Heute Morgen wache ich kurz vorm Wecker auf und bin – juchuuu – gut gelaunt. Warum auch nicht? Heute sehe ich ja die nette Kollegin. Da ist die Welt doch in Ordnung. Mit Kuchen im Gepäck düse ich los und brauche für die letzten drei Kilometer 15 Minuten. Aber ich höre gute Musik, weshalb ich mir die nicht verhageln lasse. Da bin ich doch stolz auf mich selbst. Als meine Kollegin dann endlich erscheint, umarmen wir uns erstmal ausgiebig. Corona hin oder her – manchmal brauch´ ich das einfach. Zum Kuchenessen kommen wir allerdings noch nicht, weil erst noch einige Termine warten. Später holen wir es dann mit zwei unserer Studis nach. Ach, ich könnte die Mutti der beiden Jungs sein. Die sind echt süß. Ich mag sie.
Einer meiner ehemaligen Coachees bietet mir im anschließenden Feedback spontan das „Du“ an, was er schon länger hatte tun wollen. Ich mag ihn, weil er im positiven Sinne „old school“ ist. Wir lästern auch etwas, weil er – was er schon mal letztes Jahr gesagt hat – jetzt in der Krise mehr denn je Folgendes sieht: „Wenn das komplette Management ausfallen würde, würden wir weiter arbeiten können und mindestens so gut wie bisher performen. Nimmst Du die gleiche Anzahl vom Unterbau weg, sind wir nach spätestens zwei Monaten tot.“ Das Schlimme: Ich glaube, er hat recht.

Mittags treffe ich die nette Kollegin von letztens, die nur einen zeitlich befristeten Vertrag hat. Wir plaudern wieder über Jan und Pitt, aber vor allem eben auch über ihre echt angespannte berufliche Situation. Kurzerhand rufe ich den Betriebsrat meines Vertrauens an und stelle die Verbindung her. Ich erzähle ihr in dem Zusammenhang auch, wie gerne ich in einen anderen Bereich innerhalb der Firma wechseln wollen würde, was diese Betriebsrat auch weiß. Sowie sich da jemals eine Lücke auftäte, würde er sofort reagieren. Daraufhin druckst sie etwas herum: „Ja…wir verstehen uns ja gut und vertrauen uns ja auch gegenseitig, oder?“ Etwas erstaunt schaue ich sie an: „Äääääh, davon bin ich doch mal ausgegangen.“ Sie wirkt echt nervös, was mich verwundert: „Also, mein Freund ist kein Freund, sondern eine FreundIN. Haste Dir bestimmt schon gedacht, ne?!“ Ääääh, nö. Und warum auch? Bei Männern habe ich da in der Tat ein Näschen entwickelt, aber bei Frauen nicht. Es ist mir nämlich völlig wurscht, wer mit wem und wie schnakselt. Ich habe nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, wie der Typ an ihrer Seite aussehen könnte. Sie hat erzählt, dass sie derzeit wieder eine Wochenend-Beziehung führen, solange sie hier keine Festanstellung hätte, aber das ist es auch schon. Und dabei hat sie „ihn“ mal erwähnt. Ihr kam es aber vor, als würde sie mich belügen, weshalb sie das klarstellen musste. Ich schmunzel´ sie an und sage: „Weißt Du, es gab mal eine Frau, die meinte, mir an die Hupen packen zu müssen, weil sie bi war. Im ersten Moment war ich damals perplex. Nach drei Schocksekunden habe ich der Frau klargemacht, jetzt sei das Überraschungsmoment vorüber. Bei etwaiger Wiederholung müsste ich ihr wohl oder übel die Nase brechen. Solange Du das nicht machst, bin ich mit allem fein.“ Sie lacht. Nein, das hätte sie so gar nicht vor. Weiß ich doch.
Schon schade, dass sich hetero- oder bisexuelle Menschen immer noch häufig zurücknehmen, aus Angst vor Zurückweisung. Mir will das nicht einleuchten, weil es wenig gibt, was ich unwichtiger finde. Spannend finde ich natürlich die Frage, ob sie immer schon lesbisch war? Da kenne ich nämlich mittlerweile auch die unterschiedlichsten Geschichten. Sie hatte früher auch Männer als Partner, aber das käme heute gar nicht mehr infrage. So kenne ich das auch von einem Bekannten, der – laut eigener Aussage – nicht schwul zur Welt gekommen zu sein. Sein heutiger Mann hingegen schon. Aber er selbst? Nö, er war verheiratet, hat drei Kinder und das vermeintlich „normale Leben“ geführt. Erst drei Jahre nach der Trennung von seiner Frau und weiterer, kurzer Liebschaften mit Frauen, habe er bemerkt, wie er sich nach Männern umgeschaut hätte. Dabei übernimmt er heute ganz klar den weiblichen Part in der Beziehung. (Ich war mal zum Kaffee eingeladen. Er hat gebacken, den Tisch hübsch eingedeckt etc.)
Ich habe auch manches Mal schon im Spaß gesagt, es sei vielleicht leichter (natürlich nicht!), einfach den Männern zu entsagen und mich den Frauen zuzuwenden. Aber es reizt mich leider so gar nicht. Unterm Strich zählt aber doch nur, wen man liebt, oder? Ob das dann Mann oder Frau ist, ist doch vollkommen wumpe. Aber so einfach scheint es doch noch immer nicht zu sein. Und ja, das ist ganz klar auch branchenabhängig und auch entscheidend, wo man lebt. Je ländlicher, desto schwieriger. Oh man, und wir schreiben das Jahr 2020!!!

