Gestern Abend meinte noch ein Scherzkeks, es sei für seine Kinder doch bestimmt ganz toll, ein paar Silvesterraketen in den Himmel zu jagen. Direkt vor meiner Nase. Das Problem war der verdammt laute Knall, der mich erstmal richtig erschreckt und vom Sofa hochgejagt hat. Ja, ich hätte auch denken können: Hey, ich habe wieder Geburtstag! Haha. Ich habe rausgespäht und mich – ehrlich gesagt – nicht getraut, den Typen mal so richtig anzuraunzen. Seine Frau hat ihn lediglich gebeten, doch nicht so nah an den Kindern zu böllern. Ehrlich: Was soll ich in so einer Situation machen? Die Polizei rufen? Bis die da ist, ist alles hier wieder bereinigt. Ich schließe die Terrassentür und nenne mich selbst einen Feigling. Manchmal ist das wohl so.

Zwangsstörungen…puh. Das ist heute zu Beginn unser Thema. Da kommt doch wohl jeder ins Grübeln und Überlegen: Wo bin ich eventuell zwanghaft? Oh, manche Freunde von mir würden jetzt gerne was beisteuern, schätze ich. Ich kaufe beispielsweise gerne von einem Produkt zwei Ausfertigungen. Nein, nicht bei Klamotten, sondern zwei Tüten Milch oder zwei Pakete Nudeln. So was. Ich bin eben – wie schon häufiger erwähnt – ein Hamster. (Nein, ich hatte keine zwei oder mehr Pakete Toilettenpapier auf Halde!) Aber das ist nicht als schädliches, zwanghaftes Verhalten zu bewerten. Was schon schräger ist: Wenn ich nicht schlafen kann, schaue ich auf meine Digitalanzeige am Radiowecker. Dann nehme ich die Quersumme vor dem Doppelpunkt und die Quersumme nach dem Doppelpunkt und teile es entsprechend. Daraus errechne ich dann die Prozentzahl. Ja, das mache ich, als absoluter Mathe-Hasser. Aber bei Mathe hasse ich ja nicht das einfache Rechnen, sondern eher so was, wie die dämlichen Kurvendiskussionen, binomischen Formeln und so was. Ich kann mir vorstellen, wie jetzt manch einer darüber gestolpert ist, als er das mit den Prozentzahlen gelesen hat.

Aber mal ganz ehrlich: Irgendeine Meise hat ja jeder von uns. Es gibt Menschen, die sich ständig räuspern. Oder solche, die bestimmte Worte immer wieder und wieder verwenden. Mein Problem dabei ist immer, dass ich die Macken sehr schnell raus habe. Viele Leute bemerken dies bei anderen nicht einmal. Ich leider schon. Da habe ich richtig krasse Antennen. Wenn ich das dann anderen berichte, sind die immer total genervt, weil sie es jetzt auch bemerken, was sie vorher gar nicht wahrgenommen hatten. Tja, es gibt der Macken viele. Und wenn jeder mal darüber nachdenkt, wie viele Dinge er/sie so tut, die nicht so ganz normal sind, dann kommt jeder auf den ein oder anderen Punkt – und sei es nur, das zweifache Nachschauen, ob der Herd wirklich ausgestellt ist, wenn man das Haus verlässt. Aber das sind wirklich nur „Macken“, keine wirklichen Zwangsstörungen. Ein Klient von mir hatte beispielsweise einen Waschzwang. Die Hände waren schon blutig und rissig, aber er musste sich dennoch ständig die Hände waschen und trug permanent einen nassen Lappen bei sich, mit dem er über alle Flächen um ihn herum wischen musste. Das ist dann echt zwanghaft. Schon schlimm.

Aber, so schlimm Zwänge auch sind: Was mich wirklich immer wieder am meisten berührt, sind Traumata. Und die sind unser Nachmittagsthema. Wenn ich sehen kann, wie sehr die Menschen sich quälen, welche Schamgefühe sich bilden, die von außen betrachtet völlig absurd sind, dann will ich einfach helfen. Nur trauen sich diese Menschen oft erstmal gar nicht zu einem Therapeuten. Wie viele Menschen laufen da draußen herum, die ihr Leben „irgendwie“ bewältigen und tolle Strategien entwickelt haben, um nach außen hin den Schein zu wahren? Und wie sehen die Abgründe in ihnen aus? Menschen mit dissoziativer Persönlichkeitsstörung werde ich wohl niemals in Behandlung haben, sollte ich denn mal irgendwann wirklich therapeutisch tätig werden. Aber genau diese interessieren mich am meisten. Es ist so schlimm zu sehen, welches Leid sie durchleben. Wobei man unterscheiden muss: Es gibt Traumata, die von Naturkatastrophen oder Unfällen hervorgerufen werden. Aber die schlimmsten, die einen Menschen auch dissoziieren lassen, sind welche vom Menschen gemachten – und zwar nicht vom Betroffenen selbst, sondern von anderen Menschen aktiv verursacht. Es ist schrecklich, wozu wir Menschen in der Lage sind – im Schlechten. Und es ist wunderbar, wozu Menschen in der Lage sind – im Positiven.

Und hier schlage ich mich persönlich mit zwei Dilemma herum: Mich interessiert das Feld der Traumatherapie sehr, aber gleichzeitig auch die positive Psychologie. Methoden der letzteren bei einem traumatisierten Menschen anzuwenden, wirkt fast ein wenig zynisch. Bei „leichteren“ Traumatisierungen mag das noch funktionieren, aber bei schwer traumatisierten Menschen eher nicht. Wobei noch mal: Schwer traumatisierte Menschen werde ich wohl nie behandeln.

Das andere Dilemma: Ich finde erschreckend, wie Menschen zu anderen Menschen sein können…was sie ihnen antun können. Und ich ertappe mich auch dabei, wenn ich Nachrichten zu den Missbrauchsfällen in Münster und Lüdge verfolge, dass ich den Tätern alles Schlimme an den Hals wünsche. Und doch arbeite ich gerne mit unserer Außenstelle im Knast, wo ebendiese Menschen einsitzen. Ist das nicht paradox? Es geht da nicht um Therapie, sondern um Prozessoptimierungen in Produktionsabläufen. Und ich will nicht wissen, wer welche Tat begangen hat. Ich sehe sie als Menschen, die ihre Schuld zu tragen haben und ihre Strafe absitzen müssen. Darüber hinaus sind sie aber einfach auch lediglich Kollegen, mit denen ich beruflich zusammenarbeite. Und sie wirken kein bisschen, wie die Monster, die ich mir immer so vorgestellt habe. Sie sind mitunter sehr freundlich, intelligent, lustig und vieles mehr.

Ich mag nicht alles entschuldigen, aber es stimmt dennoch: Es werden keine Monster geboren. Sie werden zu dem, was sie sind, weil sie selbst meist Missbrauch, Vernachlässigung, Folter oder dergleichen erlebt haben. Und ja, wäre es mein Kind (das ich nicht habe), würde ich vermutlich auch selbst zum Mörder werden wollen. Und doch… Vielleicht versteht der ein oder andere mein Dilemma? Vielleicht schütteln auch viele den Kopf? Ich merke nur, je älter ich werde und je mehr ich lerne: Es gibt einfach so viel mehr als schwarz-weiß. Die Grauabstufungen werden immer mehr und mehr. Kategorien sind mir lieb und wichtig, aber sie werden immer vielschichtiger. Puh…bleibt spannend – auch wenn es für manch einen abgedreht klingen mag.

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