bin ich fleißig!

Ach, ist das herrlich. Ich kann wieder ausschlafen und in Ruhe in den Tag starten. Irgendwann fahre ich zum Einkaufen. Ist doch immer wieder spannend, wieviel auf den Straßen los ist. So auch heute wieder. Es staut sich auf den zwei Kilometern meiner Hauptstrecke komplett zurück. Und wie ich da so stehe, schaue ich in den Rückspiegel und nehme ein Auto einer Fahrschule hinter wahr. Die Fahrlehrerin spielt permanent an ihrem Handy. Auch als der Bursche auf dem Fahrersitz wieder anfährt, legt sie das Handy nicht beiseite. Hä? Und das geht über mehrere Minuten so. Dabei ist es doch ihr Job, voll konzentriert zu sein, weil der Mensch neben ihr das Fahren ja erst lernen muss. Zwischendurch will ich schon aussteigen und ihr das Öhrchen langziehen. Dumme Nuss! Das hat was von einem Chirurgen, der bei einer OP den Börsenticker auf dem Fernseher verfolgt. Nur brauch ich´s wohl auch einfach, mich aufzuregen.

Im Laden ist mal wieder was los. Puh! Ein alter Opi will einfach mit seinem Einkaufswagen durch den Eingang entfleuchen. Das löst einen Alarm aus, was den Sicherheitsdienst auf den Plan ruft. Der Opi ist angefressen, weil er doch nur raus will. Vor lauter Bockigkeit lässt er dann einfach den Einkaufswagen mitten im Weg stehen und geht. Köstlich! Die Sicherheitsfrau guckt entgeistert ihren Kollegen an, während der Alte sich – wüst vor sich hin schimpfend – vom Schauplatz entfernt. Und ich sage, ich würde gerne noch mal ins Kino?! Dabei habe ich doch beim Einkaufen immer wieder dieses tolle Prgramm! Herrlich schön, dieses Leben.
Da ein Auto die Ausfahrt blockiert und sich da schon ein riesiger Rückstau gebildet hat, fahre ich einen Umweg, wo ich eigentlich nur rechts abbiegen kann. Ich muss aber links abbiegen. Naja, ich fahre also leicht rechts und mache dann einen U-Turn. Damit blockiere ich keine Autos und nichts. Und trotzdem geht ein Mann über die Straße und kommentiert: „Ja, mal schön fett über ´ne durchgezogene Linie fahren, ne?!“ Da schönes Wetter ist, habe ich die Fenster ein bisschen runtergelassen, weshalb ich das höre. Jetzt würde ich gerne schon wieder aussteigen und jemanden am Ohr ziehen. Im Grunde hat er ja recht. Nur habe ich niemanden behindert. Da liebe ich es ja, wenn das dann jemand kommentieren muss – vorzugsweise natürlich ein Mann. Weil dicke Eier nun mal alles besser wissen. Und genau deswegen führen die Männer auch sämtliche Unfall-Statistiken an. Es lebe das Vorurteil!!!

Und dann lege ich Zuhause so richtig los. Ich krame mich durch meinen Kleiderschrank und verabschiede mich von einigen Sachen. Der Schrank ist jetzt keineswegs luftig nach dieser Entschlackungskur. Ich habe einfach immer noch hömmele viel Zeugs. Aber immerhin ist wieder ein weiterer Schritt getan. Aus dem Fundus ziehe ich auch manches Teil, das völlig zerknufelt (zerknittert) ist. Also bügel´ ich einen richtigen Berg weg, damit wieder alles nett greifbar ist. Wieder ein Häkchen, das ich setzen kann.
Dann bringe ich jede Menge aussortiertes Papier von gestern zum Altpapier-Container und sehe schon von Weitem zwei junge Frauen auf Sitzpuffs (lustiges Wort – haha) hocken. Eine hat Dreadlocks, was ganz lustig aussieht. Erst auf dem Rückweg bemerke ich das offenstehende Wohnmobil und frage: „Habt Ihr das selbst bemalt?“ Die mit den Dreads nickt: „Ja. War meine Corona-Therapie, sozusagen.“ Sieht echt ganz cool aus. Übermütig sage ich: „Na, da Ihr ja jetzt fertig seid…also…wenn da erneute Corona-Langeweile aufkommt: Ihr könnt sehr gerne meine Bude putzen.“ Beide lachen, wobei die mit den Dreads antwortet: „Habe ich letztes Jahr schon ausprobiert. Das hatte keinerlei Auswirkungen auf meinen Gemütszustand.“ Ich grinse sie an: „Ich wollte nur hilfsbereit sein…für die psychische Gesundheit sorgen und so.“ Wir wünschen uns noch ein schönes Wochenende und verabschieden uns. Komisch, wenn Leute schon so alternativ daherkommen, empfinde ich es als selbstverständlich, sie zu duzen. Dabei waren das jetzt keine richtigen Hühner, die gerade erst mit der Schule fertig sind. Ihre Lebensart mit Mate-Tee und Co. entspricht auch nicht meiner, aber ich bewundere sie schon für ihre lockere, gechillte Lebensart. Einfach mal sympathische Leute, die nicht durch die Gegend moppern und rumstänkern. Hach, welche Bereicherung.

Und dann tu´ ich es wirklich: Ich mache meine Steuererklärung. Juchuuuuuuu! Es fühlt sich am Ende des Tages richtig aufgeräumt in mir drin an. Das gibt mir ein Gefühl von Ausgeglichenheit. Komisch, ich weiß ja, dass dieser Effekt eintritt. Trotzdem schiebe ich solche Dinge mit Vorliebe immer weiter. Das ist, wie beim Putzen auch: Wenn alles so frisch duftet und blitzt, wirkt es toll. Und ich denke auch immer: Das machste jetzt öfter! Dann dauert es zwei Tage – maximal – bevor wieder alles langsam eine Staubschicht anzieht und meinen Frust samt Demotivation steigen lässt. Mein weiß lackierter Couchtisch ist da sogar wie ein echter Magnet. Wird Zeit, dass mein großer Neffe mir einen Tisch baut, der nicht so ein Staubfänger ist. Aber für den Moment? Da genieße ich es, ordentlich aufgeräumt zu haben. So darf´s weitergehen.

aufgeräumt und aussortiert

Heute schlafe ich wirklich in Ruhe aus. Ich werde ein paar Mal wach, aber drehe mich völlig renitent noch mal um. Und dann lasse ich es richtig langsam angehen. Meine Dusche ist heute auch eher Wellness-Oase. Ich weiß, wenn ich wirklich mal grün wählen sollte, müsste ich auch mehr auf den Wasserverbrauch achten. Erst gestern habe ich außerdem gehört, wie gut sich das kalte Duschen auf die Psyche und mentale Stärke auswirken würde. Noch kann ich mich nicht dazu überwinden. Man soll auch nicht von jetzt auf gleich umstellen. Es sollen vielmehr kurze Einheiten sein…erst mal 15 Sekunden und dann langsam steigern. Wenn ich an Peru denke, da war es ja normal, kalt zu duschen. Jetzt kann man dagegenhalten, dass es da auch draußen wärmer war. Trotzdem war es immer eine Überwindung für mich. Und ich bin ja eine täglich Duscherin. Es könnte allerdings nicht schaden, mir anzugewöhnen, zum Schluss die Dusche mal auf kalt zu stellen. Soll ungemein beleben. Wenn ich irgendwann soweit sein sollte, zu den Eisbad-Verrückten gehören zu wollen, erschießt mich. Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen.

