Heute ist mein Glückstag. Warum? Weil ich heute allein sechs Stunden lang einer Veranstaltung lauschen darf, die ich bereits kenne und Kacke finde. Warum ich dann trotzdem teilnehme? Weil ich muss. Ziel ist es nämlich, diese Schulung neu aufzubauen. Dem externen Trainer dürfen wir dabei aber nicht sagen, dass wir das zukünftig übernehmen werden. Warum auch mit offenen Karten spielen? Wer macht denn so was? Ich merke immer mehr, dass die Werte, die man Kindern vermittelt, im Erwachsenenalter so gar nichts mehr zählen. Und auch wenn ich diesen Trainer nicht mag, gehört sich das a) nicht und wird er b) vermutlich nicht ganz so belämmert sein, das nicht zu schnallen. Doch bevor ich an dieser Veranstaltung teilnehme, darf ich vorher noch zu meinem anderen Team, bei dem ich den IT-Nerds ein bisschen was zur Rollenverteilung innerhalb des Projekts verklickern darf. Auf Englisch selbstverständlich. Ich wette, sie machen sich vor Aufregung fast ins Höschen. Programmierer sind ja echt ein spezielles Völkchen. Da weiß ich mich mit meiner Empathie und meinem rheinischen Wesen gar nicht zu lassen. Es ist, als würde man mit Wänden sprechen. Aber nein, nicht diesen besprühten, bunten Wänden. Sondern mit grau verputztem Mauerwerk. Herrlich. Ich liebe solche dankbaren Aufgaben.

Nicht weniger dankbar ist dann die Aufgabe mit den sechs Stunden Training. Der Trainer begrüßt mich auch ganz nett. „Ach, Claudia…das ist ja schööööön. Naaaaaa, hast Du Dir für dieses Jahr auch Ziele vorgenommen?!“ Es geht um Ziele. Gerne würde ich ihm sagen: „Ja, ich habe Ziele, die nix mit dem Job zu tun haben, sondern mich von ihm wegführen. Parallel hat das Unternehmen aber Ziele, die Dich von Deinem Job hier wegführen. Hey! Wie geil ist das denn?!“ Doch stattdessen lache ich leicht und sage: „Klar, habe ich Ziele. Aber es sind keine, die ich Dir verraten werde.“ Sein „Hahaha, das ist aber schade“, erinnert mich an die Verarsche von Oliver Kalkofe, wie er die Sparkassen-Werbung nachahmt. „Mensch, Schröder! Ewig nicht gesehen!“ Es klingt so ehrlich. Egal. Wir müssen ja hier alle ein Spiel spielen.
Was mich an ihm unter anderem so nervt, ist sein permanentes Geschmatze. Es gibt ja so Menschen, die das in einer Tour machen. Bei alten Menschen, die ihr Gebiss lieber neben sich liegen lassen, als es zu tragen, verstehe ich das allerdings eher. Bei ihm ist das einfach eine nervige Marotte. Und für so was habe ich ja leider einen Detektor. Nur braucht man hier nicht mal besonders aufmerksam zu sein. Das merkt ein Blinder mit Hörsturz. Neben seinem Schmatzen, stößt er auch noch auf. Da er seine Videokamera auch noch aktiviert, sieht man ihm munter dabei zu, wie er mit seiner Magensäure zu kämpfen hat. Lecker, lecker. Ich würde zu gerne einfach abschalten. Nur ist er perfide, denn er spricht einen unvermutet einfach so an. Die Taktik ist gar nicht mal schlecht, da Du echt am Ball bleiben musst. Ich muss mich also tatsächlich auf diesen Schund konzentrieren. Sein regelmäßiges „come on!“ turnt mich nicht on, äh, an. Die Philosophie, die er vertritt, kommt aus Amerika. Wenn er die Videos des Gründers dazu zeigt und man dabei die Augen schließt, könnte man durchaus meinen, Donald Trump würde reden. Nein, nicht meine Aussage, sondern die eines Kollegen im letzten Jahr. Ich habe es ausprobiert und feststellen müssen, wie recht mein Kollege hat. Na, come on, Herrschaften, dieser Tag wird auch vorübergehen. Mein Aggressionspegel ist schon kurz vorm Platzen. Ich atme es stoßartig hinaus. Gottseidank ist das Mikro ja ausgeschaltet.
Und dann spricht er plötzlich von einem „Pochtier“. Ich frage mich noch, was das sein soll? Ist es klein und pelzig? Ist es so ein niedliches, kleines Wesen mit riesigen Augen – ähnlich einem Gremlin? Schmatz, schmatz… „Der Pochtier hockt in seinem Häuschen.“ Oh, kein Bau, sondern ein Häuschen. Na, von mir aus. „Ein guter CEO geht jeden Morgen bei ihm vorbei und fragt ihn nach seinem Befinden und seiner Familie.“ Da dämmert´s mir. Er meint den Portier. Jetzt könnte man meinen, dieser Trainer sei Rheinländer, denn wir sagen ja auch gerne „Spocht“, statt „Sport“. Dann ist es auch klar, es „Pochtier“ statt „Portjé“ auszudrücken. Aber nein, er ist keineswegs Rheinländer, sondern einfach nur „come on“, zu geil für diese Welt. Ich fand meine Vorstellung von dem niedlichen Gremlin-Pochtier irgendwie toller. Daher schweife ich in diese Traumwelt ab. Sein Abschiedsgruß ist dann auch passend: „Ich wollte an allen Danke sagen.“ Jo, isch misch auch, wa? Himmerherrgott…es ist vollbracht.

