Meine liebe Kollegin ist diese Woche im Urlaub. Also so richtig, nicht etwa nur Zuhause. Sie lernt die Familie ihres Freundes kennen. Das ist ja noch was Besonderes, finde ich. Mit 33 Jahren plant man doch noch ein wenig anders als mit 44. Da kann noch Familiengründung und alles Mögliche drin sein. Da ihr Freund Italiener ist, sind sie am Samstag also mit PCR-Test und allem Zipp und Zapp im Flieger gen Rom gestartet. Schon romantisch. Da sie blond und blauäugig ist, kann ich mir lebhaft vorstellen, wie sie sie hofieren werden. Das freut mich sehr für sie, weil die letzten Monate eben auch sehr anstrengend für sie waren. Zwischendurch schreibt sie mir, dass alle sehr herzlich wären und sie schon wahnsinnig viel Essen bekommen hätte. Allein bei der Vorstellung, muss ich schon grinsen. Ich sehe sie inmitten von Pasta, Pizza und Antipasta zufrieden hocken, während alles um sie herum laut gestikulierend diskutiert.

Das einzige Problem dabei: Sie ist diejenige, mit der ich montags parallel zu unserem Team-Meeting appe, damit es für uns beide erträglicher wird. Das geht heute nicht. Ich bin also auf mich allein gestellt. Doch heute hält sich Heinz einigermaßen zurück, wobei er – wie jede Woche – auf die Kapazitätsplanung mit dem Chef referenziert. Jede Woche müssen die sich eine Stunde lang auspalavern über diesen Mist. Da wird doch deutlich, dass „zu viel Arbeit“ nicht sein Problem sein kann. Wenn der eine Spinner weniger sagt, redet ein anderer dafür umso mehr. Das scheint ein weiteres von Murphys Gesetzen zu sein, das nur noch nicht so viel Popularität genießt, wie das mit der kürzeren Kasse, bei der man dann doch länger ansteht. Meine Kollegen schaffen es auf 36 Minuten. Ich habe 90 Prozent nach zwei Sekunden wieder vergessen. Mein Chef redet im Nachgang mit mir, ich könne jederzeit zu ihm kommen, wenn ich Bedarf hätte. Da bezieht er sich auf die Info, die ich zum Abbruch des Projekts letzte Woche gegeben habe. Artig sage ich: „Wenn ich ein Problem habe, das ich nicht lösen kann, dann komme ich schon. Wenn ich es aber allein hinbekomme, dann regel´ ich es eben auch allein.“ Keine Ahnung, ob er nun ein Handbuch gelesen hat: „Wie bleibe ich als Führungskraft nahbar – auch über die Distanz“? Irgendwie so was hatte meine Sis nämlich letzte Woche. Wer weiß? Monatelang ist er geistig und körperlich abwesend, nie greifbar und überhaupt, aber dann soll ich zu ihm laufen? Wozu? Ich mag kein größeres Problem haben, weil ich zu meinem Chef gehe. Er hat nämlich keine Ideen oder Lösungsvorschläge. Und weil die meisten jammern, wie schlimm alles gerade sei, zweifelt er wohl an meiner Devise: „Ich komme schon gut allein zurecht“. Mir bringt es nichts, wenn mir einer das Händchen hält und mit mir ins Horn trötet, wie böse und schlimm die Welt gerade sei.