Da meine Gedanken kreisen, habe ich vor, mich heute mal voll und ganz auf meine Ablage zu kümmern. Das schiebe ich ja immer sehr gerne…und seeeeehr lange. Es bringt aber nichts. Und die Ordnung, die ich bisher hatte, war nicht wirklich sinnvoll. Sind wir mal ehrlich: Eigentlich müsste jeder von uns ja alles so organisieren, dass andere Leute im Ernstfall alles finden können, ohne sich durch einen riesigen Wust wühlen zu müssen. Nö, ich habe nicht vor, schon die schwarze Essensmarken zu bestellen. Aber es reicht ja schon ein Krankenhausbesuch – warum auch immer. Und so krame ich dann die Versicherungsunterlagen in einen Ordner, Strom, Telefon und Schnickischnacki in einen anderen. Zwei Ordner für die Arbeit mit Abrechnungen, Vertrag usw. Meine Fortbildungsunterlagen finden sich auch nur in irgendwelchen Haufen wieder. Und eigentlich wollte ich noch die Steuererklärung machen. Aber mit den Papieren, Wäsche waschen, Vorhänge wieder vernünftig aufhängen (ein paar Röllchen hatten sich quergestellt, diese Biester) und Landkarte aufhängen (war ein Geburtstagsgeschenk), habe ich doch lange gebraucht. Umso glücklicher bin ich gerade, etwas mehr Ordnung geschaffen zu haben. Irgendwie treibt mich das derzeit um. Ich klage ja immer wieder, meine Wohnung sei zu voll. Aber irgendwie steckt dann doch ein Oachkatzl in mir, denn ich muss immer horten. Wer weiß, wann der nächste Winter kommt?
Kennt Ihr das? Also, ich gebe zu, ich spreche vorwiegend die Frauen hierbei an: Habt Ihr auch Klamotten im Schrank, die Ihr noch nie getragen habt? Oder Schuhe? Oder Porzellan, Backutensilien und dergleichen mehr, was Ihr nie oder vor fünf Jahren zuletzt benutzt habt? Davon habe ich allerhand. Ach, meine Kontoauszüge reichen über zehn Jahre zurück. Das Doofe dabei ist nur: Wo und wie entsorge ich die? Mittlerweile sind die ja Gottseidank nur noch elektronisch. Was mache ich denn nun mit dem ganzen Papier? Einfach wegschmeißen, soll man das ja nicht. Ich habe aber auch keinen Aktenvernichter. Für das eine Mal in fünf Jahren, würde es hier auch nur Platz wegnehmen, wie all der andere Kram. So was kann ich ja leiden. Da entschließe ich mich, endlich mal was zu entsorgen, weiß aber nicht wohin damit. Vermutlich schmeiße ich es in eine Datentonne bei meiner Arbeit. Naja…zumindest gehe ich die ersten Schrittchen. Ich habe von vielen gehört, die das letztes Jahr gemacht haben, als das mit der Pandemie losgegangen ist. Da habe ich noch gedacht: Ha, würde mich mal so der Hafer stechen, dass ich da was mache. Jetzt scheint es soweit zu sein.

Entsprechend entspannt und „aufgeräumt“, kann ich mich gleich vor den Fernseher hauen und dazu Rhabarber-Kompott essen. Habe ich mir nämlich gestern Abend noch gekocht. Wenn ich überlege, wie der bei uns Zuhause nur so gesprossen ist und ich nie genug davon bekommen habe…puh, da denke ich, wie toll ein kleiner Garten doch wäre. Meine Mom war eher der Sklave ihres Gartens. Das wäre nichts für mich. Aber ein kleiner Nutzgarten, um ein bisschen Obst, Salat und Gemüse anzubauen, fänd ich schon schön. Auch damit bin ich gerade wohl voll im Trend, denn das geht vielen so, wie ich um mich herum wahrnehme. Naja…ich sag´s ja immer wieder gerne: Bei all dem nervigen Verzicht, hat Corona doch auch zum Nach- bzw. Umdenken angeregt.
Schauen wir mal, welche Ideen ich denn wirklich nachhaltig verfolgen werde. Es sind, wie so meist bei mir, zu viele. Aber besser so, als keine Träume, Ideen und Wünsche zu haben. Das stelle ich mir schrecklich vor. Da bin ich einfach mal wieder dankbar…kann ich ja auch, mit Rhabarber-Kompott.

das twerkende Vögelchen – kein Grimm Märchen

Es regnet heute so ziemlich in einer Tour. Und mir gefällt´s. Bei meinem ersten Workshop beschwert sich eine Teilnehmerin über das Wetter. Wenn ich arbeite, ist mir das Wetter schnurzpiepe, aber wohl nicht allen, wie es scheint. Ich freu´ mich über die fortgespülten Pollen, was mir mein Leben doch ungemein erleichtert. Als ich das erwähne, sagt sie: „Ist auch was dran.“ So ist es doch meist: Es gibt auch irgendwas Gutes, das sich aus vielem ziehen lässt. Alles nur eine Frage der Betrachtung. Das gelingt mir auch oft genug nicht. Doch Regenwetter kann mich nicht wirklich erschüttern.

Was mich wiederum erschüttern kann, ist die Tatsache, nur den Richtigen fragen zu müssen. Da unser Chef ja immer wieder das Spiel spielt: „I woaß von nix und a do dovon net vuil“, haben meine Kollegin und ich beschlossen, direkt an den Chefchef heranzutreten. Ihm ist das Thema Agilität sehr wichtig, weshalb er meine liebe Kollegin und mich auch gerne in dem Bereich einsetzen will. Den ersten Schritt diesbezüglich habe ich ja auch letztes Jahr schon gemacht. Nun zieht meine Kollegin nach. Da wir aber bald einen Wechsel an der Führungsspitze haben werden und leider auch schon wissen, wer uns da heimsuchen wird, haben wir beschlossen, die nächste, bereits geplante Fortbildung festzuzurren. Denn der Neue ist ein alter Bekannter, der ganz vieles zwar ganz wichtig findet und mit den kühnsten Begriffen nur so um sich schmeißt, doch er will sich nicht tiefer damit beschäftigen. Und ebenso will er auch nicht, dass wir das tun. Qualifizierungen sind also eher so überflüssig, wie eine dritte Schulter. Denn im Grunde beherrscht er nur das Metier des Anscheißens. Auf der Suche nach Schuldigen, hetzt er Ausgesuchte durch den Ring, bis sie das Schiff freiwillig verlassen oder eben krank werden. Toll, wenn man so was Führung nennen darf, oder? Und es ist allen bewusst, dass er so vorgeht. Aber da er ein Spezl eines Vorstandschefs ist, kann keiner was unternehmen. Es ist, als gäbe es das Prinzip des Sheriffs von Nottingham immer noch. Manche Menschen sind nun einmal Sadisten und erfreuen sich daran.
Um jetzt diesem Herrn ein Schrittchen voraus zu sein (nein, wir sind nicht Lady Marian in diesem Vergleich…auch nicht Robin Hood, sondern einer der anderen), planen wir voraus. Das bedeutet, wir suchen uns die Fortbildung raus, lassen sie auch bezahlen und verkaufen das ganze unter dem „Early Bird“-Aspekt. Denn der früher Vogel kriegt zehn Prozent Nachlass. Wenn die ganze Chose erstmal in Papier und Tüten, also bezahlt und demnach verbindlich ist, kann keiner mehr Felsbrocken oder auch nur Steinchen in den Weg schmeißen. Gar nicht so dumm, wie wir aussehen. Wenn wir diesen Weg über unseren wahnsinnig gewieften, kompetenten Chef abwickeln würden, käme ein: „Uuuuh…boah…na, des geht bestimmt net.“ Also laden wir unseren Chefchef zur kurzen Rücksprache ein und legen die Karten offen auf den Tisch. Nach vier Minuten haben wir seine Zustimmung und können buchen.
Im Grunde geht das gar nicht. Es war noch nie mein Stil, Menschen zu übergehen. Nur sieht man an diesem Beispiel, wie man sich viel Zeit und Enttäuschung sparen kann, wenn man manchmal anders vorgeht. Meine Kollegin sagt später, als wir allein sind: „Ich mach´ nur noch alles über unseren Chefchef und lass´ unseren direkten Chef außen vor. Dann geht´s auch vorwärts.“ Verstehe ich. Nur wird mein Chefchef uns nicht mehr lange erhalten bleiben, weil eben die Führungsspitze wechselt. Da drucksen alle etwas um die Wahrheit herum. Mein Chefchef sagt zunächst auch: „Könnt Ihr machen, da habt Ihr meine Unterstützung. Aber ich glaube nicht, dass man so schwarz sehen muss. Solange ich Euer Abteilungsleiter bleibe, bestimme auch ich über die Notwendigkeit der Qualifizierungsmaßnahmen.“ Wie gut, dass ich nie das Maul halten kann: „Dann mal Butter bei die Fische: Wie lange bist Du noch unser Abteilungsleiter?“ Ich sage ja: Politiker kann ich niemals werden, weil ich die Dinge einfach beim Namen nenne. Da muss er dann doch ertappt lachen und sagt: „Ich weiß es echt nicht. Aber Du hast recht. Ab Juli ist alles drin.“ Wir reden von Juli 2021, also nicht von der fernen Zukunft.
So können meine Kollegin und ich auch postwendend buchen und hoffen nun auf das Beste. Es gibt immer noch einen Hinkefuß: Sollten nicht genügend Teilnehmer für den Oktoberkurs zusammenkommen, kippt unser Gerüst komplett. Also: Daumen drücken!

