Letzter Tag im Knast, was sich schon eigenartig anfühlt. Wann ich wieder mal in diesem Hotel nächtigen werde, weiß der Henker. Ich weiß echt nicht, wie ich das finden soll? Es ist gut, wenn ich in meinem eigenen Bett pennen kann, keine Frage. Aber hier ist irgendwie meine kleine Insel, meine Auszeit vom Affenzirkus in München. Es war zwar auch ein großer Brocken, den ich da vor mir hergeschoben habe… und ich bin stolz, wie ich dieses Projekt trotz Corona bewältigt habe, aber ich spüre auch eine gewisse Leere.

Die heutige Truppe ist so ziemlich das Gegenteil von der gestrigen. Es sind Leute, die für die Qualitätssicherung zuständig sind, was schon einer anderen Hirnleistung bedarf. Was aber allen – auch dieser Mannschaft – schwerfällt, ist das eigenständige Denken. Nicht etwa, weil sie dumm oder faul sind. Es wird ihnen schlicht abtrainiert. Alles, was an ihnen mündig, frei und kreativ erscheint, wird unter den Mühlen der Justiz zermalmt. Ja, ich weiß, keiner sitzt hier, weil er besonders lieb war. Doch ich frage mich immer mehr, ob diese Art der Haftanstalten nicht Schlimmes noch viel schlimmer macht? Den Leuten wird nicht einfach nur Struktur gegeben, sondern das Denken komplett abgenommen. Es gibt Zeiten, wann sie geweckt werden, wann es Frühstück gibt, wann Mittagessen und Abendbrot, feste Zeiten für das Arbeiten, vorgegebene Kleidung und Schuhe, starre Besuchsregeln… einfach alles ist starr reglementiert. Nichts ist dem Zufall überlassen – außer, wenn die Justiz die Inhaftierten ohne Ankündigung einfach mal so rausziehen. Puh! Das ist doch kein Leben. Und ich soll sie nun dazu animieren, dass sie auf ihre Prozesse schauen und diese optimieren. Dabei wundern sich eigenartigerweise alle, warum die Häftlinge dann sofort sagen, der Meister könne nur was ändern, sie selbst aber nicht. Ich erkläre ihnen das Dilemma anhand des Versuchs mit Flöhen:

Flöhe hüpften in einem offenen Glas so hoch sie konnten über den Rand hinaus. Daraufhin packten die Forscher die Flöhe zurück ins Glas und setzten einen Deckel drauf. Die Flöhe sprangen wieder so hoch sie konnten und stießen sich nun aber den Kopf. Das passierte ihnen einige Male und tat weh, bis sie lernten, nur noch bis kurz vor den Deckel zu springen. Dann nahmen die Forscher den Deckel des Glases wieder ab.

Und was machten die Flöhe jetzt?

Sie sprangen trotzdem nur bis kurz vor die Stelle, wo vorher der Deckel war. Der Deckel war nun in ihrem Kopf. 

Ob es diesen Versuch nun wirklich gab oder er eine Mär ist, ist völlig wurscht. Klar nachweisbar ist schon, wenn ich einen Menschen nichts mehr selbständig machen lasse und quasi entmündige, dann wird er immer unfähiger, kreativ zu denken, wenn ich ihn dann plötzlich wieder dazu auffordere. Erschreckend, wie die Jungs vor mir sitzen und bestätigend, aber auch betrübt nicken. Einer von ihnen ist länger in dieser Firma als Inhaftierter tätig als alle meine direkten Kollegen, die hier arbeiten. Was darf ich da an Engagement überhaupt erwarten? Und doch zeigen sie echtes Interesse, was mich wirklich berührt. Keine Ahnung, ob ich Euch das irgendwie vermitteln kann, wie widersprüchlich, einzigartig und gleichzeitig bereichernd das hier ist?

In einer Pause kommt einer von ihnen zu mir. Die meisten sind draußen beim Piefen, er nicht. Er wollte mir schon letztes Mal etwas gesagt haben. Mit seinem starken türkischen Akzent legt er los und erzählt mir von seiner eigenen Firma, die er draußen hatte, wo er in vielen großen Konzernen unterwegs war und vieles gesehen und erlebt habe. „Aber Sie haben beste Waffe, Chefin.“ Ich habe ihm gesagt, ich sei nicht die Chefin, aber er will mich so nennen. Naja, die einen sagen Mistbiene, die anderen eben Chefin. 🤷‍♀️ Im Knast allerdings von Waffen zu reden, ist grenzwertig, aber er erklärt es: „Haben Sie immer diese Lächeln und gute Laune! Kommt man nicht an Ihnen vorbei! Gute Beispiele, so viele, für jeden was. Ehrlich wahr, Firma hat getroffen voll auf zwölf mit Sie!“ Da muss ich schon schlucken, weil mich das echt sehr freut. Aber Fakt ist, sie machen es mir hier auch sehr leicht, gute Laune zu haben. Als ich abschließend zum Tag noch frage, ob sie mir noch etwas mit auf den Weg geben wollen, worauf ich achten soll oder was ich besser machen könnte, sagt einer: „Jo. Kommen’s einfach bold wieda!“ Hach… Ich versuch’s. Wird mir schwerfallen, hier vorerst keine Schulungstermine in Aussicht zu haben. Ende Oktober komme ich aber noch mal zu einem Rückblick mit Auswertung und zur Planung für weitere Schritte her. Die Ausführung startet allerdings frühestens nächstes Jahr.

Zum Abschluss für heute kommt noch ein kurzes Quiz. Was heißt wohl: „Wen ma Hena hätn, gagandadns.“ ????

Die Auflösung lautet: „Wenn wir Hühner hätten, würden sie gackern.“ Und stellt Euch das mal schnell gesprochen vor. Da steh ich nicht nur auf’m Schlauch, sondern da ist noch nicht mal der Wasseranschluss gelegt. In diesem Sinne ist meine Reise nun zu Ende… mit etwas Glück aber auch nur vorerst.

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