Es regnet heute so ziemlich in einer Tour. Und mir gefällt´s. Bei meinem ersten Workshop beschwert sich eine Teilnehmerin über das Wetter. Wenn ich arbeite, ist mir das Wetter schnurzpiepe, aber wohl nicht allen, wie es scheint. Ich freu´ mich über die fortgespülten Pollen, was mir mein Leben doch ungemein erleichtert. Als ich das erwähne, sagt sie: „Ist auch was dran.“ So ist es doch meist: Es gibt auch irgendwas Gutes, das sich aus vielem ziehen lässt. Alles nur eine Frage der Betrachtung. Das gelingt mir auch oft genug nicht. Doch Regenwetter kann mich nicht wirklich erschüttern.

Was mich wiederum erschüttern kann, ist die Tatsache, nur den Richtigen fragen zu müssen. Da unser Chef ja immer wieder das Spiel spielt: „I woaß von nix und a do dovon net vuil“, haben meine Kollegin und ich beschlossen, direkt an den Chefchef heranzutreten. Ihm ist das Thema Agilität sehr wichtig, weshalb er meine liebe Kollegin und mich auch gerne in dem Bereich einsetzen will. Den ersten Schritt diesbezüglich habe ich ja auch letztes Jahr schon gemacht. Nun zieht meine Kollegin nach. Da wir aber bald einen Wechsel an der Führungsspitze haben werden und leider auch schon wissen, wer uns da heimsuchen wird, haben wir beschlossen, die nächste, bereits geplante Fortbildung festzuzurren. Denn der Neue ist ein alter Bekannter, der ganz vieles zwar ganz wichtig findet und mit den kühnsten Begriffen nur so um sich schmeißt, doch er will sich nicht tiefer damit beschäftigen. Und ebenso will er auch nicht, dass wir das tun. Qualifizierungen sind also eher so überflüssig, wie eine dritte Schulter. Denn im Grunde beherrscht er nur das Metier des Anscheißens. Auf der Suche nach Schuldigen, hetzt er Ausgesuchte durch den Ring, bis sie das Schiff freiwillig verlassen oder eben krank werden. Toll, wenn man so was Führung nennen darf, oder? Und es ist allen bewusst, dass er so vorgeht. Aber da er ein Spezl eines Vorstandschefs ist, kann keiner was unternehmen. Es ist, als gäbe es das Prinzip des Sheriffs von Nottingham immer noch. Manche Menschen sind nun einmal Sadisten und erfreuen sich daran.
Um jetzt diesem Herrn ein Schrittchen voraus zu sein (nein, wir sind nicht Lady Marian in diesem Vergleich…auch nicht Robin Hood, sondern einer der anderen), planen wir voraus. Das bedeutet, wir suchen uns die Fortbildung raus, lassen sie auch bezahlen und verkaufen das ganze unter dem „Early Bird“-Aspekt. Denn der früher Vogel kriegt zehn Prozent Nachlass. Wenn die ganze Chose erstmal in Papier und Tüten, also bezahlt und demnach verbindlich ist, kann keiner mehr Felsbrocken oder auch nur Steinchen in den Weg schmeißen. Gar nicht so dumm, wie wir aussehen. Wenn wir diesen Weg über unseren wahnsinnig gewieften, kompetenten Chef abwickeln würden, käme ein: „Uuuuh…boah…na, des geht bestimmt net.“ Also laden wir unseren Chefchef zur kurzen Rücksprache ein und legen die Karten offen auf den Tisch. Nach vier Minuten haben wir seine Zustimmung und können buchen.
Im Grunde geht das gar nicht. Es war noch nie mein Stil, Menschen zu übergehen. Nur sieht man an diesem Beispiel, wie man sich viel Zeit und Enttäuschung sparen kann, wenn man manchmal anders vorgeht. Meine Kollegin sagt später, als wir allein sind: „Ich mach´ nur noch alles über unseren Chefchef und lass´ unseren direkten Chef außen vor. Dann geht´s auch vorwärts.“ Verstehe ich. Nur wird mein Chefchef uns nicht mehr lange erhalten bleiben, weil eben die Führungsspitze wechselt. Da drucksen alle etwas um die Wahrheit herum. Mein Chefchef sagt zunächst auch: „Könnt Ihr machen, da habt Ihr meine Unterstützung. Aber ich glaube nicht, dass man so schwarz sehen muss. Solange ich Euer Abteilungsleiter bleibe, bestimme auch ich über die Notwendigkeit der Qualifizierungsmaßnahmen.“ Wie gut, dass ich nie das Maul halten kann: „Dann mal Butter bei die Fische: Wie lange bist Du noch unser Abteilungsleiter?“ Ich sage ja: Politiker kann ich niemals werden, weil ich die Dinge einfach beim Namen nenne. Da muss er dann doch ertappt lachen und sagt: „Ich weiß es echt nicht. Aber Du hast recht. Ab Juli ist alles drin.“ Wir reden von Juli 2021, also nicht von der fernen Zukunft.
So können meine Kollegin und ich auch postwendend buchen und hoffen nun auf das Beste. Es gibt immer noch einen Hinkefuß: Sollten nicht genügend Teilnehmer für den Oktoberkurs zusammenkommen, kippt unser Gerüst komplett. Also: Daumen drücken!

Dazu regnet es munter weiter, was dem Vögelchen auf meinem Balkon wohl nicht so gut gefällt. Ich google es, weil meine Nachmittagsveranstaltung mit dem vorhin erwähnten Sadisten einfach öde, blöde, saulangweilig ist. Wer allerdings was sagt, wird als Erstes getötet. Da ist Vögel-Googlen doch eine gesündere Alternative. Und es handelt sich um einen….TROMMELWIRBEL: Hausrotschwanz. Ich oute mich: Habe ich noch nie gehört. Ich kenne die Standards, wie Amsel, Spatz (Mösch), Schwalbe, Meise und dergleichen. Aber dieses kleine, putzige Etwas mit rotem Federschwanz, kannte ich bislang nicht vom Namen her. Und als wüsste der Piepmatz, wie ätzend die Veranstaltung ist, fängt er – auf dem Balkongeländer kauernd – mit einem Popotanz an. Ich bin mir sicher, dass es Twerking ist, was der Kleine da probiert. All die Beyoncés und JLos dieser Welt haben den Vogel inspiriert. Da denke ich an meinen Hula Hoop Reifen, den ich letzte Woche noch mal ausprobiert habe. Sollte ich öfters machen. Dann hat der Vogel auch was zu glotzen und vor allem zu lachen. Gleiches Recht für alle, oder?
Jetzt muss ich ins Online-Seminar mit dem Schwerpunktthema „Suizidalität“. Na, wenn das meine Stimmung nicht aufheitert, dann weiß ich es auch nicht. Ach, ich lasse einfach das Vögelchen in meinem Geist weiter twerken und summe dazu die Zeile von OutKast: „Shake it, shake, shake, shake it like a Polaroid picture“. Jo, so sollte ich die zwei Stunden gut überstehen.

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