Dazu regnet es munter weiter, was dem Vögelchen auf meinem Balkon wohl nicht so gut gefällt. Ich google es, weil meine Nachmittagsveranstaltung mit dem vorhin erwähnten Sadisten einfach öde, blöde, saulangweilig ist. Wer allerdings was sagt, wird als Erstes getötet. Da ist Vögel-Googlen doch eine gesündere Alternative. Und es handelt sich um einen….TROMMELWIRBEL: Hausrotschwanz. Ich oute mich: Habe ich noch nie gehört. Ich kenne die Standards, wie Amsel, Spatz (Mösch), Schwalbe, Meise und dergleichen. Aber dieses kleine, putzige Etwas mit rotem Federschwanz, kannte ich bislang nicht vom Namen her. Und als wüsste der Piepmatz, wie ätzend die Veranstaltung ist, fängt er – auf dem Balkongeländer kauernd – mit einem Popotanz an. Ich bin mir sicher, dass es Twerking ist, was der Kleine da probiert. All die Beyoncés und JLos dieser Welt haben den Vogel inspiriert. Da denke ich an meinen Hula Hoop Reifen, den ich letzte Woche noch mal ausprobiert habe. Sollte ich öfters machen. Dann hat der Vogel auch was zu glotzen und vor allem zu lachen. Gleiches Recht für alle, oder?
Jetzt muss ich ins Online-Seminar mit dem Schwerpunktthema „Suizidalität“. Na, wenn das meine Stimmung nicht aufheitert, dann weiß ich es auch nicht. Ach, ich lasse einfach das Vögelchen in meinem Geist weiter twerken und summe dazu die Zeile von OutKast: „Shake it, shake, shake, shake it like a Polaroid picture“. Jo, so sollte ich die zwei Stunden gut überstehen.

Wenn ich Sisyphos wäre…

Der Tag kommt, der Tag geht – wenn das mal einer versteht. Die eigentliche Botschaft? Ich hatte ja meinen neuen Regeltermin (nein, wir reden nicht über Menstruationsbeschwerden) mit meinem Chef. Wir reden auch. Er fragt genauer nach, was in meinen Projekten so passiert. Und noch genauer, weil er es nicht kapiert. Mit einer Engelsgeduld erkläre ich ihm alles. Die Stunde ist im Nu vorüber, und ich muss zu einem Anschlusstermin. Aber bevor ich auflegen darf, sagt er noch: „Siagst des! Du host gsoagt, mia hättn koa Themen net.“ Ich hole noch mal tief Luft, zähle munter bis fünf und sage: „Ich habe gesagt, ich hätte keinen Bedarf, da ich keine Entscheidungen von Dir benötige und es auch keiner Priorisierung meiner Tätigkeiten bedarf. Wenn Du Infos willst, kann ich sie Dir geben. Das ändert aber nichts an meiner ursprünglichen Aussage, dass ich diesen Termin nicht benötige.“ Er versteht´s dennoch nicht. Dem kann wahrscheinlich auch keiner erklären, wie die gelben Flecken in den Schnee kommen.
Zu meinem Potenzialgeschiss sagt er jedoch keine einzige Silbe. Nichts. Nada. Ich beiße mir eher die Zunge ab, als diesen hirnverbrannten Vollidioten hierzu zu befragen, denn ich habe meine Infos ja anderweitig erhalten. Wenn er das Spielchen braucht, kann er es haben. Von meiner Seite aus werden keine Hinweise mehr fließen, die er anderweitig gebrauchen könnte, weil er blind, taub und dumm ist. Soll er gegen die Wand laufen. Ich hoffe, er zündet dabei noch den Turbo. Schade…aber wer´s braucht…? Es gibt so viele Artikel, Studien, Podcasts etc., die gerade beim Thema Führung um die innere Kündigung der Mitarbeiter kreisen. Hier haben wir ein solches Beispiel auf dem Präsentierteller. Aber selbst, wenn ich es mit Leuchtraketen ausstatten würde, ein Nebelhorn dazu aufheulen ließe und er zusätzlich noch einen Stromschlag bekäme, wäre er zu dumm, das zu erkennen.

Ja, ich weiß, wie hart, böse und gemein das klingt. Kennt Ihr noch die Sage von Sisyphos, wahlweise auch Sisyphus geschrieben? Ich habe mich immer gefragt, wie das jemand durchhalten kann? Diesen Felsbrocken, den er immer steil berganschieben muss und der dann immer wieder runterrollt – tagein, tagaus, immer wieder aufs Neue. Genau diesen würde ich hernehmen und mich von ihm überrollen lassen. Dann wäre das Thema doch auch beendet. In meinem speziellen Fall würde ich natürlich lieber meinen Chef unter selbigen schubsen. Es will mir einfach nicht in den Kopf, wieviel Inkompetenz ungestraft herumläuft und dafür noch fett Kohle kassiert.

Corona ist ein Scheißdreck, aber es hat eben auch Gutes bewirkt. Mehr Menschen, als jemals zuvor, machen sich Gedanken über ihre Arbeit. Vieles, was nicht ging, wie Arbeiten im Home Office, ist auf einmal möglich. Davon angestachelt, stellen viele nun ihre komplette Arbeit mal auf den Prüfstand und bemerken, wieviel völlig schiefläuft. Es gibt Arbeiten, die braucht niemand! Und ja, das meine ich so. Die Tätigkeiten, die am schlechtesten bezahlt werden, sind häufig diejenigen, die am dringendsten benötigt werden. Ob es die Kassiererin ist oder der Pfleger…oder wie groß war der Aufschrei, als wir wochenlang nicht zum Friseur konnten? Die Kohle, die aber für den großen Wasserkopf rausgeschmissen wird (und ja, dazu gehöre derzeit leider auch ich), könnte man so viel sinnvoller nutzen. Wir bürokratisieren uns kaputt…und diskutieren um riesengroßen Nonsense. Wichtig hierbei sind dann auch die richtig coolen Bezeichnungen, die man diesen Leuten umhängt, wie CEO oder CFO oder Head of Schlaach-mich-tot. Dazu habe ich mal wieder einen interessanten Artikel gelesen. Es bräuchte in allen größeren Firmen auch einen CVO. War mir bislang auch nicht bekannt. Gemeint ist damit ein Chief Vision Officer. Ja, auch wieder eine amerikanische Bezeichnung, aber nennen wir ihn doch einfach Visionär. Während der CFO (Chief Financial Officer) bei gesunkener Produktivität als Erstes mal das Einsparen beginnt – und das gerne auf unterster Ebene -, würde ein CVO oder eben Visionär überlegen, wie man nun am besten investiert, damit die Mannschaft besser aufgestellt, besser ausgebildet, besser motiviert werden kann, damit man gemeinsam große Ziele erreichen kann. In der Realität wird der Rotstift gerade an so vielen falschen Stellen angesetzt, was uns noch auf die Füße fallen wird. Und wenn ich mir dann meine Arbeit anschaue und sehe, wofür ich mein Geld bekomme, dann lähmt mich das irgendwie. Ich arbeite schon und leiste was, keine Frage. Aber es entspricht eher der Arbeit von Sisyphos, denn der Felsbrocken gelangt niemals an sein Ziel, sondern rollt wieder runter, weil noch zu viele Befindlichkeiten an allen Ecken und Enden herrschen, als dass wirklich mal eine Unternehmenskultur etabliert werden kann, die den Menschen achtet und wertschätzt. Da kann ich noch so begeistert sein und Visionen haben – es hilft nichts, wenn an den entscheidenden Stellen Dummsäcke sitzen, die eine Regelkommunikation einstellen, um Laber-Rhabarber zu machen, damit der Kalender hübsch voll aussieht. Ich bin gespannt, wann das mal kippt und wie manch einer sich dann umschauen wird. Denn eins ist sicher: Es geht nicht mehr so weiter, wie es vor der Pandemie war – oder zweifelt da noch einer dran?

am Ende nur ein warmer Montag

Montag ist Montag…da kann man nix machen. Und meine liebe Kollegin ist heute auch wieder nicht dabei, da sie noch Urlaub hat. Ich sehne sie echt herbei, denn unter den Nörglern und Jammerern fühle ich mich immer einfach nur deplatziert. So heult auch die eine Kollegin wieder rum, sie sei ja soooo überlastet, weshalb sie mit unserem Chef eine Priorisierung vornehmen müsse. Ich fasse mir mal wieder an den Kopf. Hochbezahlte Menschen, die – wie ein Baby – gepampert werden müssen. Ist schon erschreckend, was ich da so erlebe. Doch von Scham ist nix zu spüren. Alle denken, sie seien völlig normal. Ich frage mich einmal mehr: Bin ich hier der Geisterfahrer???

