Was für eine krasse Zeit! Die Flutkatastrophe in meiner alten Heimat ist für mich so unwirklich. Ich sitze ja auch weit genug davon entfernt. Die Bilder zeigen in Teilen mir vertraute Orte. Und wenn ich den Dialekt in manchen Interviews höre, dann erinnert sich mein Herz. Was für ein Wahnsinn.
Früher habe ich oft gesagt, wie langweilig ich unsere Gegend finde. Es fehlt Aachen beispielsweise an Flair durchs Wasser, wie Düsseldorf oder Köln es vorweisen können. Alles war mir immer zu verschlafen, zu öde. Meine Mom hat dann gerne gegengehalten, dass wir dafür in einem katastrophenarmen Gebiet lägen. Bis vor Kurzem habe ich das geglaubt. Jetzt nicht mehr.
Meinen Lieben geht es gut, worum ich froh bin. Wenn ich allerdings manches mitbekomme, was „nebenher“ so abgeht, dann kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln. Mein Schwager ist gebeutelt, arbeitet er doch im Ordnungsamt. Und ja, ich schimpfe häufig und ausgiebig über manche Beamten. Doch bei ihm weiß ich, wie herausfordernd die Zeit seit Corona war. Welcher Bürger ruft schon in Berlin an, um sich zu beschweren? Oder auf Landesebene bei Laschet? Und irgendwie brauchen manche Menschen ja ihre Ventile, wo sie ihren Dampf ablassen können. Ich hatte ihm von Herzen gegönnt, dass er jetzt etwas mehr zur Ruhe kommen kann, wo es ja etwas ruhiger um die Pandemie geworden ist. Doch nein. Jetzt kommt diese Katastrophe. Und mit ihr so viele Schicksale. Es werden immer noch so viele Menschen vermisst. Andere stehen vor dem absoluten Nichts. Schnell ist man dabei zu sagen: „Ich kann es mir vorstellen“, doch ist das sooooo meilenweit entfernt von meiner Realität. Ich kann es mir nicht mal in Ansätzen vorstellen, wie sich das anfühlen muss, alles zu verlieren…
Und mittendrin? Da gibt es Gaffer und solche, die meinen, sie müssten ihr Mütchen immer noch irgendwie an anderen kühlen. Ein Mensch hat beispielsweise auf Facebook angeprangert, ob das denn ernsthaft nötig sei, jetzt noch Knöllchen zu verteilen? Da sollten die Herrschaften vom Amt doch lieber den Kehrer und die Schaufel in die Hand nehmen und mithelfen. Es wurde natürlich kein Knöllchen geschrieben. Sie packen überall mit an. Eine Knöllchen-Dame hockt seit zwei Nächten in einer Notunterkunft, weil sie ihre Wohnung räumen musste. Bei dieser Falschaussage konnte sie nur noch weinen. Ist das wirklich nötig? Braucht es das jetzt? Leider bin ich nicht bei Facebook, sonst würde ich mal fragen, wie dieses Arschloch denn bei all der Hilfe, die er ja gerade leiste, noch die Zeit zum Posten aufbringen könne? Worte verletzen tief. Es wäre schön, wenn diese Menschen einmal für ihre Unwahrheiten zur Rechenschaft gezogen würden, wenn sie schon wahllos Leute verbal anschießen.
Oder eine Dame, die meinte, drei Mal bei der Notrufzentrale anrufen zu müssen, weil sie durch das gestiegene Wasser nun eine Rattenplage habe. Wer das denn zahlen müsse? Und wieso sich jetzt keiner sofort kümmern würde? Es gibt Menschen, die ihr Leben gelassen haben…andere, die vermisst werden, wieder andere, die alles verloren haben. Und diese Frau belegt eine Leitung wegen Ratten? Da pack´ ich mir ans Hirn. Sehr sozial und solidarisch.
Doch das ist eben die Kehrseite: Es gibt sogar sehr große Solidarität, wie sich gerade wieder zeigt. Menschen, die bis zur völligen Erschöpfung ackern, um zu helfen. Andere, die spenden, was sie erübrigen können. Oder solche, die andere versorgen, die helfen – sei es mit Essen oder Heißgetränken. Menschen, die ihre Couch zur Verfügung stellen. Das rührt mich hingegen umso mehr. Ich will irgendwie glauben, dass dies die Menschen sind, die in der Mehrheit sind.
Ich wünsche mir, dass die Politiker jetzt nicht weiter ihren Wahlkampf befeuern, sondern endlich mal ihr Herz sprechen lassen. Ich hoffe, dass sich auch die Helfer nicht übernehmen bei ihrer Hilfe – denn Leichen bergen zu müssen, kann schrecklich traumatisch sein. Und ich baue darauf, dass viel mehr überlebt haben von denen, die gerade noch vermisst gelten, als Spezialisten mutmaßen. Und ich hoffe, es geht Euch allen da draußen auch gut…

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