Der Tag beginnt reizend. Da ich heute im Schulungszentrum bin, muss ich quasi Selbstversorger spielen, da die Kaffeeautomaten und Getränkespender nicht funktionstüchtig sind. Wie das vor Corona schützen soll, weiß ich zwar auch noch nicht, aber gut. Ich kann auch nicht gut einparken und erkenne darin auch keinen Sinn. Also werde ich mir einen Thermobecher Kaffee machen und ein Wasser mit frischer Minze. Und da passiert es: Ich gehe raus auf den Balkon, um die Minze zu pflücken. Anschließend kann ich die Tür nicht mehr zuhebeln. Mit anderen Worten: Jetzt habe ich zwei defekte Balkontüren. Die eine lässt sich nicht mehr öffnen, die andere nicht mehr schließen. Juchuuu! Der Tag kann kommen. Ich wär‘ dann soweit. (Der Fensterbauer kommt Freitag oder Samstag.)

Heute bin ich in der Arbeit so knapp getaktet, dass es von der ersten bis zur letzten Minute stressig ist. Ich mag es ja durchaus, wenn ich einen vollen Kalender habe, aber das wird langsam zu viel. Es ist ein Irrsinn, der nicht enden will. Immer mehr in immer weniger Zeit – wie will das gut gehen? Immer mehr Kollegen hängt die Zunge vom Hecheln raus. Es gibt deutlich schönere Anblicke.

Der erste Termin ist mit einem Team, das ich sehr mag. Aber auch, wenn wir schon zusammen gefeiert haben, heißt das nicht, dass ihnen alles schmecken muss, was wir so durchboxen müssen. Und da lüge ich auch nicht und sage unverblümt, dass es hier nicht ums Ob geht, sondern nur ums Wie. Es geht rau zu bei den Jungs. Als erstes schreien sie natürlich nach Kuchen, den sie schon zweimal von mir bekommen haben. Ich finde, für den Auftritt hier hätte ich wohl eher Kuchen verdient. Was ich an den Jungs hier so mag, ist die direkte, klare Rückmeldung. Sie überlegen nicht lange, wie es politisch geschickt wäre, sondern hauen einfach raus. Genauso mag ich es. Sie finden das 5-Finger-Feedback lustig, wobei dann auch wirklich Konstruktives dabei rumkommt. Aaaaah, so könnte es öfter laufen.

Demgegenüber schafft mein Chef den Termin im Anschluss nicht und will mich im Gegenzug mit Literatur zuscheißen. Die neue Methode, die ja nur einer Stunde Unterweisung bedarf, ist eine eierlegende Wollmilchsau. War ja meine Rede, was aber von ihm abgetan wurde. Im Gegenzug teile ich ihm mit, beim mobilen Arbeiten nicht mehr meine Haupttätigkeiten aufzuschreiben. Das ist Mikro-Management und so nicht genehmigt. Passt ihm nicht. Na, frag mich mal! Ich gehe kopfschüttelnd aus dem Gespräch. Was für ein Knallfrosch. Dabei ist er ja lieb und nett – nur eben auch dumm, ignorant und inkompetent.

Zum nächsten Termin geht die Führungskraft ab, was mir den Hals schwillen lässt. Er hat eingeladen, er braucht was. Da könnte ich ja!!! Das sag ich auch seinen Jungs, die drüber lachen und ihn nicht anders kennen. Sie wären gern dabei, wenn ich ihm Feedback gebe. Fakt ist: Ich bin zu weich. Lässt manche von Euch jetzt schmunzeln, ist aber so. Ich helfe so gerne und werde gerne gebraucht. Damit bin ich richtig effizient – nur eben leider nicht effektiv. Oh ja, da darf ich noch viel lernen.

Ich schlurfe müde nach Hause. Der Vormittag war gut, der Rest Grütze. Auf Dauer ist es schwer, mich motiviert zu halten. Kaum Zuhause, erreicht mich ein Anruf auf dem Diensthandy. Ich überlege noch, nicht ranzugehen… und tu es dann doch wieder. In dem Fall ist es aber wohl gut so. Es ist einer meiner Jungs aus Straubing. Sie haben ja vom Personalabbau gehört und seien so besorgt und… ob sie was für mich tun könnten? Die Befristeten würden ja nicht verlängert, aber das könnte doch nicht angehen! „Ääääääh, ich bin nicht befristet?!“ Und dann schwingt eine unbändige Erleichterung in seiner Stimme, wie sehr ihn das freuen würde, ob er das den anderen sagen dürfe? Sie hätten heute darüber beratschlagt und sich solche Sorgen gemacht. Puh, da hab ich dann ja schon Pipi in den Augen, weil mich das so rührt. Keiner weiß, wie es für ihn weitergeht, kein Job ist sicher. Aber sie machen sich Sorgen um mich… um mich, die so was ja gar nicht will. Ich bin ja schon groß. Um mich muss sich keiner sorgen. Und trotzdem tut es gerade gut, weil ich merke, es ihnen wert zu sein. Ein riesengroßes Thema… Und bei ihnen kommt es von Herzen.

Später schreibe ich dann privat noch mit der Führungskraft von heute Morgen, der so was wie ein Kumpel ist. Ich mag diesen Ameisentätowierer, wie er sich selbst beschreibt. Sein Ältester ist so einer, der immer reisen könnte – und zwar weit weg. Ich frage ihn, ob er so stolz sei, weil er sich das auch immer gewünscht hätte? Nein, er sei absolut gern in Bayern und nur hin und wieder kurz in Urlaub. Am liebsten sei er Zuhause. Mmmh, Zuhause. Ich antworte ihm, dass ich dieses Gefühl nicht so für mich kenne. Auch nicht im Rheinland? Nein, auch da nicht. Ich fühle mich an vielen Orten wohl – aber nirgends „Zuhause“. Er zitiert Semino Rossi (nicht meine Musikrichtung): „Zuhaus ist da, wo man Dich liebt“ und ergänzt dann: „Du darfst Dich hier Zuhause fühlen.“ Oh man. Jetzt steigt der Pipi-Pegel wieder in den Augen bedenklich an. Ist das nicht schön?

Es sind diese Momente, solche tollen, inspirierenden Menschen, die das Leben so lebenswert machen und mich verzaubern. Sie machen keinen Chef besser, sie nehmen mir keine Jobsorgen. Aber sie berühren mein Herz. Es war also ein verdammt guter Tag.

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