Danach fahre ich meinen Rechner runter und fahre zum Einkaufen. Morgen habe ich nämlich spontan noch einen Termin am späten Nachmittag reingelegt bekommen. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich danach noch mal was entwerfen darf. Zwei Führungskräfte wollen nämlich am Montag eine Veranstaltung abhalten. Sie wollen mich unbedingt dabei haben. Montag habe ich nachgefragt, ob wir da noch was klären bzw. vorbereiten müssten? Heute kommt die Einladung für morgen Nachmittag. Und ich verwette meinen ausladenden Hintern darauf, dass sie dann mit leeren Händen und großen Augen (wie bei den Gremlins) vor mir stehen und „bitte, bitte, mach´ das für uns“ sagen. Und ich wette, die dumme Nuss mit dem ausladenden Hintern wird dann so was sagen, wie: „Ihr seid mir so fett was schuldig!!! Wie hoch ist mittlerweile eigentlich mein Plus bei Euch? Und wann kann ich da endlich mal was sehen???“ Und dann wird die dumme Nuss mit dem ausladenden Hintern noch ein paar Stündchen damit zubringen, etwas zu zaubern. Finde den Fehler, ich weiß. Er sitzt gerade hier und hackt auf diese Tastatur ein.

Im Supermarkt ist es, wie immer. Menschen, die völlig wahllos mitten im Gang stehen bleiben, Familien, die zu fünft (!!!) einkaufen müssen und dann noch bitte Treuepunkte wollen! „Und haben Sie sonst noch was?“ Nee, Hirn ist leider aus! Und dann schieben sie zu fünft den Wagen bis vor den Ausgang und gucken sich alles, was sie für 112,48 € gekauft haben, noch mal einzeln an. Atmen… Aaaaaaaatmen! Oh je, da steigt der Dampf in meiner Brille auf. Ich würde ja sagen: Ich freu´ mich aufs Wochenende, aber da darf ich ja lernen. Ich bin gerade nur froh, wenn das denn mal endlich rum ist. Ja, es ist spannend. Ja, ich hab´s mir ausgesucht. Ja, ich werde spätestens im Mai jammern, dass ich was Neues lernen will. Aber gerade empfinde ich es ausnahmsweise mal als Last. Und was tut man, wenn es einem reicht? Man guckt Germany´s Next Topmodel. Mädchen, die für jeden Scheißdreck heulen, Denglish für Doofe von Heidi und Rennen auf High Heels, was so hirnlos ist, dass es schon wieder Spaß macht. Traut Ihr mir nicht zu, dass ich das gucke? Is abba so. Manchmal brauche ich es ganz, ganz niederschwellig. Heute ist so ein Tag. Vielleicht träume ich ja vom Pochtier und brenne mit ihm durch? Wer weiß das schon so genau? Ich jedenfalls nicht…bin ja schon lange nicht mehr Herrin meiner Sinne oder Träume.

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