Heute sind wir voller Tatendrang. Wir beginnen schon zeitig. Erstmal heißt es, die Tapete von der Wand zu piddeln. Und ganz ehrlich? Das finde ich immer sehr gut. Da kann ich mich schön abarbeiten. Nur eines zeigt sich heute deutlich: Ich bin alt. Richtig alt. Früher ging das leichter von der Hand. Zugegebenermaßen ist der Raum schon echt groß. Aber immerhin hören wir gute 80er Musik. Da macht das echt Spaß. Die Kleinstarbeit dann wieder weniger, aber solche Projekte an sich mag ich im Grunde schon immer sehr. Da kann ich sehen, wie etwas entsteht. Das fehlt mir bei meiner Arbeit normalerweise.
Als die Tapete ab ist, mampfen wir Pizza und schnaufen kurz durch, bevor es dann mit der Tapete weitergeht. Irgendwann kommt es dann zu einer kniffligen Stelle. Der Große meiner Sis macht das ganz souverän, aber es dauert und ist eben nicht ganz so easy. Es ist der Wahnsin, wie lange manches in einem nachhallt. Denn ich stelle dabei fest, wie mein Magen sich zusammenzieht. Ich werde nervös und unruhig. In solchen Momenten ist mein Vater früher nämlich immer ausgetickt. Es waren ohnehin immer alle anderen, die irgendwas verbockt hatten. Er wurde dann fuchsteufelswild, hat rumgebrüllt und ´nen Affen gemacht. Wie oft ich zu hören bekommen habe, ich sei ein Spastiker, kann ich nicht mehr zählen. Nie war etwas gut genug. Erklärt hat er uns auch nichts. Irgendwie fühlte er sich wohl am wohlsten, wenn er uns so richtig runtermachen konnte. Diese Situation jetzt beim Tapezieren ist damit überhaupt nicht vergleichbar. Und trotzdem löst es diese Magenschmerzen in mir aus. Irgendwie traurig, oder? Der Große löst es, wie gesagt, ganz souverän. Aber ich komme mir nutzlos vor. Zum Tapeteentfernen und Handlangern reicht es bei mir. Zu mehr bin ich wohl nicht zu gebrauchen. Kein schönes Gefühl.

Und dann kommt noch ein Brief für mich an. Die Absage für die Prüfung im März. Das Positive: Ich muss nicht bis Mitte Februar darauf warten. Das Doofe: Ich komme eben nicht im März dran. Für Oktober muss ich mich dann wieder anmelden. Ob ich dann geprüft werde, ist auch noch nicht klar. Die Heilpraktiker werden nicht so geschätzt. Mit Ärzten würde man so nicht umgehen. Da wird der rote Teppich ausgerollt. Aber so? Ist es ja wurscht. Da fühlt man sich echt gegängelt. Nur hilft es nichts. Ich muss da durch. Trotzdem könnte ich nur noch heulen. Das klingt total überzogen, ich weiß. Aber so fühlt sich das gerade an. Es wird sich alles fügen, keine Frage. Trotzdem: Da stecke ich mitten in der Vorbereitung, und alles verschiebt sich um ein halbes Jahr – wenn ich Glück habe. Es kann ja auch 2022 werden. Wer weiß das schon so genau? Ich könnte echt im breiten Strahl kotzen.
Richtig süß ist mein großer Neffe, der mich ganz fest in den Arm nimmt. Das hat er vor ewigen Jahren schon mal gemacht, als ich die Diagnose Psoriasis erhalten habe. Damals habe ich geweint. Er hat mich groß angeschaut und vor mir gestanden, weshalb ich ihn auf den Arm genommen, und er hat seine Ärmchen um mich geschlungen und gefragt: „Bist Du traubich?“ Ja, das war ich damals. So menschliche Umschläge tun schon sehr, sehr gut.

Zum krönenden Abschluss habe ich nun noch Schule. Vorbereitung für die Prüfung, die ich dann eventuell…also irgendwann…vielleicht mal ablegen kann. Immerhin kläre ich, dass ich die intensiven Wiederholungsstunden nächstes Jahr im Herbst mitmachen kann.
So wirklich kann ich mich gerade nicht konzentrieren. Dieser Tag wird nicht als Lieblingstag in mein Tagebuch eingehen – würde ich denn eins führen. Aber immerhin bin ich von meinen Lieben umgeben, die mich gut ablenken können. Morgen wird alles besser. Da tapezieren wir die letzten Bahnen und streichen dann, was der Große gestrichen haben will. Dann bin ich abends zwar wieder platt, aber eben ein gutes Platt. Meist kreisen die Gedanken dann nicht mehr so, und ich kann gut schlafen. Ist doch auch was wert.
In diesem Sinne hoffe ich, Euer Tag lief runder. 🙂

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