Auf der anderen Seite haben wir dann meinen Chef, der sich – auch wie immer – durch die Moderation stottert. Ich habe akzeptiert, dass Rechtschreibung so gar nicht seine Sache ist. Kann ich akzeptieren, denn ich bin ja auch Grütze in Mathe. Wobei er da auch nicht glänzt. Aber sei es drum… Nur liebt es mein Chef auch, möglichst viele Anglizismen zu verwenden, was mit bayrischem Dialekt einfach noch depperter klingt. Irgendwann fehlt ihm wohl wieder einmal der richtige Begriff, denn er spricht von einem „Appetizer“ – oder wie der Bayer sagt: „Äähpötaeijsoa“. Dem Himmel sei Dank für derartige Schmankerl. Ich roll´ mich hier nämlich gerade ab. Ist ja auch irgendwie Sport, oder? Beim Lachen spannt man nämlich jede Menge Muskeln an. Ich muss mir doch mal einen Lach-Yoga-Kurs suchen. Und da kommt auch schon der nächste lustige Begriff um die Ecke geflogen: „Absoleeet, gä?“ Nein, es ist nicht „absolut“ gemeint, sondern „obsolet“. Macht doch nix, wenn wir alles durcheinandermixen, denn unterm Strich will er ja auch nur munter Worthüslen verteilen, um von der totalen Ahnungslosigkeit abzulenken. Ich sollte wirklich ein Comedy-Programm schreiben. Dazu muss ich nur an dieser Montagsrunde teilnehmen, um genügend Munition zu haben. Schlimm.
Ach so, ja, zum Thema von vorletzter Woche mit Potenzialgeschiss & Co. hat sich der Gute immer noch nicht geäußert. Wenn ich nicht meine Quellen hätte, würde ich vermutlich irgendwelche Mülltonnen umtreten müssen. Morgen habe ich nun meine neu ins Leben gerufene Regelkommunikation. Hab´ ich da Lust drauf. Ob der erwartet, dass ich auch heule und sage: „Priorisier´ mir meinen Kram! Priorisier´ mir meinen Kram!!!“ Irgendwie denke ich dabei an Lack und Leder…ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Aller Voraussicht nach, darf ich mir allerdings eher seine Belastungen anhören, wie schlimm das Leben doch sei und „Scheiß und Schiess“ (sagen die Bayern so).

Und auch dieser Montag geht – wie alle vor ihm und alle nach ihm – irgendwann vorüber. Ich hangel´ mich durch den Tag auf der Suche nach dem Sinn. Es geht mir ganz gut dabei…ich stumpfe wohl ab. Der Briefkasten hält am Abend dann eine schöne Überraschung für mich bereit: Meine Sis hat mir nämlich ein Päckchen geschickt. Ihre Erklärung dafür ist, dass wir ja quasi schon seit 22 Jahren Mutterersatz füreinander seien und ich somit auch ein Muttertagsgeschenk verdiene. Das rührt mich echt total. Wenn es auch mit meinen Eltern immer ein schwieriges Minenfeld bleibt, so habe ich doch Glück mit meiner Sis und ihrer Familie. Alles kann man nicht haben, aber so habe ich auf jeden Fall jede Menge. Ist doch schön, wenn es so läuft, oder? Und dazu ist es heute „fottig wärm“, wie man bei uns manchmal so sagt – also im Rheinland, nicht in Bayern. Ich mag es wohl multi-kulti.
In diesem Sinne: Montag ade…heut´ tat´s nicht so weh.

Mütter und solche, die es auch werden wollten

Was ist heute? Richtig, Muttertag. Ich sag´s nur für alle, die das übersehen haben könnten. In allen Prospekten wurde zwar Reklame gemacht, und auch das Fernsehen weist darauf hin, aber es kann einem ja durchgehen. Und dann würde ein Blitz niedergehen…mindestens.
Ich wäre ja mal dafür, einen Tag ins Leben zu rufen für all jene, die gerne Eltern geworden wären. Da würde ich nicht zwischen Mann und Frau differenzieren, denn so ein unerfüllter Kinderwunsch trifft beide Geschlechter. Ich habe erst lezte Woche mit einer Kollegin gesprochen, die ich zugegebenermaßen immer als sehr komisch empfunden habe. Sie lacht ständig affektiert und schrill. Und auch so wirkt sie im Ganzen ziemlich aufgesetzt. Doch letzte Woche kommt sie einfach mal in mein Büro, als ich ausnahmsweise vor Ort war. Sie wollte mal schauen, wie ich denn so „wohne“. Natürlich kommen wir um das Thema Corona nicht drum herum. Das Impfen derzeit, aber gerade auch das Üben in Verzicht bzw. das dauernde Beschweren darüber, thematisieren wir. Ich sage dann, dass mir eben die Kinder und Jugendlichen so leid täten, die nun auch, was die Impfung betrifft, die Benachteiligten seien. Dabei lasse ich nebenher fallen: „Ich habe zwar leider keine eigenen Kinder, aber sehe ja trotzdem, wie wenig Beachtung gerade diese Gruppe findet.“ Und da gesteht meine Kollegin: „Wir wollten auch Kinder. Wir haben alles versucht, Hormontherapie, Kinderwunschklinik usw., aber es sollte nicht sein.“ Ich sehe ihr an, dass es immer noch ein schmerzhaftes Thema für sie ist. Ich verweise auf meine Neffen und sage, mich zumindest da ein bisschen austoben zu können – auch wenn das nicht vergleichbar zu eigenen Kindern sei. Wir müssten uns dann Gottseidank auch nicht so benehmen, wie andere, die Vorbilder sein müssten. Sie nickt, aber ergänzt: „Wir haben neun Nichten und Neffen, mit denen wir immer viel gemacht haben. Aber es war hart, als alle um uns herum Kinder bekommen haben, nur wir nicht konnten. Und jetzt ist es wieder hart, weil alle um uns herum Großeltern werden.“ Jetzt verstehe ich ihre bisweilen schrullige Art etwas besser. Es ist ihre Verletzlichkeit, die sie damit wohl kaschiert. Jeder hat da so seine eigene Art im Umgang.

Was ich damit nicht sagen will: Lasst uns den Muttertag abschaffen! Mütter sollen ihren Tag haben, an denen ihnen gedankt wird. Das hätten manche Mütter auch an mehr als einem Tag im Jahr verdient. Nur gibt es auch noch die, die gerne Muttertag feiern würden, es wurde ihnen aber nie ermöglicht. Oder die Väter, die zwar Kinder haben, die ihnen aber vorenthalten werden. Auch so eine Tatsache, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich weiß, dass es da auch genügend Blödsäcke gibt, die sich nicht kümmern. Aber es gibt etliche, die sich gerne kümmern würden, aber keine Gelegenheit dazu bekommen haben.

Warum mir das heute so durch den Kopf geistert? Ich rufe meine Mom an, die sich zunächst auch freut. Aber es kommt dann auch zügig das Thema, dass eine Cousine, die Lehrerin ist, bereits geimpft sei. Ihre Schwester, ein paar Jahre älter, bislang noch nicht, obwohl sie Kinder hätte! Und jetzt? Da kommt nämlich die Wertung hinzu, die verletzt. Ist eine Frau mehr wert, nur weil sie Kinder in die Welt gesetzt hat? Willkommen bei Adolf, als Frauen auch nichts Besseres als preisgekrönte Gebärmaschinen waren. Ich mag dieses Bewerten nicht, dass etwas immer besser oder schlechter sein muss. Wieso kann es nicht gleichwertig sein? Jeder ist einfach mal gut so, wie er ist – ob mit oder ohne Kinder. Aber meine Mom ist gerade in Fahrt und ergänzt dann auch noch, sie sei ja zweifach geimpft und könne nun shoppen gehen. Etwas, das sie schon seit vielen Jahren nicht mehr macht, aber hier geht´s nur ums Prinzip. Jetzt sei das ja wohl „unverschämt“, dass sie ohne Test shoppen gehen könne, die Person, die sie allerdings im Rollstuhl schieben müsste, diesen Test noch machen müsste. Äääääh… Ich weiß, ich soll mich in Nachsicht üben, aber das gelingt mir bei so was nicht sonderlich gut. Entsprechend mache ich darauf aufmerksam, wieviele Jugendliche sich weiterhin in Verzicht üben müssten, damit sie heiter rumgrotzen könnte. Hätten die Jungen nämlich vehement ihren Aufstand geprobt, wären sie vielleicht mal priorisiert worden und hätten die Alten in die Röhre gucken lassen. Es hieß dauernd: „Wir müssen die Schwächsten als Erstes schützen.“ Nur so langsam verspielen sie ihre Rechte, wenn sie nur meckern, ihre Ansprüche stellen und ums Prinzip diskutieren wollen, weil sie es ja verdient hätten. So was ärgert mich immer wieder.
Und natürlich darf zum Schluss der Vorwurf auch nicht fehlen, sie würde doch wohl schwer hoffen, ich würde mal wieder nach Hause kommen. Dabei tu´ ich das nun drei Jahre nicht mehr. Mein Vater durfte sein Leben lang alle um sich herum verbal treten und verletzen, wofür wir uns noch bedanken sollten. Dieses Thema haben wir in den letzten Jahren bis zum Erbrechen rauf- und runterdiskutiert. Schuppenflechte und kreisrunder Haarausfall haben mir gereicht, das für mich zu beenden. Doch ich bekomme wieder einmal zu hören: „Du hast es als Einzige in der Hand.“ Klar. Habe ich immer…hatte ich immer. Meine Mom ist nicht böse. Sie war ein Leben lang eine Dienerin, die immer gekuscht hat – vor meinem Vater und auch dessen Familie. Wüsste ich es nicht besser, würde ich behaupten, wir kämen aus einem anatolischen Bergdorf. Und nein, das ist nicht rassistisch. Die Rollenverteilung da ist nun mal eine andere. Meine Mom hat sich immer angepasst und uns dazu nötigen wollen, das auch zu tun. Mündchen halten, Köpfchen senken. Immer dieser Spruch: „Kind, mach´ ´ne Faust in der Tasche.“ Warum? Ich bin mittlerweile alt genug, diese Entscheidungen selbst zu fällen. Auch wenn mich das zu einer nahezu Aussätzigen macht…

