„Mönkesmoat“ sagte meine Oma gern. Dies entspricht in etwa dem Ausdruck „mundgerecht“. Manches ist doch treffender in Plattdeutsch ausgedrückt. Alles braucht ein anderes Maß – und für jeden ist das individuell. Manchmal frage ich mich, ob ich undankbar bin? In ruhigen, guten Momenten weiß ich, wie gut es mir geht, wie viel Glück ich habe, wie privilegiert ich bin. Und genau so gibt es Momente, da weiß ich, ich müsste genau dies auch fühlen, kann es aber nicht.
Einfaches Beispiel: Ich bin in einer beruflichen Freistellung. Erste Frage von vielen Leuten: „Kraaaaassss…Du kriegst also Dein Gehalt, ohne arbeiten zu müssen?“ Richtig. Boar, ist das cool. Jaja, ich müsste so dankbar sein! Ich müsste ja wohl jeden Morgen aufstehen, weil es so heiß wird, denn wenn einem so permanent die Sonne aus dem Hintern scheint, geht das ja gar nicht anders. Allein…es fühlt sich so gar nicht danach an. Ich liege morgens im Bett und denke: Steh schon auf! Ooooch, aber es ist so schön muckelig warm hier…und überhaupt: Was erwartet mich denn heute? Nichts. Das stößt bei ganz vielen Leuten auf ganz viel Unverständnis. Ich könnte im breiten Strahl göbeln, wenn ich dann höre: „Also, wenn ich so ein Glück hätte wie Du, dann wäre mir niiiie langweilig. Es gibt so vieles, was ich so gerne täte, aber mir fehlt die Zeit dazu.“ Was soll ich sagen? Einen Scheißdreck würden die meisten tun. Es gibt sie, diese Menschen, die sich aus sich heraus strukturieren. Die jedes Wochenende durchorganisieren und auch im Urlaub jeden Tag im Vorfeld durchgeplant haben. Sonntags Bildungskino um 10 Uhr, Museum um 13 Uhr, Kirchenbesichtigung um 17 Uhr, Treffen mit intellektuellen Freunden um 19 Uhr. Aaaaaaah! Ich gehöre nicht zu dieser Spezies. Ich plane auch gerne manches. Und Treffen mit Freunden finde ich auch immer großartig. In der Woche sind sie nur eben auch alle beschäftigt – Arbeit, Familie usw. Wenn Kino, dann aber nicht intellektuelles Bildungsangebot, sondern Action, Horror, Psycho und auch mal Liebesfilme. Und mit Museen kann man mich so richtig jagen.
Fakt ist jedenfalls: Die wenigsten Menschen können ohne Struktur gut leben. Hinzu kommt das schlechte Gewissen. Ich bin streng nach Belohnungssystem erzogen. Was leiste ich denn gerade, um mich mit was Schönem belohnen zu dürfen? Eben. Gar nichts. So empfinde ich das nun mal. Das wirft die Frage auf: Kann man es mir überhaupt recht machen? Ich war beruflich verdammt viel unterwegs, was bisweilen schon kräftezehrend war. Eigenartigerweise habe ich in der Zeit einiges mehr nebenher gestemmt bekommen als zur jetzigen Zeit. Jetzt, wo ich viel Zeit habe, schiebe ich alles. SIXX, PRO7 und VOX sind gerade meine Freunde. Ich sagte, dass ich im Kino nichts Intellektuelles schauen würde, aber Zuhause doch schon…und auf diesen Sendern findet man jede Menge davon. Es bildet ungemein weiter, wenn man sich Bräute bei der Hochzeitskleidersuche anschaut. Da kann man sich nämlich darüber klar werden, welches dieser Kleider man gerne selber hätte, ob einem die A-Linie steht oder ich nicht doch eher das Prinzessinnenkleid favorisiere. Oder schmeichelt einem ein Fit and Flare? (Das Wort musste ich jetzt tatsächlich googlen, damit ich es richtig schreibe.) Das ist schon durchaus sehr entscheidend für das weitere Leben. Es gibt zwar überhaupt keinen Heiratskandidaten in meinem Leben, aber sollte es mal einen geben, bin ich bestens vorbereitet. Und ich weiß, wen ich alles nicht mit zur möglichen Anprobe mitschleppe, denn auch das lernt man da. Zu viele Köche verderben eindeutig den Brei. Ob ich noch alle Latten am Zaun hab? Woher soll ich das wissen?! Und ja, mir ist durchaus bewusst, wie verrückt das klingt. Und ja, ich weiß, dass diese Formate nonsense sind. Aber sie lenken mich davon ab, dass ich eigentlich meinen Kleiderschrank mal ausmisten könnte. Und eigentlich könnte ich meine Fenster häufiger putzen – wobei…nachher schrubbe ich noch den Fensterrahmen weg. Damit wäre auch niemandem gedient.
Die große Freiheit ist also Fluch und Segen in einem. Ich hätte mir hin und wieder mehr Freiheit gewünscht, aber warum kennt mein Universum nur diese Extreme?! Ich hätte gerne etwas mehr Freizeit gehabt und nicht tonnenweise. Das überfordert mich. Bin ich deswegen undankbar? Nutze ich nicht alles maximal aus, was sich mir bietet? Ich schäme mich, frage mich, was ich nicht alles hätte tun können oder gar müssen. Ja, ich habe durchaus Sachen gemacht. Ich war drei Monate in Peru. Ich habe Bewerbungen geschrieben, an Workshops teilgenommen, Texte korrigiert, ein Theaterstück geschrieben. Aber unterm Strich ist es zu wenig – aus meiner Sicht. Mir fehlt die Produktivität. Mir fehlt der Austausch mit anderen Menschen. Ich habe früher monatlich neue Leute kennengelernt in meinen Seminaren. Ich habe Menschen etwas beibringen dürfen. Und jetzt? Soll ich dankbar sein für diese tolle Gelegenheit, alles machen zu können, wozu ich Lust habe. Kann ich aber nicht. Ich lechze nach Omas „Mönkesmoat“. Und ich lechze danach, produktiv zu sein. Der Druck steigt, und ich weiß, der Tag rückt näher, bis sich alles wieder zurechtrüttelt und -schüttelt. Dann lache ich über diese Phase, wünsche mir wieder etwas mehr Zeit. Aber vermutlich wird diese Stimme in mir gezielter formulieren, denn wie heißt es so schön: Bedenke genau, was Du Dir wünschst, denn es könnte in Erfüllung gehen.

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