Mir fallen bereits um 20 Uhr die Augen zu. Das ist echt nicht mehr normal. Ich wache zweimal kurz auf, aber schlafe dann doch wieder weiter bis zum Morgen. Da sieht man mal, wie platt ich bin. Es schlaucht und macht mich müde, aber es ist ein zufriedenes Müde. Wenn ich das beruflich nur öfter hätte. Und doch: Wenn ich es genau betrachte, dann ist es gut so, nicht fest hier zu arbeiten. Ich hätte zu viel Verständnis, würde zu sehr versuchen, die Ursachen zu ergründen. Und das ist nun mal schlicht und ergreifend nicht der Job. Da eine saubere Trennung hinzubekommen, wäre für mich nicht möglich.

Ein Kollege, der schon über 20 Jahre hier arbeitet, erzählt mir in der Pause, sich nur einmal dazu hinreißen gelassen zu haben, thematisch tiefer einzusteigen. Zwei Inhaftierte hätten sich während der Arbeit gestritten. Er sei irgendwann hingegangen, um zu schlichten, aber dazu musste er zunächst verstehen, was das Problem war. Einer war ein Türke, der einen griechischen Mann ermordet hatte. Der andere war ein Vergewaltiger. Beide waren entsetzt vom jeweils anderen und dessen Abgründen. Der Türke behauptete damals: „Zuhause würde man mich feiern dafür. Warum bin ich hier ein Straftäter? Aber eine Frau zu vergewaltigen? So was geht gar nicht!“ Der Vergewaltiger muss wohl gegengehalten haben: „Aber die Frauen leben alle noch. Der Grieche allerdings nicht mehr!“ „Aber wie leben die Frauen noch? Was ist das für ein Leben? Der Grieche war hingegen schlecht. Der hatte es verdient.“ Puh. Mein Kollege hat versucht, beiden zu erklären, dass beides schlimm sei und man so was nicht miteinander vergleichen könne. Es wurde eine längere Diskussion, wie man sich vorstellen kann. Und zufriedenstellend kann man so eine Diskussion für niemanden beenden. Mein Kollege habe sich seitdem auf keinerlei Diskussion mehr eingelassen, die außerhalb der Arbeit läge. Das hätte ihn die damalige Erfahrung gelehrt. Kann ich nachvollziehen. Ob ich wohl auch an den Punkt käme, da nicht mehr tiefer einsteigen zu wollen? Mir fällt es schwer, professionell zwischen Mensch und Kollege/Mitarbeiter zu unterscheiden. Nur wenn man da nicht aufpasst, kommt man schnell in den Wald. Andererseits besteht die Gefahr, zu stumpf zu werden. Und das würde ich auf keinen Fall wollen.

Lustig war auch eine andere, ältere Geschichte meines Kollegen. Er hat früher Fußball gespielt. Dabei hat er irgenwann einen Ellenbogen ins Auge bekommen, was ihm ein Veilchen beschert hat. Montags in der Arbeit kommt irgendwann ein Inhaftierter vorbei und spricht ihn an: „Das geht mich zwar nichts an, aber wir können das regeln, wenn Sie Probleme haben.“ Mein Kollege hat zunächst nicht verstanden, warum er Probleme haben sollte? „Na, das blaue Auge! Wir haben gute Kontakte draußen, die Ihnen helfen können.“ Da wurde ihm damals anders. Er hat es direkt richtiggestellt. Und irgendwie – auf eine sehr krasse Art – war das ein riesiges Kompliment vom Inhaftierten.

