Müde schleppe ich mich aus dem Bett. Irgendwie war es gestern wohl etwas viel. Unsere Gespräche am Abend waren toll, aber eben auch schwer – und das nach einem ziemlich langen Arbeitstag.
Die eine Kollegin kämpft derzeit mit einer depressiven Episode. Das geht nun schon seit ein paar Wochen, was mir richtig leid tut. Sie ruft häufig an, schreibt ständig, weil sie gerade im Krankenstand ist. Das ist vollkommen ok, schlaucht aber natürlich auch etwas. Und was macht unser Chef? Er schreibt ihr Mails, dass er noch Zahlen benötigt. Ganz dringend! Da bin ich kurzfristig fassungslos und dann nur noch rasend wütend. Viele Menschen stehen unter massivem Stress in diesen eigenartigen Zeiten. Aber – ich weiß, ich prangere es immer wieder an – gerade da fordere ich Führungsstärke. Die bleibt aber völlig aus. Das ist so, als würde ein Chirurg als Chirurg bezahlt, operiert aber nicht. Oder ein Bäcker wird fürs Backen bezahlt, backt aber nicht. Die grundlegende Aufgabe einer Führungskraft ist die Führung seiner Mitarbeiter. Das ist so paradox, dass ich es einfach nicht fassen kann.
Anders sieht es in anderen Ländern aus. Ja, es gibt auch schlimmere Formen, in denen Diktatur herrscht. Aber es gibt eben auch Länder, wie Schweden. Selbst, wenn man in Deutschland für eine schwedische Firma (und nein, ich meine nicht IKEA) arbeitet, sieht der Onboarding-Prozess schon ganz anders aus. Von einem Fall habe ich gestern Vormittag erst gehört: Eine Frau, die in einer schwedischen Firma angefangen hat und irgendwann zu einer Schulung zum Hauptstandort musste, wo sie dann der Chef höchstpersönlich willkommen geheißen und sich bedankt hat, dass sie sich für sein Unternehmen entschieden hätte. Wir reden hier nicht von einem 20-Mann-Betrieb. Sie haben einige Niederlassung in Asien und Europa. Die neue Mitarbeiterin war völlig geplättet von der Wertschätzung, die sie erfahren hat. Aber in Deutschland ist leider gerade so gar kein Bewusststein dafür da. Es ist, wie mit der Politik. Wenn sich Menschen, wie Olaf Scholz, nicht als reich bezeichnen, dann sieht man, wie weit die Welten auseinanderdriften. Irgendwie frustriert mich diese Haltung so vieler Menschen. Viele Führungskräfte verlieren einfach den Bezug zur Basis. Daher bin ich ja froh, wenn sich einer von ihnen – so wie gestern – Hilfe holen will. Da verweigere ich mich mal so gar nicht, auch wenn es Ärger gäbe, sollte es herauskommen. Aber den Arsch versohlt mir heutzutage ja auch keiner mehr. 🙂

Die andere Kollegin erzählt von ihrer Histamin-Unverträglichkeit. Sie ist rappeldünn. Optik ist ihr wichtig, keine Frage. Aber sie hätte gerne ein paar Kilos mehr. (Ich würde zu gerne welche spenden.) Es geht ihr gesundheitlich echt schlecht. Dabei ist die „Kleine“ gerade mal 31. Und seit sieben Jahren doktort sie damit rum, dass es ihr immer wieder richtig körperlich zusetzt. Jetzt erst sind sie auf die Histamine gekommen. Und die sind wirklich in sauvielen Lebensmitteln drin. Puh! Was sie so schildert, ist echt krass. Aber dabei ist sie kämpferisch und probiert alles Mögliche aus. Irgendwann sagt sie dann auch: „Dafür habe ich jetzt mittlerweile einige tausend Euro ausgegeben…Wenn es ja hilft, ist es gut. Aber bisher war noch nicht das Richtige dabei.“

Ich schaue mir die beiden Jüngeren an und schäme mich fast dafür, wie gut es mir geht. Ich weiß, das ist kein Grund, sich schämen zu müssen. Aber dennoch denke ich, dass ich doch Glück habe. Ja, ich habe auch meine Baustellen, meine Sorgen und – wie jeder – mein Päckchen zu tragen. Doch es ist nichts, was mich so einschneidend beeinflusst. Und so ein bisschen Dankbarkeit schadet ja auch keineswegs. Ich hadere schon auch mit manchen Dingen, aber es geht mir im Grunde echt gut. Manchmal vergesse ich das. Das ist auch nur zu verständlich im Alltagstrubel. Trotzdem brauche ich immer wieder so kleine (oder größere) Hinweise, die mich dann wieder runterkochen. Es ist und bleibt einfach ein komisches Jahr.

