Den gestrigen Abend vertelefoniere ich noch. Unter anderem rufe ich eine Tante mütterlicherseits an. Geprägt wurden wir ganz klar von der väterlichen Familienseite. Den Kontakt zur „weiteren Familie“, habe ich auf ein Minimum reduziert – ganz einfach, weil sie mir nicht gut tut. Wir verfügen über eine große Familie, die sich gern sozial schimpft, es aber nicht ist. Es gibt genau eine Meinung – und die gilt es zu akzeptieren und zu leben. Wer daraus ausbricht, ist raus. Das stinkt mir mittlerweile gewaltig. Jahrzehntelang war ich zwar mittendrin, aber doch nie so richtig zugehörig, weil ich wohl schon früh anders war. Dabei wollte ich das nicht. Ich wollte lieber wie die anderen sein. Es ist ganz schön schwer, sich abzustrampeln, aber nie ans Ziel zu kommen. Es gibt gewisse Voraussetzungen, die ich nie erfüllen konnte: Ich bin kein Junge geworden (juchuuuuuuu), ich bin „nur“ das Kind eines Bruders. Damit sinke ich im Kastensystem von vornherein herab. Wenn schon Mädchen und nur von einem Bruder der Sippe (Ihr bemerkt schon die krude, sehr eigenwillige Logik?), dann aber brav, bescheiden, dem Mann Untertan und Hausfrau. Ich wollte aber immer schon alles allein schaffen. Ich hatte als Kind nie Angst und bin auf Menschen zugegangen. Das hat gereicht, um den Stempel „nicht angepasst“ zu erhalten. Dabei habe ich keinem einzigen meiner Verwandten je etwas getan. Und obwohl ich das „schlechte Beispiel“ war, habe ich stets versucht, ihnen zu gefallen… krank.

Das war bei der Schwester meiner Mutter anders. Sie hatte immer Spaß an und mit mir. Und ich fand’s toll, wenn sie sich vor lauter Lachen auf die Treppe setzen musste. Wenn sie meinen kleinen Neffen sieht, sagt sie immer, der sei wie ich und hat dabei Tränen in den Augen. Das ist das Erbgut ihres Vaters. Mein Opa hatte nämlich beim Lachen auch immer sofort Tränen in den Augen. Bis ich zehn wurde, hatte er das immer, wenn wir uns gesehen haben. Doch dann starb er leider… und mit ihm irgendwie auch die Leichtigkeit in der Familie. Aber genau an diese Erinnerungen rührt meine Tante während des Telefonats. Es ist bittersüß und macht mich etwas schwermütig. So schön leicht und unbeschwert wie mit meinem Opa wurde es nie mehr. Für ihn war ich uneingeschränkt toll – und er für mich. Was für ein Geschenk!

Das Schöne an meiner Tante: Sie und mein Onkel genießen ihr Leben. Sie sind nicht reich, aber zufrieden. Meine Tante hat sich im letzten Jahr eine Autoimmunerkrankung zugezogen, die sie sehr einschränkt. Was tut sie? Jammern? Zetern? Nein, sie spielen abends Karten, um ihre Konzentration und Denkfähigkeit zu trainieren. Es ist nicht alles einfach, aber sie machen das Beste draus. Von meinen Eltern höre ich immer nur, wie schlecht alles ist, wer alles krank ist und was alles schief läuft. Das macht mich erst recht schwermütig. Ich verstehe nicht, wieso sich manche Menschen das Leben noch schwerer machen müssen, als es schon ist? Da hat auch keiner mehr Lust, noch nachzufragen. Nicht falsch verstehen: Es gibt durchaus Zeiten, in denen man auch mal jammern darf. Nur sollte es nicht zur Lebenseinstellung werden. Denn sonst vergrault man alle guten Sachen, die auch am Wegesrand liegen.

Mit Kopfschmerzen schlafe ich bei schwülem Wetter ein. Immerhin wache ich frisch wieder auf. Und so gehe ich beschwingt zum Frühstück. Es sitzt nur ein einziger Herr noch im Raum, der aber kurze Zeit später geht. Und da kommt auch schon die Bedienung angelaufen und fragt: „Sie riechen immer so gut! Und der Mann ist jetzt weg, vorher habe ich mich nicht getraut. Aber, bitte, was ist das für ein Parfum? Das ist mir letztes Mal schon aufgefallen. Nur habe ich Sie da nie allein erwischt.“ Ist doch toll, wenn ein Morgen so beginnt. Ich sage ihr, dass das doch kein Problem sei und man jederzeit nach so was fragen könne. Überhaupt ist nix peinlich, wobei: „Ich würde vermutlich nicht fragen, wo sich eine Frau ihre Möpse hat machen lassen. Aber wer so was macht, hat wahrscheinlich damit auch nicht mal ein Problem.“ Sie lacht und fachsimpelt mit mir, welches Parfum lecker ist und welches nicht. Später berichtet sie dann auch, Corona gehabt und vor möglichen Spätfolgen Angst zu haben. Soviel zu den Corona-Leugnern…

Der Workshop verläuft entspannt. Es ist schade, dass es nun in der Konstellation endet, aber es war schon toll, Teil des Ganzen gewesen zu sein. Bei einer Aufgabe haut der Hellboy auch wieder einen raus: „Wie soll ich mit Adlern fliegen, wenn ich mit Truthähnen arbeiten muss?“ Mei, Ausreden haben manche ja immer. Ein anderer erzählt beim Mittagessen grinsend, er mache sich langsam Sorgen, zu viel zu arbeiten. Den Urlaub habe er ja jetzt auch um zwei Tage verschoben. Seine 15 Monate alte Tochter würde verstörenderweise immer den Handwerker stürmisch umarmen, der seit sechs Monaten im Haus rumwerkelt. Wir haben es geklärt: Vor der Geburt kannten sie ihn noch nicht. Und da die Kleine die Ungeduld und den Sturkopf vom Vater hat, wird auch kein Vaterschaftstest notwendig sein. 😋

Wir frötzeln noch weiter, bis es dann zum Abschied kommt. Der Trainer macht, was er sonst noch nie gemacht hat: Er schenkt jedem von uns eine Flasche von seinem Lieblingswein und hofft, wir erinnern uns beim Trinken desselben an ihn und die tolle Zeit. Wir haben etwas für ihn schweißen und gravieren lassen, was normalerweise auch nie bei externen Trainern gemacht wird. Und ich habe noch ein Gedicht verfasst und trage es kurz vor. Das hat er in all seinen Jahren auch noch nie erlebt. Und meine liebe Kollegin verdrückt ein paar Tränchen. Damit habe ich wiederum nicht gerechnet.

Das sind solche Tage, von denen ich zehre. Ja, es ist drückend heiß und schwül. Ja, ich arbeite wieder einmal länger, als es normal ist. Und ja, ich bin müde und echt platt. Aber vor allem bin ich dankbar und zufrieden. Davon darf es gern mehr geben. Auf all die guten Seelen, die einem auf dem Lebensweg begegnen und alles etwas strahlender machen.

3 Kommentare

  1. Die Familienkonstellation kommt mir bekannt vor…Und egal wie alt ich werde, es wird mich immer beschäftigen. Zum Glück überwiegen aber heute die Tage, wo ich drüber stehe…
    Schön, dass es so schöne kleine Momente gibt. Und schön, dass Du sie zu schätzen weißt.

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