Heute Morgen habe ich ein Telefondate. Nee, nicht so, wie jetzt manch einer anzüglich grinsend denkt. Ich telefoniere mit Herrn Leckebusch. Wir haben uns lange nicht gesprochen, weil immer etwas anderes war. Im Grunde geht das gar nicht. Und es klingt so nach Ausrede, denn ich saufe ja nicht in Arbeit ab. Dennoch ist mein Kopf nonstop beschäftigt. Das schlaucht manchmal ganz schön – ungeachtet dessen, wie lächerlich sich das anhören muss.
Gestern Abend hatte der gute Herr Leckebusch es bereits versucht, doch da hatte ich meine Kollegin am Ohr. Daher habe ich ihm vorgeschlagen, es doch heute um 11 Uhr zu versuchen. Da ich um seine Bundeswehrzeit weiß, rufe ich bereits um 10:55 Uhr an. Er eröffnet mit: „Sie könnten die Tochter eines preußischen Generals sein“, was ich mit: „Fünf Minuten vor der Zeit, ist des Soldaten Pünktlichkeit“ quittiere. Da lacht er auch schon los. So hatte ich mir das vorgestellt. Doch auch der stets gut gelaunte, positive Herr Leckebusch berichtet mir von all dem Elend um ihn herum. Viele seiner Freunde seien krank – eher körperlich, denn psychisch. Und das macht natürlich auch ihm zu schaffen. Überall kommen die Einschläge näher. Mit 81 Jahren ist das ja nun auch kein Wunder. Doch tapfer lehnt er sich gegen den Pessimismus auf. Das bewundere ich so an ihm.

Er berichtet mir davon, die erste Impfung hinter sich gebracht zu haben und nächsten Samstag die zweite Dosis zu erhalten. Seine alten Freunde fürchten sich noch zu sehr vor den Spätfolgen der Impfstoffe. Wie sagt die Kollegin meiner Sis über die Sorgen ihres 85-jährigen Schwiegervaters noch so schön: „Ja sicher, er könnte als Spätfolge zeugungsunfähig werden. Das wäre schon ein Drama.“ Ich weiß, jeder darf seine Sorgen haben und entscheiden, wie er/sie mag. Ich bin da völlig schmerzfrei. Die Freunde meines väterlichen Freundes springen hingegen gleich auf etwas anderes auf. Sie haben zwar Vorbehalte gegen die Impfung, echauffieren (ich mag das Wort nicht, aber baue es trotzdem mal ein) sich dann aber darüber, wie er sie schon erhalten konnte? Fragen, wie er das mal wieder hingebracht hätte, werden laut. Herr Leckebusch pariert: „Ich war doch bei der Bundeswehr.“ Empört kommt die Rückfrage: „Watt hatt datt denn damit zu tun?“ Er wieder: „Ich war beim Bundesgrenzschutz.“ Sein grummliger Bekannter wiederum: „Und? Watt haste da gemacht?“ Herr Leckebusch pariert in Golum-Manier: „Geschnüffelt.“ Er nimmt sein Gegenüber gerne hops – zumal wenn es so einfach geht. Ich finde es lustig, dass sich manche Leute einfach darüber aufregen wollen, dass sie noch kein Impf-Angebot erhalten haben, obwohl sie sich auch partout nicht impfen lassen wollten. Ich sag´s ja: Alles etwas verkehrte Welt.

Er berichtet davon, wie wenig Optimisten und gut gelaunte Menschen es noch gebe…und dass er befürchte, er und ich würden mit unserer Art noch aussterben. Er wird auch nicht müde, jüngere Leute darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig ein Leben neben der Arbeit sei. Der Job sei nicht unerheblich, doch: „Jeder braucht ein Hobby, egal, watt datt is. Ob et Briefmarken sammeln is oder Regenwürmer messen und wiegen – is doch schisskojenno.“ Für solche Vergleiche könnte ich ihn knutschen. Ich stelle mir dann bildlich vor, wie jemand Regenwürmer sammelt und auf so eine Koks-Waage legt, denn die ordinäre Küchenwaage dürfte für solche Sperenzchen zu ungenau sein. Und dann wühlt dieser Regenwurm noch in Restbeständen des Kokses herum und dreht völlig ab. Ja, ich weiß, ich sollte das mal untersuchen lassen. Aber irgendwie gefällt mir meine Phantasie dann doch zu sehr, als dass ich auf sie verzichten wollen würde.

