Die Welt ist schon strange, oder? Und Zeiten, wie diese, zeigen einem das noch deutlicher. Es kommt nur darauf an, ob wir hinsehen wollen oder nicht.

Ich habe heute Morgen einen Termin und laufe zufuß los. Es nieselt leicht, was mich als Allergiker natürlich ungemein freut. Trotzdem ist es nur Nieselregen. Ich hoffe fest darauf, dass bald etwas mehr runterkommt. Auf meinem Weg bin ich gut gelaunt. Entsprechend grüße ich alle Menschen, die mir entgegenkommen. Die Wenigsten grüßen zurück. Ihre Blicke reichen dagegen von überrascht bis hin zu verkniffen und grimmig. Nur zwei junge Schwarze grüßen lachend zurück, während sie sich Schutzmasken vors Gesicht drapieren. Ja, mit denen sieht man aber auch zu ulkig aus. Und es ist so brühwarm darunter… einfach ungewohnt, seinen eigenen Atem einzuatmen.

Während ich noch mit diesen Masken-Unwägbarkeiten hadere, erfahre ich von meinem Gegenüber, dass er seinen Schwager im Alter von 34 Jahren an den Alkohol verloren hat. Mit nur 34 Jahren! Ich fühle mit, finde diese Vergeudung schlimm… die armen Eltern, die armen Geschwister und anderen Menschen drumherum. Die Frage: „Wie hätten wir das doch noch verhindern können?“, schwirrt durch den Raum. Gar nicht, ist die nüchterne, erschreckende Antwort. Und das macht es so schwer.

Ganz leicht lässt sich das von außen betrachtet abtun. Er hat ja selbst schuld, hat ja gesoffen! Aber ganz so einfach ist es dann auch nicht. Es stecken immer Schicksale dahinter – mal größer, mal kleiner. Empfunden werden sie immer subjektiv.

Häufig fehlt uns hier die Empathie. Und endlich hat mir ein Dozent genau da aus der Seele gesprochen, weil er davon erzählt hat. Empathie für Straftäter und Süchtige bedeute nicht, ihre Taten zu entschuldigen. Aber es bedeute, den Wunsch zu verspüren, die Ursache für ein derartiges Verhalten verstehen und ergründen zu wollen. Nur dann könne man dem anderen helfen. Aber das wollen viele Menschen nicht, weil es einfacher ist, Stempel aufzudrücken. Die belasten weniger, zwingen einen nicht dazu, vor der eigenen Haustür auch mal hinzuschauen und zu kehren.

Oh, ich will damit nicht sagen, dass jeder sein Umfeld therapieren sollte. Klar, wenn ich Teil des Systems bin, wird mir die nötige Distanz auch immer fehlen. Aber ein wenig Verständnis für den einen oder anderen… das könnte helfen… und fällt doch manches Mal so schwer. Andererseits: Wer hat uns versprochen, dass es immer leicht sein wird? Manches scheint so leicht von außen und dann doch so schwer in der Umsetzung. Und trotzdem ist das Leben schön! Oder gerade deswegen? Wer weiß das schon…?

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