Es gibt zwei Sorten von Menschen: Die, die sich immer und um alles kümmern und die, die immer konsumieren. Wobei Letzere sich seltener ärgern und auch immer gut ins Ziel kommen. Kennt Ihr auch, oder? Es gibt sie in allen Systemen: Da könnt Ihr in der Familie schauen, aber auch in der Firma, im Verein und einfach überall. Naja, zu welcher Gruppe ich gehöre, ist wohl kaum eine Überraschung. Ich meine ja immer und ständig, ich müsse mich kümmern. Und ja, es kommt durchaus bestimmt vor, dass ich mich kümmern will und der andere erwartet das gar nicht…oder will es manchmal auch gar nicht. Doch in der Regel finden das viele schon schön, wenn sich einer kümmert. Aber ganz ehrlich? Ich genieße das durchaus auch mal, wenn ich mich mal nicht kümmern muss. Es kommt nur so selten vor. Warum? Vermutlich, weil ich nicht so lange warten kann, bis es mal jemand anderen nervt, der sich dann kümmert.

Bei unserer Fortbildung ist das auch nicht anders. Diese Macher-Menschen kristallisieren sich meist direkt zu Beginn heraus. Man kann sie anhand ihrer Fragen leicht identifizieren. Die andere Gruppe, die deutlich größer ist, erkennt man nicht immer sofort. Und es gibt auch hier noch Abstufungen. Es gibt die, die einfach nehmen, ohne auch nur danke zu sagen. Die triggern mich besonders. Früher hätte ich mich schwarz geärgert. Heute denke ich: „Ok, mein Fehler, dass ich das gerade so bedient habe. Kommt nicht mehr vor, versprochen.“ Dann merke ich mir nämlich ganz genau, wer das war. Und wenn wieder diese Fragen durch die Hintertür kommen, stelle ich mich auch mal blöd. Welche Fragen? Zum Beispiel: „Ah, da sollte aber schon mal einer von uns nachfragen, oder?“ Früher hätte ich das ausschließlich auf dem Appellohr angenommen und den Auftrag ausgeführt. Das Perfide hierbei: Es muss ja niemand dankbar sein, weil niemand einen klaren Auftrag erteilt hat.

Aufgrund von Corona, findet unser großer Kurs nicht mehr im Präsenzunterricht statt. Schon blöd. Es war interessant, weil wir unterschiedliche Charaktere waren, die aber doch im Großen und Ganzen passen. Also kommen immer wieder Stimmen auf, die sagen, wie schade das doch sei. Und wir müssten uns doch mal treffen. Ja, auch hier wurde kein Auftrag erteilt. Da ich aber Bock drauf hatte, habe ich einfach gestern mal nachgefragt, ob wir uns nicht nächsten Freitag alternativ zur Veranstaltung sonst einmal wieder live treffen wollen. Ja, manche können nicht und sind schon in Urlaub. Ist ja auch nicht wild. Dann denke ich noch: Wo können wir uns denn treffen, dass alle mit den Öffis leicht hinkommen können? Und das schlage ich auch vor – nachdem ich es in kleiner Runde vorher habe abklären lassen. Passt in kleiner Runde. Perfekt. Dann antworten schon die Ersten, dass das schön sei, nur damit dann eine aus der kleinen Runde plötzlich fragt, ob wir das nicht örtlich mehr zu uns hin verlagern wollen? Da kämen ja auch einige her. Na, besser als an eine U-Bahn-, Tram- und Bushaltestelle können wir es kaum schaffen, oder? Und schon haben wir den Salat, dass manche es so nah vor der Haustür natürlich toll finden, andere es aber nicht erreichen können, da keine Bahn direkt um die Ecke hält. In solchen Momenten zweifel´ ich ja schon am Verstand einiger.

Irgendwann wird das Dilemma dann aber für jeden Deppen augenscheinlich, weshalb ich die Diskussion damit beende, dass ich ihnen mitteile, wann und auf welchen Namen der Tisch reserviert sei. Dann kommt von einem die Frage, ob das eigentlich mit Familie sei? Hääää? Wieso Familie? Ich kenne hier niemandes Familie – außer seit gestern den brasilianischen, sympathischen Mann von einer Mitschülerin. Die klare Antwort: „Ohne“, die von zwei Seiten kommt. Die Antwort von ihm ist hingegen auch klasse: „Zu spät, ich habe schon gefragt. Meine Frau kommt mit. Ich finde, das sollte man auch nicht so restriktiv sehen.“ Da fasse ich mir ans Hirn. Warum frage ich, wenn ich mir meine Antwort längst schon gegeben habe? Ich puller´ doch auch nicht zuerst und frage dann: „Ach, ist das hier eigentlich ein Klo?“ Egal. Bringt er eben seine Else mit. Aber wenn die Else mitkommt, ist sein Junior auch allein, was nicht geht, weshalb er auch mit von der Partie ist. Von mir aus fragen sie noch Eltern und Schwiegereltern – vielleicht ist einer von denen ja interessanter als er selbst? Dann würde es sich zumindest lohnen.

