Warum fällt es heute immer schwerer, Fehler zuzugeben? Wo ist die Fähigkeit geblieben, einfach zu sagen: „Oh. Das geht wohl auf meine Kappe. Es tut mir leid.“ Ich persönlich bin kein bisschen daran interessiert, den Grund zu hören, dass die Technik versagt hat. Einfaches Beispiel: Ich befinde mich gerade im Bewerbungsprozess – äußerst spannend und ein Hoch fürs Selbstwertgefühl…zumindest für die Personaler. Da fängt es ja schon an, welcher Koryphäe man Glauben schenken sollte. Die einen Fachleute sagen: „Bloß keine Hobbys angeben. Das sieht aus, als würden Sie sich nicht mit Haut und Haar in die Firma einbringen wollen.“ Das andere Credo lautet: „Keine Hobbys??? Wollen Sie als Sozialkrüppel gelten?!“ Also macht ein jeder es am besten so, wie es sich für ihn oder sie richtig anfühlt. Aber zu viel Gefühl soll um Himmelswillen bitte auch nicht mit rein. 

Nun habe ich mich nach vielem inneren Ringen für meine Variante entschieden. Die Resonanz? Mäßig bis dürftig. Dabei habe ich ja durchaus auch was zu bieten – dachte ich anfänglich. Wenn man an einem Höhenflug leidet, muss man unbedingt Bewerbungen schreiben. Nichts kocht einen schneller wieder runter. Völlig überraschend meldet sich dann meine liebe Koordinatorin, die ich in Peru kennenlernen durfte. Sie ist warmherzig, lieb und im Grunde zu gut für diese Welt. Sie mailt mich jedenfalls an und fragt, ob sie wohl irrtümlich Mails erhalten habe, die für mich bestimmt wären? Hä? Nu könnte man meinen, wir hätten ähnliche Mail-Adresse, wie „crazybitch76@whatever.com“. Dem ist mal gar nicht so. Die Süße ist nämlich alles, aber garantiert keine crazy Bitch. Ich habe ihr Referenzschreiben mit eingescannt – eines von Minimum 20 Seiten. Wie man da auf das schmale Brett steigen kann, ihr an meiner Stelle eine Mail zukommen zu lassen, erschließt sich mir nicht. Ist auch wurscht, denn nun habe ich die Einladung zu einem Telefoninterview. Jahaaaa, so macht man das heute nämlich erst mal. Man sondiert die Lage am Telefon, bevor sie einen einladen und die Zeche für Anfahrt und gegebenenfalls Unterkunft zahlen müssen. Wie verhalte ich mich nun? Es ist nur ein Gruppenpostfach angegeben und dazu Name und Telefonnummer der Tuse (ja, mit einem s) im Personalbüro. Es ist Mittwochabend, sie ist wohl nicht mehr im Büro, habe ich telefonisch mal getestet. Ich will so ungern mailen, weil ich die Arme decken möchte. Auf das Gruppenpostfach haben nachher mehrere Zugriff, was ihr Ärger bringen könnte. Hallo? Thema Datenschutz. Die Unbekannte ist auch am nächsten Morgen nicht erreichbar…kein Band läuft, nix passiert. Nach drei Versuchen an diesem Tag entscheide ich mich, sie doch anzumailen. Ich mache auf den Umstand aufmerksam, dass mich die Mail dann doch noch erreicht hätte und finde es mehr als bedauerlich, dass Smileys in so einem Kontext nicht angebracht sind. So ein Zwinkersmiley hätte jetzt was. Ich wähle den ersten Interviewvorschlag aus, der bereits morgen Abend wäre. Umgehend schreibt die Tuse dann zurück. Aha…Telefon geht nicht, aber sie ist durchaus im Unternehmen. Sie entschuldigt sich, denn da habe sich wohl ein Fehler beim automatischen Auslesen eingeschlichen. Aaaaaah! Nein, der Fehler liegt ja nie bei der bearbeitenden Frau. „Entschuldigung“ allein hätte vollkommen ausgereicht. Nein, erst muss noch die böse Technik beschuldigt werden. So lernen wir es ja täglich von der Politik. Was sind mir diese Politiksendungen der letzten Wochen auf den Sack gegangen! Und dann die riesige Überraschung, wie viele Stimmen die dämliche AfD erhalten hätte. Ich habe nicht Politikwissenschaften studiert und wusste es schon vorher. Aber auch da war es bestimmt nur die fehlerhafte Auslesetechnik. 

