Heute Morgen frühstücken wir noch gemeinsam – meine beiden Neffen, die Freundin vom Großen und ich. Das wird mir fehlen. Wenn ich da bin, herrscht quasi Anarchie. Jeder benimmt sich, wie es ihm gerade passt – worin der Kleine definitiv Spitzenreiter ist. Es ist leicht, einfach schön… ok, und manchmal stinkt die Luft. Aber so weiß jeder von uns, dass er kein Corona hat, weil da der Geruchssinn verlorengeht. Immer schön das Positive sehen, ne?

Meine holländische Freundin kommt sich noch verabschieden. Ich wollte sie noch mal treffen, aber der Entspannungsmodus hat die Tage so an mir vorüberziehen lassen. Echt krass, einfach in den Tag hineinzubummeln. Ja, das ist mal nett, aber ich will es auch wieder anders haben. Mal schauen, wie das klappt. Es wird Zeit fürs Pläneschmieden, glaube ich.

Während die Jungs im Garten ein Zelt aufbauen, weil sie heute Abend mit Freunden grillen, packe ich meinen Rucksack mehrfach um. Mein Gott, wie kann ein einzelner Mensch so bekloppt sein und so viel mit sich schleppen, wie ich das mal wieder tu??? Wäre ich ein zartes Pflänzchen, würde ich wohl einfach so nach hinten wegkippen, wenn ich den Rucksack schultere. Ich fasse mir diesbezüglich echt immer wieder selbst an den Kopf, aber immerhin bin ich immer für einen Lacher gut. Ist doch auch schon was. Und wenn ich die Treppe mit dem Koffer runtergehe, habe ich ein Gegengewicht, damit ich nicht mitfalle. Ha, besser hätte ich es ja wohl nicht planen können.

Und dann beobachte ich meine Neffen. Sie haben alles für heute Abend geplant, bauen die Musikanlage auf, das Zelt und bereiten alles vor. Gleich kommt ein Kumpel vorbei, der an der Fahrradtour am Nachmittag nicht teilnehmen kann, weil er eine heftige Knie-OP hatte. Aber er kann mit einem Automatikauto fahren. Also ist er der Chauffeur, der den Großen fährt, weil sie ja noch Getränke und Fleisch brauchen. Wir Mädels würden ja noch Salate vorbereiten, Dips, Nachtisch, aber bei den Jungs reichen Bier und Fleisch. Ich würde zu gern Mäuschen spielen…

Für mich ist es toll, dass sie solche Freundschaften pflegen. Das war mir auch immer wichtig. Familie ist gut und schön, aber ich habe immer auch Freunde gebraucht, die das Leben von einer anderen Seite betrachten. Müsste ich je durch die Hölle gehen, wüsste ich, wen ich mitnehme – und es ist niemand aus meiner Familie. Freunde sind für mich das Salz in der Suppe. Es ist nicht mehr wie früher, wo man sich – wie in der Schule – jeden Tag sehen muss. Manchmal vergehen Wochen und Monate, bis man sich wiedersieht. Manchmal vergehen Wochen, bis man sich wieder einmal hört. Aber wenn es hart auf hart kommt, weiß ich, auf wen ich zählen kann. Da können die Lebensumstände noch so anders sein – gute Freunde sind da. Aber nicht nur in Krisen, sondern einfach, wenn ich was Verrücktes erlebt habe, etwas Schönes entdeckt habe oder einfach so plaudern möchte, sind sie da… kostbar wie schwarze Perlen. Insofern zähle ich mich zu den verdammt privilegierten Menschen.

Ich wünschte mir gerade nur, ich hätte ein Haus mit Garten, damit ich auch so eine Grill- und Zeltparty machen könnte. Zugegeben, ich würde eine Luxusvariante von Luftmatratze besorgen und morgens vermutlich trotzdem noch fluchend aufstehen. Oder eine Nacht komplett unter freiem Himmel verbringen! Oh man, das ist schon sooo ewig her, dass ich das gemacht habe. Damals in Frankreich, als ich 16 Jahre alt war, habe ich mit einer Bekannten in freier Natur im Schlafsack gepennt. Es wird echt Zeit, so was noch mal zu wiederholen. In Peru war es nicht ganz draußen. Das hausartige Etwas war zu allen Seiten offen. Sowie das kleine Licht meines Tablets erloschen war, flogen die Fledermäuse über mir und die Mäuse huschten umher, was komischerweise kein bisschen schlimm war. Zu diesen Geräuschen konnte ich prima einschlafen. Klar, waren ja auch keine Spinnen.

