Über Nacht habe ich einfach die Balkontür gekippt gelassen, damit ich dem Regen zuhören konnte. Aaaaaah, das ist Musik in meinen Ohren. Ja, ich weiß, ich freue mich auch regelmäßig über die Sonne (nur nicht im Sommer). Doch Regen in der Nacht hat einfach was Mystisches für mich. Das kann ich gar nicht richtig beschreiben. Es ist einfach…berauschend? Ach, was weiß denn ich? Mir gefallen auf jeden Fall das Geräusch und die Gerüche von Regen. So etwas entspannt mich völlig und lullt mich entsprechend schnell in den Schlaf.

Irgendwann telefoniere ich heute mit meiner Sis. Und da staune ich wieder einmal nicht schlecht. Einer meiner zahlreichen Onkel sitzt im Rollstuhl. Seine Frau hatte sich bei meiner Sis gemeldet und darum gebeten, ihr doch bei der Registrierung zur Impfung zu helfen. Mein Onkel habe ihr vor seiner Krankheit immer davon abgeraten, den Computer zu benutzen. Sie könne es ja doch nicht und würde am Ende noch alles kaputt machen. Herrlich! Anerzogene Unfähigkeit. Das kenne ich auch noch von vor 24 Jahren. Damals bin ich mit meinem Freund zusammengezogen. Wir haben uns gemeinsam einen Rechner angeschafft, den ich aber auf keinen Fall benutzen durfte. Immer, wenn was nicht funktionierte, hat er mit mir geschnauzt, dass ich wohl doch heimlich am Rechner gewesen sei. Völlig paranoid! Ich hatte zwischendurch regelrecht Angst, das Internet zu löschen – haha. Wirklich, ich habe erst mit 24 Jahren dann endlich meinen eigenen Computer (gebraucht, natürlich) gehabt. Und zu der Zeit wurden Hausarbeiten und Diplom-/Magisterarbeiten durchaus auch schon auf dem Computer verfasst. Mit etlichen Abstürzen und jeder Menge Sicherheitskopien – ist doch klar.

Jedenfalls ist meine Sis ihr behilflich, obwohl es auch noch einen Sohn gäbe, der mal danach schauen könnte. Aber in dem Fall ist es wirklich in Ordnung. Jetzt erfährt dies eine ältere Tante (die doofe Mistkuh, von der ich schon berichtet habe) und spannt meine Sis auch für sich vor den Karren. Da habe ich ja schon geschimpft und nachgefragt, ob ihr ein paar Latten am Zaun fehlen würden? Nun meldet sich der jüngste Onkel und benötigt ebenfalls Unterstützung. Gut, er ist kinderlos, hat aber täglich berufsbedingt mit Computern zu tun. Doch er ist in der Regel auch hilfsbereit, also kann meine Sis das noch verschmerzen. Und – im Gegensatz zu der doofen Tante – grotzt er auch nicht rum, wie unfair alles sei, sondern bedankt sich ganz lieb.

Doch es dauert nicht sehr lange, da bimmelt erneut das Telefon. Die doofe Kackkuh hat ihre Schwestern und Schwägerinnen allesamt verrückt gemacht, so dass eine weitere Tante anruft. Und sofort geht das Gemeckere los: „Der und der ist auch schon geimpft, dabei ist der zwei Jahre jünger als ich!“ Oder auch: „Der hat angeblich eine Vorerkrankung – davon weiß ich aber nix.“ Komisch, dass die Leute nicht alle ihre Krankenakten an alle verteilen…? Auch der jüngste Bruder ihres Mannes hätte bereits einen Impftermin? Ja, den hat meine Sis ja registriert. Der sei ja aber noch viel jünger als sie?! Da hat meine Sis dann doch gesagt, es wäre jetzt mal gut. Tagtäglich säße er am Schalter und habe Kundenkontakt. Hätte sie den auch? Wäre sie täglich anderen Leuten ausgesetzt? Ach so…ja, nee. Hallo?! Alle sind wie angestochen, weil sie endlich zu ihrem Recht kommen wollen. Da denke ich wieder an den ALDI-Slogan, der meine Sis und mich so triggert: „Das haben wir uns verdient.“ Alle von denen schimpfen sich sozial, aber wenn es drauf ankommt, gilt nur Trumps Gesetz „me first!“. Kann doch nicht wahr sein.

