Was für ein Tag. Manchmal ergeben Dinge im Nachhinein dann doch einen Sinn. Ich bin froh, dass heute der letzte Tag der Woche ist. Gestern habe ich über zehn Stunden in der Arbeit gehockt. Da darf jetzt auch mal das Wochenende beginnen. Und dieses schwüle, drückende Wetter tut sein Übriges dazu, dass ich platt bin. Daher bin ich froh, wenn ich den heutigen Tag hinter mir habe.
Und so beginne ich mit meiner ersten Veranstaltung – nach diversen Skype-Telefonaten. Es läuft alles hübsch, wie geplant, was mich ruhiger werden lässt. Seit gestern schwirren so ein paar Dinge durch meinen Kopf. Da kann ein bisschen Ruhe nicht schaden. Nach dem Meeting ist vor dem nächsten Meeting, und ich will mir eigentlich kurz was zu schnabulieren machen. Doch da ruft mich ein direkter Kollege an. Ausgerechnet der, den ich wirklich gar nicht schätze, weil er immer und überall Feuerchen legt. Aber gut, ich schaue mal, was er denn so will.
Er kommt ganz harmlos ums Eck, wie ich das mit der Fahrerei nach Straubing gemacht hätte? Hä? Das kommt mir ein wenig spanisch vor, aber ok, gehe ich mal drauf ein und erkläre ihm – seit zwei Jahrezehnten in der Firma – den Ablauf mit dem Fahrzeugpool im Haus bzw. dem Vorgang des Auto Mietens. Er plaudert drauflos, was er in Straubing vorhabe, doch ich warte auf die Pointe. Als ich schon nicht mehr damit rechne, fragt er mich, was ich zu Heinz sage? Jetzt kommen wir der Sache näher. Heinz, Ihr wisst schon…DER Heinz. Was soll ich über ihn wissen? Er ist gerade in Urlaub, soweit ich weiß. Da lacht mein Kollege leicht und sagt: „Joa, so könnte man das auch nennen.“ Nun hat er mich neugierig gemacht, leider. Das ist so seine Masche. Heinz war gestern das erste Mal seit sieben oder acht Monaten in der Firma. Das hat mich schon gewundert, aber ich habe es der Vorstellung der neuen Chef-Chefin in unserer Austauschrunde zugeschoben. An der hat er allerdings dann nicht teilgenommen, was ich jedoch nur am Rande registriert habe. Jetzt erfahre ich, dass er ein Personalgespräch hatte. Direkt im Anschluss wurden alle Tage auf „abwesend“ bei ihm im Kalender gesetzt. Interessant. Mir wäre das nicht aufgefallen, weil ich da nicht nachschaue. Bei dem Personalgespräch war nicht nur der Chef-Chef dabei, sondern unser Chef nicht anwesend, dafür dann aber die Personalabteilung und eine externe Beratungsfirma, die für die „zur Verfügung Stellung auf dem Arbeitsmarkt“ verantwortlich zeichnet. Bums, da falle ich gerade mal vom Stängelchen. Wie ich jetzt vom Kollegen erfahre, war er nicht vorgewarnt und hat mit so was mal gar nicht gerechnet. Ob er nun ein Angebot erhalten hat und sich noch entscheiden darf, wissen wir nicht. Ob er (wieder) etwas angestellt hat, wissen wir auch nicht. Was wir jedoch wissen, ist: Eigentlich sollten keine Stellen mehr abgebaut werden. Der Prozess war abgeschlossen. Puh!
In der Sache ist es durchaus angebracht, jemanden wie ihn nicht im Unternehmen tolerieren zu können. Doch da sind seit 15 Jahren Dinge grundlegend schiefgelaufen. Was ich hingegen bemängele – bei allem Frust über ihn – ist die Tatsache, wie das nun passiert. Ohne Vorwarnung statuiert man hier ein Exempel. Im Grunde ein echtes No-Go. Und – wenn wir ganz ehrlich sind – ist das auch ein Armutszeugnis für die Führung. Man hätte dieses Vorgehen schon vor vielen, vielen Jahren im Keim ersticken müssen. Dann muss so jemand eng geführt werden. Doch so was jahrelang laufen zu lassen und dann aus heiterem Himmel (so schaut es für uns derzeit jedenfalls noch aus) zu agieren, hinterlässt ein Geschmäckle. Allerdings zeigt es mir, warum mein Chef seinen Urlaub gecancelt hat. Immerhin stehen alle Termine noch im Kalender von Heinz, die ja nun irgendwer übernehmen muss. Ich bin gespannt, was da noch kommen wird…
Die ganze Umstrukturierung läuft ebenfalls in eigenartigen Bahnen. Mein Chef-Chef wird ja versetzt – so, wie einige andere auch. Ihm hatte man aber nur eine Woche zuvor gesagt, dass er diesen Bereich fest zugesichert bekäme. Nur um dann zu erfahren, man bräuchte ihn eigentlich gar nicht mehr im Unternehmen. Und ein paar Tage später die Info: „Och, kannst doch bleiben, nimmste eben diese Stelle.“ Jetzt verstehe ich den Frust auch eher. Trotzdem bleibt unterm Strich ein verdammt dickes Gehalt, was auch manches rechtfertigt. Auf der anderen Seite kann ich mir meine Mitarbeiter so auch munter sauerfahren und muss mich nicht wundern, wenn sie zu „Low Performern“ mutieren. Gott, wie ich dieses Wort hasse!!! Aber davon reden Konzerne ja gerne.

Nun ist der Arbeitstag Gottseidank rum und hinterlässt mich mit ein paar Fragezeichen, die sich aber bestimmt mit der Zeit auch in Wohlgefallen auflösen werden. Ich packe meinen Müll zusammen und bringe ihn nach draußen, wo mir ein einsamer, kleiner Junge über den Weg läuft und mich mustert. Es ist nicht der Brüllhannes. Da bin ich aber froh. Ich frage ihn, ob ihm sehr langweilig sei? „Nö, gerade nicht. Ich geh´ jetzt zu ´nem Freund spielen. Aber sonst ist mir schon voll langweilig.“ Aha. Er begleitet mich ein paar Meter, also quatsche ich einfach weiter mit ihm und frage, ob er zur Schule gehe? Prompt kommt die Antwort: „Ja klar, aber das ist voll doof!“ Ich grinse: „Wieso finden alle Jungen eigentlich Schule so doof?“ Er holt Luft: „Weil ich da sechs Stunden und so sein muss.“ Was auch immer „und so“ ist. Ich grinse noch breiter, weil ich gerade an meine Arbeit denke: „Och, weißt Du, ich geh´ zwar nicht mehr zur Schule, aber dafür arbeiten. Und da ist es auch manchmal ganz schön doof. Da bin ich auch mindestens sechs Stunden, normalerweise aber länger.“ In völliger Kindermanier, wie es in der SodaStream-Werbung gezeigt wird, kommt postwendend: „Mein Papa arbeitet die ganze Nacht!“ Ob ich jetzt wohl fragen soll, ob sein Vater Prostituierter sei? Dann haben sie ein gutes Diskussionsthema am Abendbrottisch. Doch ich beherrsche mich, wie sich das gehört, und denke: Wir haben wohl alle unsere Verpflichtungen, die uns mal mehr, mal weniger Spaß machen – sei es in der Schule oder bei der Arbeit.

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