Ich bin meiner Mom für einiges dankbar, das steht außer Frage. Das heißt allerdings nicht, mich moralisch immer weiter erpressen lassen zu müssen. Diese Erziehungsmethode hat sie nun mal selbst erlebt und so weitergegeben. Sie darf leben, wie sie es möchte. Nichts anderes wünsche ich mir für mich: So zu leben, wie ich das möchte.
Dazu fällt mir mein überraschendes Telefonat von gestern Abend wieder ein: Mein „kleinster“ Cousin hat mich angerufen, um mir mitzuteilen, er wohne nun in Heidelberg. Mit seiner Freundin sei er nicht mehr zusammen. Seine Mutter hat ihm wohl noch mitgegeben, dass er nun aber mal langsam die Richtige finden müsse, er sei ja immerhin schon 30 Jahre alt. Mit welchem Recht nehmen sich manche Eltern solche Aussagen heraus? Es gibt mehr als das Modell Vater-Mutter-Kind(er). Es gibt die Wandervögel und solche, die gerne in der Heimat bleiben. Es gibt die Entdecker und Neugierigen – und dann eben auch die Bodenständigen und Bewahrer. Es gibt noch vieles mehr, aber genau das macht es doch so spannend. Der „Kleine“ zieht nun in eine 7er-WG. Krass. Das käme für mich nicht infrage, was ich schade finde. Aber da sträubt sich alles in mir. Und bei den Mitbewohnern handelt es sich nicht um Studenten, sondern um Berufstätige unterschiedlichster Coleur. Das fasziniert mich ungemein. Und ich kann mich für ihn freuen, ohne ihn von meiner Sichtweise überzeugen zu wollen/müssen.
Das wünschte ich mir von unserer Familie. Nur hat die Generation unserer Eltern leider nicht gerade mit ihrer Toleranz für Furore gesorgt. Es gab immer nur ihre Sicht oder eben die falsche. Schade. So sehen sie nie die vielen, wunderbaren anderen Dinge im Leben, die abseits der ausgetrampelten Wege lauern. Ich hätte es ihnen gewünscht, akzeptiere aber, dass sie es nicht wollen. Immerhin sind wir ein paar „schwarze Schafe“ in der Generation danach. Das macht mich schon stolz, denn das ist bei einer derart dominanten Familie keine kleine Leistung.
Jetzt genieße ich wieder meinen Cappuccino bei warmer Außentemperatur und bin dankbar, mein Leben immer mehr nach meinen Werten und Maßstäben zu leben.
Nichtsdestotrotz: Ein Hoch auf die Mütter! Ich gönne ihnen ihre Anerkennung von Herzen.

Samstag, Sonne, Superlaune

Heute kann ich ausschlafen. Sag´ das mal meinem Körper, der daran gewöhnt ist, früh wach zu werden. Trotzdem drehe ich mich voller Elan noch ein paar Mal rum und döse einfach weiter. Irgendwann schaffe ich es dann aber auch nicht mehr und stehe auf. Das ging in jungen Jahren deutlich besser. Da war es auch ok, bis elf Uhr im Bett rumzulungern. Meine Neffen schaffen das auch. Das schaffe ich heute nicht mehr…es sei denn, ich hätte die ganze Nacht durchgefeiert. Ha, was für ein Scherz in der momentanen Zeit, hm?

An diesem Tag haben gleich zwei Menschen Geburtstag: Mein ehemaliger, fränkischer Chef und ein ehemaliger Coachee von mir, der aber noch zu meinen aktuellen Kollegen zählt. Beiden gratuliere ich per What´s App. Diese Funktion hat´s echt viel leichter gemacht, in Kontakt zu bleiben. Mein Wunsch für meinen Kollegen formuliere ich zotiger, als das normalerweise der Fall ist. Keine Ahnung, wieso ich das schreibe, aber es ist was in die Richtung: „Zu Deinem Ehrentag wünsche ich Dir, dass Dein Sohn durchweg supersüß ist, Deine Frau willig und auch alle anderen tun, was Du sagst.“ Dazu muss man sagen, dass sein Sohn noch recht klein ist und derzeit gerne die Trotzphase auslebt und einen Zwergenaufstand probt. Er antwortet mit einem Bild und der Schrift darunter: „zu spät für willig“. Das Bild zeigt zwei große Büroklammern und eine kleine. Eine der großen Büroklammern hat allerdings im Innenraum noch eine kleine Büroklammer. Ääääääh…? Ist es das, was ich denke, das es ist??? Sie haben es noch niemandem gesagt, aber ja: Da wächst wohl was Kleines heran. Und da sitze ich aufrecht im Bett und seufze vor Glück. Er ist ein ganz entspannter Papa, hört nach wie vor seine Metal-Musik und hat seine verrückte Art nicht abgelegt. Und sie? Ist ohnehin nicht glücklich in ihrem Job und auf der Suche nach was anderem. Da passt es doch, sich verstärkt auf die Familie zu konzentrieren. Ach, ich find´s einfach schön.

Passend zu dieser Stimmung, schickt mir meine liebe Kollegin aus Italien ein Bild mit dem Spruch: „Hannibal Lecter hat unhöfliche Menschen ja ganz einfach aufgegessen. Ich wollt´s nur gesagt haben.“ Wenn das nicht der perfekte Einstieg fürs Wochenende ist! Ich schreibe noch kurz zurück: „Oh je, da muss ich jetzt aber viel essen“, bevor ich ganz ausgiebig und in Ruhe frühstücke. Gerade ist´s schon schön…

Und weil es schön ist, spielt das Wetter auch gut mit. Gut, ich muss mich mit Allergiemittel dopen, doch es funktioniert recht gut. Doch, noch bevor ich auf den Balkon gehen kann, ruft mich Herr Leckebusch mal wieder an. Seine Frau ist wohl bei seiner Schwiegermutter im Heim. Und wenn er freie Bahn hat, ruft er gerne bei mir an. Dann klönen wir, was das Zeug hält. Ich erinnere mich daran, wie sehr er es gehasst hat, wenn die jüngeren Leute früher in den Seminaren „ok“ gesagt haben. „Ok“ sei doch keine vernünftige Sprache! Da die Zielgruppe damals Menschen in Sozialverbänden waren, die krank und/oder alt waren, wollte er allen das „Ok“ abgewöhnen – und wenn wir schon dabei sind, auch gleich die Fäkalsprache. Heute erzählt er allerdings von einem Bekannten, der im Vorstand seines Schlaraffen-Vereins ist. Der bekäme nichts auf die Reihe und lebe nach dem Motto: „Der liebe Herrgott hat es so gefüget.“ Denn so müsste er ja nie selbst aktiv werden. Ein Graus für jeden aktiven Menschen – selbst mit 81 Jahren. Doch plötzlich sagt er: „Hab´ ich dem jesacht: Datt is doch für´n Arsch!“ Gespielt empört werfe ich ein: „Herr Leckebusch, datt sind ja mal janz fremde Töne. Wie kommt datt denn???“ Und schwups haut er raus: „Wenn ich mich da gewählter ausdrücke, dann denkt der doch, datt is´n Vortrag bei WDR3 und pennt mir direkt weg. Den musste ich ma wachrütteln.“ Ach, der gute Herr Leckebusch. Ich kann mir so richtig vorstellen, wem der da alles den Kopf geraderückt. Bei seiner guten Laune und seinem Tatendrang ist es für viele schwer, sich zurückzulehnen und zu sagen: „Das geht nicht, weil….“ Müde Ausreden enttarnt er, und lässt den anderen auch nicht von der Angel. Ich hoffe sehr, in seinem Alter noch den Elan zu haben. Der braucht keine Aufforderung, für sich einzustehen. So anders, als es gestern im Gespräch war…obwohl ich den Kollegen sehr mag und schätze.
Herr Leckebusch ist für mich eine Art Mentor oder auch väterlicher Freund, den ich so dringend brauche. Wenn er Sprüche bringt, wie: „Da ham wer reingehauen, wie Max inne Graupen!“, dann klingt das nach alten Redensarten. Doch das passiert mit einer Leidenschaft, die sein Alter Lügen straft. Es braucht mehr Menschen mit dieser positiven Energie. Ihm ist auch einiges im Leben nicht gelungen. Doch er hat daraus gelernt, statt den Kopf in den Sand zu rammen und zu jammern. Mehr davon!!!