Was ist mit dieser Generation los? Sie wollen unbedingt sofort drankommen und scheren sich Null darum, dass Kinder und Jugendliche noch viel länger warten müssen. Kaum einer von denen arbeitet noch, aber alle müssen vollen Schutz haben, weil es ihnen gefälligst „zusteht“! Ich fasse mir da wirklich an den Kopf. Ich verstehe meine junge Kollegin auch nicht, die unbedingt geimpft werden musste, nur damit sie sorgenfreier nach Dubai fliegen kann – was blöderweise gecancelt werden musste. (Ein Schelm, wer jetzt grinst!) Aber das ist für mich noch lange kein Grund, jetzt Terror zu machen, um auch sofort dran zu kommen.

Die Generation, die uns gepredigt hat, wir müssten immer dankbar und geduldig sein, bloß sozial denken und zu keiner verrohten Ellenbogengesellschaft mutieren, mutieren nun am meisten. Und genau die setzen ihre Ellenbogen vehement ein. Schade…aber doch auch keine Überraschung, weil ich diese Entwicklung schon die letzten Jahre beobachte – also nicht auf Corona zurückzuführen ist. Ich weiß nicht, woher das bei meiner Familie kommt? Meine liebe Omma war das Gegenteil. Sie hätte ihr letztes Hemd geteilt. Dabei hatte sie wirklich genügend Mäuler zu stopfen und sehr wenig Besitz. Aber auch, wenn 13 Kinder, ihr Mann, ihr geistig behinderter Schwager und der Schwiegervater am Tisch saßen – war jemand in Not, war er immer willkommen. Kam jemand per Zufall vorbei, wurde er nie ohne etwas weggeschickt. Wie können daraus in Teilen solche Egoisten hervorgehen? Eine Antwort wäre: Weil sie selbst nie viel hatten. Aber sie haben nie Not gelitten, mussten nie hungern und wussten immer, was sie am nächsten Tag anziehen konnten. Alle haben (mit einer Ausnahme) heute ihre Häuser abbezahlt rumstehen. Ich kapiere es nicht. Und ich finde es beschämend. Wir hätten uns damals etwas anhören müssen, wenn wir so gehandelt hätten. Wie oft habe ich Sätze gehört, wie: „Wenn das mein Kind wäre, dem würde schon beibringen, dass es das und das zu tun hätte…“ Aber es scheint, als sei alles, was sie einst gepredigt haben, Schall und Rauch.

Ob wir auch mal so werden? Ich hoffe nicht. Manchmal rechtfertige ich es damit, dass sie auch nie rausgekommen sind. Sie sind immer in ihrem Dorf geblieben. Aber es gibt andere in demselben Dorf (hallo Fine), die nicht so sind. Und ich glaube, es ist zuletzt immer eine Entscheidung, die man da trifft. Manch einer mag es, anderen alles zu neiden. Mir geht ein Heinz auch auf den Sack, keine Frage. Und die Kohle, die er erhält, ist auch nicht angemessen. Aber ich neide ihm nicht seine Besitztümer (so er denn welche hat) oder wann er geimpft wird. Seine Faulheit kekst mich.

Ich könnte auch manches beklagen, was ich nicht habe…allem voran Kinder. Dafür habe ich auf der anderen Seite aber die Freiheit, zu reisen (gut, gerade nicht so), mich weiterzubilden in Dingen, die mir Spaß machen, zu kommen und zu gehen, wie es mir passt und mich vor niemandem rechtfertigen zu müssen. Ist doch auch ein gutes Leben, oder? Für mich zumindest schon. Und ich glaube, dass genau das es ist, was meine Tanten in erster Linie so bitter hat werden lassen. Sie wollten mehr aus ihrem Leben machen, hätten es auch später noch machen können. Nur wollte keine von ihnen den Preis dafür zahlen. Und deswegen sind sie umso neidischer auf alle, die einfach ihr Leben selbständig leben. Traurig…aber ihre eigene Entscheidung. Es ist nie zu spät, wenn man noch etwas ändern will. Weise Worte weit gespuckt, ich weiß. Aber ich glaube fest daran.

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