Der heutige Tag ist Gottseidank wieder etwas „normaler“. Bei diesen Konferenzen kommt nicht nur heißer Dampf raus. Im neuen Wirkungsbereich werde ich gut aufgenommen und sofort akzeptiert. So macht es dann auch echt Spaß, wobei da noch manches auf mich zukommen wird. Da darf ich mich dann mit der mir nicht sonderlich sympathischen Technik auseinandersetzen, aber wenn das alles ist, geht´s ja noch.

Und doch…hadere ich. So, wie sich die Zahlen entwickeln, kann ich mir nicht vorstellen, dass im März irgendeine Prüfung stattfinden wird. Demnach würden die März-Prüflinge auf Oktober geschoben. Ergo würde ich dann erst nächstes Jahr im März geprüft – wenn das dann klappt. Ich weiß, dass viele von uns mit Ungewissheit konfrontiert sind. Und wenn eine Entscheidung gefallen ist, verdaue ich sie dann auch schnell. Wie nennt das meine Mitschülerin (auch Böckchen) so schön? Radikale Akzeptanz. Darin bin ich dann auch wieder gut. Nur ist der Weg bis zur Entscheidung wieder so müüüühselig. Ich möchte der Gestalter meines Lebens sein und nicht von der Ersatzbank aus zuschauen müssen. Und ja, ja und nochmals ja: Es ist ein Jammern auf verdammt hohem Niveau. Aber das gestatte ich mir dann doch auch mal.

Zwischen Arbeit und Lern-Skype-Schalte brauche ich deswegen etwas, das mir gut tut. Bei dem Wirbelwind mit Schneeregen da draußen, flüchte ich in eine heiße Wanne und träume mich fort. Wasser hat eben immer eine beruhigende Wirkung auf mich. Wie toll wäre es, von hier aus einfach rausschwimmen zu können? An jeden erdenklichen Ort der Welt. Die Vorstellung fasziniert mich. Wie ist das eigentlich mit diesen Virtual Reality-Brillen? Ich glaube, irgendwann brauche ich auch so ein Ding. Es ersetzt nicht diese wunderbar würzige Meerluft, wenn ich mit den Füßen im Sand versinke und das Wasser alles umspült und der Wind mir die Haare zerzaust. Alle Sinne können wohl nicht mit der VR-Brille betrogen werden, aber ein kleiner Ausflug, bei dem wir über alle möglichen Kontinente flanieren können, ist doch grandios. Und das alles, ohne dass Spinnen sich anschleichen und einen erschrecken. Ohne lästige Mücken. Und ohne Sonnenbrand – was bei mir ja nicht gerade unerheblich ist.
Und so träume ich mich fort. Nicht, weil das Leben nicht auszuhalten wäre. Nicht, weil ich traurig bin oder fliehen wollte. Sondern einfach, weil ich andere Welten sehen möchte und immer wieder diese unbändige Sehnsucht in mir spüre. Ich frage mich manchmal, woher diese kommt? Klar, mein Oppa ist ja gerne verreist, aber auch nicht so weit weg. Meine Mitschülerin denkt über einen Monat Auszeit nach, an dem sie die Küste mit ihrem Mann entlangfährt – allerdings in Brasilien, wo ihr Mann auch herkommt. Das stelle ich mir schon schön vor. Aber noch befriedigender finde ich es für mich, allein auf Tour zu gehen. Die Ungewissheit macht mich vorher wieder nervös. Doch ich werde gezwungen sein, andere Menschen anzuquatschen – was mir ja nicht wirklich wie ein Zwang vorkommt. Ich möchte durch Straßen schlendern und andere Leute beim Streiten, Lachen, Kaffeetrinken beobachten. Möchte mich zu denen gesellen, die mich aufmerksam mustern und mit ihnen mit Händen und Füßen kommunizieren. Ich will fremde Gesichter sehen und mir ausmalen, wie sie wohl leben, wen sie lieben? Ich schaue mir gerne Gesichter an – wie ein richtiger Voyer. Die wunderschönsten habe ich in Cusco entdeckt, wenn ich durch den Zoom der Kamera geschaut habe und niemand bemerkte, wenn ich sie beobachtet habe.
Es sind die Menschen, die mich nun einmal faszinieren…weniger die Prozesse, in denen sie arbeiten. Daher auch die Diskrepanz zu meinem Leben. Ich habe einen guten Job, ein sicheres Auskommen, ohne je reich werden zu können. Aber manchmal habe ich das Gefühl, innerlich zu verkümmern, wenn ich nicht raus in die Welt ziehe. Das wird manch einen den Kopf schütteln lassen und sich zu Äußerungen hinreißen lassen, wie: „Die Olle hat doch wohl ´nen Sprung.“ Und? Den habe ich wohl. Aber es ist meiner, und ich hege ihn sorgfältig. Und Ihr so?

3 Kommentare

  1. Diesen Sprung bitte nicht kitten! Ich kann deine Sehnsucht gut nachvollziehen, so wie du sie beschreibst. Obwohl ich selbst gerade das Gegenteil denke: Gut, dass ich das und das und das schon gesehen habe, jetzt wo ich nicht reisen darf oder in bestimmte Teile der Welt (USA sag ich mal) auch gar nicht mehr reisen wollen würde. Das macht mir grad Angst, weil wenn diese Sehnsucht aufhört, kann man doch gleich einpacken. Tja, ich hoffe, die Reiselust, die ich als Lebenslust verstehe, kommt zurück.
    Liebe Grüße, und schöne (Reise-)träume!

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    1. Liebe Anke,
      ich kann verstehen, was Du meinst. Ich zehre auch von den Erlebnissen, die ich hatte. Und weil ich weiß, wie schön und bunt die Welt da draußen ist, möchte ich umso mehr wieder hinaus. Das Reisefieber wird Dich schon wieder packen. Aber die derzeitige Angst ist eben auch eine Gefahr für uns und unsere Gemüter. Respekt zu haben, ist sicherlich gut und angeraten. Doch verlier´ nicht die Zuversicht, dass alles wieder gut werden wird. Ich behalte sie bei…an den meisten Tagen zumindest.
      Ich wünsche Dir unbändige Lebenslust, die bald zurückkehrt und Dir zigfach fettes Grinsen ins Gesicht zaubern wird.
      Pass´ auf Dich auf!
      Claudia

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