Heute ist der letzte Tag, bevor es zurück nach Bayern geht. Und dabei ist „fottich Wäer“. Ach, ich liebe unser Platt hier. Die Omma von meinem Schwager hat dazu immer „menaudich“ gesagt. Es ist einfach eine ganz eigenartige Witterung. Zeitig düsen wir Richtung Holland, während es schon zu nieseln anfängt. Unser Vorteil: Das hält viele davon ab, hierherzukommen. Dabei ist der Markt normalerweise an solchen Feiertagen von Deutschen völlig überlaufen.

Ich kaufe noch mal eine Kiste Mangos, die wir Zuhause in den Dörrobstautomaten hauen. Letzten Samstag hatten wir schon zwei Kisten gekauft. Der Automat ist auf Hochtouren gelaufen. Geschäfte steuern wir heute nur sehr wenige an. Irgendwie ist die Luft raus. Ich habe zudem Sorge, meinen Kaufrausch der letzten Woche nicht in den Koffer zu bekommen. Beim Packen später nehme ich echt noch einen Trekking-Rucksack dazu. Mit Schrecken denke ich ans Umsteigen in Düsseldorf. Die Gleise für die Bimmelbahn verfügen nämlich nicht über einen Aufzug oder eine Rolltreppe. Das war beim Umsteigen schon ein Desaster. Irgendwie wundere ich mich auch immer total, dass meine Sis und Schwager sich einen Koffer für 14 Tage teilen können – meine Neffen auch. Ich brauche einen größeren für mich allein! Und selbst da muss ich schon immer stopfen. Es muss doch für alle Eventualitäten vorgesorgt sein. Es könnte ja ein Erdbeben kommen? Oder MacGyver würde spontan eine Bombe basteln müssen? Ja, hallo?! Wenn er mich dann nicht hätte, würde ich für die Menschheit aber so was von schwarz sehen!

Irgendwie ist es komisch, heute durch Sittard (so heißt das holländische Städtchen) zu bummeln. Es fühlt sich ein wenig nach Abschied an. Geplant war es ja gar nicht, dass ich dieses Jahr so oft hierherkomme. Corona sei Dank, wurde es dann doch weit mehr. Wann bzw. ob ich dieses Jahr noch mal herkomme, weiß ich nicht. Vermutlich hab ich deswegen letzte Woche auch wie eine Irre geshoppt? Da uns heute irgendwie beiden nicht nach Shoppen zumute ist, gehen wir kurzerhand in ein kleines Café. Aufgrund des Regens ist mein Schwager dann doch nicht mit dem Fahrrad nachgekommen. Es gibt leider keinen Chai Latte hier, aber etwas, das ich noch nicht kenne: Es heißt „Hollandse Glorie“. Ist ein Latte Macchiato mit Karamell-Sirup, Sahne und Karamell-Soße als Topping. Jo, da brauchst Du auch kein Diabetes mehr. Als die Bedienung die Getränke bringt, verweist sie auf den Zucker an der Theke. Äääääh… Ich mag es ja süß, aber hier noch Zucker reinzukippen, ist wie 80 %igen Strohrum mit reinem Alkohol aus der Apotheke anzureichern. Doch dieses Glorie-Zeug schmeckt lecker.

Das Nieseln hört auf, es wird schon etwas dampfig, aber mittlerweile ist der Markt sehr gut besucht. Puh, wir waren genau zur richtigen Zeit hier. Jetzt finde ich es schon wieder zu anstrengend. Jede Menge Leute schieben sich hier durch die Gassen. Das mag ich einfach nicht. Und dann immer diese Bremser. Ganz toll finde ich die Leute, die zwar halbwegs geradeaus laufen, aber dabei zur Seite schauen. Da sind süße Entenküken. Ja, die sind schön, aber ich bin gerade auf 12 Uhr voraus. Die beiden Leute, die die Treppe vom Parkhaus raufgehen, sind auch klasse. Während wir runtergehen, wollen sie rauf. Die Treppe ist breit genug. Aber die beiden können oder wollen einfach permanent nebeneinandergehen. Irgendwann bleibe ich einfach stehen, weil es nicht mehr geht, was mir einen bösen Blick vom Opi einbringt. Meine Sis steht hinter mir und kann auch nur noch den Kopf schütteln. Ach, was wird es herrlich, morgen wieder all die Verrückten in der Bahn zu sehen…

Und dann überrascht mich der Typ mit der Bachelorarbeit. Er wollte wissen, was ich im Gegenzug für die Korrektur verlange, was ich aber blöd finde. Das ist ja keine Dienstleistung, die ich verkaufe. Ob ich was anderes wollen würde? Nein! Bei uns heißt es da immer: „En lecker Merci!“ Damit ist nicht die Schoki gemeint, sondern ein von Herzen kommendes Danke. Vor Urzeiten waren wir ja auch mal französisch besetzt.

Kurz habe ich später gestutzt, als mein kleiner Neffe mir gesagt hat, er hätte auch keine Ahnung, was man mir schenken könnte. Hä? Ich habe noch geantwortet, dass ich mich immer über Zeit mit ihnen freue. Aber darüber hinaus gibt es auch andere Sachen – allen voran derzeit Literatur im Bereich Psychologie. Seine Reaktion war unbezahlbar: „Ist das ein Buch?“ Ääääh… das sind ganz viele Büche, aber was soll’s. Und dann klingelt es an der Tür. Ich erkenne es schon am Umschlag: Es ist ein Gutschein einer Buchhandlung. Halleluja. In einer Höhe, die ich nicht gut finde. Ich verstehe es und hätte wahrscheinlich ähnlich reagiert… Aber warum kann man sich nicht einfach gegenseitig Gefallen tun? Mir gefiele das viel besser. Und ich weiß, sollten meine Neffen mal Hilfe brauchen, würde dieser Kerl da stehen. Ja, es war viel Arbeit, weil der Schlumpf so keinen Bock hatte. Aber er hat ja alles angenommen und umgesetzt. Dann ist es doch gut.

Das fehlt mir so ein bisschen… Meine Großfamilie war schon immer bekloppt (auch wenn ich das als Kind nicht so hätte benennen können), doch wir haben uns immer gegenseitig geholfen. Beim Obst-Einmachen bei einer Tante, beim Auszug nach ihrer Trennung, beim Aufräumen, als es in Wohn- und Esszimmer gebrannt hat, Kellnern bei Feiern, beim Kuchen fürs Fest Backen, beim Babysitten und vielem mehr. Dafür gab es nie Geld, was ich gerade so schön fand. „Eine Hand wäscht die andere“, daran glaube ich immer noch.

Aber ja, ich weiß diese Geste natürlich trotzdem zu schätzen und hoffe nur, dass er eine gute Note erhält. Besser, ich löse solange den Gutschein noch nicht ein… wobei: Ein Buch würde der Schlumpf dann niemals freiwillig kaufen und auch noch lesen! Ha, dann kann ich ja doch schon mal schauen, welche Bücher ich mir am besten kaufe. Vielleicht eines, in dem man lesen kann, wie ich mit möglichst wenig Aufwand geduldiger werde? Oder wie ich mit weniger Gepäck verreisen und trotzdem damit glücklich sein kann? Wie ich sauberer einparke? (Wobei ich dadurch anderen den Spaß beim Zuschauen nehmen würde.) Wie ich weniger beim Autofahrern fluche? Es gibt sooooo viele Möglichkeiten, also bleibt es spannend.

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