Es schneit und schneit und weht und weht. Herrlich dieses Schneegestöber da draußen. Und gut, dass ich so brav im Warmen sitzen darf. Da bin ich echt froh. Wenn ich im Radio von den ganzen Unfällen höre, die in und um München passieren, stufe ich mich kurzzeitig doch als Glückskeks ein, im sonst so verhassten Home Office zu verharren. Zwischendurch will ich noch kurz eine Online-Quali absolvieren, die eine Pflichtveranstaltung ist. Nur leider geht das nicht so ohne Weiteres, weil die Technik eine dumme Nuss ist. Oder ich – wie man´s nimmt. Denn bei technischen Problemen spricht man ja gerne davon, dass derjenige der Depp ist, der vor dem Rechner sitzt. Hilft alles nix, ich muss den Support anrufen. Der nette Herr schaltet sich auf meinen Laptop auf, was aber nicht so zackig klappt. Und so eröffne ich dem Guten dann gleich mal: „Ich bin technisch jetzt nicht der Brüller, aber in Geduld bin ich noch schlechter. Doofe Kombi, oder?“ Er lacht und sagt so nerdlastig: „Richtig. Saudoofe Kombi.“ Ja, was soll ich machen? Der liebe Gott (oder Allah oder Buddha oder Patcha Mama…) hat mich eben mit diesen Eigenschaften ausgestattet. Dann klappt´s aber doch irgendwann, und ich kann dem wahnsinnig interessanten Vortrag zu Exportkontrolle lauschen. Es gibt ja auch Menschen, die Fußpilz wahnsinnig interessant finden. Auch dieser Vortrag hat Gottseidank ein Ende. Hängen geblieben ist nicht viel, aber ich kann brav ein Häkchen bei „erledigt“ setzen. Es reihen sich aber heute auch echt mehrere Termine nahtlos aneinander. Da muss ich auch noch arbeiten für mein Geld! Zefix!!!