Und so beschwingt, krame ich zwei meiner Schubladenschränke durch und sortiere großzügig aus. Mein Schrank kommt auch noch irgendwann dran. Aber nach einem großen Sack für die Altkleidersammlung, schaue ich nach draußen und lasse mich von der Sonne locken. Die Wäsche ist bereits aufgehängt, warum also nicht einfach die Seele baumeln lassen? Mit Cappuccino und meinem Kindle haue ich mich auf den Balkon und lausche dem Gezwitscher der überdrehten Vögel. Oppa schräg gegenüber hat auch die diesjährige Feinripp-Unterhemd-Saison eingeläutet. Der Sommer kann also kommen. Gut, einer schmeißt kurz einen Kantenschneider an, was ihm aus dem dritten Stock ein: „MITTAGSRUHE“ einbringt, aber sonst ist alles friedlich. Charme hat eine Mietwohnung in einem Mehrparteienhaus nicht, aber es gibt Schlimmeres. Ich lasse mich von der Sonne verwöhnen und verplempere den Tag – ohne schlechtes Gewissen. So fühlt sich Zufriedenheit an. Herrlich!

Gorilla-Modus

Gestern war ich dann tatsächlich vom Ärgern so müde, dass ich nicht mal die Meeeeedchen richtig schauen konnte und früh ins Bett gekrabbelt bin. Dafür bin ich heute Morgen dann einigermaßen ausgeschlafen. Und dann passiert die Katastrophe: Ich tippe meine Kapselmaschine an, die aber grundentkalkt werden will. Es ist morgens früh, Herrgott! Ich würde gerne zuerst den Kaffee trinken und dann die 28-minütige Prozedur hinter mich bringen. Ob es wirklich 28 Minuten sind? Ja, das habe ich sogar schwarz auf weiß in der Bedienungsanleitung. Das nervt, aber es bringt ja nichts. Dafür ist der Kaffee im Anschluss wieder etwas heißer, als er noch vor der Entkalkung der Maschine war. So früh am Morgen und schon soooo ein Stress.

Ich habe wieder mein „Coaching abseits des regulären Weges“. Es ist getarnt als ein Methoden-Coaching, aber im Grunde hat der Coachee immer andere Anliegen. So auch heute. Er berichtet davon, wie er sich – sein Wortlaut – regelrecht „einscheißt“, wenn er eine Präsentation vor einigen Leuten halten müsse. Und das wolle er einfach nicht mehr. Sein Hirn sei dann im Gorilla-Modus. Habe ich auch noch nicht gehört. Er erklärt es mir: „Es ist eben, wie in der Tierwelt. Du kommst in eine Stresssituation und weißt nicht mehr, was Du tun sollst. Und weil Du ein Gorilla bist, kannst Du nicht wirklich die Flucht antreten oder Dich tot stellen. Das geht einfach nicht. Also brüllst Du los. Da fehlt einfach ein Regulativ…in solchen Momenten ist das Hirn aus und nur noch das Reptilien-Hirnareal angeknipst. Ich kann dann nicht mal richtige Sätze bilden. Daher sage ich einfach gar nichts und hadere mit mir.“
So kenne ich ihn nicht und habe ihn auch nie so erlebt. Und dann kommt die Frage, die ich mir ja letztens auch gestellt habe: „Wieso kann ich nicht so leichtsinnig und unbedarft sein, wie ich es in meiner Jugend war?“ Naja…da gibt´s mehrere Gründe. Er hat Kinder, eine Frau, ein Haus. Da haben wir es ja schon. Alles, was er macht, würde auch Konsequenzen für seinen Anhang bedeuten. Und er hat eine äußerst schwierige, brenzlige Krebs-Erkrankung hinter sich. Und wir haben Corona…seit Monaten sind wir im unsicheren Modus und wissen nicht, wie es weitergeht. Er dementiert zwar, dass das für ihn ein Problem sei, aber es beschäftigt uns im Hinterkopf dennoch alle irgendwie. Wie auch nicht? Wer kann sich denn entziehen? Gehst Du raus, siehst Du Masken. Willst Du zum Friseur, musst Du einen Schnelltest nachweisen. Seine Kinder haben Home Schooling und sind tagsüber irgendwie auch noch zu versorgen. In der Arbeit machen sich Kollegen Sorgen um Stellenabbau, manche Projekte wurden gestoppt. Und die Medien zeigen immer nur Fallzahlen, Schrei nach Freiheit, soundsovielte Welle, wer wurde vor wem geimpft usw. Da kann sich keiner rausnehmen, der nicht gerade in einer Einöde ohne Kontakt zur Außenwelt lebt.
Und dann fängt er an, von früher zu erzählen. Er ist 49 Jahre alt, also gar nicht so viel älter als ich. Aber was er so erzählt, da staune ich nicht schlecht. Er habe regelmäßig mit seinen Kumpels gekifft. (Etwas, wogegen ich mich immer aufgelehnt habe.) Alles, was auch nur aussah, wie ein Lehrer, habe er abgelehnt, weil er schon aus Prinzip gegen alles gewesen sei, was damals auch nur im entferntesten nach Staat gerochen hätte. Ein halbes Jahr habe er sich sogar geweigert, eine Schule zu besuchen. Klingt sehr links, oder? Heute ist er eher der Typ „angepasster, braver Bürger“. Und als er damals mitbekommen habe, wie ein Typ aus seiner Schule Drogen an Fünft-Klässer vertickt habe, sei er ausgetickt. Dafür habe wiederum er Ärger kassiert – von einem Lehrer, der die Drogengeschichte nicht glauben wollte und hervorgehoben habe, was für ein vorbildlicher Schüler dieser Drogen-Verticker doch in Wahrheit sei. Meinen Kollegen habe das nur noch mehr aufgeregt, wofür er auch lautstark eingetreten sei. „Es war eine Zeit, als einem die Konsequenzen egal waren.“ Stimmt. So war es bei mir ja auch. „Das hätte ich gerne wieder…“ Ich schon auch. Aber wir sind eben keine 16 Jahre mehr.
Nur heute ist davon bei ihm gar nicht mehr viel übrig. Er schlucke meist seinen Ärger runter und unterlasse es, auf den Tisch zu hauen, wenn es notwendig wäre. Warum? Weil er Sorge habe, dann wie ein Gorilla zu sein, zu brüllen und keine geraden Sätze herauszubringen. Und dann bringt er tatsächlich meine Lieblings-Redewendung: „Dabei will ich doch einfach nur funktionieren!“ Aha. Provokant frage ich: „Du bist also eine Maschine?“ Das ist echt eine typische Aussage von Deutschen. Andere würden das Wort „funktionieren“ niemals mit sich selbst in einen Zusammenhang bringen, aber die Deutsche sind darin Meister.
Aber ich bin natürlich schon eine blöde Kuh, wenn ich so was sage. Denn ja, ich handle selbst oft nach diesem Maßstab. Ich gehe auch hart mit mir ins Gericht, schwanke in meiner Überlegung, Führungskraft werden zu wollen. Da kommen dann die Glaubenssätze, wie: „Was glaubst Du denn eigentlich, wer Du bist?!“ Oder auch dieses Gefühl: „Du bist doch nur ein Blender. Und irgendwann werden sie Dich entlarven. Was dann?“ Bei anderen fällt es mir leichter, die Dinge klar zu sehen. Und ich lenke seinen Fokus auf alles, was er gut macht – und das ist eine Menge.
Doch ich frage mich wieder einmal: Warum hadern wir so oft? Während andere, die wirklich wenig Sozialkompetenz vorweisen und nur um sich selbst kreisen, vermeintlich leichter durchs Leben schreiten? Warum trauen wir uns nicht, uns mal zum Affen zu machen und stehen zu uns und unseren Überzeugungen? Das war früher doch auch möglich. Schon blöd…ich glaube, ich werde nächste Woche einfach mal zum Gorilla, denn mein Chef hat sich auch heute den ganzen Tag über nicht gemeldet. Er ist und bleibt ein Depp. Da kann ich auch Gorilla sein, oder?

