Heute Morgen muss ich eher auf, weil ich ja zur Firma fahre. Es ist zwar einiges los auf der Straße, aber nicht so, wie vor Corona. Da habe ich manches Mal deutlich länger benötigt, um zur Arbeit zu gelangen. Ob das wieder so werden wird wie vorher und wieder so nervt?
Es sind einfach zu viele Fragezeichen im Orbit, um wirklich aktiv zu werden. Aber wenn ich daran denke, vorhin den Brief an meinen Vermieter in die Post gegeben zu haben, um zu bestätigen, dass die Mieterhöhung akzeptiert ist…mmmmh, da fliegt es mich dann wieder an: Zieh´ um! Ja, ja, ja, ich mache erstmal nichts. Doch sollte es bei einem hohen Home Office Anteil für indirekte Bereiche bleiben – was ja die Grünen, die aus meiner Sicht bei der Wahl im Herbst stärkste Partei werden, begrüßen und noch mehr vorantreiben werden – dann muss ich umziehen. Ich brauche ein weiteres Zimmer, das ich als Büro nutzen kann, eine nettere Umgebung und mehr Abstand zu all den Bekloppten hier. Oder eben Kenia. Oder einfach irgendwo ans Meer. Oder jemand überfährt mich. Alles ist möglich, alles ist drin.

Meine Kollegin kommt erst spät ins Büro. So habe ich Zeit, einige Dinge abzuarbeiten. Ich rufe auch meinen Kollegen vom Nachbarteam an, der letztens so depri war. Zum Glück ist er schon wieder besser drauf, hat ein paar Dinge für sich angepackt und verändert, so dass er hoffentlich gut durch diese Zeit kommen wird. Er ist so lieb, dass er das Gespräch nicht zu lang halten will, damit ich mich um meine Kollegin kümmern könnte, die in der Wiedereingliederung sei, weil sie mich jetzt dringender bräuchte. Zum Abschied sagt er dann – für mich völlig überraschend: „Ich hab´ Dich lieb.“ Oh…ooooooh…da bin ich ja gerührt. Es ist kein Baggern oder ähnliches, sondern einfach so, dass wir uns sehr gut verstehen und einander schätzen – was in unserer Umgebung leider eher selten vorkommt und es umso wertvoller macht. So was wärmt mir ja mein Herz. Solche Momente braucht es bei mir, um manches andere zu kompensieren.

Mit meinem „herausfordernden“ Projektteam haben wir heute eine weitere Abstimmung. Und der etwas schwierige Kandidat schießt mich kurz mal an. Er und meine Kollegin können so gar nicht miteinander. Wir hingegen verstehen uns sehr gut. Ich weise seinen Schuss freundlich, aber bestimmt ab und greife das Thema später unter vier Ohren noch mal auf. Er steht einfach massiv unter Druck. Und er hat ein Problem mit Vertrauen. Achtung: Schublade auf! Denn: Welcher Mann nicht? Schublade wieder zu. Es dauert über eine Stunde, ihn auf Normalmodus runterzupflücken. Er bedankt sich und bestätigt, wie wichtig solche Gespräche für ihn seien, die viel zu selten stattfänden. Manchmal glaube ich, der Hauptpart meiner Arbeit besteht aus Sozialarbeit. Ich mag das schon auch gerne, nur ist es eigentlich nicht das, weswegen ich da angestellt bin.

