So, jetzt habt Ihr mich. Warum? Ich schüttle mich gerade. Nach welchen Kriterien gehen die eigentlich vor, wenn sie einem Internetartikel offerieren? Ich öffne brav mein Firefox, aber da springt mir ein Bild von den doch recht aggressiven Bananenspinnen ins Auge. Ja, spinnen die etwa??? Und sie kämen wohl vermehrt in Südamerika vor. Alter! Ich wollte dann doch eigentlich mal wieder dorthin reisen, wenn Reisen denn wieder erlaubt sind. Nein, nicht diese Mallorca-Reisen, die mir gerade mal wieder mächtig auf den Sack gehen. Sondern echte Reisen, bei denen es nicht um Saufen und Party geht. Nur wieso wird mir dann so ein Spinnen-Artikel vorgeschlagen? Und noch blöder: Wieso lese ich ihn dann auch noch? Es handelt sich mal wieder um meine überrepräsentierte Ekel-Faszination. Mannomann. Gut, diese Spinnen sind zwar „nur“ giftig, aber nicht tödlich. Allerdings attackierten sie gerne mal Menschen. Na dann. Nie wieder Bananen, würde ich sagen. Aber das hieße auch: Nie wieder Patagones. Das geht doch nicht – sollte ich denn noch mal dort Urlaub machen. Ich muss mir echt was überlegen…

Apropos überlegen: Da bin ich dann heute doch etwas schockiert. Ich habe einen richtig tollen, lieben Kollegen. Es gibt ja so Menschen, die haben das Herz auf dem rechten Fleck. Er ist einer von ihnen. Keine Ahnung, warum, aber wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Nun ist es so, dass wir uns jetzt bestimmt schon fast vier Monate nicht mehr gesehen haben. Wir haben mal geschrieben, auch mal kurz geskypt, aber mehr auch nicht. Heute kommt er mir so in den Kopf, weil ich Donnerstag mal in die Firma fahre, also schreibe ich ihn an, ob er dann da sei? Er antwortet postwendend, dass er ausgerechnet dann nicht da sei, was er schade fänd. Und die Art, wie er schreibt, lässt meine Alarmglocken schrillen. Ich skype ihn sofort an…und bin entsetzt, wie schlecht es ihm geht. Er kreist in seinen negativen Gedanken…nichts bekäme er hin, alles sei zu viel. Ich frage ihn, was er für sich tue? Er macht die Kamera an und seufzt. Was solle er denn für sich tun? Er habe zwei Kinder! Äääääh, und? Irgendwie funktioniere er einfach nur noch. Es tut mir unendlich leid, wie hart er mit sich ins Gericht geht. Besonders schlimm: Er habe zugenommen und komme nicht von den Kilos runter. Das sei einfach nur schwach. UND? Wie meinte letztens einer im Fernsehen: „Nach Corona gibt es zwei Sorten Menschen: Die einen sind fett, die anderen sind fit.“ Es wird eine Zeit geben, wo wir uns um so was wieder kümmern können, finde ich. Nur diese ganzen Fitness-Frettchen, die einem vorgaukeln, wie geil es doch sei, rappeldürr zu sein und wieviel Spaaaaaaaaß so ein Auspowern doch mache – na, die üben eben schon enormen Druck aus. Ich würde gerne mal alle von denen ungeschminkt sehen. Und auch Bilder darüber, wie sie sich manchmal quälen müssen. Wieviele sprayen sich nur ein Sixpack auf? Und ganz ehrlich? So was würde ich nicht Zuhause an meiner Seite haben wollen. Also weder die mit dem aufgesprayten Sixpack, noch die mit einem echten.
Mein Kollege und ich reden eine Weile. Recht früh sagt er: „Ich komme mir gerade vor, wie beim Psychologen.“ Darüber muss ich dann doch lachen. Als Therapeut würde ich ihm nicht erzählen, dass ich mich auch gerne schon mal selbst innerlich geißele und herabwürdige. Das erstaunt ihn allerdings dann doch. Sind wir nicht alle unsere eigenen größten Kritiker? Und wenn dann noch so Sätze, wie von Kate Moss vor Jahren, kommen: „Nichts schmeckt so gut, wie Schlanksein sich anfühlt“, dann denke ich mir: Hat die noch nie Milchreis mit Zimt und Zucker gefuttert? Oder ein fettes Steak mit fetten Pommes? Ein Wiener Schnitzel? Schoko-Soufflé?
Es ist mitunter echt schwer, im Moment im Einklang mit sich selbst zu sein. Da müssen wir nicht noch zusätzlich hart mit uns selbst ins Gericht gehen. Oh, ich kann sehr gut auch über mich selbst herfallen und mich schimpfen. Aber dann denke ich mir: Hey, es geht doch wesentlich schlimmer. Ja, Du hast Macken…und Ecken und Kanten (unter den Polstern…da wo sich auch angeblich irgendwo Muskeln verstecken sollen), aber da gibt´s auch ´ne Menge Gutes. Ich denke, wir dürfen alle etwas gnädiger zu uns selbst sein. Ich mag den Spruch, den ich auf einer Plattform gelesen habe: „Sei einzigartig – nicht perfekt!“ Dem möchte ich viel lieber folgen, als immer nur an meiner Selbstoptimierung zu basteln.