Wie dem auch sei. Der Termin am darauffolgenden Tag war bereits vergeben – ich hatte mehrfach angerufen und nach einem halben Tag (nach Eingang der Mail) reagiert! Nö. Der Termin war weg. Gut, ist nicht meine Schuld…und auch nicht der der Tuse. Es war die Technik, ganz bestimmt. Dann nehme ich eben den Termin am nächsten Arbeitstag, also am Montag. Dies ist mein erstes Telefoninterview für einen Job. Es läuft ganz gut, es plätschert nett dahin. Trotzdem bin ich mir nach ein paar Tagen sicher: Das wird nichts. Und Schuld hat dann einfach die Technik. Es kommt aber dann noch ganz anders. So komisch kann ich manchmal nicht mal denken, wie das Leben so spielt. Und auf eines ist Verlass: Ich kann seeeeeehr komisch denken. Der versprochene Rückruf im Laufe der kommenden Woche bleibt aus. Gut, kann an der Technik liegen, muss es aber nicht. Doof, wie ich bin, teste ich zwischendurch tatsächlich, ob mein Handy wirklich klingelt, wenn ich von meinem Festnetz aus versuche, mich zu erreichen. Meine Technik funktioniert also schon mal. Bingo. Meine Laune wird immer mieser. Das ist – wie die Singles unter uns wissen – wie direkt nach dem Kennenlernen eines Mannes, der einem Gott-weiß-was vorgelabert hat. Man schwebt durch den nächsten Tag, denn er hat ja meine Nummer. Und ratet mal, wer nicht anruft oder schreibt? Richtig, er. Gut, er kann ja einen Unfall gehabt haben? Oder seine Mutter ist ins Krankenhaus eingeliefert worden? Oder…die Technik? Und da testet Frau dann immer mal wieder vom Festnetz aus, ob es denn tatsächlich zu einer Verbindung mit dem Handy kommt. Völlig komisch: Das doofe Handy streikt nie. Und so erkenne ich: Jobsuche ist wie Dating mit einem Kerl nach einem netten Abend in der Stadt – zäh, ernüchternd, desillusionierend. Einen Mann würde ich von mir aus dann natürlich nicht kontaktieren. Da bin ich Steinbock, da bin ich stolz…oder stur….ach, einfach beides. Aber ein potenzieller Arbeitgeber ist ja was anderes. Da muss man sich auch mal erniedrigen. Ich rufe aber nicht direkt montags drauf an, denn soooooo nötig habe ich es dann doch nicht. Ich rufe dienstags an. Tünnemann geht auch ran, ist kurz angebunden und sagt mir, er rufe am Nachmittag an – auf jeden Fall. Aaaaah ja. An so einer Stelle ist doch schon alles klar, aber man will ja Profi sein. Nicht zickig erwidern: „Ach, genau so `auf jeden Fall` wie letzte Woche?!“ Ich bin so stolz auf mich, dass ich mich nur nett sagen höre: „ Aber natürlich. Ich werde erreichbar sein.“ 

Nun kommen wir zum nächsten Punkt: Wie definiert man „Nachmittag“? Für mich? Ab 14 Uhr bis maximal 17 Uhr. Um es kurz zu machen: Ich koche um diese Zeit bereits…nicht in der Küche, sondern in meinem Inneren. Um 17:30 Uhr erhalte ich dann doch noch den Anruf – inklusive Entschuldigung. Und dieses Mal war es nicht die Technik. Nein, es war das Management, denn: Ja, ich wäre es gewesen. Aber die Stelle wurde nun doch nicht bewilligt. In diesem Moment fällt etwas von mir ab. Nein, keine Schuppen oder dergleichen. Einfach Anspannung. Es entsteht der Eindruck, ihn treffe das Ganze mehr als mich. Er hat dafür gekämpft – und zwar deutlich länger als ich für meine Bewerbung. Ich höre mich tröstende, aufbauende Formulierungen zu ihm sagen. Echt, manchmal bin ich der Knaller. Er sagt, er hätte sehr gern mit mir gearbeitet und sollte das Unmögliche doch noch in nächster Zeit passieren, würde er sich melden. Ich glaube ihm…nur sind wir uns beide sicher, dass das Unmögliche nicht eintreten wird. C’est la vie. Wir reden hier nicht von einer kleinen Klitsche, sondern einem größeren Unternehmen. Das Universum will mir wohl was sagen.

Ich mache meinen Frieden, schließlich ist es „nur“ ein Job. Die Arbeitswelt ist nicht lustig, aber noch weniger Spaß machen Bewerbungen. Ich habe noch einiges vor mir, aber ich gebe nicht so schnell auf. Es liegen noch ein paar Wochen voller Selbstzweifel vor mir, mit manch schlechter Laune und bestimmt einigen Niederlagen. Aber immerhin entstehen dabei auch ein paar lustige Geschichten. Wenn ich die nicht mehr sehen kann, wird es ganz schön dunkel. So weit ist es aber noch nicht – Gottseidank.

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