Nachmittags krabbelt die Sonne hervor…nur nutzt mir das auch nichts. Meine Stimmung ist gereizt. Ich glaube, die Nerven sind in vielerlei Hinsicht bei etlichen Menschen dünner geworden. Da bilde ich keine Ausnahme. Ich übe mich häufig auch in Langmut. Das klingt nicht immer so, ist aber echt der Fall. Nur gibt es Grenzen. Wenn jemand aus meiner Sicht Respektlosigkeit vor sich herträgt, dann triggert mich das unwahrscheinlich. Und genau das passiert heute. Aber eins nach dem anderen.

Heute ist der nächste Team-Workshop. Bis auf eine Ausnahme, sind alle pünktlich. Die einfachsten Arbeitsanweisungen scheinen heute aber auch schon zu überfordern. Die Eingangsfrage habe ich klar formuliert: Wie startet Ihr in den heutigen Workshop? Dazu habe ich ein Sammelsurium an Bildern zur Auswahl. Was ich höre, ist, wie überlastet sich alle gerade fühlen. Alle möchten ein Ströphchen jammern. Das hat wenig bis gar nichts mit dem Workshop zu tun. Aber es fällt irgendwie niemandem auf. Nun gut. Ein Kollege schafft es sogar, gar nicht zu antworten. Er hat immer das Problem, wenn er aufgerufen wird, nicht anwesend zu sein. Das macht er nicht nur hier, sondern nahezu wöchentlich in den Runden mit unserem Chef. Und da platzt mir regelmäßig eine Ader, was ich aber nicht kommentiere, weil das unser Chef ansprechen müsste. Ja genau…tut dieser natürlich nicht. Wobei er schon sagt, er habe dies nun mehrfach mit ihm besprochen. Man sieht eine unglaubliche Wirkung: Mein Kollege wird nämlich immer dreister und schlechter.
Die nächste Übung ist noch leicht umzusetzen: Wann gehen sie denn zufrieden nach der Arbeit heim? Machen sie sich bewusst, was sie zufrieden stimmt? Auch damit kann man seine Arbeit ja durchaus steuern. Wenn es Dinge gibt, die ich nicht gerne mache, ist es eventuell möglich, diese mit anderen zu tauschen, die das beispielsweise gar mögen. Wir haben Menschen, die gerne klassische Projekte machen oder gerne auf Managementebene was vorstellen. Das ist mir ein Graus. Da können meine Kollegen dann doch folgen und jeder für sich beschreiben, was sie zufrieden sein lässt.
Bei der nächsten Aufgabe eskaliert es dann: Wenn wir uns schon Dinge bewusst machen, wie steht es dann ums Thema Team? Wollen wir eigentlich einen gemeinsamen Teamgedanken? Oder sind wir als Berater/Trainer/Coach nicht auch besser als Einzelkämpfer unterwegs? Wobei kann der Teamgedanke förderlich sein, wo hindert er eher? Was kommt, ist einfach erstaunlich: Sie wollen mehr Austausch, auch privat. Dabei weiß ich, wie wenig grün sich die meisten sind. Die eigentliche Aufgabe – obwohl so formuliert – wird dabei gar nicht beachtet. Und so reden sie von ihren Bedürfnissen nach Nähe und sozialem Umgang. Aber auch das macht nur die eine Hälfte. Die andere bleibt stumm. Ich haue dann – mit Ankündigung, nun auch provozieren zu wollen – raus: „Ganz ehrlich? Nach meinen Erfahrungen der letzten drei Jahre, verspüre ich bei einigen von Euch gar keine Lust mehr, näher mit ihnen zu sprechen. Ich habe meine Ansprechpartner, wenn ich Expertise wünsche. Mit dem Rest will ich gar nicht in den Austausch gehen.“ Ääääh. Da kommt dann erstmal nichts. Dann kommt ein zaghaftes: „Stimmt schon.“ Und dann fängt der, der nie da ist, wenn er angesprochen wird, an zu meckern. Wir seien kein Team. Das habe vor vielen Jahren angefangen. Da hätten wir so viele weitere Themen mit ins Portfolio aufgenommen, die nichts mit der originären Arbeit des Beraters zu tun gehabt hätte, weshalb er sich denken würde: Wir seien eine Gruppe, aber kein Team. Er ist erst letztes Jahr zu uns gewechselt, nachdem er lange genug renitentes Verhalten im Nachbarteam gezeigt hatte. O-Ton seines vorherigen Chefs: „Dieser Mensch ist nicht führbar.“ Stimmt. Aber er poltert sich gerade in Rage. Darüber läuft die Zeit für diese Übung ab, was ihn erst recht aufbringt. Er meckert unseren Chef an, dass dies zu sehr an der Oberfläche sei, er mehr Zeit bräuchte und: „Wenn es das jetzt gewesen sein soll, echt jetzt, dann sage ich nur: Mangelhaft!“ Gut, zu Beginn der Veranstaltung hatte ich angeführt, wir würden die Themen anreißen und in der Kürze der Zeit nicht abarbeiten können. Es solle ein Überblick gegeben werden, an welchen Themen wir arbeiten wollten und wo wir keinen Bedarf sehen. Hätte er jetzt einmal zugehört und nicht – wie immer – die Aufmerksamkeitsspanne eines Spatzes bewiesen, dann wüsste er das und müsste sich nicht so Scheiße gebärden. Mein Chef erklärt es dann aber ganz sachlich. Nach der kurzen Pause trudeln alle wieder ein – nur einer fehlt. Wer? Natürlich dieser Pflaumenaugust. Und da platzt es dann doch aus mir heraus, als er sich irgendwann bemüßigt, zu uns zu stoßen. Wenn wir schon über Team sprechen, dann fänd ich es unmöglich, immer wieder zu spät zu erscheinen, sich wegzuschleichen und auszuklinken. Das sei im höchsten Maße respektlos. Mein Chef stimmt leise zu. Danach ist es ruhig. Zum Glück ist das hier ohne Bild, denn mein Gesicht ist flammend rot. Nicht vor Aufregung, sondern echt vor Wut. So ein Depp, so ein blöder!
Ich bin echt immer wieder geschockt, wie wenig die meisten meiner Kollegen dazu in der Lage sind, wirklich auf die Arbeitsanweisungen einzugehen, die ich ausformuliert sichtbar mache und zusätzlich auch noch vorlese. Es geht gefühlt den meisten darum, ihres loszuwerden. Wie heißt der schöne Spruch:

