Corona spaltet. Da ist was dran. Ich kann mich davon auch nicht freisprechen – ganz im Gegenteil. Diese ewigen Diskussionen, krankes Halbwissen – mit ganz viel Phantasie angereichert – ermüden mich einfach. Mannomann. Und so starte ich dann gegen elf Uhr zu einem gemeinsam vereinbarten Essen. Gestern haben wir noch kurz beratschlagt, ob wir uns echt zu sechst treffen sollen. Mmmh, ich entscheide mich dafür, obwohl das nicht so ganz richtig ist. Und so fängt es schon an: „Nicht so ganz richtig“ ist eben auch schon falsch. Da sind wir Menschen immer ganz schnell bei der Hand, uns alles ein wenig zurechtzubiegen. Die Dame vom Restaurant ist auch flexibel in ihrer Erklärung: „Es ist Kirchweih! Was denken die sich denn von der Regierung?! Wir haben kurzerhand beschlossen, dass Sie alle Schwestern sind. Nur für den einen Herrn müssen wir uns was überlegen.“ Äääääh? Der einzige Mann schmunzelt und ergänzt: „Ich bin einfach der Bodyguard.“ Is klar. So richtig wohl fühle ich mich gerade nicht. Die Regel besagt einfach was anderes. Naja, es ist für mich das letzte Mal in diesem Jahr, dass ich so ein Treffen zu sechst durchziehe.

Da ich die Erste bin, habe ich ausreichend Zeit, meine Umgebung zu scannen. Besonders ein altes Öpken tut´s mir an. Er läuft mit einer Gehhilfe und bewegt sich unsicher im Schneckentempo auf den Beinen. Dafür trägt er ein hippes schwarzes Sweatshirt mit weißer Aufschrift: „I’m not impressed by your moves“. Ob das seine eigene Ironie ist oder sich die Enkel hier einen Spaß erlaubt haben? Oder ob schlichtweg keiner auf den Text geachtet hat und Opa ein schwarz-weißes Pullöverchen brauchte? Es bleibt ein Rätsel. An einem anderen Tisch weiter hinten sitzt ein Mann, der eine Schenkelbürste trägt, die echt pfui ist. Es hat was von einem Walrossbart und ist ähnlich ungepflegt. Vollbärte haben für mich durchaus ihren Reiz – wenn es zu dem Mann passt. Erfahrungswerte kann ich hier leider nicht bieten, denn mit einem Bärtigen hatte ich noch nie was. Warum eigentlich nicht? Ach, ich sollte mal eine Annonce schalten. Das ist natürlich ein SCHERZ! Also, das mit der Annonce. Gegen Vollbart habe ich in der Tat nichts. Aber gegen Olibas schon. Ich habe noch nie den Sinn eines Schnäuers verstanden. Und stünde so einer mit seiner Popelbremse vor mir, dann müsste ich leider: „Sorry, NEXT!“ rufen. Ist einfach nicht meins. Entweder ganz oder gar nicht. Aber Gottseidank sind die Geschmäcker ja so unterschiedlich. Nur ist eins immer wichtig: „Gepflegt“ lautet das Zauberwort. So ein Anblick, der an Antje (das Walross von NDR) erinnert, ist kein schöner. Und hier macht sich mein immerwährendes Phänomen bemerkbar: Ich kann nicht wegschauen. Als die anderen eintrudeln und ganz unauffällig hinstarren, macht es das nicht besser. Es erstaunt mich immer wieder, wie subtil manche Menschen unterwegs sind…und wie wenig so viele andere.

