Mein letzter Arbeitstag für diese Woche startet völlig normal. Ich packe nach dem Duschen meinen Kram zusammen, setze mich ins Auto und düse zur JVA. Zunächst lässt mich mein Spezl am Tor rein, misst meine Temperatur und verweist mich auf einen Stuhl. Es ist ein neuer Anwärter da, der noch recht jung ist. Der Ältere informiert mich, welcher Wärter mich abholen wird. Er ist der Einzige, dessen Namen ich mir tatsächlich merken kann. Er ist jung, umgänglich, motiviert, kooperativ. Das fällt sofort im Vergleich zu den meisten anderen auf. Trotzdem setzt der Ältere noch nach: „Däa mit die tätowierten Arme.“ „Ah“, sage ich „gefällt Ihnen nicht, hm?“ „Na, gonz und goa net. Des hot’s früa net geb’m.“ Und dann schimpft der sonst so liebe, lustige Kerl auch schon los. Sie hätten mal einen mit Ohrring gehabt! Aber nicht lang. Den hätten sie schnell weitergeschickt. Ich muss lachen und sag im lauten Flüsterton: „Ich bin auch tätowiert, aber das sagen wir ihm nicht, ok?“ Der Junge steigt darauf ein: „Ich auch. Aber ja, wir sagen es ihm einfach nicht.“ Der Alte schüttelt den Kopf. Warum? Warum nur würde man so einen Blödsinn machen? Ich frage, ob er Kinder hätte? „Jo. Bua und Madel.“ Ich nicke, aber er schiebt direkt hinterher, dass die nicht tätowiert seien. Mittlerweile sind sie längst erwachsen. Da fällt’s mir wieder mal aus dem Gesicht: „Und? Wann zuletzt Ganzkörper gecheckt?“ Er griemelt und drückt mir: „Die hom des net moche losse. Und jetz häans auf mit Erna Frogerei!“ Ich ziehe von dannen mit dem tätowierten Wärter. Vermutlich wird das mein Untergang. Alles schlimme Leute, diese Tätowierten.

Vor Ort stehen schon mehrere Teilnehmer nahezu Spalier draußen, um auf mich zu warten. Ist schon goldig. Da wir uns ja kennen, ist es ein lockeres Hallo. Das meiste läuft auch ganz gut. Wenn da nicht… genau, wenn da nicht der eine Querulant, das dämliche Sackgesicht, wäre. Ich hatte es schon befürchtet. Ehrlich? Ich habe eine Engelsgeduld mit denen hier, gebe ihnen Raum und Platz für Diskussion. Aber dieser Mensch schießt nur quer. Er verlässt den Raum zwischendurch, ohne etwas zu sagen, stellt Fragen, die nichts mit dem Thema zu tun haben, bescheißt die Kollegen und mich und gibt keine Ruhe. Nichts, was andere sagen (mich eingeschlossen), ist richtig. Nur er weiß alles. Alle sind genervt, ich komme mit dem Stoff nicht durch, weil er auf gut deutsch das Maul einfach nicht mal fünf Minuten halten kann. Hätte das hier Hand und Fuß, wäre das sogar auch noch für mich in Ordnung, aber das hat es nicht. Entsprechend mache ich, was ich in meiner nun fast 10-jährigen Trainertätigkeit noch nie getan habe: Ich schließe ihn aus der Schulung aus. Er fühlt sich missverstanden, klar. Sein Produktionsverantwortlicher sagt ihm ruhig, er habe ihm gestern doch genau erklärt, dass er nur hierher dürfe, wenn er vernünftig mitmachen würde. Er habe jedoch ausschließlich gestört, kein einziger Beitrag sei konstruktiv gewesen. Nein, das sei falsch! Er sei kein Sklave, auch kein Schaf. Seine Kollegen seien nur Ja-Sager. Sein Chef sagt ihm wieder ruhig, es sei kein einziger Ja-Sager in diesem Team. Alle hätten diskutiert, aber eben konstruktiv. Als er wieder anfängt, sage ich ihm, woran ich seine Respektlosigkeit den anderen und mir gegenüber festmache, weswegen jetzt einfach Schluss sei. Am Nachmittag sind dann alle gelöster und froh, dass er nicht mehr da ist. Und doch… fühlt es sich für mich wie Versagen an. Ich musste diese Karte noch nie zücken und konnte ihn leider nicht für was Positives gewinnen. Die anderen verabscheuen ihn alle, sind aber machtlos, da er der Geheimdienst der Wärter ist. Klingt nach Hollywood, ist aber leider Realität. Er spizelt überall und hängt dann alle bei der Justiz hin, weshalb die ihn beschützt. Krank oder? Vor allem aber kosten solche Menschen einen Kraft, was mich dann noch zusätzlich ärgert.

Entsprechend platt bin ich, als ein Wärter zu mir kommt und mich zum Tor begleiten will. Gestern hat das mein Kollege gemacht. Die Wärter hatten wir vergessen zu informieren. Nicht gut, denn der Herr neben mir sagt mir, sie seien wohl etwas in Aufruhr gewesen. Verdutzt schaue ich ihn an: „Meinetwegen?“ Trocken kommentiert er: „Na, wenn uns beim Zählen eine Frau abgeht, ist das im Männerknast nie gut, oder?“ Uups. Sofort springt mein schlechtes Gewissen an. Er meint das mit der Sorge nämlich ernst. Das wollte ich natürlich nicht. Brav bringt er mich mit meinem tonnenschweren schlechten Gewissen zum Tor, wo ich meinen Perso und den Autoschlüssel ausgehändigt bekomme. Noch völlig in Gedanken, sagt mein Spezl am Tor: „Und? Warum host Du Di bloß tätowieren lassen?“ Wir waren stets beim Sie, aber wurscht. Ich erklär’s ihm und frage: „Bin ich deswegen ein schlechterer Mensch?“ „Na. I versteh’s nur net. Bis in zwoa Wochn. Fahr vorsichtig.“ Oh je, ich hab heute gleich mehrere Menschen enttäuscht. Und trotzdem mögen wir uns. Nach Stau und Umleitung schaffe ich es dann doch noch heim und habe vieles zu verarbeiten. Ich schreibe hier nicht alles hin, weil das zartere Gemüter vermutlich überfordern würde. Ich habe von Abgründen erfahren, die nicht einmal in Romanen vorkommen – einfach weil sie zu heftig sind. Und trotzdem… sind es Menschen, was ich nicht müde zu sagen werde. Auch wenn ich nun von Einzelnen ihre Taten weiß, mag ich die meisten hier, da sie mir im direkten Umgang auch wahnsinnig viel zurückgeben. Verrückte Welt, die manchmal auch Kopf steht. Gerade wohl ein bisschen viel…

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