Mein Betriebsratsspezi gibt sich auch mal wieder die Ehre. Mit ihm ist es immer spannend, weil er so viele Dinge erzählt, die hinter den Kulissen abgehen. Wenn man weiß, wer mit wem wie verbandelt ist, dann kann das mitunter sehr hilfreich sein. Bei manchen Infos denke ich aber auch an den Garten Eden: Manche Erkenntnis ist echt bitter. Trotzdem ist es schon eine Art Sog: Ich kann zwischendurch nicht rufen: „Stop! Das lass´ mal weg, das will ich nicht hören!“ Auch wenn ich weiß, es wäre am Ende gescheiter, es nicht zu erfahren. Mein Chef beispielsweise, der eine Schweinekohle verdient, aber trotz fettem Angebot nicht in Vorruhestand gehen kann. Dafür hätte er sich zu spät scheiden lassen und müsste auf zu viel Kohle verzichten – wohlgemerkt mit frei- und vor allem leerstehendem Einfamilienhaus und seit 20 Jahren unvermieteter leerstehender Eigentumswohnung. Oder die Info, wer neuer Personalchef wird. Nein, kein Externer, der dringend vonnöten wäre, um mal ordentlich aufzuräumen und das Unternehmen zukunftsorientiert auszurichten. Nö, sondern es wird ein Herr, dessen derzeitige Führungskraft ihn weg haben will. Dieser Mann ist gut, nur eben Null für Personal geeignet. Das ist so, als würde man mich zum Controller machen. Da sträuben sich einem sämtliche Haare zu Berge, wenn man dieses Geschachere erlebt. Es kommt nicht auf die Qualifizierung an, sondern ausschließlich, wem welche Nase passt. Aber gut, für 400.000 € Jahresgehalt können sie mich auch gerne zum Personalchef machen. Ich brächte da sogar mehr Eignung mit. Und da würde ich auch auf meinen Bonus verzichten – ganz freiwillig. Doch diese Pöstchen sind – bis auf eine Ausnahme – nur von Männern besetzt. Ach, ich mag nicht mehr drüber nachdenken. Dann kriege ich richtig schlechte Laune.

Apropos schlechte Laune: Zu einem weiteren Meeting kommt eine Kollegin ganze 20 Minuten zu spät. Als wir fragen, ob alles ok sei, bricht sie auch schon in Tränen aus. Die geplante Hochzeit mit 100 Leuten gerät immer mehr ins Wanken. Geheiratet wird schon. Es sieht nur nicht danach aus, als könne die Hochzeit so stattfinden, wie sie stattfinden sollte. Ich frage vorsichtig nach, ob das denn schon so klar sei? Nein. Sie schließe es lediglich daraus, wie die derzeitige Lage sei. Sie räumt auch ein, andere würden vermutlich von ihren Problemen träumen bzw. sich so was Unwichtiges als Problem wünschen. Nur habe sie immer einen Plan B in der Tasche, wäre immer mit doppeltem Boden unterwegs. Allerdings gehe das derzeit nicht. Sie habe einfach keine Idee, wie ein Plan B aussehen könne. Ich sage vorsichtig: „Die wichtigsten Personen bei einer Hochzeit seid doch Du und Dein Mann. Und Ihr werdet da sein.“ Ja, das wisse sie und wolle auch nicht undankbar sein. Nur: Sie sei einfach gefrustet, weil ihre Welt derzeit einfach nicht planbar sei.
Welcome to reality. Das ist das Schicksal, das wir alle derzeit teilen, schätze ich. Nur gehen wir unterschiedlich damit um. Ich bin zwischendurch auch mal muffelpuffelig, aber ich kenne diese Art der Verzweiflung nicht. Ich rege mich auf, ärgere mich, tröste, habe Galgenhumor. Aber so richtig verzweifelt? Das gibt es bei mir nicht. Es entspricht nicht meiner Vorstellung vom selbstgestalteten Leben. Es gibt durchaus Dinge, die auch mich verzweifeln ließen, wie Todesfälle, schlimme Diagnosen und dergleichen. Aber doch nicht so was?! Da merke ich wieder, wie dankbar ich bin, mit meinem Gemüt gesegnet zu sein. Ich ergötze mich an dem unerwarteten „Ich hab´ Dich lieb“, was mir mehr wert ist, als 400.000 € Jahresgehalt zur Bedingung der Gewissenlosigkeit. Es ist mir mehr wert als eine schillernde Hochzeit mit viel Tamtam und – in dem konrekten Fall – noch mehr Fake. Warum es mir mehr wert ist? Ganz einfach: Weil es mein Herz erreicht.

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