Heidewitzka – oder wie man das auch immer schreibt – ist das ein Wetterchen. Das merken auch die Vögelchen, die früh morgens ihre Liedchen schmettern. Naja, warum auch nicht? Es war ja auch lange genug nicht so schön…und im Regen trällert´s sich bestimmt auch nicht so leicht. Nehmt mal einen Schluck Wasser in den Mund, und versucht damit zu pfeifen. Kannste vergessen.

Heute ist ein Tag zum absoluten Abhängen. Ich nehme mir tatsächlich ein Hörbuch und hocke mich auf den Balkon. Und nicht etwa irgendein Hörbuch, sondern eines über Psychotherapie. Also ganz so faul bin ich dann auch nicht. Wobei das so aufbereitet schon auch leichter verdaulich scheint – zumal für mich auditiven Lerntypen. Trotzdem ist der Berg gigantisch, was mich mal wieder hadern lässt. Ich habe noch nie so wirklich lernen müssen. Gut, für die Abschlussprüfungen an der Uni habe ich mir einige Texte durchgelesen. Aber so richtig büffeln und auswendig lernen? Nö, habe ich nie gemacht und nie gemusst. Ich weiß nicht, wie das geht? Und da helfen mir auch keine Bücher, wie man lernt zu lernen. So eins habe ich hier. Es eignet sich wunderbar für die Staubablage. Mehr erreicht mich davon leider nicht.

Als ich nach dem Müll Wegbringen wieder das Treppenhaus bis in den zweiten Stock hochtrabe, kommt mir ein junger Mann entgegen, der kurz stockt und dann einen Schritt zurückgeht, damit wir bloß nicht kollidieren. Dabei ist das Treppenhaus breit genug. Gut, mein Hintern ist schon ordentlich breit, aber soooo breit dann auch wieder nicht. Ich gehe weiter und bleibe eine halbe Treppe höher stehen und sage nur: „So langsam wird man paranoid, oder?“ Da schaut er rauf, grinst und antwortet: „Stimmt. Bescheuert, oder?“ Ich grinse zurück: „Total.“ Er nickt mir zu: „Hoffen wir, dass es bald wieder ´normaler´ wird.“ Mit diesem frommen Wunsch geht dann jeder seiner Wege.
Wem ist das noch nicht aufgefallen? Menschen, die an der äußersten Kante des Bürgersteigs gehen, damit sie nicht in den Dunstkreis eines anderen Spaziergängers geraten? Oder auch beim Einkaufen, wenn man böse Blicke zugeworfen bekommt, weil man sich in der Nähe aufhält – vorzugsweise von meinen geliebten Rentner-Pärchen. Egal, wo: Viele begegnen einem doch mit einem panischen Blick oder übertriebener Abwehrhaltung. Übertrieben meine ich, weil es aussieht, als würden sie Pantomime betreiben. Charly Chaplin hätte es nicht besser gekonnt, wie manche Leute ihre ängstliche Abwehrhaltung in ihrer Gestik deutlich überzeichnen. Ich hoffe so sehr, dass nicht allzu viele Menschen Paranoia bekommen, wenn all das vorbei sein wird. Bis dahin wird ja noch Zeit ins Land ziehen…und mehr Nährboden für Macken bilden. Umso wichtiger, dass ich endlich meine Prüfung ablegen kann. Dann darf ich ja auch erst beruflich tätig werden. Das Feld scheint immer größer zu werden, das es zu bestellen gilt. Klingt hart, ich weiß. Aber ich meine es durchaus ernst: Immer mehr Menschen entwickeln immer mehr Phobien, wobei die Sozialphobien ein fast schon exponentielles Wachstum hinlegen. Und das sage ich, als Mensch mit fettem Mathe-Defizit. Oder wie sagt man heute so schön? „Mit einem Potential für Wachstum im Bereich Mathematik“.

Und so endet mein Tag so unspektakulär, wie er begonnen hat. Ich habe noch keine Nachrichten geschaut, mich noch nicht aufgeregt oder dergleichen. Sonne im Frühling mit Vogelgezwitscher tut schon gut. Ich glaube, morgen wiederhole ich das, wobei ich dann noch verabredet bin. Eine Mitschülerin und ich gehen spazieren. Zum Glück hat sie das in etwa so lange nicht gemacht, wie ich. Wir werden also schleichen und eine kurze Strecke laufen, schätze ich…und Parkbänke zwischendurch konsultieren. Egal, Hauptsache, ich gehe noch mal raus. Das ist echt langsam nicht mehr feierlich, da ich nur noch im Home Office versauere. Auf dem Balkon zu skypen, traue ich mich nicht – zumal ich da auch keine Kopfhörer trage und Angst vor Beileidsbekundungen hätte, sollte die Nachbarschaft das Geschwaller von Heinz & Co. mitanhören. Aber lernen? Das geht auf dem Balkon – auch wenn sich die Feldwespen gerade wieder bei mir heimisch niederlassen. Sie sind allerdings nicht aggro, daher leben wir in trauter Co-Existenz – wie viele menschliche Partnerschaften auch funktionieren. „Isset nich schön?“ „Ja, Schatz, et is nich schön.“

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