Gott, bin ich froh, dass die Hitze gerade mal eine Pause macht. So stelle ich mir meine Wechseljahre vor. Alter Falter, wie ich dieses Wetter verabscheue. Gestern Abend konnte ich dem Regen lauschen, was ich so sehr liebe. Jaja, ich weiß, alle Welt schimpft, wenn es dauerregnet. Ich persönlich mag Regen ja. Und nach so einer Dürrezeit war es ein noch tolleres Geräusch.

Und da denke ich dann an meinen bevorstehenden Trip nach Holland. Ja, ich war gerade erst ein paar Tage in den Bergen. Und ja, es ist wohl schön, sich da umzusehen. Aber nichts, wirklich gar nichts, ersetzt mir das Meer. Ich liebe das Rauschen, den Wind, einfach alles. Das lässt mich manches geraderücken in meinen Gedanken, manches belächeln und Frieden finden.

Noch ein Vorteil vom Meer: Es muss kein Helikopter kommen, wenn man sich den Fuß verknackst. So geschehen in den Bergen. Mich wundert es ja immer, wieviele Menschen es in die Berge zieht, obwohl das Wandern dort sehr schweißtreibend und anstrengend ist. Und wie unterschiedlich diese Leute sind! Am besten haben mir drei Ladies gefallen, die bestimmt schon jenseits der 60 waren, perfekt geschminkt und herausgeputzt. Sie waren nicht übertrieben, sondern einfach flotte Damen. Natürlich gibt es dort auch die üblichen Müslis, die ich immer pädagogisch waaaaaaahnsinnig wertvoll finde. Von Weitem riecht man da meist schon den Mate-Tee.

Noch gruseliger finde ich die Mountainbiker. Allerdings hat sich da etwas verändert. Vor Jahren hätte ich diese Vollidioten noch am liebsten vom Fahrrad getreten. Einfach so. Wenn sie die Puste haben, sich den Berg per Rad hochzuquälen, haben sie auch die Puste, wieder nach so einem Tritt aufs Rad zu steigen. So einfach. Nun habe ich aber eine Kollegin, die das auch macht. Und sie ist Veganerin. Die Überraschung? Sie ist nett!!! Also ehrlich nett. Nicht militant öko oder missionarisch vegan unterwegs. Das macht leider was mit meinem hübschen Schubladendenken.

Nun gut, weil besagte Kollegin so nett ist, habe ich dieses Mal nur den Kopf geschüttelt und einen sich Abstrampelnden gefragt, warum er sich das antäte? Er hat mich angelächelt (wow, was für ein Lächeln das war!) und schnaufend hervorgebracht: „Weil es einfach nur geil ist.“ Gut, unter „geil“ würde ich ein paar andere Dinge verbuchen, aber es gibt ja sogar Menschen, die es geil finden, Rasierklingen zu schlucken. Also: Jedem das seine.

Nun sind wir also an einem Tag auf unserer Gratwanderung unterwegs (die lässig werden sollte, mir aber auch nach Tagen noch die Muskeln schreien lässt), als ich eine adrette Dame – wieder mal top gestylt mit tollem, rotem Lippenstift – am Rand sitzend entdecke, während ihr Mann auf der anderen „Straßenseite“ steht. Der Rheinländer in mir flötet ja immer einen raus, also sag´ ich zu ihm: „Na, da haben Sie doch ein schönes Motiv. Ich würde ja an Ihrer Stelle ein paar Bilder von ihr machen.“ Und da erfahre ich, was der guten Frau passiert ist. Sie sitzt da nicht aus Dekogründen, sondern ist umgeknickt. Es muss ein lautes Knackgeräusch erzeugt haben. Ich frage noch, ob ich helfen könne, aber beide winken ab. Sie rasten noch etwas, bevor sie dann den Abstieg beginnen. Ich wünsche ihnen das Beste.

Der Abstieg geht nun für mich weiter. Ehrlich? Es ist alles andere als lustig. Mit zwei operierten Füßen und nicht vorhandener Sportlichkeit ist es noch schlimmer, seit ich weiß, dass selbst sportliche Menschen (die Dame zuvor) sich so derbe den Fuß verknacksen können. Ich weiß, dass ich diese Nacht kaum Schlaf finden werde, weil die Panik in mir immer größer wird, hier heil herauszukommen. Meine Trittsicherheit sowie Balance sind nicht gerade gut zu nennen – nach den OPs noch weniger als zuvor. Ich denke wieder an die Frau und frage mich, wie sie hier herunterkommen soll, wenn sie verletzt ist? An der Alpe holt uns dann der Mann ein – allein. Es gehe nicht anders, er müsse die Bergwacht rufen. Dann wird alles spektakulär: Ein Heli („Roooooooobert, hol´ schon ma der Helllli!“) kommt geflogen, kann aber natürlich oben nicht landen. Dann landet er bei der Alpe zwischen. Alles stürmt zum Spektakel – selbst eine Mutter mit einem Säugling im Arm, obwohl alles durch die Roteren aufgewirbelt wird. Ich bleibe sitzen und denke an die Frau da oben. In solchen Momenten könnte ich heulen, wenn ich daran denke, wie sie sich fühlen muss. Klar, es ist toll, dass es so eine Rettungsmöglichkeit gibt. Der Heli wird mit einem Seil und Sitzmöglichkeit daran präpariert, bevor es wieder in die Lüfte geht und die Frau abtransportiert wird. Aber all der Aufriss, all die Aufmerksamkeit, nur weil die Frau sich den Knöchel verstaucht, die Bänder gerissen oder sonst was hat.

Diese Art von Attraktion wäre mir ein Gräuel. So viel Aufwand nur für mich? Die Sanitäter hätten mir vermutlich vorher einen Liter Valium spritzen müssen, damit ich das sediert überstehen könnte. Andernfalls würde ich vermutlich an Scham und einem Herzinfarkt verscheiden. Den Flug am Helikopter hingegen, den würde ich zu gern erleben.

Und dann denke ich wieder, wie kompliziert ich doch denke. Während die meisten ganz normal annehmen könnten, was in solchen Momenten vonnöten wäre oder gar sagen: „Na, dafür gibt es ja die Bergwacht, die macht nur ihren Job“, würde ich darüber hyperventillieren. Nur eben nicht aus Angst, sondern aus Scham. Schon verrückt…

Und was lehrt mich das? Am Meer bin ich definitiv besser aufgehoben. Ja, auch da kommen Hubschrauber zum Einsatz, aber ich schwimme ja in Holland nicht raus – wenn ich überhaupt schwimmen gehe. In diesem Sinne fahre ich in zwei Wochen entspannt in meine Heimat des Herzens. Holland, ich komme!

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