auf der Suche nach guter Führung

Heute Morgen geht´s zeitig auf. Die Nacht über schlafe ich schlecht. Keine Ahnung, warum? Ob es daran liegt, zu wissen, ich fahre in die Arbeit? Kann eigentlich kaum sein, oder? Was weiß denn ich? Derzeit ist einfach alles möglich, weil sich nichts normal anfühlt. Das wirbelt einen alles ganz schön durcheinander, oder?
In der Arbeit angekommen, mache ich dann auch erstmalig in meinem Leben einen Selbsttest. Halleluja! Ich beneide niemanden, der das regelmäßig machen muss. Ich muss ein paar Mal im Anschluss niesen, aber vor allem laufen mir ungebremst ein paar Tränen runter. Schon heftig, wie ich darauf reagiere. Wie wäre das erst bei einem PCR-Test, wenn einem ein anderer das Stäbchen volle Lotte in die Nase rammt? Oh man, da tun mir echt die Leute noch mehr leid, die das regelmäßig machen müssen. Ok, außer die Fußballer, denn die bekommen im Gegenzug ja auch unverschämt viel Kohle in den Rachen geschmissen. Da dürfen sie selbigen – oder die Nasenlöcher – auch gerne herhalten, um getestet zu werden.

Als ich mir die Hände waschen will, treffe ich auf unsere Putzfee. Die Süße habe ich ewig nicht gesehen. Und sie nennt mich immer noch Schatzi. So auch heute. Ich kann immer noch nicht heraushören, woher sie ursprünglich kommt, aber sie verdreht manche Wörter beim schnellen Sprechen einfach nur zuckersüß. Und so fragt sie mich dann auch: „Und? Du schon impfen?“ Nein, noch nicht. Sie gehört zu denen, die sich zwei Mal wöchentlich selbst testen muss. Ihre Tochter – in einer anderen Firma tätig – müsse sich täglich testen. Arme Socken. Sie spricht mich dann auch auf das Impf-Angebot in der Firma an. Da sie zu einer externen Firma gehört, gilt das Angebot nicht für sie. Bei den Masken war das auch so. Nur hat meine Firma das schon früher zur Pflicht gehabt, bevor das Maske Tragen überall zur Pflicht wurde. Dass für die externen Firmen dann auch Masken von unserer Firma zur Verfügung gestellt werden mussten, hat man erst später bemerkt. Und da kommt mir die Idee, ich könne doch meinen Betriebsrats-Spezl mal fragen, wie sich das denn beim Impfen verhalte. Das erkläre ich der netten Dame, die daraufhin prompt beschließt, mir einfach hinterherzulaufen, denn: „Weiß isch ja, wo Du sitzt.“ Auch gut. Ich frage nach und ernte ein: „Mensch, wieder mal eine geniale Idee! Das hatte mal wieder keiner auf´m Schirm. Ich kümmer´ mich drum. Kann nix versprechen, aber: Danke für den Tipp! Dann habe ich wieder Munition.“ Herrlich, wieder einen Menschen glücklich gemacht. Die Reinigungskraft strahlt ebenfalls und sagt dann auch: „Danke, Schatzi! War ich gut, Dich treffen heute!“ Ach, die ist einfach schnuffig. Und vor allem ist sie glücklich. Ich hoffe nur, da kann was geregelt werden. Wenn wir in der Firma wieder ohne Einschränkungen arbeiten wollen, bringt es ja nichts, wenn das Reinigungsteam nicht geimpft ist. Ich frage mich nur immer, wer da alles pennt, statt mal besser nachzudenken? Alles nicht normal. Die Süße winkt noch mal von der Tür aus: „Tschüß Schatzi!“ Ich lache mich schlapp. Solche Menschen mag ich einfach. Sie ist immer nett und gut gelaunt.

Wenn ich schon vor Ort bin, bewege ich mich endlich auch mal. Für meinen Termin muss ich nämlich quer übers Gelände hetzen. Und da treffe ich dann auf eine Führungskraft, die diesem Namen mal wieder keine Ehre macht. Er misstraut allen und jedem. Schlimm. Seine Mitarbeiter kriegen Ärger, wenn sie mal nach draußen offen darüber reden, was man verbessern könnte. Das ist doch krank! Als er mich sieht, tut er ganz beflissen. Mir ist schon klar, dass das alles Show ist. Wir begrüßen uns, und ich frage: „Wie geht’s Dir?“ Seine Antwort kommt prompt: „I hob no sechs Wochn.“ Gut, das war nicht meine Frage. Im Nachhinein fällt mir ein, ich hätte nach seiner Diagnose fragen sollen. Aber natürlich meint er, in sechs Wochen habe er seinen Ruhestand erreicht. Also frage ich: „Und wann steigt die Party? Ich hab´ noch keine Einladung erhalten.“ Er winkt ab: „Is net…wegn Corona.“ Ich winke ab und kontere: „Macht nix, ich sag´s auch nicht weiter. Also wann und wo?“ Er wieder: „Konnst schon auf a Leberkaassemmä kimme.“ Bäh! Nee, dann eben nicht. Aber da fängt er auch schon das Grotzen an, er würde den Laden nicht vermissen. „Sei Du erstmo 48 Joare dobeij.“ Er plane, mit seiner Frau im Wohnmobil viel durch Frankreich zu düsen. Und ich denke mir so: 48 Jahre hat er sich fettes Geld von der Firma bezahlen lassen, hat alle Veränderungen und Neuerungen gleich immer im Keim erstickt, viele jüngere Mitarbeiter ausgebremst und meckert trotzdem noch über den Arbeigeber. So langsam bin ich es leid, denn hier reden wir von der Generation, die die fetten Jahre mitgemacht und ihre Schäfchen im Trockenen haben. Mir stinkt auch einiges im Unternehmen, aber ich versuche wenigstens, Dinge anzugehen. Er hingegen bescheißt, wo er nur kann. Das ist ein völlig krankes System – und leider noch weit verbreitet. Sein Coach, wegen dem ich überhaupt nur da bin, tut mir leid. Er hat noch Elan, hat aber auch schon einiges auf die Nase bekommen.
Diese alten Säcke gehören ausrangiert, damit endlich wieder mal frischer Wind durchpusten kann. Denn in der Tat hat sein Führungsstil zur Folge, dass sie nur noch die alten Grantler im Team haben oder ganz Junge. Die Mittelschicht fehlt komplett. Die Alten haben ein Vorruhestandsangebot erhalten und sind innerhalb der nächsten Monate weg, worüber sich der Chef gerade diebisch freut. Dabei entsteht ein Schaden für die Firma, die ihn jahrelang pünktlich und gut bezahlt hat, vor allem aber auch für die Kollegen, die übrigbleiben und die Suppe auslöffeln müssen. Doch bei diesem puren Egoismus ist das so jemandem völlig egal. Wie können solche Menschen nur so lange auf solchen Positionen bleiben und sich auch noch geil fühlen? Wobei, wenn ich sehe, wie seine Lefzen runterhängen, weil er so bitter ist, denke ich, er hat auch schon seine Strafe. Trotzdem ist es schade um all die guten Menschen, die er mit dieser Art negativ beeinflusst hat. Toxische Menschen sind mir ein Graus.