Als wir so zurückschlendern, kommt mir leider mein oberster Chef entgegen. Er und ich…mmmh, da stimmt die Chemie nicht. Er ist oberflächlich, sieht in Frauen ausschließlich Eroberungen und zielt ganz klar auf jung, blond, superschlank ab. Dabei ist er schon älter, klein, untersetzt. Logisch, oder? Aber er hat eben Kohle, weshalb es leider immer wieder welche gibt, die sich darauf einlassen…was mich zum Ekelschütteln bringt. Doch zurück zum heutigen Aufeinandertreffen: Neben ihm läuft ein mir unbekannter Herr. Da wir zwei auch auf dem Bürgersteig gehen, wechselt mein oberster Chef auf die Straße, damit wir nicht ausweichen müssen, was ich lobend anmerke. Darauf er, in seiner unnachahmlich charmanten Art (bäääääh, und dazu stinkt er penetrant nach einem fiesen Aftershave – getreu dem Motto: „Mehr ist mehr“): „Des is do selbstverständlich, dass wia Männa do ausweichn!“ Bei ihm schaffe ich es nie… echt niemals nie, also plumpst es mir auch schon aus meinem Gesicht: „Sehe ich auch so, aber ob Sie das beherrschen? Da war ich mir einfach nicht sicher.“ Meine Kollegin kichert, im Gehen dreht sich der oberste Chef noch mal rum und? Nix. Ihm fällt nix dazu ein. Oh je. Das ist für ihn das Schlimmste. Meine Kollegin sagt noch: „Siehste, und genau dafür mag ich Dich so!“, während ich seufze: „Und genau deswegen mache ich nie Karriere.“ Aber für einen Gag muss man auch immer bereit sein, Opfer zu bringen. Das Tragische: Ich bringe diese Opfer nur zu gern.

Der krönende Abschluss ist der Bericht zum Abschluss eines Projekts in Straubing, an dem ich teilgenommen habe. Mein Chef ist zugeschaltet. Der Projektleiter berichtet die Ergebnisse des Teams, während alle anderen auch physisch anwesend sind – nur mein Chef und ich sind per Skype zugeschaltet. Zum Schluss fasst der Auftraggeber (und oberster Chef von Straubing) noch mal die Highlights auf und steckt meinem Chef: „Du weißt schon, dass wir an Deiner Mitarbeiterin graben und sie quasi für uns abwerben?“ „Jojo, des hob i scho gspannt.“ Na, immerhin. Und dann setzt der Oberste noch mal nach: „Ich kann Dir nur zu Deinen Managementqualitäten gratulieren, dass Du sie eingestellt hast.“ Ich liebe es, wenn sie über mich sprechen, während ich anwesend bin. So was finde ich echt unangenehm. Und dann verpasst er ihm noch eine: „Ich werde noch ein Summary verfassen, das ich dann Dir und Deinem Chef schicke, weil ich das Gefühl habe, Ihr seht ihren Wert nicht mal im Ansatz. Schade, dass wir hier keine Videoaufnahmen machen dürfen, denn dann würde ich Euch das mal präsentieren, was die hier abliefert. Ihr habt ja echt keine Vorstellung!“ Äääääääääääääh… Was kann ich da noch sagen? Alle sechs Projektteammitglieder, der oberste Chef, mein Chef und ich sind hier zugeschaltet – per Kamera. Mein Chef bestätigt, er wisse das schon, aber freue sich über das Summary. Dann muss er zum nächsten Termin.
Mmmh, irgendwie ist so was schon schön, wenn auch immer noch unangenehm. Und ich stelle klar, dass es für mich ja durchaus einer Belohnung gleichkäme, mit ihnen arbeiten zu dürfen. Das sehe ich in der Tat genau so. Leider sind sie zu klein, als dass ich tatsächlich dorthin wechseln könnte – leider. Aber so schön das vor meinem Chef Gesagte auch ist, es wird nichts, aber auch rein gar nichts daran ändern, was den Umgang meines Chefs mit mir betrifft. Er ist ja nicht böse, nur unfähig. Das macht es mit solchen Aussagen nicht besser. Ich bin gespannt, ob er da noch mal ein Wort drüber verliert. Ich vermute allerdings…eher nicht.

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