Heute muss ich noch vor dem Wecken raus. Um fünf Uhr muss ich meinen müden Kadaver über die Bettkante schwingen, denn um sechs will ich los. Heute geht es nämlich wieder zu meinen Kollegen nach Straubing. Vor Corona wäre ich sonntags angereist. Das darf ich allerdings derzeit nicht. Daher starten wir für gewöhnlich dienstags, damit ich montags mittags in München Schluss machen kann, um mich auf den Weg zu machen. Heute geht es aber nicht anders. Ein Kollege verschiebt extra seinen Urlaub, um heute und morgen zu ermöglichen. Daher starte ich also in aller Herrgottsfrüh. Und soll ich Euch was sagen? Es ist für mich völlig fein, weil es so einen Spaß mit den Leuten hier macht.

Die ersten 15 Minuten der Autofahrt sind mit blauem Himmel und Sonnenschein ausgestattet. Ja, auch schon morgens um sechs Uhr. Aber dann zieht eine Suppe auf, dass ich sofort an Herbst denken muss. Ich weiß, dass viele jetzt schon das Gesicht verziehen, aber mich freut’s riesig, an den Herbst zu denken. Die Suppe zieht sich hin, weshalb an richtig schnelles Fahren nicht zu denken ist. Das ist auch gut so, weil ich mit meiner alten Möhre unterwegs bin. Stellt Euch vor, ich hätte jetzt den AMG von letztem Jahr oder den BMW vom vorletzten Mal als Mietwagen unterm Hintern und wäre dann mit so einer Sicht unterwegs. Da hätte ich mich ja schwarz geärgert. So 120 km/h passen genau richtig – mein Auto dankt’s mir. Es ist immer noch neblig, als ich ankomme, was mich zweifeln lässt, ob es richtig war, nur offene Schuhe einzupacken? Es war aber heiß gemeldet! Über Tag klart es dann auch auf, so dass ich nicht ernsthaft frösteln muss. Sonst hätte ich andererseits einen Grund fürs Schuhe Kaufen gehabt. Wobei… brauchen wir Frauen einen Grund dazu? Da fällt mir ein, dass Antenne Bayern nach Rekorden im eigenen Bundesland sucht. Spitzenreiterin war eine Frau mit 3.500 Paar Schuhen. Da lehne ich mich doch entspannt zurück und denke mir, wie viel Luft ich da noch nach oben habe. Der Herr – oder woas de Deifi wer – sei gepriesen!

Auf meine übliche Begrüßung hin, grinst die eine Kollegin schon: „Schön, noch mal mit einem Strahlen begrüßt zu werden!“ Es ist wohl so, dass man mir immer meine Freude ansehen kann, wenn ich hier bin. Unser kleiner Hellboy lädt mich dann sogar zu sich nach Hause ein, was ich aber dankend ablehne. Er hat drei große Hunde, die springen, und zwei Katzen. Mindestens Letztere sorgen dafür, dass ich ablehne, weil ich ja allergisch reagiere. Als die Kollegin die Tiere aufzählt, ergänzt er aber noch: „Vier Hund, bittschee!“ „Woas? Sans mehra woadn?“ Er grinst schelmisch: „Na. Oba mei Frau knuat a – wenn’s a net springa doat.“ Ihr müsstet es hören, es ist echt zum Niederknien. Meinen Heiratsantrag bescheidet er abschlägig – leider. Auch Betteln und Jammern hilft nix. Er bietet mir allerdings im Gegenzug seine Frau an. Da sag ich allerdings „nein“ – ohne sie zu kennen. Wir haben einfach immer Spaß wie die Kinder, wenn wir zusammen sind – auch wenn ich beim ersten Anlauf nicht immer alles verstehe. Aber ich liiiiiiiebe diese Dialekte hier.

Heute und morgen ist der Abschluss unserer Fortbildung. Ich komme bereits nächste Woche wieder her, aber da bin ich dann die Trainerin und der Teilnehmerkreis ein anderer. Und das ist schon schade. Der Hellboy nimmt mich in einer Pause beiseite und fragt mich, wie es mir denn gehe, also mal ohne Scherz. Ich beruhige ihn, nicht befristet angestellt zu sein, was ihn wieder sehr freut – so, wie vorletzte Woche den anderen Kollegen von hier. Sie sind mir alle echt ans Herz gewachsen – so unterschiedlich sie auch sind.

Die Jüngste im Bunde ist so eine richtig harte Braut. Doch wenn man mal genauer hinschaut, bröckelt die Fassade. Sie arbeitet Vollzeit in einer Männerdomäne, aber unterstützt ihre Eltern noch zusätzlich bei der Landwirtschaft. Vater und Mutter streiten nur noch. Ihre älteren Schwestern sind schon weg. Sie würde auch gern (mit 27 Jahren auch nachvollziehbar). Doch ihre Mutter packt es nicht allein. Sie müssten vor allem die Tiere abschaffen. Doch da streikt die Mutter und sagt, sie fahre gegen einen Baum, wenn das Vieh abgeschafft würde. Oh man! Immer diese Erpressung. Ich erzähle ihr, wie es mir ergangen ist und frage sie, ob sie auch warten wolle, bis sie krank werde? Ihr ist auch bewusst, dass ihre Fernbeziehung auf der Kippe steht. Und dann stelle ich die böse Frage, wer denn der wichtigste Mensch in ihrem Leben sei? Mmmh, da könne sie sich nicht entscheiden: Ihre Mama oder ihr Partner. Ich sage ihr, dass beides falsch sei. Sie sollte doch wohl der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Resigniert schaut sie mich an: „Eigentlich hast Du recht!“ Uneigentlich auch…

Wieso denken viele, andere seien wichtiger als sie selbst es sind? Habe ich auch ewig gedacht. Wieso erpressen Eltern ihre Kinder so oft und pressen sie ins gleiche Korsett, in dem sie sich schon unwohl fühlen? Habe ich auch so erlebt. Wieso wiegt das doofe, schlechte Gewissen so viel? Meins ist noch mit Hinkelsteinen beschwert, die nicht mal Obelix bewegen könnte. Wie war das mit der Fernbedienung? Ich würde sie gerade gern meiner Kollegin schenken. Aber das ist wohl ein Lernprozess, den viele von uns durchlaufen müssen – so sie denn wollen. Es ist eben nicht immer so einfach… Und doch immer wieder schön. Außer morgen, da sollen es nämlich über 30 Grad werden. Aber wer weiß? Vielleicht zieht noch mal Nebel auf? I daat mi g’frein.

5 Kommentare

  1. Toller Beitrag!

    Weißt Du, unsere Generation wurde so sozialisiert, nicht NEIN zu sagen. Das brave Mädchen zu sein. Aus der Nummer kommt man wahrscheinlich erst dann raus, wenn man selber am Boden lag …leider!

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      1. Da kann ich Dich gut verstehen, aber sie und nur sie kann sich selbst helfen … alles von außen kann nur Anstoß sein. Hast Du sehr gut gemacht!

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