Mein Highlight (wenn ich eine Negativliste führen würde) ist unser Team-Zielfindungsprozess. Es ist schon echt ein Wahnsinn, wieviel Zeit da verschwendet wird. Ich staune immer wieder, wie das funktionieren kann, aber das tut´s. Mir soll´s recht sein. Draußen schneit´s ja ohnehin. Wo sollte ich also sonst hinwollen? Aber mein Chef hat sich was zu Herzen genommen von dem, was wir besprochen haben und spricht von sich aus unsere Baustelle „Team“ an. Da bin ich platt. Eine Kollegin schreibt mir fast schon ehrfürchtig davon, wie toll sie das fänd. Ich antworte ihr, dass das auch ein harter Kampf war. Die „alten Hasen“ protestieren und empfinden diese Bewertung als „unfair“ – zumal in Coronzeiten. Es kommt Bewegung ins Team. Am Ende stimmen dann alle zu, dass wir zwar alle unseren Aufträgen nachgingen, es aber kein wirkliches Teamwork bei uns gebe. Guck´ mal einer an. Anschließend entscheide ich mich dafür, meinen Chef per Mail dafür zu loben, den Mut besessen zu haben, das Thema anzusprechen. Damit wir uns richtig verstehen: Ich finde es rollenvertauschend, das zu tun – wenn nicht gar anmaßend. Aber ich sehe auch den kleinen Jungen in ihm, der darauf wartet und das braucht. Also zeige ich meinen guten Willen und „konditioniere“ ihn quasi mit positiver Verstärkung, wofür er sich sofort bedankt und zum Ausdruck bringt, wie glücklich ihn das mache. Ich finde es irgendwie pervers. Es wird an sich immer zu wenig gelobt. Und Lob kann in alle Richtungen gehen, keine Frage. Aber im Grunde erhebe ich mich über ihn, was mir widerstrebt. Nur braucht er es. Puh, eine echte Zwickmühle.
Der weitere Verlauf der Zielerunde ist zwischendurch dann echt mal aufgelockert. Hinter eine vorläufige Formulierung soll unser Chef drei Fragezeichen schreiben – auf Anweisung eines Kollegen. Ich plädiere dafür, dann aber auch TKKG mit an Bord zu nehmen. Ein anderer ergänzt um die fünf Freunde. Mein Chef ist verwirrt: „Wos soll i do ois hin schreibn?“ Eine Kollegin merkt an: „Ah, da outet sich unser Chef gerade vermutlich, Bibi und Tina-Fan zu sein.“ Ich pruste los. Mein Chef fragt verwirrt: „Wer is´n Bibi? I kenn´ koa Bibi net. Und welchä Tina?“ Brüller. Es ist also durchaus auch mal etwas lustig. Aber es hilft uns nur kurzzeitig weiter. Wir müssen noch mal zur Finalisierung ran. Es wird ein neuer Termin gesucht. Alle können Freitag – nur ich nicht. Ich habe überstundenfrei. Bei acht Leuten werden wir aber auch keinen Termin finden, an dem alle können. Aber nein, ich muss dabei sein. Ah ja. Ich könnte nur noch morgen um 10 Uhr anbieten. Da kann ein Kollege nicht. Und unser Chef kann auch nicht. Also schlage ich vor: „Dann bleibt´s einfach bei Freitag.“ Aber nein, mein Chef wiegelt ab. Es sei nicht so schlimm, wenn er nicht dabei sei. Ich sei da wichtiger. Ich krieg´ die Tür nicht zu! Das ist doch wohl ein Scherz! Nein, ist es nicht. Ein Kollege unterstreicht das auch noch mal: „Nein, Claudia, Du musst dabei sein. Also morgen.“ Mein Chef ergänzt: „So, i hob´ den Täamin nausgschickt.“ Ich verstehe das nicht. Mir wird da eine Rolle übergestülpt, die ich nicht besitze und auch nicht einfordere. Es ist bequem, wenn ich mich drum kümmere, weil es dann ordentlich gemacht ist. Aber das ist doch nicht meine Veranstaltung! Mein Chef nutzt meine Fähigkeiten, um seine Schwächen zu kompensieren. Nur fragt mich keiner, ob ich damit einverstanden bin. Ich lege auch mein Veto ein, aber es juckt keinen. Der kleine Che Guevara in mir ruft: „Viva la revolution!“ und würde gerne morgen blau machen. Mein normatives Über-Ich ist aber anständig und wird dafür Sorge tragen, dass ich morgen selbstverständlich teilnehme. Ach, i mog nimma…imma no net.

Diese verdrehte Systemik zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Das war schon Zuhause so. Vom System her, bin ich die Kleinste, weil ich die Jüngste bin. Nach dem Schlaganfall meiner Mom hat mein Vater dann allerdings hübsch die Verantwortung abgegeben. Und ich, dumme Nuss, habe sie brav genommen. Mein Studium wurde deutlich nach hinten verschoben, meine Bedürfnisse dann mal einfach so gar nicht beachtet. Dazu ein aggressiver, fremdgehender Alki-Partner, für den ich auch hübsch die Fassade aufrechterhalten musste…bzw. meinte, es zu müssen. Beruflich werde ich auch häufig vor den Karren gespannt und muss Verantwortung übernehmen, die ich weder vergütet bekomme, noch anderweitig dafür entlohnt werde. In der Fortbildung war es ja auch immer so, dass ich kontaktiert wurde, wenn wieder was mit dem Institut zu regeln war. Und was lerne ich daraus? Nix. Das musst Du auch erstmal hinbekommen. Es ist ein bisschen, wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Ich bin mal gespannt, ob ich irgendwann lerne, aus dem Hamsterrad auszusteigen und zu sagen: „A leckt´s mi do oalle om Oasch!“ Ist noch ein weiter Weg, den ich da vor mir habe.

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