Che hat sich heute nicht in mir gerührt. Er ist manchmal schon auch ein arger Faulpelz. Oder er hat Angst vor meinem Über-Ich. Keine Ahnung. Ich habe jedenfalls heute an der Zielfindung teilgenommen bzw. diese sogar moderiert. Ja, wollte ich nicht. Aber irgendwer muss es machen. Und da ich an Lösungen interessiert bin und nicht endlos diskutieren möchte, zieh´ ich das gnadenlos durch. Meine Kollegin ist begeistert – meine männlichen Kollegen wohl eher angepisst. Aber am Ende steht ein fertiges Plakat. Kapieren kann ich es immer noch nicht. Ich schicke meinem Chef das Ergebnis und ein paar Hinweise, die wir andiskutiert haben. Mehr möchte ich echt nicht in diese Richtung machen.

Es folgen mehrere Skype-Termine, die allesamt ok sind. Nur das letzte, das arbeitet noch nach. Eine Kollegin verlässt das Unternehmen. Sie ist ein völlig anderer Typ, als ich es bin. Sie ist karriereorientiert, zielstrebig, ausschließlich rational. Was ich allerdings an ihr schätze, ist ihre Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit. Man kann mit ihr diskutieren und streiten, ohne auf eine persönliche Ebene abzudriften. Aber sie wurde ganz schön mürbe gemacht. Sie spielt eineinhalb Stufen über mir – quasi in der Schwebe zwischen der unteren Führungsebene und dem ersten Managementlevel. Und dieser Schwebezustand hält nun bereits drei Jahre an. Auf Managementebene sind sonst nur Männer. Finde den Fehler. Und nein, ich bin immer noch keine Emanze. Aber es fällt schon auf, wie die Rollen bei uns verteilt sind und wie fortschrittlich/modern dieser Konzern mal so gar nicht denkt. Ihr Boss ist – meine Definition – ein Narzisst. Ich hatte viel von ihm gehört, er sollte der neue Heilsbringer sein, die Erleuchtung bringen und hassenichgesehn. Neben all dem wurde er aber vor allem für seine soziale Haltung angepriesen. Meine Neugierde war geweckt, denn ich wollte wissen, wie ein sozial veranlagter Mensch an diese Position gelangen konnte. Was soll ich sagen? Ich habe ihn gesehen, mich hat´s gefröstelt. Es war für mich so augenscheinlich, welch verachtendes Schwein hinter seinem maskierten Lächeln steckte. Dann habe ich überlegt, weil alle ihn gepriesen haben. Bin ich lala und meine Menschenkenntnis so daneben? Wäre ja möglich. Ich habe mich ruhig verhalten und abwarten wollen. Es wurde mit der Zeit nicht besser. Dann kam es vor zwei Jahren zu einer Art Showdown, bei dem er wieder mal jemanden zum Vorführen brauchte. Da alle ihm huldigten und ich die Einzige war, die sich nicht bedankt hat, dass er sich Zeit für uns genommen hat (hallo?!?!? Ich habe mir ja auch Zeit für ihn genommen, was soll der Scheiß also?), fiel die Wahl also auf mich. Doof nur, dass es nicht geklappt hat und er gleich zwei Mal gescheitert ist. Ich verabscheue solche Spielchen. Ein Manager wurde daraufhin nervös und meinte, anmerken zu müssen: „Hoppla, da steht es ja jetzt 1:1.“ Und ehrlich…ich verfüge nicht über diese Art von Langmut. Ich habe ihn angeschaut und gekontert: „Ich gebe zu, eine Niete in Mathe zu sein, aber eins und eins kann ich noch zusammenzählen. Demnach steht es jetzt 2:0.“ Ja, diplomatisch ist was anderes. Aber muss ich einem Narzissten noch den Hintern pudern, wenn er meint, er müsse mir auf die Füße pullern? Nö. Seit diesem Zeitpunkt sind die Fronten zwischen uns recht klar. Da ich keine Karriere machen will, kann er mich zwar immer noch nicht leiden, aber ich bin zu weit weg von ihm. Was ich draus gelernt habe? Beim nächsten Mal genauso wieder handeln!
