Was lerne ich in dieser Nacht? Platz ist in der kleinsten Hütte. Und diese Beschreibung passt zu meiner Butze. Wir teilen uns auf – meine Sis und Schwager bekommen das Doppelbett, der Große schläft auf dem Schiff (so nennen wir das stark schwankende und Schieflage habende Aufblasbett), der Kleine und ich teilen uns das ausziehbare Sofa. Mannomann, da ist nicht wirklich viel Platz. Auf der Innenseite ist es auch noch ok, aber ich liege außen. Da ist die Unterlage ein hartes Brett. Ich entscheide mich um und schlafe im Wechsel mit dem Oberkörper weicher liegend und die Unterschenkel auf der Couchrücklehne und dann wieder im rechten Winkel abgeknickt auf der Seite. Irgendwie geht’s. Ich weiß nur nicht, wie? Und morgens tut es auch weh. Trotzdem genieße ich es. Das ist Familie.

Zuerst aber mal geht gar nix, weil der Kleine meckert. Es sei Vollmond, da könne er schon mal gar nicht schlafen. Außerdem scheine das dämliche Ding ihm genau ins Gesicht. Ich habe im Wohnzimmer keinen Vorhang. Der Große lacht aus dem Off und warnt noch, der Kleine solle sich keinen Sonnenbrand holen. Ich lache. Es ist einfach immer schön mit den Rotzigen. Kurzerhand stehe ich im Dunkeln auf und öffne den Sonnenschirm auf dem Balkon. Was die Sonne abhält, wirkt auch gegen den Mond. Und es klappt tatsächlich.

Der Kleine mault dann noch, es könne dauern, bis er seine richtige Schlafposition gefunden habe. Wie Sid aus Ice Age. Und dann geht es 3 – 2 – 1, und weg isser. Das ist immer der Hammer. Der Sausack dreht sich um und schläft prompt ein. Ich brauche immer eine Weile, der Große auch – obwohl der ein Stück weiter weg liegt und ich es dieses Mal nicht so genau mitbekomme. Aber bei ihm ist es normalerweise immer so, dass es dauert. Nur der Kleine schläft immer schnell den Schlaf der Gerechten.

Irgendwann nachts, ich drehe mich gerade von der Stufenlagerung in den rechten Winkel, da umarmt er mich ganz fest. Ääääääh… er kann sich am Morgen an nichts erinnern. Ich genieße es trotzdem. Seine Mutter kann sich leider eher beschweren, was Zuneigungsbekundungen betreffen. Bei mir geht es besser. Aber ich bin ja auch seltener da. Als Tante gibt es eben auch Vorteile. Es läuft auch gesittet, als wir aufstehen. Kein Stau im Bad, kein Gemecker. Herrlich. So könnte echt jeder Morgen aussehen.

Worüber wir beim Frühstück reden, will hier keiner wissen – das steht mal fest. Es ist einfach immer perfekt ausgelassen, ein bisschen drüber und gerade deswegen wohl so leicht. Ich würde das zu gern in kleine Dosen packen und immer dann eine öffnen, wenn ich Blues habe. Nur geht das leider nicht.

Nach einiger Zeit machen wir uns dann auf zum Schloss Schleißheim. Es ist schon beeindruckend, was die Bayern so alles ermöglichen. Es kostet keinen Eintritt und der Parkplatz mal gerade einen Euro pro Tag. Es muss ein Vermögen kosten, das hier instandzuhalten. Meiner Sis kommt die Idee: Sie will Herrn Söder anschreiben, dass es durchaus Platz für Flüchtlinge in Bayern gibt. Ich vermute, sie wird dieses Vorhaben nicht in die Tat umsetzen. Es brächte wohl auch nichts. Verglichen mit NRW und der dichten Bebauung dort, ist Bayern tatsächlich noch recht weitläufig. Aber – das ist Politik. Darüber will ich nicht auch noch graue Haare bekommen.

Nach Schnitzel Wiener Art mit bayerischem Kartoffelsalat (in gemeinsamer Herstellung… lecker!), werden sie dann doch etwas unruhig. Es wird überlegt, wenn sie nun früher als geplant fahren, könnten sie noch ca. drei Stunden ohne LKW schaffen. Ich kenne das: Wenn die Strecke über 650 km bewältigt werden soll, ist das richtige Timing entscheidend. Und doch würde ich sie gerne noch etwas um mich haben. Ich kann allerdings verstehen, dass die Jungs zu ihren Kumpels und der Große zu seiner Perle will.

Und so schaue ich zu, wie sie zusammenpacken und abdüsen. Wieso ist es so viel schwerer, wenn sie fahren, als wenn ich bei ihnen aufbreche? Ich mag Abschiede nicht. Und ich bin Meisterin im sich-Sorgen-Machen. Hoffentlich läuft alles. Wenn ich allein auf der Straße bin, mache ich mir den Kopf nicht. Aber so bin ich unruhig, bis ich die erlösende Nachricht erhalte, dass sie angekommen sind – wohlbehalten und zufrieden.

Allgemein mag ich lieber auf der Macher-Seite stehen. Ich will gehen können, wann ich will und bleiben, wenn mir danach ist. Ganz schön egoistisch, hm? Aber ich bleibe auch allein zurück – im Gegensatz zu meiner Familie. Vor neun Jahren, als ich das erste Mal gen Bayern entschwunden bin, hatte Sorge, die Jungs würden mich vergessen. Haben sie zum Glück nie. Aber ich bin weit weg – mit allen Vor- und Nachteilen. Ach man, aber gerade habe ich trotzdem Blues. Morgen ist es wieder gut. Und auch wenn ich dann diese Nacht nicht umarmt werde, schlafe ich zumindest einfach besser. Na, immerhin etwas.

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