Dazu fällt mir was anderes ein: Ich habe eine spontane Rücksprache mit meinem Chef. Ich muss ihm nur etwas mitteilen, aber da kommt er auch schon auf das Thema der Team-Workshops. Er war wohl vollkommen irritiert über Heinz Outing am Montag und hätte sich an den Kopf gefasst. Wir reden kurz darüber. Und so sehr ein Heinz mich nervt, ist ein anderer Kollege doch viel schlimmer, weil er keinen Respekt zeigt und keinerlei Benehmen an den Tag legt. Für mich ist er ein Lügner, was ich auch klarstelle. Irgendwann sage ich in der ganzen Unterhaltung: „Weißt Du, ich überlasse Euch die ganze Zeit das Feld und nehme mich stark zurück. Was ist denn mal Dein Feedback an mich? Nehmen wir das Beispiel Selbstreflexion. Du sagst, das können die Wenigsten. Wie siehst Du das bei mir?“ Er überlegt und sagt mir dann, dass ich schon sehr reflektiert sei…allerdings würde ich das auch nicht mehr schaffen, wenn ich emotional würde. Das finde ich voll ok, denn das ist nur menschlich. Aber ich will ja mehr wissen, also bitte ich um ein konkretes Beispiel. Und da führt er meinen Kollegen ins Feld, der sich beim letzten Mal so asi aufgeführt hätte und von dem ich gesagt hätte, er würde lügen. Na, tut er ja auch. Ich denke kurz drüber nach und antworte: „Das stimmt schon. Wenn so einer bei mir verkackt, dann hat er auch verkackt. Jemand, der sagt, er halte sich nicht an Spielregeln? Ganz ehrlich? Mit dem will ich auch gar nicht mehr spielen. Das ist eine bewusste Entscheidung.“
Was ich nicht sagen will: Alles stimmt so, wie ich mir meine Welt male – keine Frage. Ich habe einige Macken, Ecken und Kanten. Aber je älter ich werde, desto mehr akzeptiere ich sie und denke, sie sind ein Teil von mir…sie machen mich aus. Lasst uns also alle ein bisschen gnädiger mit uns selbst ins Gericht gehen. Und haltet Ausschau nach Menschen in Eurer Umgebung, die immer leiser werden. Die Schreihälse, die jammern und wehklagen, denen geht´s gut. Es sind die Leisen, die immer leiser werden, um die wir uns bemühen sollten. Und vor allem: Tut was für Euch – nämlich ganz viel davon, was Euch gut tut. Dann werden wir die Krise schon überstehen – ob mit oder ohne zusätzlichen Pfunden.

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