Und er berichtet wieder einmal Dönekes von seiner früheren Tätigkeit im Vertrieb. Zu seinem Amtsantritt in einer neuen Stadt, habe er einen Außendienstler aufgesucht und nachgefragt, was er für ihn tun könne. Sein Vorgänger habe diesen Produzenten als faule Sau abgestempelt, der nicht mehr rausgehe. Doch Herr Leckebusch lebt nach dem Motto: „Da gibbet doch eine Ursache für. Is et ´n Geheimnis oder können wir drüber reden?“ Und so fragt er eben diesen ihm bislang unbekannten Vermittler, was er als neuer Chef denn nun für ihn tun könne? Dieser ist völlig perplex: „Ja, das habe ich ja noch nie erlebt!“ Leckebuschs Standard-Antwort für solche Momente: „Ich war ja bislang auch noch nie hier.“ Der Mitarbeiter fragt vorsichtig: „Normalerweise müsste ich eher fragen, was ich für Sie tun könnte, oder?“ Da winkt Herr Leckebusch ab und entgegnet: „Ich weiß, datt ich mich morgens rasieren muss, Zähne putzen und waschen. Da brauch ich keine Hilfe. Aber was kann ich für Sie tun?“ Das ist es, was ich so mag. Denn es interessiert ihn in solchen Momenten wirklich sein Gegenüber. Er möchte verstehen und wirklich Unterstützung anbieten. Nicht umsonst sind ihm seine alten Mitarbeiter nach fast 17 Jahren Unruhestand immer noch treu ergeben. Er war stets menschlich – bei all dem Interesse an Profit, das mit seinem Job natürlich auch einherging. Getreu dem Motto: „Wenn Dein Mitarbeiter zufrieden ist, leistet er auch gute Arbeit.“ Doch das setzt eben auch ein gesundes Maß an Menschenliebe und Offenheit für all die bunten Vögel auf der Welt voraus. Und das kann keiner erlenen, der es nicht hat, befürchte ich.

Irgendwann frage ich ihn, ob ich etwas Persönliches fragen dürfe. Er wird ganz leise: „Ja.“ Ich erinnere mich an Gespräche mit ihm, als wir vor Jahren gemeinsam wochenweise Grundseminare zum Besten gegeben haben. Abends, bei einer alkoholfreien Gerstenkaltschale, war ich oft genug seine Beichtmutter – wie er es immer bezeichnet hat. Er war dreimal verheiratet. Von einer Frau erzählt er bis heute mit Feuer in den Augen. Seine Frau hingegen…sie sei ein Fisch. Eher kühl, wenig Emotion zeigend, nicht wirklich greifbar. Jetzt ist sie seit knapp zwei Jahren Zuhause. Sie verbringen nun zwangsläufig mehr Zeit miteinander. Und da hat man auf der einen Seite diesen (innerlich) bunten Paradiesvogel, der neugierig aufs Leben ist und mit voller Leidenschaft in alles hineinspringt – neben der kühlen, distanzierten Person an seiner Seite. Und ja, Gegensätze ziehen sich bisweilen auch an. Er ist auch im Grunde zufrieden mit seinem Leben, aber ist er auch manchmal glücklich in seiner Ehe? Es folgt ein leises: „Nein.“ Und das erschüttert mich, auch wenn ich es zwischen den Zeilen so oft herausgehört und entsprechend damit gerechnet hatte. Ich wünsche jedem, glücklich zu sein. Das ist kein Dauerzustand, schon klar. Und Zufriedenheit ist ein verdammt hohes Gut. Aber dieser lebensbejahende, die ganze Welt umarmende, Funken sprühende Mensch bräuchte schon auch hin und wieder seine Glücksmomente. Umso mehr bewundere ich ihn für seine positive Lebenseinstellung, seine unterstützenden, immer aufbauenden Worte, mit denen er mir stets den Rücken stärkt. Da sein holder Fisch mittlerweile wieder Zuhause eingeflattert ist, verschieben wir diesen Aspekt auf ein anderes Mal.

Im Folgenden freue ich mich, davon zu hören, wie er bereits beginnt, erste Abschnitte für sein geplantes Buch gedanklich zu gliedern. Doch er wisse nicht, wo er beginnen solle? „Darf ich einen Wunsch äußern?“ Sein donnerndes: „Aber klar doch, Mädchen!“ erschallt. Ich bitte ihn darum, bei seiner Kindheit zu beginnen. Er ist ein Kriegskind. Er hat noch Erinnerungen daran, mit seiner Omma in den Bunker zu fliehen. Am meisten geprägt habe ihn jedoch sein Oppa, der ihm beigebracht hat, aus nichts alles zu machen. Oft habe er gesagt, wenn Herr Leckebusch mal wieder enttäuscht war: „Kannstet ändern? Nee. Also: Täsch lecken, Jung…und weitermachen!“ Wieviele ältere Menschen kennt Ihr, die überhaupt über diese Zeiten reden? Wieviele von denen kennt Ihr, die Positives daraus gezogen haben? Ich kenne keinen Einzigen – außer Herrn Leckebusch. Und daher sehne ich dieses Buch herbei, da es die Möglichkeot eröffnet, zu entdecken, wieviel positives Denken ausmacht. Und zwar an praktischen Beispielen und keinen theoretischen. Das sind die Menschen, an denen ich mich orientieren und mit denen ich mich umgeben will – und…für die ich so dankbar sind.

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