Was ist heute? Richtig, Muttertag. Ich sag´s nur für alle, die das übersehen haben könnten. In allen Prospekten wurde zwar Reklame gemacht, und auch das Fernsehen weist darauf hin, aber es kann einem ja durchgehen. Und dann würde ein Blitz niedergehen…mindestens.
Ich wäre ja mal dafür, einen Tag ins Leben zu rufen für all jene, die gerne Eltern geworden wären. Da würde ich nicht zwischen Mann und Frau differenzieren, denn so ein unerfüllter Kinderwunsch trifft beide Geschlechter. Ich habe erst lezte Woche mit einer Kollegin gesprochen, die ich zugegebenermaßen immer als sehr komisch empfunden habe. Sie lacht ständig affektiert und schrill. Und auch so wirkt sie im Ganzen ziemlich aufgesetzt. Doch letzte Woche kommt sie einfach mal in mein Büro, als ich ausnahmsweise vor Ort war. Sie wollte mal schauen, wie ich denn so „wohne“. Natürlich kommen wir um das Thema Corona nicht drum herum. Das Impfen derzeit, aber gerade auch das Üben in Verzicht bzw. das dauernde Beschweren darüber, thematisieren wir. Ich sage dann, dass mir eben die Kinder und Jugendlichen so leid täten, die nun auch, was die Impfung betrifft, die Benachteiligten seien. Dabei lasse ich nebenher fallen: „Ich habe zwar leider keine eigenen Kinder, aber sehe ja trotzdem, wie wenig Beachtung gerade diese Gruppe findet.“ Und da gesteht meine Kollegin: „Wir wollten auch Kinder. Wir haben alles versucht, Hormontherapie, Kinderwunschklinik usw., aber es sollte nicht sein.“ Ich sehe ihr an, dass es immer noch ein schmerzhaftes Thema für sie ist. Ich verweise auf meine Neffen und sage, mich zumindest da ein bisschen austoben zu können – auch wenn das nicht vergleichbar zu eigenen Kindern sei. Wir müssten uns dann Gottseidank auch nicht so benehmen, wie andere, die Vorbilder sein müssten. Sie nickt, aber ergänzt: „Wir haben neun Nichten und Neffen, mit denen wir immer viel gemacht haben. Aber es war hart, als alle um uns herum Kinder bekommen haben, nur wir nicht konnten. Und jetzt ist es wieder hart, weil alle um uns herum Großeltern werden.“ Jetzt verstehe ich ihre bisweilen schrullige Art etwas besser. Es ist ihre Verletzlichkeit, die sie damit wohl kaschiert. Jeder hat da so seine eigene Art im Umgang.

Was ich damit nicht sagen will: Lasst uns den Muttertag abschaffen! Mütter sollen ihren Tag haben, an denen ihnen gedankt wird. Das hätten manche Mütter auch an mehr als einem Tag im Jahr verdient. Nur gibt es auch noch die, die gerne Muttertag feiern würden, es wurde ihnen aber nie ermöglicht. Oder die Väter, die zwar Kinder haben, die ihnen aber vorenthalten werden. Auch so eine Tatsache, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich weiß, dass es da auch genügend Blödsäcke gibt, die sich nicht kümmern. Aber es gibt etliche, die sich gerne kümmern würden, aber keine Gelegenheit dazu bekommen haben.

