumherum. Und dann kommt doch tatsächlich die passende Frage: „Können Sie denn beweisen, dass die das waren?!“ Tja, so sieht´s aus. Herrlich, oder? Ich rufe die Polizei an und frage, ob sie Angaben zum gestrigen Vorfall bräuchten, weil meine Nachbarn alles dokumentiert und die Polizei informiert haben. Doch hier kommt der nächste Klopper: „Ich sehe gerade, ja…Ihre Wohnungstür wurde verziert und Unrat vor die Tür gekippt. Naja, das ist unschön, aber ja keine Straftat.“ Ich habe einen Stein im Magen und frage nach: „Ich hoffe, Sie scherzen?!“ Der Herr gibt sich locker: „Wenn Sie Stress mit Ihren Nachbarn haben, können wir da nichts tun. Es ist ja nichts beschädigt.“ Richtig. Die Türe steht noch, meine Knochen sind noch heil. Aber wie es innerlich aussieht, das ist ja scheißegal. Resigniert frage ich: „Es muss mich also erst jemand zusammenschlagen, bis da was passiert?“ Ja, so ist es wohl. Die Dame vom Kinderschutzbund ruft später an und hofft für mich, dass nun Ruhe einkehre, da der Schlüssel nun in ihrer Obhut sei und die Dame nicht mehr hier wohnen würde. Naja. Menschen, die nichts zu verlieren haben, können rundherum rumlungern und sonst was anstellen, aber hey, ich hoffe einfach auch mal.
Die Hausverwaltung verweist an die Polizeit. Der Kinderschutzbund verweist an die Polizei. Die Polizei verweist an einen Anwalt zwecks zivilrechtlicher Klage. Ääääääh? Keiner übernimmt Veranwortung. Mein Nachbar von gegenüber kommt später noch mal zu mir und zeigt sich geschockt. Was er tun könne? Wie es mir gehe? Die Polizei würde es bestimmt regeln. Ich desillusioniere ihn mit meiner Info. Er starrt mich an…fassungslos, wie ich es zwei Stunden zuvor ebenfalls war. Dieser Nachbar hat einen Migrationshintergrund (Bosnier). Meine Nachbarin ein Stockwerk tiefer genauso (Afrika). Warum ich das sage? Weil die Menschen, die sich in der Bude nebenan getummelt und alles verwüstet haben, diesen auch haben. Sie haben in ihrer Sprache gebrüllt, die ich nicht verstehen konnte. Und die sind es, die anderen Menschen, die ebenfalls nicht in Deutschland geboren worden sind, das Leben schwermachen. Denn diese schlechten Beispiele bleiben hängen. Dann heißt es wieder „Die Ausländer“. Aber da gibt es auch das Gute: Mein Nachbar bietet mir an, ich könne immer und jederzeit zu ihm und seiner Frau rüberkommen.
Und ich? Zweifle natürlich an mir. War es falsch, sie anzusprechen und fair sein zu wollen? War es falsch, nicht die Polizei zu rufen? Ich schäme mich, weil ich mich hilflos fühle…und allein. Alle wissen es selbstverständlich besser: Die Hausverwaltung, der Kinderschutzbund, mein Vermieter: „Hätten Sie mal besser die Polizeit gerunfen.“ Das sagt sich so leicht, wenn man nicht verängstigt ist, weil man nichts zu befürchten hat.
Vermutlich wird nichts mehr passieren. Vermutlich sind sie weitergezogen. Vermutlich sind aber keine 100 %. Und so werde ich die nächsten Wochen damit zubringen, immer über meine Schulter zu schauen. So auch morgen, wenn ich meine EMDR-Ausbildung starte und gegen 18:30 Uhr nach Hause komme. Kein schönes Gefühl…gar nicht. Aber es hilft ja nicht, ich muss da durch.