Heute starte ich mit weniger Elan. Ist auch nicht schlimm. Die Fenster schaffe ich dann noch, zu putzen. Auch wenn ich mich vorher noch rausgeredet habe mit den Worten: „Wenn die ganz sauber und klar sind, sehen noch weniger Vögelchen diese Scheiben. Und dann? Ist es Vorsatz meinerseits. Also besser, wenn die Fenster dreckig bleiben.“ Doch auch ich weiß, wie lahm diese Ausrede ist. Also putze ich sie. Das ist der Vorteil einer kleinen Wohnung: Es gibt auch nicht so viele Fenster, wie ein ganzes Haus sie normalerweise hat. Positives Denken, hm?

Am Nachmittag hocke ich mich auf den Balkon. Das Wetter ist ganz nett, daher kann ich auch draußen lesen. Gut, der kleine Brüllhannes ist auch wieder draußen. Doch irgendwann reicht es ihm. Wenn ich so runterluge, muss ich feststellen: Die Mädels sind eindeutig in der Mehrheit. Der Kleine, der gerne Ronaldo wäre, geht mit seinem Kumpel den Weg entlang, als sie auf die Mädels treffen. Ich weiß zunächst nicht, was den kleinen Kerl so erschüttert, aber er brüllt seinen Kumpel an: „Hast Du die es gesagt?!“ Ach, herrlich. Sein Kumpel zögert noch, aber er fragt erneut: „Hast Du? Hast Du DIE ES gesagt?!“ Ich versuche, nicht zu lachen. Das Mädel, also DIE, versucht noch zu retten, was zu retten ist: „Ich weiß kein Geheimnis.“ Doch der kleine Brüllhannes durchschaut das Spiel und weiß es besser: „Du hast mich ausgelacht! Du weißt es!“ Was auch immer „es“ ist, scheint brisant zu sein. Der Kumpel knickt ein und sagt dramaturgisch gewichtig: „Es tut mir leid, aber es ging einfach nicht anders.“ Oh, ich denke immer, es gäbe nur Dramen im Erwachsenenleben, doch das ist sooo weit gefehlt. Der Angeschmierte lässt seinen Freund stehen: „Ich mag nicht mehr mit Dir befreundet sein“ und zieht von dannen.
Ach Jungs, es gilt immer und überall: Bruder vor Luder! Es sind meist Mädels, über die sich Jungs in die Haare bekommen. Ich dachte, in jungen Jahren sei das noch anders, doch es scheint sich hier genauso zu verhalten. Aber wie lange Ronaldo das durchhält, wird sich zeigen. Ich genieße derweil das ausbleibende Gebrüll, auch wenn der Kleine mir natürlich schon leidtut. Das ist es auch, was Kindern am meisten durch den Lockdown gefehlt hat: Die Auseinandersetzung mit den Freunden. Da haben sie ganz schön was nachzuholen. Ich bin gespannt, wann er wieder brüllt.

Damit der Tag ein wirklich wichtiger und toller werden kann, muss Köln das Unmögliche wahr machen und in Kiel gewinnen. Ich rede natürlich von Fußball. Daran hängt ganz viel…also das Seelenheil meines Schwagers beispielsweise. Und als rheinisches Mädel muss ich natürlich auch die Daumen drücken, damit nach Möglichkeit viele rheinische Mannschaften erstklassig bleiben. Ja gut, so wirklich glaubt keiner daran, dass sie das vermasselte Hinspiel im Rückspiel noch mal drehen können, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und so rufe ich zwischendurch mal den Live-Ticker auf und bin völlig perplex, dass die Kölner drei Tore geschossen haben – Holstein Kiel hingegen nur eins. Es wird ein Krimi, da die Kölner zwar gut feiern können, im Siege Einfahren aber eher mäßig sind – selbst wenn sie im Vorteil sind. Und dieses Spiel findet in Kiel mit Fans statt, also nicht auf geweihter, rheinischer Erde! Ich schreibe meinem Schwager, mit ihm einen Hochmoorgeist zu trinken (schlappe 56 %), sollten die Kölner dieses Ergebnis bis zum Ende retten können. Doch das schaffen sie nicht, sondern erweitern ihren Vorsprung auf ein 1:5. Hammer. Also rufe ich brav meinen Schwager an, der wohl sichtlich angespannt war, und trinke nun mit ihm einen Hochmoorgeist, nach dem es mich immer schüttelt. Doch was sein muss, muss sein. Die Jungs haben alles gegeben, dann können wir das auch. Das Zeug brennt sich langsam Richtung Magen und beschert mir einen Schluckauf. Trotzdem bin ich selig. Dabei ist mir Fußball nahezu egal. Aber rheinisches Mitleiden ist einfach ein Muss. Ein Hoch aufs Rheinland!!!

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