Warum mir das heute so durch den Kopf geistert? Ich rufe meine Mom an, die sich zunächst auch freut. Aber es kommt dann auch zügig das Thema, dass eine Cousine, die Lehrerin ist, bereits geimpft sei. Ihre Schwester, ein paar Jahre älter, bislang noch nicht, obwohl sie Kinder hätte! Und jetzt? Da kommt nämlich die Wertung hinzu, die verletzt. Ist eine Frau mehr wert, nur weil sie Kinder in die Welt gesetzt hat? Willkommen bei Adolf, als Frauen auch nichts Besseres als preisgekrönte Gebärmaschinen waren. Ich mag dieses Bewerten nicht, dass etwas immer besser oder schlechter sein muss. Wieso kann es nicht gleichwertig sein? Jeder ist einfach mal gut so, wie er ist – ob mit oder ohne Kinder. Aber meine Mom ist gerade in Fahrt und ergänzt dann auch noch, sie sei ja zweifach geimpft und könne nun shoppen gehen. Etwas, das sie schon seit vielen Jahren nicht mehr macht, aber hier geht´s nur ums Prinzip. Jetzt sei das ja wohl „unverschämt“, dass sie ohne Test shoppen gehen könne, die Person, die sie allerdings im Rollstuhl schieben müsste, diesen Test noch machen müsste. Äääääh… Ich weiß, ich soll mich in Nachsicht üben, aber das gelingt mir bei so was nicht sonderlich gut. Entsprechend mache ich darauf aufmerksam, wieviele Jugendliche sich weiterhin in Verzicht üben müssten, damit sie heiter rumgrotzen könnte. Hätten die Jungen nämlich vehement ihren Aufstand geprobt, wären sie vielleicht mal priorisiert worden und hätten die Alten in die Röhre gucken lassen. Es hieß dauernd: „Wir müssen die Schwächsten als Erstes schützen.“ Nur so langsam verspielen sie ihre Rechte, wenn sie nur meckern, ihre Ansprüche stellen und ums Prinzip diskutieren wollen, weil sie es ja verdient hätten. So was ärgert mich immer wieder.
Und natürlich darf zum Schluss der Vorwurf auch nicht fehlen, sie würde doch wohl schwer hoffen, ich würde mal wieder nach Hause kommen. Dabei tu´ ich das nun drei Jahre nicht mehr. Mein Vater durfte sein Leben lang alle um sich herum verbal treten und verletzen, wofür wir uns noch bedanken sollten. Dieses Thema haben wir in den letzten Jahren bis zum Erbrechen rauf- und runterdiskutiert. Schuppenflechte und kreisrunder Haarausfall haben mir gereicht, das für mich zu beenden. Doch ich bekomme wieder einmal zu hören: „Du hast es als Einzige in der Hand.“ Klar. Habe ich immer…hatte ich immer. Meine Mom ist nicht böse. Sie war ein Leben lang eine Dienerin, die immer gekuscht hat – vor meinem Vater und auch dessen Familie. Wüsste ich es nicht besser, würde ich behaupten, wir kämen aus einem anatolischen Bergdorf. Und nein, das ist nicht rassistisch. Die Rollenverteilung da ist nun mal eine andere. Meine Mom hat sich immer angepasst und uns dazu nötigen wollen, das auch zu tun. Mündchen halten, Köpfchen senken. Immer dieser Spruch: „Kind, mach´ ´ne Faust in der Tasche.“ Warum? Ich bin mittlerweile alt genug, diese Entscheidungen selbst zu fällen. Auch wenn mich das zu einer nahezu Aussätzigen macht…

Ich bin meiner Mom für einiges dankbar, das steht außer Frage. Das heißt allerdings nicht, mich moralisch immer weiter erpressen lassen zu müssen. Diese Erziehungsmethode hat sie nun mal selbst erlebt und so weitergegeben. Sie darf leben, wie sie es möchte. Nichts anderes wünsche ich mir für mich: So zu leben, wie ich das möchte.
Dazu fällt mir mein überraschendes Telefonat von gestern Abend wieder ein: Mein „kleinster“ Cousin hat mich angerufen, um mir mitzuteilen, er wohne nun in Heidelberg. Mit seiner Freundin sei er nicht mehr zusammen. Seine Mutter hat ihm wohl noch mitgegeben, dass er nun aber mal langsam die Richtige finden müsse, er sei ja immerhin schon 30 Jahre alt. Mit welchem Recht nehmen sich manche Eltern solche Aussagen heraus? Es gibt mehr als das Modell Vater-Mutter-Kind(er). Es gibt die Wandervögel und solche, die gerne in der Heimat bleiben. Es gibt die Entdecker und Neugierigen – und dann eben auch die Bodenständigen und Bewahrer. Es gibt noch vieles mehr, aber genau das macht es doch so spannend. Der „Kleine“ zieht nun in eine 7er-WG. Krass. Das käme für mich nicht infrage, was ich schade finde. Aber da sträubt sich alles in mir. Und bei den Mitbewohnern handelt es sich nicht um Studenten, sondern um Berufstätige unterschiedlichster Coleur. Das fasziniert mich ungemein. Und ich kann mich für ihn freuen, ohne ihn von meiner Sichtweise überzeugen zu wollen/müssen.
Das wünschte ich mir von unserer Familie. Nur hat die Generation unserer Eltern leider nicht gerade mit ihrer Toleranz für Furore gesorgt. Es gab immer nur ihre Sicht oder eben die falsche. Schade. So sehen sie nie die vielen, wunderbaren anderen Dinge im Leben, die abseits der ausgetrampelten Wege lauern. Ich hätte es ihnen gewünscht, akzeptiere aber, dass sie es nicht wollen. Immerhin sind wir ein paar „schwarze Schafe“ in der Generation danach. Das macht mich schon stolz, denn das ist bei einer derart dominanten Familie keine kleine Leistung.
Jetzt genieße ich wieder meinen Cappuccino bei warmer Außentemperatur und bin dankbar, mein Leben immer mehr nach meinen Werten und Maßstäben zu leben.
Nichtsdestotrotz: Ein Hoch auf die Mütter! Ich gönne ihnen ihre Anerkennung von Herzen.

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