Ach, ein bisschen kann ich schon noch lesen…das klingt jetzt aber echt wie das Ende…man, das ist nun richtig spannend. Was soll ich sagen? Das betreibe ich gestern bis 1:45 Uhr – immer in der Annahme, dass nun doch das Ende bestimmt gleich erreicht sei. Dabei klingelt der Wecker heute Morgen wieder früh. Und ich leide noch nicht an seniler Bettflucht, weshalb ich schon ganz gerne meine sieben Stunden Schlaf bekomme. Besonders gut schlafen, kann ich diese Nacht allerdings ohnehin nicht, denn es liegt mir im Magen, Montagfrüh meine Rücksprache mit meinem Chef zu haben. Das letzte Gespräch ist ja dann doch in Androhungen seinerseits gegipfelt.
Unser allgemeines Meeting ist dann wieder so ergiebig, wie die Wüste Wasser spendet. An kleinen Oasen kann man grasen…der Rest ist einfach trockener, heißer Sand mit noch viel heißerer Luft. Heinz stellt mir dann auch eine Frage, die wir letzte Woche bereits geklärt hatten. Da muss er wohl kurz mit den Gedanken anderweitig beschäftigt gewesen sein – zumal er mit dem Thema auch gar nichts am Appel hat. Das ist ohnehin so eine Spezialität von ihm: Fragen zu Themen zu stellen, von denen er keine Ahnung hat bzw. woran er auch keine Aktien hat. Er fragt in 90 Prozent der Fälle nur, um eine Frage zu stellen. Inhaltlich fängt er damit nichts an. Aber gut, wie war das mit dem Wiegen und Vermessen von Regenwürmer? Wer´s mag…

Und dann ist der Showdown. Was mich wieder ärgert: Wieso habe ich eigentlich Magengrummeln vor so einem Gespräch? Ich befürchte dann echt immer das Schlimmste. Immerhin befindet sich unsere Firma noch in Kurzarbeit, auch wenn wir sie mal für einen Monat ausgesetzt haben. Rosige Zeiten sind es also nicht wirklich. Wieso kann ich nicht die Vogel-Strauß-Methode der anderen übernehmen und stumpf vor mich hinprötteln? Ich bekomme ja mein Gehalt dafür – auch wenn es Scheiße läuft. Aber ich kann es einfach nicht. Mein Chef eröffnet das Gespräch mit der Frage, wie ich denn das Gespräch am Freitag empfunden hätte? Hat so was von Priester: „Welche Sünden hätten mer denn heut‘ im Anjebot?“ Wieder schießt mir durch den Kopf, einfach mal richtig laut „Freude schöner Götterfunken“ rauszuschmettern. Komisch, so einen Impuls kann ich dann doch noch unterdrücken. Wahrheitsgemäß antworte ich, wie wenig mir das Gespräch gefallen habe – und ihm? Er fragt sich selbst, wieso er in solchen Situationen so heftig auf mich reagiere? Wow. Er merkt es also doch. Nur erklären, kann er es nicht. Und mir fehlt da auch die Phantasie. Er wird dann immer richtig aggro und ist persönlich beleidigt, droht mir mit Sanktionen und spielt sich als eine Art strafender Vater auf. Davon habe ich schon einen. Mein Bedarf ist also mehr als gedeckt. Ich frage ihn, warum er immer persönlich reagiere, wenn ich ihn beruflich anspreche? Und dann passiert etwas, womit ich so gar nicht gerechnet habe. Er fragt mich ernsthaft: „Ah, gäht´s do nit um mi persönlich? Du moanst des imma nua auf die Oabeit bezogn?“ Hä? Der Rheinländer in mir kann es nicht ganz unterdrücken: „Führen wir denn ein berufliches Gespräch, wenn wir über Führungskultur sprechen oder stehen wir an irgendeiner Theke, die seit Monaten geschlossen ist?“ Er meint´s ernst!!! Es fällt bei ihm der Groschen, dass es rein um seine Rolle als Führungskraft geht. Und der Groschen fällt jetzt erst… Des is a Woansinn! Ich glaub´s nicht. Dabei rede ich immer von den Führungswerten. Wir sind ja keine Freunde, die sich bei einem Bierchen gegenseitig ihr Leid klagen, wie volldeppert die ganzen Mitarbeiter sind. Es tue ihm leid, dass er immer so emotional werde, wenn ich mit ihm rede. Und er wirbt dafür, zukünftig gemeinsam drauf zu achten, wenn uns ein Gespräch mal wieder entgleise. Denn in all den Punkten, die ich anspreche, hätte ich Recht. Hä??? Und daher hoffe er, ich würde ihm dabei helfen, einen Workshop zu gestalten, der es ermögliche, besser miteinander zu arbeiten. Ich erkläre ihm, dass ich natürlich nicht objektiv sei und automatisch – unbewusst – die Dinge steuern würde, wie ich sie mir vorstelle. Das verstehe er. Ich bin mir da nicht so sicher. Ich mutmaße, er will sich nirgends Hilfe holen, um nicht wie ein Loser dazustehen. Dabei versteht er nicht, dass genau darin Stärke läge. Oh man.

Da sagt noch mal einer, wir Frauen seien kompliziert! Männer sind mit uns Frauen einfach häufig überfordert, wie man am Beispiel von Bodo Ramelow gut erkennen kann. Immerhin gibt er zu, dass es „ein Akt männlicher Ignoranz“ gewesen sei, Angela Merkel als „Merkelchen“ in einem Chat bezeichnet zu haben. Wir sind also noch lange nicht da angekommen, wo wir in diesem Jahrhundert längst sein sollten: Gleichberechtigt. Mein Chef würde mit keinem männlichen Kollegen so reden, wie er das mit mir macht. Das gibt er auch zu, was mir allerdings nur wenig hilft. Mal schauen, wie lange ich diesen Spaß noch mitmachen kann? Zwischendurch geht mir schon auch ganz schön die Puste aus. Es erschöpft mich schlichtweg, mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten.

Der Schlafmangel der Nacht und dieses Gespräch fordern ihren Tribut. Während draußen munter „Leise rieselt der Schnee“ spielt (nicht das Lied, sondern die Natur), möchte ich einfach nur schlafen und von „reiferen Zeiten“ träumen. Mit dieser Hoffnung schließe ich für heute und erfreue mich noch ein wenig an der weißen Pracht.

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