So ist es mir vor Jahren ergangen, als ich mit Langzeitarbeitslosen gearbeitet habe. Zum Abschied hat einer (damals auf Bewährung!) zu mir gesagt: „Sie waren immer korrekt! Wenn Sie jemals eine Waffe brauchen, besorge ich Ihnen eine. Versprochen!“ Ääääh… nö. Ich kann ja nicht mal auf Kirmesrosen schießen. Aber das ist es ja gar nicht. Es geht darum, dass sie sich damit erkenntlich erweisen wollen. Dabei reicht bei mir da ja völlig eine Tafel Schokolade, aber ich lebe nun mal nicht in ihrer Welt. Ich habe wohl auch einfach mehr Glück in meinem Leben gehabt. Denn bei einer Sache bin ich mir sicher: Jeder von uns könnte zum Mörder werden. Wir haben alle einen Überlebensinstinkt. Und Rachegefühle sind auch zutiefst menschlich. Das kann jeder gerne von sich weisen, doch derjenige belügt sich selbst. Ob ich den Rachegefühlen nachgebe, steht auf einem anderen Blatt. Und eine tatsächliche Genugtuung bereitet Rache auch selten. Es bringt nicht zurück, was ich verloren habe. Aber auch, wenn ich verstehen kann, dass jeder von uns zum Täter werden kann: Eine Waffe von jemandem besorgen zu lassen, kommt für mich nicht infrage – so nett gemeint das Angebot von meinem damaligen Klienten auch war… oder so gut gemeint das Angebot von dem Inhaftierten meinem Kollegen gegenüber damals war.

Und doch… Ich zitiere mal meinen Kollegen, der mir das sogar heute aufschreiben musste: „Mia glangt des i woaß des i kannt‘ wenn i woin dat.“ Geil, oder? Allein dafür hat sich mein Tag schon gelohnt. Aber es ist was dran. Weder er noch ich hätten die jeweiligen Angebote damals angenommen. Aber trotzdem ist es auch gut zu wissen, dass es Möglichkeiten gäbe – die nie, nie, NIE infrage kämen. Und trotzdem.

In einer Pause treffe ich einen Inhaftierten, den ich im Dezember in der Schulung hatte. Stolz berichtet er mir, was sie alles angepackt und verbessert hätten. Das Arbeiten fänd er jetzt angenehmer. Mir geht das Herz auf, als ich diesen Stolz höre. Das höre ich von meinen Kollegen außerhalb des Gefängnisses nicht. Dabei haben sie wesentlich mehr Annehmlichkeiten. Aber ob sie zufriedener sind? Dazu sagt heute ein Inhaftierter etwas Interessantes: „Wissen Sie, wenn ich draußen bin und mir eine Arbeit nicht passt, gehe ich einfach. Ich hab immer gedacht, ich brauche das alles: Haus, Auto, Urlaub usw. Hier habe ich 8 qm – und das reicht auch. Ich glaube, ich bin im Kopf freier als Sie oder manch einer Ihrer Kollegen. Freier als die ganzen Leute, die sich nie so radikal verkleinern und anpassen mussten.“ Wenn er da mal nicht Recht hat…

Über Tag treffe ich auch zweimal den russischen „Anführer“ von gestern, der mich freundlich grüßt und nett mit mir plaudert. Er fänd es schade, heute keine Schulung bei mir zu haben. Ich glaube, dass er das sogar ehrlich meint. Ich biete Ablenkung vom Knast-Alltag. Wie sagte ein Inhaftierter so treffend, als ich meinte, dass Überlastung auf Dauer krank mache: „Ich habe gerne möglichst viel zu tun. Es gibt nie zu viel. Sie dürfen nicht vergessen: Wir sind eingesperrt. Wenn ich arbeite, vergesse ich für die Zeit meine Situation. Und die möchte ich nur zu gerne vergessen.“

Ein anderer bittet mich, „draußen“ den Menschen zu erzählen, dass sie nicht alle nur Monster seien, sondern auch Menschen. Sie hätten auch gute Seiten – auch wenn sie Schlimmes getan hätten. Und das versuche ich hiermit in der Tat ein bisschen. Die Taten sind grauenvoll. Ein paar kenne ich davon, die meisten nicht. Aber kein Mensch kommt als Monster zur Welt. Und nein, ich bin nicht naiv. Ich sehe die Welt nur nicht mehr ständig in schwarz und weiß. Es gelingt mir nicht immer, aber immer besser.

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