Es ist wieder viel zu warm, aber es heißt ja, ab übermorgen soll es abkühlen. Wenn nicht, muss irgendwer dran glauben – so viel ist sicher. Ich hab jetzt die besten Verbindungen. Es sollte sich also besser niemand mit mir anlegen. Haha. Denn heute erfahre ich, dass mein Russen-Spezi ein Mafiaboss ist. Noch Fragen? Das ist der, dem ich gestern den Spruch gedrückt habe, er sei nicht ganz dicht. 😂 oh man, ich bin echt ein Gefahrensucher. Aber mal ohne Witz: Der kann das ab und hatte auch Spaß. Ich sag ja, die Russen beeindrucken mich echt nachhaltig. Sie sind höflich, aber doch präsent, schreiben Ehre groß und gehen dann wiederum über Leichen. Und sie würden nie, nie, niemals einen der ihren verpfeifen. Ich weiß, wie pauschaliert das daherkommt. Ich behaupte auch nicht, dass alle Russen so sind. Aber in der Haft verhalten sie sich so, was echt beeindruckend ist.

Als ich heute reinkomme, ruft ein Teilnehmer von gestern: „Halleluja, die Chefin ist da.“ Ich lache – die anderen ebenso. Ich kläre ihn auf, dass ich vieles sei – aber keine Chefin. Derweil versteht ein Kollege von mir das Halleluja falsch und fragt mich, wieso der Herr mich denn Julia nenne? Köstlich! Mit den Masken entsteht so ein Flüsterpost-Effekt á la: „Der Rächer mit dem Becher“ von Otto Waalkes.

Vom kleinen Putin habe ich gestern erfahren, dass er auch nicht mehr lange da sei. Im Vorbeigehen frage ich ihn heute noch, wann er denn raus dürfe, was er wieder mit diesen Schnalzlauten verneint. Er dürfe nicht raus, sondern werde abeschoben. Ah. Durch Corona geht allerdings derzeit kein Flieger nach Russland, weshalb sich das verzögert. Er spricht akzentfrei deutsch. Da hätte ich persönlich nie mit einer Abschiebung gerechnet. Ich schaue ihn erstaunt an: „Also geht es dann ’nach Hause‘? Freuen Sie sich?“ Er zuckt mit den Schultern und wirkt erstmalig, seit ich ihn kenne, etwas unsicher. Wer weiß schon, was ihn dort erwartet? Als ich ihm sage: „Sie sind intelligent“, grinst er mich frech an. Also setze ich nach: „Sie sind ein Sausack, aber eben ein intelligenter Sausack. Machen Sie was Vernünftiges draus. Sie können das – wenn Sie das wollen.“ Er bedankt sich aufrichtig und ich kann nur hoffen, er hält sich dran. Es wäre eine Schande, ihn mit Kugel im Kopf zu sehen, was wahrscheinlich ist, wenn er nichts ändert. Was für eine Verschwendung wäre das, bei so viel Intelligenz und Kreativität. Und bei allem, was er auf dem Kerbholz hat: Die Vorstellung macht mich traurig.

Der Boss hat gestern noch berichtet, die Schule zwar abgeschlossen, aber keine Ausbildung absolviert zu haben. Er habe nie etwas Richtiges gelernt. Er habe nie in einer Firma gearbeitet. Und das mit heute 47 Jahren! Krass, oder? Aber es ist ein anderes Leben. Und Not macht erfinderisch. Geld hatte er immer, aber das sagt er nicht angeberisch oder protzig, sondern stellt es nüchtern als Tatsache fest. Ich glaube ihm hundertprozentig. Sollte er hier je rauskommen – und ich weiß nicht, wie lange er noch sitzen muss – wird er in kein „normales Leben“ zurückkehren können. Er wird mit einer Kugel im Kopf enden – oder sie anderen verpassen. Und auch das macht mich traurig. Es ist ein hartes Leben, von dem ich zum Glück keinerlei Ahnung habe. Aber ich mag diese Jungs. Sie sind keine anonymen Straftäter mehr für mich.

Es gibt auch andere… sehr vereinzelt, die nichts Positives in mir zum Klingen bringen. Vorhin habe ich noch mit einer Freundin darüber gesprochen: Ich bin auch für eine zweite Chance. Doch es gibt die Ausnahmen, bei denen ich sage, sie verdienen keine zweite Chance. Es gibt Menschen, die einem eine Gänsehaut bereiten, ohne sie zu kennen. Einen von der Sorte habe ich hier schon öfter gesehen. Heute sitzt er in meiner Schulung. Ohne es zu wissen, ist mir klar, was sein Delikt war: Kindesmissbrauch. Nein, ich bin kein Hellseher, aber gerade bei dieser Gruppe erkennt man einigen ein paar äußerliche Merkmale. In den Pausen sucht er ständig das Gespräch mit mir und erklärt sich. Ich glaube ganz klar, dass viele Opfer im Erwachsenenalter zum Täter werden. Aber er kokettiert regelrecht damit. Da erkenne ich nur Ausreden und Ausflüchte, doch keine Einsicht. Dieser Mensch gruselt mich. Und doch hat er deutlich weniger Jahre als mancher, der Steuern hinterzogen hat. Das gefällt mir so gar…

Und dann gibt es sogar noch einen Flirtversuch, was ich ganz süß finde. Er ist zwölf Jahre jünger, was es fast noch niedlicher macht. Er hat auch wiederum so gar keine gruselige Wirkung. Sein Delikt? Mehrmaliges Dealen mit größeren Mengen bei eigener Abhängigkeit. Da kann ich auch nur hoffen, dass er genug in unserer Firma lernt, um damit später draußen was anfangen zu können. Noch so einer, bei dem ich hoffe und der gute Chancen hätte.

Ach, es ist echt durchwachsen… und aufwühlend. Die Jungs geben einem so viel, das glaubt man gar nicht. Sie fordern mich – meine Aufmerksamkeit, meine Sinne und meine Auffassungsgabe. Das ist alles andere als ein Spaziergang. Das hier ähnelt eher einem Klettersteig der Kategorie rot. Aber oben angekommen, ist die Aussicht etwas, das alles wettmacht. Und dann ist es doch goldrichtig, oder? In diesem Sinne: Ich muss schlafen und mein Hirn zur Ruhe und Verarbeitung kommen lassen. Eine tolle Arbeitswoche liegt hinter mir.

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