Besagte Kollegin, die nun wechseln wird, ist ihm aber direkt unterstellt. Und sie konnte nicht ausweichen. Bei jeder Gelegenheit hat er sie gedemütigt – allerdings auf sehr subtile Art. Das kann er, das muss man ihm lassen. Ob das allerdings eine gute Eigenschaft ist, wage ich zu bezweifeln. Ich habe meine Kollegin für ihr Durchhaltevermögen geschätzt. Für so was zolle ich ihr meinen Respekt. Mittlerweile hat sich der Schleier auch gelüftet, und die meisten erkennen, mit welch fiesem Drecksack man es da zu tun hat. Und hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Die Herren auf den Managementrängen haben dieses Verhalten sehr wohl registriert, aber nach dem Floriansprinzip gehandelt. Besser sie steht unter Beschuss, als selbst ins Visier genommen zu werden. Bei so was setzt es bei mir aus. Wie kann man? Und ja, mein Vergleich ist wieder mal brachial: So hat der Nationalsozialismus auch funktioniert. „Wenn ich was gesagt hätte, wäre ich auch dran gewesen.“ Keiner hat einen Arsch in der Hose. Ich habe sogar einen dieser Manager angesprochen, der dann auch rumgestottert hat, er hätte schon mal was gesagt. Pfeifenwichs! Im Leben nicht. Und wir reden hier in Teilen von Männern, denen man gar nicht mehr an den Karren pullern könnte. Aber sie sind das Ducken schon so lange gewöhnt, sind so träge, satt und feige, dass sich keiner regt.
Als meine Kollegin und ich skypen, bedankt sie sich für meine Mail. Ich sage ihr, welche Wut ich im Bauch hätte, weil sie gehen würde. Und das erkläre ich ihr. Sie stößt lange den Atem aus und gesteht mir, dass sie die Situation unterschätzt hätte. Eine Personalerin habe ihr am Anfang gesteckt, dass sie nie eine Chance haben würde bei diesem Mann. Sie würde etwas in ihm triggern, wofür sie gar nichts könnte. Nur würde sie auf Dauer den Kürzeren ziehen. Meine Kollegin hat gedacht: „Das stecke ich schon weg und halte ich aus.“ Drei Jahre später geht sie – hoch erhobenen Hauptes zu einer anderen Firma. Er hat nicht gewonnen, denn sie verbessert sich, auch wenn es kein DAX-Konzern mehr ist. Sie erzählt mir, wieviel Kraft sie die Jahre gekostet hätten. Und wieder schüttel´ ich den Kopf und frage mich, wieso es Menschen gibt, die alles und jeden niedermachen müssen, um sich darauf einen schleudern zu können. Und es gibt darüber ja auch wieder irgendwelche Pissköppe, die das Ganze decken. Das ist nicht meine Welt. Ich werde nicht müde, dagegen zu rebellieren. Ha, da isser wieder, der Che. Denn ja, das ist ein anderes Kaliber. Was mit meinem Chef läuft, ist verkehrte Welt. Was da aber läuft, ist perverse Welt. Vermutlich würde ich dabei gesundheitlich Schaden nehmen, aber ich würde alles daran setzen, so ein Wesen mit den Eiern an die Wand zu nageln. Es gibt Mittel und Wege. Und wenn ich dafür Anwalt und Presse einschalten würde. Aber ich kann verstehen, dass man da einfach geht und sich sowie die eigene Gesundheit schützt. Ist wohl nicht meine Veranlagung. Wie sagt meine Sis manchmal: „Bevor Du Dich verbiegst, bricht eher Dein Rückgrat.“ Stimmt. Wird vermutlich auch mal meine Todesursache sein. Na, dann ist das wohl so.
Die Kollegin und ich werden Kontakt halten. Sie wird keine Freundin von mir. Aber ich möchte, dass sie weiß, dass es Menschen gibt, die registrieren, was sich da abspielt. Sie soll gestärkt aus der Firma marschieren und wissen, dass Menschlichkeit und Empathie durchaus noch vorhanden sind.

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