Ich bin kein neidischer Mensch. Ehrlich, Neid ist mir fremd. Es gibt Dinge, die finde ich bei anderen toll. Und klar, da denke ich schon auch mal: Och, da hätteste auch nix gegen, wenn es bei Dir auch so lief. Aber klassischer Neid? Also dass ich jemandem etwas neide und es ihm/ ihr nicht gönne? Nö, das kenne ich nicht.

Doch es gibt durchaus Eigenschaften (von äußeren Merkmalen mal ganz zu schweigen), die wecken schon mein Interesse. Allen voran die liebe Geduld. Alter, davon hätte ich durchaus auch etwas abbekommen können. Nein, ich will die niemandem wegnehmen, sondern auch ein bisschen was für mich davon haben. Das konnte man auch heute wieder deutlich sehen.

Eigentlich wollte ich Nähen lernen. Ja, „eigentlich“ ist an der Stelle das richtige Wort. Es ist ja durchaus ratsam, sich zu visualisieren, wie es denn aussähe, wenn man das Ziel denn schon erreicht hätte. Wow, das kann ich verdammt gut. Ich schneidere mir die tollsten Kleider, verspielte Oberteile und vieles mehr. Es steht mir hervorragend, und ich ernte ohne Ende Komplimente. Ich sehe mich in raffinierten Schnitten und atemberaubenden Farben…

Und dann kommt die Realität. Ich gebe ja zu, mich vor dieser gerne mal zu drücken. Ich gehe sogar so weit, dies als eine meiner Stärken zu benennen. Aber irgendwann kann ich meiner Schwester dann doch nicht mehr ausweichen, wenn sie fragt: „So, ich wäre dann soweit. Sollen wir dann mal mit dem Nähen beginnen?“ Mein Gesicht tut, was es will (wie so oft), und zeigt meine Begeisterung… also meine nicht vorhandene. Nu juut, nutzt ja nix. Meine Sis ist ja clever und kennt mich so ca. 43 Jahre, 3 Monate und 7 Tage. Diese Zeit hat ihre Spuren hinterlassen… und jeden von uns geprägt. Wir wissen genau, wie der andere tickt. „Wir fangen an mit einem Rock. Da brauchst Du nur zwei gerade Nähte, ziehst oben einen Gummi ein und nähst unten einmal um.“ Pffff… klingt so spannend wie Fußpilz. Nö. Ist mir zu kicki… und außerdem etwas, das ich erst im Herbst/Winter tragen könnte. Nö. Ich will ein Shirt machen. Am besten mit Knotenoptik. Sieht im Internet auch recht einfach aus.

Ok, meine Sis zaubert ein Schnittmuster hervor. Das muss auf Papier gepaust und ausgeschnitten werden. Dann überträgt man das auf den Stoff und schneidet diesen möglichst sauber zurecht. Hä? Das konnte ich weder im Kindergarten, noch in der Schule. Bis heute sind meine ausgeschnittenen Blätter alles – nur NIE gerade. Erst wenn diese ganze Vorarbeit geleistet wäre, könnte ich mit dem Nähen beginnen. Ok, dann mal Hand aufs Herz: Wie lange dauert denn der ganze Kokolores? „Ein paar Stunden biste schon damit beschäftigt.“ Wie bitte???? Ich will, dass das maximal 30 Minuten dauert und dann perfekti aussieht!!! Wird es nicht. Ich hasse die Realität. Sie ist immer eine blöde Spielverderberin!

Meine Sis hat alles zu mir hochgeschleppt. Zerknirscht schaue ich sie an und frage sie: „Du kennst mich doch schon sooo lange. Glaubst Du echt, das ist was für mich und meine Geduld?“ Ich sehe die Wahrheit in ihrer Mimik: „Ich sag‘ ja: Lass‘ uns mit einem Rock anfangen.“ Jetzt mal im Ernst: Wieviele Röcke müsste ich nähen, bis ich dann mal anfangen würde, diese Kleinscheiße abzupausen, zu übertragen und dann auszuscheiden? Wieviele Menschen würde ich bis dahin anschreien und in den Wahnsinn treiben? Ich verrate es Euch: Wir werden es nie erfahren. Ich breche ab, bevor jemand zu Schaden kommt.

Stattdessen hocke ich mich in den Keller und sortiere Lego. Eine dämliche Doofenarbeit, die nicht nur ich nicht mag, aber ich fühle mich meiner Schwester gegenüber schuldig. Sie hat alles rangekarrt, damit ich Nähen lernen kann. Mein „kleiner“ (1,85 m) Neffe ist der Erste, der neben mir sitzt und mit mir sortiert. Er schaut mich an und sagt nur ironisch: „Na, da hat man ja die zwei Richtigen an den Scheiß hier rangesetzt: Diejenigen, die mit der meisten Geduld gesegnet sind.“ Ich liebe ihn, denn seine Geduld ähnelt der meinen so sehr: Sie kommen aus einer verdammt geizigen Quelle und musste dann noch auf uns beide aufgeteilt werden. Aber ich genieße es, nicht allein so gepolt zu sein.

Morgen geht es weiter mit dieser spannenden, herausfordernden Aufgabe. Ich weiß nicht, ob ich so aufgeregt überhaupt schlafen kann? Aber immerhin: Mein Leben hat wieder einen Sinn – ich habe Arbeit.

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