Aaaaaah, es rauscht und regnet immer noch. Das ist das Tolle am heutigen Tag. Ich muss heute wieder arbeiten. Das ist das Traurige am heutigen Tag. Klingt undankbar, ich weiß. Ich sollte glücklich sein, arbeiten zu dürfen. Allein die Sinnfrage treibt mich um. Nachdem ich aber eine ganze Weile nach meiner Motivation gesucht habe und sie nirgends finden konnte (weder unterm noch überm Bett, auch nicht in der Küche oder auf dem Balkon oder sonstwo), muss es eben einfach mal ohne gehen. Wird schon.

Zum Glück war gestern Teambesprechung, was wieder ein Kracher gewesen sein muss. Was bin ich so gar nicht traurig, dass dieser Kelch für diese Woche an mir vorübergezogen ist! Das könnt Ihr Euch nicht vorstellen. Die beste aller Erfindungen bei Skype ist und bleibt für mich die Mute-Taste. 🙂 Vor allem bei Meetings mit Heinz. Ich versuche mal, es mit einem Zitat zu erklären: „Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten.“ (Oscar Wilde) Heinz ist leider nicht gesegnet. Eine Kollegin hat das ganze Thema vorbereitet, er „ergänzt“ es, was aber nur Wiederholungen des bereits Gesagten sind. Diese Menschen kennt doch noch jeder aus seiner Schulzeit, oder? Und wer mochte die? Nur Lehrer und eventuell noch ihre eigenen Eltern. Da hört’s dann aber auch schon auf. Doch heute bin ich zum Glück noch so entspannt, dem Heinzi keinen einschenken zu müssen. Gut für ihn… und mein Karma.

In der nächsten Besprechung höre ich nur Gemecker und Gejammer. Der Einstieg ist schon ein Highlight. Ich begrüße den ersten Kollegen, der nur grummelt: „Joa, Du und Dei ewig scheißguade Laune hob‘ i heit no braucht.“ Ich kann nicht anders und antworte: „Na stell‘ Dir vor, ich wär‘ so’n scheißgrummliger Nuschelpitter wie Du! Dann wären wir ja zwei Kotzbrocken.“ Da muss er dann doch kurz lachen. Na, geht doch. Ein weiterer Kollege kommt hinzu, so dass wir starten können. Aber die Stimmung bleibt schräg. Nach dem offiziellen Teil bleibe ich noch in der Leitung, damit ich mal wieder Kummerkasten spielen kann. Und so beginnt es dann auch zunächst beruflich, wer gerade wen ausspielt, wer intrigiert und sich hochschleimt. Puh, das ist nicht meine Spielwiese. Da bin ich doch froh, ein kleines Licht zu sein…

Aber dann kommen wir an den wahren Knackpunkt: Seine Kinder. Seine Jungs sind schon groß. Bei beiden hat das Schicksal schon zugeschlagen. Der eine wollte Profifußballer werden und saß schon nahezu fest im Sattel, doch dann brauchte er zwei neue Hüften. Nun konnte er sich aber aufraffen und umdenken, was seine Planung betrifft. Aber so ganz hat er sein Leben dann noch nicht auf die Kette bekommen. Papa finanziert sein Leben noch mit 26 Jahren voll. Der Kleine hingegen wollte immer schon zur Polizei. Alles war klar, der Einstellungstest erfolgreich bestanden, aber dann hat ihn ein Bandscheibenvorfall ins Abseits geschossen. Und dieser „Kleine“ schafft es leider noch so gar nicht, umzudenken. Drei Jahre sind nach der Schule vergangen, aber noch nichts konnte ihn begeistern. Nun sitzt er Zuhause, macht einen auf cool (die Ladies gehen ein und aus), aber bekommt nichts gebacken. Die Zeiten haben sich längst verschoben: Es nervt ihn, wenn er so gegen 11:00 bis 11:30 Uhr aufsteht und schon zwei Nachrichten seiner Eltern bei What’s App habe. Ääääääh… was? Mein Kollege ist echt ein sehr geradliniger, direkter Mensch, weshalb wir uns so gut verstehen. Und Humor ist quasi sein zweiter Vorname. Aber so langsam verzweifelt er. Ich frage ihn, welche „Leistungen“ denn sein Sohn für den All-In-Aufenthalt bringen müsste? Ach, das sei so schwer. Das war ja immer kostenlos. Wie sollte er nun verstehen, dass es nicht mehr kostenlos sei?

Da tu ich mich dann etwas schwer. Ich weiß, ich habe keine Kinder und vermutlich leicht reden. Gestern habe ich auch schon Ähnliches gehört über Kinder, die mit 27 Jahren noch Zuhause hocken, deren Wäsche gewaschen wird, die sich am Kühlschrank und an den Vorräten bedienen und auch noch meckern, wenn bestimmte Sachen nicht da sind. Ja, hallo?! Spinnt Ihr Eltern denn da vollkommen? Ja, jeder kann mal eine schlechte Phase durchlaufen. Und manches Mal spielt sich das Schicksal als dumme Kuh auf. Aber dann muss man den Hintern auch wieder hochkriegen. Nur, wenn ich dann natürlich wie im Hotel lebe: Warum sollte ich etwas aktiv ändern? Da kann man sich richtig schön einnisten, jahrelang seine Wunden lecken und die Hand, die mich füttert, als Blitzableiter meiner schlechten Laune missbrauchen.

Ich persönlich eigne mich mittlerweile allerdings nicht mehr zum Blitzableiter. Und meine frühere, durchaus langjährige Überzeugung habe ich auch ad acta gelegt. Man hilft Menschen nicht damit, wenn man immer hinter ihnen herräumt, ihr Chaos beseitigt und Mitleid hat.  Aber Eltern legen den Beschützermodus wohl nicht so leicht ab.

Draußen höre ich den kleinen Jungen aus der Nachbarschaft, der kein einziges Wort in normaler Lautstärke von sich geben kann, wieder laut rufen: „Oh man, ich hab meiner Mama versprochen, das nicht zu verlieren. Ich glaub‘, ich geh jetzt mal nach Hause. Dann schimpft sie ganz lang… und ich krieg‘ zwei Tage Hausarrest. Ach, Scheiße!“ Wäre es nur immer so leicht, mit den Kindern umzugehen. Warum müssen die auch groß werden?! Bei Bäumen gibt es doch auch Bonsais. Wieso kann man das nicht auf Menschen anwenden?

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