In meiner Mittagspause fahre ich rasch einkaufen. Das ist mittlerweile die Zeit, die ich als beste auserkoren habe, weil da nicht viel los ist. Drumherum sind keine größeren Firmen, von denen die Mitarbeiter in Scharen losrennen und sich mit einem Yoghurt an der Kasse anstellen können. Und genauso läuft´s dann auch – reibungslos und zackig. Auf dem Hinweg fällt mir mal wieder meine Lieblings-Spezies beim Fahren auf – dicht gefolgt von Rentern am Steuer. Es sind die Hausfräuchen, die vom Wuchs her recht klein, von den Fingernägeln recht lang und vom Auto her recht groß ausgestattet sind. Man sieht auch nicht viel vom Kopf, weil er kaum übers Lenkrad ragt. Woran man sie sofort ausmachen kann? Sie fahren beim Überholen parkender Autos immer so weit über die Mittellinie hinaus, dass man auf der anderen Fahrbahn irgendwann nur noch stehen bleiben kann. Dabei ist der Abstand zu den parkenden Autos genauso breit, wie der Rest, den ich für meine Fahrbahn noch hätte. Wie gerne würde ich die immer rauswinken, einmal mit deren Kopf das Lenkrad begrüßen und dann den gut gemeinten Ratschlag erteilen: „Ist das Auto zu groß, und Du dumme Nuss kannst es nicht fahren, nimm´ Dir eben ein Kleines!!!“ Zur Strafe für meine bösen Gedanken, habe ich auf der Rückfahrt einen Fahrschüler vor mir, bei dem ich wette, es handelt sich um seine erste Fahrstunde. Weil ich weiß, wie aufgeregt er bestimmt sein muss, halte ich ausreichend Abstand und übe mich im Atmen. Soll ja gut gegen Stress und Ungeduld sein – nicht dass Ungeduld ein Thema bei mir wäre. Ich habe sie immerhin mal erfunden.

Wieder zurück am Laptop, ruft mich doch der Projekt-Fuzzi von letzter Woche an. Mittlerweile habe ich mich beruhigt, auch wenn ich nach wie vor denke, dass er alles gegen die Wand fährt. Aber, wie heißt es so schön: „Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen.“ Also jetzt nicht mehr, zumindest. Und er weiß, dass er sich echt doof aufgeführt hat. Vorab hat er mit einem Verteiler aller Projektbeteiligter eine Dankesmail an meine Kollegin und mich verschickt. Auf so ein Geschwaller stehe ich ja so gar nicht, weil es nicht ehrlich gemeint ist. Als der Skype-Anruf losgeht, verdrehe ich noch kurz die Augen. Ich begrüße ihn knapp, wobei er einen auf Smalltalk machen möchte. Geht bei mir nicht, wenn einer so einen Mist gebaut hat. Und wenn ich einsilbig bin, wird´s ein paar Grad kälter. Er müht sich etwas ab, weil er sich noch mal bedanken will. Kann er machen, interessiert mich nur nicht. Ich mag dieses Hintenrum-Gelabere nicht. Und wenn er bemerkt hat, etwas falsch gemacht zu haben, kann er die Dinge gerne ansprechen. Für so ´nen Schmu bin ich jedenfalls nicht zu haben. Und ja, da bin ich dann echt nicht nett. Da halte ich es wieder einmal mit einem Sprichwort: „Nett kann ich auch, bringt aber nix.“ Und zu ihm war ich viel zu lange viel zu nett. Das ist meine Erkenntnis. Es ist wichtig, auf den Kunden einzugehen und flexibel zu sein. Wenn einer aber von Anfang an alles aufweichen und völlig anders machen will, dann kann er das in Zukunft – nur eben ohne mich. Es wird Zeit, mal wieder mehr Kante zu zeigen. Denn sonst ist man nur ein mittelmäßiger Depp vom Dienst. Und das bringt niemanden weiter, oder?

Auch ohne Kollegin, war der Montag also doch ganz erträglich. Nicht mein bester Freund, aber dennoch ok. Ganz allgemein, merke ich auch, wie lustig es doch manchmal ist. Es sind die Kleinigkeiten, wie der kleine Brüll-Hannes, der unten mal wieder nach „Maaariiiiiiiaaaaaaaa“ schreit, die sich immer noch renitent gibt bzw. sich ihm so völlig entzieht. Von der Kleinen kann ich noch was lernen. Einfach mal öfter mal Nervbacken abtropfen lassen…dann klappt´s auch mit dem inneren Gleichgewicht.

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