Und wenn wir schon mal von mangelnder Führungsqualität reden, dann darf einer nicht fehlen: Mein Chef. Gegen kurz nach 11 Uhr erhalte ich heute eine Rückmeldung vom Chef des Nachbarteams. Mein Chef hätte gestern das Thema meines Potenzialwunschs vorgebracht und würde als Nächstes wieder auf mich zukommen. Das sind ja so Aussagen, die ich hasse, also frage ich nach, ob ich nun Magenschmerzen haben müsste oder nicht. Nein, ganz im Gegenteil! Sie wollen mich dahingehend unterstützen. Der Einzige, der noch etwas verhalten sei, sei mein Chef…aber nicht, weil er mich nicht für fähig erachte, sondern weil er das noch nie gemacht habe. Und da haut´s mir das Blech weg. Er ist seit Jahrzehnten Führungskraft. Jede Führungskraft muss permanent einen seiner Mitarbeiter in der Pipeline haben, den er dahin entwickelt, die Führung zu übernehmen. Gut, okay, was will er da schon vorleben, wenn er es selbst nicht kann. Aber er ist nun 61 Jahre und konnte sich diesbezüglich immer wegducken??? Wollen die mich verarschen?! Und so was wird gedeckt. Da kriege ich das Kotzen und rege mich furchtbar auf. Den Antrag – das erfahre ich wieder über Umwege – hat er auch schon weitergereicht. Eine Rückmeldung hat er mir aber noch nicht gegeben. Ich weiß also offiziell von nichts. Vermutlich feilt er noch an seiner Rede, wie er mir seinen Kampf, den er für mich ausgefochten hat, am besten verkaufen kann? Ich werde ihn einfach mit seinen Worten konfrontieren und fragen, wie seine Kollegen denn reagiert hätten? Denn das sei ja seine größte Sorge gewesen. Ob das diplomatisch ist? Mir doch scheißegal! Ich kann das alles nicht ernstnehmen und werde immer mit offenem Visier kämpfen. Alles andere ist nicht authentisch und ja genau das, was ich anprangere. Ich will ja schließlich nicht in die Politik, sondern eine vernünftige Arbeit leisten.
Noch ist übrigens nichts entschieden. Es muss noch durch verschiedene Gremien, ich muss noch ein Assessment mitmachen, vor dem ich auch prompt gewarnt wurde: Ich solle natürlich schon bestehen, aber bitte nicht zu gut, denn dann würde ich auch aussortiert werden. Ist das nicht geil?! Dann hätte Mann (!) zu viel Sorge, Macht zu verlieren. Ich weiß nicht, ob ich das Spiel bis zum Ende mitspielen werde. Wenn´s mir zu blöde wird, ziehe ich zurück und sage: „Wenn Ihr noch nicht so weit seid, dann verschwende ich mein Talent einfach nicht an Euch!“ Ja, ich glaube, das könnte mir gefallen. Und nein, ich bin nicht arrogant. Ich zweifle dauernd an mir. Nur wenn ich diese Pappnasen um mich herum erlebe, kriege ich die Motten.

Striptease der anderen Art

Gestern Abend hatte ich noch eine Begegnung der dritten Art. Die Tiefgarage wurde gereinigt, weshalb alle Mieter angewiesen wurden, ihre Autos tagsüber nicht auf dem Parkplatz zu belassen. In Zeiten von Home Office gar nicht so lustig, kann ich Euch sagen. Ich wollte dann am frühen Abend meinen Wagen wieder in die Tiefgarage fahren. Beschwingt hüpfe ich also die Treppe runter und will zur Haustüre hinausrauschen. Aber da kommt gerade ein Jogger an. Ich warte kurz, während er…häääää? Was macht der da??? Er zieht eine enganliegende Hose aus. Waaaaaaaas? Darunter ist eine weitere Sport-Shorts, aber…ääääh, es ist irritierend. Verdutzt starre ich ihn an: „Äääääh, soll ich die Türe offen lassen?“ Er strahlt mich an: „Ja, gerne.“ Ich hake die Türe fest und gehe raus, schaue den Briefkasten nach und drehe mich noch mal um. Er steht im Türrahmen und fragt zurück: „Soll ich die Türe noch offen lassen?“ Ich muss irgendwie lachen und sage: „Nee, nee, lass´ mal. Ich brauche keinen weiteren Striptease.“, drehe mich um und gehe kichernd zum Auto. Ich kenne den Kerl nicht. Und nein, er hat mich auch nicht in meinen Träumen verfolgt, weil er jetzt nicht mein Typ war. Aber es war…mmmh…unterhaltsam, wie er sich da seine Radlerhose vor der Haustüre ausgezogen hat. Wenn ich daran denke, muss ich jetzt wieder lachen. Manche Leute sind echt schräg. Und das sage ich, die zu 90 % nur noch Jogginghose trägt. Ach ja…was ist das Leben lustig. Erinnert so ein bisschen auch daran, wie es aussieht, wenn eine Frau ihren BH unter den Klamotten auszieht. Hat nicht wirklich was Erotisches, aber ist definitiv unterhaltsam.

Heute Morgen stehe ich dann etwas beschwingter auf. Mit Blick auf morgen, werde ich schon wieder gebremst. Morgen muss ich eher auf, weil ich ins Büro fahre. Und dann wird es ein laaaaaaaaaanger Arbeitstag vor Ort. Aber immerhin sehe ich dann ein paar Leute. Darauf freue ich mich schon.
Und so hocke ich mich dann an meinen Esstisch, fahre den Laptop hoch und arbeite ein bisschen. Mein laaaaaaangsamer Kollege ist dann auch der erste Skype-Kontakt für heute. Doch mit ihm ist es immer entspannt. Er bedankt sich dann zum Schluss hin und freue sich, wenn wir uns endlich mal wiedersehen. Da er morgen zum zweiten Mal geimpft werde, werde er die Firma auch bald wieder aufsuchen. Das lässt die Chance steigen, sich wirklich in ein paar Wochen endlich mal wiederzusehen. Ja, und Heinz dann vermutlich auch. Wobei er schätzungsweise das Home Office weiterhin bevorzugen wird. Ach, da ist gerade so viel Musik im Spiel, weil auch die Umstrukturierung ab Sommer ansteht, dass ich darauf setze, es wird sich einiges ändern – im Guten, als auch im Schlechten. Heute lasse ich mich dann auch echt vor einem Kollegen dazu hinreißen, zu sagen: „Und wenn alles ganz schlimm wird, kann ich ja auch immer noch die Reißleine ziehen.“ Da lacht er. Er ist ein Leiter in der Fertigung und sagt: „Stimmt. Das vergessen die meisten. Ich kann jeden Morgen entscheiden, ob ich hier noch arbeiten will oder eben nicht.“ Jo. Nur wenn da ein Haus, Familie etc. dran hängen, ist das natürlich nicht ganz so easy, wie in meinem Fall. Eine eigene Familie und ein Haus können einem Halt geben – aber eben auch einengen im Denken bzw. ganz andere Sorgen entstehen lassen. Es hat wohl immer alles mindestens zwei Seiten.

Irgendwann schreibt mir mein Spezl dann auch, dass wir uns jetzt endlich in der Firma für die Impfung registrieren können. Und genau das mache ich dann auch sofort, wobei ich anschließend die Info auch noch schön weiter verbreite. Dabei mache ich dann mal wieder überrascht die Entdeckung, wer schon längst geimpft ist. Krass. Aber dann ist das so. Und ich höre mir von zwei Kolleginnen an, die sich nicht impfen lassen wollten, sich nun aber fast genötigt sähen. Kann ich verstehen. Es heißt zwar „Freiwilligkeit“, aber wenn man sieht, was alles erschwert bleiben wird, wenn man nicht geimpft ist, kann man nicht wirklich von richtig freiwillig sprechen. Ich persönlich hatte nie eine Aversion gegen die Impfung, aber ich bleibe dabei, dass es jeder selbst entscheiden können sollte. Schwieriges Thema, ich weiß. Wie macht man es richtig? Genau wie das mit den Freiheiten, bei denen ich denke: Da sollte man doch erstmal abwarten, bis alle ein Impfangebot erhalten haben. Doch ich kann auch verstehen, dass das irgendwann nicht mehr logisch erklärbar ist. Von daher: Sollen sie öffnen und ermöglichen, was sie wollen. Bei mir wird´s noch eine Weile dauern, womit ich aber fein bin. Es tun mir nur zwei Gruppen leid: Die Polizisten/Ordnungsämter, die in dem Wust noch durchsteigen sowie für Recht und Ordnung sorgen sollen. Und die Kinder/Jugendlichen, die noch länger auf eine Impfung warten müssen, obwohl sie viel mehr diese Freiheiten für ihre Entwicklung bräuchten. Aber hey, was ist schon „richtig“? Ich wünsche nur jedem, dass er heil durch diese Zeit kommt. Und dann freue ich mich auf soooo viele Leute, die ich dann wiedersehen und umarmen kann! So ein fettes Fest, das wir weltweit feiern, wäre großartig. Die Frage ist nur, wie groß die Spaltung in der Gesellschaft bis dahin sein wird? Aber die können wir gemeinsam überbrücken – und sei es, durch eine spontanen, überraschenden Striptease vor der Haustüre. Wir müssen nur die Augen offen halten. Da liegt genügend Zauber in der Luft.