Es wird wieder getrötet. Nee, ich hab kein „S“ vergessen. Ich rede vom Tröten. Immer wieder sonntags ab 18 Uhr spielen ein paar Bläser in der Nachbarschaft ein bisschen Musik. Ich kann sie nicht sehen, dafür aber leise hören. Dabei bin ich ganz klar ein Fan von Streichinstrumenten und muss immer wieder mal heulen, wenn ich eine Geige höre. Oder einen Kontrabass.

Vermutlich ist das Erbgut. Meine Mutter hat damals, als wir in Ungarn in Urlaub waren (ich war 12), ein paar Tränchen rollen lassen, als eine einsame Geige in einem Restaurant erklang. Ich weiß noch, wie verwundert und verwirrt ich deswegen war, da meine Mom nie vor uns geweint hat – nur an dem Tag, als der Anruf kam, dass mein Opa in Kranjska Gora verstorben sei. Und genau an diesen Opa (ihren Vater) musste meine Mom bei dem Geigenspiel denken, weil er diese Musik auch so geliebt haben muss.

Damals konnte ich das trotzdem nicht so ganz verstehen, obwohl mein Opa mein Held war. Er hat es immer geschafft, dass wir Kinder uns besonders vorkamen. Mit Geduld hat er meiner Schwester und mir Dinge im Garten gezeigt, bei denen er unsere Hilfe gebrauchen konnte. Und ihm haben wir gerne geholfen, weil es immer gut genug war, was wir getan haben.

Als Kind hört man ja oft (zumindest früher), was noch nicht genau genug, sauber genug, akkurat genug ist. Ich finde es wichtig, auch zu erleben, dass man sich verbessern kann und muss. Aber einen Opa zu haben, der an einen glaubt, ist Gold wert. Auch wenn er sich Kritik gefallen lassen musste, ich sei sein Lieblings-Enkelkind gewesen. Dabei war ich einfach nur neugierig, quirlig und hab jede Minute mit ihm genossen. Und das wiederum hat ihm Spaß gemacht.

Ich wünschte, jedes Kind hätte so einen Opa oder eine Bezugsperson, die bedingungslos hinter einem steht und einen darin bestärkt, dass man genau gut so ist, wie man ist. Mit zehn Jahren war dies leider vorbei für mich, aber manchmal frage ich ihn heute noch, was er von irgendetwas hält. Und dann seh‘ ich ihn vor mir, mit seiner Hornbrille auf der Nase, seiner Pfeife im Mund, wie er mich mit feuchten Augen anschaut und mir strahlend zunickt. Ich könnte heute noch sein Gesicht unter tausenden Gesichtern erkennen. Mein Held der Kindheit hat nichts von seinem Glanz verloren.

Daher verstehe ich meine Mutter rückblickend schon, als sie damals geweint hat. Heute bin ich ja stelbst sentimental, wenn ich einer Geige lausche. Und nein, ich meine nicht dieses fiese Geziepel eines Anfängers. Aber jetzt muss ich zugeben, dass mich diese Blasmusik hier auch etwas rührt. Gut, „böhmischer Traum“ wird mein Herz nie erreichen. Aber die Bayern-Hymne, die ich erst seit Corona kenne, hat doch etwas. Ich weiß, das sage ich, die ja so gar nicht auf bayrische Um-Ta-Ta-Musik steht! Aber wenn dieses Lied als Dankeschön für alle Helferinnen und Helfer in der Krise immer noch gespielt wird, beeindruckt mich das schon.

Neben all den schlechten Nachrichten, die man so im Fernsehen sieht, bin ich immer wieder glücklich, etwas Schönes zu entdecken. Und das geht echt jeden Tag. So kam beispielsweise auch eine Dankesmail von den Münchner Kliniken. Leider bin ich da ja nicht zum Einsatz gekommen – wie etliche andere auch nicht. Aber sie bedanken sich jetzt, nachdem sie die erste (und hoffentlich letzte) Welle der Pandemie überstanden haben, für die Bereitschaft der Freiwilligen. Das nenne ich mal Nachhaltigkeit und auch gute PR. So macht es doch Freude, seine Hilfe anzubieten. (Im Gegensatz zum Altenheim, von dem ich immer noch keinen einzigen Mucks gehört habe.)

Oder gestern Abend, als sich der Himmel nach Wolkenbruch eigenartig verfärbt hat und einen Regenbogen mit krassem Hintergrund gezeichnet hat. Leider konnte ich die Farben nicht so einfangen, aber sie waren krass und haben mich fast so verzückt wie ein einsames Geigenstück.

Schon interessant, worauf ich so achte in letzter Zeit… Vieles davon war vorher genauso da. Aber in der Hektik zwischen „Ich muss noch dies…“ und „Wenn das fertig ist, noch schnell das…“, ist manches an mir vorbeigezogen. Hoffentlich behalte ich es bei, der Arbeit nicht mehr ganz so viel Bedeutung zuzumessen und nicht so viele Überstunden zu machen. Ich will nicht faul sein/werden! Aber ich will mehr von dem tun, was mir Spaß macht, mehr bewirken, wo es wirklich Sinn macht und neue Welten entdecken. Kann ja nicht so schwer sein, oder? Ich muss nur mehr auf mein Bauchgefühl hören und das rationale Böckchen auch mal bocken lassen. Was soll schon groß passieren? Wenn ich mich verlaufe, komme ich eben woanders an als gedacht. Na und? Da kann es ja auch schön sein.

Auf bunte Regenbögen vor spektakulärer Kulisse… die mein Opa vielleicht auch von dort gesehen hat, wo er jetzt ist.

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