Meine Geschichte, die ich gestern an Heinz und die anderen beiden Kollegen verschickt habe, wurde von Heinz als „toll, Deine Geschichte, Claudia! Ich habe nichts hinzuzufügen“ beantwortet. Hä? Hääääääää? Ich lese die kurze Mail drei Mal. Dann fotografiere ich sie ab und schicke sie meiner Kollegin, die ihn genauso leidenschaftlich verabscheut. Es erstaunt mich, aber ich nehme es mal so an. Die anderen sind auch mehr als zufrieden, was aber zu erwarten war. Denn Fakt ist einfach: Es ist etwas, das keinem dieser Jungs liegt, weshalb sie froh sind, dass überhaupt irgendwas geschrieben wird. Der Anspruch ist also sehr gering.
Und dann fröne ich einfach einer alten Leidenschaft: Ich spreche den Text auf. Hörbücher aufzunehmen, das hätte ich mir beruflich gut vorstellen können. Für meine Neffen habe ich das auch mal gemacht. Will man dies hauptberuflich machen, wird es sehr schnell sehr eng. Dafür verdient man nahezu Micky Mouse Geld. Und da etliche Schauspieler auch zu wenig Kohle haben, verdienen die sich damit häufig ein Zubrot. Aber wenn ich das mal machen kann, so wie jetzt, macht mir das riesigen Spaß. Manchmal könnte man annehmen, ich habe ADHS, weil ich schlechte Laune bekomme, wenn mein Job zu eintönig wird. Schnell wird mir langweilig. Das hätte ich früher gar nicht gedacht. Keine Ahnung, was da bei mir schiefgelaufen ist? Ich mag einfach die Vielfalt und nehme es mal als nicht krankhaft hin.

Am frühen Abend erreicht mich dann vom Institut eine Mail, dass sie mich in ihre Kartei aufgenommen haben. Waaaaaaas? Jo. Heißt erstmal noch nichts. Ich bekomme Ausschreibungen zu den Feldern, die ich angegeben habe, und dann wird geschaut, ob es zu einer verbindlichen Buchung kommt. Aber wäre ich absolut nicht passend, meine Honorarforderung zu unverschämt, würde ich nicht mal in der Kartei landen, oder? Aber so wirklich glaube ich erst daran, dass es klappt, wenn es so weit ist. Doch…so ein bisschen stolz bin ich schon.

Etwas übervoll von gestern, sitze ich jetzt hier vor dem Laptop und lausche der Schulung zu „Stressbewältigung, Burnout und Mobbing“. Die Eigentherapie, die manche mit dem diesem Kurs machen, ist ja jetzt auch am Ende angekommen. Nächste Woche habe ich noch einmal meinen Freitagskurs, dann ist das auch rum. Gut, es sind noch drei Schulungen offen, die aufgrund von Corona ausgefallen sind, aber die sollen noch nachgeholt werden. Wer´s glaubt… Aber ich merke durchaus, dass so langsam die Luft raus ist bei den vollkommen belasteten Mitschülern. Es sind ein paar Perlen dabei, zu denen ich auch Kontakt halten werde. Aber dem Großteil sage ich nicht traurig Lebewohl. Es gibt für alles seine Zeit. Und irgendwie ist es ja fast immer so, dass zum Ende hin die Luft einfach raus ist. Es war gut, es war nützlich, und jetzt darf es vorübergehen. Das nächste halbe Jahr wird arbeits- bzw. lernintensiv. Da passt es doch, manches auch einfach ziehen zu lassen, oder?

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