„Unser größtes Kommunikations-Problem ist: Wir hören nicht zu, um zu verstehen.
Wir hören zu, um zu antworten.“
(Anthony Pica)

Da ist was dran, oder? Ich sehe das Verhalten meiner Kollegen genau so. Es ist egal, wieviel Mühe sich jemand macht. Es ist egal, welche Gedanken hinter etwas stecken. Es zählt einzig, den eigenen Rotz loszuwerden und zu maulen. Dabei will keiner von denen etwas an sich verändern, sondern nur die anderen anschwärzen. Ja, ich habe mit meiner Aussage auch provoziert, es aber auch genau so angekündigt, da dieses „wir wollen uns alle lieeeeeeeeb haben“ de facto nicht stimmt. Ich bin gespannt, wie das in uns allen nacharbeiten wird.

Und so rufe ich dann später auch den Betriebsrat meines Vertrauens an, der mich mit „na, Alte“ begrüßt. Ich sage ihm, ich bräuchte eine nette Stimme, die jetzt mal was Liebes sage. Da stottert er: „Des woar fei a Scherz!“ Er ist putzig. Von ihm erfahre ich dann aber auch mal wieder, wie sehr bei uns gerade an der Umstrukturierung geschraubt und gedreht würde. Es wird auch Zeit. Die Frage ist nur, wie es danach aussieht? Ich sage ihm auch, damit zu liebäugeln, weiter rauszuziehen, sollte es bei höherem Home Office bleiben. Da bietet er mir sofort eine Wohnung mit 100 qm an, die so viel kostet, wie meine Butze mit 52 qm. Das ist aber uninteressant in diesem Moment, weil ich erst abwarten will, was sich wie entwickeln wird. Danach entscheide ich, wie es weitergeht. Alles andere, so sehr es mich auch reizt, ist derzeit leider hirnverbrannt. Aber an Tagen, wie diesen, würde ich gerne hinschmeißen und sagen: „Ihr wollt es doch nicht anders! Dann bleibt in Eurem Jammertal und ändert nichts. Kann sich ja nicht so schlecht anfühlen.“

Doch einen Lichtblick entdecke ich dann schon: Ich schaue eben so bei Amazon nach Autoren. Da stolpere ich per Zufall über den Hinweis, dass man da Bücher selbst vermarkten kann. Es braucht keinen Verlag, gar nichts. Einfach unabhängig mal was schreiben und veröffentlichen! Ich wusste nicht, dass das so einfach geht. Ich muss allerdings noch ein bisschen recherchieren, ob man da auch unter einem Pseudonym schreiben kann. Denn ich habe keine Lust dazu, meinen echten Namen anzugeben. Das hat durchaus auch praktische Gründe: Sollte ich je über meine Familie schreiben, könnten mich gleich 13 Familien auf einen Schlag verklagen. Muss ja nicht sein, oder?

2 Kommentare

  1. Du kannst unter Pseudo schreiben, allerdings ist der Wettbewerb da irre groß und es dauert, bis sich ein kleiner Erfolg zeigt. Aber Versuch macht kluch (klug), also probiere es. Bei Deinen Beschreibungen von Chef und Team bewundere ich echt Deinen Langmut. Die hätten mich schon alle längst aber sowas von lieb haben können… 🙂 Bin gespannt, wie es bei Dir weitergeht.

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    1. Danke für den Tipp! Soll ich besser was anderes machen? Ich will auch nicht davon leben oder so. Einfach nur mal mein eigenes Buch schreiben. Oder Kurzgeschichten? Keine Ahnung…
      Und mein Chef? Ach…er hat eben gaaaaaaaaanz viel Potenzial. Klingt doch besser als „Schwächen“. 🙂 Ich glaube, mein Team bleibt nicht mehr lange mein Team. In Zeiten von Corona heißt es: Füße stillhalten. Das ist nicht die richtige Zeit für Entscheidungen. Aber danach…da kann ich munter planen und umsetzen.

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