Ich schlafe bei dem heißen Wetter immer schlecht. X Male wache ich auf und freue mich schon, wenn ich wieder in meinem Bettchen nächtigen kann. Aber nächste Woche bin ich ja wieder hier. Plötzlich schaue ich auf die Uhr und sehe: Es ist bereits sechs Uhr! Mit einem Satz, der bestimmt so elegant wie bei einem Panter aussieht, springe ich aus dem Bett. Man, bin ich aber fix… nur um dann zu realisieren, dass ich heute ausnahmsweise später los muss. Ich lasse mich noch mal aufs Bett fallen und döse noch 30 Minuten.

Beim Frühstück bin ich nicht allein. Am Nebentisch unterhalten sich zwei Leute auf Englisch. Keiner von ihnen ist native Speaker, das höre ich ganz deutlich. Bei ihr ist klar, dass sie aus Deutschland kommt. Sie redet und redet – über Spargel, Blumenkohl, Zucchini, Kohlrabi usw. Dieses Jahr sei es echt schwer gewesen, Gemüse zu vernünftigen Preisen zu bekommen. Die Studenten würden wesentlich länger benötigen, als die üblichen Erntehelfer. Er antwortet, und ich bin mir sicher: Das ist ein Holländer!! Ah, ich liiiiebe ja alles, was holländisch ist. Beim Rausgehen quatsche ich ihn dann natürlich auch an. Er kommt aus Alkmaar. Das kenne ich noch nicht. Aber ich versichere ihm, Holland zu lieben. Wieso wohne ich jetzt nur so weit entfernt von dort? 🤦‍♀️ Wer weiß, wohin es mich im Leben noch ziehen wird?

Heute geht’s zum Knast. Und heute habe ich Glück: Es sitzen mal keine Spaßbremsen am Eingang. Ich gebe Schlüssel und Ausweis ab und muss dann warten, bis mich jemand von der Justiz abholt. Das machen die meisten mit Begeisterung… also nicht. Irgenwann kommt dann aber einer der Herren, also muss ich noch fix durch den Metalldetektor – wie immer. Und der piepst – auch wie immer. Grinsend sage ich noch: „Mein Schmuck und Gürtel sind ja ausgezogen, aber den Bügel-BH, den wollen Sie lieber nicht fallen sehen.“ Er grinst zurück: „Des daat mo scho a no schoff’n. Oba bast scho so.“ Sie kennen mich ja doch mittlerweile. Und so zockeln wir bei strahlend blauem Himmel quer übers Gelände. Wann wird endlich Herbst?

Heute sichte ich die Unterlagen, die noch vor Ort sind. Durch Corona ist alles um Monate nach hinten verschoben worden. Montag bin ich noch mal in München in der Arbeit und kann alles Fehlende einpacken, bevor ich mittags wieder losdüse. Dieses Mal allerdings wieder mit Mietwagen. Wir dürfen also alle gespannt sein, was es werden wird. Ich bin mir ja für nix zu fein – sei es AMG, BMW oder was auch immer. Ganz bescheiden also. 😉

Mein Schulungsraum befindet sich im Keller, was per se ja schon nie der hellste, freundlichste Ort ist. Im Knast ist er jedoch noch düsterer. Zum Glück bin ich nicht zart besaitet. Zwei der Inhaftierten haben eine Hausmeisterfunktion. Sie wuseln in den Räumen hier unten herum und piefen sich auch einen weg. Anfangs ist mein Kollege noch bei mir, aber dann muss er auch schon wieder weiter. Ich krame und pöddele vor mich hin. Die beiden Insassen bauen Stühle und Tische für mich auf, während ich die Unterlagen krame. Sie kennen mich auch schon und sind immer sehr höflich und hilfsbereit. Plötzlich betritt dann aber ein Beamter den Raum und setzt sich demonstrativ auf einen Stuhl in meiner Nähe. Irritiert frage ich: „Brauchen Sie was von mir?“ Er schüttelt nur den Kopf. Ok. Dann mühe ich mich mal weiter ab, alles Aufgerollte an die Wände und die Flipchartständer zu hängen. Er zuckt nicht einmal, obwohl ich mich wirklich abmühe. Dann muss ich selbst zu einem Termin und schaue den Beamten wieder an: „Also, wenn Sie meinetwegen hier sein sollten, ich müsste dann wieder hoch?“ Er erhebt sich und nickt. Ich kläre ihn auf: „Ich war schon öfter hier und kenne mich hier aus.“ Er brummelt nur kurz: „Normalerweise sehen wir Sie über Kamera, aber die ist gerade defekt.“ Aaaaah ja. Ich war also eine halbe Stunde unbeaufsichtigt. Besser, wenn das keiner der Inhaftierten weiß. Und trotzdem fühle ich mich hier niemals unwohl. Irgendwie krass, oder?

Nach vielen vereinzelten Gesprächen weiß ich nun wieder mehr: Wir werden überall überprüft und kontrolliert. Ist schon interessant, wie viel Zeit damit verbracht wird, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. So was erschließt sich mir ja nicht. Es wird gepredigt, wie wichtig Fühungswerte doch seien. Doch da handelt es sich nur um Lippenbekenntnisse. Jede Abteilung kämpft für sich und gegen alle anderen. Dazu gibt es dann Menschen, denen man es anmerken kann, wie viel Freude sie daran haben, Feuerchen zu legen. Und niemand legt ihnen das Handwerk. Ich glaube ja, dass es so was wie Karma gibt. Und ich bin froh, immer noch ohne Weiteres in den Spiegel schauen zu können, was ich an ihrer Stelle nicht mehr könnte. Ich hoffe nur, die Zeiten ändern sich und die Menschheit begreift, dass es gemeinsam so viel leichter laufen kann. Dann hätte Corona zumindest diesen Nutzen gehabt. Aber bis dahin? Na, wird noch viel spioniert, kontrolliert und intrigiert. Hoffentlich verschlucken sie sich nur nicht am eigenen Gift.

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