Oh man, was für ein Tag. Ich schwanke zwischen Betroffenheit und ich-steh-im-Wald. Kennt Ihr das, wenn Ihr nicht wisst, ob Ihr lachen oder weinen sollt? So, genau da befinde ich mich gerade. Aber gut, das scheint derzeit Mode zu sein. Ich befinde mich also in bester Gesellschaft.

Aber von vorne: Ich habe heute den Folgeworkshop mit dem Team von letzter Woche. Es ist um die Hälfte geschrumpft. Nein, nicht mir geschuldet. Der Teamleiter hat sich entschieden, nur einen kleinen Kreis von Auserwählten um sich zu scharen. Dabei ist er selbst nicht mal mit von der Partie. Im Grunde geht das gar nicht und ich müsste den Termin canceln, aber ich bin (leider?) kein Hardliner. Dazu dann der O-Ton der Teilnehmer: „So delegiert eine heutige Führungskraft. Und sind wir mal ehrlich: Ohne ihn haben wir die Chance, überhaupt was zu erreichen.“ Einstimmiges Grinsen und Nicken. Auch nicht schlecht.

Ich schaue in die Runde und stelle die Frage: „Mehr kommen jetzt echt nicht mehr?“ Nö, alle anderen seien eh auf Kurzarbeit Zuhause – außer Yuri. Der ist ganz weg. Bitte was??? Das ist der, dessen Schwester sich mit Brustkrebs in Kroatien rumschlägt. Ich bin perplex: „Ääääh, wieso war er dann letzte Woche überhaupt noch dabei?“ Tja, da habe der Gute es noch nicht einmal gewusst. Was zur Hölle?!?! Am Montag war noch alles ok. Der Dienstag war der letzte Tag seiner Probezeit. Da hat er dann erfahren, dass er am Mittwoch dann nicht mehr zu erscheinen brauche. Ich bin fassungslos… Und denke einmal mehr an das Sprichwort: „Der Teufel scheißt immer auf den gleichen Fleck.“ Es tut mir unendlich leid für ihn, zumal er echt genügend andere Sorgen hat.

Getreu dem Motto von Ruth Cohn „Störungen haben Vorrang“, frage ich die anderen, wie es ihnen damit gehe? Zunächst kommt nur zögerliches Schulterzucken. Ich sage ihnen, dass mich das völlig umhaue und ich es als unverhältnismäßig unfair empfinde, bis zum letzten Tag mit so was zu warten. Sie bestätigen, er sei ein guter Kollege gewesen, aber… und dann kommen wir der Wahrheit nahe: „Es klingt hart, aber besser er als ich. Ist nicht schön, aber so sehe ich es letztendlich. Und keiner von uns ist sicher in diesen Zeiten, oder?“ Puh, ja, ich denke, da ist was dran. Wenn es auch schlimm ist, aber am Ende ist sich jeder selbst der Nächste. Ehrlich, aber doch auch sehr ernüchternd.

Wir schaffen es, den Workshop durchzuziehen, finden auch gute Lösungen, aber irgendwie schmeckt das Ganze schal für mich. Naja, so sieht derzeit der Alltag aus, nur muss er mir ja deswegen noch lange nicht gefallen. Ich muss mit meinem Chef was klären, was die Ausbildung im Hause betrifft, die ich für unsere Abteilung federführend übernehmen soll. Und da kommen wir dann auch auf das leidige Thema zu reden, da der Vorstand ja klar von 15 % Stellenabbau gesprochen hat. Jooooo, aber soooo schwarz müsse man da nicht sehen. Ääääh, hallo?! Einige Führungskräfte gehen durchaus von noch größerem Abbau aus, aber mein Chef ist gechillt – wobei er schon darauf hinweist, dass die 15 % Abbau auf jedes Team runtergebrochen werden müssen. Das kommentiere ich damit, dass er ja bereits 60 sei, ein anderer Kollege sogar 62, womit wir unsere Quote (durch Vorruhestandsregelung) ja erfüllt hätten. „Naaaa, des konnst so net seng. Des muss koana anneam.“ Und ich bin sicher, beide werden auch widersprechen und unbedingt weiterarbeiten wollen – ohne es effektiv wirklich zu tun.

Aber es soll schließlich niemand gezwungen werden zu gehen. Hä? Vielleicht bin ich ja allein damit, hier keine Logik zu erkennen? Ich erkenne sie jedenfalls nicht. Ich muss Stellen abbauen, aber ich setze ausschließlich auf Freiwilligkeit und will/muss mindestens 15 % damit erreichen? Und er ist sicher, das funktioniert? Ich will was von seinen Drogen abhaben. Und zwar ganz viele. Je bunter sie sind, desto mehr Bock habe ich auf sie, glaube ich. Einen Versuch wäre es in jedem Fall wert.

Der Kracher: Ich versuche, ihm den Ernst der Lage zu erklären und ziehe dafür das Beispiel von Yuri heran. Aber dann erfahre ich, dass dies so nicht sein könne. Ihm sei nicht wegen des Personalabbaus gekündigt worden. Das müsse andere Gründe gehabt haben. Ich kläre ihn auf: „Doch. Sie waren zufrieden mit seiner Arbeit. Aber sie müssen abbauen. Und bei der Probezeit bewegen sie sich in arbeitsrechtlich sicherem Raum.“ „Na, des konn net sei.“ Ist logisch, oder? Er kennt den Kerl nicht, weiß nichts von diesem Vorgang, kann es aber besser bewerten als alle anderen, die daran beteiligt sind. Da pack‘ ich mir einmal mehr an den Kopf und frage mich, ob er sich doch einer Lobotomie unterzogen hat?

Ich denke an Yuri, den ich nicht gut kannte und frage mich, wie es ihm wohl gerade geht? Wird er in Deutschland bleiben? So viele Firmen, die gerade Personal reduzieren – da wird es kein Leichtes sein, auf die Schnelle etwas Neues zu finden. Die Wenigsten von uns können wohl derzeit abschätzen, wie weit die Folgen dieser Krise noch reichen werden. Hoffen wir, dass die Verrückten, die gerade mal wieder über Maskenpflicht oder besser -abschaffung diskutieren wollen, weniger werden, ein besseres Bewusstsein für die Allgemeinheit entsteht und wir weiterhin mit einem blauen Auge davonkommen.

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