Heute ist es wieder herrlich lustig. Meine erste Besprechung ist mit meinem Chef und Heinz. Heinz ist seines Zeichens total überfordert. Und weil er plötzlich arbeiten muss, macht er „mimimimi“. Jedem fällt es auf. Dabei sagt unser Chef, dass er gar nicht so viele Aufgaben hätte. Nun juut, das ist ja alles auch eigenes Empfinden. Ich bekomme vorab einen Link geschickt und soll mir mal die Präsentation anschauen. Sie ist…mmmmh…wie drücke ich das diplomatisch aus? Grütze. Sie wäre schon Grütze, wenn es eine Präsenzveranstaltung wäre. Aber im Onlinemodus ist das noch unerträglicher. Er schafft nie den Perspektivwechsel. Dabei ist er doch auch schon häufger irgendwo Teilnehmer gewesen.
Aber der Start ist erstmal anders. Heinz und ich sind ein paar Minuten allein. Er, der schon über zwanzig Jahre in der Firma ist, fragt mich, ob wir denn nun im nächsten Monat Kurzarbeit hätten oder nicht? Ich antworte ehrlich – was soll ich es ihm auch vorenthalten? Er lacht nur leicht und kommentiert: „Die Claudia immer und ihre Kontakte. Es is a Wahnsinn!“ Das meint er durchaus positiv, denn er bohrt an etlichen Stellen herum und erfährt so gar nichts. Ich frage nicht mal nach und bekomme diese Info einfach so. Ist schon eigenartig. Was keiner versteht: Warum macht Heinz immer so ein Geschiss darum? Was hat er davon, wenn er die Info einen Tag vor der offiziellen Bekanntmachung erfährt? Und die Antwort ist im Grunde traurig: Ihm macht die Unsicherheit wahnsinnig zu schaffen. Er muss viel weniger bangen, hat aber eine riesengroße Angst. Dagegen ist man ja machtlos. In mir ist da eher die Stimme: Hoffentlich haben wir Kurzarbeit, da 5 Tage im Home Office einfach demotivierend sind. Aber ich gehe nicht kaputt daran, wenn ich kurzfristiger erfahre, ob wir Kurzarbeit haben oder nicht. Doof ist nur, wie es kommuniziert wird. Gestern haben schon ganze Abteilungen die Infos rausgehauen, während mein Chef es dann erst auf Nachfrage von Heinz bei mir erfährt. Da steckt ein riesiger Kommunikationsfehler drin. So isses nun mal eben. Aber auch darüber lasse ich mir keine grauen Haare mehr wachsen.

Endlich schreiten wir zur Tat – Heinz fragt nach unseren Empfehlungen. Eine Stunde vorher hat er noch eine Mail verfasst, dass er fünf Minuten eher aus dem Meeting müsse, weil er „am Anschlag“ einen Folgetermin habe. Wenn ich das habe, gehe ich eine Minute eher raus, aber das muss er ja wissen. Wir könnten ihm auch noch nach unserem Meeting Hinweise geben, was wir ihm empfehlen würden. Als hätte ich im Nachgang nix Besseres zu tun! Also fange ich an und frage ihn, was er mit Aufgaben meine? Auf jeder zweiten Folie stehe „Aufgabe“ in einer Wolke. Wo erkläre er die Aufgabe? Was solle gemacht werden? In welcher Form – also Brainstorming im Plenum, Einzelarbeit, Zweier-Teams, die sich gegenseitig anrufen (er weiß bisher immer noch nicht, wie das bei Skype geht…es bereitet mir körperliche Schmerzen), zwei Gruppen mit extra Skype-Links oder wie sonst? Das ist jetzt keine Raketenwissenschaft von der ich da rede – zumal wir schon ewig damit arbeiten. Ich gebe ihm Tipp um Tipp, muss manches ganz kleinschrittig erklären und bin dabei doch sehr erstaunt. Nicht einmal kommt ein kritisches Wort, keine Herabwürdigung meiner Person, keine Unterbrechung. Er nimmt einfach alles an. Ob er es umsetzen kann, ist fraglich, aber er akzeptiert jeden meiner Vorschläge. Da bin ich einfach mal geflasht. Doch dann denke ich wieder: Er verdient mehr als das Doppelte von mir!!! Da mag es eine kleine, bittere Pille sein, wenn er Unterstützung anfordert und ich ihm munter direkt einige Themen runterrattern kann, aber er kann im Anschluss damit glänzen. Gerecht ist das nicht. Dabei darf ich nicht schimpfen: An sich habe ich wirklich einen guten Lohn für eine 35-Stunden-Woche (was ich ja immer noch lächerlich finde). Es ist nicht nachvollziehbar, wie viel mehr ein Wesen, wie Heinz, erhält („verdient“ ist hier echt der falsche Ausdruck), wenn man bedenkt, was Pfleger, Krankenschwestern, Polizisten etc. für ihre Arbeit bekommen. Aber lassen wir das. Da drehe ich mich sonst zu sehr rein.