Ach, ich bekomme wieder Sehnsucht. Und merke, dass ich zu der Zeit mit ganz wenig Luxus auch echt zufrieden war. Wenn ich heute Abend mit lahmen Schultern Zuhause ankomme, denke ich vielleicht noch mal über mein Konsumverhalten nach, doch ich verspreche mal lieber nichts. Mädchen bleibt eben Mädchen. Da machste nix.

Mein Schwager holt mich ab und bringt mich zum Zug. Da ich stur bin, schicke ich ihn wieder zur Arbeit und schleppe Koffer und Rucksack selbst die Treppe runter und wieder rauf. Auf der Treppe nach oben, pausiere ich auf der Hälfte der Strecke. Ein junger, schwarzer Mann steigt hinter mir die Treppe hoch und fragt höflich, ob er mir helfen könne. Er siezt mich!!! Ich bin einfach alt. Lachend lehne ich dankend ab und sage: „Ist ja meine eigene Schuld, so viel mit mir rumzuschleppen.“ Er lacht mit und geht weiter. Es gibt wirklich richtig nette Menschen. Bin ich schlecht drauf, fallen mir meist nur die Zwiebelfischer auf. Geht es mir gut, sehe ich viele Nette. Da sieht man mal wieder: Es liegt häufig an mir selbst, was ich erlebe.

Der Zug ist pünktlich, der ICE nicht ganz. Nervig, dass sie die Wagenreihung mal wieder verändert haben. Und über die Anzeige ändern sie die Abschnitte auch noch zwei Mal. Welche Scherzkekse arbeiten eigentlich bei der Bahn? Es kommt jemand auf mich zu – mit einem alten Kaffee-Pappbecher. Ich schüttle den Kopf, er sagt: „Ich wünsche Ihnen eine gute Reise.“ – bar jeglicher Ironie. Und dann geht er weiter. Mmmh, ich bin immer hin- und hergerissen, wie ich mich verhalten soll? Ich möchte nicht, dass sich solche Menschen noch mehr Alkohol kaufen, was ich durch mein Geld ja noch ermöglichen würde. Andererseits hat mir mal jemand gesagt, wer ich denn sei, besser als mein Gegenüber zu wissen, was für ihn/sie richtig sei? Ich lehne Alkoholismus ab und habe meine eigenen leidvollen Erfahrungen mit einem alkoholkranken Ex-Partner gemacht. Doch es ist und bleibt eben auch eine Krankheit. Ich habe etwas Kleingeld in der Tasche, was ich dann doch hervorkrame. Ich gehe zu ihm und sage entschuldigend: „Es ist wohl nicht viel.“ Er lächelt mich an – und dieses Lächeln erreicht auch seine Augen – und sagt: „Es geht nicht um viel, sondern nur um die Geste. Danke!“ Dann geht er davon, und ich fühle mich beschämt. Ich kenne ihn und sein Schicksal nicht. Er hat mir auch ohne Geld eine gute Reise gewünscht. Und nein, ich höre schon die Kritiker: Es war nicht seine Taktik. Er hat im Leben vielleicht einfach die falschen Abfahrten genommen… hatte keine tollen Menschen um sich herum, wie ich… Wer weiß das schon so genau? Es ist auch unerheblich. Ich wünschte, ich hätte ihm mehr gegeben, aber ich sehe ihn schon nicht mehr.

Mein Zug fährt ein. Ein netter, älterer Herr hilft mir unaufgefordert dabei, meinen Koffer auf die Gepäckablage zu hieven. Ich bin etwas überfordert von den Menschen, denen ich heute so begegne. Noch ein paar Stunden, und ich kehre in meine Wohnung zurück. Ich freue mich darauf und merke trotzdem immer wieder klar und deutlich, wie sehr ich Menschen um mich herum brauche. Mal schauen, was ich damit zukünftig so anfangen werde…

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