Manchmal denke ich, schon so vieles gelernt zu haben, nur um dann festzustellen, dass es noch jede Menge Bereiche gibt, die wie Brachland sind. Da muss ich noch viel säen und jäten, bis ich dort mal die Ernte einfahren kann. Aber alles brav nacheinander…

Zunächst geht es früh auf, weil wir noch vor dem Frühstück zum Obst- und Gemüsemarkt in Holland wollen. Das klappt auch recht gut, wobei ich seit Corona immer noch Schwierigkeiten mit rechtzeitigem Aufstehen habe. Fehlende Struktur ist echt unlustig. Wir düsen also zeitig los, um dann festzustellen, dass meine Sis ihre Maske Zuhause hat liegen lassen. Gut so. Jetzt ist es mir, dann dem Kleinen und nun auch meiner Sis passiert. Dabei dachte ich, das sei mittlerweile bei uns allen ein Automatismus mit der Maske geworden. Da meine Sis heute ihren neuen Dutch Oven einweihen will, brauchen wir neben Obst und Gemüse auch noch Fleisch. Da wollten wir uns eigentlich aufteilen, also sie zum Metzger, ich für Milch und Hefe zu Lidl. Nun muss ich das allein machen. Daher sehe ich auch nur allein die Mischung zwischen Winnetou und dem jungen Costa Cordalis vor dem Eingang stehen. Lasziv schüttelt er sein Haar, während ich mich frage, welcher Zeitmaschine er entsprungen ist.

Dann geht es endlich weiter zum Markt in Holland. Ja, richtig, wieder Holland. Überall kann man hier die Grenze überschreiten. Doch heute geht es nicht um Klamotten, sondern um Paprika, Spargel, Heidelbeeren, Mangos und Co. Beim Losfahren wundern wir uns noch über die Wettervorhersage, die Regen prophezeit. Beim Zwischenstopp schwant uns was. Am Markt angelangt, dämmert es uns schon nicht mehr nur, sondern erwischt uns – aber zum Glück nur tröpfelnd.

Gut gelaunte Männer (haha… an einem Samstagmorgen! Ihr könnt den ironischen Ton nicht hören, aber eventuell erahnen) haben den Tisch gedeckt, so dass wir gleich mit dem Frühstück loslegen können. Bis dahin ist die Welt auch noch relativ normal. Aber dann muss ich eine Bachelorarbeit Korrektur lesen. Ich habe so was schon häufiger gemacht, aber da es echt Arbeit bedeutet, biete ich dies nur ausgewählten Leuten an. Tja, blöd nur, wenn Männer darüber im Suff quatschen. So geschehen letzten Sonntag. Ein junger Mann des Dorfes berichtet davon, seine Bachelorarbeit fertigzustellen. Zwei Freunde – davon ein Deutschlehrer – haben abgesagt. Da sollte man ja schon hellhörig werden, oder? Nein, nicht nur, weil er mit einem Lehrer befreundet ist, sondern weil gleich zwei Freunde diesen Dienst verweigern. In köstlich angeschickerter Bierlaune offeriert mein Schwager meine Dienste. Jooooo, der Bursche wird auch nicht einmal selbst vorstellig oder erfragt meine Nummer. Nö, er lässt über meinen Neffen nachfragen, ob das denn nun in Ordnung gehe? Ehrlich? So was mag ich gar nicht. Aber da ich meine Jungs (inklusive Schwager) liebe, will ich nicht zicken und sage zähneknirschend zu. Ernsthaft, in solchen Momenten würde ich gerne den Arsch in der Hose haben, nein zu sagen.

Immerhin bringt er den Stick mit der Arbeit persönlich vorbei und lässt ihn nicht abholen. Er wirkt nervös, tönt dann aber großspurig, dass er ja sowieso bestehen werde. Der Prüfer sei ja mehr als locker. Gut, wenn er mit einer zwei abschließe, bekäme er eher eine Gehaltserhöhung. Würde mein kleiner Neffe so argumentieren, würde ich sagen, er sei ja erst 15. Aber dieser Bursche hat eine Banklehre hinter sich und konnte dann wechseln, bevor es dort zum Stellenabbau kam. Er ist locker 12 Jahre älter und sollte den Knall schon gehört haben… Hat er aber nicht.

Der Anfang der Arbeit geht noch einigermaßen. Deutsch ist nicht seine Stärke, aber das ist für mich voll ok. Deswegen lässt man ja auch Korrektur lesen. Was ich nicht ok finde, ist der Eindruck, dass er es vor die Fott jeklätscht hat. Ja, wieder Plattdeutsch. Mit anderen Worten: Ich spüre sein Desinteresse und die Haltung, dass er ja mit der Mindestanforderung von 10.000 Wörtern schon alles im Sack haben muss, aus jeder Zeile. Braucht ein Satz in einer Bachelorarbeit immer ein Verb? Och nö. Ich hab ja schon 10.000 Wörter zusammen.

Und so quäle ich mich fünf Stunden am Stück durch den Text, achte neben der Rechtschreibung und Grammatik auch noch auf die Formatierung und kann inhaltlich seiner Argumentation nicht einmal folgen. Gottseidank bin ich keine Lehrerin geworden. Unter so eine Arbeit hätte ich geschrieben: „Da Du Deine Unlust so demonstrierst, führt sich mein Intellekt jetzt einfach auch mal bockig auf. Komm‘ doch wieder, wenn Du ernsthaftes Interesse hast. Bis dahin: Nicht bestanden!“ Dabei ist es ein Thema, zu dem sogar ein Laie etwas schreiben könnte.

Morgen brauche ich vermutlich noch einmal so lange, um die Korrektur fertigzustellen. Dann habe ich vermutlich mehr Zeit und Hirnschmalz investiert, als er bislang selbst. Ja, ich weiß, ich könnte es auch einfach so zurückgeben. Aber das macht man im Dorf nicht, wo jeder jeden kennt. Und ich helfe ja auch im Grunde gern. Ich erwarte einfach nur, dass der andere es dann auch ernst nimmt. Und was lerne ich daraus? Erstens: Vor de Fott jeklätscht erreicht man sein Ziel auch. Zweitens: Es findet sich immer ein Idiot, der einem hilft. Und drittens: Ich weiß, warum ich in der Stadt lebe.

Dafür gab es dann allerdings Reiskuchen von meiner Cousine. Also streng genommen von ihrer Mutti, aber das ist wurscht, weil er einfach saulecker ist und für vieles entschädigt. Und da wir den Rest behalten durften, schaffe ich die restliche Korrektur damit morgen auch noch. Kann sein, dass ich für mein Nervenkostüm dazu den restlichen Kuchen alleine verputzen muss, aber das Opfer bin ich bereit zu leisten. Wie sagte der Kleine vorhin so treffend (ich habe die Korrektur an seinem Rechner sitzend vorgenommen): „Ich habe noch nie jemanden so viel am PC alleine diskutieren hören!“ Mit Kuchen im Mund wird das hoffentlich besser.

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