Bis hierhin finde ich es wieder typisch, aber noch durchaus amüsant. Wer nun letztlich kommt, ist doch egal. Und es hat mich ein paar What´s Apps gekostet und einen Anruf. Das verschmerze ich und mache es im vollen Bewusstsein. Dann ärgert es mich auch nicht so. Bedankt haben sich genau zwei, was meine Statistik auch wieder bestätigt. Doch im nächsten Schritt streike ich. Es geht mal wieder um das leidige Thema, ob wir eigentlich Gebühren zurückbekommen. Immerhin haben wir keinen Onlinekurs gebucht. Das heißt, wir haben die Hälfte der Zeit Webinar gehabt (bzw. haben es noch). Webinare sind, wie wir am Vorbereitungskurs direkt erkennen können, ca. 30 % günstiger. Die Räume werden hierfür nicht benötigt, die Fragen sind in der Regel wohl weniger, weshalb es kürzer ist, der Trainer hat keine Reisegebühren. Wenn das nun so ist (und diese Zahlen liegen schwarz auf weiß aus), dann ist die Frage: Bekommen wir nun von unserem zweiten Halbjahr ein Drittel der Kosten erstattet? Ihr glaubt doch wohl nicht, dass die aktiv auf uns zukommen. Hier habe ich meine moralischen Werte mal wieder zu hoch gehängt, denn ich fänd das nur normal und würde so etwas auch proaktiv angehen. Aber das Institut hüllt sich in Schweigen. Die Vogel-Strauß-Taktik hat durchaus ihre Vorteile.

Einer der beiden Herren legt ja immer gerne Feuerchen und teilt uns mit, dass er weniger zahlen müsse und einen Deal eingegangen sei. Allerdings dürfte er nicht sagen, wie hoch dieser Nachlass sei. So was mag ich ja. Das ist das Schema, mit dem ich in meiner Großfamilie aufgewachsen bin: „Ich weiß da was, aber Du darfst es keinem sagen!“ Das ist so saudämlich! Entweder, ich nenne Ross und Reiter oder ich halte komplett den Mund. Ich bin ein bekennender Anhänger von Transparenz.

Meine Überlegung ist ja immer eher eine zurückhaltende, wohlwollende. (Ich sehe schon, wie manche von Euch jetzt zu grinsen anfangen und ironisch sagen: „Genauso…is klar!“ Aber es entspricht den Tatsachen!) Ich denke in der Tat: Es ist ja toll, wie schnell sie auf Webinare umgestellt haben, als das mit Corona losging. Das war ja mal Flexibilität! Ääääh, hätten sie das nicht getan, hätten sie gar keine Kohle erwirtschaftet, oder? Aber ich bin erstmal dankbar. Und dann denke ich: Die Armen müssen ja nach wie vor die Miete des Gebäudes latzen. Da kann ich ja nicht noch Kohle von denen zurückfordern. Ääääh, ich muss meine Miete mit Kurzarbeitgeld auch bezahlen und muss für mich schauen. Außerdem finden wieder einige Kurse statt, wofür sie jetzt die größeren Räume benötigen, der für uns vorgesehen war. Kann ich dafür, dass sie die Kursgröße so ausweiten, nur um noch mehr Kohle zu machen? Nö. Der nächste Gedanke: Wenn ich jetzt was sage, sind sie bestimmt in den weiteren Kursen böse zu mir. Häää? Warum sollten sie so unprofessionell sein? Sie bekommen weiterhin Geld von mir – nur angepasster auf die Leistung.

Und so kann ich mir Argument für Argument selbst zerpflücken und weiß, dass ich mich schlichtweg einfach nur drücke. Dabei muss ich selbst zusehen, meine Kosten stemmen zu können. Und bei Webinaren, wie dem gestrigen, das Nullkommanull prüfungsrelevant ist, sondern letztlich nur eine Werbeveranstaltung für eine andere Fortbildungsreihe ist, handelt es sich somit nicht nur um zu viel investiertes Geld, sondern auch schon um zu viel investierte Zeit. Aber gut. Ich mag mich nicht streiten, ich mag nicht diskutieren – auch wenn das auf manchen gerne so wirkt. Doch meine Mitschülerin sagt gestern ein wahres Wort: „Weißt Du, wegen solchen naiven, gutmütigen Nüssen wie uns beiden, funktioniert so ein System. Was bringt es, zu meckern oder es falsch zu finden? Da müssen wir mal ran.“ Recht hat sie. Und so tun wir uns zusammen. Ihren nächsten Vorschlag hingegen bügel´ ich sofort ab: „Wir können ja nächsten Freitag mal fragen, was die anderen sagen…?“ Nein. Definitiv nicht. Ich habe schon ein paar Sachen für alle geregelt. Weniger als früher, aber immer noch mehr als nötig. Und jetzt mache ich es mal nicht. Doch natürlich regt sich wieder mein blödes, schlechtes Gewissen. Denn im Grunde denke ich, dass wir uns gegenseitig unterstützen sollen. So funktioniert meine Vorstellung der Welt. Allerdings kann es nicht immer sein, dass sich wenige Einzelne dabei abstrampeln, während die anderen nur nehmen. Daher haben wir nun folgenden Kompromiss geschlossen: Wir werden eine Mail zu zweit verfassen und verschicken. Nächsten Freitag teilen wir den anderen mit, dass wir eine Mail geschrieben haben. Dann können sie ja aktiv werden – oder es lassen. Aber Hunde zur Jagd habe ich schon genügend getragen. Jetzt habe ich es auch mal im Kreuz. Das gefällt mir zwar nicht vom Grunde her, aber es ist in Ordnung, das einmal auszuhalten.

Wer weiß? Vielleicht lerne ich es ja noch, dass das ohne schlechtes Gewissen geht? Das würde mich zumindest freuen. In diesem Sinne gehe ich mal lernen, mich mal um mich zu kümmern. Auch eine nette Erfahrung.

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