Es kommt, wie es kommen musste (und ich ja im Vorfeld schon befürchtet hatte): Sie reden über Corona. Ich habe mir vorgenommen, mich zurückzulehnen und den Mund zu diesem Thema zu halten. Fällt mir schwer, aber wie war der Spruch mit der Taube und dem Schachspielen noch mal? Eben. Mei, is des anstrengend. Irgendwie ist es schade, aber ich merke, wie ich mich immer mehr von einer Freundin entferne. Im Grunde bin ich für Meinungsfreiheit. Aber dieses Leugnen von Corona, sämtliche Verschwörungstheorien…das lässt mich mich zurückziehen. Mag nicht nett sein, aber ich nehme dieses Verhalten ganz klar wahr. Die andere Variante ist, dass ich gegenargumentiere und den anderen bisweilen mit den eigenen Waffen schlage, was auch arroagnt wirkt. Keine Ahnung, den richtigen Weg finde ich nicht. Und so schweige ich in großen Teilen – was immer ein schlechtes Zeichen ist für Menschen, die mich kennen.
Natürlich bin ich bei manchen Maßnahmen auch kritisch. Aber ich bin kein Experte, daher bin ich gerne bereit, zu versuchen, mit unterschiedlichsten Maßnahmen die Verbreitung einzudämmen. Und ja, es wird später Erkenntnisse geben, die manches rückblickend überflüssig erscheinen lassen. Und? Aber Verzicht ist für viele Menschen wohl das Schlimmste, was ihnen passieren kann. Ich verstehe es nicht. Individualismus ist wichtig, aber so komplett und ausschließlich auf Ellenbogen zu setzen, widerstrebt mir vollkommen.
Irgendwann versuche ich, das Thema zu wechseln und frage nach einem Kino, weil ich weiß, dass eine der Damen gerne und oft ins Kino geht. Ja, das Kino sei wieder in Betrieb. Schön. Und schwups, kommt die Rede wieder auf Corona und Impfungen gegen Grippe. Ich berichte, dass ich ausnahmsweise die Grippeschutzimpfung habe durchführen lassen. Die Antwort von dem einzigen Mann fasziniert mich, weil sie an Absurdität nicht zu überbieten ist. „Ich lass mich nicht gegen Grippe impfen, solange ich nicht ganz genau weiß, was da drin ist. Außerdem machen die da heimliche Testungen, während Du nur denkst, dass Du geimpft wirst. Ich vertraue da niemandem mehr bei irgendwas.“ Wow. Das habe ich auch noch nicht gehört. Bei mir ist definitiv nichts abgezapft worden, sondern nur injiziert. Vermutlich haben sie mir einen Chip unter die Haut gejagt, oder was? Aber das ist so verdreht und krude, dass mir nichts mehr einfällt. Und dann fängt eine andere von Außerirdischen an. Sie wird auf jeden Fall nach ihrem Tod eine Außerirdische. Zunächst lache ich noch, aber dann merke ich: Sie meint das ernst. Alter, wo bin ich hier?! Kennt Ihr das, wenn es so absurd wird, dass Ihr hektisch nach der verdammten Kamera sucht. Und dann der Moment der Erkenntnis, es handelt sich hier nicht um „Verstehen Sie Spaß“, sondern die meinen das ehrlich genau so. Ich frage mich dann schon, was sie nehmen und ob ich davon bisweilen auch was haben könnte? Oder sie lernen, die richtige Dosis zu nehmen. Wäre auch mal ein Anfang. Puh.

Corona macht einsam. Aber nicht wegen der Auflagen seitens der Regierung – zumindest bei mir. Mich macht Corona einsam, weil ich mich von einigen Menschen distanzieren muss, um nicht laut schreiend und hysterisch durch die Gegend zu laufen. Ich weiß es doch auch nicht, aber es macht mir Angst, was in manchen Köpfen so alles ab- bzw. schiefläuft. Es ist traurig, aber ich merke, dass ich hier im Süden nicht bleiben kann – also nicht auf Dauer. Denn hier kommt noch erschreckend Ausländerfeindlichkeit hinzu. Wie sagt noch die eine über eine Freundin: „Ach, die sagt ja auch, Corona und all das haben nur die Ausländer verschuldet.“ Und da lacht sie dann noch drüber. Ich schaue sie nur entsetzt an und sage: „Sorry, aber da kann ich noch nicht einmal mehr drüber lachen. Das ist einfach nur krank!“ Jaja, sie relativiert ihr Lachen schnell, weil sie es auch krass fänd. Krass? Ich frage mich, wohin das führen wird? Das Mittelalter scheint doch nur einen Wimpernschlag entfernt zu sein. Als Nächstes fordern solche Menschen wieder die Todesstrafe. Ich bin verwirrt. So was ist echt zu viel für mich. Es sollte ein nettes Treffen werden. Unterm Strich ernüchtert es mich allerdings nur. Wie gut, dass ich so bald keine Zeit mehr habe.

Genau das ist mein Plan für die nächsten Monate: Lernen, mich auf mich konzentrieren und Menschen meiden, die offensichtlich eine am Helm haben. Wenn ich therapeutisch tätig werde, ist das was anderes. Aber Menschen als Freunde zu bezeichnen, die so drauf sind, fällt mir zunehmend schwerer…Toleranz hin oder her.

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