Ich schlafe gut und vor allem auch durch. Na, das nenne ich mal niedergestreckt. Mein ganzer Kiefer ist völlig verspannt und bretthart. Ach ja, es lebe die Anstelleritis. Ich sage ja immer, mir fehlt das Gen fürs Drama. Und im Grunde stimmt das auch nach wie vor. Man wird mich nie Porzellan zerschlagen und kreischen sehen, wenn ein Streit entsteht. Je lauter die Leute um mich herum werden, umso ruhiger werde ich. Keine Ahnung, woher ich diesen Mechanismus habe, doch ich bin dankbar für ihn. Völlig anders sieht es hingegen aus, wenn ich etwas so gar nicht kann und das schwächste Glied in der Kette bin. Dann fahre ich innerlich schon den Dramazug ab. Wenn ich dann so zurückblicke, amüsiere ich mich über mich selbst. Tja, ein bisschen Drama steckt doch in jeder Frau…also irgendwie, oder?

Heute Morgen bin ich dann doch wieder zeitig wach und sehe auch keinen Sinn darin, mich länger im Bett herumzuwälzen. Ich stehe also brav auf und mache mir Frühstück. Noch im Nachthemd setze ich mich vor den Fernseher. Und ja, ich weiß, dass man das nicht macht. Daher ist es ja auch gut, dass ich nicht „man“ bin, sondern ich. Am Wochenende frühstücke ich gerne vor der Flimmerkiste. Da es noch früh ist, zappe ich erstmal durch etliche Kanäle, nur um dann auf eine Doku über Gangster zu stoßen. Vor allem fasziniert mich diese Doku, weil sie hauptsächlich in Peru, zum Teil auch in Bolivien spielt. Es geht um Kokain – und wer daran wirklich verdient. Ich sehe die Bilder und denke, das sieht genau so aus, wie ich es in Erinnerung habe. Und wenn man sieht, wie wenig die Menschen dort haben, es aber auch keine Auswege zu geben scheint, dann finde ich das einfach nur fürchterlich. Ich denke an meine süßen Dschungelkinder. Ob ihnen ein ähnliches Schicksal blühen wird? Es sagt sich von außen immer so leicht, sie hätten eine Wahl. Wenn Du aber so groß wirst, wenn Du nicht weißt, wie Du Deine Familie sonst ernähren sollst, dann ist das ein Armutszeugnis für unsere ach so fortschrittliche Welt.

Mein Handy klingelt und reißt mich sofort aus meinen trüben Gedanken. Herr Leckebusch ruft an und trötet direkt durch den Hörer. Es gibt Menschen, die einem sofort ein fettes Grinsen ins Gesicht schmieren. Wir plaudern über Jan und Pitt – wie immer. Wir reden auch über schwere Themen, ganz klar. Seine Schwiegermutter, die er immer „Königinmutter“ nennt, ist recht dement. Und doch schneidet sie manches auch wieder ganz genau mit. Ihr ist es – laut seiner Aussage – wie vielen Menschen im Altenheim ergangen: Sie sind in den letzten Monaten erschreckend gealtert. Durch Corona durften sie lange nicht besucht werden. Seine Frau arbeitet in einer dieser Heime und ist nun seit nahezu zwei Jahren mit Burnout Zuhause. Viele Menschen seien wohl an Vereinsamung gestorben. Seine Schwiegermutter scheine sich auch zu verabschieden, denn sie verspüre nur noch den unbändigen Wunsch, noch einmal ans Grab ihres Mannes zu dürfen. Ach, das ist schon traurig, oder? Ich frage ihn, ob ihn das auch nachdenklich mache? Immerhin ist der Gute schon 81. „Ah watt, ich hab´ doch noch so viele Ideen im Kopp. Ich werde 104. Anders geht datt ja nich!“ Herrlich. Und ich glaube ihm, dass er das glaubt. Dieser unerschütterliche Glaube daran, dass alles gut werden wird, weil er immer alles dafür tut – diesen Glauben bewundere ich total.
Ich erzähle ihm auch, wie jämmerlich ich mich Donnerstagabend gefühlt habe und wie kindisch. Er ist wieder mal göttlich: „Mädchen, wäre et denn besser, Se würden die drei Porzellanteller, die Se ham, zertrümmern? Nee. Da rotzen Se mal ´n Ströphken, dann is datt doch juut.“ Wenn der wüsste, was ich an Porzellan habe! Dann würde er mir dazu raten, manches zu zertrümmern. Und dann schiebt er hinterher: „Ich find´ datt bärenstark, dass Se sich dem dann doch so stellen. Wer tät´ datt denn sons noch? Ich kenn´ da keinen, der so is!“ Komisch, von ihm kann ich das ja immer nehmen.
Gestern sollten wir in einer Übung von einer Führungskraft reden, die uns in unserem Leben beeindruckt hätte – egal, ob beruflich oder privat. Die beiden in meinem Team erzählten von ihren hippen, jungen Führungskräften, die ihnen viel Freiraum ließen. Ich habe Herrn Leckebusch als Beispiel gebracht, der allerdings nie mein Chef war. Er hat sich für seine Mitarbeiter interessiert, wusste immer, was sie auch privat bewegt und beschäftigt. Darüber hinaus hat er gefordert und gefördert und ist bis heute nicht zu alt oder zu weise, noch etwas zu lernen. Und – was ich so einzigartig finde: Er ist sich nie zu schade, sich bei den Leuten zu bedanken für das, was er von ihnen gelernt hat. Da haben mich die anderen beiden mit großen Augen angeschaut.
So erzählt er dann auch, wie er vor Wochen seine Frau in der Reha besucht hätte. Sie seien dann samstags ins Städtchen gegangen, wo er dann ewig wieder durch einen Buchladen geströpt sei und tolle Postkarten gefunden hätte. Er habe einen riesigen Stapel mitgenommen, was die Besitzerin habe aufmerksam werden lassen. Da er nicht in der Nähe wohne, habe diese ihm einen Kontakt aufgeschrieben, wo er diese Karten in Zukunft auch direkt bestellen könne. In der Woche drauf, habe er sich Zuhause hingesetzt und der Dame eine Dankeskarte geschickt, was sie so rührend fand, dass sie ihm auch geschrieben habe. Und nein, hier geht es nicht ums Baggern. Es geht darum, jemand anderem mal zu danken, dass er/sie etwas besonders gut gemacht hat.
Wann machen wir das im Alltag? Wir pesen durch die Geschäfte, kaufen ein, aber halten doch nur selten inne. Und in dem Maß, in dem er das tut, bekommt er das Positive häufig auch zurück und führt ein sehr zufriedenes Leben.

So inspiriert, mache ich ein bisschen Hausarbeit und genieße die Tatsache, an diesem Wochenende nichts zu müssen und nur noch drei Wochen zu arbeiten, bevor ich meine Lieben wiedersehe. Ach, was geht´s mir gut, oder? (Erinnert mich nur nicht an die Prüfung! 😉 ).

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