Heute stehe ich sehr früh auf – quasi vor dem Wecken – denn heute geht’s in die Firma. Es ist zwar nicht so wie vorher, aber es ist besser als im Home Office. So kann ich wenigstens ein paar Kollegen sehen, die ich gerne mag, Menschen mal wieder in die Augen schauen und horchen, wie es ihnen denn so geht. Nur das Umarmen geht noch nicht, was ich so schade finde.

Schon erschreckend, von den Ersten zu hören, die Bekannte oder Freunde haben, die nicht mehr leben wollen. Damit rechne ich ja schon eine ganze Weile. Wir haben hier auch junge Familienväter mit drei Kindern und einem längst nicht abbezahlten Haus, die vollkommen fertig sind. Sie bekommen nicht nur wegen der Kurzarbeit weniger Geld, sondern verlieren noch mehr, weil es somit auch keine Schichtzulagen und Wochenendeinsätze gibt, die sie über das normale tarifliche Entgelt erzielen konnten. Sie haben mit jedem Cent kalkuliert, was ihnen jetzt natürlich den Boden unter den Füßen wegzieht. Da weiß selbst ich dann nicht mehr viel zu sagen. Rational betrachtet, geht es immer weiter… aber das ist ja etwas, das einen emotional beutelt. Da hilft die Ratio so gar nicht. Schon alles sehr schlimm.

Ich treffe eine andere Kollegin, die nur noch ein paar Tage bei uns arbeiten wird. Ihr wurde gekündigt, da sie in einer Arbeitnehmerüberlassung angestellt ist. Sie hat ihren Frieden damit gemacht – zumal sie ohnehin jedes Wochenende von Berlin hierhergependelt ist. Und doch hat sie Sorge, welche Firma überhaupt derzeit jemanden einstellt. Mit ihr haben es noch etliche andere getroffen. Ein Drittel ihres Centers hat es hinweggerafft. Ein Drittel! Und wieder: Was soll ich da noch entgegnen? Es wird viele Leute längerfristig aus der Bahn werfen, was wir alle derzeit noch gar nicht abschätzen können. Ich hoffe, es werden nicht zu viele krank darüber.

Das ist ein weiterer Trend: Menschen, die krank sind und trotzdem arbeiten gehen. Sie haben Angst, dass es negativ auffallen könnte, sollte es doch noch zum Stellenabbau in der Stammmannschaft kommen. Der Betriebsrat rät dringend dazu, Zuhause zu bleiben, wenn die Leute krank sind, aber die Angst wiegt schwerer. Andere sitzen bereits seit drei Monaten bei Kurzarbeit Null Zuhause. Ihre Produktionshalle ist noch bis mindestens Ende August geschlossen. Eine der Führungskräfte in dieser Halle sehe ich bei meinem Weg übers Gelände. Er sieht schlimm aus – hängende Schultern, erschöpfter Gesichtsausdruck. Von dieser Sorte sehe ich immer mehr…

Es ist ein komischer Tag, dazu ist das Wetter erdrückend schwül. Es ist so, als würde sich gerade alles aufstauen, bis es dann so richtig abgeht: Wind und Regen legen so richtig los. Und genau das habe ich jetzt auch gebraucht. Irgendwas, das all das Niederdrückende wegspült. Wenn es nur so einfach wäre.

Zwischendurch zweifel ich dann an mir. Ich bin immer noch stabil gut drauf. Da bekomme ich fast ein schlechtes Gewissen. Dabei weiß ich auch nicht, wie es weitergeht. Aber mir gehört kein Haus, ich habe keine tiefen Wurzeln geschlagen. Vielleicht macht es das leichter? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich froh bin, dass es so ist. Also nehme ich es mal so an.

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