Es gibt sie, diese Tage, an denen ich mit rein niemandem rede. Klingt ganz schön krass, wird mir allerdings erst gerade so richtig bewusst. Es fühlt sich auch nicht schlimm an. Einen Tag zu schweigen, ist nichts Schlimmes. Und das sage ich, die Quasselstrippe! Auch das ist Corona.

Das genaue Gegenteil von Schweigen ist für mich das Schreien. Wie ich darauf gerade komme? Ich habe mich auch heute für ein Stündchen in die Sonne gesetzt und gelesen. Das hat mich ein wenig schläfrig gemacht. Und da eine Woche mit vier Schulungstagen – alle online – vor mir liegt, habe ich mich kurzerhand entschlossen, ein wenig auf dem Sofa zu öngern (dösen). Ist auch alles ok soweit, nur habe ich dabei die Balkontür geöffnet. Und irgendwann zieht es die Kinder nach draußen. Nach all den eher ruhigen, tristen, kalten Monaten, haben die Kleinen auch wieder Hummeln im Hintern. Und so rennen sie durch die Gegend, spielen Fangen und kreischen um die Wette. Ein Mädel fällt heute besonders auf. Sie schreit und quiekt vergnügt. Auch das erinnert mich an mich – zumindest früher. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich, das mich immer nach der Schule erfasst hat. Ich war immer neugierig und wissbegierig. Nicht jeder Lehrer konnte das stillen – leider. Aber in der Grundschule war ich noch voll da, habe Wissen aufgesaugt wie ein Schwamm und konnte nicht genug erfahren. Zum Ausgleich bin ich heimgekommen, habe die Schultasche schon im Eingang runtergezogen und hingeworfen. Und dann, haste-watt-kannste-watt, bin ich durch die Küche über die Terrasse bis hinunter zur Schaukel gerannt. Dabei gab es echt nichts Befreienderes als einen lauten Schrei. Es war für mich immer der Gipfel der Freiheit – auch wenn ich das als Kind niemals so hätte bezeichnen können. Für mich war es ein Graus, brav irgendwo herumzusitzen. Es gab auch ruhige Zeiten, in denen ich Geschichten gelauscht habe. Nur war es mir am liebsten, draußen zu sein, frei wie der Wind herumzusausen und dabei aus voller Herzenslust meine Lebensfreude hinauszuschreien.

Ich denke oft darüber nach, weil ich dieses Gefühl heute nicht mehr so kenne. Ist das nicht traurig? All die Normen, die uns so anerzogen werden, unterdrücken dieses unbändige Freiheitsgefühl. Dabei hätte ich so wahnsinnig viel Lust dazu. Wenn ich da an meine Kinderkommunion denke…oh man. Alle Kinder durften spielen, nur ich musste brav in meinem weißen, bodenlangen Kleid am Tisch sitzen. Das fand ich schrecklich. In einem Moment, als meine Mutter nach dem Essen sehen musste, bin ich ausgebüchst und raus zu meinem damaligen Lieblings-Cousin. Wir waren gleichalt. Mit vier oder fünf Jahren haben wir unterm Tisch gesessen und uns einen Kuss gegeben, obwohl ich seine schwarzen, kariösen Schneidezähne ekelig fand. Bei meiner Kinderkommunion hat er mich wie eine Prinzessin behandelt und aufgepasst, dass mich eine Mitschülerin nicht dreckig machen konnte. Heute verstehe ich ihre Eifersucht und den Wunsch, gerne irgendwas in meiner vermeintlich heilen Welt zu zerstören. Sie hatte auch Kinderkommunion, kam aber aus einer sozial schwachen Familie, bei der man schon froh sein konnte, wenn keiner besoffen war und rumgepöbelt hat. Puh, habe ich lange nicht mehr an Tessa gedacht… Mit meinem Cousin habe ich schließlich einen Tennisball als Fußball missbraucht und diesen gegen die Wand gekickt – bis meine völlig empörte Mutter mich fand und wieder zum Tisch beordert hat.
Und so komme ich mir heute oft vor: Ich sitze brav am Tisch, gehe meinem geregelten Leben nach, erledige alles, was man mir aufträgt…nur die pure Lebensfreude ist etwas gedämpft. Der Sinn erschließt sich mir nicht so sehr. Und dann will ich wieder schreien und schaukeln – ganz hoch hinauf. Tatsächlich habe ich darüber nachgedacht, einfach mal einen Schreikurs mitzumachen. So was gibt es. Er muss wahnsinnig befreiend sein. Nur ist es nicht so leicht, so einen zu finden. Ich habe nämlich auch keine Lust, so einem alternativen Esokram beizuwohnen, wo wir einen auf „ich schreie meinen Geburtsschmerz hinaus“ machen. Das finde ich total lala. Ich will schreien aus Überdrehtheit, Freude und Spaß. Als ich vorhin noch mal checke, ob nicht doch so ein Kurs zu finden ist, stolpere ich über einen Fall in Oberstdorf, der sich heute ereignet hat. Da gab es nämlich eine Schreitherapie. Leider haben Menschen beim Spaziergang die Schreie fehlinterpretiert und die Polizei informiert. Sogar ein Hubschrauber kam zum Einsatz. Das….äääääh….will ich dann doch nicht. Vielleicht sattle ich um auf Lachyoga? Soll ja auch sehr befreiend sein. Nur möchte ich mich dazu nicht verrenken müssen. Ach, keine Ahnung. Diese unbedingte Hingabe ans Leben, das laute Schreien und Lachen, das als Kind so völlig natürlich war, das möchte ich gerne wieder erleben. Was nicht heißt, dass mein Leben nicht gut ist. Es ist völlig ok…nur eben nicht berauschend. Ich weiß, ich will wohl zu viel. Vielleicht entwickle ich mal einen Ansatz, wie man zumindest für Momente zu diesem ausgelassenen Kind zurückfindet, um dadurch Kraft zu tanken? Und nein, es wird nichts Esoterisches sein, sondern eine Menge Augenzwinkern im Gepäck haben. Ich werde berichten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s