Da ich viel zu viele Stunden auf der Uhr habe, haue ich heute einfach früh einen Pin rein und gehe einkaufen. Es ist echt interessant geworden, dass ich keine Uhrzeit mehr erkennen kann, zu der das Einkaufen am besten ist, also wo wenig Leute unterwegs sind. Durch Corona, Home Schooling, Home Office, Kurzarbeit etc. ist alles durcheinandergewirbelt. Aber ich bin ja auch nicht auf der Flucht – im Gegensatz zu manchem Renter, der mir auf die Pelle rückt. Ob das nahe Aufrücken bedeutet, sie würden mich bitten, vorgelassen zu werden? Oder haben sie Angst vor Gespenstern und suchen deswegen die Nähe eines anderen menschlichen Wesens? Oder haben sie vergessen, wo der Ausgang ist und hängen sich deswegen an die Fersen anderer Einkäufer? Es bleibt ein Mysterium.

Ich packe Zuhause alles aus und beschließe, noch den Müll rauszubringen. Die Müllhäuschen sind gleich für einige Mietparteien gedacht. An der Haustür des anderen Hauskomplexes frage ich, ob ich die Tür kurz aufhalten solle, aber ein freundlicher Mann winkt ab und deutet auf seine Kinder. Er spielt draußen mit ihnen. Ich packe den Müll in die jeweiligen Tonnen und schlappe zurück. Einem Impuls folgend, frage ich die Mutter, die am Fenster steht, ob sie die ganze Zeit schon Home Schooling hätten? Sie lächelt nur. Hä? Dann kommt der Mann herüber und erklärt, seine Frau spreche kein Deutsch. Er spricht es ganz gut, aber doch hörbar mit starkem Akzent. Die Tochter kommt auf ihrem Roller daher. Ich frage sie, in welche Klasse sie gehe? Sie sei schon in der fünften Klasse. Die Video-Konferenzen seien ihr am Anfang schwergefallen, aber nun gehe es. Sie ist offen, freundlich und strahlt mich an. Irgendwie ist mir danach: Ich frage sie, ob sie Hilfe brauche? Ich sei Grütze in Mathe, aber wenn sie oder ihr Bruder mal Hilfe bräuchten, könnten sie sich ja melden? Da strahlt sie mich noch breiter an, bedankt sich und nickt. Der Vater notiert meine Mobilnummer und bedankt sich vielmals. Und ich? Komme mir irgendwie schäbig vor. Sich gegenseitig zu helfen, sollte ja wohl das Selbstverständlichste sein. Die Frau verneigt sich ein paar mal leicht vor mir. Ich fühle mich echt unwohl. Es ist keine große Sache, oder? Aber ich denke, das ist es für sie sehr wohl. Und wenn die Eltern nicht über die Aufgaben schauen können, weil sie unsere Sprache nicht so verstehen, haben die Kinder von vorneherein schon schlechtere Voraussetzungen. Ist das nicht schlimm? Es liegt so viel Potenzial ungenutzt brach. Die Kleine grinst mich an. Ich hoffe nur, sie meldet sich, wozu ich sie noch mal ermuntere. Sie solle sich keinen Kopf machen, sondern einfach anrufen oder schreiben. Mal schauen. Wenn das Flüchtlingsheim schon nicht aus dem Pudding kommt, dann kann ich so was tun. Und so, wie die Kleine strahlt, wird das bestimmt toll – wenn sie denn überhaupt mal Unterstützung brauchen wird.

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