Heute soll es ja nicht so schön werden. Schauen wir doch mal, was Petrus so für uns bereithält. Und so fahre ich zeitig und gut gelaunt Richtung Chiemsee. Kurz befürchte ich ja, das Navi leitet mich völlig bescheuert, weil ich überall auf Vignetten hingewiesen werde. Ich will nicht nach Österreich! Aber telefonisch werde ich beruhigt, dass alles seine Richtigkeit hätte. Ich verfüge ja geografisch auch leider nur über Brachland.

Ich komme so gut durch, dass ich eine halbe Stunde zu früh erscheine. Ist ja wieder mal typisch für mich. Die Fahrt mit Blick auf die Berge ist ja schon toll. Und dann duftet es hier so anders… nach Bergwiese. Lecker, lecker. Mein Onkelchen steht gerade schon draußen und winkt mir, wohin ich den Wagen stellen kann. Ich habe die beiden jetzt echt auch schon lange nicht mehr gesehen. Sofort schnattern wir Weiber los, und meine Tante freut sich riesig über den Eierlikör. Im Café sagt sie dann: „Ich esse dann das, und dann kriege ich das Ei von Hermann.“ Ja, manchmal bin ich wie ein albernes, kleines Kind, aber ich kann es nicht lassen: „Und wer kriegt das andere? Oder darf er das wenigstens behalten?“ Wir gackern auch schon los, als mein Onkel grinsend den Kopf schüttelt. Er behält am Ende beide. Nur das Hühnerei überlässt er seiner Frau. Zum Zahlen komme ich heute nur leider so gar nicht. Ganz der große Onkel kriege ich keine Chance, auch mal was zu zahlen.

Das Wetter ist so toll, dass wir uns entscheiden, über den Chiemsee zu schippern. Es ist gut was los, aber kein Gedränge. Selbst an Bord ist permanente Maskenpflicht. Schade finde ich nur, dass die Schiffsbediensteten (weiß nicht, wie ich die sonst nennen soll?) so genervt auf Nachfragen reagieren. Ja, die hören bestimmt dauernd die gleichen Fragen. Doch es ist ihr Job, oder? Und ein bisschen Freundlichkeit kostet nix. Sonst sollten sie umschulen und was anderes machen, Sappralot!

Die Fraueninsel ist schön, die Blumen blühen, und das Wetter spielt munter mit. Im schattigen Plätzchen gönnen wir uns ein Radler. Dabei plaudern wir über die Familie, kramen olle Kamelle raus und genießen den Tag. Gstad laufen wir auch kurz mit dem Schiff an, aber das haut uns nicht vom Hocker. Das einzige Highlight ist das Übersetzen mit dem Schiff. Wir drei plaudern über unsere Ausgehzeiten (laaaaaaaaange her). Ich war immer ein Fan der Rockfabrik, weil ich eben Rock und Metal so mag. Mein Onkel hält mit seinen 60 Jahren dagegen, dass das doch alles kranke Typen seien. Ich halte wiederum dagegen, dass ja nicht jeder Mumienschieben (wie im Altenheim) betreiben wolle, als die Frau gegenüber losprustet und im breitesten Sächsisch los wird, dass Musik wohl immer so ein Streitpunkt sei. Sie würde ja den Brian Adams so toll finden. Äääh… jo, is ok. Nicht das Nonplusultra, aber ok. Das Konzert sei ja nun leider abgesagt. Da meldet sich ihr Ömmes zu Wort, bei dem es mich fast noch mehr zerreißt. Für den hätte sie doch keine Karte gehabt, oder? „Nä, fürn Üdö.“ Danke, lieber Gott, für diese wunderbare Vielfalt an Dialekten!!! Aber der gute Üdö gäbe ja auch gerade kein Konzert. Ich versuche zu beruhigen: „Ach, kommt schon alles wieder. Dann können Sie auch wieder zum Konzert.“ Tja, wenn sie dann noch lebe! So was finde ich ja immer putzig. Nach dem Motto: Jeder Winter könnte der letzte sein. Ich schau sie an: „Echt jetzt? Wollen Sie so schnell die schwarzen Essensmarken bestellen? Wie denn? Jetzt gleich hier über Bord springen?“ Die Dame schaut runter. Da wir gerade anlegen, ist das Wasser nicht tief: „Nee. Is joo ni tief genüg.“ „Das ist ja das Gute. Dann kann das Genick auch beim ersten Sprung schon über sein.“ Die Frau lacht. Also ergänze ich: „Eben. Nicht schön. Bleiben Sie gesund, dann wartet Udo auch auf Sie.“ Und so verabschieden wir uns dann auch, um wieder auf die Fraueninsel zu gelangen, wo wir jetzt was essen wollen. Allerdings nicht, ohne uns zu einigen, dass wir Helene Fischer komplett ablehnen. „Ün do Röland Keeyser.“ Naja, ich find Helene schlimmer.

Als es sich immer stärker zuzieht, treten wir die Rückfahrt an. In Prien steuern wir noch ein Lokal an. Meine Tante ist völlig verzaubert, als sie Friedrich von Thun erblickt… bis er den Schnodder lautstark durch die Nase hochzieht. „Nee, der spielt doch immer so einen Gentleman. Das hätte ich ja nun nicht von dem erwartet.“ Tja, er ist eben auch nur ein Mensch mit verrotzter Nase. Mir schießt bei solchen Geräuschen immer mein alter Kollege durch den Kopf, der bei Nasehochziehern immer meinte: „‚N Stückchen Brot dazu, damit et nich so trocken wird?“ Aber frag das mal den von Thun. Nee, nee. Soll er weiter schnoddern.

Als es heftiger zu regnen anfängt, bezahlen wir und düsen zur Ferienunterkunft, wo ja auch mein Auto steht. Ich steige in mein Auto, starte und will das Handy anschließen… finde es aber nirgends. Ich suche meine Tasche ab, das Auto, nichts. Dann verdächtige ich meinen Onkel, mir einen Streich zu spielen, auch nichts. Wir suchen ihren Wagen ab, auch nichts. Dann pumpt mein Herz kurz etwas schneller. Wir fahren zurück zum Lokal. Ich denke während der Fahrt nach: Gottseidank habe ich vor ein paar Tagen einen Sperrcode eingerichtet. Ich habe Geld im Handymäppchen, das wohl dann auch weg ist… Aber: Habe ich das verdient? Nein. Es wird sich finden, ganz sicher. Ich vermute es doch im Auto, wo es zwischen die Sitze gerutscht sein muss, aber nein. Ich bin sicher, es ist weg. Der Kellner im Lokal weiß aber sofort Bescheid, als er meine Tante erblickt und überreicht es ihr. Wieso nicht mir? Na, ich kraxel noch durchs Auto.

Ich kann Euch sagen: Die Erleichterung ist grenzenlos. Da sind Nummern drauf, die ich nie mehr rekonstruieren könnte. Bei Kindern hätte man vermutlich geschimpft, wenn sie nicht aufgepasst hätten. Aber es passiert zackig, dass man mal unachtsam ist. Das Geld ist noch an Ort und Stelle. Krass. Ich muss es echt liegen gelassen haben. Erleichtert fahre ich heim. Ein schöner Tag geht zu Ende… mit einem kleinen Wachmacher zum Schluss. Aber da spürt man dann noch mal, wie einem das Herz in die Hose rutschen kann. Es funktioniert also noch, das gute Herz. Hoffentlich noch lange – auch wenn ich auf kein Konzert mit „Üdö schbäguliere“.

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