Baaaaaaah, ist das ein faules Wetter. Während bei meiner Sis & Co. die Sonne scheint, ist hier einfach alles grau. Es regnet nicht, ist aber so ein Nichtwetter. Und was mache ich bei Nichtwetter? Richtig, nichts. Klar, ich kümmere mich um die Wäsche und krame im Haushalt. Nur ist das nichts wirklich Befriedigendes. Was wäre jetzt ein leckerer Kaffee in einem Café? Oder ein Radler in einem Biergarten? Mit Freunden oder Bekannten, natürlich. Wann…oh wann wird das wieder Normalität?

Ein Thema, das mich heute mal wieder beschäftigt: Wieso machen wir uns eigentlich immer so einen Kopf darum, was andere sagen oder denken könnten? Es sollte das Normalste von der Welt sein, so zu leben, wie man lebt. Einfach Dinge zu tun, die einem Spaß machen – solange sie niemandem schaden, versteht sich. Ich habe es immer gehasst, wenn es in meiner Familie hieß: „Ich erzähl´ Dir jetzt mal was, aber das darfst Du keinem sagen.“ Und dann wurden Sachen erzählt – puh! Mein lieber Kokoschinski. Es war immer wichtig, was „die Leute“ sagen könnten. Wer die immer genau waren, wurde nicht näher definiert.
Bei uns war es wohl vor allem eine Tante, die das Sagen hatte. Und oh, oh, sie hatte eine böse Zunge. Was sage ich da? Sie hat sie noch. Nur rede ich heute nicht mehr mit ihr. Wenn sie mich anspricht oder auch nur begrüßt, schaue ich durch sie hindurch. (Es fuchst sie ungemein, was mich richtig freut.) Sie hat zu viel Mist über mich erzählt, so viel Dreck über mir ausgeschüttet, dass ich kein Verlangen danach habe, je wieder ein Wort mit diesem verlogenen Miststück zu wechseln. Aber sie hat nach wie vor noch Macht. Auch irgendwie lächerlich, oder? Nur sind wir so groß geworden, es ihr recht machen zu müssen.
Das erlebe ich dann gestern auch, als meine Cousine anruft, weil ihr Vater mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert worden ist. Das an sich, ist schlimm genug. Nur ist die Frage dann die: Wie verhalte ich mich da richtig? Was muss ich tun bzw. meine ich, tun zu müssen? Für mich war das vor 22 Jahren gar keine Frage – allerdings ging es da auch direkt um Leben und Tod. Es war ein Automatismus, der einfach angesprungen ist. Und egal, was ich da an Zeit, Geld, Nerven investiert habe: Es war immer zu wenig. Vor allem für die böse Tante, die meinte, mich dauernd noch zusätzlich moralisch erpressen zu müssen. Es ging mir damals ohnehin schon schlecht, aber ich musste noch schauen, so eine Furie zu besänftigen, damit alles zumindest nach außen hin angemessen wirkte. Ob ich ein eigenes Leben hatte? Das war einerlei. Sie hat mich an allen möglichen Stellen durch den Kakao gezogen – nur nie ins Gesicht gesagt, was Sache war.
Wenn ich darüber heute so nachdenke, frage ich mich, warum ich ihr nie einen Schlägertrupp auf den Hals gehetzt habe? Sie hat mir das Leben zwischendurch echt zur Hölle gemacht. Meine Sis fragt mich, wenn wir mal darüber reden, wieso mich das immer noch beschäftige? Sie sei doch mittlerweile echt unwichtig geworden. Das stimmt. Aber es war pures Unrecht, was sie da getan hat. Und mit Ungerechtigkeiten habe ich so meine liebe Mühe – und vergessen kann ich so was schon mal gar nicht. Wenn ich dann an meine Cousine denke, welche Gedanken sie sich macht…dann wirkt unsere verdammte Erziehung einfach immer noch – nach alle den Jahren – nach. Und, das muss man leider auch mal festhalten, diese dumme Kuh an Tante ist auch nie zur Rechenschaft gezogen worden. Dabei hat sie manche Menschen schikaniert.

Oft sage ich: Ich bin ehrlich. Manch einem bin ich in der Tat zu ehrlich. Es muss nicht der verbale Tiefschlag sein, denn den mag ich auch nicht. Aber ich spreche schon an, was ich wahrnehme, was mich stört. Oder wenn mich jemand nach meiner Meinung fragt, dann sage ich in der Regel auch das, was ich wirklich denke. Aber es gibt Unterschiede. Ich denke, wir sind alle mehr oder weniger in unterschiedlichen Rollen unterwegs. So auch ich: Es gibt die berufliche Person, die klar kommuniziert und weiß, wo die Grenzen sind. Da trete ich souverän auf und bin selbstbewusst. Es gibt die Freundin, die ehrlich und offen, vor allem aber loyal ist. Da bin ich auch klar, schaue aber immer, keine Ratschläge zu erteilen. Und da bin ich auch sehr tolerant, weil ich denke, jede(r) darf sein, wie sie/er das sein will. Ich kann nicht alles nachvollziehen, aber das schmälert nicht meine Zuneigung/ Verbundenheit zu meinen Freunden. Es sei denn, es wird radikal. Da hört´s dann auch bei mir auf. Aber es gibt eben immer auch noch einen Anteil in mir, der andere schont. Vor allem bei meiner Sis merke ich das. Sie ist seit 31 Jahre mit ihrem Mann zusammen. Männertechnisch kann ich gar nicht so offen sein, wie ich es bei meinen Freundinnen bin. Bei meinen Neffen habe ich irgendwie weniger Manschetten, auch über so was zu reden. Aber auch da habe ich eine Rolle: Die der Tante, die sie bedingungslos liebt und vor allem Bösen am liebsten beschützen will. Dabei sind sie mittlerweile groß genug…und stärker als ich.
Wenn wir mal ganz ehrlich zu uns sind: Jede(r) von uns hat doch Geheimnisse…einfach Dinge, von denen wir vielleicht einerseits überzeugt sind, andererseits dennoch die Sorge haben, andere könnten sie nicht verstehen. Und aus Angst, andere zu brüskieren, zu überfordern oder von ihnen als komisch abgetan zu werden, schweigen wir uns über bestimmte Belange aus. Manchmal geschieht dies auch aus einem Schutz heraus – weniger sich selbst gegenüber, als vielmehr der anderen Person gegenüber. Ob das allerdings immer gesund und richtig ist? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß schon, dass ich so manchem Menschen die Chance nehme, sich auch zu entwickeln, toleranter zu werden, umzudenken. Wäre es nicht toll, wenn wir frei Schnauze leben könnten – und leben lassen könnten? Das ist ein wenig naiv oder utopisch gedacht, aber ich möchte es dennoch probieren. Schrittchen für Schrittchen bewege ich mich in diese Richtung. In manchen Belangen gelingt es mir nicht, aber in anderen wird es besser. Auch das ist ein Grund dafür, dass ich wieder nach Bayern gegangen bin. Wenn ich an einem neuen Ort anfange, in einer neuen Firma, dann kann ich mich noch mal ganz neu ausprobieren. Keine Ahnung, ob das nachvollziehbar ist. Ich mag nur dieses Schein-Wahren immer weniger. Ich möchte sein können, wie ich bin: Laut, leise, nachdenklich, verrückt, glücklich, melancholisch, hilfsbereit, wütend, empathisch, enttäuscht, verrucht und anständig – alles zu seiner Zeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s